Dilek Güngör: „A wie Ada“

Ein Roman voller Lebensfixierungen als Kind, als Frau, als Tochter und als Mutter. Viele Themen werden, wie in den Werken der Autorin üblich, sinnbildlich ergriffen. Das Erzählte wirkt erlebt und jeder wird sich zuweilen dabei selbst wiederfinden können. Mit ganz viel Empathie für die Figuren ist der Roman verfasst. Alles wirkt ganz leicht und zart, doch ist es stets ein großes Bild oder ein kluger Gedankenimpuls, der die kurzen Kapitel formt. Mit viel Humor und Kenntnis wurde das Buch geschrieben und die Momente werden beim Lesen lebendig. Dies ist die große Kunst der Autorin. Die Komplexität ist ein Gewebe, das sich leicht annehmen lässt und dann einen bleibenden und begeisternden Eindruck hinterlässt.

Ada ist eine Insel, so auch die Übersetzung des Namens in der Sprache der Mutter. Eine Insel, die aber niemals für sich alleine ist. Stets gibt es Berührungen, Verschiebungen und Besuche. Das Menschliche steht bei jeder Episode im Mittelpunkt. Wie in ihrem vorherigen Roman „Vater und ich“ geht es um Familie, Integration, Sprachbarrieren und das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und Generationen. Bei „Vater und ich“ waren im Mittelpunkt die Sprachlosigkeit und das Schweigen. Beide Werke verbinden sich in den kleinen Gesten. Das Alltägliche rückt in die Betrachtungen, um uns dadurch einzufangen und etwas mitzugeben. In der Kleinigkeit offenbart sich etwas Großes. Die Reduktion zeigt sich auch in den Kapiteln und im Text. Kein Füllwort taucht auf und kein Wort ist hier zu viel.

Erkundet wird das Leben in den Beziehungen von Ada. Ada geht in den Kindergarten, zur Schule, zur Uni und wird Mutter. Stets sind es ihre Betrachtungen auf sich und das Umfeld. Die Sehnsucht nach Verbundenheit steht im Mittelpunkt. Dabei lernt sie auch die Abgrenzung kennen. Zum Beispiel wenn die Mutter beim Kindergeburtstag alle Kinder als ihre Freunde benennt, aber Ada dies nicht so empfindet. Oder eine dieser Freundinnen ihren Schlafanzug anziehen soll, den sie selbst noch nie getragen hatte. Sie beobachtet ihre Eltern beim familiären Leben, beim Tanz und beim täglichen Miteinander, um dann selbst Mutter zu werden. Ada möchte sich selbst verstehen und bei ihren Reflexionen dürfen wir dabei sein. Voller Poesie und Witz nehmen wir uns bei der Lektüre selbst wahr. Es sind kunstvolle Anekdoten auf dem Lebensweg. Ada und / oder die Autorin versucht zu verstehen, zu beeindrucken und stets den Erwartungen, meist den eigenen, gerecht zu werden. Das Leben ist niemals eine einsame Insel, sondern immer ein Miteinander. Das kann zuweilen eine Herausforderung sein, aber dies formt uns und die Sehnsucht nach Innigkeit überstrahlt alles. Das Fremde durch das Fremdsein ist oft nur eine Kopfphantasie.

Mit einem großartigen Humor und einer besonderen Hingabe zu den Figuren, die sehr erlebt wirken, begeistert dieser Roman. Sätze und Episoden laden zum Nachsinnen ein. Ein wunderbarer Leseschatz!

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Henning Schöttke: „Wenn dich jemand sieht“

Henning Schöttke ist in der Literaturwelt eine feste Konstante geworden. Er ist ein Kieler Comic-Zeichner, der auch literarisch tätig ist. Er veröffentlichte einen Romanzyklus über die Todsünden und diverse Kurzgeschichten in unterschiedlichen Anthologien. Sein neuestes Buch „Wenn dich jemand sieht“ beinhaltet elf Kurzgeschichten. In der Kürze und dem Aufbau des Spannungsbogens zeigt sich sein wahres Können. In der Spannungsliteratur ist der Autor zuhause und sagte einst, dies sei auch das Genre, das er als Leser bevorzugt. Dies merkt man seinen neuen Geschichten an. Dabei mindert dies aber nicht sein Romanprojekt um die Todsünden, denn dieser noch nicht ganz abgeschlossene Zyklus ist eine Lesereise wert. Die Romane und die Geschichten sind immer eine Reise in Zeit und Raum und eröffnen dem Leser viele neue Ansichten.

