Stefan Moster: „Neringa“

9783866482456 Mare Verlag

„Wo das Dürfen das Müssen ersetzt, bekam die Freiheit ihre Chance.“

Es gibt wenige Werke, die mich nachhaltig so beschäftigen. Das vorliegende Buch hat mich sehr an die Werke von Stephan Thome und Mirko Bonné erinnert. Ein klug konzipierter Roman und ein großes, vielschichtiges Werk. Der Kern des Buches ist das Fundament, auf dem sich alles erbauen lässt. Der Boden unter den Füßen, die Vergangenheit, die die Zukunft bedingt und das menschliche Miteinander. Wie sich dieser Boden gestaltet oder betrachten lässt liegt an der eigenen Wahrnehmung. Der gepflasterte Weg als Kunst oder als einfacher Pfad zum Ziel.

Der Ich-Erzähler, ein fünfzigjähriger Mann, lebt in London und ist für eine Software-Firma tätig. Er stammt aus Deutschland und hat die Grundidee für eine Software entwickelt, die es Unternehmern ermöglicht, ihre Daten gleich einem Armaturenbrett übersichtlich zu halten. Er hat lediglich die Ideen, die Umsetzung gestalten die Grafiker und die Programmierer. Die Geschichte nimmt ihren Anfang, als er im Kino einen Film sieht. (Diesen Film meine ich durch die Beschreibung erkannt zu haben und kann dem Protagonisten nur Recht geben, dass dieser ziemlich langweilig ist.) Durch eine einzige Einstellung, eine Szene, die am Mont-Saint-Michel spielt, wird er wach gerüttelt. Nun reist er in die Vergangenheit, die ihn in Teilen in die Irre zu führen scheint. Hat sich alles, was er erinnert, wirklich so zugetragen?

Die berühmte Felseninsel hatte er schon längst vergessen. Eine Postkarte mit dieser Insel im Wattenmeer als Motiv wird durch alle Hände der Familie gereicht. Sein Großvater meint beim Betrachten des Motives, da sei er schon gewesen. Sein Großvater, Jakob Flieder, der als Pflasterer allein durch seine Tätigkeit viele Spuren hinterlassen hat. Der Protagonist stellt nun durch seine Überlegungen sein eigenes Lebensziel, d.h. seine Lebensaufgabe, in Frage. Was ist es, was er an Bleibendem hinterlässt? So geht er auch in Therapie und hofft, durch diese Gespräche mehr zu erfahren. Die Flut an Fragen und Geschichten scheinen ihn gleich einer Springflut zu überrollen und er gräbt tiefer in der Vergangenheit. Besonders das Leben von Jakob Flieder fesselt ihn, d.h. dessen Leben als Handwerker und als Soldat in Frankreich.

Durch Neringa, einer Frau aus Litauen, die bei ihm putzt, kann er in sich mehr Klarheit finden. Es ist auch ihre Kunst, die ihn rührt. Sie tanzt und spielt für ein Figurentheater. Ihre flüssigen Bewegungen mit den Händen und Figuren werden sein Höhlengleichnis und er findet sein Glück im Hier und Jetzt.

Ein schöner Roman, der still und leise große Themen anspricht und wunderbar geschrieben ist. Mich hat das Buch sehr begeistert. Es kann in seiner positiven Melancholie viel im Leser anregen. Ein Wechselspiel zwischen der Moderne und dem Althergebrachten. Was ist bleibend in unserem Leben, was schaffen wir, das unsere Nachwelt, sofern man dies möchte, erinnert? Vieles was produziert wird ist nicht nachhaltig, sondern gilt dem schnellen Konsum. Gleich der Software, die die Firma des Protagonisten erstellt. Auch die Menschen in diesem Unternehmen sind wie ihre „Wolken“ und lassen sich nur noch von Trends bestimmen ohne auf diese wirklich einzugehen. Anders erscheinen hier die Mosaike, die aus kreativer Fantasie entsprungen und von Hand verlegt etwas Bleibendes symbolisieren. So können auch Menschen, gleich den gesetzten Steinbildern, zu Legenden werden, die über ihren Tod hinaus, ihre Geschichte erzählen. Die Geschichte einer Heimkehr, als Deserteur, als Lebenskünstler oder als Mensch auf der Suche nach Zufriedenheit und Glück.

Für mich bereits ein Highlight in diesem Frühjahr.

Zum Buch

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Eine Antwort zu “Stefan Moster: „Neringa“

  1. Pingback: Olli Jalonen: „Von Männern und Menschen“ | leseschatz

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