Margarita Liberaki: „Drei Sommer“

Dieser Roman ist vor 75 Jahren erschienen und ist in Griechenland bereits ein moderner Klassiker. Die Autorin, Margarita Liberaki, zählt zu den wichtigsten Stimmen Griechenlands. Anhand von drei Sommern wird der Werdegang dreier Schwestern erzählt. Was bedeutet es, eine Frau zu sein? Dieser Text ist so zeitlos und immer noch von immenser Bedeutung, dass wir uns freuen können, dieses Werk erstmalig in deutscher Übersetzung, von Michaela Prinzinger, entdecken zu können.

Drei Schwestern, Maria, zu Beginn des Romans 20, Infanta 18, und Katerina, die Jüngste, 16 Jahre alt, wachsen in einer Idylle nahe Athen auf. Auf den ersten Blick wirkt alles sorglos und die jungen Frauen erleben eine leichte, fast sorgenfreie Zeit. Es gibt auf dem Anwesen Bedienstete und der Alltag wird durch das Erleben der Natur, Lesen, Freunde treffen und gemeinsame Mahlzeiten geprägt. Auch wenn es Geschwister sind, unterscheiden sie sich sehr. Anhand von Kleinigkeiten und Altäglichem zeigt die Autorin die feinen trennenden Nuancen. Als Beispiel sind gleich am Anfang die Strohhüte auffallend oder die übertragenen Beete, beziehungsweise die Pflanzen, die sie zu versorgen haben. Anhand der Auswahl und Bepflanzung zeigt sich bereits der jeweils junge Charakter.

Doch die Idylle ist nur eine scheinbare. Denn immer deutlicher werden die Risse und Verletzungen, die die Familie geprägt haben. Die Eltern leben in Trennung, die Geschichte der polnischen Großmutter und eine Vergewaltigung, die immer noch in der Gegenwart auf die Charaktere einwirkt. Die Erzählperspektive wechselt und immer mehr müssen die drei Schwestern ihren Platz im Leben finden. Anfänglich gaben sie sich ihren Träumen, liegend auf der Wiese, hin. Nun müssen sie für ihren Lebensweg Entscheidungen treffen. Kann man seine Freiheit trotz Ehe finden? Kann man seine Vollkommenheit nur finden, wenn man sich an jemanden bindet oder ist gerade das Gegenteil richtig? So stellt sich besonders die jüngste der Schwestern die Frage, ob sie auf Liebe und Familie verzichten muss, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Maria, die stets einen kleinen Hang zum Romantischen und Verklärten hat, will heiraten und denkt, die Liebe wird schon kommen. Infanta, die etwas Enthobenes, Unnahbares umwebt, macht Hand- und Hausarbeiten und liebt es, mit ihrem Pferd auszureiten. Es ist die Jüngste, die am meisten beobachtet und zwischen Freiheit, Liebe, Risiko, Häuslichkeit und künstlerischer Kreativität schwankt.

Margarita Liberaki vermischt sehr gekonnt die Perspektiven und somit die Erzählstile. Ganz filigran lässt sie diese kleinen Veränderungen einfließen und besonders das Beobachten der kleinen Momente zeigt die enorme Wirkung auf die handelnden Figuren und charakterisiert diese dadurch. Der Roman zeigt die gesellschaftlichen Grenzen und Möglichkeiten. Das Damalige strahlt seine Aktualität aber immer noch in unser Jetzt. Sehr einfühlsam und mit einer wunderbaren Sprache gelingt es der Autorin, die Geschichte persönlich erlebbar zu machen und man versinkt in jenen drei Sommern. Die Autorin wurde 1919 in Athen geboren und schrieb bereits während ihres Studiums. Sie lebte lange in Paris,  wo sie Jean-Paul Sartre kennenlernte und Albert Camus zu ihrem Bewunderer wurde. Sie starb im Jahr 2001.

Das Buch hat die Sonne Griechenlands in sich und erzählt eine realistische Geschichte dreier Frauen. Der Roman wirkt wie die Lieder, die die Protagonisten singen. Er hat etwas Klares, Melancholisches, etwas in alten Kulturen Verwurzeltes und Wunderschönes.   

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Elizabeth Taylor: „Mrs Palfrey im Claremont“

Wir wünschen uns alle einen guten Lebensabend. Doch gestaltet sich dieser leider selten in den eigenen Räumlichkeiten. So hat Elizabeth Taylor eine verwitwete Heldin ins Leben geschrieben, die in ein Hotel zieht, um dort den Rest ihres Lebens zu verbringen. Ein Heim kommt aus mehreren Gründen nicht in Frage. Das Leben im Claremont ist bestimmt durch die tägliche Routine, Klatsch und Tratsch und das Warten auf Abwechslung. Ein Warten auf das Ableben wird belebt durch Zeitvertreib. Zeitvertreib ist bei uns Menschen eine merkwürdige Eigenschaft. Als wäre man der Zeit überdrüssig und wolle diese vertreiben und sich durch Ablenkung versüßen. Elizabeth Taylor hat hier einen wunderbaren Roman verfasst, der anregt, erheitert und einfach große Literatur ist. Das Buch, das jetzt in der Übersetzung von Bettina Abarbanell vorliegt, zählt zu den besten englischen Werken, war für den Booker Prize nominiert und wurde verfilmt.

