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Hala Alyan: „Häuser aus Sand“

Hala Alyan Häuser aus Sand DuMont

Ein Roman, der von dem Verlust der Heimat, der Sehnsucht nach dem Vergangenen und dem Ankommen erzählt. Das, was im Text ewigen Bestand hat, ist die Tatsache, dass nichts und kein Ort von Dauer sind. Es gibt zwei Szenen im Roman, die sich sehr ähneln. In der ersten fährt Alia an den Strand und geht so weit ins Meer, bis ihr das Wasser bis zu den Waden reicht. Ringsum sie wogt der Ozean und unter ihren Füßen wird der Sand verschoben, als sie eine größere Welle taumeln lässt. Jahre später ist es Alias Tochter, Riham, die sich beim Schwimmen im Meer zu weit hinaus wagt und von einem Sog erfasst wird und fast die Küste nicht mehr erreicht. Diese Symbolik ist für den Inhalt prägend. Die Suche nach Halt in einer sich ständig verändernden Welt. Der Roman hat selbst diese enorme Sogkraft und umspannt die Geschichte einer Familie von 1963 bis 2014. Diese Familie steht für viele Menschen Pate, die ihre Heimat verlassen mussten. Millionen von Menschen sind Vertriebene, Flüchtlinge und stammen meist aus Kriegsgebieten, wo jetzt die Orte und Landschaften durch Zerstörung nicht mehr so sind wie vorher. Dieses Aufgeben und das Zurücklassen des bisher gelebten Lebens kann sich traumatisierend auswirken. Leider müssen dann die meisten in der neuen Heimat erneut ihre Existenz und die Flucht rechtfertigen. Der Wunsch, sich ein neues Heim aufzubauen, neue Erinnerungen zu bilden, prägt somit die folgenden Generationen.

Salma und Hussam mussten ihre Heimat Jaffa verlassen und finden in Nablus ein neues Zuhause. Doch bleibt für Salma alles fremd. Nur in ihrem Garten findet sie ihr eigenes Reich. Jahre später erinnert sich sogar ihre Enkelin Riham vermeintlich an diesen Garten. Die Frage, was Familienerinnerungen prägt, spiegelt sich in diesem Bild. Salmas Kinder sind es, die in der neuen Heimat aufwachsen. Ihre Tochter Alia fühlt sich sehr mit dem Haus und ihrem Leben in Nablus verbunden. Als Alia heiratet, liest Salma ihr vorher die Zukunft in ihrem Kaffeesatz. Doch traut sich Salma nicht, Alia die Wahrheit zu sagen, denn auch ihr steht laut der Prophezeiung ein unruhiges und schwieriges Leben bevor. Nachdem Salma diese Vorahnung verschwiegen hat, muss sie erleben, wie sich erneut das Leben wandelt. Mustafa ihr Sohn stirbt im Sechstagekrieg und ihre Tochter flieht nach Kuwait. Alia empfindet ihr neues Leben in Kuwait befremdlich und beengend. Sie erlebt diese Flucht nach Kuwait gleich ihrer Mutter damals aus Jaffa. In ihr bleibt stets die Sehnsucht nach der Heimat.  Sie beobachtet das Leben ihrer Kinder in der für sie stets fremden Umgebung, in der die Kinder ihre Wurzeln haben. Ihre Kinder leisten auch gegen ihre althergebrachten Traditionen Widerstand und wollen sich immer mehr lösen. Doch erneut verliert die Familie ihr Zuhause und rettet sich n alle Himmelsrichtungen.

Die Lebensgeschichte wird oft durch den Einfluss anderer bestimmt. Das Hoffen auf einen Ort, der einem bleibt, prägt das Leben dieser Familien und der einzige Halt ist genau diese Überzeugung, diesen zu finden und zu erbauen. Ein bewegender und sehr schön geschriebener Roman über eine Familie, die über Generationen entwurzelt wurde. Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven der jeweiligen Familienmitglieder erzählt. Der Text baut sich chronologisch auf und neben den einzelnen Schicksalen beleuchtet er die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Das Buch ist somit mehr als ein gut zu lesender Familienroman.

Hala Alyan ist eine palästinensisch-amerikanische Autorin und Lyrikerin. „Häuser aus Sand“ ist ihr erster Roman, der auf Deutsch erschienen ist. Es bleibt also zu hoffen, dass weitere Werke folgen.

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Annette Lory: „Meer und Berge“

Annette Lory Meer und Berge Kommode Verlag

Meer und Berge als gewaltiges Bild der Gegensätze. Berge als Herausforderung einer Bezwingung mit dem darauffolgenden  belohnenden Überblick. Das Meer als Verbindung der Welten und als Metapher und Spiegel der Emotionen. Diese Landschaften sind die Sehnsuchtsorte, d.h. die Seelenlandschaften zweier Freundinnen. Eine ist die Wässrige, die durchs Leben mäandernde und Suchende. Die andere gleicht dem Feuer, liebt die Berge und das Radikale. Beides sind beste Freundinnen, die sich auf einer Reise streiten und ein Jahr lang nicht sehen. Dann wagen sie wieder eine gemeinsame Bergtour als Versöhnung und es kommt zu einem gefährlichen Sturz.

