Mercè Rodoredas: „Der Garten über dem Meer“

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Das vorliegende Buch ist in der Reihe „Klassische Schönheiten“ erschienen. Dies sind Neuentdeckungen, d.h. Neuauflagen schöner Klassiker, die einfach nur schön und edel sind. Diese Bücher sind bereits ein haptisches Erlebnis: Gebundene Bücher in einem Schuber, in feinem Leinen mit Fadenheftung und Lesebändchen. Das Papier ist ein weiches, dickliches und dadurch sehr schmeichelndes Papier.

Aus dieser Reihe habe ich mir Mercè Rodoredas Roman „Der Garten über dem Meer“ als erstes ausgesucht und gelesen. Das Werk entstand 1959 bis 1966 und beschreibt aus der Sicht eines Gärtners seine Hausherren und ihre Clique an Wohlgestellten, die in dem Sommerhaus am Meer sechs Sommer verbringen. Das Buch der 1983 verstorbenen Katalanin schildert den Monolog aus Klatsch und Gerüchten eines Bediensteten, der selbst in Wehmut verfällt. Er beobachtet die Annährungsversuche und Liebesbekundungen der Bourgeoisie, deren feudale und ausschweifenden Feste und deren Fall. Durch ausgelebte Aufstiegsträume und sozialen Ehrgeiz wurden Entscheidungen zu Gunsten des Wohlstands gemacht, gegen die Liebe.
Der Garten als Bild eines vermeintlichen Paradieses und das Meer, das als Kunstobjekt in der Handlung oder als Ort des Verweilens die jeweiligen Stimmungen der Protagonisten spiegelt.

„Ich habe schon immer gern erfahren, was den Leuten so alles passiert, und das nicht etwa, weil ich neugierig wäre… Eher, weil ich Menschen mag und die Besitzer dieses Hauses mochte ich sehr.“

In Sechs Kapiteln werden sechs aufeinander folgende Sommer beschrieben. Der Erzähler ist ein älterer Herr, der als Gärtner eingestellt ist und auf dem Anwesen in seinem eigenen kleinen Gartenhaus wohnt. Er ist der Liegenschaft sehr verbunden, denn er lebt jetzt dort als Witwer und hat viele Erinnerungen an dieses Grundstück, denn er hat bereits einigen vorherigen Besitzern dort gedient. Die Handlung spielt in den späten Zwanzigern in Spanien. Er schildert was er beobachtet und durch Gespräche in Erfahrung bringen konnte. In den Sommermonaten bewohnen die jungen und reichen Besitzer Francesc und Rosamaria das Herrenhaus am Meer. Sie empfangen jedes Jahr eine Clique aus Barcelona. Die Bediensteten und die Herren neiden oder leben diesen Sommertraum. Es werden ausgelassene Partys gefeiert, ein Wasserskilehrer wird eingestellt und ein Löwe sowie ein Affe beleben ebenfalls die Szenerien. Die dekadente Lebensweise lässt auch oft die Natur, seinen sorgsam und liebevoll angelegten Garten leiden. Aber nicht nur die Pflanzen bedürfen seine Aufmerksamkeit, denn der Gärtner beobachtet langsam auch feine Risse, Unstimmigkeiten und Disharmonien, die sich in der Gesellschaft zeigen.
Ein rauschendes Fest wurde wegen der Schwangerschaft Rosamarias gefeiert und doch kommt im kommenden Jahr lediglich Francesc in ehrlicher Trauer zurück, da sie das Kind verloren haben. Francesc stürzt sich in eine Affäre und seine Frau lebt in einer Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Als auf dem Nachbargrundstück auch noch eine große Villa errichtet wird und der Bauherr mit seinem Reichtum protzt, ist Missgunst und Neid bei den gehobenen Herrschaften zu beobachten.
Der Gärtner wird von einem alten Ehepaar aufgesucht, da diese in der Gegend ihren Sohn Eugeni vermuten, der damals schwor nach fünf Jahren zurück zu kommen, um bei seiner großen Liebe zu leben. Durch dieses Auftreten der Eltern von Eugeni, offenbart sich dem Gärtner die Vergangenheit von Rosamaria, die sich damals gegen die Liebe zu Eugeni und für Francesc, d.h. den Wohlstand entschieden hatte.
Ein Schatten erreicht endgültig die vermeintlich harmonische Welt am Meer als die Tochter des Nachbarn mit ihrem Verlobten auf das Anwesen zieht. Der Verlobte ist niemand anderes als Rosamarias Jugendliebe Eugeni…

Ein stimmungsvoller Roman, der eine Gesellschaft vor dem spanischen Bürgerkrieg darstellt, die sich in ihrem Kosmos verheddert. Es sind alles einsame Gespenster, die durch die verlorene oder entsagte Liebe in Wehmut verfallen und straucheln. Ein atmosphärischer, schöner fast sinnlicher Klassiker der von Roger Willemsen hoch gelobt und von ihm mit einen ausführlichen Nachwort ergänzt wird.

Zum Buch

Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Mercè Rodoredas: „Der Garten über dem Meer“

  1. Ja das ist wirklich ein sehr lesenswertes Buch und hätte ich es noch nicht gelesen, dann würde ich es jetzt nach deiner Rezension lesen.

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