Katerina Poladjan: „Vielleicht Marseille“

978-3-87134-810-5

Ein feinfühliger Roman, der von schicksalhaften Begegnungen handelt. Von der Flucht vor Erinnerungen und dem inneren, eigenen Feind. Wo ist man Zuhause, wofür lebt und kämpft man tagtäglich?

Acht Monate nach dem Tod ihres Mannes, begibt sich die Hauptprotagonistin, Ann, auf eine ziellose Flucht vor der Erinnerung. Ihr verstorbener Mann ist stets in ihr lebendig. Sie hinterlässt keine Nachricht, nicht einmal ihrem Sohn, mit dem sie zum Essen verabredet war, verrät sie ihr Vorhaben. Salzburg ist die erste Etappe ihrer spontanen Flucht. Hier trifft sie auf Luc Gaspard, einen Kommissar aus Marseille. Luc soll in Salzburg seine Antrittsrede halte. Er macht Karriere und bekommt mehr Verantwortung und wechselt demnächst zu Europol, um auf internationaler Ebene zu arbeiten. Er ist also auf Dienstreise, während seine Frau mit den beiden gemeinsamen Kindern in Marseille auf ihn wartet. Seiner Ehe fehlen die Flucht aus dem Alltäglichen und die Innigkeit. Seine Frau Miyu erhofft sich viel von dem baldigen Umzug für sich und ihre Ehe.

Luc hält seine Rede nicht und hadert mit dem Kommenden. Er reist wieder ab und mit ihm fährt Ann, eigentliche Annerose. Beide begeben sich auf eine Reise, die sie von dem wegbringt, was eigentlich ihr Leben war und vielleicht nach Marseille führt.

Es ist ein stiller, melancholischer Ausbruch, der seine Kreise zieht, denn betroffen sind die Menschen, die den beiden nahe stehen und sich um diese sorgen. Theo, der Sohn von Ann, wartete im Restaurant auf diese und konnte gerade noch sein Wasser zahlen, denn eigentlich hätte sie eingeladen. Er kann sie nicht erreichen und macht sich um ihren Verbleib Sorgen, da ebenfalls auch ein Makler zu ihm Kontakt herstellt, der das Elternhaus verkaufen soll. Er versucht es immer und immer wieder und als eines Tages Luc unbedacht an Anns Handy geht, macht auch Theo sich auf den Weg nach Marseille und wartet mit Miyu auf die Verschwundenen.

Ein Roman, erzählt von sechs Tagen im Leben dieser vier Menschen. Von ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten. Wie einfach es ist, das Gefüge zu durchbrechen und große und kleine Erschütterungen zu verursachen. Es sind schicksalhafte, tragische und komische Begegnungen der Protagonisten, die ihren gewohnten Verlauf dadurch verlassen und zu Teilen sich selbst mit ihren Ausbrüchen überraschen. Zwei sind es, die bleiben und warten, zwei sind es, die verschwinden…

Der letzte Tag, Sonntag, der Tag, an dem alles zur Ruhe kommen soll, bleibt unbeschrieben und hinterlässt ein offenes, aber auch ein umspannendes Ende.

Katerina Poladjan, 1971 in Moskau geboren, kam als Kind nach Deutschland. Sie arbeitet als Schauspielerin und Autorin. 2011 erschien ihr vielgelobter Debütroman „In einer Nacht, woanders“, den ich auch schon sehr gerne gelesen hatte. Mit „Vielleicht Marseille“ war sie für den Alfred-Döblin-Preis nominiert, ebenfalls wurde sie zum Ingeborg-Bachmann-Preis nach Klagenfurt eingeladen.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Katerina Poladjan: „Vielleicht Marseille“

  1. Den Titel setze ich auf meine Wunschliste. Wieder einmal kommt ein toller Tipp von Dir. Danke dafür!

  2. Kati Reusche

    Danke für diesen Tipp. Hat mir gut gefallen. Ich hätte mir noch ein bißchen mehr Tiefe für die Charaktere gewünscht, aber so geht’s auch. Road movie Euro-style.

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