Der Roman ist rückblickend aus der Sicht von Monika erzählt, die am Berg gestürzt ist und im Krankenhaus liegt. Sie phantasiert und verarbeitet ihr bisheriges Leben. Im Mittelpunkt ihrer innigen Betrachtungen steht die Freundschaft zu Helen. Beide haben sich in einem Bioladen kennengelernt in dem Helen nach ihrem abgebrochenen Studium arbeitet. Helen ist eine selbstbestimmte, kluge und alternative Frau, die es liebt in der Natur, besonders in den Bergen zu wandern und unter freiem Himmel zu schlafen. Monika ist wechselhaft, noch eine Suchende und liebt eher das Meer. Sie jobbt als Hilfskraft in der Psychiatrie und kann sich zu weiterem noch nicht entscheiden.

Während einer gemeinsamen Reise auf eine griechische Insel kommt es zu Ereignissen, die ihre Freundschaft auszulöschen drohen. Denn beide gehen als unterschiedliche Menschen einen gemeinsamen Weg und da die Vorlieben beim anderen ganz woanders liegen, kommt es zu einem Zwist. Meist ist auch hier das Problem in mangelnder Kommunikation zu finden. Eifersucht und Missverständnis keimen bei Monika sowie Helen auf, als beide jeweils andere Freunde treffen, die die Leidenschaften teilen. Ein Jahr nach dem Streit in Griechenland wagen sie einen Versöhnungsversuch. Aus falscher Scham verheimlicht Monika, dass sie Höhenangst hat und lässt sich auf eine erneute Bergwanderung ein. Monika, die den Blick in die Tiefe vermeidet, folgt den leuchtenden Schuhen ihrer Freundin und stürzt.

Im Krankenhaus beginnt ihre eigentliche Reise. Stets in Bezug zu den Ereignissen in Griechenland und zur Bergtour analysiert Monika ihr Leben. Ihre letzte Beziehung zu Mauro, der sie einfach verlassen hat. Ihre Kindheitserinnerungen, ihre Freundschaft zu ihrem Mitbewohner und die Ferienfreundschaft mit der lebensleichten Sila. Ihre Erinnerungen mäandern durch Zeiten und Begegnungen. Besonders der Trennungsschmerz beschäftigt sie. Die Trennung ihrer Eltern und die Auswanderung ihres Bruders nach Amerika. Ihre Gedanken wandern immer wieder zurück zu dem Beginn ihrer Freundschaft zu Helen, der damaligen Suche nach Helens Vater und ihrer gegenwärtigen Lebenssituation.

Ein Roman über Freundschaft, Beziehungen und die Sehnsucht nach Geborgenheit. „Meer und Berge“ erzählt von der Suche und Orientierung auf dem Lebensweg. Das sich lösen von Verbindlichkeiten und Ehrlichkeit kann einem dann, wenn man selbst nicht genau weiß, wohin man tritt, den Boden unter den Füßen wegziehen.

Ein Entwicklungsroman einer Frau auf der Suche nach dem eigenen Weg. Eine literarische Reise, die es gerade schafft, sich niemals selbst zu überladen. Das Buch lebt von den Charakterisierungen, die nicht ausufernd, sondern gerade gesättigt der Handlung Raum geben, um eine beklemmende, spannende und befreiende Stimmung aufzubauen.

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Natalie Buchholz: „Der rote Swimmingpool“

Natalie Buchholz Der rote Swimmingpool Hanser

Nathalie Buchholz stellt in ihrem ersten Roman die Frage, wieviel Wahrheit die Liebe verträgt und erzählt die Geschichte eines Sommers, in dem einiges neu beginnt. Es ist die Geschichte von Adam, der gerade das Pubertierende abgelegt hat und an der Schwelle zum Erwachsenen ins Stolpern gerät, als sein Vater die Familie ohne weitere Erklärung verlässt. In jenem Sommer, als Adam begreifen lernt, dass nichts im Leben perfekt ist, trifft er auf seine erste Liebe und muss seinen eigenen Weg im Leben finden.

Am Beginn des Romans steht eine Urteilsbegründung. Der Angeklagte soll einhundertzwanzig Arbeitsstunden in der Altenpflege ableisten. Die Höhe der Bestrafung ergibt sich aus der Schwere der Tat und der bewussten Inkaufnahme eines größeren Unglücks. Der Verurteilte ist Adam, der etwas getan hat, das er bereut und wohl besser nicht gemacht hätte. Doch durch seine Tätigkeit in der Pflege lernt er später das Mädchen kennen, das ihn dazu bringen wird, seine Vergangenheit zu bewältigen und sich auf eigene Beine zu stellen.

Adam lebt in einer Vorzeigefamilie. Sie leben im Wohlstand und werden sogar bewundert. Besonders Adams schöne Mutter, Eva. Wiktor, Adams Vater, ist erfolgsverwöhnt und als Unternehmensberater ständig auf Dienstreise. Wiktor hat seine Frau in Frankreich kennen- und lieben gelernt. Beide heiraten jung und bekommen Adam. Ihre Liebe scheint immer noch sehr groß zu sein, denn Adam beobachtet oft seine Eltern und sieht ihre große Zuneigung. An vielen Abenden kann Adam ihren liebevollen Umgang beobachten. Wenn der Vater nachhause kommt, schwimmt Eva oft in dem roten Swimmingpool. Von beiden scheint ein regelrechtes Strahlen auszugehen und es wirkt, als würden sich beide noch genauso lieben wie am ersten Tag. Nichts scheint sie jemals trennen zu können. Doch dann verschwindet sein Vater einfach. Als sie zu einer Beerdigung nach Frankreich fahren, kommt Wiktor nicht mit. Anfänglich meint Eva immer noch, er würde nachreisen, aber dies stellt sich sehr schnell als Lüge heraus. Adam versteht nicht, warum sich seine Eltern trennen. Schon gar nicht warum sein Vater eine neue Familie annimmt und er und seine Mutter sogar das Haus verlassen sollen.

