Marion Brasch: „Wunderlich fährt nach Norden“

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„Ein großer Teil der Sorgen besteht aus unbegründeter Furcht“

Ein wunderlich schönes Buch. Ein märchenhafter, melancholischer, aber stets auch witziger Roman über die glücklichen Momente im Leben. Ein surrealer Kreislauf. Mit „Wunderlich fährt in den Norden“ hat Marion Brasch einen Roman geschrieben, der ganz anders ist als ihr Vorgänger „Ab jetzt ist Ruhe“. War dieser ein realistischer Roman über ostdeutsche Familiengeschichten, so ist Wunderlich einfach nur wunderlich…. Beim Lesen wurde ich immer wieder an eines meiner Lieblingsbücher erinnert: „Land des Lachens“ von Jonathan Caroll (leider vergriffen), in dem der Protagonist ebenfalls die fassbare Realität in einem befremdlichen Dorf verlässt. Wunderlich ist eine Figur, die durch mehrfache Schubser lernt ihren Weg zu finden, ob dieser nun gen Norden geht oder nicht.

„Alles wäre gut, Nein, alles war gut“

Wunderlich sieht sich selber als unglücklichsten Menschen, den er kennt. Als Marie ihn verlässt, versinkt Wunderlich in Selbstmitleid. Sein Handy, das ihm ab diesem Moment stets anonyme SMS sendet, regt ihn zu einer Reise in sein Leben zurück an. Das Handy lässt ihn in einen Zug Richtung Norden einsteigen, dessen Ziel er nicht kennt und aus dem er auch wieder schneller aussteigt als gedacht. In einem unbekannten Dorf, in dem eigentlich keine Züge mehr halten, lernt er Finke kennen. In ihm findet er einen trinkfesten, etwas derben Freund, der ihn mit auf sein „Schloss“ nimmt. Da Finke am folgenden Tag einfach verschwunden ist, stolpert Wunderlich in ein Abenteuer, das vieles verändert und bei dem es nicht mit rechten Dingen zugeht…

„Aber vielleicht lag  Finke auch irgendwo im Straßengraben und war verletzt oder gar tot? Wunderlich wagte den Gedanken nicht auszusprechen, denn Dinge, die einmal ausgesprochen waren, standen im Raum und waren nicht mehr zu übersehen. Sie wurden unumstößlich Tatsache.“

Er macht sich mit der eigensinnigen Toni auf die Suche nach Finke. Ihm begegnen skurrile Charaktere – ein knarziger Kneipenwirt, liebe Dörfler, prügelnde Dorfjugend, hilfsbereite Holzfäller und Lennon Felljacke, der immer wieder auf dem Fahrrad durch diverse Szenen fährt. Ebenso gibt es wunderliche Begebenheiten mit märchenhaften Zutaten wie zum Beispiel „Blauharz“, das jede Wunde innerhalb von Minuten heilt, aber dafür auch die Erinnerung an die Ursache und an die Wunde löscht …

„Sollen wir nicht zurück, bevor es dunkel wird?“ – „Wie bistn du drauf, Hutmann“ sagte Toni schläfrig. „Wir sind doch gerade erst gekomm´?“

Ein tolles, wundersames Buch voller Magie und schrulligen Typen. Einfache Momente des Lebens, leicht zu lesen – stets komisch und dennoch tiefgründig und berührend. Eine Geschichte über einen Mann, der Entscheidungen scheut und sich dem Zufall überlässt. Durch seine Reise in den Norden wird Wunderlich zum Abenteurer und entdeckt, was er vergessen wollte und findet, was er nicht gesucht hat…

„Und jetzt? Jetzt juckten seine Haarwurzeln, weil er gleich wieder dort sein würde, wo alles einfach schön und verwunschen war. Und wo er jemand war, den er mochte. Vielleicht zum ersten Mal. Und wegen Toni. – Wunderlich nahm seinen Hut ab, damit er sich nach Herzenslust am Kopf kratzen konnte. Er meinte plötzlich zu wissen, warum er sich so leer gefühlt hatte, als er gestern am Meer stand. Vielleicht hatte er schon gespürt, das nicht Norden das Ziel seiner Reise war, sondern etwas anderes. Etwas, von dem er nicht wusste, dass man dorthin reisen konnte.“

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2 Antworten zu “Marion Brasch: „Wunderlich fährt nach Norden“

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