„Wenn dich jemand sieht“ ist ein kleiner, ideenreicher Schatz und bietet eine enorme Vielfalt. Die Storys können mal Krimi oder mal Mystery beinhalten und beschäftigen sich mit der künstlichen Intelligenz. Die literarischen Vorbilder schlagen hierbei einen Bogen von Isaac Asimov zu Stephen King und werden auch mal etwas kafkaesk. Denn was ist denn an Klingelstreichen so schlimm, dass Kinder sich in einem beklemmenden Prozess wiederfinden? Auch Betrachtungen über die Zeit stimmen nachdenklich, denn wenn diese aus den Fugen gerät und langsam vergeht, während man selbst schnell erfasst, gerät das Umfeld dadurch in eine Stille und kann für einen Torwart einen Glückmoment erzeugen, der dann letztendlich erstarrt. Der Einstieg in die Geschichten gelingt durch eine übersinnliche und unheimliche Operation. Eine Verstorbene, die für die Organspende vorbereitet wird, regt sich unheimlich über die Geschehnisse im Operationssaal auf und es kommt zu einem Drama. Ferner wird ein überfälliger Besuch bei einem Großvater beschrieben, der durch die technologischen Entwicklungen die Frage aufwirft, was noch Realität ist. Auch haben die Geschichten zuweilen viel Humor. Zum Beispiel, ein Einbrecher, der überrascht wird und in Gedanken das Gespräch im Amt durchspielt, als er das Kindergeld beantragt und seinen Beruf angeben soll.

Jede Geschichte baut sofort ein Interesse und eine Spannung auf, so dass man diese zügig inhaliert. Die Texte sind gute Unterhaltung und gleichzeitig Literatur, die fesselt und begeistert. Mit wenigen Skizzen zeichnet der Autor Figuren und Szenerien, die gruseln und zum Nachdenken einladen.

Am Donnerstag, 4. April 2024 um 19:00 Uhr wird Henning Schöttke bei uns in der Buchhandlung lesen.

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Bora Chung: „Der Fluch des Hasen“

Sinnlich, schöne und befremdliche Literatur aus Korea. Bora Chungs Kurzgeschichten sind fantastisch und wirken, als hätte Roald Dahl dem König des Horrors aka Stephen King Küsschen gegeben. Alles ist bizarr, unheimlich und großartig geschrieben.

Das Gruselige tanzt hierbei aber auch gerne mit dem Humor. Alle Geschichten zeigen Alltägliches, um daraus dann das Unnormale, was immer das ist, zu erwecken. Denn, so sagt die Autorin, das Leben ist nicht normal. Die Geschichten zeigen Ebenen, die uns neue Perspektiven und Denkanstöße schenken. Alles wirkt doppelbödig und die Gesellschaftskritik ist stets spürbar. Doch sind einige Geschichten voller Dinge, die uns gruseln oder sogar ekeln lassen. Dennoch schreibt die Autorin mit einer großen Begabung. Ihre Literatur fesselt, macht neugierig und lässt uns hellhörig werden.

Es sind insgesamt zehn Geschichten, die jegliche Grenzen im Inhalt und in der Gattung sprengen. Die Realität streift Horror, Zukünftiges und wird dadurch zu magischem Realismus. Die Erzählungen lenken unseren Blick auf Soziales, auf den raffgierigen Egoismus und auf stets Unerwartetes. Unserem schnelldrehenden Alltag der Moderne fehlt das Magische und Bora Chung gibt uns die Magie zurück, um diese dann zuweilen ins Monströse und Absonderliche zu führen.

