Husch Josten: „Land sehen“

Husch Josten Land sehen Berlin Verlag

„Land sehen“ bedeutet als Redewendung, sich dem Ziel nähern, etwas Hoffnungsloses und das Schlimmste überstanden zu haben. Dies kommt wohl aus der Seemannssprache. Wenn man lange nur Wasser um sich sieht und keinen sichtbaren Anhaltspunkt in der Landschaft, kann das die Seele überlasten und mit dem Ausruf Land in Sicht erwacht das innere Leben.

Nach „Hier sind Drachen“, einem lesenswerten Roman über die Bedeutung der Geschichte, die Philosophie und die Suche nach dem Sinn, geht Husch Josten in ihrem neuen Buch der Frage nach dem Glauben, der Freiheit und erneut der Geschichte nach. Kann man in der heutigen Zeit, in der sich so aufgeklärt fühlenden Gesellschaft, die Gretchenfrage stellen? Kann man die Frage nach der Religiosität, besonders nach dem Glauben ohne Phrasen und Klischees stellen, d.h. beantworten? Ja, man kann, d.h. Husch Josten kann es vortrefflich. Der Roman hat eine sprachliche und philosophische Dichte, die den Leser niemals über- oder unterfordert, sondern, wie von ihrem Werken bekannt, unterhaltsam herausfordert.

Inhaltlich ist es ein Familienroman, der aber spannende Fragen um unseren Glauben stellt. Es ist eine Geschichte, die auch durch den historischen Bezug erschüttert. Erwähnt sei dabei die sogenannte Aktion T4. Die Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Es geht um den Literaturprofessor Horand Roth, der ganz unerwartet Besuch bekommt. Mit seinem Onkel hat er wahrlich nicht gerechnet. Schon gar nicht, dass dieser plötzlich als Mönch vor ihm steht. Georg, der Onkel, eigentlich ein Lebemann, bringt durch sein Auftauchen, seine Überzeugungen und Gespräche das Leben des literaturliebenden Horand Roth, den der Onkel lediglich Hora nennt, ins Wanken. Gerade weil der Orden, für den sich Georg aus freien Stücken entschieden hat, ein konservativer, umstrittener Orden ist, dessen Ideologien an mittelalterliche Kirchenmacht erinnert. Hora hat Georg als unorthodoxen Menschen kennen und schätzen gelernt. Daher will er der Sache auf den Grund gehen. Wie passt das Weltbild des Ordens mit dem bisherigen Leben des Onkels zusammen? Warum ist er überhaupt Mönch geworden? Was ist der Grund? Ein Mysterium, tiefgründige Erfahrungen, Schuld, Sühne, die erlebte Hölle des Bruders von Georg?

Georg, der als diese Art Mönch keinen Besitz haben darf, erwirbt etwas auf dem Land in Namen von Hora, der nun hier seine Antworten findet. Antworten auf Glauben, Liebe, Hoffnung und Freiheit. Auch kommt er dabei der Geschichte des Bruders von Georg auf die Spur. Eine berührende Heldengeschichte in einer ganz düsteren Zeit.

Der ganze Roman erzählt eine tolle, tiefgründige Geschichte. Voller Geschichten und Geschichte. Es steht der Glaube im Mittelpunkt. Niemand kommt an der Frage des Glaubens vorbei. Auch die wichtigsten Religionskritiker sind gläubige Menschen. Skepsis als gute Voraussetzung. Wer sich mit Glauben beschäftigt, kann ins Zwielicht geraten. Dabei ist es unwichtig, ob man dafür oder dagegen ist. Dieser Roman öffnet nun viele Türen im Kopf des Lesers und schafft eine willkommene, chaotische Ordnung in den Gedanken. Ein Roman, der einen mindestens ans Staunen glauben lässt.

Fantasie bedeutet nicht, sich lediglich etwas auszudenken, sondern aus den Dingen etwas zu machen. Husch Josten hat nicht nur viel Fantasie und Einfühlungsvermögen, sondern auch viel Humor. Sie erzählt klug und einnehmend über Glauben, Liebe, Freundschaft und philosophiert über die bewegenden Fragen des Lebens.

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