Alessandro Baricco: „Mr. Gwyn“

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Sind wir der Mensch, den wir in uns sehen? Die Vorstellung von meinem Selbst, die meist gespielten Egos, sind doch Rollen, die eine Geschichte erzählen. Diese Person, mein Selbst, d.h. meine Vorstellung von mir kann zu einer imaginären Figur werden, in der wir uns wiederfinden. Wie wird aber diese Person von anderen wahrgenommen und welche Geschichte sieht jemand in dieser Rolle?

Alessandro Baricco hat mit Mr. Gwyn eine solche Rolle erschaffen, die durch bestimmte Inszenierungen, die Geschichte des zu charakterisierenden, d.h. porträtierenden, erahnen kann und durch kurze Textfragmente oder Szenen skizziert und somit fixiert. Mr. Gwyn behauptet sogar durch seine Porträts könne er die Menschen nach Hause bringen, d.h. ihnen ihr wahres Selbst erkenntlich machen.

Der Roman beginnt als der bekannte Autor Mr. Gwyn eine Liste von 52 Dingen in renommierten Zeitungen veröffentlicht, die er nicht mehr machen wird. Höflich zu Menschen sein, die er verachtet, keine Rolle mehr vorspielen, d.h. keine gewollten Gesten machen, die ihn in seiner Figur wiederspiegeln soll, d.h. sich z.B. mit der Hand am Kinn in nachdenklicher Pose fotografieren zu lassen. Die Liste endet mit dem Punkt, dass er nie wieder Romane schreiben werde. Sein Freund und Literaturagent hält dies vorerst als einen Werbegag. Doch ist es Mr. Gwyn sehr ernst. Die entstehende innere Leere des kreativen Mannes sucht rastlos nach Ersatz. Er beschließt Kopist zu werden. Er möchte gleich einem Maler von Menschen Porträts erstellen. Diese aber nicht gemalt, sondern geschrieben. Wie genau so ein Porträt aussehen wird bleibt für den Leser länger fraglich, aber anfänglich auch für Mr. Gwyn selbst. Er ist sich seines Vorhabens ganz sicher und lässt sich durch seine Imagination leiten. Er bekommt auch seelische Unterstützung durch innere Zwiegespräche mit einer bereits verstorbenen Frau.  Er mietet ein rustikales Atelier und lässt einen befreundeten Klangkünstler und Komponisten einen eigenen für die Räumlichkeit passenden Soundteppich kreieren. Ferner beauftragt er einen Lichtkünstler, das Atelier in kindlichem Licht erleuchten zu lassen. Diese Glühbirnen werden von Hand gefertigt und haben eine genau kalkulierte Lebensdauer für den Zeitraum des zu erstellenden Porträts.

Sein erstes Porträt erstellt er von der Praktikantin seines Literaturagenten. Diese junge Frau wird als korpulent beschrieben, die aber in der Gegenwart von Mr. Gwyn im Atelier ihre Hemmungen ablegt und sich natürlich in diesem surrealen Umfeld bewegt. Anfänglich sieht Mr. Gwyn in ihr auch diese typische Beschreibung von Übergewichtigen, die sich in der Öffentlichkeit meist unwohl fühlen und sich dadurch verstellen. Doch wachsen beide an ihrer neuen Rolle. So wird sie auch zukünftig seine Assistentin in diesem Kopisten-Projekt. Aber sind es Kopien die er erstellt? Schreibt er Menschen ab oder schreibt er Geschichten ab, die zu diesen zu porträtierenden Menschen passen?

Er verpflichtet alle seine Kunden Stillschweigen zu bewahren. Als er aber ein Porträt für ein junges Mädchen erstellen soll, gerät alles aus dem Ruder. Sie hält sich nicht an seine Vorgaben und die Presse bekommt von Mr. Gwyns Gewerbe mit und schlachtet es aus. Somit endet alles schlagartig. Mr. Gwyn verschwindet und löst das Atelier auf. Seiner Assistentin schenkt er noch ein Buch ihrer Lieblingsautorin. Als sie dies liest, kann sie sich im Text wiederfinden. Ihr Porträt ist in diesen Text eingeflossen…

Zehn Porträts hat Mr. Gwyn erstellt, wobei er nur neun Menschen empfange hatte…. Ist das letzte Porträt sein eigenes? Denn wer ist Mr. Gwyn alles? Welche Rollen hat er gespielt und hat er wirklich aufgehört zu schreiben?

In dem Roman ist von einem kleinen Buch die Rede, geschrieben von einem Angloinder. Das fiktive Büchlein trägt den Titel „Dreimal im Morgengrauen“. Das Buch „Mr. Gwyn“ endet genau mit diesem Roman, der im Roman selbst eine Rolle spielt.

Ein leichter Roman, der irritieren und etwas verzaubern kann. Man liest, um endlich zu erfahren, welche Rollen gespielt werden und, was es mit den Porträts auf sich hat. Der Text ist ab und zu klischeehaft und einfach gehalten, spielt aber gerade mit diesen einfachen Mitteln, um die anfänglich formulierten Fragen aufzugreifen. Der letzte Abschnitt, d.h. der Roman im Roman „Dreimal im Morgengrauen“ ist in der deutschen Ausgabe ein Bonus, denn in Italien war es eine separate Veröffentlichung. „Dreimal im Morgengrauen“ ist sprachlich etwas einfacher gehalten und ergänzt nur bedingt den eigentlichen Roman, erklärt aber die Struktur dieser Porträts des Mr. Gwyn.

Zum Buch

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Eine Antwort zu “Alessandro Baricco: „Mr. Gwyn“

  1. Lieber Hauke,
    endlich stellst dud mal ein Buch vor, das ich schon kenne 🙂
    Mich hat Mr.Gwyn von Kopf bis Fuß begeistert und ich kann das Buch nur empfehlen.
    Liebe Lesegrüße,
    Heike

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