Ob die Anfangsgeschichte ein gelungener Einstieg ist, wirkt durch den Ekel fraglich. Denn hier erscheint einer Frau in der Toilette ein Kopf, der sie Mutter ruft. Es wird ein femininer Homunculus, der aus den Hinterlassenschaften der Frau erschaffen ist. Das Betätigen der Spülung reicht nicht, um das Phänomen aus dem Leben zu bannen. Morastig wird es in einer weiteren Geschichte, in der eine Frau in ihrem Fahrzeug in absoluter Dunkelheit erwacht. Eine Stimme, die sie anspricht, warnt, ihr Fahrzeug würde in einem Sumpf versinken. Als sie dem Fahrzeug entkommt und der Stimme vertrauend folgt, wird immer fraglicher, was jene Stimme bezweckt und ob es wirklich eine Rettung gibt? Eine weitere Erzählung beschreibt die Lebensbeziehung zwischen einer Frau mit einem Androiden, der ein älteres Modell ist. Doch mag diese Frau geraden diesen, dessen Akku aber Probleme bereitet. Die titelgebende Erzählung weist darauf hin, dass Gegenstände, die mit einem Fluch belegt werden sollen, besonders hübsch sein sollten. Doch Dinge für den Eigengebrauch zu verfluchen, ist verboten. Was bei Nichtbefolgung passieren kann, zeigt sich dann im „Fluch des Hasen“. Mit Körperlichkeit und Beschämung wird in den Geschichten oft gespielt. So leidet zum Beispiel eine Frau unter einer nicht aufhören wollenden Menstruation und um diese zu stoppen, soll sie die Antibabypille nehmen, doch die Nebenwirkung bei zu häufiger Anwendung ist die Schwangerschaft.

Das Normale verdreht sich, Gesellschaftliches und Alltägliches werden ins Groteske geführt und bilden einen ganz anderen Blick auf unser modernes Leben. Die Autorin verführt uns förmlich durch ihre Sprache und den übersprudelnden Ideenreichtum. Das Buch ist eine großartige und unheimlich gute Überraschung. Übersetzt aus dem Koreanischen wurde das Buch, das auf der Shortlist für den internationalen Booker Prize stand, von Ki-Hyang Lee.

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Elke Engelhardt: „100 sehr kurze Gespräche“

Es ist eine Freude, diesen Gesprächen zu lauschen. Es sind poetische Gedankensplitter, die ganz nuanciert einen weiten Raum öffnen. Dies ist eine Literatur, die Lust macht sich mit der Quelle zu beschäftigen. Es sind Splitter, weil Elke Engelhardt alles für diese Texte reglementiert hat. Um nicht auszuufern, sondern punktiert das Gedachte und Empfundene in Kurzkunst zu bringen. Alles mündet in der Zahl Einhundert. Eine Sammlung aus Hundert Kurztexten, die jeweils exakt aus einhundert Wörtern bestehen. Im Jahr 2022 begann es auf dem Blog der Autorin. Ihr Projekt: „100 Worte. 100 Tage“. Die Inspiration zu den Texten wurde einem zufällig gefundenen Zitat entnommen. Das Zitat und somit die Quelle wird stets vorangestellt. Somit sind diese Gespräche ein Versuch, die ausgelösten Gefühle, Gedanken und Weiterführungen des Zitats in eine eigene Prosa-Lyrik zu bringen. Elke Engelhardt stößt dabei auf Zitate von: Gertrude Stein, Astrid Lindgren, Sylvia Plath, Herman Melville, Tove Ditlevsen, Brüder Grimm, Ulrike Almut Sandig, Peter Nádas und viele mehr. Insgesamt sind es einhundert Quellzitate, die die Autorin zu literarischen Weltreflexionen animiert haben. Immer genau mit hundert Worten. Man ertappt sich hier und dort bei der Kontrolle und staunt über den genauen Rahmen, der, wie Zeit, unterschiedlich wirkt und doch eine beständige Einheit ist.

Die sogenannten Gespräche, die durch einen Anstoß als Selbstgespräch, als Reflexionen fixiert wurden, sind poetisch, klug und gehaltvoll. Die Tiefe erschließt sich nicht sofort oder immer. Doch regen alle Kurztexte zum Weiterdenken, zu einem Nachempfinden und zum Abschweifen an. Auch möchte man hier und dort mehr erfahren über den Ursprung und somit ist das Buch eine Bereicherung in der eigenen Drucklegung und in der Weiterführung als Literaturempfehlung zu verstehen. Ein kurzweiliger Lesespaß, der immer wieder in die Hand genommen werden möchte und stets neue Ideen und Gedanken anstößt.  