Im Wechsel der Kapitel wird Adams Geschichte vor und nach seiner Tat erzählt. Eine Tat, die er aus reiner Verzweiflung, Wut und Trauer begangen hat und leider nicht mehr rückgängig machen kann. In der Gegenwart ist Eva ohne große Erklärung nach Paris gezogen und Wiktor lebt mit seiner neuen Frau und deren kleinen Kindern in dem Haus, in dem Adam groß geworden ist. Adam wohnt in einer Wohngemeinschaft und lernt Tina kennen, in die er sich verliebt. Da sein bester Freund anscheinend auch Tina lieben lernt, gerät Adam erneut in ein Gefühlschaos. Doch ist es Tina, die stets befreiende Ideen hat und beiden jungen Männern neue Wege aufzeigt. Doch steht immer noch die die Vergangenheit zwischen ihnen, denn Adam traut sich nicht zu erzählen, was er Schreckliches gemacht hat. Auch rumort in ihm immer noch der Schmerz darüber, dass er verlassen wurde. Warum ist sein Vater aus seinem Leben verschwunden? Woran ist die eigentlich perfekte Ehe seiner Eltern gescheitert?

Ein Familienroman über die Liebe und deren Zerstörung. Die Geschichte, wie eine große Liebe zerbricht und neu beginnen kann.

Dieser Roman liest sich leicht, herzlich und humorvoll. Durch seine Erzählweise funktioniert das Buch generationsübergreifend und bietet feine Unterhaltung. Auch wenn das Buch vom Heranwachsen handelt und etwas Jugendliches versprüht, ist der Inhalt und der Stil niemals in einem saloppen Jargon verfasst.

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Karen Grol: „Mackintoshs Atem“

Mackintosh Atem Karen Grol Stories & Friends

Es ist Kunst, wenn man eine Grundidee hat und diese dann auch in ein Werk zu verwandeln versteht. In der Literatur ist es nicht nur das Können, die Idee zu Papier zu bringen, sondern auch eine Gabe, wenn man die Emotion, die man als Autor bei der ursprünglichen Idee und beim Schreiben empfunden hat, durch die Sprache vermittelt und somit an die Leser weitergibt.

Ein gutes Buch ist ein Überträger von Emotionen, Unterhaltung und Wissen. Karen Grol ist dies alles gelungen. Erst durch diese Lektüre wurde ich auf Charles Rennie Mackintosh aufmerksam. Ich begann zu lesen und habe erst dann gemerkt, dass ich zwar wenige Werke des Künstlers kannte, aber über ihn selbst eigentlich nichts wusste. „Mackintoshs Atem“ haucht dem Architekten, Designer und Maler Leben ein. Gekonnt lässt Karen Grol die Figuren und die Zeit sehr lebendig werden. Es ist ein großer Reigen an Protagonisten, der aber den Leser niemals überfordert oder verwirrt. Durch die sehr lebhaften Beschreibungen und die einfühlsame Sprache findet man sich im Werk stets gut zurecht.

Es ist ein historischer Roman über einen faszinierenden Künstler des 19. Jahrhunderts. Sein Leben war am ehesten als turbulent zu bezeichnen. Mackintoshs Vater war Hauptkommissar und sehr diszipliniert. Seine Mutter Margaret war Hausfrau und meinte, ihr Sohn, das zweite von elf Kindern, sei zu Größerem berufen. Doch fiel Charles Rennie Mackintosh bereits einiges im Kindesalter schwer: das Fußballspielen, das Schreiben sowie das Lesen. Er war ein willensstarkes Kind, das aber auch seinen Emotionen freien Lauf ließ und durchaus zu Wutausbrüchen neigte. Sein Vater war Hobbygärtner und als er seinen Sohn für die Gartenarbeit begeistern wollte, wurde eine ganz andere Zuneigung des Jungen geweckt und gestärkt. Er begann alles zu zeichnen. Besonders die Natur hatte es ihm angetan. Dies wurde auch der Grundstein seines späteren Schaffens. Seine spätere Kunst folgt der alten schottischen Burgenarchitektur, sie hat Charakter und spiegelt stets das Natürliche.

Da Charles Rennie Mackintosh, später nur noch Tosh genannt, schon früh das Künstlerische umwehte, begann er eine Ausbildung in einem Architektenbüro und besuchte die Kunstgewerbeschule. Er erhielt schon als junger Mensch Auszeichnungen und Reisestipendien. Ihm ging es immer um das Schöne. Oft musste er sich abgrenzen und behaupten, da er gegen die geltende Lehre anging und auf die klassischen und naturverbundenen Künste zurückgriff.

Sein Leben war geprägt von Schönheit, Liebe und Freundschaft. Doch musste er auch hart dafür kämpfen. Seine Geschichte wäre ohne seine Heimatliebe, der Liebe zu seiner Ehefrau und Freunden ein anderes gewesen und letztendlich musste er sich auch neu finden. Sein kreatives Werk, sein Schaffen hat ihn überdauert und seine Biografie birgt in sich ein typisches Künstlerleben.

Ein großartiger, flüssig und lebendig zu lesender Biografie-Roman über einen schottischen Künstler, den man spätestens jetzt für sich entdecken sollte.

