Jaume Cabré: „Eine bessere Zeit“

Jaume Cabré Eine bessere Zeit

Jaume Cabré ist einer der Autoren, auf dessen Werke ich mich stets sehr freue. Es sind Werke, die tiefgründig, lebendig, humorvoll und voller Detailliertheit geschrieben sind. Es sind Romane, die tief in der spanischen, d.h. europäischen Geschichte verwurzelt sind. Es sind Familienchroniken, die über viele Generationen hinweg deren Schicksale beleuchten.  Cabré ist ein spanischer Schriftsteller, der in katalanischer Sprache schreibt. Er ist kein Vielschreiber, aber seine Werke gehören in den Kanon der Weltliteratur und wurden oft ausgezeichnet. 2009 erschien auf Deutsch sein Roman „Senyoria“, der in Barcelona bereits 1991 verlegt wurde. Sein Hauptwerk und bekanntester Roman ist von 2007 „Die Stimmen des Flusses“ („Les veus del Pamano“ erschien 2004 in Spanien). 2011 folgte „Das Schweigen des Sammlers“ („Jo confesso“). Das jetzige Buch „Eine bessere Zeit“ ist ein älterer Roman, der in Spanien bereits 1996 („L’ombra de l’eunuc“)  in Barcelona verlegt wurde. Cabré ist auch als Drehbuchautor tätig und versteht es daher Szenen kunstvoll zu beschreiben und erzeugt mit seinen Geschichten und seiner ihm eigenen Sprache große Lesebegeisterung.

„Eine bessere Zeit“ reicht nicht an seine neueren Werke heran. Aber wie üblich bei Cabré treffen wir auf einen großen Reigen an toll gezeichneten Figuren. Sprachgewaltig taucht man ein in eine Geschichte voller Traditionen, Rebellion und dem Glauben an das Schöne.

Die Handlung, die sich über sieben Generationen erstreckt, wird umrahmt von einem Essen. Miquel schaut auf sein Leben zurück und in die schönen Augen von Júlia, mit der er sich zum Essen verabredet hat. Er fragt sich, wann in seinem Leben sich die ersten Risse zeigten. Vorher haben sie ihren gemeinsamen Freund beerdigt. Bolós Tod zwingt Miquel zu einer Reise in die Vergangenheit. Der Tod kam unerwartet und bewegt Miquel sehr. Nicht nur, weil ihn eine rätselhafte Nachricht erreichte. Sie waren damals politisch aktiv und Miquel, der im Untergrund Simó genannt wurde, erhält eine Warnung, jemand wäre nach all den Jahren hinter ihnen her. Júlia bittet Miquel um ein Essen, damit er ihr von Boló erzählen kann. Das Restaurant, das Júlia ausgesucht hat, liegt in seinem alten Heimatdorf. Als sie dort eintreffen, wird es eine wahrhafte Begegnung mit seiner Vergangenheit, denn das Lokal ist sein ehemaliges Elternhaus. Das Anwesen hat seit Generationen den Reichtum seiner Familie verkörpert. Júlia, die nicht weiß, in was für ein Haus sie Miquel geladen hat, soll einen Artikel über Bólo schreiben und weiß, dass Miquel und Boló einst gute Freunde waren. Doch ist Bolós Geschichte eng mit Miquels eigener Vergangenheit verknüpft und so beginnt er im Restaurant ausführlich zu erzählen. Er wollte sich von seiner reichen Familie lösen. Er wollte ein Leben voller Leidenschaft und Abenteuer erleben. Sein Vater hatte sich sang- und klanglos aus seinem Leben gestohlen. Er hatte eine engere Bindung zu seinem Onkel Maurici, der ein Familienchronist war und viel über die Geschichte der Familie Gensana zu berichten wusste. Nur er kannte den Unterschied zwischen dem offiziellen und dem wahren Stammbaum der Familie. So lernt Miquel durch seinen Onkel Stück für Stück die über sieben Generationen greifende Geschichte seiner Vorfahren kennen.

Miquel möchte nicht das Leben führen, das seine Familie und deren Fabrik von ihm abverlangen würde. Ihn zieht es in die große Stadt und er beginnt mit seinem Jugendfreund Bólo in Barcelona zu studieren. Durch das erste Verliebtsein beginnen beide sich den Aufständen anzuschließen. Doch die erste Aktion fällt Miquels verliebter Naivität zum Opfer. Als Simó zieht Miquel in den antifranquistischen Untergrund und er bricht mit seiner Familie. Es kommt zu Verstrickungen und Schuldigkeit, die ihn jetzt in der Gegenwart einholen. Auch in der Zeit nach Francos Tod und als Spanien sich verwandelt muss Miquel sich erneut finden.

Cabré schreibt mal wieder kurzweilig, klug und sprachgewaltig. Wenn man sein Werk kennt, weiß man, was man erwarten darf. Ausufernde, aber niemals überflüssige Erzählungen, die sich sprunghaft über Generationen erstrecken. Cabré beschreibt die Geschichten sehr lebendig und es gibt wenige Romane, die so gut die spanische Geschichte wiedergeben und verkörpern. Die Charaktere und die Romanhandlung schaffen erneut eine Stimmung, die ich an den Romanen von Cabré so liebe. Einiges in „Eine bessere Zeit“ hat seine Längen, anderes wiederum wirkt wie eine reine Aufzählung. Es ist eines seiner früheren Werke und es erreicht nicht seine jetzige Weltklasse, aber dies ist wahrlich meckern auf hohem Niveau.

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6 Kommentare

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6 Antworten zu “Jaume Cabré: „Eine bessere Zeit“

  1. Will und werde ich auch noch lesen. Ich habe mich sehr gefreut, als ich im Insel-Programm diesen neuen Roman von Cabré entdeckt habe. Viele Grüße

  2. Kirsten Brandt

    Das ist ja eine schöne Kritik – und mir vollkommen aus der Seele gesprochen! Ein großer Roman, wenn auch nicht der beste des Autors, der von Buch zu Buch besser wird (weshalb wir alle gespannt auf sein nächstes Meisterwerk warten und uns zwischendurch mit älteren Titeln zufrieden geben). Danke für diese wunderbare Einschätzung.
    Die Übersetzerin (na ja, eine von beiden)

    • Liebe Frau Brandt, das ist ja eine große Ehre, wenn Sie als Übersetzerin, meinen Leseeindruck mögen und teilen. Cabré ist für mich immer eine Lesereise. Ich danke Ihnen für die großartigen Übersetzungen!
      Herzliche Grüße, Hauke Harder

  3. Dies war mein erster Roman von Jaume Cabré und er hat mir leider nicht gefallen, weshalb ich ihn sogar abgebrochen habe. Das ständige Hin- und Herspringen zwischen den sieben Generationen war doch sehr verwirrend und ließ bei mir keine „Spannung“ aufkommen, um weiterzulesen. Ich hab’s leider nur bis Seite 170 geschafft. Und Lust auf mehr habe ich deshalb auch nicht bekommen.

    • Hallo Sigismund von Dobschütz,
      da kann ich wirklich nur leider sagen, denn für mich ist Cabré immer eine Lesereise wert. Aber ich kann verstehen, wenn einem das Hin- und Herspringen nicht liegt. Ich liebe Cabrés Bücher, besonders seine neueren Werke, wie oben beschrieben.
      Herzliche Grüße, Hauke Harder

  4. Pingback: Jaume Cabré – Eine bessere Zeit – LiteraturReich

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