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Haruki Murakami: „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“

Der neue Roman von Haruki Murakami verspricht fantastische Literatur und hält sein Versprechen. Ein Roman, der mit dem Bewusstsein, dem Unbewussten, den Träumen und der Realität spielt. Die Phantasie und das Unbewusste sind Gedankenkonstrukte, die unser Handeln, Fühlen und Denken unterbewusst bestimmen. Im Roman sagt die Figur Herr Koyasu: „Bewusstsein ist das Gewahrwerden des eigenen physischen Zustands durch das Gehirn“. So verschlingt uns der Roman durch die Bilder, durch die Gedankenspiele und die Emotionen und baut um uns ein Labyrinth aus Wirklichkeit und Fantastischem. Wir Menschen erdenken und empfinden unsere eigenen Welten und verlieren uns zuweilen in der Fantasie oder werden durch die Realität zu einem Schatten unserer Selbst. Der Schatten ist ein wichtiger Aspekt in diesem Roman. Wer Murakami liest, weiß, in seinen Welten vermischen sich Realitäten und diverse Alternativen und bilden ein Geflecht aus dem ein Ganzes erbaut wird. Doch ist jede Ebene umgeben von Mauern und gerade diese gilt es zu überwinden. Die Mauern im Roman können unterschiedlich sein, sie sind unzerstörbar, nur ein Gedanke oder eine Membran und die Realitäten greifen ineinander. Murakamis Literatur ist somit eine kunstvolle Diffusion.

Eigentlich war „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ eine Erzählung. Murakami konnte diese Erzählung aber niemals ganz verlassen und loslassen. Themen griff er erneut in „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“ auf, um nun mit dem vorliegenden Roman endlich das komplexe Werk zu vollenden.

Der Erzähler ist am Anfang des Romans siebzehn Jahre jung und verliebt. Das Mädchen, das er liebt ist ein Jahr jünger und beide verbindet die Liebe zu Geschichten. Behutsam nähern sich beide einander an und die Liebe findet Erwiderung. Doch meint das Mädchen, dies sei nicht ihr wahres Ich. Sie, das eigentliche Bewusstsein, lebe in der Stadt mit der unbestimmten Mauer. Eines Tages bleibt das Mädchen weg und der Namenlose zieht nach Tokio und arbeitet später im Buchhandel. Doch seine Gedanken und Gefühle sind stets bei dem Mädchen und er sucht die mysteriöse Stadt, die ihn auch findet. Denn er fällt in eine Grube und als er sein Bewusstsein erlangt, steht vor ihm der Torwächter der Stadt mit der ungewissen Mauer. Um die Stadt betreten zu können, muss man seinen Schatten ablegen. Da er von dem Mädchen erfahren hatte, dass sie dort in der Bibliothek arbeitet, findet er sie in jenem Zentrum. Er wird ebenfalls als Traumleser tätig und arbeitet täglich mit dem Mädchen zusammen, die ihn aber nicht erkennt. Das Leben in der Stadt ist konturlos und befremdlich. Es ist eine Stadt, die der Phantasie des namenlosen Jungen und des Mädchens entsprungen ist. Auch Einhörner leben und sterben hier. Der Schatten, der außerhalb der Mauer ein tristes Leben fristet und immer mehr zu verschwinden droht, kann den Erzähler überzeugen, die Stadt zu verlassen. Es gelingt auch und der Erzähler und sein Schatten können die Mauer überwinden, doch ist es der Erzähler, der Schatten oder sind es beide, die unter rätselhaften Umständen die Stadt verlassen?

Auf den Erzähler wirkt alles wie ein Traum, doch lassen ihn die Bilder und die Emotionen nie los. Er kündigt und begibt sich in die Präfektur Fukushima und beginnt in einer alten Bibliothek zu arbeiten. Ein Traum hat ihn in diese Region geleitet und als er dort ankommt, findet er Erträumtes wieder. Auch der Ofen aus der Bibliothek in der Stadt mit der ungewissen Mauer befindet sich dort und immer mehr öffnen sich die Weltengrenzen. Erneut ist es auch der Tee und Apfelgeruch, der ihn an den Ort zu binden scheint. Die Menschen, denen er begegnet sind ebenfalls mysteriös, zum Beispiel Herr Koyasu, der vor ihm die Bibliothek geleitet hat und oft erscheint und den Erzähler einarbeitet, aber auch Grenzen überwindende Geschichten erzählt. Der Verlust der Liebe steht dabei im Mittelpunkt. Auch der Verlust des eigenen Schattens, der uns mit dem Leben verbindet. Immer wieder wandern die Gedanken und Gefühle zurück in die Stadt mit der ungewissen Mauer.