Es beginnt an einem regnerischen Sonntag, als Mrs Palfrey im Claremont einzieht. Es ist ein Hotel, das nicht gerade den Luxus verströmt, aber dennoch einen gewissen britischen Charme ausstrahlt. Übliche Hotelgäste tauchen nur begrenzt und kurzweilig auf. Die beständigen Mitbewohner haben sich gleich Mrs Palfrey in das Claremont eingemietet, um dort den Lebensabend zu verbringen. Der tägliche Höhepunkt ist das Essen. Dabei ist die Bestellung à la carte eher ein Witz, denn es gibt meist eine sehr begrenzte Auswahl an Gerichten, die stets im Haus als Information aushängen. Das Haus hat sich somit leicht widerwillig an die Stammgäste angepasst. Die älteren Menschen sind allesamt exzentrisch, eigenwillig und sehr, sehr neugierig. Der Tag wird belebt durch gegenseitiges Beobachten und das Sammeln von Informationsschnipseln, die die Gespräche und die gegenseitigen Auffassungen beleben. Mrs Palfrey ist nun als neuer Gast im Zentrum der Wahrnehmung, die aber nicht öffentlich zur Schau getragen wird. Die Blicke wandern beim Essen, beim Stricken oder beim gemeinsamen Seriengucken zu dem Neuankömmling. Kontakte entstehen und besonders das soziale Umfeld der Anderen ist oft ein allgemeines Thema. Leider ist Mrs Palfrey sehr einsam. Ihre Verwandtschaft ist weit weg und der Enkel, der im Museum tätig ist, hat keine Beweggründe, ihr einen Besuch abzustatten. Dies wird bemitleidend wahrgenommen.

Jeder Alltag, der eine Aufgabe enthält, ist ein Gewinn und als Mrs Palfrey für eine Mitbewohnerin Bücher aus der nahegelegenen Bibliothek besorgen soll, verknackst sie sich ihren Fuß und ein junger Mann tritt helfend zur Seite und somit in Ihr Leben. Dies ist der mittelose Ludo, der von einem Leben als Schriftsteller träumt. Da sie sich bei ihm erkenntlich zeigen möchte, lädt sie ihn zu einem Essen ins Claremont ein und verneint ihren Mitbewohnern gegenüber nicht, als diese ihn für ihren Enkel halten, dass er dies nicht ist. Ludo ist ganz begierig, mehr über das geriatrische Leben zu erfahren und verwendet Mrs Palfrey als Vorbild für seinen Roman. Aber auch in dem sozialen Umfeld von Ludo gibt es Veränderungen.

Somit sind mehrere feine und kleine Spannungsbögen gesetzt und die Protagonisten entkommen ihrem Kleid aus Langeweile und Tristesse. Besonders die Charakterisierungen und die Beziehungen zueinander beschreibt Elizabeth Taylor großartig. Es ist ein lesenswerter, humorvoller, aber auch trauriger Roman, der gegen Ende sogar den Spannungsbogen verstärkt. Aber bereits mit den Anfangsszenen hat Elizabeth Taylor den Leser gefesselt und begeistert.

Das großartige Leseerlebnis wird abgerundet durch ein lesenswertes und wissenswertes Nachwort von Rainer Moritz.

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Dana Grigorcea: „Die nicht sterben“

Ein politisches Märchen oder ein gesellschaftlicher Schauerroman? Auf jeden Fall ein wunderbares Werk. Was gruselt mehr, die Realität oder die Fiktion? Ein Roman, der als klassischer Gruselroman auf die Gesellschaft, Geschichte und Politik zeigt. Die Handlung spielt in einer kleinen Stadt in den Bergen an der Grenze zu Transsilvanien. Diese Örtlichkeit weckt sofort Erinnerungen an die Legenden, die sich um diese Region ranken. Weltruhm erlangte die historische Figur, die hier gelebt hat, durch den Roman von Bram Stoker, der mit „Dracula“ einen der schönsten Gruselromane überhaupt verfasst hatte. Dana Grigorcea bedient sich dieser Welt, um aber auch auf die Realität zu blicken.

Eine in Paris ausgebildete Künstlerin besucht ihre Großtante in deren Villa. Erinnerungen an die kommunistische Diktatur keimen in ihr. Sie kehrt an den Ort, den sie in ihrer Kindheit oft aufgesucht hatte, zurück um in den Sommerferien die Natur, die Landschaft und das einfache Leben zu genießen. Der Kommunismus ist Vergangenheit und dennoch ist im Ort eine leichte Verzweiflung und Perspektivlosigkeit zu spüren. Die Großtante zelebriert aber weiterhin ihren Leitspruch, dass nichts sie zu zerbrechen vermag. Die alten Freundschafts- und Familienfäden nimmt die Erzählerin am Ort wieder auf. Die Erzählerin blickt aber mit ihrem Bericht auf die kommenden Geschehnisse zurück und hält ihre Erinnerungen schriftlich fest, um das, was ihr dort wiederfahren ist, publik zu machen. Auch Stoker hat seinen Roman so aufgebaut, dass man stets die Berichte der Charaktere zu lesen bekommt. Bei Dana Grigorcea ist es ein Bericht, der aber genauso fantastisch und sehr gruselig wird.

