Karen Grol: „Himmel auf Zeit“

Erneut hat Karen Grol einen großartigen, flüssig und lebendig zu lesenden Biografie-Roman geschrieben. Nach Charles Rennie Mackintosh („Mackintoshs Atem“) ist es nun die faszinierende Künstlerin Anita Rée. Erneut hat Karen Grol die Kunst und ihre Schöpfer in den Mittelpunkt ihres eigenen Werkes gestellt. Die Autorin liebt Kunst und Literatur und zeigt dies mit jeder Ihrer Zeilen. Vor Kurzem war sie noch selbst Verlegerin, ist nun Autorin, die erneut tief in den Dokumenten, Geschichten und Werken der dargestellten Künstlerin gegraben hat und ein feines Gespür für Mensch und Zeit hat, um daraus einen Roman zu kreieren, der das Umfeld und die realen Charaktere sehr lebendig werden lässt.

In umrahmenden kleinen Kapiteln erleben wir, wie Walter Wilhelm Werner, ein Tischler aus Kiel, später Werkmeister der Hamburger Kunsthalle und Kunstsammler, Werke von Anita Rée vor der Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten bewahrte.

Anita Rée war eine der faszinierenden und rätselhaften Künstlerinnen der 1920er-Jahre.Sie war eine moderne Frau, die sich in einer von Männern dominierten Kunstwelt behaupten musste. Mit ihren Werken erlangte sie Anerkennung, doch die Geschichte bremste sie und ließ sie wohl in Vergessenheit geraten. Die erste umfassende Ausstellung der Malerin in Hamburg 2017-2018 war eine gute Möglichkeit, sich mit ihrer Kunst zu beschäftigen. Nun hat Karen Grol sie ins literarische Leben gerufen und ein Buch verfasst, das nicht nur Kunstliebhaber in ihren Bann ziehen wird. 

Anita Rée lebte von 1885 bis 1933 und stammte aus einer wohlhabenden Familie. Sie wurde protestantisch erzogenen. Die Hamburgerin hatte ferner südamerikanische und jüdische Wurzeln. Sie war voller Liebe zur Kunst und gänzlich vom Schaffensdrang durchdrungen. Als Frau hatte sie leider nicht die Möglichkeiten, wie sie damals die männlichen Künstler hatten. Sie nahm Malunterricht beim Hamburger Künstler Arthur Siebelist, der wohl ihr Können nicht erkannte und sie dadurch leicht unter Selbstzweifeln litt. Max Liebermann erahnte ihr Talent. Daraufhin nahm sie Unterricht bei Franz Nölken, mit dem sie gemeinsam mit Friedrich Ahlers-Hestermann eine Ateliergemeinschaft gründete. Doch die Freundschaft zu Nölken zerbrach aufgrund Rées unerwiderter Liebe zu ihm. Ihre große Sehnsucht nach Paris stillte sie mit einem mehrmonatigen Aufenthalt in der Kunstmetropole. Sie schaute sich die Kunstwelt an, traf einige ihrer Vorbilder und entwickelte sich selbst zur Porträt,- und Landschaftsmalerin. Später in Positano fand sie in ihrem Malstil die Sachlichkeit. Sie erlangte Anerkennung in der Kunstwelt. Doch finanzielle Sorgen und der aufkommende Nationalsozialismus machten ihr das Leben schwer und belasteten sie sehr. Ihre letzten Monate verbrachte sie auf Sylt. 

Die Werke von Anita Rée zeigen die Gesellschaft, die sich im Wandel befindet. Im Mittelpunkt ihrer eindringlichen Bilder stellt sie stets die existentiellen Fragen und sucht die Identität. Ihre Akte berühren den Betrachter und die gemalten Landschaften und das Ferne oder Fremde wecken und spiegeln eine Sehnsucht.

Mit wenigen Szenen versteht es Karen Grol, alles plastisch und sehr glaubhaft zu beschreiben. Ein Roman, der eine wichtige Künstlerin in den Mittelpunkt stellt und uns diese sehr zugänglich macht. Das Buch macht neugierig, bildet und unterhält ungemein. Durch die Sprache und die einfühlsamen und gelungenen Charakterisierungen nimmt einen der Roman und die geschilderte Kunstwelt sehr gefangen.

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