Eine traumwandlerische Reise. Das Märchenhafte ist eine Bewusstseinsstudie, die uns beim Lesen immer tiefer in die Vielschichtigkeit der Gedanken- und Gefühlswelten hinabreißt. Durch die Bilder und die zugängliche aber sinnliche Sprache verwurzeln sich die Handlung, die Figuren und die Themen immer mehr im eigenen Selbst. Murakami spielt mit seinen Gedanken und Figuren und bietet oft Wiederholungen an, die aber, wenn sie erfolgen, stets anderes beleuchten und somit einen ganz anderen Schattenwurf erzeugen.

Ein großer Murakami, der durch die beschriebenen Welten unsere Welt bunter, reicher und kontrastvoller werden lässt.  Der Roman wurde von Ursula Gräfe aus dem Japanischen übersetzt.

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Iris Wolff: „Lichtungen“

Dies ist der fünfte Leseschatz von Iris Wolff. Seit ihrem Debüt begeistert sie uns und erhält seit „So tun, als ob es regnet“ zum Glück auch ein größeres Publikum. Ihre literarische Stimme zählt zu den bedeutenden der Gegenwartsliteratur. Im neuen Roman erzeugt sie erneut stille Bilder, die voller Klang sind und sie reist mit uns zu bestimmten Erinnerungsmomenten der Protagonisten. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Freundschaft, Liebe und der Zugehörigkeit. Wer die Werke von Iris Wolff kennt, weiß, dass alle Figuren, ob Haupt- oder Nebencharakter, von Bedeutung sind. Auch tauchen ihre Fragen nach der Prägung durch die familiäre Verwurzelung und Herkunft auf und der Wunsch, dieser entkommen zu können.

Es ist die Geschichte von Lev und Kato. Eine Geschichte, die uns sofort in ihren Bann zieht und zwei Menschen vorstellt, die uns lange in Erinnerung bleiben werden. Dabei lernen wir die beiden in Kapitel neun kennen, denn Iris Wolff schreibt den Roman rückwärts. Dies geschieht, wie im wahren Leben, wenn man sich neu kennenlernt, denn ab dem Moment erfährt man im Rückblick von der individuellen Geschichte, die das Fundament der Gemeinsamkeit gießt. Dabei wird nicht alles erzählt, einiges bleibt im Stillen und schimmert nur ganz leise durch die Zeilen hindurch. Die Momente, die uns erzählt werden, sind wie Lichtungen im Leben von Lev und Kato. Die Kapitel sind eindrücklichste Augenblicke des Geschehens, Erinnerungen über die Zeit verstreut, die wie Lichtungen eine Erkenntnis erhellen. Die titelgebende Metapher suggeriert ebenfalls ein Drinnen und Draußen und damit spielt die Autorin.

Die Handlung beginnt damit, daß Lev Kato nach Zürich hinterherreist. Lev ist bisher meist in seiner bekannten Umgebung geblieben. Großgeworden sind beide im kommunistischen Vielvölkerstaat Rumänien. Kato ist in die Welt aufgebrochen und hat Lev aus allen Regionen Postkarten gesendet. Bis er eine erhält, auf der sie fragt, wann er denn komme. Dies weckt ihn aus seiner Erstarrung. Kato lebt den Tag mit ihrer Kunst und erneut ist es die Nähe, die Freundschaft, die beide sehr eng verbindet. Nun beginnt ihre Reise durch Europa und zu sich. Im Rückblick wandern wir in die bedeutenden Lebensstationen von Lev, die stets durch Kato geprägt sind. Die Zeitreise erzählt von seiner Fahrradtour, auf der er sich neu zu finden sucht, von seiner Arbeit im Holzfällercamp, seinem Kuraufenthalt und von seiner Jugend und Kindheit. Als Schüler ist etwas passiert, dass ihn erstarren ließ. Er konnte die Beine nicht mehr bewegen und war ans Bett gefesselt. Kato war es, die den Auftrag erhielt, ihn zu besuchen und mit den Schulaufgaben zu versorgen. Dies ist der Anfang ihrer unzerbrechlichen Freundschaft und Nähe.