Bei einem Ausflug kommt es zu einer Tragödie und bei den Vorbereitungen zur Beisetzung in der Krypta wird eine Leiche gefunden. Diese wird auf dem Grab von Vlad, dem Pfähler, übel zugerichtet gefunden. Als Hätte der Fürst der Dunkelheit  zugeschlagen. Denn Vlad III. ist durch seine brutale Art in die Geschichte eingegangen. Er hat sein Land von allem Ungerechten und der Unterdrückung befreien wollen. Seine Feinde hat er grausig ermordet. Da er auch im Orden des Drachen agierte, wurde er Dracula, Sohn des Drachens, genannt. Ist dieser Blutsauger nun erneut auferstanden? Hat man nicht auch einen Nebel gesehen? War da nicht eines Nachts auch jemand bei der Erzählerin? Ist nicht ein Wesen auf allen vieren eine Mauer herabgeklettert? Warum schwindet langsam der Appetit und der Blick in den Spiegel bleibt leer?

Die Vampirgeschichte um Dracula scheint wieder belebt zu sein und das ganze Umfeld der Erzählerin macht mit ihr eine Verwandlung. Der Blick in die Vergangenheit vermischt sich mit der Gegenwart. Die Zeitenfolge wird für die Erzählerin immer schwerer zu greifen, aber letztendlich geht es auch immer nur um das Schicksal, egal wann dieses zuschlägt.

Doch sehen mit den Geschehnissen in der Stadt auch manche die Chance auf Veränderung. Die Möglichkeit, daraus Kapital zu machen und den Ort erneut zu beleben. Auch der Ruf nach einer starken Führungsfigur ist zu vernehmen.

Somit ist der Grundstein für eine tolle Geschichte gesetzt. Der Blick in das Auge eines Gegenübers verrät auch nur die eigene Spiegelung und somit wird das Reale fantastisch und das Grauen wird wahr.

Dana Grigorcea hat einen so tollen, altmodischen und doch ganz modernen Gruselroman geschrieben. Im Buch verwebt sie in der Fiktion die Geschichte des Landes mit der Gegenwart und verbindet Mythen mit der Wahrheit. Gesellschaftliches und Politisches wird dabei gekonnt gestreift. Ein gespenstisch guter Roman.

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Julia Rothenburg: „Mond über Beton“

Julia Rothenburg geht mit jedem Buch etwas weiter. Sie versteht es erneut, anhand ihrer Figuren einen umfangreichen Bogen an Milieus und Stimmungen zu erzeugen. In ihrem dritten Roman „Mond über Beton“ weckt sie nicht nur eine Handvoll Charaktere, sondern auch einen Wohnbezirk, einen brisanten Berliner Platz zum Leben. Dabei ist der regionale Bezug zu Berlin lediglich ein Bild, das die Autorin erzeugen möchte, das aber in jeder Stadt spielen könnte.

Die Handlung spielt am Kottbusser Tor und Zentrum Kreuzberg. Dieser Platz erwacht mit dieser Lektüre wortwörtlich für wenige Tage. Man muss kein Berliner sein und die Örtlichkeiten kennen, um dem Charme und dem Reiz der Figuren und Handlungen zu erliegen. Rund um den Platz hat sich eine Drogenszene etabliert und somit ist es ein Sammel- und Brennpunkt verschiedenster Gesellschaften, Kulturen und Kriminalität. Inmitten diese Welt wirft uns Julia Rothenburg hinein. Mit viel Empathie entwirft die Autorin die Charaktere und mit feinen Beobachtungen und Bildern erwacht das Leben im Roman und am Kotti. Wenige Tage bleibt der Leser Zeuge der Geschehnisse an diesem Platz. Mit gekonnten Dialogen und den vernetzten Handlungsverläufen wird man immer mehr an den Roman gefesselt und möchte bei den wenigen Figuren verbleiben. Auch mit der Sprache spielt Julia Rothenburg passend zu der Handlung. Es gibt Sätze, die ins Leere verlaufen und in der Luft hängen bleiben, wie auch manche Menschen im Roman.

