Sarah Kuttner: „180 Grad Meer“

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Die Innenansicht einer jungen Frau, die es liebt aufs offene Meer zu schauen. Der freie Blick muss offen sein und birgt in sich eine Sehnsucht auf klare Weite, auf Ferne und auf etwas Unerreichtes. Sie lebt in sich und ihren Problemen. Diese oft genannte Pop-Literatur ist dann doch mehr und lässt den psychologischen Tiefblick auf das Seelenleben der Protagonistin zu.

Jule ist Sängerin und versteht es, sich zumindest auf der Bühne zu verstellen. Sie gibt ihrer Songauswahl gespielte Seele, den Soul, den es benötigt, damit das Publikum ihr das vorgetragene Liedgut auch abnimmt, auch wenn es Songs sind, die sie verabscheut. Denn hassen tut Jule viel. Eigentlich die ganze Welt, aber besonders sich selbst.

Warum Jule so unglücklich und wütend ist, erfahren wir Stück für Stück. Sie kann schlecht mit Menschen umgehen und kommt mit sich selbst nicht zurecht. Eigentlich möchte sie nur behütet sein. Still in der Achselhöhle ihres Freundes liegen zum Beispiel.

Ihre Eltern sind eher verantwortungslose 68er-Eltern und ihr Vater hat sie, als Jule noch klein war, verlassen. Ihre Mutter hat sich mehr auf Jule verlassen, als diese sich auf ihre Mutter verlassen konnte. Spielerisch wollte Jule auch, dass ihr kleiner Bruder zu ihr Mutter sagt. Daher schlummert stets ein Groll in ihr und sie wird beziehungsunfähig. Sie empfindet sich selbst als hässlich und wertlos.

Sie betrügt auch ihren Freund mit dem Betreiber der Bar, in der sie mit ihren Pianisten auftreten darf. Als ihr Freund davon mitbekommt, bittet er sie zu gehen. Um etwas Klarheit und ruhigen Weitblick aufs Meer und auf ihre Innenwelt zu bekommen, reist sie zu ihrem Bruder nach London. In dieser WG trifft sie auf einen treuen Begleiter, den Hund Bruno. Die Reise führt sie aber nicht nur zu ihrer aktuellen Beziehungssituation, sondern auch in ihre Vergangenheit. Sie erfährt von ihrem Bruder, dass der Vater ganz in der Nähe ist und an irreparablem Krebs erkrankt ist.

Das Buch liest sich flüssig, humorvoll und ist trotz der überspitzten Sicht auf die Probleme der Heldin für mich eine positive Überraschung, denn es ist mein erster Roman der bekannten Fernsehmoderatorin. Ein Roman, der sich in die Werke der jüngeren Autoren einreiht, die sich mit der überforderten Seele der Gegenwart beschäftigen. Schnelllebigkeit und stete Vernetzung steht gegenüber der geborgenen und natürlichen Familienwelt. Was verbindet uns Menschen und was lässt uns wachsen oder zusammenwachsen? Ein glaubwürdiges Buch, in dem mir wohl ab und zu Sarah Kuttner begegnet ist…

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