Der Roman ist voller Schönheit und Poesie. Das Leben wird dabei im Zusammenhang mit der Beziehung der ungleichen Freunde im Rückblick erzählt und streift dabei die Geschichte und das Politische. Ein zeitloses Wunderwerk, das berührt und mit einer Leichtigkeit mit Schattierungen und Farben hantiert. Der ganze Roman ist wie ein Kunstwerk, das beim ganz genauen Hineinschauen immer mehr von sich preisgibt.

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Siehe auch unbedingt: Iris Wolff zu Gast auf Leseschatz-TV (YouTube): Vorstellung und Lesung aus „Die Unschärfe der Welt“

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René Maran: „Ein Mensch wie jeder andere“

Mit dieser Veröffentlichung ist die deutsche Erstübersetzung eines literarischen Meilensteins erschienen. Die Handlung spielt in den 1920er Jahren und wurde erstmals 1947 in Frankreich veröffentlicht. Der Roman handelt von den Verletzungen durch den allgegenwärtigen Rassismus. „Ein Mensch wie jeder andere“ stellt die Mitmenschlichkeit in den Vordergrund und in Frage. Die Thematik ist leider immer noch von Gültigkeit. Der Roman verschönt nichts und somit wurde auch in der vorliegenden Übersetzung von Claudia Marquardt die rassistische Sprache des Originals beibehalten.

René Maran wurde 1887 auf Martinique geboren und wuchs in Bordeaux auf. Er revolutionierte die Literatur seiner Zeit und gewann als erster schwarzer Schriftsteller den Prix Goncourt. Gerade dies verfolgte ihn ebenfalls, denn wurde er in Folge belobigt, weil er den Preis gewonnen hatte, oder weil er der erste Schwarze war, der ihn erhielt? Maran starb 1960 in Paris.

„Ein Mensch wie jeder andere“  wird von der Hauptfigur Jean Veneuse erzählt. Er schreibt und geht dabei zu sich selbst auf Distanz. Er verlässt Frankreich an einem kalten Novembertag. In seiner Vorrede zur Handlung geht er auf den erlebten Rassismus ein, der ihn in den damaligen modernen Zeiten entgegenschlug. Er kehrt nach Afrika zurück, wo er als Kolonialbeamter eingesetzt werden soll. Er verlässt Bordeaux in tiefer Trauer und Verwundung. Weinend schaut er auf sein dortiges Leben zurück, das ihm als Schwarzer verwehrt wurde. Er verlässt Freunde und vor allem Andreé Marielle, die Pariserin, der sein Herz gehört. Es ist eine Abkehr von der Liebe, eher ein verstandesmäßiger Verzicht, als eine erzwungene Trennung. Die Beziehung wäre nicht unmöglich gewesen und doch empfindet er sie als ungehörig, da er ein Schwarzer und Andreé eine Weiße ist.

Die gesellschaftlich unmöglich empfundene Liebe ist das Thema. Dabei ist Jean aus der Sicht seiner Freunde und Wegbegleiter ein Schwarzer, wie sie sich viele Weiße gewünscht hätten. Es wird über ihn gesagt, er sei kein richtiger Schwarzer, denn er wirkt wie einer von der „gehobenen“ Gesellschaft. Somit entsteht eine Trennung ohne Trennung und differenziert gerade dadurch. Die Barrieren sind nicht die Bildung oder die Intelligenz. Immer wieder ist es die Hautfarbe, die Vorurteile schafft und das Leben erschwert, verändert und unmöglich macht. Auf der Schiffspassage kehrt sich die Verletzung und Enttäuschung um. Aus Trauer, Scham und dem Verlust der Liebe erwächst ein Selbsthass. Am Bord der „Europe“ trifft er auf einen alten Freund, dessen Frau und eine junge Frau, Clarisse Demours. Alle drei versuchen den trübseligen Jean Veneuse aufzuheitern. Sein Abschied von Frankreich und seiner großen Liebe trifft auf zaghaftes Unverständnis. Auf die Versuche, ihm wieder den Blick auf die Liebe zu ermöglichen, antwortet er zögerlich, ironisch und voller Selbstzweifel. Er hadert zwischen Liebe und den menschlichen sowie gesellschaftlichen Stellungen.

Ein Roman, der in Zeiten des Kolonialismus spielt und den Rassismus, Hass und Selbsthass erlebbar macht. Ein wichtiges Werk, das nun endlich auch in der Übersetzung vorliegt. Es zeigt eine Vergangenheit, die das gegenwärtige Europa und die ganze Welt in der Geschichte enttarnt. Ein Roman, der es versteht neue, d.h. tiefere Sichtweisen auf die großen Themen zu öffnen. Es bleibt zu hoffen, dass wir lernen, dass wir alle Menschen sind, wie jeder andere und Liebe, Frieden und Glück verdienen.