Wir lernen Ario, den Stadtstreicher kennen, der noch relativ klar die Situationen in seinem Umfeld erfasst und den Beton des Platzes allen anderen Schlafplätzen vorzieht. Ihm begegnet ein Engel. Der Engel ist Aylin, die zwei verschiedene Verkäuferinnenstellen angenommen hat und sich Sorgen um die Zukunft macht. Sie jobbt bei Rewe und beim türkischen Gemüsemarkt von Mutlu. Mutlu ist ein alleinerziehender Familienvater, der ständig im Laden arbeitet und nebenbei auch seine Söhne Baris und Burak im Auge behalten möchte. Denn Baris träumt von einer Karriere als YouTube Star und als er sein Idol trifft,  meint er seinem Ziel sehr nahe gekommen zu sein. Sein Bruder, Burak, läuft Gefahr, ins Drogenmilieu abzurutschen. Als die Kriminalität am Platz immer offensichtlicher wird, wollen die Alt-Linken Marianne und Günther zum erneuten Häuserkampf aufrufen und mobilisieren die anderen An- und Mitbewohner. Stanca, eine Rumäniendeutsche, die ständig wegen ihrer Mietschulden in Bedrängnis gerät, macht auf einem Spaziergang mit ihrem Dackel einen grausigen Fund und die Idee einer Bürgerwehr wird geboren. Sie wollen ihren „Kotti“ zurückerobern und von den kriminellen Machenschaften um den Platz befreien. Doch lauern noch ganz andere Abenteuer auf die Helden…

Ein Roman, der sich langsam aufbaut, aber sich gerade dadurch immer fester im Lesenden verankert. Die Figuren erzeugen ein Suchtpotential und man folgt gebannt dem ganzen Handlungsverlauf und blickt dabei immer tiefer in die sozialen Milieus. Ein ganzer Platz erwacht zum literarischen Leben und mit ihm die fiktiven Menschen, die uns zeigen, wie porös unser Lebenskonstrukt sein kann. Erneut zeigt Julia Rothenburg nach „Koslik ist krank“ und „hell/dunkel“ auf unsere gesellschaftlichen Risse. Der dritte Beweis, warum ich Fan dieser Autorin bin.

Danke Julia Rothenburg und Frankfurter Verlagsanstalt – dies ist nun der achte Roman, auf dessen Buchdeckel ich zitiert werde! Dies auch gleich unter Feridun Zaimoglu!

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Rainer Moritz: „Als wär das Leben so“

Rainer Moritz, ein Mann des Buches, hat einen sehr herzlichen Roman geschrieben. Er handelt von einer Frau, die ihren Weg geht und nicht auf Karriere oder Ehe fixiert ist. Anspruchsvolle Liebes- oder Lebenspläne macht sie erst gar nicht. Sie scheut den sentimentalen Rückblick und vermeidet stets die Wehmut. Sie will ein selbstbestimmtes Leben führen, ohne dabei viel zu verlangen. Sie ist bescheiden und wirkt in sich ruhend und mit ihren eigenen Lebensbestimmungen glücklich. Doch ist sie dies wirklich?

Rainer Moritz hat eine Frau ins Leben geschrieben, die auf ihrem Weg zur Freiheit direkt in das Herz des Lesers wandert.

Der kleine Roman beinhaltet ein ganzes Leben und ist voll von erlebten Momenten. Lisa schreibt einen Brief an ihre Eltern. Sie möchte sich erklären, möchte etwas Wichtiges mitteilen. Will sie sogar einen Abschied formulieren? Dies fällt ihr schwer, möchte sie doch nicht zu sentimental klingen. Daher wirft sie jeden neuen Schreibversuch weg. Diese werden in Folge stets ab und zu zwischen die Kapitel eingeschoben. Denn beim Schreiben kommen ihr die Erinnerungen. Sie wächst in einem kleinen Dorf an der Schlei auf. Sie wird die Schlei immer lieben und die Verbindung zu ihrem Elternhaus stets halten. Sie benötigt immer Gewässer ums sich. Wasser als Meer oder eben als Fluss. Lisa ist eine gute, aber stille Schülerin und kommt auf das Gymnasium. Jungs gibt es in ihrem Umfeld, doch sind ihr diese nicht sehr wichtig. Küssen müssen sie können und sie so akzeptieren wie sie ist. Diesem Credo folgt sie in Folge. Nach der Schule wird sie Buchhändlerin, weil sie die Literatur und das Lesen liebt. Ihr Lesegeschmack und ihre charmante Art lassen sie zu einer guten Verkäuferin werden. Doch strebt sie keine Karriere an. Auch das Liebesleben ist eine reine und selten andauernde Begleiterscheinung. Sie reist lieber mit ihrer Freundin und wenn sie mit einem Liebhaber mal auf die Reise gegangen war, endete es durch einen Unfall sogar in einem Krankenhaus.

Später arbeitet sie bei einem Hamburger Zeitungsverlag im Vertrieb. Die Arbeit ist gut und sie macht diese gerne. Dennoch ist es nicht ihr Lebensmittelpunkt. Denn kaum zuhause und bei ihrem Kater, der auf den Hundenamen Bello hört, vergisst die den Alltag und ist ganz bei sich. Irgendwann ist dann doch ein Mann an ihrer Seite, der Verheiratete. Er ist für wenige, geplante Momente bei ihr. Aber nie ganz. Doch scheint Lisa mit ihrem Leben glücklich zu sei, bis ihr das Schicksal das Ruder aus der Hand nimmt.

