Iris Wolff: „Lichtungen“

Dies ist der fünfte Leseschatz von Iris Wolff. Seit ihrem Debüt begeistert sie uns und erhält seit „So tun, als ob es regnet“ zum Glück auch ein größeres Publikum. Ihre literarische Stimme zählt zu den bedeutenden der Gegenwartsliteratur. Im neuen Roman erzeugt sie erneut stille Bilder, die voller Klang sind und sie reist mit uns zu bestimmten Erinnerungsmomenten der Protagonisten. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Freundschaft, Liebe und der Zugehörigkeit. Wer die Werke von Iris Wolff kennt, weiß, dass alle Figuren, ob Haupt- oder Nebencharakter, von Bedeutung sind. Auch tauchen ihre Fragen nach der Prägung durch die familiäre Verwurzelung und Herkunft auf und der Wunsch, dieser entkommen zu können.

Es ist die Geschichte von Lev und Kato. Eine Geschichte, die uns sofort in ihren Bann zieht und zwei Menschen vorstellt, die uns lange in Erinnerung bleiben werden. Dabei lernen wir die beiden in Kapitel neun kennen, denn Iris Wolff schreibt den Roman rückwärts. Dies geschieht, wie im wahren Leben, wenn man sich neu kennenlernt, denn ab dem Moment erfährt man im Rückblick von der individuellen Geschichte, die das Fundament der Gemeinsamkeit gießt. Dabei wird nicht alles erzählt, einiges bleibt im Stillen und schimmert nur ganz leise durch die Zeilen hindurch. Die Momente, die uns erzählt werden, sind wie Lichtungen im Leben von Lev und Kato. Die Kapitel sind eindrücklichste Augenblicke des Geschehens, Erinnerungen über die Zeit verstreut, die wie Lichtungen eine Erkenntnis erhellen. Die titelgebende Metapher suggeriert ebenfalls ein Drinnen und Draußen und damit spielt die Autorin.

Die Handlung beginnt damit, daß Lev Kato nach Zürich hinterherreist. Lev ist bisher meist in seiner bekannten Umgebung geblieben. Großgeworden sind beide im kommunistischen Vielvölkerstaat Rumänien. Kato ist in die Welt aufgebrochen und hat Lev aus allen Regionen Postkarten gesendet. Bis er eine erhält, auf der sie fragt, wann er denn komme. Dies weckt ihn aus seiner Erstarrung. Kato lebt den Tag mit ihrer Kunst und erneut ist es die Nähe, die Freundschaft, die beide sehr eng verbindet. Nun beginnt ihre Reise durch Europa und zu sich. Im Rückblick wandern wir in die bedeutenden Lebensstationen von Lev, die stets durch Kato geprägt sind. Die Zeitreise erzählt von seiner Fahrradtour, auf der er sich neu zu finden sucht, von seiner Arbeit im Holzfällercamp, seinem Kuraufenthalt und von seiner Jugend und Kindheit. Als Schüler ist etwas passiert, dass ihn erstarren ließ. Er konnte die Beine nicht mehr bewegen und war ans Bett gefesselt. Kato war es, die den Auftrag erhielt, ihn zu besuchen und mit den Schulaufgaben zu versorgen. Dies ist der Anfang ihrer unzerbrechlichen Freundschaft und Nähe.

Der Roman ist voller Schönheit und Poesie. Das Leben wird dabei im Zusammenhang mit der Beziehung der ungleichen Freunde im Rückblick erzählt und streift dabei die Geschichte und das Politische. Ein zeitloses Wunderwerk, das berührt und mit einer Leichtigkeit mit Schattierungen und Farben hantiert. Der ganze Roman ist wie ein Kunstwerk, das beim ganz genauen Hineinschauen immer mehr von sich preisgibt.

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Siehe auch unbedingt: Iris Wolff zu Gast auf Leseschatz-TV (YouTube): Vorstellung und Lesung aus „Die Unschärfe der Welt“

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René Maran: „Ein Mensch wie jeder andere“

Mit dieser Veröffentlichung ist die deutsche Erstübersetzung eines literarischen Meilensteins erschienen. Die Handlung spielt in den 1920er Jahren und wurde erstmals 1947 in Frankreich veröffentlicht. Der Roman handelt von den Verletzungen durch den allgegenwärtigen Rassismus. „Ein Mensch wie jeder andere“ stellt die Mitmenschlichkeit in den Vordergrund und in Frage. Die Thematik ist leider immer noch von Gültigkeit. Der Roman verschönt nichts und somit wurde auch in der vorliegenden Übersetzung von Claudia Marquardt die rassistische Sprache des Originals beibehalten.

