Alexa Hennig von Lange: „Die Weihnachtsgeschwister“

Alexa Henning von Lange Die Weihnachstgeschwister DuMont

Eine moderne Weihnachtsgeschichte, die Besinnliches neben den familiären Wahn stellt. Der Text bietet Spannendes, Lustiges und eine Prise Kitsch. Jene Prise ist es aber, die gerade sehr anrührt und somit den Glanz der Weihnacht beleuchtet und das zeigt, was uns das Fest bedeuten kann. Eine berührende und heitere Geschichte, die zeigt, was Familien zusammenhält und was wir stückweise in Bezug auf große Familienfeste, besonders Weihnachten, aus den Augen verloren haben.

Drei Geschwister, die selbst schon Familien haben, fahren Weihnachten zu ihren Eltern. Wie jedes Jahr. Sie werden immer die Kinder ihrer Eltern bleiben und benehmen sich auch so. Sie, die einst sehr eng und vertraut waren, haben sich durch das eigene Leben auseinandergelebt und sehen sich fast nur noch zum Weihnachtsfest. Alle wurmt etwas, alle sind voneinander genervt und meinen, man würde ständig schlecht übereinander denken. Jeder suggeriert den anderen Geschwistern eine Meinung über sich und den anderen. Es bleibt ein beständiger Hunger nach Zuneigung, Erfüllung und Aussprache. Es bleibt leider vorerst nur ein Hungergefühl. Doch hecken die Eltern eventuell etwas aus und hinterlassen eine weihnachtliche Botschaft.

Ein Tag vor Heiligabend treffen die Geschwister Tamara, Ingmar und Elisabeth mit ihren Kindern und Partnern im Haus ihrer Eltern ein. Es ist winterlich und der Schnee rieselt besinnlich vom Himmel. Alles sieht festlich aus, würde der Schnee nicht durch das menschliche Auftreten weggewischt und den schmutzigen Grund durchschimmern lassen. Die Stimmung kippt wie fast immer, wenn die drei egozentrischen Geschwister aufeinandertreffen. Doch erweckt das traute Heim zunächst alte Erinnerungen voll weihnachtlicher Vorfreude. Das Kindliche will wieder entdeckt und erlebt werden. Auch die eigenen Kinder sollen ebenfalls erinnerungsvolle Weihnachten erleben, ob mit Weihnachtsmann oder ohne, muss aber auch noch geklärt werden.

Als sie abends alle am Tisch sitzen, kommt es zu den ersten Reibereien. Als hätte die Mutter es auch gewusst, gibt es in diesem Haushalt bei einem Familientreffen erstmalig Suppe aus der Dose. Der Frieden verabschiedet sich mit lautem Gepolter. Tamara ist irgendwie immer neidisch auf Elisabeth, da diese neben der Familie Karriere machen kann und auch nicht das Dummchen zu sein scheint, wie Tamara es gerne darstellt. Auch ist da noch Holger, der neue attraktive Mann an Elisabeths Seite, der sehr an einen damaligen Freund von Tamara erinnert. Ingmar mit seiner Frau Siri und ihren Zwillingen, haben genaue Vorstellungen im Leben. Sie versuchen, umweltbewusst zu leben und möchten lieber ein Leben mit Konsumverzicht. Ingmar wirft auch besonders Tamara mangelndes Einfühlungsvermögen vor und wenig Interesse an den Mitmenschen. Elisabeth versucht, gleich ihrer Mutter, ein Lächeln zu bewahren und möchte vermitteln. Es soll doch ein schönes Fest werden und alle sollen nett zueinander sein. Doch gerade diese Bemühungen und die Nachfrage nach dem morgigen Ablauf zu Heiligabend, lässt die Gemüter aufkochen. Die Nacht wird im nahe gelegenen Hotel verbracht. Als die Geschwister mit ihren Anhängen zum Frühstücksbuffet eintreffen, scheinen die Wogen etwas besänftigter zu sein. Aber es wurde Vortags zu viel gesagt und es schwebt einiges in der Luft, sodass die Stimmung erneut zu kippen droht.  Tamara, Ingmar und Elisabeth brechen alleine zu ihren Eltern auf, um mit diesen zu sprechen. Doch als sie am Elternhaus ankommen, scheinen die Eltern weg zu sein. Ist Ihnen etwas passiert? Hatten sie genug von den ewigen Streitereien? Wer stellt denn nun den Weihnachtbaum auf? Wer kocht und backt den Stollen? Müssen die drei Geschwister das Weihnachtsfest alleine retten und somit sich selbst?

Eine schöne zu Herzen gehende Weihnachtsgeschichte.

Zum Buch / Shop

4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Frank Rudkoffsky: „Fake“

Frank Rudkoffsky Fake Voland & Quist

Ein junges Paar, das für sich jeweils Ventile sucht. Sophia und Jan sind Eltern geworden, das Baby, Max, ist ein Schreikind. Sophia pausiert in ihrer Karriere und Jan hofft auf eine als Journalist. Beide toben sich im Internet aus und das Spiel zwischen Wahrheit und Fake gerät gefährlich ins Wanken.

Frank Rudkoffsky, Autor, Journalist, Blogger und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift ]trash[pool, hat einen klugen, besonderen, modernen und pointierten Roman geschrieben. Er spiegelt unsere Welt leicht überspitzt und öffnet damit viele Perspektiven. Durch die Sprache und die Situationen entsteht auch oft ein Witz, der Situationskomik und auch schwarzer Humor sein kann. Somit ist der Roman „Fake“ eine tragikomisches Werk mit sehr viel Empathie und Tiefgang.

Eigentlich träumten beide von Karriere und der ganzen Welt. Die Welt ist eine Karte an der Wand geblieben, auf der Sie ihre Weltreise lediglich in Gedanken machen. Sie kennen sich aus der Großstadt Berlin und die Arbeit von Sophia verschlägt sie nach Stuttgart. Sie hat bis zu Ihrer Schwangerschaft bei Daimler gearbeitet. Jan macht ein Volontariat bei der Stuttgarter Zeitung und hofft auf eine Einstellung. Doch auf die ausgeschriebene Stelle ist auch ein Kollege aus, der dann letztendlich eine andere Laufbahn betritt, von der Jan weiterhin nur träumen darf. Auch die offene Stelle in der Redaktion wird extern belegt. Sophia sehnt sich ab und zu nach Ruhe, denn Max verlangt viel Aufmerksamkeit und muss ständig bemuttert werden. Leider fehlt überall das `Bevatern´. Das Stillen ist meist auf eine Brust beschränkt und sehr schmerzhaft. An gemeinsame Pärchen-Stunden ist gar nicht zu denken. Sex ist nach der Geburt auch noch eine ferne Sehnsucht. Immer wenn Sophia eine helfende Hand gebrauchen könnte, muß Jan noch etwas redigieren. Beide entfremden sich stückweise und benötigen jeder für sich einen Fluchtpunkt oder ein Ventil für das emotional Aufgestaute. Jan beginnt zu laufen. Anfänglich noch viel zu schnell, aber er kann sich kontinuierlich steigern. Sophia regt sich virtuell ab. Ihre innere Verzweiflung und Wut lässt sie im Internet platzen. In diversen Foren, zum Beispiel auf Facebook, tummelt sie sich unter diversen Fake-Profilen, die sie tabellarisch für sich festhält. Sie wird zum Internet-Troll und beginnt die Onlinewelt zu triezen, zu provozieren und zu beschimpfen. Sie steigert sich in ihre Rollen hinein und wird danach fast schon süchtig – auch wenn ab und zu eines ihrer Profile gesperrt wird.

Jan hat für seine Recherchen ebenfalls falsche Identitäten im Internet angemeldet. Er stößt dabei auf eine Welt, die noch weiter im Hass verankert ist. Diese Parallelwelt, die mit der Pegida ihren Anfang nahm, wird immer bizarrer, menschenverachtender und bedrohlicher. Sophia hat eine von Jan stillgelegte Identität übernommen und schmückt diese mit einer unheilbaren Krankheit, um auch endlich mal Mitgefühl zu erfahren. Dabei löst sie aber auch etwas aus, dass sie nicht geahnt hätte. Die Aktionen von Jan setzen ebenfalls einiges frei und beide, Jan und Sophia, verlieren ihren menschlichen Kompass. Beide geraten in den Bann von Trollen. Aktiv oder passiv und bringen das Wohl ihrer Familie immer mehr in Gefahr.

Der Roman hat eine sehr große Faszination. Es wird stets aus der Ich-Perspektive erzählt, jeweils im Kapitelwechsel zwischen Jan oder Sophia. Der Inhalt ist ein moderner Zerrspiegel unserer virtuellen und realen Gesellschaft. Das Tragische an der Komik des Textes ist, dass man als Leser sehr oft über die Postings von Sophie lacht. Sei es, wenn sie in einer Muttergruppe fragt, ob man besser vorher abpumpt oder auf dem Himalaya, in der Höhe, das Baby normal stillen könne oder bei ihrer Frage an PETA, wie ihnen denn ihr neuer Pelzmantel gefalle. Ein harmloses Spiel kann sich sehr schnell verselbständigen und die Grenze zwischen Fake und Wahrheit, Virtuellem und Realem verwischen sich.

Frank Rudkoffsky kann sich sehr tief in die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Protagonisten einfühlen und diese gekonnt wiedergeben. Die gesellschaftlichen Ausbrüche und Entgleisungen am Beispiel unseres Umgangs untereinander im Internet wirken erschreckend. Diese sind aber wohl doch nur dezent in der Übertreibung und nah an der Realität. Die Wut und der Frust als Triebfeder, die hier nachfühlbar wird, aber andere Perspektiven ermöglichen sollte. Denn nicht alle Menschen verstecken sich hinter Gefaketem, sondern versuchen authentisch zu sein und zu bleiben. Es gibt auch im Text und im wahren Leben Momente der Liebe, des Zuhörens und der Stille. Ein lesenswerter, kluger Leseschatz!