Der Reiz des charmanten Textes ist die Figur Lisa. Durch ihre Beharrlichkeit und ihre doch bescheidenen Lebenswünschen hat man sie sofort gern. Eine Frau, die alleine lebt, ohne jemals einsam zu sein. Prof. Dr. Rainer Moritz hat erneut für eine sehr positive Überraschung gesorgt. Auch versteht er es toll, seine Leidenschaften einfließen zu lassen: Literatur, Musik, Frankreich und allgemein das Reisen und gutes Essen. Ein rundum schönes Leseerlebnis.

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Flavio Steimann: „Krumholz“

Der Inhalt des Romans ist einem  authentischen Fall nachempfunden. Der Autor schafft aus den Materialien um den Fall ein fiktives Werk und haucht den Protagonisten mit sehr viel Empathie Leben ein. Durch die Verwendung von Bildern und den unglaublich gekonnten Spracheinsatz entsteht ein Leserausch. Es sind zwei Hauptstränge, die sich vereinen und die beiden Protagonisten werden durch ihre Taten oder durch ihr Umfeld isoliert. In dem Refugium erlernt die Frau das Beobachten und er in seiner Haft das genaue Hören. Beides sind dramatische Figuren, die kurzweilig ein Gespür für bescheidenes Glück bekommen. Der Autor lässt mit seinem Werk die ländliche Schweiz des frühen 20. Jahrhunderts aufleben. Der Fall, der zu diesem Roman inspirierte, beruht auf einem Verbrechen des Jahres 1914.

Es handelt von einem Mädchen, die lange auch nur so genannt wird, bis sie, mit voranschreitendem Alter, den Namen Agatha bekommt. Sich selbst wird sie der einfachheitshalber Aga nennen. Der auktoriale Erzähler schaut bei seinen Charakteren ganz genau hin, spürt sich ein und berichtet ohne Wertung über deren Werdegänge. Denn es taucht später noch Zenz beziehungsweise Torecht auf. Agatha und Torecht haben beide ein schicksalhaftes Leben und stammen aus armen Verhältnissen. Doch erleben beide Ähnliches, aber dennoch gänzlich Unterschiedliches. Anfänglich tauchen wir ein in die Welt des Opfers, um ab der Hälfte des Romans den Blick auf den Täter zu werfen.

Agathas Geburt ist bereits dramatisch und raubt der Mutter das Leben. Das Kind wird taubstumm geboren. Der Vater gibt das Kind in seiner Trauer zur Pflege ab und als dieser kurz darauf auch stirbt, wird sie in eine Armen- und Idioten-Anstalt gebracht. Dort lebt sie in sich isoliert und muss niedere Arbeiten ausführen. Dabei wird sie immer mehr zu einer stillen und genauen Beobachterin, denn die Laute in ihrer Umgebung dringen nicht zu ihr durch. Sie lernt die Handarbeit und entwickelt darin eine Begabung. Sie bekommt als junge Frau eine Einstellung in einer Textilfabrik. Das Glück wirkt greifbar, doch erkrankt sie an Tuberkulose und wird zur Erholung aufs Land geschickt. Täglich geht sie hier mit ihren Handwerksutensilien in die Natur und gerne in den Wald. Hier beobachtet sie Torecht und sie wird eines Tages nicht zurückkommen.

Torecht hat sich als Waldmensch in die Natur zurückgezogen und aus der Gesellschaft verabschiedet. Er empfindet wenig Empathie und hat Probleme, Gut und Böse, Recht und Unrecht zu differenzieren. Es kommt zu einer Verhandlung, in der sein Werdegang zum Täter dargelegt wird. Er hat sich bereits als Kind mit Lügen und Stehlen durchgeschlagen. Auch für ihn ist das Glück kurzzeitig zum Greifen nah, als er als Model in die Künstlerkreise gerät. Er reist sogar mit einem Künstler nach Paris, um aber dort etwas später fallengelassen zu werden. Er kehrt zurück in die Wälder seiner Heimat.

Dieser Roman lebt durch die literarische Sprache. Eine ganze Welt entsteht durch die begeisternde Prosa. Die Handlungen und die Charaktere sind subtil und dennoch mit einer enormen Größe gezeichnet. Beide Lebensläufe erhalten  eine eindringliche Glaubhaftigkeit. „Krumholz“ ist ein Sprachkunstwerk und beinhaltet eine sehr besondere Geschichte.

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Merle Kröger: „Die Experten“

Ein tolles Buch, das einen fesselt und durch den Wahrheitsgehalt gruseln lässt. Es beginnt wie ein guter Familienroman, der sich dann immer mehr zu einem dokumentarischen Thriller verwandelt. Alles ist sehr gekonnt vereint. Die zentralen Charaktere und deren Handlungsverläufe wurden in geschichtliche Ereignisse gesetzt und somit ist dieser Roman ebenfalls ein historischer Roman. Das umfangreiche Quellenverzeichnis belegt den Wahrheitsgehalt und die gute Hintergrundrecherche. Es ist ein Roman mit einem guten erzählerischen Bogen, der vieles vereint, dabei aber niemals die Grenzen der Belastbarkeit überschreitet und dadurch begeistert.

