Ian McEwan: „Kindeswohl“

Kindeswohl

Ein neues Buch von Ian McEwan verspricht stets ein tolles Leseerlebnis und man genießt jede Seite und liest das Buch in einem flüssigen Rausch und ahnt es wird leider wieder viel zu früh enden…
Ein Gefühlsaufwallendes, hartes Buch über brisante Themen. Ein Werk über das menschliche Bestreben gerecht zu sein und so zu handeln. Eine Geschichte über die Konflikte zwischen Religion, Wissenschaft, Glauben, Ratio und Juristerei. Der Titel des wunderbar geschrieben Werkes „Kindeswohl“ ist der Kern des Romans.

„…keinen Ersatz für seine Religion, keinen Schutz, dabei war das Gesetz eindeutig, sein Wohl hatte ihr als oberste Richtschnur zu dienen.“

Das Kindeswohl ist etwas Soziales und in einer Gesellschaft reglementiert. Es dient dem Schutz eines Kindes. Die Protagonistin des Romans, die Richterin Fiona Maye, hatte geglaubt ihre Verantwortung endet an der Tür des Gerichtsaals und öffnet damit eine emotionale Seelenreise…

Fiona Maye ist eine sehr angesehene Richterin, die für ihre Gewissenhaftigkeit weit über London hinaus bekannt ist. Sie entscheidet über das Leben und Glück vieler Familien. Sie ist mit Jack, einem Geschichtsprofessor, verheiratet und lebt mit diesem in einer anscheinend harmonischen, aber kinderlosen Ehe. Nach gemeinsamen dreißig Jahren bittet Jack sie um den Segen für seine geplante Affäre mit einer anderen Frau. Für Fiona ist dies ein unverdaulicher Schmerz und sie wirft ihn aus dem gemeinsamen Haus, denn emotional muß sie sich auf einen sehr brisanten Fall vorberieten. Adam, ein Junge, der in wenigen Monaten die Volljährigkeit erlangt, leidet an Leukämie und benötigt innerhalb weniger Stunden eine Bluttransfusion. Adam und seine Familie lehnen diese Behandlung aus religiösen Gründen ab, denn sie sind Zeugen Jehovas. Ohne diese Behandlung wird er qualvoll sterben. Adam selber scheint genau zu wissen, was er möchte und sein persönlicher medizinischer Wunsch wiegt mehr als die in wenigen Monaten erreichte Volljährigkeit. Fiona lernt Adam im Krankenhaus kennen, um sich selber ein Bild von ihm zu machen. Erliegt er dem Gerede seiner Eltern, den Lehren seiner religiösen Vorbilder oder ist es eine leicht verkitschte, teenager-geschwängerte, romantische Vorstellung eines Märtyrer-Todes, die ihn lenkt?

Da auch die Medien über diesen Fall berichten, muß Fiona innerhalb kürzester Zeit ein Urteil in diesem Tumult fällen und ist versucht, ihre kühle Professionalität zu bewahren.
Da Adam der Musik und der Lyrik verfallen ist, spürt sie in ihm den inneren Drang nach Leben und entscheidet sich für dieses. Das Leben erscheint ihr größer als seine Würde, die er nun in seinen Kreisen verlieren könnte.

Das Drama beginnt aber erst jetzt, denn Adam sieht in Ihr eine Leitfigur, die er sucht und meint zu benötigen. Sein Gefühle und sein Wunsch nach ihrer Nähe werden sein wirkliches Verhängnis. Er sucht wie viele Menschen eine Art von „Guru“, der ihn sein Inneres lehrt. Aber etwas, das in einem ist, kann man nicht im Außen finden.

Eine Geschichte, die viel Raum für Emotionen und eigene Gedanken zulässt. Ein meisterhafter Roman, der sehr kurzweilig zu lesen ist. Eine emotionale Geschichte, die gleich den im Roman beschriebenen Musikstücken Wendungen und Brüche einbaut. Musik, die nur vom Blatt abgespielt und ohne Gefühl dargeboten wird, hat keinen Pepp und kein Gespür für den wirklichen Verlauf und die Gefühlsmomente. Ganz anders ist dies Buch, es ist ein verblüffender und toll geschriebener Roman, der mich unterhalten, aber auch in vielen Punkten angeregt und angestoßen hat. Das Buch verbindet im Leser gekonnt Verstand mit Gefühl. Ein sehr lesenswerter „Leseschatz“.

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