Zum Buch in unserem Onlineshop

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Simon Stranger: „Vergesst unsere Namen nicht“

Simon Stranger Vegesst unsere Namen nicht Eichborn

In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Der erste Tod ist der reale, jener, wenn das Herz für immer stehen bleibt. Der zweite, wenn der Name des Verstorbenen zum letzten Mal erwähnt und an diesen gedacht wird. Damit das Schrecken, das Europa und die Welt befallen hat, niemals in Vergessenheit gerät, gibt es u.a. dieses Buch. Ein Künstler, Gunter Demning, hatte die Idee der in ganz Europa verlegten „Stolpersteine“, zur Erinnerung an Opfer aus der Zeit des Nationalsozialismus. Vor einem solchen Stein mit dem Namen „Hirsch Komissar“ steht die Familie des Autors. Komissar ist mit der Familie von Simon Stranger verbunden. Als die Kinder fragen, warum er ermordet wurde und warum so ein Hass überhaupt möglich war, d.h. immer noch ist, beginnt diese Familiengeschichte Gestalt anzunehmen. Damit die Namen noch lange in Erinnerungen bleiben und mit Ihnen die Geschichte, die sich niemals wiederholen darf.

Der Roman ist eine wahre Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg. Der eigentliche Titel lautet „Lexikon über Licht und Dunkel“ (Leksikon om lys og mørke) und die Kapitel gehen somit von A bis Z. Die Buchstaben stehen für Begriffe, die im Text Bezüge zur weiterführenden Handlung schaffen. Dieses eindrucksvolle Werk wurde aus dem Norwegischen übersetzt von Thorsten Alms und wurde u.a. mit dem norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet.

Es ist die Geschichte von Hirsch Komissar, der 1942 vorgeladen, verhaftet und später ermordet wird. Es ist die Geschichte seiner Familie, von denen weitere Opfer des Nationalsozialismus werden. Einigen Familienangehörigen gelingt die Flucht nach Schweden. Es ist die Geschichte eines Hauses in Trondheim. Ein Haus, das von den Nazis beschlagnahmt wurde. Es wurde das „Bandenkloster“ genannt, denn es war das Hauptquartier des Gestapo-Agenten Henry Oliver Rinnan. Hier wurden hunderte von Gefangenen verhört, gefoltert und ermordet. Jahre nach dem Krieg zieht ein junges jüdisches Paar mit ihren Kindern in das Haus. Vorher war dort noch ein Kinderhort und so lebt die Hoffnung in der Familie, dass sich die Gemäuer langsam von den damaligen Schatten befreien konnten. Eines dieser Kinder ist Grete, die Jahre später die Schwiegermutter von Simon Stranger wird. Doch was macht so ein Ort mit einer Familie?

Lange hat Simon Stranger in den Archiven geforscht und die Geschichte rekonstruiert. Seiner Familiengeschichte stellt er die Täter gegenüber. Henry Oliver Rinnan, der bereits als Kind über wenig Empathie verfügte, lebte später seine mörderischen und sadistischen Züge gänzlich aus. Rinnan führte eine Gruppe namens Sonderabteilung Lola. Diese Gruppe wurde bekannt als „Rinnanbanden“ und hatte wohl fünfzig Mitglieder.

Stranger blickt zurück und berichtet über Licht und Schatten. Menschen, die bei der Flucht halfen und Menschen, die zu Tätern und Mördern wurden. Es ist zum Beispiel die Geschichte jener Fluchthelfer, die Hoffnung wecken, dass es Menschen immer geben wird, die sich dem Hass entgegenstellen.

Ein mehr als lesenswerter Roman, der die Geschichte erlebbar macht. Der Schrecken und die Gewalt werden nicht ausgespart. Daher ist das Werk erschreckend, beängstigend und großartig zugleich. Es bleibt zu hoffen, dass es solche Bücher sind, die verhindern, dass sich die Geschichte jemals wiederholen wird.

Zum Buch in unserem Onlineshop

5 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Yasmina Reza: „Anne-Marie die Schönheit“

Yasmina Reza Anne-Marie Schönheit Hanser

Das Theater sagt man, seien die Bretter, die die Welt bedeuten. Doch was ist, wenn das Saallicht angeht und die Bühne der Kulissen und Requisiten beraubt ist? Was passiert mit dem Leben, das soeben auf der Bühne erblühte? Was mit den Figuren, den Charakteren und jenen Menschen, die sie verkörperten? Wirkten sie nicht eben noch viel größer oder etwa kleiner?

Eine Schauspielerin ist es, die erzählt. Sie plappert los. Wem erzählt sie es? Uns, dem zuhörenden Leser, der sich wie in einem Theater fühlt. Es wirkt wie das Stück „Heute Weder Hamlet“ von Rainer Lewandowski und ist dann doch ein typisches Spiel von Yasmina Reza.

Reza versteht es erneut, die alltäglichen Nichtigkeiten groß werden zu lassen und somit das Dramatische fast schon komisch wirken zu lassen. Yasmina Reza begann ihre künstlerische Laufbahn als Schauspielerin, wurde aber als Autorin von Theaterstücken, Romanen und Drehbüchern bekannt. Das bekannteste Stück ist wohl „Der Gott des Gemetzels“, das auch großartig verfilmt wurde. Stets sind es die Kleinigkeiten die Reza ins Lampenlicht bringt und dadurch verzerrt.