Es sind drei Fotoalben, ein grünes, ein blaues und ein dunkelrotes. Diese werden durchgesehen und anhand der Bilder baut sich der Handlungsverlauf auf. Jedes Kapitel beginnt mit einer Fotobeschreibung die sich dann im folgenden Kapitel erklärt. Im Vordergrund steht dabei Rita Hellberg, die in das Abenteuer hineingerissen wird.

Es sind die sechziger Jahre und der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser will seinem Land wieder zu Stärke verhelfen und strebt eine Unabhängigkeit an. Sein Slogan lautet dabei stets von der Nähnadel bis zur Rakete. Dies bedeutet, dass alles vom Kleinen bis zum Großen, im Land selbst gefertigt werden soll. Nur fehlt es noch an Spezialisten. Besonders Wissenschaftler, die sich mit Flug– und Raketenforschung auskennen. So wirbt der Präsident viele deutsche Ingenieure, Flugzeugbauer und Raketenforscher ab. Diese hatten in der Zeit des Nationalsozialismus unter anderem in Peenemünde für die Nazis Raketen und Flugzeuge gebaut. Durch die Entnazifizierung und Entmilitarisierung nach dem Krieg durften diese Arbeiten nicht fortgesetzt werden. Viele drängten dennoch darauf,  ihre Projekte fortzusetzen und sahen nun in Ägypten ihre Chance. So ist auch der Vater der Heldin des Romans einer dieser sogenannten Experten. Friedrich Hellberg konstruierte Überschallflugzeuge und sieht seine Zukunft nicht in der wieder erlaubten Luftfahrtindustrie in Deutschland. Somit geht er mit seiner Frau und der jüngsten Tochter Pünktchen nach Kairo, um an Düsentriebwerken und Kampfflugmaschinen zu arbeiten. Rita ist noch Schülerin, wurde aber gerade des Internats in Plön verwiesen und will kurz die Familie in Ägypten besuchen. Der Bruder, der seine Freiheit und den Jazz liebt, bleibt in Hamburg, weil er sich nicht gut mit dem Vater versteht. Der Vater hat auch mit Rita seine Pläne und der eigentlich befristete Besuch war von vornherein anders durch ihn geplant. Rita soll in Ägypten bleiben, denn die Familie gehöre laut dem Vater zusammen. Der Sohn taucht bei dieser Berechnung gar nicht mehr auf. Rita bekommt kurzerhand eine Arbeit als Sekretärin im Team um den Wissenschaftler Wolfgang Pilz. Dadurch erlangt sie langsam immer mehr Einblick in die Machenschaften der „Experten“.

Es ist mehr als ein normaler Thriller. Die richtigen Spannungselemente tauchen etwas später auf. Aber dennoch bekommt man beim Lesen von Anfang an oft eine Gänsehaut. Es sind die untergetauchten Kriegsverbrecher und Nazis, die sich als Experten in Ägypten tummeln, die einen das Grausen lehren. Sympathie erlangt Rita, die Heldin des Werkes. Sehr gekonnt verwebt die Autorin die fiktionale Geschichte mit den historischen Ereignissen. Rita macht ihre Entwicklung und nabelt sich nicht nur vom Elternhaus ab. Sie wird zu einem Geheimnisträger und muss lernen, sich zu entscheiden, wo sie im Leben steht. Gerade das Familienleben mit den polarisierenden Elternteilen beschreibt Merle Kröger sehr empathisch. Die eingestreuten Dokumente geben dem Buch eine Glaubhaftigkeit, die eher an eine gute Dokumentation erinnert. Ab dem blauen Fotoalbum und dem Auftauchen der Geheimdienste und dem Verschwinden von Menschen, wird das Buch immer mehr zu einem Thriller. Diesen Spagat zwischen dem fiktionalen und dem wahren – und selten erzählten – Kern der Geschichte beherrscht Merle Kröger großartig.

Dieses Buch verdient eine uneingeschränkte Leseempfehlung und sollte von vielen gelesen werden.

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Ina Westman: „Heute beißen die Fische nicht“

Ein wunderbares Buch, in dem eine Familie, besonders die Frau, um ihre Gemeinsamkeit und um ihre Überzeugungen kämpft. Ein toll ausformulierter Roman voller Tiefgang und Stimmung. Im Kern steht stets die Frage nach unserer Menschlichkeit. Ina Westman wurde 1974 geboren und ist eine Schriftstellerin, renommierte Bloggerin  und Kommunikationsmanagerin in der Verlagsbranche in Helsinki. Dies ist ihr zweiter Roman, der von Stefan Moster aus dem Finnischen übersetzt wurde.

