Candy Bukowski: „Wir waren keine Helden“

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In diesem Buch findet man sich wieder, staunt und wird mitgerissen. Es ist nichts Neues und dennoch anders und man wird immer mehr erinnert und stellt eigene biographische Fragen. Ein Roman als Selbstfindungstrip und die Handlung einer Heranwachsenden sind in der Fülle an Debutromanen nichts Neues. Dennoch versteht es Candy Bukowski, durch ihrer schonungslose und ehrliche  Herangehensweise den Leser an sich zu binden. Die Ehrlichkeit wird untermauert durch die Alltagssprache, die als Stilmittel eingesetzt wird und dadurch einfach formulierten Tiefgang anbietet.

Die Handlung spannt den Bogen von 1982 bis 2015. Es ist ein autobiografischer Roman und so lernen wir die Autorin als Sugar kennen, die uns durch ihr Leben schleift. Wir werden ein stiller Begleiter ihres Weges, der geprägt ist von Musik und der Welt der Bücher. Sie ist gelernte Buchhändlerin und war als Verlagsvertreterin tätig. Jedes Kapitel beginnt mit einem Songtitel. Da die Geschichte chronologisch erzählt wird, reist man durch die Musikgeschichte beginnend in den 80ern bis heute.

Candy Bukowski wurde 1967 geboren und wuchs auf dem Land auf. Sie beginnt ihre Rückschau als sie 15 Jahre alt war. Die Dorfattraktion war die „Ranch am Ende der Welt“, eine heruntergekommen Dorfkneipe, in der sich die Landjugend traf. Mit sechzehn materialisiert sich für Candy mitten im Dorf ihr erster Kontakt mit der Freiheit. Der Punker Pete erscheint ihr als Bote des Himmels mitten in der Nichtigkeit. Es entsteht eine Freundschaft, die ein ganzes Leben halten wird. Pete ist auch kein Punk, der die Attitüde lebt: „mach kaputt was dich kaputt macht“, sondern eher das Leben zelebriert und Candy anregt, sich stets des Jetzt bewusst zu sein. Er lehrt sie immer fair zu sein, sich selbst und andere zu achten. Bevor Candy aber diese Lebensweise gänzlich annehmen kann und im Hier und Jetzt ankommt, wird es für sie ein längerer Weg werden. Viele Freundschaften und Partner kreuzen ihren Weg. Sie zieht raus aus dem Dörflichen in die großen Städte, Frankfurt und Hamburg. Sie ertastet sich ihren Weg, der nicht gradlinig verläuft und scheitert öfters und muss sogar am Ende ums Überleben ringen. Jetzt blickt sie als Erwachsene zurück und lässt uns teilhaben an ihren Entscheidungen, Lebensfragen und Misserfolgen. Ihre Wegbegleiter bleiben teilweise etwas farblos, dies spiegelt aber die Verweildauer der jeweiligen Menschen in ihrem Leben. Wir begegnen klischeehaften Dorfprolls, untypischen Punks, schusseligen Buchhändlern und lebensweisen Buchhändlerinnen. Auch die Ehe wird von ihr gekostet und das Resultat ist ihre Tochter.

Die Etappen sind durch den untermalten Soundtrack stets eine kleine Reise in die eigenen Erinnerungen. Man findet sehr viel Gemeinsamkeiten und Anregungen, die mich positiv überrascht haben. Die Liebe zur Musik, zur Literatur und Reiki. Eine starke Frau, die durch dieses Buch in das Leben des Lesers knallt und dennoch erkennt, dass sie fünfundvierzig Jahre erlebt hat und viele Wegbegleiter hatte, aber sollte es schwierig im Leben werden, nur eine Minderheit daraus ihr zur Seite steht. Meistens stehen wir vor Entscheidungen und ganz selten gibt es Momente, in denen tatsächlich nur eine Richtung existiert. Doch gleich dem italienischen Hengst, rennt Candy immer wieder, zumindest im Kopf, die Treppe nach oben und streckt hüpfend die Faust in die Luft. Im Hintergrund läuft natürlich „Eye of the Tiger“…

Ein Roman, der mich überrascht und unterhalten hat. Der Name Bukowski ist hier Programm, auch wenn es ab und zu etwas süßlicher als bei ihrem Namensvetter zugeht. Der Satzblock ist nur anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig, denn die Absätze sind stets durch eine ganze Leerzeile getrennt. Dadurch wird aber der Lesefluss mit der voranschreitenden Geschichte immer zügiger. Dies ist ein grundehrlicher Debutroman, der mit grober, wilder Sprache, das innere der Autorin freilegt und uns Leser zum Grübeln und Schmunzeln anregt.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Candy Bukowski: „Wir waren keine Helden“

  1. Danke für diesen unkonventionellen Romantipp, der wirklich meine Leseneugier weckt!
    Herzensgruß von Buchhändlerin zu Buchhändler 🙂

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