Anne-Marie ist es, die uns eine, d.h. ihre Geschichte erzählt. „Auf der Bühne war ich manchmal Anne-Marie die Schönheit“. Jetzt ist sie die alte, kranke Frau, die durch den Tod von Giselle ihren Erinnerungen folgt und diese gleich wie Koffer auspackt und uns, dem lesenden Publikum, erzählt. Sie kommt aus der Provinz und wollte zum Leidwesen und sogar zur Belustigung der Eltern Schauspielerin werden. Doch sie schafft es irgendwie und ergatterte Rollen in einem Pariser Vorstadttheater. Es sind immer die Schauspieler jener Zeiten, die sie im Geiste aufzählt. Wie Erinnerungsfetzen flaniert diese Theatergruppe durch ihren Kopf. Den engsten Bezug hatte sie zu Giselle, genannt Gigi. Gigi bekommt die großen Rollen. Sie lebt das Leben der Künstlerin und macht die Karriere, die Anne-Marie verwehrt blieb. Gigi bekommt viele Männer und Anne-Marie einen Vertreter für Lederwaren. Einen einfachen Mann und später einen Sohn, den sie als „Mistfink“ bezeichnet. Neid, Trauer und Resignation sprühen durch ihre witzigen Formulierungen.

Reza ist eine Meisterin, wenn es um bitteren und doch sehr humorvollen Text geht. Ein komischer anrührender Monolog. Kluge Beobachtungen und ins Offene gehende Formulierungen, die dann doch treffsicher enden. Das Theater als eine Gegenwelt des einfachen Alltags, den auch die Menschen, die auf den Brettern der Welt standen, erleben. Ersehnter Glamour der Künstlerwelt trifft auf Kleinbürgerliches.

Ein Text, der durch das Spiel mit Erinnerung als lesbare Bühnenfassung eines Monologes Spaß macht. Reza macht aus kleinen Gesten große Bilder und ist eine immer wieder sehr lesenswerte Autorin. Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Robert Scheer: „Matthäus-Passion“

Robert Scheer Matthäus Passion Hamsa Verlag

Romane von Robert Scheer versprechen meist einen großen Spaß. Er hat schon einiges geschrieben, doch wurden leider bisher nur wenige seiner Werke verlegt. Die bekannten Werke sind „Der Duft des Sussita“ und „Pici“. „Pici“ fällt aus den üblichen Romanen heraus, da es sich hierbei um die  Erinnerungen seiner Großmutter an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück handelt. „Der Duft des Sussita“ und nun auch die „Matthäus-Passion“ sind humorvolle Texte, die der Biographie des Autors folgen. Seine Werke sind aus dem Leben gegriffen, aus seinem eigenen turbulenten Leben. Robert Scheer wurde in Rumänien geboren und emigrierte später mit seiner Familie nach Israel. Nach seiner abgebrochenen Karriere als Rockmusiker begann er in Haifa und später in Tübingen Philosophie zu studieren. Ferner arbeitete er als Buchhändler, und begann mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Mit seinem Debutroman „Der Duft des Sussita“ gelangte man zuerst in die Welt des Autors und neben diversen Wüstenschiffen tauchen skurrile Figuren wie z.B. Onkel Sauberger auf, der unvergessen bleibt und zum Glück ein tragender Held in der „Matthäus-Passion“ ist.

006Robert Scheer ist Philosoph und hat somit eine gewisse Tiefe. Aber wenn man ihn kennt und die Ehre hatte, bereits alles von ihm lesen zu dürfen – auch das noch nicht verlegte Werk – weiß man, dass Robert Scheer einen unbändigen Schalk in sich wohnen hat. Sein Sprachwitz und seine Geschichten sind so leichtgängig und unterhaltsam, dass es immer eine große Freude ist, diese zu lesen. Gerade weil eine Nebenwirkung ist, dass man etwas klüger aus der Lektüre herauskommt.

Robert Scheer und der Onkel Sauberger sind Genussmenschen, die vor einem guten Gespräch und einer guten Geschichte niemals zurückschrecken. Der Ich-Erzähler, der ebenfalls philosophisch bewandert ist, hält an dem Satz „Ich denke, also bin ich“ fest. Sagt doch dieser Satz alles aus, was in der Philosophie als Fundament Gültigkeit hat. Doch Onkel Sauberger geht weiter. Denn bevor man etwas tut, benötigt der Mensch Energie und Brecht würde sagen. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Für Onkel Sauberger hat der oft zitierte philosophische Satz nur wie folgt Gültigkeit: „Ich esse, also bin ich“. So ist es nicht verwunderlich, dass in dem Buch viel und oft gegessen wird. Ein Roadmovie durch Israel und die landestypischen Spezialitäten. Alles sehr fein abgeschmeckt. Wobei die Landesspezialitäten auch gleich der Philosophie von Onkel Sauberger umgewandelt wurden, denn er ist gerade in Israel ein Fachmann für Schweinefleisch.