Danke an Karen Grol, dass ich das Buch vor Drucklegung lesen durfte und auf der Banderole zitiert werde.

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Danke auch für die liebe Danksagung:

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Elizabeth Taylor: „Angel“

Elizabeth Taylor Angel Dörlemann

Ein Roman voller Eleganz, Witz und britischem Charme. Wenn man das Buch liest, taucht man ganz in eine Jane Austen-Welt ein, die viel „Downton Abbey“ –Flair versprüht. Am Ende ist man immer noch ganz von der anderen Zeit benommen und erwacht in der Gegenwart, in der das soeben erzählte immer noch Aktualität besitzt. Angel ist die Geschichte von Angelica Deverell, die am Anfang des 20. Jahrhunderts in England aufwächst und sich als große Autorin berufen fühlt. Sie als freudloser, humorloser und ungebildeter Mensch macht später auch Karriere, verliert sich aber immer mehr in ihrer erträumten Welt.

Angelica, kurz Angel genannt, lebt mit ihrer Mutter in einer englischen Kleinstadt. Das Leben empfindet sie als trostlos. Ihre Mutter hat einen kleinen Lebensmittelladen, über dem sie wohnen und die Tante arbeitet als Zofe. Angel fantasiert über ein Leben in dem prächtigen Anwesen Paradise House und erzählt davon prahlerisch ihren Mitschülern. Dies macht sie zu einer versponnenen Außenseiterin. Ihre eigenen Vorstellungen der Welt sind reine Traumbilder, die Nahrung in den Berichten ihrer Tante finden. Angel wird immer mehr gemieden und wird oft dem Spott ausgesetzt, der sich auch auf die Mutter ausbreitet. Als Angel erkrankt, erinnert sie sich an den Moment, wo sie am glücklichsten war. Dies war, als sie einen Aufsatz für die Schule schreiben sollte. Das Schreiben und das Fixieren ihrer Fantastereien füllt ihren Tag und sie bricht die Schule ab und widmet sich als Fünfzehnjährige ganz dem Schreiben. Dabei wird sie immer ehrgeiziger, eitler und ignoranter. Sie selbst liest keine anderen Autoren, empfindet diese meist als nichts sagende Schreiberlinge. Shakespeare nennt sie später mal ziemlich gut, wenn er nicht versuche humorvoll zu sein. Denn Humor besitzt sie selbst gar keinen.

Sie hat von der Welt keine Ahnung und schreibt voller Klischees, in denen sie selbst gänzlich aufgeht. Dennoch findet sie einen Verlag, der ihr Werk druckt. Die Kritiker zerreißen Ihre Werke, ihre Sprache und Weltanschauung. Aber das überbordende Buch findet seine Leser und sie macht als Autorin Karriere.

Ihr Leben ist lieblos und fad. Daher werden ihrer Bücher immer bunter und ausladender. Sie kann aber selbst nichts genießen. Als sie zum ersten Mal Wein trinkt, gibt sie zu, dass sie auch an diesen keine Erwartungen hatte. Sie will Ruhm und ein Leben führen, wie ihre Figuren. Doch kann sie selbst ihr Leben nicht füllen und sie wird nie richtige Literatur erzeugen. Sie verbannt jegliche Welterfahrung und meint dennoch weltklug zu sein. Angels Mädchentraum wird annähernd war und auf der Höhe ihrer Triumphes verliert sie immer mehr den Bezug zur Realität.

Es reichen wenige Sätze und Szenen um den Leser für dieses Buch zu begeistern. Ein unterhaltsamer, kluger, tragischer und humorvoller Roman über eine schlecht schreibende, anspruchslose und ärmliche Autorin. Das Werk von Elizabeth Taylor zeigt, was große Literatur sein kann, nämlich ihre eigene.

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Bernd Desinger: „Arthurs Entführung“

Bernd Desinger Arthurs Entführung Droste Verlag

Ein fantastischer Roman, der den König der Fischer, d.h. die Artus-Legende in die Wirklichkeit unserer Gegenwart katapultiert. Ein Zyklus, der voll mystischer Abenteuer steckt und viel mehr in sich birgt als ein typischer Fantasy-Roman. In der Geschichte, die in dem Romanzyklus „Der Doppelweg“ erzählt wird, verändert sich das Umfeld und nichts scheint den Protagonisten mehr vertraut. Eine unterhaltsame Umsetzung der alten Sage, in der die Gralsbotschaft verschleiert und symbolisiert wird.

Es beginnt mit einer bösen Überraschung. Arthur erscheint gleich dem König aus dem Versroman „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach als ein unscheinbarer Mensch, der wenig interagiert, aber dennoch ein guter Zuhörer ist und enge Freunde um sich schart. Vier Freunde sind es, die sich mit ihm in seinem geräumigen Apartment treffen. Sein großer Wohnraum ist ein idealer Treffpunkt und meist sitzen oder lümmeln sich die vier Freunde um einen gläsernen, runden Tisch. Lediglich Arthur sitzt immer erhaben auf einem Stuhl. Die vier Freunde sind die Rock-Sängerin Jannifer, ihr Freund Lance, der Deutsch-Spanier Eric sowie der Adlige Falk von Fürstenberg. Als sie ihren Freund eines Tages besuchen wollen, ist Arthur verschwunden. Ein mysteriöser Brief liegt auf der Tafel jener werdenden Ritter, die sich laut dem Schreiben auf die Suche nach Arthur begeben sollen. Es folgt ein weiteres Schreiben mit Angaben, wo die Helden ihren Freund suchen können. Eric soll nach Norwegen reisen, Lance sowie Jannifer nach Amerika und Falk soll in Deutschland suchen. Als Lebensbeweis bekommen Sie Bilder und Arthurs abgetrennten kleinen Finger, den er stets vornehm beim Trinken abgespreizt hatte. Da die Freunde keine genauen Angaben haben, sollen und wollen Sie jeweils Ihrer Intuition folgen. Lediglich ein kleines Mädchen hat die Entführung beobachtet. Ein Riese hätte Arthur abgeholt. So werden die Reisen der Freunde durch Länder und Orte immer mystischer und magischer.

Jeder hat passend zu seinem Reiseziel vom vermeintlichen Entführer eine große Summe Geld für die Suche erhalten. Falk möchte Deutschland erwandern und begibt sich zu Fuß auf seine Pilgerreise. Er leiht sich unterwegs Verkehrsmittel und verliert sich immer mehr auf seiner Suche. Im Münsterland liegt ein Bauernhof „Das Haus vom Lichtbrunnen“ versteckt. Dort trifft er auf ein märchenhaftes Mädchen und wird erstmalig zum Ritter. Weitere Abenteuer erwarten ihn auf seiner „Mittendurch“-Reise: Ein dubioser Fernfahrer, eine Begegnung auf einem Friedhof und die Stille im Eifelkloster.

Eric fährt mit seinem Volvo über Dänemark nach Norwegen. Auf der Reise begegnet ihm eine Frau, der er über die Grenze hilft und die dann aber, kurz bevor er mehr empfinden kann, verschwindet. Auf einem Campingplatz, nahe dem „Land der Riesen“ in Norwegen, trifft er auf eine weitere, wunderschöne Frau und begegnet der Liebe seines Lebens. Doch auch er hat sich einigen Abenteuern und den eigenen Gespenstern zu stellen.

Lance und Jannifer reisen nach Amerika, doch beide an die jeweils andere Küste. Lance trifft auf seinen Alptraum in Los Angeles und Jannifer muss eine folgenschwere Entscheidung in New York treffen. Die Orte verändern sich jeweils. In Los Angeles und in den Hügeln von Hollywood gibt es Landschaften mit versteckten Wegen und mythenhaften Begegnungen. Auch die Landschaften und Parks verwandeln sich. In New York arbeitet Jannifer im Metropolitan Museum und trifft auf einen weiteren Musiker. Sie findet im Museum kaum besuchte Räume und geheimnisvolle Gänge und Bilder. Zeigen die Bilder Öffnungen? Sind sie sogar begehbar?

So beginnt für die vier Freunde die große Suche nach Arthur und natürlich nach sich selbst. Die Grenzen der  Realitäten werden geöffnet. Die Irrfahrt und Suche und nach Arthur geht im Band zwei „Der Sturz in den Strom“ weiter. Die Reisen von Jannifer, Lance, Eric und Falk haben sie verändert und Arthur bleibt weiterhin verschwunden. Stets scheint sie aber jemand zu beobachten… Wer steckt hinter der Entführung? Was hat es mit den geheimnisvollen Botschaften auf sich? Steckt eventuell Arthur selbst dahinter? Ist alles Zufall? Ist das Verstehen der Ereignisse auch eine gewollte Illusion?

001In der Flut an fantastischen Romanen ist dies eine frische Überraschung. Bernd Desinger studierte deutsche Sprache und Literatur und war viele Jahre am Goethe-Institut beschäftigt. Jetzt leitet er das Filmmuseum in Düsseldorf. Daher ist es keine Verwunderung, dass er seine Geschichte sehr sprachgewaltig, spannend und stimmungsvoll erzählt. Ein märchenhafter, schöner Fantasy- und Abenteuerroman. Band drei „Die Runde der Raben“ und somit der Abschluss der Saga erscheint im Frühjahr 2019.

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Martin Spieß: „Und bis es so weit ist, gibt es Eiscreme“

Martin Spieß Und bis es so weit ist gibt es Eiscreme Culturbooks

Ein Buch mit einem tollen Sound. Ein Roman, der unheimlich viel Spaß und süchtig macht. Ein literarischer Trip, der wohl den Ton einer ganzen Generation einfängt. Zwei Freunde auf dem Weg zu den Demonstrationen gegen den Castortransport. Zwei beste Freunde wie aus „Lammbock“ oder aus „The Big Lebowski“.  Ein Dude taucht auf, der uns deutlich macht, was uns mit Lieutenant Commander Data vereint. Der Android aus Star Trek macht Fortschritte in seinem Bestreben menschlicher zu werden und die beiden Helden sind bestrebt, immer mehr wie Data zu denken und handeln. Ein menschlicher Data, der König Bleibtreu akzeptiert. Laut Jean-Luc Picard, dem Captain der USS Enterprise, ist nicht der Erwerb von Reichtum die treibende Kraft im Leben. Wir werden in der Zukunft, so die Grundidee von Gene Roddenberry, dem Schöpfer von Star Trek, daran arbeiten, uns selbst und den Rest der Menschheit zu verbessern. Und bis es soweit ist, gibt es hoffentlich genug von solch literarischer Eiscreme…