René Maran wurde 1887 auf Martinique geboren und wuchs in Bordeaux auf. Er revolutionierte die Literatur seiner Zeit und gewann als erster schwarzer Schriftsteller den Prix Goncourt. Gerade dies verfolgte ihn ebenfalls, denn wurde er in Folge belobigt, weil er den Preis gewonnen hatte, oder weil er der erste Schwarze war, der ihn erhielt? Maran starb 1960 in Paris.

„Ein Mensch wie jeder andere“  wird von der Hauptfigur Jean Veneuse erzählt. Er schreibt und geht dabei zu sich selbst auf Distanz. Er verlässt Frankreich an einem kalten Novembertag. In seiner Vorrede zur Handlung geht er auf den erlebten Rassismus ein, der ihn in den damaligen modernen Zeiten entgegenschlug. Er kehrt nach Afrika zurück, wo er als Kolonialbeamter eingesetzt werden soll. Er verlässt Bordeaux in tiefer Trauer und Verwundung. Weinend schaut er auf sein dortiges Leben zurück, das ihm als Schwarzer verwehrt wurde. Er verlässt Freunde und vor allem Andreé Marielle, die Pariserin, der sein Herz gehört. Es ist eine Abkehr von der Liebe, eher ein verstandesmäßiger Verzicht, als eine erzwungene Trennung. Die Beziehung wäre nicht unmöglich gewesen und doch empfindet er sie als ungehörig, da er ein Schwarzer und Andreé eine Weiße ist.

Die gesellschaftlich unmöglich empfundene Liebe ist das Thema. Dabei ist Jean aus der Sicht seiner Freunde und Wegbegleiter ein Schwarzer, wie sie sich viele Weiße gewünscht hätten. Es wird über ihn gesagt, er sei kein richtiger Schwarzer, denn er wirkt wie einer von der „gehobenen“ Gesellschaft. Somit entsteht eine Trennung ohne Trennung und differenziert gerade dadurch. Die Barrieren sind nicht die Bildung oder die Intelligenz. Immer wieder ist es die Hautfarbe, die Vorurteile schafft und das Leben erschwert, verändert und unmöglich macht. Auf der Schiffspassage kehrt sich die Verletzung und Enttäuschung um. Aus Trauer, Scham und dem Verlust der Liebe erwächst ein Selbsthass. Am Bord der „Europe“ trifft er auf einen alten Freund, dessen Frau und eine junge Frau, Clarisse Demours. Alle drei versuchen den trübseligen Jean Veneuse aufzuheitern. Sein Abschied von Frankreich und seiner großen Liebe trifft auf zaghaftes Unverständnis. Auf die Versuche, ihm wieder den Blick auf die Liebe zu ermöglichen, antwortet er zögerlich, ironisch und voller Selbstzweifel. Er hadert zwischen Liebe und den menschlichen sowie gesellschaftlichen Stellungen.

Ein Roman, der in Zeiten des Kolonialismus spielt und den Rassismus, Hass und Selbsthass erlebbar macht. Ein wichtiges Werk, das nun endlich auch in der Übersetzung vorliegt. Es zeigt eine Vergangenheit, die das gegenwärtige Europa und die ganze Welt in der Geschichte enttarnt. Ein Roman, der es versteht neue, d.h. tiefere Sichtweisen auf die großen Themen zu öffnen. Es bleibt zu hoffen, dass wir lernen, dass wir alle Menschen sind, wie jeder andere und Liebe, Frieden und Glück verdienen.

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Alexander Häusser: „Karnstedt verschwindet“

Ein Roman über Schicksalswege, Liebe und Manipulation. Mit wenigen Wortskizzen erzeugt Alexander Häusser eine spannende und beklemmende Szenerie. Den Erzähler befällt ein Unbehagen und er versucht, Wärme zu finden. Er ist nach Dänemark, nach Varming, gefahren, denn Karnstedt hat ihn im Abschiedsbrief gebeten, sich um seinen Nachlass zu kümmern. Karnstedt ist verschwunden und anscheinend in den Freitod gegangen und hat zu Simon, dem Erzähler, über einen Anwalt Kontakt aufgenommen. Als Schüler waren beide Freunde und nun, bei der Abwicklung, kommen Simon auf Karnstedts Hof die Erinnerungen.