Das Fundament, auf dem dieser herrlich schräge Spaß aufgebaut ist, basiert auf der tatsächlichen Begebenheit, dass der Ex-Weltfußballstar Lothar Matthäus als Trainer des israelischen FC Maccabi Netanja berufen wurde. Er soll dieser Mannschaft zu Größerem verhelfen. Doch fehlt es dieser Mannschaft auch an einem entscheidenden Talent und der, den Lothar Matthäus für diesen Verein vorgesehen hatte, kommt wegen seines Namens nicht in Frage. Der Vereinsvorsitzende und gleichzeitig Rabbi hat religiöse Vorbehalte und schickt nun Lothar Matthäus und dessen Dolmetscher auf Talentsuche. Der Dolmetscher ist es, der uns diese Geschichte erzählt. Fraglich ist, wieviel Robert Scheer tatsächlich in dieser Figur ist – man vermutet es gibt da gar keine Unterschiede. Da er wenig Ahnung von Fußball hat, ist es gut, dass sein Onkel Sauberger mitfährt. Dabei liegt es auch an jenem sympathischen, schrulligen Onkel, den beiden anderen Herren aus der einen oder anderen Misere herauszuhelfen. Doch sind es auch gerade seine Einfälle, die das Dreiergespann durch das Land jagen. Mit viel Witz erleben wir die Talent-Suche in Israel und dadurch auch viel über die jeweiligen Gepflogenheiten. Man lernt Interessantes aus Israel und hat nebenbei eine enorme Menge Spaß.

Robert Scheer kann man mit der Rockmusik vergleichen, die er so sehr liebt. Beim einfachen Hören denkt man noch, es sei alles simpel aber nett. Wenn man allerdings genauer hinhört, denkt man nur noch: „Oh, wie hat er das denn gemacht?“ Ein Buch, das lediglich zur Unterhaltung dient, aber durch seinen charmanten Witz unterhält und ein wenig klüger macht.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Michael Donkor: „Halt“

Michael Donkor Halt Edition Nautilus

Dieser Debütroman wurde vom Guardian auf die Liste der besten Romane 2018 gewählt und für den Dylan Thomas Prize 2019 sowie den Desmond Elliot Prize 2019 nominiert. Wird es diesen viele Auszeichnungen gerecht, dass man es sogar als bestes Buch küren möchte? Es ist ein besonderes, ein tolles Buch, das berührt, erheitert und begeistert. Es geht um das Erwachsenwerden und spielt in Ghana und England. Es handelt von Freundschaft, Familie, Zusammenhalt und Schamgefühl.

Michael Donkor wurde 1985 in London geboren. Er studierte Englisch und Creative Writing. Er unterrichtet Englisch an einer Mädchenschule. „Halt“ ist sein literarisches Debüt. Da er an einer Mädchenschule unterrichtet, ist ihm wohl dieser Stoff zugefallen. Sprachlich beginnt und bleibt es zu Teilen naiv. Doch ist dies ein Kunstgriff, da dadurch eine glaubhafte Stimmung in Bezug auf die Protagonisten aufgebaut wird. Die Sprache und Handlung reifen mit dem Verlauf der Geschichte.

Es beginnt in Ghana. Belinda kommt als Hausmädchen nach Kumasi. Die Eltern können nicht mehr für ihre Ausbildung aufkommen. Daher wird sie in die Dienste einer anderen Familie gestellt, um ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Auch wünscht sich die Mutter, dass es Belinda mal besser als ihr gehen soll. Belinda ist siebzehn Jahre alt und ist voller Ehrfurcht und Demut. Sie sorgt sich um den Haushalt und versteht es, ihre Arbeit stets gründlich zu verrichten. Dabei verdrängt sie immer mehr ihre eigentliche Herkunft und Kindheit. Ihre Weltsicht ist gottesfürchtig, kindlich und dennoch erwachsen. Sie akzeptiert die Regeln und lebt nach diesen. Die elfjährige Mary lebt ebenfalls als anzulernendes Hausmädchen in derselben Familie. Belinda nimmt sich dieser an und lehrt sie, den Haushalt zu führen. Es entsteht eine schwesterliche Bindung. Belinda bekommt aber eine neue Chance im Leben. Aus Gutmütigkeit kann Belinda nach London zu einer anderen Familie gehen. Dies soll sie Mary selbst auf einem Ausflug in den Zoo berichten. Mary, die fast nicht zu bändigen ist, ist voller Trauer und Wut, weil sie in Belinda eine Art Schwester gefunden hat.

Belinda, die ziemlich angepasst ist, muss mit ihrer neuen Welt und Freiheit zurechtkommen. Sie soll nicht als Dienstmädchen arbeiten, sondern darf zur Schule gehen und soll Amma, der Tochter der Londoner Familie, ein gutes Beispiel sein. Denn Amma beginnt zu rebellieren, sie hat genug von Regeln. Sie geht auf eine gute Schule und war bis vor Kurzem eine sehr gute Schülerin. Auf einmal wurde sie zunehmend introvertierter und übellauniger. Ihre Eltern beschließen, dass die einfühlsame und gut erzogene Belinda wohl einen guten Einfluss auf Amma ausüben könnte und laden sie zu sich nach London ein. In London ist für Belinda vorerst alles fremd und anders. Sie vermisst Mary und sucht deren Nähe, die sie nun nur noch per Telefon erfährt. Doch gelingt es ihr, sich immer mehr einzuleben. Sie schafft es auch, sich Stück für Stück der verschlossenen Amma zu nähern. Nach Monaten schafft sie es, Ammas Vertrauen zu gewinnen. Ammas Gefühlswelt steht Kopf und sie muss sich ihrer aufkeimenden Liebe zu Frauen bewusst werden.