Zu Demos zu gehen ist seit Snowden wieder sexy geworden. Dies finden jedenfalls der Erzähler und sein bester Freund Jäger. Bei den Protesten gegen die Castortransporte im Wendland wollen sie nicht nur Abenteuer erleben, sondern auch Frauen aufreißen. Um zügig Blockaden oder ähnliches zu durchbrechen, mogeln sie sich als britische Reporter durch die Absperrungen und Polizeikontrollen. Jäger ist auch stets mutig zu einem Plausch mit den Beamten, in feinem Englisch versteht sich, über die aktuelle Situation bereit. Denn der Tag, so Jäger, an dem er aufhört Witze zu machen, sei seine Beerdigung. Die gefälschten Presseausweise weisen die Namen zweier Dr.-Who-Darsteller aus. Also erneut zwei Helden aus der Medienwelt, die mit viel Charme und Humor die Welt zu retten versuchen. Doch trotz der Befürchtung des Ich-Erzählers, fällt dieser Schwindel nicht auf. Die beiden jungen Freunde sehen sich als Schriftsteller und sind Medien-Junkies, die gerne und oft bekifft sind. Sie betrachten die Welt immer in Bezug auf diverse Serien, Filme und Songs, die sie inhaliert zu haben scheinen und ständig zitieren. Sie vergleichen sich gerne mit den Charakteren der Filme und TV-Serien. Sei es “Games of Thrones”, “Pulp Fiction” oder “Radio Rock Revolution”. Alles ist schlagfertig im Geiste parat und das Erlebte wird mit der Film- und Fernsehwelt verglichen.

Die gegenwärtige Reise nach Gorleben steht in Bezug auf ihren damaligen Road-Trip nach Spanien. Sie hatten gerade Abitur gemacht und die Eltern des Erzählers erben eine Wohnung der Großeltern in einer katalanischen Kleinstadt. Die beiden Jungs fahren los und finden eine kakerlakenverseuchte Eigentumswohnung vor. Doch findet der Erzähler auf dieser Reise die große Liebe. Er trifft auf Katharina, die aber nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt in Spanien wieder verschwindet.

In der Gegenwart, im Wendland, machen die beiden Berliner sich neue Freunde und werden von deren Geschichten unterhalten und u.a. mit sehr gutem Dope bewirtet. Jäger ist der mutigere von beiden. Der Erzähler steht oft daneben, darauf hoffend, dass sie sich nicht zu sehr um Kopf und Kragen reden. Besonders als Jäger mal wieder ein Schwätzchen mit einer Polizistin führt und jeder ein großes Päckchen Gras dabei hat.

Der Prolog des Buches deutet bereits eine Katastrophe an. Jäger passiert etwas im Wendland und eventuell stirbt er, oder auch nicht? Jägers bester Freund, der Erzähler, reist in Gedanken in ihre gemeinsame Vergangenheit und Gegenwart…

Ein unglaublicher Lesespaß, der besonders viel Freude macht, wenn man gleich den Helden ein Medien-Junkie ist. Ein Buch wie ein Roadmovie mit vielen Anspielungen aus der Politik und Popkultur. Ein sprudelnder Roman voller Witz, Freundschaft, Liebe und Verlust. Ein herzliches, kluges und sehr unterhaltsames Buch.

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Fuminori Nakamura: „Die Maske“

Nakamura Die Maske Diogenes Leseschatz 1

Fuminori Nakamura wird in Japan als junger und erfolgreicher Autor gefeiert. Er gilt als Meister des Düsteren. Nach „Der Dieb“ ist dies sein zweites Buch, das ins Deutsche übersetzt wurde. Erneut ist es eine verstörende, spannende und eindringliche Geschichte. Die Figuren sind keine Helden, sondern Täter und Opfer, die zu Tätern werden. Die Maske als Bild einer Gesellschaft, in der man sich verbirgt oder ausgeschlossen wird.

Die Charaktere sind flüchtig und drohen dem Leser zu entgleiten. Das brüchige Bild der Figuren steht im Kontext zu der Geschichte, die zwischen einem unheimlichen Thriller und einer sehr ungewöhnlichen Liebesgeschichte pendelt.

Die Kuki-Familie ist mächtig und ihr Clan ist weltumspannend. Sie beherrscht die Unterwelt und ist auch für viele Anschläge verantwortlich. Fumihiro Kuki ist ein Kind, gerade elf Jahre alt, als sein Vater, das Familienoberhaupt, ihn zu sich befiehlt. Sein Vater offenbart Fumihiro, dass er nur zu einem einzigen Grund gezeugt worden sei. Es gibt eine seit Generationen gepflegte und menschenverachtende Tradition der Kuki-Familie. Der jeweils jüngste Sohn soll dazu erzogen werden, das Böse in die Welt zu bringen. Fumihiro soll ab seinem vierzehnten Lebensjahr zu einem Geschwür für die Menschheit herangezogen werden. Mit dieser Last wird das Kind überfordert und es beginnt in ihm zu rumoren. An seiner Seite steht das Waisenmädchen Kaori, in das er sich unsterblich verliebt. Kaori wird in der Familie aufgenommen und lebt mit in dem großen Haus der Familie. Der Vater will sie für seine Zwecke missbrauchen, damit seine menschenverachtende Saat Früchte tragen wird. Fumihiro steht unter dem Schatten des Vaters und des Fluches. Er will sich als Kind bereits befreien und plant, seinen Vater zu ermorden. Sein Wunsch, den eigenen Vater zu töten, wird immer dringlicher, da er mitbekommt, dass Kaori von seinem Vater missbraucht wird und ihr noch schlimmeres bevorstehen könnte. Er findet einen geheimen Raum im Keller, den sein Vater wohl für seine perfiden Zwecke gebaut hat. Er wartet, bis sein Vater eines Tages dort ist und stößt diesen hinab. Er verschließt die Lucke und hofft, sein Vater verhungert oder nimmt die Giftpilze zu sich, die Fumihiro ihm hinterhergeworfen hat. Doch durch diese Tat kommt Fumihiro nicht wirklich frei. Der Vatermord und sein Fluch verfolgen ihn. Auch wenn er von Kaori besessen ist und sie diese Gefühle erwidert, verlieren sich beide aus den Augen.

