Juan S. Guse: „Lärm und Wälder“

Lärm und Wälder

Ein Buch, das seinen Inhalt bereits beim Öffnen offenbart. Eine schlichte Zeichnung eines wohlhabenden Hauses als architektonischen Aufriss. Der Schutzumschlag des Buches ummantelt lediglich den unteren Teil und zeigt den Vorplatz des Hauses mit sattem, grünem Rasen. Entfernt man diesen sieht man die Bewohner, die sich in einem Schutzbunker unterhalb des Hauses aufhalten.

Ein Roman, der mit der verlängerten Gegenwart und den projizierten Ängsten spielt. Eine Flucht aus den Städten in ländliche Idylle und zurück in „Gated Communities“, also geschützte Gemeinschaften, die gut gestellten Bewohnern eine Sicherheit vor den vermeintlichen Feinden in der äußeren Welt verspricht. Lauert das Feindbild draußen? Woher stammt diese Angst vor dem Fremden? Wenn die Menschheit sich in Schutzzonen verbarrikadiert, nimmt sie ihren größten Feind, sich selbst, stets mit…

Die Handlung wird zeitlich nicht benannt, doch spielt sie in einer erdachten sehr nahen Zukunft und spiegelt die Jetztzeit mit ihrer ganzen Paranoia, Ängsten, Missgünsten, Neid und Brutalitäten. Der Handlungsort ist ein umzäuntes und streng bewachtes Wohnviertel, Nordelta, am Rande von Buenos Aires. Diese Gated Community ist keine Zukunftsvision, sondern sie existiert tatsächlich. Hier leben Pelusa und Hector bereits seit mehreren Jahren mit den Söhnen Ignacio und Henny. Alle leben in einer ständigen Anspannung und Paranoia eines nahen Ausbruchs an Gewalt aus den Randbezirken. Eine Art Vorahnung eines Weltuntergangs manifestiert sich in den Menschen, die Zuflucht in diesem Bezirk suchen, dass durch Reiterstaffeln patrouilliert wird. Pelusa selbst unterstützt ihre Schwester beim Aufbau einer freichristlichen Gemeinde, die regen Zuspruch erhält. Sie hat anfänglich dieser spirituellen, esoterischen Schönrednereien der Schwester und der Gemeindeleitung nicht viel Vertrauen geschenkt. Aber durch beständiges Berieseln durch zugestellte VHS-Kassetten in ihrem Leben bevor sie nach Nordelta zog, hat sie hellhörig und gläubig werden lassen. Hector steigert sich in seinen Wahn und sieht überall eine Bedrohung und Gefahr. Er plant den Bau eines Bunkers unterhalb des Hauses. In seiner Freizeit hilft er Alvaro, einem Freund, einen „Bug-Out-Ort“ zu schaffen. Ein altes Landhaus, das sie umrüsten und mit Nahrungsmitteln für den Notfall aufrüsten.

Auch Henny, der durch einen Unfall entstellt ist und in seinem Umfeld ein Außenseiter ist, träumt ebenfalls von einem externen Zufluchtsort. Er plant eine extremere Flucht und möchte gleich den Planeten verlassen. Für seine Mondbasis trainiert er und experimentiert an sich und seinem Umfeld mit brutaler Arglosigkeit. Er neigt zu sadistischen Quälereien an Tieren und streift nachts mit seinem Luftgewehr durch Nordelta, in dem Waffen eigentlich verboten sind.

In dieser Siedlung bleibt der Feind, die äußerliche Bedrohung, gesichtslos und wird immer nur durch Berichte und Nachrichten benannt. Die Paranoia und die Gewaltbereitschaft brodeln innerhalb der Siedlung. Die Menschen vereinsamen und steigern sich in ihre eigenen Wahnbilder hinein, was sich auch durch die eingehenden Telefonate beim Pförtner zeigt. Die Menschen außerhalb wollen anscheinend rein und sie kommen näher und klopfen ab und zu an die Fenster und Mauern. Zumindest in der Vorstellung.

In einem anderen Erzählstrang wird Pelusas vorheriges Leben in den Wäldern erzählt. Wir erfahren von ihrem Versuch eines abgeschiedenen Lebens in den Anden. Hier taucht auch zum ersten Mal der Ich-Erzähler auf, der Mann an der Seite von Pelusa. In der Abgeschiedenheit taucht ein Fremder auf, dem sie Zuflucht gewähren. Doch wächst immer mehr ein Misstrauen und der Fremde scheint tatsächlich eine dunkle Vergangenheit zu haben. Das alternative Leben entpuppt sich für die Beteiligten als keine gute Lebensweise und endet mit dem Verschwinden der schwangeren Pelusa. Sie trägt in sich, wie sich vermuten lässt, Henny, der später in Nordelta zur Welt kommen wird.

Ein Roman, der einen mit seinen realistischen und krankhaften Daseinsängsten bannt. Die überspitzten Zukunftsandeutungen sind Visionen, die aber viele gegenwartsbezogene Wahrheiten beinhalten. Ein bedrückendes Szenario voller Paranoia aber auch mit Witz und Tempo geschrieben. Man liest fiebernd bis zum Ende und möchte es nicht aus der Hand legen. Eine packende Gesellschaftsanalyse.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Juan S. Guse: „Lärm und Wälder“

  1. Danke dafür. Der Verlag scheint auch ziemlich überzeugt von dem Buch zu sein. Dies gab es als Präsent u. a. beim Bloggertreffen auf der Buchmesse. Da werden vielleicht noch einige Besprechungen folgen.

  2. Ich wollte das ebenfalls gerade erwähnen, was Thomas geschrieben hat. Guse war auch Gast der Gesprächsrunde zum Bloggertreffen. Ich bin dann mal gespannt auf sein Buch. Auch wenn das Cover etwas gewöhnungsbedürftig ist.

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