Mit einer Distanz baut der Autor mit seinem Erzähler eine emotionale Geschichte auf. Der Ich-Erzähler wechselt, sobald er gedanklich in die Vergangenheit reist, in die auktoriale Erzählperspektive. Die Handlung baut sich um die Geschehnisse langsam auf und dabei wird eine enorme Spannung und Beklemmung erzeugt.

Simon und Karnstedt werden aus der Not heraus Freunde. Beide fallen in der Klassengemeinschaft durch ihre Körpermerkmale auf. Simon durch seinen Kleinwuchs und Karnstedt durch das Fehlen jeglicher Behaarung. Beide sind kluge Jungs, die ständig den Quälereien der Clique um Tummer ausgesetzt sind. In einer Dachkammer träumen sich beide in eine Welt voller Abenteuer und Entdeckungen. Durch diverse Fachmagazine, die Simons Mutter im eigenen Lotto- und Zeitschriftenladen für die Jungs bereitlegt, angeregt, wächst die Begeisterung für Paläontologie. Beim Schwimmen begegnet Simon einer Frau, die ihn gänzlich in ihren Bann zieht. Leider hat diese erwachsene Frau anscheinend bereits eine heimliche Beziehung mit Tummer. Karnstedt, der seine eigenen und wahren Gefühle erst spät preisgibt, plant einzugreifen.

In der Gegenwart ist es Simon, der nun in Dänemark über seinen damaligen Freund nachdenkt. Ist Karnstedt tatsächlich ins Meer gegangen und was war vor Jahren auf dem Klassenausflug passiert? Das damalige Geheimnis tröpfelt langsam in die Erinnerungen des Erzählers und die rätselhaften Ereignisse offenbaren sich.

Ein ergreifender Roman über ein Verschwinden und um manipulative Machtspiele. Die Handlung wird durch eine zugängliche Sprache und mit behutsamen Bildern aufgebaut. Das Leben, das Begehren und die Liebe stehen dabei von Anfang an dem Vergänglichen gegenüber. Die gesellschaftlichen Strukturen und das Verlorengehen in der Ausgrenzung werden unheildrohend eingefangen. 

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Rudolf Habringer: „Diese paar Minuten“

Innerhalb weniger Minuten kann sich alles verändern. Rudolf Habringer verdeutlicht dies in Kurzform und verdichtet das wandelbare Leben in zwölf Erzählungen, die aber chronologisch gelesen ein Ganzes ergeben. Jede Kurzgeschichte steht für sich und wirkt allein. Die einzelnen Schicksale sind alle bewusst oder unbewusst verbunden. Alle eint der gemeinsame Lebensraum, das Hügelland an der Donau. Wir stolpern in deren Alltag und beobachten die Protagonisten nur kurz. In diesen kurzen Abschnitten verdichten sich die privaten und beruflichen Beziehungen. Die Wendungen sind überraschend, böse und oft sehr raffiniert.

Bereits mit den ersten Erzählungen taucht man ein in diesen kurzweiligen und klugen Kosmos. Die Sprache ist direkt, unverblümt und gleich den Handlungen ausgeklügelt. Charaktere tauchen wieder auf und aus dem Erzählband wird letztendlich ein zusammenhängendes Werk, das uns in Abgründe blicken lässt.

Menschen, die Ehebruch oder Fahrerflucht begehen. Es sind verzweifelt Liebende, sorgende Eltern, einsame und psychisch Kranke. Auch Unternehmen, wie Banken, die skrupellose Immobilenprojekte finanzieren rücken in den Vordergrund. Verbrechen, Betrug und Vertuschungen tauchen auf.

Blitzartige Minuten sind es, die uns teilhaben lassen an schockierenden Handlungen. Jeder kurze Einblick offenbart eine enorme Veränderung. Innerhalb von Sekunden ändert sich alles. Sobald man eine Geschichte verlässt und beendet hat, stolpert man erneut in die selbige Welt, die dann doch ganz anderes sichtbar werden lässt.

