Julia Rothenburg: „hell/dunkel“

Julia Rothenburg hell dunkel Frankfurter Verlagsanstallt

Nach Koslik sind nun zwei neue, tiefgründige Charaktere in die Welt der Literatur hineingeboren worden: Valerie und Robert. Julia Rothenburgs Debütroman „Koslik ist krank“ war eine gelungene literarische Überraschung. Jetzt hat die junge Autorin ihren zweiten Roman veröffentlicht. Nach dem starken Debüt um den Mann, dessen Leben in wenigen Tagen im Krankenhaus umgekrempelt wird, war ich gespannt, ob die Intensivität und Qualität auch im nun folgenden Roman gehalten werden kann. Julia Rothenburg hat sich mit „hell / dunkel“ gesteigert, ihr Roman ist noch intensiver, direkter und komplexer. Die Autorin hat eine enorme Empathie für ihre Figuren und ihr Talent zu schreiben ist sehr beachtlich.

Trotz der auktorialen Erzählperspektive gibt es stets zwei Sichtweisen, eine helle und eine dunkle. Kurz, die von Valerie und die von Robert. Valerie ist die helle, die jüngere von beiden. Sie ist neunzehn Jahre alt, lebt bei ihrer Mutter und geht noch zur Schule. Als sie gerade mit wenig Begeisterung am Schulsport teilnimmt, versucht sie die meist etwas vorwurfsvollen Meldungen ihrer Mutter zu ignorieren. Die Mutter ist sehr krank, war oft in Behandlung und immer liegt es an Valerie, für die Mutter da zu sein. Die Krankheit der Mutter ist zurückgekehrt und sie ist erneut in die Klinik gekommen. Als Valerie von der Schule heimkommt, ist plötzlich Robert wieder da. Robert, der dunklere von beiden, ist dreiundzwanzig Jahre alt. Für Geschwister werden sie allein durch ihr Aussehen selten gehalten. Beide haben aber durch die familiäre Situation und das Krankheitsbild der Mutter arge Probleme. Roberts Vater ist Italiener, der in den Restaurants in Berlin den Musiker mimt. Doch auch diese Beziehung zwischen den Eltern ist gescheitert, gleich die mit Valeries Vater. Daher ist Robert vor Jahren aus Berlin weggezogen, um in Marburg seine Ausbildung zu machen. Valerie ist als die Jüngere bei der Mutter geblieben. Doch nun ist Robert unerwartet zurückgekommen. Mit seiner Ankunft beginnt Valerie sich anfänglich zurückzuziehen, sie möchte mal dem Halbbruder die Verantwortung übergeben können. Doch rennt Robert auch vor seinen Problemen davon. Seine Ausbildung und Beziehung hat er einfach verlassen und beendet. Wegen der Krankheit der Mutter ist er nun zurückgekehrt und verspricht auch zu bleiben. Die Mutter hat laut der Diagnose nur noch wenige Tage zu leben und gemeinsam stehen sie vor Fragen, auf die es keine einfachen Antworten geben kann. Wie sie mit dem schleichenden Abschied umgehen müssen, wie sie die letzten Tage für die Mutter gestalten und wie sie selbst mit ihren drei Grundgefühlen Wut, Trauer und Schmerz umzugehen haben.

Sie waren schon immer sehr miteinander verbunden und nun, durch diese schwere Zeit, verringert sich zunehmend ihre Distanz zueinander. Das Unfassbare, das sie erleben, macht sie immer sensibler und sie kommen sich immer näher. Die Nähe zu anderen Freunden oder Partnern kann niemals dieses Seelenloch füllen, das sich in ihnen öffnet. Ihre Nähe, die sie erst nicht zulassen können, hat viele Seiten: mal ist sie geschwisterlich zankend, dann wieder voller Schmerz und immer wieder kommt es zu zärtlichen Annäherungen, die tröstend, aber auch immer brisanter werden.

Die Geschichte eines ungewöhnlichen Geschwisterpaares, das einen Neubeginn sucht und dabei Abschiednehmen lernen muss. Der Roman lebt von den ganz genau beobachteten Nuancen des Miteinanders. Mit einer enormen Sprachqualität entwirft die Autorin einen erstaunlichen Roman. Mit viel Einfühlungsvermögen und einfühlsamer Sprache tastet sich die Autorin an ihre Figuren und die Handlung heran. Ein außergewöhnlicher und intensiver Roman.

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