Als junger Mann beginnt Fumihiro ein neues Leben. Er will eine neue Identität und lässt sich von einem plastischen Chirurgen das Gesicht eines anderen machen. Es ist das Gesicht eines Toten. Ab sofort ist er gezwungen, maskiert durch das Leben zu gehen. Da er niemals der sein kann, der er sein möchte, verändert er sich immer mehr. Seine Liebe zu Kaori ist sein Lebensinhalt. Er heuert einen Detektiv an, der bereits für die Kuki-Familie tätig war, und lässt Kaori beschatten, er möchte alles über die Frau seines Lebens erfahren. Seine Vergangenheit hat ihn zerstört und ihm viele Wunden zugefügt. In der Gegenwart ist er als Erwachsener niemals in der Lage sein wahres Leben zu führen und verstrickt sich immer mehr. Wird er letztendlich doch zu dem monströsen Geschwür, zu dem ihn sein Vater erziehen wollte?

Ein beklemmender, spannender und dunkler Roman. Der Text wirkt verstörend, tiefsinnig und hat etwas Schleierhaftes.

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Stefan Kruecken: „Sturmwarnung“

Das aufregende Leben des Kapitäns Jürgen Schwandt

Stefan Kruecken Sturmwarnung AnkerherzDie See: ein Spiegel des Himmels und der Wolken. Mal blau, grün und immer wieder anders. Die Gewässer sind mal ruhig, anschmeichelnd oder aufbrausend und stürmisch. Das Meer kann ganz still sein, dann aber auch brüllen und Meter hohe Wellen gegen Land oder Schiff werfen. Die See ist gleich dem Wind: ein Freund oder auch ein Feind. Der Blick auf das Meer beruhigt und weckt Sehnsüchte nach Ferne oder Abenteuer. Man fühlt sich der Natur ganz nah und wird sich seiner geringen, menschlichen Größe bewusst. Denn dem Meer ist der Mensch, der es befährt, letztendlich egal. Alle sind auf hoher See gleich und abhängig von der Gunst der See. Dieser in uns allen bewusste oder ruhende Respekt wird dem Seemann täglich abverlangt.

Jürgen Schwandt wurde 1936 in Hamburg geboren und fuhr jahrzehntelang zur See. Später war er für den Wasserzoll tätig und wurde nicht nur im Norden durch seine Kolumne in der „Hamburger Morgenpost“ bekannt. Zusammen mit Stefan Kruecken schaut er mit „Sturmwarnung“ auf sein aufregendes Leben zurück. In seiner Kindheit erlebte er Hunger und Kälte in den Trümmern Hamburgs. Im sogenannten Hungerwinter verdiente er sich etwas Geld als Laufbursche beim Rowohlt Verlag. Sein Vater, der verletzt aus dem Krieg zurückkam, wollte nichts unter seiner Würde arbeiten. Das Verhältnis zwischen Jürgen und seinem Vater ist nicht nur deswegen gespalten. Sein Vater war ein Nationalsozialist und hatte somit ein ganz anderes Weltbild als sein Sohn. Sein ganzes Leben lang wird Jürgen Schwandt rechtsextreme Strömungen scharf angehen.

In ihm wuchs bereits als junger Mensch eine Sehnsucht und Liebe zur See. Als Schüler lernt er den Umgang mit einem Kutter und er ist seitdem gern auf dem Wasser. 1952 soll sein Abenteuer losgehen, wobei er monatelang Geduld haben muß. Auf einer Holzbank im „Heuerstall“ warten die Seeleute auf einen Job. Als ein Schiffsjunge gesucht wird, macht er sich auf den Weg nach Kiel, um auf der Argonaut anzuheuern. Jetzt beginnt seine lange Laufbahn auf See. Fast alle Positionen auf einem Schiff lernt er kennen. Verschiedene Schiffe und Routen bringen ihn seinem späteren Lebensziel näher, denn es wird lange dauern, bis er als Kapitän in See sticht. Seine Abenteuer handeln vom Meer, den Schiffen, die diese bereisen und den diversen Landgängen. Er erzählt von Seeleuten, Glücksdrachen und Huren. Am Klischee, dass jeder Seemann tätowiert ist und in jedem Hafen eine andere Braut hat, war zu seiner Zeit als Matrose viel Wahres dran. Er hat in seinem Leben auf See nicht viel ausgelassen. Seine Liebe zum Meer bleibt ihm immer erhalten.

Sein Leben ist geprägt durch seine Reisen. Er erlebte und überlebte Orkane und erinnert sich auch an eine Art der Wiedergeburt. Seine Erlebnisse sind Momente zwischen Leben und Tod. Dadurch hat er gelernt das Leben zu feiern. Die See lehrte ihn Weltoffenheit und Toleranz. Er gehört zu den stillen Denkern. Er ist belesen und seine Biografie liest sich lebensklug. Er kann vielen ein Vorbild sein als Mensch, der seine Alkoholkrankheit bekämpft hat, als Stimme gegen rechtsextreme und fremdenfeindliche Strömungen oder als lebensbejahender Seebär. Er nutzt die neuen Medien als Kommunikationsplattform und steht den neuen Entwicklungen kritisch, aber stets offen und interessiert gegenüber.