Eine Familie verbringt den ganzen Sommer auf einer entlegenen kleinen Insel in der finnischen Schärenlandschaft. Es ist das Ehepaar Emma und Joel, die mit ihrer Tochter Fanny einen Rückzug aus ihrem städtischen und alltäglichen Leben in der natürlichen Idylle suchen. Joel ist Lehrer und ist der Anker innerhalb der Familie, denn Emma hat innere und äußere Wunden, die sie an bestimmten Tagen gänzlich aus der Bahn werfen. Aus diesem Grund sind sie zu der Insel des Großvaters gefahren, um hier Emma eine Zeit der Genesung zu verschaffen. Doch hat Emma jeden Tag starke Kopfschmerzen und wird von Halluzinationen geplagt. Sie ist Journalistin und hatte immer den Drang und Wunsch, den Menschen zu helfen. Durch ihre Taten, Berichte und die Fotos, die sie aus allen Krisenregionen mitbrachte, wollte sie auf die Entmenschlichungen hinweisen. Aber irgendetwas muss auf einer ihrer Reisen passiert sein. Joel wollte Emma stets mehr an die Familie binden, doch ihr Wunsch, immer wieder in die Welt zu gehen, um ihre Leser auf diverse Missstände aufmerksam zu machen, war größer als ihr persönlicher Familiensinn. Nun ist sie verwundet heimgekehrt und hat keine Erinnerung an die Geschehnisse. Mit einer Wunde am Kopf, den Schmerzen und den Wahrnehmungen, die auch immer etwas Gespenstisches haben, versucht sie, im Leben neuen Halt zu finden. Ihre adoptierte Tochter ist der wichtigste Halt, den Emma und Joel, im Leben haben. Fanny versucht, ihre Eltern zu verstehen und spricht oft mit ihrem Großvater, der in seiner Welt- und Weitsicht einen spirituellen Pol innerhalb dieser Familienkonstellation gibt. Doch sind die Grenzen der Realitäten auf der Insel für alle unterschiedlich. So wird auch jede Perspektive beleuchtet und besonders Emma hadert mit ihrer Umgebung. Sie sieht Boote und Menschen, die gar nicht da sind. Sind dies ihre verdrängten Erinnerungen, die ihr einen Streich spielen? Was ist damals passiert und wie können Joel und Emma wieder im Einklang leben? Langsam baut sich aus diversen Splittern ein Puzzlebild zusammen.

Ein sehr berührender Roman, der durch seine Bildhaftigkeit und durch die Sprache begeistert. Ein Roman voller Stille, Idylle und den Gegenteilen. Weltgeschehen trifft auf das Persönliche und immer ist es die Menschlichkeit, die sich hier behaupten muss. Rassismus, der sich gegenüber der adoptierten Tochter zeigt. Es sind der Schrecken und die Auswirkungen der Kriege, Hungersnöte und die Flüchtlingsdramen, die Emma miterleben musste. Letztendlich ist es im Roman die Familie, die im kleinen Kreis lernen muss, die Vergangenheit zu bewältigen und in der schönen Einöde sich selber zu finden. Die Entfremdung, die innerhalb der Familie und der Liebe passieren kann, trifft hier auf einer kleinen Schäreninsel auf die großen Weltprobleme. Aber es ist die Liebe und die Stärke, die sich behaupten können. Ein faszinierender und bezaubernder Roman, der viele Fragen anspricht und diese anhand einer kleinen Gruppe auf einer kleinen Insel verdeutlicht.

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Raphaela Edelbauer: „DAVE“

„Dave“ wirkt wie ein irrer Ritt in der REM-Phase. Ein tolles Buch über künstliche Intelligenz, Daten, Bewusstsein und deren Deutung und Bedeutung. Der Protagonist wird als Blaupause für die Datenlücken innerhalb der Datenströme einer zu erschaffenden künstlichen Intelligenz benutzt. Eine Maschine, die menschliches Bewusstsein simuliert, nein sogar menschlich werden soll. Reichen dafür Daten und pure Informationen? Was benötigt also eine solche Maschine und wer könnte an so einer Entwicklung ein Interesse haben? Der Mensch als kleiner Gott erschafft Leben, das sein eigenes vereinfachen soll. Aber birgt dies nicht die eigentliche Gefahr? Die künstliche Intelligenz in Welten der Science-Fiction-Literatur hat oft negative Auswirkungen auf die Menschheit. Science-Fiction, Literatur, Wissenschaft und viele andere Quellen und Anspielungen tauchen in diesem Roman auf.  

Der Held in „DAVE“ ist Syz, der in einer abgeriegelten Büro- und Laborwelt als Programmierer tätig ist. Ein Komplex, der sich von der Außenwelt abgeschirmt hat und alles innerhalb seines Kosmos, vom Karrierestatus abhängig, auch zu bieten hat. Syz schläft wenig und die Nahrung wird nur zweckdienlich aufgenommen, um schnellstmöglich wieder am Computer zu sitzen. Für alle, die dort tätig sind, ist es ein Abtauchen in die Datenströme, die DAVE füttern und zum Leben erwecken sollen. DAVE ist eine künstliche Intelligenz, die auch durch einige kleine Testphasen gegangen ist, aber noch lange nicht fertig programmiert ist. Doch waren die Testphasen auch immer mit Störungen versehen und es kommt gleich am Anfang des Romans zu einer enormen Überhitzung, die manche Etagen fast in Brand gesetzt hätte. Syz lebt für seine Arbeit, hat sich auch bereits mehrfach um eine Beförderung bemüht, die aber immer wieder abgelehnt wurde. Es sind einfach zu viele Menschen im Labor tätig. Wir lernen Syz kennen, als er eine Ärztin die Räumlichkeiten zeigen soll und er seit langem wieder mehr Interesse am Menschen entwickelt als an der Maschine. Durch Schlafmangel wirkt es, als würden die Szenerien langsam konturlos werden und Syz wird nach anstrengendem Schichtdienst auch während seines Kurzschlafes in die Machtzentrale entführt. Hier wird ihm ein Karrieresprung angeboten, der sein weiteres Tun sehr beeinflussen wird. Nicht seine Programmierfähigkeiten sollen DAVE wachsen lassen, sondern seine Menschlichkeit. Ab diesem Moment wird Syz Welt surrealer und er kann seinen Erinnerungen und Erlebnissen nicht ganz trauen. Kann er überhaupt jemanden trauen? Wer hat Interesse an DAVE, an ihm und an dem ganzen Bewusstsein? Bündelt sich die finale Apotheose tatsächlich in DAVE?

Ein großartiger Lesespaß, der über unsere Geschichte und Entwicklung philosophiert. Das teilweise Offensichtliche bleibt dennoch stets spannend und das ganze Buch ist voller kluger, witziger und grotesker Ideen. Leben wir nicht auch in einer Gesellschaft, die nicht die Computer menschenförmig, sondern die Menschen computerförmig machen möchte? Ein Roman, der wie das Werk von M.C. Escher, voller Paradoxen ist. Ein kluges, irres Buch, das wichtige Themen unterhaltsam anspricht und durchdringt. Um aus dem Buch zu zitieren: „Jetzt DAVE, jetzt DAVE, jetzt DAVE!“ Also: jetzt DAVE lesen! DAVE lesen! DAVE lesen!

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Maryse Condé: „Mein Lachen und Weinen“

Ein kleines Buch, in dem die Erinnerungen der großartigen Autorin aufblitzen. Es sind autobiographische Kindheitserinnerungen, die sich einzeln wie Kurzgeschichten lesen, aber chronologisch ein lesenswertes Ganzes ergeben. Der Titel „Mein Lachen und Weinen“ deutet schon die Gegensätzlichkeit der Emotionen, die diese wahren Geschichten beinhalten, an. Das Buch ist 1999 bereits im Original erschienen und wurde nun aus dem Französischen von Ingeborg Schmutte übersetzt, die auch den Text durch wissenswerte Anmerkungen ergänzt hat.  

Es beginnt mit einem Familienporträt und das ganze Buch hat die Autorin ihrer Mutter gewidmet. Sie wächst in einer gutsituierten Familie in Pointe-à-Pitre, Guadeloupe auf. Geboren wurde sie 1937 und diese literarischen biographischen Schnipsel beginnen mit ihrer Geburt und ziehen einen Bogen bis in ihr Teenageralter. Ihre Eltern hatten bereits ein gewisses Alter erreicht, als sie erneut schwanger wurden.  Die Mutter deutet ihre Schwangerschaft vorerst als ein Anzeichen ihrer Menopause. Maryse wird somit als kras à boyo, als das letzte Kind in diese kinderreiche Familie geboren. Maryse ist das jüngste von acht Kindern. Die Eltern fühlen sich gänzlich als Franzosen und ihre Heimat ist Frankreich. Doch beherrschen stets Rassen- und Klassenkonflikte den Alltag. Somit handeln diese Geschichten von Herkunft- und Identitätssuche. Ihr Abnabeln von den Eltern ist getragen von einer Art des Entfremdungs-Konflikts. Als Maryse Condé später ihre wahren Leidenschaften und Interessen findet, muss sie sich ebenfalls den Eltern gegenüber behaupten. Ihre bisherige und bekannte Welt wird ihr zu klein und sie studiert in Paris.

Mit einer Leichtigkeit und mit feinen, klugen Sätzen umgarnt Maryse Condé ihre Kindheit und entwirft damit ein ganzes gesellschaftliches Panorama. Die Geschichten sind emotional und ergreifend geschrieben. Ein Buch, das fasziniert und erfahrungsreicher macht. Maryse Condé promovierte an der Sorbonne und lebte danach viele Jahre in Westafrika. Sie lehrte anschließend bis 2002 in New York und erhielt für ihr literarisches Schaffen viele Auszeichnungen. Ihre Romane und Theaterstücke sind stets politisch und für ihr Gesamtwerk wurde ihr der alternative Nobelpreis verliehen. Dies vorliegende Buch ist wohl eine ihrer persönlichsten Schriften.

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