
Dieses Lichtspiel ist großes Kino. Erneut spielt Daniel Kehlmann mit wahren Begebenheiten und leiht sich für seine Charaktere im Roman Personal aus der Geschichte. Dieses Mal tauchen wir tief ein in die Filmgeschichte. Im Zentrum des Romans steht Georg Wilhelm Pabst, ein Filmregisseur, der den Nazis entfloh, durch einen Misserfolg in Hollywood nach Deutschland zurückkehrte und in Hitlers Reich versucht, weiterhin zu überleben und Filme zu machen. Der Roman wandert von einem „Draußen“ über das „Drinnen“ zum „Danach“. Kehlmann verbindet seinen feinen Witz mit dem bedrückenden Weltbild des Nationalsozialismus und lässt uns durch verschiedene Perspektiven schauen.
Das Vorspiel, der kleine Vorfilm, bei den Aufzeichnungen einer Talkshow, wo ein etwas dementer Weggefährte von Pabst auftritt, zeigt bereits den Humor und setzt einen der Spannungsbögen. Denn es geht um die Dreharbeiten zu „Der Fall Molander“. Wurde dieser Film fertiggestellt? Der Talkmaster und sein Gast reden aneinander vorbei, je nach geistiger Verfassung und Begrifflichkeit. Dieses nicht verstehen Können oder Wollen setzt sich gleich in der kommenden Szene in Amerika fort. Anfang der 1930er-Jahre sucht G.W. Pabst sein Glück in Hollywood. Er und seine Familie sind in die Metropole der Filmindustrie ausgewandert. In Europa ist er berühmt, er hat unter anderem Greta Garbo entdeckt und mit ihr gedreht. Die Produzenten in Hollywood wollen ihn für einen Film gewinnen, doch er hat eine eigene Idee, die er verwirklichen möchte. Das Gespräch verläuft nicht nur wegen der Sprachbarriere aneinander vorbei und letztendlich macht Pabst den Film, dessen Manuskript er furchtbar findet. Er warnt, doch man hört nicht auf ihn und als der Film floppt, gibt man ihm sogar die Schuld. Da er als Emigrant in Amerika wohl so schnell als Regisseur nun keine weiteren Projekte erhält und seine Mutter ihm schreibt, sie würde seine Hilfe benötigen, kehren sie zurück. Über Frankreich reisen sie zurück nach Österreich, nun Ostmark. Der Beginn des Krieges überrascht sie und die Grenzen werden geschlossen. Die Hoffnung auf eine erneute Flucht wird durch die Umstände vereitelt. Pabst hatte in Amerika bereits Kontakt mit dem Nazi-Propagandaminister. In Hollywood drohte Pabst dem Minister, nun verdrehen sich die Machtverhältnisse. Die Nazis wollen das Filmgenie für sich gewinnen, doch versucht Pabst diesem Becircen zu widerstehen, dreht aber weiterhin Filme. Seine Familie versucht, aus der Situation das Beste zu machen. Am Anfang war der Sohn voller Ängste, doch dann wandelt sich seine Sicht und er fügt sich und findet sein Weltbild im Nationalsozialismus. Die Schattenseiten werden im Roman durchbrochen durch lichte Momente voller Leichtigkeit und Humor. Dennoch zeigt sich ab dem Abschnitt „Drinnen“ die Machtgier vieler Menschen und deren Bereitschaft, diese brutal auszuleben. Die Beklemmung wird im Roman förmlich spürbar. Somit ist dieser Roman ein Werk über die Geschichte des Kinos, aber auch der Blick in die Verführungskunst des Bösen.
Ein literarischer Roman, der aber eine angenehme Leichtigkeit hat und wunderbar unterhält. Die Realität aus der Geschichte wird szenenhaft eingefangen und die beschriebenen Bilder und Charaktere wachsen beim Lesen in der eigenen Phantasie zu einem großartigen und cineastischen Gesamtwerk. Wie im Film kommt es auf die guten Perspektiven, die agierenden Figuren und letztendlich auf den guten Schnitt an. Alles ist im „Lichtspiel“ gekonnt ausgewogen. Ein toller neuer Kehlmann.
Zum Buch in unserem Onlineshop
Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV