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Shubhangi Swarup: „Breiten des Verlangens“

Die „Breiten des Verlangens“ ist literarische Tektonik. Ein großräumiges Epos voller Bewegung, Veränderung und Verbindungen. Der Roman lässt Bilder erblühen, die lange nachwirken und im wahrsten Sinne verzaubern, denn dieses Werk ist magischer Realismus. Durch die poetische und schöne Sprache packt einen selbst ein Gezeitensog, der einen am Ende aus dem Buch leicht verändert herauspurzeln lässt. Die Geschichte, die der Roman erzählt, greift tief in die menschliche Entwicklung und unseren Lebensraum. Das kleine individuelle Leben wird hierbei der Entstehungsgeschichte der Kontinente gegenübergestellt und alles ist letztendlich verbunden. Doch gibt es Kontinentalplatten, die abdriften und sich wieder andernorts aufeinander zubewegen. Im Roman taucht später eine Figur auf, die fragt, was eine gute Geschichte ausmacht. Was ist es wert überhaupt erzählt zu werden? Spannend wird es stets, wenn es um Veränderung und Entwicklung geht. Stille zu erlangen ist dabei schwer, denn Stillstand gibt es nirgends.

Das Werk ist in Abschnitte: „Inseln“, „Verwerfungen“, „Tal“ und „Schneewüste“ eingeteilt. Jedes Kapitel wirkt in einer anderen Perspektive. Doch stehen alle Charaktere miteinander in Verbindung. Wie Kontinente sind sie miteinander verbunden, aber es kommt dabei auch zu Spannungen und Verwerfungen. Ein junger Botaniker lebt auf den Andamanen. Sein Leben ist durch die Natur geprägt, die er zu ergründen versucht. Seine Ehe ist eine arrangierte, die zufällig durch einen Weisen Anschub erhielt. Doch sind die Eheleute sich nicht fremd und ihre Liebe und Seelen finden zueinander. Sie ist feinfühlig und eng mit der Geisterwelt verbunden. Sie spricht mit Bäumen und Geistern. Durch eine Verwerfungslinie ist eine Grenze für die unruhigen Seelen geöffnet. Sie fühlt und erlebt, was ihr Mann empfindet und träumt zuweilen seine Träume mit. Beide wachsen immer mehr zueinander. Doch wird ihr Glück durch viele Erschütterungen gebrochen. Ihre Haushaltshilfe und späteres Kindermädchen, sowie deren Sohn und Freund werden die Hauptfiguren der folgenden Abschnitte. Somit wandert der Text durch Zeiten und Gezeiten. Jeder Handlungsstrang vertieft die Geschichte und Charakterisierungen. Dabei wird von menschlichen Schicksalen, wie politische Gefangenschaft oder der Verlust durch Naturkatastrophen, erzählt. Das individuelle Sein steht dabei den Machtapparaten der Regierungen gegenüber zuweilen gleichfalls machtlos ausgeliefert wie bei einem Tsunami. Der Roman sprengt viele Grenzen und es werden Erinnerungen geweckt an Werke von Arundhati Roy oder Isabel Allende. Das geistige und materielle Leben tanzt mit den Figuren und schleudert diese in Geschichten, die uns sofort gefangen nehmen. Ein Epos zum Abtauchen und Staunen.

Shubhangi Swarup lebt auf Goa. Sie ist Autorin, Journalistin und Pädagogin. „Breiten des Verlangens“ (Latitudes of Longing), ihr Debütroman, wurde bereits in 15 Sprachen übersetzt und ist ein internationaler Bestseller. Übersetzt wurde die deutschsprachige Ausgabe von Milena Adam.

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Viktor Gallandi: „Kaspar“

Eine sich auflösende Welt beherbergt einen Spinoza lesenden Teenager, der versucht durch Worte Verständnis zu erlangen. Sein Name ist Kaspar und auch sein Alter hat er mit jenem gemein, der das Kaspar-Hauser-Syndrom prägte. Hospitalismus als Merkmal einer Gesellschaft. Denn verlieren wir nicht immer mehr an sozialer Verbundenheit und geben uns zum Beispiel der Technik hin? Der Verlust an Verbundenheit, Tiefe, Ethik und Empathie zeigt sich auch an den Reigen an Menschen und Wesen, denen Kaspar begegnet.

Er lebt in einem Zimmer und wird von einem Roboter gepflegt, den er Viech nennt. Warum ist Kaspar dort und wo ist er überhaupt? Die Landschaft wirkt mondähnlich. Er schreibt, um sich und die Geschichte zu erfassen. Sein Trip zum ehemaligen Ich beginnt.