Jürgen Schwandt erzählt mir einer burschikosen Herzlichkeit über sein Leben und zwischen seinen Anekdoten verbergen sich einige Weisheiten. Er zeigt, wie man trotz großer Krisen stets Mensch bleiben kann. Sein Bericht ist ehrlich, authentisch und stets voller Augenzwinkern. Das Buch lebt von der Kombination aus der beeindruckenden Geschichte, den Fotografien und Illustrationen.

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Matt Ruff: „Lovecraft Country“

Matt Ruff Lovecraft Country Hanser

Das Buch erzählt über den Rassismus in Amerika während der Jim-Crow-Ära und gleichzeitig erweckt es das Lovecraft-Grauen, das laut dem umstrittenen Autor Lovecraft im sogenannten „Lovecraft Country“ sein Unwesen getrieben haben soll.

Matt Ruff ist ein phantastischer Autor, der sehr gekonnt unterhält. Er vermischt viele Genres und erlangte durch seine Romane „Kultstatus“. 1991 hat er mit „Fool on the Hill“ einen „tolkschen“ Sommernachtstraum auf einem Campus platziert. Es folgten „G.A.S“, „Bad Monkeys“ und „Ich und die anderen“. Ruff schafft es, Unterhaltsames, Phantastisches und Witziges mit ernster Literatur zu vermischen. Es sind Romane, die Elemente des Science-Fiction, der Fantasy und der Magie beinhalten. Ruff scheint selbst ein Medien-Junkie zu sein, denn seine Anspielungen schöpft er aus der Filmwelt, der Musik, der Literatur und der Comic-Kultur. Sein neuster Streich spielt im „Lovecraft Country“. Lovecraft gilt als Schöpfer der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur. Doch war er auch eine umstrittene Persönlichkeit, denn er galt als menschen- und frauenverachtender Rassist. So verbindet das neue Werk von Matt Ruff ebenfalls beide Themen: das Phantastische und den Rassismus.

Der Koreaveteran Atticus macht sich auf die Suche nach seinem Vater. Es begleiten ihn sein Onkel George und die Freundin Letitia. Es ist das Jahr 1954 und das Reisen in Amerika ist für einen Schwarzen nicht ungefährlich. George hat auch aus diesem Grund den Reiseführer: „Safe Negro Travel Guide“ herausgebracht. Das Verhältnis zwischen Atticus und seinem Vater Montrose ist schwierig und sie haben lange keinen Kontakt gehabt. Nun erhält Atticus ein Schreiben, in dem der Vater, der von einem Tag auf den anderen verschwunden ist, mitteilt, dass er dem Familiengeheimnis von Atticus Mutter auf die Spur gekommen sei. Atticus und George reisen dem Vater hinterher. Mit dabei ist die Jugendfreundin Letitia, die sich von Gott berufen fühlt, bei diesem Abenteuer dabei sein zu sollen. Auf der Fahrt müssen sie sich viele rassistische Anfeindungen gefallen lassen. Die Reise wird immer bizarrer und es scheint sie auch ein mysteriöses Fahrzeug zu verfolgen. Auch in den Wäldern lauern wohl nicht nur Grizzlys. Sie gelangen letztendlich auf das Anwesen der Braithwhites und im alten Herrenhaus tagt der Orden der Alten Morgenröte, eine weiße, rassistische Geheimloge. Diese Adamiten sehen in Atticus einen Avatar und mit seiner Hilfe soll eine Zeremonie durchgeführt werden. Doch Caleb Braitwhite hat ganz andere Pläne und hilft erstmalig Atticus und seinen Begleitern, damit er selbst sich aus dem Schatten seines Vorfahren befreien und die Herrschaft anstreben kann.

Wieder zurück möchte Letitia ein Haus erwerben. Doch werden auch bei der Haussuche Fäden gestrickt, die immer wieder zu Caleb Braitwhite zurückzugehen scheinen. Ihr Traum von einem Haus entpuppt sich als Alptraum, denn in den Gemäuern scheint es zu spucken. George und Montrose machen sich auf die Suche nach dem Buch ihrer Vorfahren, in dem die Schuld der Sklavenbesitzer genauestens berechnet und festgehalten wurde. Doch diese Suche verläuft erneut über den Orden der Alten Morgenröte. Für diesen Orden sollen sie das Buch des Lebens, das Gegenstück zu Lovecrafts  „Necronomicon“, beschaffen. Alle geraten in Abenteuer, die den Romanen entsprungen zu sein scheinen, die Atticus und George so gerne lesen. Sie treffen auf geheime Logen, Hexenmeister, magische Autos, Geisterhäuser und noch fremde Planeten. Sehr unterhaltsam werden diese einzelnen Perspektiven und Geschichten miteinander verwoben und der Spannungs- sowie Unterhaltungsbogen reißt niemals ab.

Ein Roman, der die dunkle Geschichte Amerikas beleuchtet, nebenbei sehr spaßig und spannend die Naturgesetze auf den Kopf stellt und viele kleine Höhepunkte setzt. Es bleibt die Frage, ob uns die großen Alten von Lovecraft mehr ängstigen als wir uns vor uns selbst?

Ein unterhaltsamer Roman, der mehr zu bieten hat und wieder das typische Ruff-Flair verströmt!

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