Benedict Wells: „Vom Ende der Einsamkeit“

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Der neue Roman von Benedict Wells ist wohl sein tiefgründigster, der sich mit dem Kern, dem Wesenskern des Menschen beschäftigt. Was ist das Selbst und woher kommt es, ist es ein Gedankenkonstrukt oder gibt es in uns etwas Unzerstörbares? „Das Selbst muss gebrochen werden, um Selbst zu werden.“ schrieb bereits Kierkegaard, der ebenfalls in diesem Roman zitiert wird. Wir kommen auf die Welt und werden geprägt von unserer Umwelt, den Eltern oder Erziehern, von Schicksalsschlägen, Bildung und den Erfahrungen, die wir sammeln. Aber was ist es, was uns wirklich ausmacht?

Der Roman beginnt in der Gegenwart des Erzählers, Jules, der nach einem Motorradunfall in der Klinik aufwacht. Der Tod ist stets gegenwärtig und ein beständiger Begleiter in dem Rückblick, den Jules nun erzählt. Sein Bericht endet und beginnt an einem Abgrund. Über dieser Untiefe liegt ein glitschiger alter Baum, den er als Kind ohne Furcht als Brücke benutzt hat. Je mehr Bewusstsein in ihn einkehrt und der Verlust ihn das Ängstigen lehrt, wird diese Leichtigkeit in seinem Leben immer geringer und es ist ein langer Weg für Ihn, diese Barriere erneut überwinden zu können.

Das drohende Unheil zeigt sich bereits während eines Familienausfluges als ein kleiner Hund beim Herumtollen am Fluss von der Strömung mitgerissen wird. Dies ist die erste Begegnung mit Trauer, Verlust und Tod und ein zentrales Bild der Handlung. So werden auch die drei Geschwister Jules, Marty und Liz vom Lebensstrom mitgerissen und jeder für sich treibt allein in seiner Welt. Doch liegt es an Ihnen zu lernen, dass sie ihre Einsamkeit nur gemeinsam überwinden können. Denn die Eltern verunglücken tödlich durch einen Verkehrsunfall. Die Kinder, die nicht mitgereist waren, werden in ein Internat geschickt. Hier trennen sich immer mehr ihre Wege. Liz möchte das Leben gierig auskosten, während Marty sich in seinen virtuellen Welten der Computerspiele verliert und stets Black-Metal hört. Jules, früher eher der Kasper und frei von Angst, wird ein Träumer und stiller Beobachter. Nur Alva, eine Klassenkameradin, nähert sich Jules und eine innige Freundschaft verbindet die Beiden. Doch auch Alva scheint ihre Probleme zu haben und mag nicht alles erzählen. Daher verlieren sie sich bereits als Jugendliche vorerst aus den Augen.

Jules hat damals von seinem Vater eine gute analoge Kamera geschenkt bekommen. Da die letzte Erinnerung an seinen Vater ein Streit war, empfindet Jules eine Schuld und versucht sich als Fotograf. Seine Leidenschaft zur Literatur gibt er auf, bleibt aber als Fotograf erfolglos. Marty dagegen wandelt sich vom „Nerd“ zu einem erfolgreichen Manager und Ehemann. Doch kann er nur bedingt seine Ticks und Zwangshandlungen verbergen. Liz bleibt die unruhige Frau, die alles in sich einsaugt und erleben möchte, die dann aber doch den Boden und den Halt im Leben verliert.

Jules, der immer an Alva denken muss, wobei ihr letztes Treffen als Jugendliche schmerzhaft war und sich auch zukünftig immer schwierig gestaltete, nimmt erneut Kontakt zu ihr auf. Sie lebt in der Schweiz und hat einen viel älteren Mann geheiratet, den sie beide als Jugendliche vergöttert hatten. Es ist der Schriftsteller Alexander Nikolaj Romanow, der nun als demenzkranker Mann, eine entscheidende Rolle für beide spielt. So keimt nach vielen Jahren so etwas wie Geborgenheit in ihnen auf. Die unterschiedlichen Geschwister und deren Familien wachsen immer enger zusammen, auch wenn sie sich niemals aus den Augen verloren hatten. Sie können die verlorene Zeit nie zurückgewinnen. Aber sie erfahren die Zeit als eine emotionale Kurve, die nicht kontinuierlich verlaufen muss. Ereignisse aus der Vergangenheit, haben oft eine größere Bedeutung im Leben eines einzelnen als das, was sich gerade in der Gegenwart um einen herum abspielt. Ist der Umstand, der Grund der Traurigkeit, des Verlustes und der Einsamkeit erkannt, kann man daran und an sich arbeiten und erkennt, dass Geborgenheit ein wichtiges Heilmittel sein kann. Der Anfang vom Ende der Einsamkeit…

Trotz der Schwere der Thematik und der beständigen Melancholie schreibt Wells mit einer Leichtigkeit. Es geht um sich finden und um Verlust, Trauer und die Frage, was in uns Menschen unveränderlich ist. Ein Entwicklungs- und Liebesroman, der große Themen unterhaltsam anspricht und vermittelt.

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6 Kommentare

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6 Antworten zu “Benedict Wells: „Vom Ende der Einsamkeit“

  1. Stimme Dir ganz und gar zu, lieber Hauke.
    Ich habe „Vom Ende der Einsamkeit“ kürzlich gelesen – es war mein erster Roman von Benedict Wells. Er hält in diesem Roman eine gute Balance zwischen gefühlvollen und nachdenklichen Elementen und er lotet sensibel aus, was uns vom Leben und Lieben trennt und was uns wieder mit dem Leben und Lieben verbinden kann.

    Meine Rezension werde ich nächste Woche publizieren. Dann kann ich gerne auch ergänzend auf Deine Besprechung verlinken, wenn es Dir angenehm ist ?
    Gutenachtgruß von Ulrike

  2. Pingback: Benedict Wells: Gefühlsexplosion auf Papier | Eleganz der Worte

  3. Ein Buch das Männern und Frauen gleichermaßen gefällt. Ist auch nicht immer so.

  4. Katha

    Ich liebe liebe liebe diesen Roman so sehr, ich kann gar nicht aufhören, davon zu schwärmen. Mittlerweile versuche ich mein ganzes Umfeld von diesem Roman zu überzeugen. Es ist einer der besten Bücher, die ich je gelesen habe (aber ich bin ja noch ziemlich jung).

    Alles Liebe
    Katha

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