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Alexander Häusser: „Karnstedt verschwindet“

Ein Roman über Schicksalswege, Liebe und Manipulation. Mit wenigen Wortskizzen erzeugt Alexander Häusser eine spannende und beklemmende Szenerie. Den Erzähler befällt ein Unbehagen und er versucht, Wärme zu finden. Er ist nach Dänemark, nach Varming, gefahren, denn Karnstedt hat ihn im Abschiedsbrief gebeten, sich um seinen Nachlass zu kümmern. Karnstedt ist verschwunden und anscheinend in den Freitod gegangen und hat zu Simon, dem Erzähler, über einen Anwalt Kontakt aufgenommen. Als Schüler waren beide Freunde und nun, bei der Abwicklung, kommen Simon auf Karnstedts Hof die Erinnerungen.

Mit einer Distanz baut der Autor mit seinem Erzähler eine emotionale Geschichte auf. Der Ich-Erzähler wechselt, sobald er gedanklich in die Vergangenheit reist, in die auktoriale Erzählperspektive. Die Handlung baut sich um die Geschehnisse langsam auf und dabei wird eine enorme Spannung und Beklemmung erzeugt.

Simon und Karnstedt werden aus der Not heraus Freunde. Beide fallen in der Klassengemeinschaft durch ihre Körpermerkmale auf. Simon durch seinen Kleinwuchs und Karnstedt durch das Fehlen jeglicher Behaarung. Beide sind kluge Jungs, die ständig den Quälereien der Clique um Tummer ausgesetzt sind. In einer Dachkammer träumen sich beide in eine Welt voller Abenteuer und Entdeckungen. Durch diverse Fachmagazine, die Simons Mutter im eigenen Lotto- und Zeitschriftenladen für die Jungs bereitlegt, angeregt, wächst die Begeisterung für Paläontologie. Beim Schwimmen begegnet Simon einer Frau, die ihn gänzlich in ihren Bann zieht. Leider hat diese erwachsene Frau anscheinend bereits eine heimliche Beziehung mit Tummer. Karnstedt, der seine eigenen und wahren Gefühle erst spät preisgibt, plant einzugreifen.

In der Gegenwart ist es Simon, der nun in Dänemark über seinen damaligen Freund nachdenkt. Ist Karnstedt tatsächlich ins Meer gegangen und was war vor Jahren auf dem Klassenausflug passiert? Das damalige Geheimnis tröpfelt langsam in die Erinnerungen des Erzählers und die rätselhaften Ereignisse offenbaren sich.

Ein ergreifender Roman über ein Verschwinden und um manipulative Machtspiele. Die Handlung wird durch eine zugängliche Sprache und mit behutsamen Bildern aufgebaut. Das Leben, das Begehren und die Liebe stehen dabei von Anfang an dem Vergänglichen gegenüber. Die gesellschaftlichen Strukturen und das Verlorengehen in der Ausgrenzung werden unheildrohend eingefangen. 

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Rudolf Habringer: „Diese paar Minuten“

Innerhalb weniger Minuten kann sich alles verändern. Rudolf Habringer verdeutlicht dies in Kurzform und verdichtet das wandelbare Leben in zwölf Erzählungen, die aber chronologisch gelesen ein Ganzes ergeben. Jede Kurzgeschichte steht für sich und wirkt allein. Die einzelnen Schicksale sind alle bewusst oder unbewusst verbunden. Alle eint der gemeinsame Lebensraum, das Hügelland an der Donau. Wir stolpern in deren Alltag und beobachten die Protagonisten nur kurz. In diesen kurzen Abschnitten verdichten sich die privaten und beruflichen Beziehungen. Die Wendungen sind überraschend, böse und oft sehr raffiniert.

Bereits mit den ersten Erzählungen taucht man ein in diesen kurzweiligen und klugen Kosmos. Die Sprache ist direkt, unverblümt und gleich den Handlungen ausgeklügelt. Charaktere tauchen wieder auf und aus dem Erzählband wird letztendlich ein zusammenhängendes Werk, das uns in Abgründe blicken lässt.