Als die Schulen geschlossen wurden zog Kaspar vorerst in den Wald. Dann erfährt er von der mysteriösen Firma Æxego und möchte dort ein Praktikum absolvieren. Der Leiter der tankstellenartigen Filiale rezitiert gerne seine eigenen Werke und möchte diese veröffentlicht wissen. Doch die Hauptaufgabe von Kaspar wir sein, den geschäftsabtrünnigen Darz aufzuspüren. Mit einem Micra macht er sich auf den Weg. Die Hauptverkehrsstraße ist eine Autobahn, die nur eine Richtung kennt, keine Gegenspur hat und durch eine Gegend führt, die keine Zukunftsaussichten hat. Doch gibt es Nebenwege, die Kaspar aufsucht, um zum Beispiel seine Großmutter im Heim zu besuchen. Auf seiner ganzen Reise begegnet er Menschen und Wesen, die alle verfremdet, bizarr und unheimlich sind. Alle haben den weltlichen Bezug verloren. Kaspar ist es, der dies alles fixiert und erinnert. Sind es Erinnerungen oder Fantasien, wie das Telefongespräch mit der Lektorin? Kein Anschluss unter falscher Nummer. Immer wieder wird Kaspar vom Viech aufgesucht. Der Roboter bringt Nahrung und versucht, den Schmutz zu bannen. Das Natürliche soll kontrolliert werden. Kaspar schreibt und spricht zuweilen seine Leser, also uns, direkt an und erlaubt sich zuweilen auch seine Scherze.

Ein Roadtrip mit grotesken Abwegen. Literarisch werden hierbei viele Genres gestreift und es wird großartige Unterhaltung geboten. Klug, witzig und mit Tiefgang wird die Gesellschaft dargestellt und verfremdet. Aber ist es Science-Fiction, die doch zeigt, was ist und nicht was wird?

Der Roman fesselt durch Form und Inhalt. Alles wird verwandelt, doch die entnommene Materie, unsere Gesellschaft, bleibt stets erkennbar. Im Mittelpunkt ein Junge, der versucht das Mitmenschliche zu finden. Eine irre gute Geschichte.

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Jaroslav Rudiš: „Weihnachten in Prag“

Eine herzliche Geschichte an Heiligabend. Jaroslav Rudiš nimmt uns mit auf seinen Weihnachtsspaziergang durch Prag und zeigt uns, dass es im Leben nur um Geheimnisse geht. Ein reales Märchen mit magischen Begegnungen. Kunstvoll wurde das Werk illustriert von Jaromír 99, Jaroslav Rudiš bestem Freund.

Der Erzähler, Jaroslav, fährt in die Metropole an der Moldau. Er hat sich mit Freunden verabredet, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Am Bahnhof angekommen erinnert er sich, wie er als Kind dort einmal verloren ging. Dieses Gefühl des kurzweiligen Verlorenseins stellt sich erneut ein, weil er seine Freunde nicht erreicht. Somit geht er in die Bar, die sein Vater damals bevorzugte und trinkt sein erstes Bier. Danach begibt er sich auf die Zoorunde, denn viele Kneipen tragen Tiernamen. Dabei trifft er auf weitere einsame Menschen, die durch Geselligkeit und frisch gezapftes Bier sich verwandeln und dazugesellen. Kavka, genannt Kafka, dessen Kopf nach dem ersten Bier zu leuchten beginnt, der König von Prag, der alle Schlüssel der Stadt hat, eine Italienerin und zum Ende das Christkind. Eine Novelle, in der sich Dichterinnen und Dichter in Fische oder Vögel verwandeln können. Ein Text über Wärme, Geselligkeit und das Weihnachtswunder, das auch mit der Straßenbahn kommen könnte.

Ein kurzweiliger, schöner Weihnachtstext zum Kopfreisen und zur stimmungsvollen Entschleunigung.

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Andreas Pflüger: „Wie Sterben geht“

Erneut pflügt der Autor durch die Geschichte und hinterlässt uns einen spannenden und klugen Roman. Mit Horst Eckert bildet Andreas Pflüger die Speerspitze der anspruchsvollen Politthriller-Autoren in der Spannungswelt. Wiedermal ist es eine Frau, die in einen machtvollen Strudel gerissen wird, dessen Inhalt Bestandteil unserer Gegenwart ist. Nach den Heldinnen Jenny Aaron und Paula Bloom ist es nun Nina Winter, die als ehemalige Athletin als Schreibtischagentin auffällt und in den aktiven Dienst wechselt. Andreas Pflüger gibt somit dem Agentenromanen und Actionszenen das Feministische zurück. Pflüger versteht es, geballtes Wissen rasant in Szene zu setzen und komprimiert dabei die Geschichte, um diese in seiner Handlung passend einzubauen.

