Cherie Jones: „Wie die einarmige Schwester das Haus fegt“

Wie aus weiter Ferne lockt dieser Roman uns in ein Paradies, das nur aus der Distanz ein Traumland zu sein scheint. Der Blick geht tief und gleich Schlägen prasselt der Inhalt und die Sprache auf den Lesenden ein. Die schöne Kulisse von Barbados wird Schauplatz für einen Choral aus Gewalt. Gewalt vordergründig ausgeübt an Frauen über Jahrzehnte hinweg. In einem kleinen Küstenort treffen reiche Menschen, die Villen am Strand besitzen, und Reisende auf Menschen, die schon lange in Armut leben. Somit ist der Ort nur für die Vermögenden und Touristen ein Traumziel. Für die einen somit ein Paradies und für die Anderen ein Fleck Erde, in dem sich ihre Not entfaltet und auf den eingeführten Reichtum trifft. Es kommt somit zu Konfrontationen, die zu Katastrophen führen. Die Handlung spielt hauptsächlich an einem Strandabschnitt von Baxter´s Beach und erzählt die Geschichte von Lala. Durch verschiedene Perspektiven und Sprünge in die Vergangenheit werden die Tragweite der Geschehnisse für die agierenden Charaktere und der Ursprung der Gewalt verdeutlicht. Ein Roman, der uns durch seinen kriminellen Spannungsbogen fesselt und durch die Dichte und Nähe zu den Figuren aufzurütteln versteht.

Das großartige und erbarmungslose Werk stand auf der Shortlist Women´s Prize for Fiction und hat den Deutschen Krimipreis gewonnen. Übersetzt wurde der Roman aus dem Englischen von Karen Gerwig. Durch die Handlung und die distanzierte, aber enge Sprache baut sich eine Stimmung auf, der sich der Lesende wohl kaum entziehen kann. Die Geschichte, die dem Werk den Titel gibt, basiert auf einer Warnung der Eltern an die Kinder. Wer sich seiner Neugier hingibt und sich der Unterwelt nähert, kann in diese gerissen und verschlungen werden. Ungehorsam gegenüber den Eltern und den Ehemännern kann ins Verderben führen, so die bildreiche Warnung an die Kinder. Doch für Lala klingt dies verlockend und birgt einen Hauch von Freiheit. Später haben sich die Befürchtungen der Großmutter und Mutter bewahrheitet. Lala taumelt und lebt im Abgrund und ihr Mann buhlt mit dem Verbrechen.

Adan ist ein Krimineller, der in einem Umfeld agiert, in dem Einbruch, Drogenhandel und Prostitution auf der Tagesordnung stehen. Er gerät in einen Strudel, als ein Einbruch in einer Strandvilla aus dem Ruder läuft und er dabei jemanden ermordet. Gerade in der Nacht, in der seine Frau Lala ein Kind blutig zur Welt bringt. Er ist kein sorgender Ehmann, sondern neigt auch in der Ehe zu Wutausbrüchen. Ein späterer und sinnloser Streit führt auch zum tragischen Tod des gemeinsamen Babys. Dies ist der Auftakt des Romans, in dem im Mittelpunkt Lala steht, die durch die Ereignisse hofft, dem Kreislauf zu entkommen. Aber ihre fast noch kindliche Art und die Ehe mit Adan binden sie an die Armut und die Gewalt. Wie die weiblichen Generationen vor ihr.

Ein ergreifender Roman, der uns hinter die vermeintliche Schönheit eines Paradieses blicken lässt. Das Werk ist eindringlich und authentisch geschrieben und entfaltet eine enorme emotionale Wirkung beim Lesen. Liebe, Verbrechen und Klassenunterschiede treffen hier sehr explosiv und literarisch aufeinander.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Cherie Jones: „Wie die einarmige Schwester das Haus fegt“

  1. Danke Hauke, das Buch werde ich mir besorgen. Eine sehr berührende Rezension. Alles Liebe

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