Menschen, die Ehebruch oder Fahrerflucht begehen. Es sind verzweifelt Liebende, sorgende Eltern, einsame und psychisch Kranke. Auch Unternehmen, wie Banken, die skrupellose Immobilenprojekte finanzieren rücken in den Vordergrund. Verbrechen, Betrug und Vertuschungen tauchen auf.

Blitzartige Minuten sind es, die uns teilhaben lassen an schockierenden Handlungen. Jeder kurze Einblick offenbart eine enorme Veränderung. Innerhalb von Sekunden ändert sich alles. Sobald man eine Geschichte verlässt und beendet hat, stolpert man erneut in die selbige Welt, die dann doch ganz anderes sichtbar werden lässt.

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Shubhangi Swarup: „Breiten des Verlangens“

Die „Breiten des Verlangens“ ist literarische Tektonik. Ein großräumiges Epos voller Bewegung, Veränderung und Verbindungen. Der Roman lässt Bilder erblühen, die lange nachwirken und im wahrsten Sinne verzaubern, denn dieses Werk ist magischer Realismus. Durch die poetische und schöne Sprache packt einen selbst ein Gezeitensog, der einen am Ende aus dem Buch leicht verändert herauspurzeln lässt. Die Geschichte, die der Roman erzählt, greift tief in die menschliche Entwicklung und unseren Lebensraum. Das kleine individuelle Leben wird hierbei der Entstehungsgeschichte der Kontinente gegenübergestellt und alles ist letztendlich verbunden. Doch gibt es Kontinentalplatten, die abdriften und sich wieder andernorts aufeinander zubewegen. Im Roman taucht später eine Figur auf, die fragt, was eine gute Geschichte ausmacht. Was ist es wert überhaupt erzählt zu werden? Spannend wird es stets, wenn es um Veränderung und Entwicklung geht. Stille zu erlangen ist dabei schwer, denn Stillstand gibt es nirgends.

Das Werk ist in Abschnitte: „Inseln“, „Verwerfungen“, „Tal“ und „Schneewüste“ eingeteilt. Jedes Kapitel wirkt in einer anderen Perspektive. Doch stehen alle Charaktere miteinander in Verbindung. Wie Kontinente sind sie miteinander verbunden, aber es kommt dabei auch zu Spannungen und Verwerfungen. Ein junger Botaniker lebt auf den Andamanen. Sein Leben ist durch die Natur geprägt, die er zu ergründen versucht. Seine Ehe ist eine arrangierte, die zufällig durch einen Weisen Anschub erhielt. Doch sind die Eheleute sich nicht fremd und ihre Liebe und Seelen finden zueinander. Sie ist feinfühlig und eng mit der Geisterwelt verbunden. Sie spricht mit Bäumen und Geistern. Durch eine Verwerfungslinie ist eine Grenze für die unruhigen Seelen geöffnet. Sie fühlt und erlebt, was ihr Mann empfindet und träumt zuweilen seine Träume mit. Beide wachsen immer mehr zueinander. Doch wird ihr Glück durch viele Erschütterungen gebrochen. Ihre Haushaltshilfe und späteres Kindermädchen, sowie deren Sohn und Freund werden die Hauptfiguren der folgenden Abschnitte. Somit wandert der Text durch Zeiten und Gezeiten. Jeder Handlungsstrang vertieft die Geschichte und Charakterisierungen. Dabei wird von menschlichen Schicksalen, wie politische Gefangenschaft oder der Verlust durch Naturkatastrophen, erzählt. Das individuelle Sein steht dabei den Machtapparaten der Regierungen gegenüber zuweilen gleichfalls machtlos ausgeliefert wie bei einem Tsunami. Der Roman sprengt viele Grenzen und es werden Erinnerungen geweckt an Werke von Arundhati Roy oder Isabel Allende. Das geistige und materielle Leben tanzt mit den Figuren und schleudert diese in Geschichten, die uns sofort gefangen nehmen. Ein Epos zum Abtauchen und Staunen.

Shubhangi Swarup lebt auf Goa. Sie ist Autorin, Journalistin und Pädagogin. „Breiten des Verlangens“ (Latitudes of Longing), ihr Debütroman, wurde bereits in 15 Sprachen übersetzt und ist ein internationaler Bestseller. Übersetzt wurde die deutschsprachige Ausgabe von Milena Adam.

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