Yavuz Ekinci: „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“

Ekinci Der Tag an dem ein Mann vom Berg Amar kam Kunstmann Verlag

Eine märchenhafte Parabel, die als Tierfabel beginnt und endet. Das Leben im vermeintlichen Idyll wird durch eine von oben kommende Bedrohung im Fluchtinstinkt gelebt. Am Anfang der Erzählung fliegt ein Adler über die Landschaft. Mit vorgerecktem Haupt beobachtet er das Getier auf Erden. Die Landschaft, auf die der Jäger seinen Schatten wirft, besteht aus sattem Grün, sonnenerhitztem Gestein und verdorrten Gräsern und Geäst. Am Ende des kleinen poetischen Romans streift das Getier über verbranntes und rauchendes Land.

Wie eine Fabel beginnt der Text und wechselt zwischen zauberhaftem Märchen und aufrüttelnden aktuellen Geschehnissen. Es ist die Geschichte eines kurdischen Dorfes am Fuße des Berges Amar. Das Walnusstal, ein Ort voller Märchen, Mythen und Geheimnissen. Viele hatten der Legende nach versucht das Tal zu bezwingen. Alle, seien es Propheten, Krieger oder sogar Könige, sind daran gescheitert das Tal zu betreten. Lediglich die Liebenden Amar und Sara wurden nach ihrer Flucht vom Tal aufgenommen.

Wir lernen die Menschen des Dorfes am Rande der Welt kennen, die bei der Feldarbeit tätig sind, Tiere schlachten und Fußball spielen. Der Blick der Alten ist stets auf den Berg gerichtet, während die Kinder spielen oder sich Westernfilme ansehen. Neben dem brutalen Töten einer Ziege wird dem Leser durch die Augen der Kinder bewusst, dass auf diese Menschen etwas Bedrohliches wartet. Denn die Kinder befeuern die Cowboys beim Töten der Indianer. Das anfängliche Bild der Bedrohung in der Welt der Tiere lässt sich nun auf das Kommende im Reich der Menschen anwenden. Eine Bedrohung von oben wird erwartet. Alle, besonders die Alten, warten auf jene, die vom Berg herabsteigen werden, um sie zu vernichten. Gleich am Anfang, nach einem Besuch bei den Ahnen, rettet ein Mann Küken, deren Nest vom Baum gefallen war und errichtet den Vögeln wieder ein Heim. Als er das Nest in die Gabelung legt, sieht er einen Mann, der vom Berg Amar ins Dorf gelaufen kommt.

Die Drohung der Legende, dass sie, die Übermächtigen, über den Berg Amar kommen werden, scheint sich zu bewahrheiten. Denn es hieß schon immer, eines Tages werden sie kommen und nichts wird dann mehr so sein wie früher.

Ein Roman, der mit der menschlichen Angst vor einer namenlosen Bedrohung spielt. Die Angst vor willkürlicher Zerstörung und Mord.

Der Text bleibt immer distanziert, aus der objektiven Sicht, und schafft somit bleibende Bilder, die sich im Leser metaphorisch festsetzen. Es ist der Wechsel zwischen dem Märchenhaften und der aktuellen Wirklichkeit unserer Welt, der begeistert. Der Stoff steht symbolhaft für das Schicksal bedrohter Menschen.

Die natürliche Schönheit und das archaische Leben mit seinem Fundus an alter Kultur, Geschichte und Mythen werden durch eine unterschwellige Gefährdung bedroht. Eine poetische und politische Erzählung. Der Autor beschreibt fast schon ungerührt und überlässt somit die Empathie dem Leser. Yavuz Ekinc beschäftigt sich in seinem Werk mit dem Leben der Kurden in der Türkei und hat bereits viele Preise für sein literarisches Schaffen erhalten.

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