Tom Rachman: „Aufstieg und Fall großer Mächte“

Aufstieg und Fall

 „Es gibt keine Gesellschaften mehr, nur noch Individuen“

Der Autor Tom Rachman hat mit „Aufstieg und Fall großer Mächte“ seinen zweiten Roman veröffentlicht. Ein Roman, der viele kleine Kästchen beleuchtet aber erst am Ende zu einem Ganzen zusammenbaut, gleich einem Zauberwürfel. Eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und Mut, also die großen Bausteine des Lebens.
Wenn es im Kleinen nicht mehr funktioniert, warum sollte es dann im Großen gelingen? Das Versagen des Gebildes der Familie kann sich in dem Scheitern großer Mächte wiederfinden. Jeder Mensch ist sein eigener kleiner Kosmos, der innerhalb einer Gruppe – Familie, Freunde, Wohngemeinschaft, gemeinsames Büro etc. – lebt, aber dennoch für sich als Individuum empfindet und oft auch innerhalb einer Gesellschaft ziemlich alleine sein kann. So entpuppen sich die Menschen, die man liebt nicht immer als jene, die Gutes für einen wollen. Ein Mensch, in dem man einen guten Freund gefunden zu haben meint, kann sich Jahre später als ein Mensch entpuppen, für den man lediglich ein Geschäft war, ein Projekt, das materielle Sicherheit versprach. Anhand der Geschichte der Hauptprotagonistin, die sich Tooly nennt, wird jener Lebensweg eines möglichen Werdegangs einer Gesellschaft dargestellt, die biographisch aufsteigt aber auch fallen kann…
Die Geschichte springt zwischen drei Stadien des Lebens von Tooly hin und her. Sie als Kind, die von ihrem Vater mehr oder weniger entführt wurde, weil er sie beschützen wollte. Als junge Erwachsene, die innerhalb einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft lebt. Als 30 Jährige Frau, die in Wales ein Buchhandlung bzw. eher ein Antiquariat führt und sich auf die Suche nach all diesen Menschen macht, die sie beschützt, geliebt, verraten und erzogen hatten. Die Reise geht von Wales nach Bangkok, nach New York, nach Italien, von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart, vom Ende des Kalten Krieges zu Aufstieg und Schwanken amerikanischer Macht bis zur digitalen Revolution unserer Tage.

„Alle wollen es wirklich, aber nur wenige gewinnen, und fast alle verlieren. Die Menschen mögen sich damit nicht abfinden, also reden sie sich ein, dass sie insgeheim und zumindest ihren eigenen Kriterien zufolge gar keine Versager sind. Aber ach“, schloss er lächelnd, „das individuelle Ego erweist sich Tatsachen gegenüber ebenso unzulänglich wie jedes nationale Ego.“

Das Buch lebt von den Protagonisten. Neben der sehr sympathischen Tooly lernen wir ihre skurrilen, getrennt lebenden Eltern kennen, die kaum in der Lage sind für ein Kind zu sorgen. Daher landet Tooly in einer schrägen Wohngemeinschaft mit einem kauzigen alten, griesgrämigen schlauen Mann namens Humphrey, der Schach sowie Bücher liebt und mit schwerem russischem Akzent spricht.

„…aber sei vorsichtig: Triviales Mensch regiert die Welt.“

Es folgt die Liebesbeziehung zu dem Jurastudenten Duncan, der in einer Studenten-WG wohnt. Den größten Einfluß auf ihr Leben hat der charismatische und exzentrische Alleskönner Venn, der Tooly eines Tages einfach sitzen lässt.
Als erwachsene Frau, möchte sie endlich ein Fundament schaffen und Klarheit in ihre Geschichte bekommen. Warum hat der Vater sie entführt, warum spricht Humphrey auf einmal klares und deutliches Englisch? Wo ist ihre große Liebe Venn geblieben? Während sie diesen Fragen und dazugehören Menschen nachreist, wird ihr Leben durch die Luft gewirbelt… Erst Stück für Stück baut sich das ganze tragische Bild einer Frau auf, die stets in Abhängigkeiten geraten ist, die mal gut, mal ehrlich zu ihr waren, aber auch einige, die es nicht gut mit ihr gemeint hatten und sie lediglich benutzten, um ihre eigenen Ziele zu verwirklichen.

Ein Roman, der toll komponiert wurde und von den verschrobenen und guten charakterisierten Figuren lebt. Ein Plädoyer für den Zusammenhalt, für die Familie und die Freundschaft. Auf persönlicher, wie auf globaler Ebene.

Zum Buch

5 Kommentare

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5 Antworten zu “Tom Rachman: „Aufstieg und Fall großer Mächte“

  1. Den Roman muss ich unbedingt auch noch lesen. Der liegt auf meiner Wunschliste ganz oben. ❤ Liebe Stöbergrüße, Steffi

  2. Wie toll!! Ich fand seine „Unperfekten“ einfach grandios! Dieses Buch habe ich gestern gekauft und es wird mit Sicherheit nicht lange ungelesen bleiben 😉

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