Lukas Bärfuss: „Hagard“

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Lukas Bärfuss hat mit seinem Roman „Hagard“ einen Follower in die Realität geholt und ist mit dem Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Hagard als Begriff wird im Text nirgends erwähnt oder erklärt. Das Wort kommt ursprünglich aus dem Französischen und bedeutet: scheu, wild, störrisch und verstört. Es ist ferner ein Fachbegriff aus der Jagd und meint einen Beizvogel, der zur Zeit seiner Gefangennahme sein Alterskleid trägt, d.h. das Federkleid erwachsener Vögel, die nach der Mauser das Jugendkleid abgelegt haben. In dem Roman geht es ums Pirschen und Verfolgen, denn der Protagonist fühlt sich plötzlich von einer Frau angezogen und folgt ihr unbemerkt 36 Stunden lang.

Der eigentliche  Erzähler schaut nach langer Zeit auf dieses Ereignis zurück und versucht, die Geschichte zu verstehen. Er möchte das Geheimnis lüften, wie es dazu kam, dass Philip plötzlich von einem Begehren oder stumpfen Verlangen getrieben, sein Schicksal herausfordert. Es beginnt an einem Brezelstand im Zentrum der Stadt und endet auf einem Balkon irgendwo in der Vorstadt. Was passiert alles dazwischen? Warum wurde Philip zu einem Stalker? Wie konnte er sich so gehen lassen, dass er letztendlich sogar seine Scham aufgab? Die Frau bleibt immer die Gesichtslose, die Anonyme, der Philip durch einen Wink, den er in ihre Haltung hineininterpretiert, folgt und sich von seinem geschäftlichen Alltag entrücken lässt.

Philip ist Makler und organisiert einige Liegenschaften. Er ist auf dem Weg zu einem Geschäftstreffen. Doch sein Kunde verspätet sich. Plötzlich sieht er in den Menschenmassen ein Paar Schuhe aufleuchten und wird von der Frau, die er nur von hinten sieht, angezogen. Er lässt den Termin platzen und verfolgt wie in einem Rausch diese Frau. Er ignoriert die Anrufe seines Büros und die seiner Verwandtschaft. Er ist ein Endvierziger und gleich vielen anderen von seinem Smartphone abhängig. Doch durch das Auftreten dieser Frau ignoriert er das Summen und Vibrieren seines Handys und nimmt ohne große Aufregung in Kauf, dass sein Akku sich immer mehr leert. Die Frau nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel und da er auch sein Portemonnaie nicht dabei hat, wird er zum Schwarzfahrer. Nichts hält Philip von seinem Vorhaben hab. Was ist aber sein Vorhaben? Will er die Frau kennenlernen? Will er ihr näher kommen oder ist in ihm ein perverser Trieb?

Am Abend, vor der Wohnung der Frau, lässt er sich sein Auto bringen, damit er nachts einen Ort für seine Observation hat. Um die Türen nicht aus den Augen zu verlieren lässt er sich Pizza liefern und blendet alles andere um ihn herum aus. Lediglich eine Elster nimmt er wahr. Am folgenden Tag schleicht er ihr erneut hinterher und kann nicht aufhören, ihr zu folgen. Sein Handy ist bereits fast leer und die Menschen, die mit ihm in Kontakt treten wollen, werden besorgter. Er ist so besessen, dass er nicht einmal aufhört, als er auf der Flucht vor Kontrolleuren einen Schuh verliert. Die letzte Nachricht, die ihn auf dem Handy erreicht, ist eine Meldung der Polizei. Doch kann er sie nicht lesen, da sich nun sein Smartphone abschaltet.

Die Fragen, warum Philip so getrieben wird und wie es endet, treiben uns Leser weiter. Man wird selbst zum Verfolger und das Buch bleibt bis zum Ende spannend. Ein Roman, in dem eine Warnung gegen die Modernisierung der Technik erklingt. Wir machen uns abhängig von dieser und fallen gänzlich aus unserer alltäglichen Rolle, sollte eines unserer ausgelagerten Gehirne ausfallen. Der Roman übertritt viele Bereiche und ist ein faszinierendes Werk, in dem das „Folgen“ in den sozialen Netzwerken überspitzt in die Realität geholt wird. Wann wird es pervers und verliert jegliche Scham? Wann ist eine Grenze überschritten? Ist der Jäger krankhaft? Sind wir es, die Gesellschaft, die solchen Geschehnissen namenlos folgen?

Ein kunstvoller, spannender Roman, der sich zügig liest und wir Leser folgen dem Verfolger atemlos durch seine Obsession.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Lukas Bärfuss: „Hagard“

  1. Habe ihn auch gerade flugs durchgelesen. Ist sehr vielschichtig interpretierbar. Meine Besprechung kommt auch bald …

  2. Das ist ein Buch, welches ich unbedingt lesen möchte. Die Grundthematik simpel, aber vielfältig erzählbar.

  3. Eine interessante Rezension. „Hagard“ liegt auch schon auf meinem Bücherstapel und wird alsbald glesen.

  4. Ich habe Hagard damals auch schnell durchgelesen, allerdings war mir der Erzählton sehr unsympathisch: https://wissenstagebuch.com/2017/08/16/lukas-baerfuss-hagard-2017/

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