David Mitchell: „Die Knochenuhren“

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„Der Wolkenatlas“ und „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ haben mich jeweils auf ihre Art sehr begeistert. „[…] Jacob de Zoet“ ist ein historisches Epos, das im fernen Japan spielt. „Der Wolkenatlas“ ist poetisches, kluges Kopfkino und beinhaltet ebenfalls den Bezug des Autors zu Japan und der fantastischen Literatur. Gleich seinem neuen Werk, das wiedermal ein umfangreicher, genreübergreifender Lesestoff ist.

Es ist eine durchgedrehte, skurrile Handlung, die den Leser fordert, aber auch mit viel Humor unterhält und zu fesseln versteht. Der Roman spannt den Bogen von 1984 bis 2043. Allein der Bezug zum Jahr 1984 lässt an den Klassiker der fantastischen Literatur erinnern. Aber es ist es diesmal keine Turmuhr, die die Zukunft einläutet, sondern die Vergangenheit im Titel des ersten Kapitels. Spaß macht auch, dass der britische Autor, die Musik nicht vernachlässigt. Die musikalische Entwicklung und die der Helden des Romans gehen Hand in Hand.

Die Handlung beginnt wie ein Coming-of-Age-Roman. Die Heldin, Holly Sykes, ist am Vorabend sehr spät nachhause gekommen und der familiäre Streit eskaliert und Holly bekommt eine Ohrfeige. Der Schul- und Elternfrust treibt die Fünfzehnjährige aus dem Elternhaus. Sie geht zu ihrem Freund, den sie aber mit ihrer besten Freundin im Bett erwischt. Sie haut ab und irrt vorerst ziellos durch die Gegend. Wir erfahren, dass Holly Stimmen hört, sie nennt diese „Radiomenschen“, die auf sie als Kind beständig einredeten. Aus diesen Stimmen kristallisierte sich eine Frauenstimme, die sich in ihrem Kinderzimmer materialisierte. Diese Frau, Miss Constantin, scheint auch Einfluss auf Holly und ihr Umfeld nehmen zu können. Die Stimmen verschwinden vorerst, als Dr. Marinus eine simple Technik aus der „Alten Heimat“ anwendet.

Das wahre Abenteuer beginnt für die junge Holly, als sie auf ihrer ziellosen Flucht der alten, sonderbaren Frau Esther Little begegnet. Als sie gemeinsam grünen Tee trinken und ohne sich vorzustellen die Namen des anderen kennen, bittet Esther Little Holly um Asyl. Holly versteht nichts und ist verwirrt, gibt der Bitte aber nach. Später auf der Flucht trifft sie weitere Menschen, die ihr helfen, aber sie auch anscheinend verfolgen. Es gibt auch mystische Szenen, die wie Tore in andere Dimensionen wirken…

Sie arbeitet als Erdbeerenpflückerin, um die Zeit, die sie von Zuhause wegbleiben will, zu finanzieren und, um einen Schlafplatz zu haben. Vorher begegnet ihr Ed Brubeck, mit dem sie Jahre später zusammenleben wird. Auch wird es Jahrzehnte dauern bis Holly versteht, was die alte Frau, Esther Little, wirklich für ihre Existenz bedeutet.

Die Handlung macht ihren ersten Schnitt, als Ed Brubeck Holly erzählt, dass nun auch ihr Bruder, der ihr noch das Versprechen abgenommen hatte, das von ihm gezeichnete Labyrinth auswendig zu lernen, auch verschwunden ist. Der Sprung geht ins Jahr 1991 und ein neuer Ich-Erzähler tritt auf. Im folgenden Kapitel begegnen wir dem Cambridge Studenten Hugo Lamb, der sich leicht psychotisch entwickelt.

In folgenden Kapiteln durchlaufen wir das Künstlerleben und das Eheleben der Protagonisten. Die Handlung wird immer bizarrer und wird neben der Entwicklung der Charaktere immer fantastischer. Holly, die harmlose junge Frau, wird zum Spielball dunkler Mächte um das ewige Leben. Denn was wäre, wenn man das Sterben hinauszögern könnte…? Die Handlung geht mit Horologen, Seelenwanderungen und Oberpriestern hin zur Apokalypse, der Holly auch in der Zukunft in Irland nicht entkommen kann…

Ein Bildungs-, Gesellschafts-,  Entwicklungs- und Abenteuerroman, der zwischen Realität und Phantasie wankt. „Die Knochenuhren“ erinnern leicht an die Werke der japanischen Literatur u.a. Murakami, aber auch an die Phantasie eines Stephen Kings. Schön ist auch der Bezug zum Wolkenatlas und anderen seiner Werke. Es gibt ein Wiedersehen mit einigen alten Bekannten…

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

2 Antworten zu “David Mitchell: „Die Knochenuhren“

  1. Den Wolkenatlas liebe ich, vielleicht sollten die Knochenuhren doch bei mir einziehen….
    Mit lieben Lesegrüßen 🙂

  2. Liebe Heike,
    dann wünsche ich Dir ebenfalls erlesene Stunden!
    Herzliche Grüße, Hauke

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