Der Roman begeistert besonders durch die Sprache, die sich den jeweiligen Charakteren und Örtlichkeiten anpasst. Das Buch bietet mehr als eine übliche Coming-of-Age-Geschichte. Der Text wird belebt durch ghanaische und afro-karibische Idiome. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Marieke Heimburger und Patricia Klobusiczky.

Da es sich um ein Debüt handelt, ist die Erwartungshaltung an noch hoffentlich kommende Werke von Michael Donkor sehr hoch. Ein wunderbarer Roman, der Preise und Belobigungen verdient!

Zum Buch in unserem Onlineshop

4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Maria Kjos Fonn: „Kinderwhore“

Kinderwhore Culturbooks

Das Buch ist erschreckend großartig. Ein Roman, der alle Emotionen der Protagonistin erlebbar macht. Dieser Text brennt sich ein und hinterlässt einen tiefen Eindruck und ist somit mehr als eine Leseempfehlung. Es geht um das Schreckliche, das ein Mädchen erlebt, das missbraucht wird, damit ganz allein zu leben versucht und erwachsen wird.

Kinderwhore ist ein Kleidungsstil von Courtney Love. Die Mutter der Protagonistin liebt diesen provokanten Stil der Grunge-Musikerin, den ihre Tochter von ihr übernimmt. Charlotte wächst bei ihrer Mutter auf. Wer ihr Vater ist, weiß sie nicht, denn Männer hat ihre Mutter zur Genüge und im ständigen Wechsel. Da Charlotte noch ein Kind ist, weiß sie nicht, warum sie immer wieder neue Väter hat und was ihre Mutter tatsächlich treibt. Die Mutter, sofern sie mal da ist, schläft meistens oder steht unter Medikamenten- oder Drogeneinfluss. Somit ist Charlotte die kindliche Welt, in der sie leben sollte, bereits genommen worden. Sie nimmt ihr Umfeld besonders auf und auch ihre Freunde und deren Eltern bekommen mit, wie anders Charlotte jetzt schon ist. Doch die Entfremdung wird noch viel größer und gewaltvoller. Als Charlotte mit zwölf Jahren in die Pubertät kommt, hat ihre Mutter mal wieder einen neuen Vater mitgebracht. Dieser kommt in den Nächten zu Charlotte und missbraucht sie. Diese Besuche macht er bis sie dreizehn Jahre alt ist und er sich von ihrer Mutter trennt. Sie hat diese Nächte immer als Schmerz empfunden, konnte dem aber niemals etwas entgegensetzen oder ihm Einhalt gebieten. Sie hat sich selbst verloren und nimmt sich nur als Schmerz war. Ihre Seele und Persönlichkeit wurden ihr geraubt und sie empfindet sich selbst als Nichts. Ihr Körper und ihr Wesen gehören ihr nicht mehr. Mit diesen schrecklichen Empfindungen, Erniedrigungen und der körperlichen sowie seelischen Gewalt ist Charlotte allein. Ihre Mutter ist nicht für sie da. Ihrer besten Freundin kann sie sich nicht öffnen. Diese weiß nur, dass Charlotte Sex mit einem älteren Mann hatte. Da Charlotte immer extremer mit sich und ihrem Umfeld umgeht, bricht auch ihr letzter sozialer Kontakt weg. Sie zerbricht an der Last und fühlt sich selbst pulverisiert. Je älter sie wird, desto großer wird die Barriere die sie um ihr eigenes Selbst errichtet. Sie flüchtet sich in diverse Räusche. Sie probiert diverse Drogen, Medikamente und Alkohol. Schlaftabletten nimmt sie nicht zum Einschlafen, sondern tagsüber, um die Realität zu vernebeln. Bis zu ihrer Volljährigkeit hat sie bereits mehrere Therapien und Heime aufgesucht. Später, als sie sich schwerlich aus ihrem eigenen Seelen-Gefängnis heraustraut und sich wieder Ziele setzt und die Schule nachholt, kann sie auch anfangen, sich zu wehren. Doch kann sie sich gänzlich von ihren zerstörerischen Mustern befreien? Kann sie sich als Ganzes annehmen, d.h. ihren Körper und Geist als Teil ihrer eigenen Persönlichkeit erkennen? Wird sie jemals in der Lage sein, wahre Liebe anzunehmen?

Maria Kjos Fonn, geboren 1990, lebt als Journalistin in Oslo und gilt als eine wichtige und herausragende Stimme Norwegens. Ihre Ausdrucksweise ist treffsicher, poetisch und wird durch nüchternen, schwarzen Humor ergänzt. Das Buch ist auf der Shortlist für den Brage Prize, den P2 Listener´s Prize und für den Natt & Dag Prize.

Ein wichtiger, außergewöhnlicher, bewegender und erschütternder Roman. Die Sprache (Übersetzung von Gabriele Haefs) ist voller Emotion, Mitgefühl und trifft poetisch ins Mark des Lesers. Bitte lesen!

Zum Buch in unserem Onlineshop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Alexander Häusser: „Noch alle Zeit“

Noch alle Zeit Alexander Häusser Pendragon

„Noch alle Zeit“ von Alexander Häusser ist ein besonderes Buch. Es ist eine Geschichte über die Fähigkeit das Seiende anzunehmen, dem Verdrängen zu trotzen und über eine tief sitzende Sehnsucht nach Halt. Der Wille nach Erinnerung und Klarheit führt den Protagonisten nach Norwegen und verbindet das Vergangene mit der Gegenwart. Es sind zwei Menschen, die sich zufällig begegnen und sich auf der Reise begleiten und unterstützen. Zwei, die sich auf Spurensuche begeben und durch ihre Geschichten getrieben werden und sich dabei verändern.