1983 findet auf der Glienicker Brücke in Berlin ein Agentenaustausch statt. Nicht ohne Grund wird die Brücke „Bridge of Spies“ genannt. Ein KGB-Offizier, Rem Kukura, der unter dem Decknamen Pilger eine wichtige Quelle des Bundesnachrichtendiensts war, soll gegen den Sohn eines Politbüromitglieds ausgetauscht werden. Nina Winter, die Kukura als Einzige identifizieren kann, ist beim Austausch dabei. Als die Grenzen zwischen Ost und West überschritten werden sollen, explodiert die Brücke.

Wenige Jahre vorher arbeitet Nina Winter beim BND und wertet Informationen aus. Sie hatte einst einen Text verfasst, der zynisch und kritisch war und mit der Zeile: „dass Schriftsteller nicht die Ärzte sind, sondern der Schmerz“ Aufsehen erregte. Plötzlich soll sie aktiv in Moskau als Führungsoffizierin eingesetzt werden. Ein wichtiger Agent, der mysteriöse Pilger, macht seine weitere Zusammenarbeit von Nina abhängig. Dies ist die Chance ihres Lebens und sie unterzieht sich den persönlichen Tests und macht eine Blitzausbildung. Ziemlich schnell lebt sie sich in ihrer neuen Rolle ein und kann die beständigen Verfolger gut abschütteln und die Informationen an den BND weiterleiten. Doch warum wird sie beständig und großangelegt überwacht? Hat es jemand auf sie persönlich abgesehen? Um aus diesem Spionagenetz lebend herauszukommen, muss Nina lernen, wie sterben geht …

Die Spannung wird sofort durch die Sprengung der Brücke erzeugt und danach springt Pflüger ganz leicht in der Zeit zurück, um sehr detailliert und kenntnisreich ein politisches Panorama aufzubauen. Die Handlung macht Zeitgeschehen erlebbar. Eine Epoche, die in der Gegenwart wieder eine unheimliche Bedeutung hat. Andreas Pflüger schreibt kunstvoll und versteht es mit Handlung und Sprache zu spielen. Ein Spionageroman, der sich neben die Klassiker von zum Beispiel John le Carré einreiht. Ferner bereitet es viel Freude, die gedanklichen Verzweigungen zu Kunst, Musik, Film und Literatur im Roman zu finden. Ein richtig toller, neuer Pflüger.

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Roskva Koritzinsky: „Keine Heiligen“

Das Buch beinhaltet sieben Kurzgeschichten, die einzeln, aber doch als Ganzes  gelesen und verstanden werden sollten. Der Titel „Keine Heilige“ spiegelt sich in vielen Bildern der Texte wieder. Religion im Wortbegriff ist der Inhalt. Die Suche nach Bindung und Verbindung. Die Geschichten kreisen um Sehnsucht und Einsamkeit und sind jede für sich ein Raum zum Innehalten und Reflektieren. Die Texte erschließen sich einem nicht sofort, sondern die Bilder und Worte erklingen nach oder wollen erneut erfasst werden. Sprachlich, emotional und gedanklich macht es sehr viel Freude, sich auf die Texte einzulassen. Die Autorin zählt zu den jungen, großen Talenten der norwegischen Literatur. Übersetzt wurde das Buch von Andreas Donat.

Es sind stille, melancholische und wunderschöne Geschichten, die einen bewegen. Es beginnt mit einer Parzival-Anspielung. Ein Ritter, der die versteinerten Menschen und Tiere erst durch die Rückkehr und durch Mitgefühl aus der Erstarrung befreit. Im Mittelpunkt stehen Geschwister, die das Familiäre nie richtig erlebt haben. Die Lieblosigkeit entsteht durch das Fehlen des Vaters und einer Mutter, die nicht die wahre Liebe kennt und lebt. Dabei wird für ein Kind ein kleiner Punkt, der mit einem Stift über das Bett gemalt ist, zu einem ganzen Tunnel.  Ein Fixpunkt, der sich ausweitet zu einem Fluchttunnel. Es sind Menschen, die für sich alleine im Leben sind und stets die Nähe suchen. Mal reicht das Finden einer Ikone, mal ist es eine Nachtwache, die durch die Erinnerung die damalige Nähe heraufbeschwört. Das menschliche Miteinander als chorales Bild. Singt man mit oder ist es lediglich der Chorgesang, der in der Brust einen summenden Ton erzeugt? Das Religiöse wird ein Begleiter. Zum Beispiel durch Schutzengel, das Bild des Drachenkampfes oder durch ein ehemaliges Kloster. Ein Kloster, das nun als Heim umfunktioniert wurde. Sind die Bewohner aus freien Stücken dort?

Das Buch beinhaltet kluge und schöne Sätze, die sich langsam entfalten. Die Geschichten handeln von der Sinnsuche und der Sehnsucht nach Liebe. Dabei ist das Emotionale in kleinsten Gesten, Handlungen oder Bildern verborgen. Das Heimkehren als Bild des Weges zu sich selbst und die Sinnhaftigkeit des Lebens werden auf schöne und komplexe Weise in Literatur verwandelt. Erneut eine besondere Ausgabe in dieser Verlagsreihe, die durch das Printmedium und den Inhalt alle Sinne anzuregen versteht. Ein Werk, das uns auf etwas fokussiert und dadurch ein Wachstum entstehen kann, zumindest in der Empathie und an der Freude an Literatur.

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Sophia Lunra Schnack: „feuchtes holz“

Ein außergewöhnlicher Roman. Dies offenbart sich bereits beim ersten Durchblättern. Hier vermischt sich Prosa mit Lyrik. Der Inhalt wirkt wie in Worte gegossen und die Handlung verbirgt sich in Klang und offenbart eine sinnliche Welt, die nicht verklärt. Die Prosa zerfließt in Poesie und die Lyrik verschließt sich niemals vor dem Lesenden, sondern wird zum Träger des Romans. Das Buch ist eine literarische Osmose, die einen sofort erfasst und deren Inhalt sich in die eigene Wahrnehmung ergießt. Die Handlung verliert sich in Raum und Zeit und beim Lesen überträgt sich diese Welt und der reale Bezug hebt sich auf. Die Sprache verliert die Satzaussage, ohne die tatsächliche Aussage zu verlassen. Das Einheitliche verbirgt sich bereits in der Lyrik mit der fehlenden Groß- und Kleinschreibung.

Unsere Erinnerung ist eng mit den Gerüchen, den Sinnen verbunden und oft reicht ein kleiner Hauch, um plötzlich in die Kindheit zu gelangen. Hier ist es zum Beispiel der Geruch von feuchtem Holz. Die Erinnerung setzt ein und wandert durch familiäre Generationen. Erinnerungen rattern durch Sinneseindrücke angeregt und erzeugen Bilder und Emotionen. Eine Reise zurück an den Ort der Kindheit wird in der Handlung beschrieben. Das nicht mehr existierende Elternhaus als Ausgangspunkt der Wanderung durch Landschaft, Raum und Zeit. Die früheren Eindrücke, Gerüche und Gefühle tauchen aus den Tiefen auf. Wie aus einem See, dessen Wellen langsam die Veränderung erzeugen.

Die Familiengeschichte beginnt mit dem Urgroßvater, den Kriegen und den Verlusten und besonders dem Trauma, das sich durch Generationen festgesetzt hat. Der Weg zurück ist hier zweideutig. Der anfängliche Weg der Erzählerin in das Heimatliche, in die eigene Kindheit und dann der Weg zurück in das einfache Leben nach den schicksalhaften Ereignissen, deren Muster den Geist der ganzen Familie erfasste.

Im Roman offenbart sich immer mehr durch Bilder und die Sprache. Das Erlebte wird erfasst und meist waren es kleine Dinge, die das Untragbare hervorzaubern. Das ganze Buch verzaubert und minimiert die Zügigkeit des alltäglichen Lebens und macht einen Schritt zurück, um sich in der Stille lautstark zu ergießen. Ein Roman, der Aufmerksamkeit verlangt und dann immer mehr ein Staunen zu erzeugen vermag. Ein unkonventionelles und großartiges Werk, das aus Beobachtungen und Sinneseindrücken besteht. Durch diese Episoden entstehen Bilder aus Geschichte und das ganze Sprachkonstrukt wird immer komplexer. Dabei ist es niemals anstrengend, sondern purer Genuss es zu lesen.

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