Edvard, der Protagonist des Romans, ahnt, einem Familiengeheimnis auf die Spur gekommen zu sein. Sein Vater war, als er noch Kind war, plötzlich verschwunden. Die Mutter sagte immer wieder, er sei tot. Doch wünschte sich Edvard als Kind seinen Vater zurück und meint, ihn ab und zu gesehen zu haben. Als Traumwahrnehmung oder war es wirklich sein Vater, der im Spielzeuggeschäft einen Modellbausatz kaufte?

Edvard ist sich als Kind sicher, sein Vater würde irgendwann zurückkommen. Doch seine Mutter redet nicht mit ihm über das Vergangene. Als diese stirbt, findet Edvard ein Sparbuch, das in seinem Namen geführt wurde. Durch regelmäßige Einzahlungen hat sich ein kleines Vermögen angesammelt. Seine damalige große Liebe, Elsie, ist wieder in der Stadt und arbeitet bei einer Bank. Durch sie erfährt er, dass die letzte Einzahlung in Oslo getätigt wurde. Steckt eventuell sein Vater dahinter? Seine Beziehung zu Elsie ist durch damalige Verstrickungen auseinander gegangen und da ihn zurzeit nichts mehr vor Ort hält, macht er sich auf die Reise. Mit der Bahn geht es nach Dänemark, um dort die Fähre nach Norwegen zu nehmen.

Auf dieser Schiffspassage trifft er in einer Bar Alva. Alva, die eigentlich Bianca heißt, ist Journalistin. Ihr schwebt eine Dokumentation über magische Orte vor. Sie will in ihrem Beitrag über magische, d.h. unbekannte Orte berichten. Norwegen, das Land der Fjorde, Gebirge und Märchen, erscheint ihr sehr magisch. Letztendlich ist ihre Abfahrt aber auch eine Flucht. Sie flieht vor ihrem Leben in Berlin und als Mutter. In der Nacht der Überfahrt treffen die beiden Suchenden aufeinander. Sie betrinken sich in der Bar auf der „Kong Haakon“ und als Alva auf Deck taumelt, kann Edvard sie aus einer gefährlichen Situation retten und lässt sie in seiner Kabine schlafen. Am nächsten Morgen, beim Anlegen, ist sie aber bereits verschwunden. In Oslo begibt Edvard sich zu der Bankfiliale, um festzustellen, dass hier nur Automaten sind. War seine spontane Reise doch etwas zu naiv? Der vor 50 Jahren verschwundene Vater war einst immer auf Trödelmärkten unterwegs. Da die Filiale in der Nähe eines solchen Marktes ist, versucht Edvard dort Menschen zu finden, die seinen Vater gekannt haben könnten. Bei seinen Erkundungen läuft ihm erneut Alva über den Weg, die ihn aber aus schlechtem Gewissen gesucht hatte. Eventuell kann sie ja auch Edvards Geschichte als Journalistin verwenden. Zusammen begeben sie sich auf die Suche. Eine Suche, die sie letztendlich zu sich selbst führen wird. Als sie den Historiker Lemskos ausfindig machen, scheint sich langsam die Biographie seines Vaters zusammenzufügen. Aber auch Alvas Leben und Vergangenheit fließen in die Geschehnisse ein. Eine abenteuerliche Reise durch das wunderschöne Norwegen beginnt, die sie beide unterschiedlich und verändert heimkehren lässt.

Ein Roman, in dem man gerne verweilt und durch den man beim Lesen ebenfalls reicher an Erkenntnissen wird. Ein schönes, haptisches Buch, das auch sprachlich zu überzeugen versteht. Alexander Häusser, der lange an diesem Werk gearbeitet hat, bedankt sich mit einer feinen Geste bei seinem Verleger. Ein Liebesgedicht für Edvard von Elsie stammt aus dem Gedichtband „Herzband“ von Günther Butkus, dem Verleger des Pendragon Verlages.

Zum Buch in unserem Onlineshop

3 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Buchblog-Award 2019

Finalist Bubla19

Wir sagen Danke!

Wir freuen uns riesig, dass unser Leseschatz erneut ein Finalist des Buchblog-Award #Bubla19 ist. Wir sind unter die 5 Meistgewählten in der Kategorie Bester Buchhandlungsblog nominiert.

Der Buchblog-Award zeichnet 2019 bereits zum dritten Mal die besten deutschsprachigen Buchblogs und Online-Buch-Kanäle aus, erstmals auch den besten Verlags- und den besten Buchhandelsblog. Er wird auf der Frankfurter Buchmesse verliehen.

Mehr über den Buchblog-Award: https://www.buchblog-award.de/  Die Finalisten in alphabetischer Reihenfolge: https://www.buchblog-award.de/news/finalisten2019/

Glückwunsch an alle Finalisten!

Auch in diesem Jahr haben mehrere tausend Leser*innen ihre liebsten Buchblogs und Buchkanäle nominiert und ihnen so zu einem Platz im Finale verholfen.

Im Vorjahr: Leseschatz hat den Buchblog-Award 2018 in der Kategorie „Allesleser“ gewonnen.

Eine weitere Auszeichnung, die wir erhalten: Deutschen Buchhandlungspreis 2019

Ferner erhalten wir den Deutschen Buchhandlungspreis 2019. Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, wird in diesem Jahr zum fünften Mal den Deutschen Buchhandlungspreis an ausgewählte Buchhandlungen verleihen. Wir sind einer der glücklichen Gewinner  Pressemitteilung vom 23. Juli 2019: https://www.deutscher-buchhandlungspreis.de/pressemitteilung-vom-23-juli-2019/

Danke Ihr lieben Buchmenschen!

13 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Jackie Thomae: „Brüder“

Jackie Thomae Brüder hanser

Jackie Thomae ist mit ihrem Roman „Brüder“ zu Recht für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert. Es ist die Geschichte zweier Halbbrüder, die nichts zu verbinden scheint und die ohne Kenntnis voneinander auf ihren Schicksalswellen reiten. Jackie Thomae begeisterte 2015 bereits mit ihrem Debüt- und Episodenroman „Momente der Klarheit“. Sie faszinierte besonders durch Ihre Sprache und die Charakterisierungen. Ihre Figuren bekommen durch die raffinierten Handlungsstränge stets eine enorme Tiefe, so dass man die Helden des Buches ungern verlässt. Dies passierte beim Lesen der Milieustudie  „Momente der Klarheit“ und jetzt erneut mit ihrem sehr umfangreichen Roman. Gerade wenn man den ersten Teil beendet hat, vermisst man Mick, den ersten Hauptprotagonisten, um sich dann in den folgenden Abschnitten erneut mit den kommenden Figuren anzufreunden. Es ist die Geschichte zweier deutscher Männer, die den gleichen Vater haben, den sie aber nicht kennen. Von ihm haben sie ihre die dunkle Hautfarbe geerbt. Es ist gleichzeitig die deutsch-deutsche Geschichte, die sich mit den aktuellen gesellschaftlichen Themen beschäftigt. Welchen Einfluss nimmt das Umfeld auf die eigene Biographie? Durch die dunkle Hautfarbe werden sich die Brüder auch immer wieder den Vorurteilen und dem Rassismus stellen müssen. Ohne das Wissen voneinander stellen sie sich ähnliche Fragen, dennoch verläuft Ihr Leben gänzlich unterschiedlich.

Es beginnt mit Mick. Er geht leichtfüßig durchs Leben, aber sein Leben verläuft nicht einfach. Er mäandert biographisch und wartet immer wieder auf Glückswellen, die ihn in die richtigen Bahnen lenken. Er wächst in der DDR auf. Als er und seine Mutter nach Westberlin ziehen dürfen, wird aus ihm ein Mensch des Nachtlebens. Er wird lebendig, wenn es dunkel wird und genießt das Party- und Nachtleben. Seine Laufbahn beginnt mit einem mehr oder weniger missglückten Drogenschmuggel, aus dem er, d.h. besonders Delia, seine Freundin, doch noch Gewinne erzielen kann. Delia wird später mit dem Ersparten ein Haus kaufen, in dem sie zusammen leben werden. Er zelebriert seine Philosophie, dass Geld stets in Bewegung sein muss und gibt es großherzig aus. Er betreibt mit Freunden einen Club, vergisst aber ein Gewerbe anzumelden oder dies dem Finanzamt zu melden. Als ihm dies um die Ohren fliegt und er auch einen Unfall hat, der ihn gänzlich ausbremst, muss er sich neu orientieren. Seine selbstsüchtige Freiheit wird ihm zum Verhängnis, gerade weil er auch Delia zu oft betrogen hat.

In Folge kommt noch Idris, ihr Vater zu Wort. Er bekam als afrikanischer Student ein Stipendium in der DDR. Später kehrte er als Arzt in seine Heimat zurück. Sein anderer Sohn, Gabriel, ist Stararchitekt in London. Er hat mit seiner Frau, Fleur, einen gemeinsamen Sohn Albert, der in der Pubertät steckt. Gabriel schlittert in einen Burnout und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Er erträgt die Ziellosigkeit und das Desinteresse der jungen Gesellschaft nicht. Der Hund einer seiner Studentinnen hat sich an Gabriels Fahrrad erleichtert und er verliert in dieser fast banalen Situation gänzlich die Kontrolle.

Mick und Gabriel suchen beide für sich Heil in der Ferne und werden nach all den Jahren plötzlich von Idris, ihrem Vater kontaktiert.

Jackie Thomae ist ein  großartiger Roman geglückt. Könnte man in der Literatur den Strahlensatz anwenden, wäre man fast geneigt zu sagen, dass John Irvings „Owen Meany“ der amerikanische Bezug zu „Die Blechtrommel“ von Günter Grass ist und „Brüder“  zum Beispiel der zu „Der menschliche Makel“ von Philip Roth sein könnte. Ein sehr durchlebter, durchdachter und besonderer Roman. Thomaes Art, die Geschichten zu erzählen und die Fäden zu spinnen, ist klug und macht sehr viel Freude.

Zum Buch / Shop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes