Daniel Kehlmann: „Lichtspiel“

Foto mit freundlicher Genehmigung STUDIO Filmtheater Kiel

Dieses Lichtspiel ist großes Kino. Erneut spielt Daniel Kehlmann mit wahren Begebenheiten und leiht sich für seine Charaktere im Roman Personal aus der Geschichte. Dieses Mal tauchen wir tief ein in die Filmgeschichte. Im Zentrum des Romans steht Georg Wilhelm Pabst, ein Filmregisseur, der den Nazis entfloh, durch einen Misserfolg in Hollywood nach Deutschland zurückkehrte und in Hitlers Reich versucht, weiterhin zu überleben und Filme zu machen. Der Roman wandert von einem „Draußen“ über das „Drinnen“ zum „Danach“. Kehlmann verbindet seinen feinen Witz mit dem bedrückenden Weltbild des Nationalsozialismus und lässt uns durch verschiedene Perspektiven schauen.

Das Vorspiel, der kleine Vorfilm, bei den Aufzeichnungen einer Talkshow, wo ein etwas dementer Weggefährte von Pabst auftritt, zeigt bereits den Humor und setzt einen der Spannungsbögen. Denn es geht um die Dreharbeiten zu „Der Fall Molander“. Wurde dieser Film fertiggestellt? Der Talkmaster und sein Gast reden aneinander vorbei, je nach geistiger Verfassung und Begrifflichkeit. Dieses nicht verstehen Können oder Wollen setzt sich gleich in der kommenden Szene in Amerika fort. Anfang der 1930er-Jahre sucht G.W. Pabst sein Glück in Hollywood. Er und seine Familie sind in die Metropole der Filmindustrie ausgewandert. In Europa ist er berühmt, er hat unter anderem Greta Garbo entdeckt und mit ihr gedreht. Die Produzenten in Hollywood wollen ihn für einen Film gewinnen, doch er hat eine eigene Idee, die er verwirklichen möchte. Das Gespräch verläuft nicht nur wegen der Sprachbarriere aneinander vorbei und letztendlich macht Pabst den Film, dessen Manuskript er furchtbar findet. Er warnt, doch man hört nicht auf ihn und als der Film floppt, gibt man ihm sogar die Schuld. Da er als Emigrant in Amerika wohl so schnell als Regisseur nun keine weiteren Projekte erhält und seine Mutter ihm schreibt, sie würde seine Hilfe benötigen, kehren sie zurück. Über Frankreich reisen sie zurück nach Österreich, nun Ostmark. Der Beginn des Krieges überrascht sie und die Grenzen werden geschlossen. Die Hoffnung auf eine erneute Flucht wird durch die Umstände vereitelt. Pabst hatte in Amerika bereits Kontakt mit dem Nazi-Propagandaminister. In Hollywood drohte Pabst dem Minister, nun verdrehen sich die Machtverhältnisse. Die Nazis wollen das Filmgenie für sich gewinnen, doch versucht Pabst diesem Becircen zu widerstehen, dreht aber weiterhin Filme. Seine Familie versucht, aus der Situation das Beste zu machen. Am Anfang war der Sohn voller Ängste, doch dann wandelt sich seine Sicht und er fügt sich und findet sein Weltbild im Nationalsozialismus. Die Schattenseiten werden im Roman durchbrochen durch lichte Momente voller Leichtigkeit und Humor. Dennoch zeigt sich ab dem Abschnitt „Drinnen“ die Machtgier vieler Menschen und deren Bereitschaft, diese brutal auszuleben. Die Beklemmung wird im Roman förmlich spürbar. Somit ist dieser Roman ein Werk über die Geschichte des Kinos, aber auch der Blick in die Verführungskunst des Bösen. 

Ein literarischer Roman, der aber eine angenehme Leichtigkeit hat und wunderbar unterhält. Die Realität aus der Geschichte wird szenenhaft eingefangen und die beschriebenen Bilder und Charaktere wachsen beim Lesen in der eigenen Phantasie zu einem großartigen und cineastischen Gesamtwerk. Wie im Film kommt es auf die guten Perspektiven, die agierenden Figuren und letztendlich auf den guten Schnitt an. Alles ist im „Lichtspiel“ gekonnt ausgewogen. Ein toller neuer Kehlmann.

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Mirko Bonné: „Alle ungezählten Sterne“

Mirko Bonnés Romane sind immer ein Refugium in das man stets gerne eintritt, um dort länger verweilen zu dürfen. Ein neuer Roman, der die Bonné-Merkmale trägt. In der anfänglichen Stille verbirgt sich die später aufbrausende Vielfalt. Erneut sind es nach dem Roman „Nie mehr Nacht“ Brücken, die ein Leitbild darstellen. Das Menschliche, das unsere Gesellschaft prägt und ausmacht, wird immer polarisierender und ausgrenzender. Die Verbindungen zueinander sind dann jene Brücken, die aus Empathie, Zuwendung, Verständnis und letztendlich aus Liebe gebaut werden müssen. Auch wenn die vermeintliche Distanz noch so groß wirkt. Der Abbau solcher Brücken geht leider meist schneller als der darauffolgende Wiederaufbau.

Benno Romik ist pensionierter Brückenkommissar in Hamburg. Mit etwa 2500 Brücken gilt die Hansestadt als eine der brückenreichsten in Europa und seine Aufgabe war die Sichtung und die Instandhaltung der Brücken, die oft im normalen Straßenverkehr meist unbemerkt überfahren werden. Seine Lebenstage scheinen gezählt zu sein. Gerade hat ihn ein neuer junger Arzt mit einer tödlichen Diagnose konfrontiert. Um Klarheit zu bekommen, möchte Benno eine Nacht auf seinem Balkon verbringen. In dieser Nacht knallt Hollie Magenta in sein Leben. Er beobachtet sie und weitere selbsternannte „Zertrümmerfrauen“, wie diese einen parkenden Wagen anzünden. Er gewährt der durch die Sprengung leicht verletzten Hollie Asyl in seiner Wohnung. Die Ansichten und der Altersunterschied wirken unüberwindbar. Doch je mehr sich beide kennenlernen, erkennen sie, dass keiner so ist, wie er für den anderen erscheint. Als Hollie eines Abends weitere Zertrümmerfrauen einlädt, wird deutlich, dass ihre Pläne weitreichend sind. Hollie, eigentlich Hanna, möchte beim bevorstehenden großen Anschlag nicht mehr mitmachen und aus der Gruppe, die sich nach dem G20-Gipfel weiter radikalisierte, aussteigen. Benno hilft, aber ist Hanna ehrlich zu ihm oder nutzt sie seine Gutmütigkeit lediglich aus? Immer mehr verstrickt sich Benno in diese und seine Geschichte. Seine Zeit wird knapp. Aber wenn die Tage gezählt sind, was sind dann in der Umkehrbetrachtung jene ungezählten Tage? Unser eigener Kosmos kann niemals den ganzen erfassen. Dies wird allein durch den Blick in den Himmel deutlich, denn wie viele Sterne sehen wir tatsächlich? Immer mehr verbindet Benno seine Vergangenheit mit den aktuellen Geschehnissen. Er reflektiert, warum seine Ehe gescheitert ist und der Kontakt zu seiner Tochter schwierig und letztendlich ganz abgebrochen ist. Seinen Halt erhält er durch eine damalige Kollegin, zu der er eine tiefgründige Freundschaft pflegt und es zeigt sich immer mehr, wem seine Liebe gilt.

Mirko Bonné schreibt Lyrik und Romane und versteht es, seine Gedanken und Emotionen in Wortbilder einzufangen. Er führt seine inhaltlichen Themen durch Ausdruck und Stilistik fort. In diesem Roman arbeitet er viel mit Klammern. Somit wird bereits durch die Sprache etwas Zugehöriges ausgegrenzt. Wie in seinen Romanen üblich beginnt alles zart, leicht melancholisch, um dann immer tiefer in die Themen einsteigen zu können. Das Melancholische weicht einem dezenten Witz und am Ende bleibt ganz viel positive Lebensenergie bestehen. Dieser Brückenschlag zeigt unsere aufgewühlte Gegenwart mit ihren brüchigen Facetten. „Alle ungezählten Sterne“ ist Literatur, die unterhält, bildet und Freude bereitet. Die Handlung baut sich wie eine Fahrt auf einer steilen Brücke langsam auf und am Wendepunkt nimmt diese enorm Tempo auf und man schlittert nur noch dem Brückenende entgegen.

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Sven Recker: „Der Afrik“

Sven Recker erzählt mit seinem dritten Roman eine bewegende Geschichte über die Abschiebung armer Menschen. Nach seinem Roman „Fake Metal Jacket“ ist Recker erneut kritisch. „Der Afrik“ hat durch die knappe, aber pointierte Sprache und Bildsetzung einen enormen Sprung, in Hinsicht auf die vorherigen Werke, zur kunstvollen Literatur gemacht.

Die Geschichte ist bewegend, stimmt nachdenklich und beruht auf wahren Begebenheiten. Trotz des Blicks in die Vergangenheit, ist das Werk von enormer Aktualität. Der Roman erzählt von Franz Xaver Luhr. Er lebt außerhalb der Gemeinschaft, fast wie ein Einsiedler und er meidet und wird gemieden. Er ist ein wortkarger Mann, den die Dämonen der Vergangenheit stets begleiten. Er hat etwas Weltenthobenes an sich, das naiv wirkt. Zwiesprache hält er beständig mit seinem imaginären Begleiter, dem Kinderschreck Nachtkrapp. Doch ahnt keiner, was er wirklich macht. Er gräbt tief in die Erde, unter den Weinberg Afrika und sinnt auf Rache. Eines Wintertages sitzt ein Junge vor seiner Hütte. Er hat einen Zettel dabei auf dem steht: „Je m´appelle Jacob. Tu es famille.“

Viele Missernten und ein enormer Bevölkerungszuwachs führten in Deutschland im 19. Jahrhundert zu Unruhen, Not und Armut. Viele Menschen flohen und suchten ihr Glück in der Ferne. Besonders in Amerika. Auch der Vater von Franz hatte es versucht. Ein grünblauer Stein und ein Traum erinnern Franz an seinen Vater, der ums Leben kam. Sie lebten in Pfaffenweiler, ein Weindorf in der Nähe von Freiburg. Die Gemeinde, besonders die Obrigkeit, wollte sich der Armen entledigen und versprach diesen Menschen ein besseres Leben in Algerien. Die Reise beziehungsweise die Schiffspassage  würde ihnen bezahlt werden. Zur Finanzierung wurde ein Waldstück abgeholzt und das Land zum Weinberg umfunktioniert. Diese Rebfläche wurde „Afrika“ genannt. Noch heute steht dort ein Denkmal, denn 1853 brechen 23 Familien in die französische Kolonie Algerien auf. Doch auch dort erwartet die Auswanderer nur Elend, Armut und Leid. Unter ihnen der fünfzehnjährige Franz und seine Mutter. Die Bitte um Rückkehr verweigert die Gemeinde Pfaffenweiler den insgesamt 132 Menschen. Doch einer schafft es und kehrt heim. Es ist Franz, den alle nach seiner Rückkehr Afrik nennen.

Es ist die Geschichte des alten Franz, der sich erinnert. Durch seine Wortkargheit bekommt auch der Roman etwas Archaisches. Durch die Verknappung erhält der Text etwas Lyrisches und gibt den Gedanken und Emotionen mehr Raum. Die Erinnerungen an die Auswanderung, das Leben in Algerien und seinen Freund Djilali verbinden sich mit der Gegenwart des eigentlichen Erzählstrangs, als jener Junge plötzlich im Leben von Franz auftaucht. Die Erzählbögen verbinden somit auch die Historie mit unserer Gegenwart. Ein beindruckender Roman.

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Michel Decar: „Kapitulation

In diesem Roman wird das Scheitern zelebriert. Ein seit Jahren erfolgloser junger Mann, der sich als Dichter berufen fühlt, wird zum tragischen, aber auch humorvollen Sinnbild einer Generation. Mit viel Hingabe zu seiner zu erzählenden Geschichte wirft Michel Decar einen Charakter aufs Papier, der vom Scheitern über diverse Pointen zur Einsicht und zum Leben zurückfindet. Alles dreht sich im Roman im Kreis, vorerst um das großwirkende Ich des Erzählers, der aber eigentlich von Selbstzweifeln geplagt wird. Doch die Selbstkritik verfehlt am Anfang die Wirkung und das gekränkte Ego wird trotzig und post-pubertär. Der eigentliche Kreis handelt von einer Reise, die letztendlich am Ursprung endet und den Erzähler verändert zurückkehren lässt. Dabei bleibt der Erzähler stets auf der Suche nach dem perfekten Gedicht. Gesucht wird die Lyrik, die endlich Geld und Ruhm bringen soll. Die Liebe und eine Welterfahrung dürfen dabei nicht fehlen und somit beginnt die Reise.

László Carassin hat keinen Erfolg. In der Liebe und in seiner Berufung nicht. Seine große Liebe hat die Beziehung beendet und seit Jahren hat er mit seiner Poesie noch nie Geld verdienen können. Es wurde aus seinem Wasser-Zyklus mal ein Gedicht abgedruckt, das war sein bisher größter Erfolg. Er wohnt in einer Wohngemeinschaft mit einem Drehbuchautor und beide können gerade so für die Miete aufkommen. Die Sehnsucht nach Erfolg wird plötzlich erhört. Doch nicht von eigentlichen Kennern der Kunst, sondern von einem Sparkassen-Kunstpreis. Die Sparkasse will mit dem Preis das Image verbessern und sorgt für eigenes Ansehen und nicht für das der Künstler. Dies erkennt László bei der Preisverleihung im Wolfsburger Ritz-Carlton. Die Feierlichkeit ist eine Posse und László hat genug, ihm reicht es und er will nur noch weg. Berlin nervt ihn, das Leben nervt ihn und er beginnt sein Umfeld zu nerven. Er fährt zu seinem Lieblingsonkel nach Ungarn. Dort will er seinen Ruhestand einläuten. Nie mehr arbeiten, denn er meint von dem Preisgeld über 7500,- € würde er jahrelang leben können. Das viele Papiergeld in seiner Tasche verleitet zu Wohlstand in seinem Kopf. Er spielt, isst und trinkt genussvoll und lebt in seiner kleinen Welt großzügig. Dabei schwindet das Preisgeld immer zügiger und ein neuer Einfall muss her. Sein Onkel hat stets eine Million Euro-Geschäftsideen, die leider bisher ebenfalls scheiterten. László ist fortan auf der Suche nach dem perfekten Gedicht. Das Gedicht, das alle Emotionen einfängt und somit Ruhm und beständigen Geldregen beschert. Doch im Wohnwagen im Garten seines Onkels kommt nicht die dafür notwendige Stimmung auf. Somit geht seine Reise weiter. Zypern und Odessa werden weitere Ziele. Immer als ein Treibender und als kleiner Nutznießer. Er trifft auf Zuneigung, mit der er seinen Schmerz kurz vergessen darf. Den Schmerz des Scheiterns und den Verlust seiner wahren Liebe.

Die Flucht eines vergeistigten jungen Mannes, der bei seinen Reisen stets entkommen möchte, aber doch alles an persönlichem Ballast mitnimmt. Er will nichts tun und dennoch Erfolg haben und kümmert sich nicht, sondern lässt alle für ihn das Wesentliche regeln. Die Flucht, dieser Weg, ist somit zum Scheitern verurteilt. Kunst und Kommerz, Kreativität und Lebensnähe sind Pole, die sich aber nicht bedingt abstoßen müssen. Die perfekte Lyrik im Leben muss erarbeitet werden. Durch Schmerz, Verlust, Freude, Humor und Liebe. Witz, Drive und Empathie beleben diesen unterhaltsamen Spaß.

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Der Leseschatz des Jahres

stammt von Ragnar Helgi Ólafsson und heißt „Lose Blätter“. Das Buch begeistert und ist nebenbei wunderschön. Das Werk lädt ein zum Verweilen und kann immer wieder neu entdeckt werden. Ein Buch ohne Verfall und mit diversen Zugangsmöglichkeiten. Ragnar Helgi Ólafsson ist ein isländischer multi-kreativ Künstler, zumindest Maler, Musiker und Autor. Erneut wurde das zweisprachige Werk großartig übersetzt von Wolfgang Schiffer und Jon Thor Gíslason.

Die Texte laden ein mit und durch die Zeilen zu reisen. Dabei bleibt es nicht bei einer Reise, denn es gibt viele Wege, diesen Schatz zu finden und immer wieder zu ergründen.

„Die Kunst des Gedichtes ist keine Kunstform. Die Kunst des Gedichtes ist Lebensform.“ (aus „Das Kraftwerk der Lebenspoesie“ Seite 21)

Diese Gedichte und Texte spielen mit Philosophie, Humor und mit der Sprache. Dabei entsteht Schönes und Kluges. Zeilen, die nachklingen oder vorbeirauschen. Wenn sie still und ohne innerliche Fixierung gelesen wurden, erkennt man beim erneuten Durchstöbern oder beim Nachsinnen, dass es oft nur eine scheinbare Einfachheit war, die beim ersten Lesen vorbeirauschte. Nichts ist in diesem Buch wie erwartet. Es ist Lyrik und es sind Notizen, lustige Strophen, Liebesgedichte, Trauerverse, Ratschläge und vieles mehr. Es sind auch Texte, die nur in der Dämmerung entstehen können: „Die Gedichte schießen zur Stirn hinein / und zum Nacken hinaus. / Wie ein Traum am Morgen.“ Heißt es zum Beispiel um „6:47“ (Seite 13). Beim Lesen erahnen wir ein zeitloses Leben ohne Uhren, die doch nur eine fixierende Erfindung sind. 

Lose Blätter waren es wohl. Doch nun ist es ein schön gestaltetes und gebundenes Buch. Form und Inhalt passen kunstvoll zusammen. Das ursprünglich und schlicht Anmutende wurde in Kapitel, Seiten und mit der Inhaltsangabe gerahmt. Auch hierbei gewinnt erneut das Unerwartete und das Vorhersehbare wird gerügt. Das Werk beginnt mit Kapitel III und Endet mit dem II. Der Umschlag wird durch eine Banderole ergänzt. Auf dieser wird ein Zugang zum Inhalt empfohlen. In jedem Buch befindet sich ein individuelles Lesezeichen mit einem Vorschlag in welcher Reihenfolge die Gedichte gelesen werden könnten. Jede Ausgabe ist nummeriert und somit für den Besitzer einzigartig. Jeder, der somit dieses Buch hat, bekommt einen ganz anderen, persönlichen Reiseantritt. Dieser Eintritt verspricht, keine Pauschalreise zu sein und lädt danach zu einer beständigen Rückkehr ein. Beim erneuten Eintritt, kann man dann seine Lieblingsplätze erneut besuchen oder ganz neue finden.

Ein Buch mit mannigfaltigen Ideen, Zugängen und Anstößen. Diese Verse, Variationen und Lebensbetrachtungen sollten länger ein Begleiter sein. „Nicht mit dem Lesen aufhören. Unter der letzten Seite ist eine Tür. Der Türsteher passt auf sie auf für dich. Sie ist nur für dich gedacht. Wenn du sie erreichst, ganz gleich, ob du rein oder raus möchtest, ihm Geld bietest oder um Gnade bettelst, der Wächter wird sie am Ende wieder schließen. Einfach so. Aber lies unbedingt weiter.“ (Am Anfang sollte die letzte Seite betrachtet werden (Variante zu einer Tür, die ich von Kafka habe) Seite 51).

Für mich der Leseschatz des Jahres. Ein wunderbares Kunstwerk. Jede Leserin und jeder Leser wird etwas anderes erleben und das ist eine so großartige Idee, die gefeiert gehört. Alle werden ihren Zugang finden und bestimmt Passendes entdecken. Jeder erhält ein persönliches Ticket für diese Traumlieder. Also los, blättern in den gebundenen, aber losen Blättern. Nichts wie rein in diese gedichtete Welt und die wirkliche Welt kurz einfach mal eine andere Welt sein oder bestenfalls werden lassen.

Siehe auch Leseschatz-TV

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Gabriele Kögl: „Brief vom Vater“

Ein Roman über Liebe, Bestätigung, Besitz und Verlust. Im Mittelpunkt steht der titelgebende Brief, doch die wahrhaftige Erkenntnis des Inhalts des Schreibens offenbart sich erst am Ende des Werkes. Ein gesellschaftskritischer Blick mit einem leichten, aber auch humorvollen und melancholischen Ton. Wir sind soziale Wesen und benötigen den familiären Halt. Auf diesem Lebensfundament bauen wir unsere Welt, unsere Geschäfte und unseren Alltag. Doch wenn die Hoffnung, die Bestätigung und der haltende Sockel wirtschaftlich und in den Beziehungen zerstört werden, verliert man alles.

Gleich am Anfang steht die Tat, der letzte Schritt, der aus einer emotionalen Ausweglosigkeit gegangen wird und die Frage aufwirft, warum er begangen wurde. Die Hauptfigur Rosa muss erneut einen Verlust ertragen und wird wieder emotional und materiell entwurzelt. Sie lebt in einer steierischen Kleinstadt und arbeitet als Friseurin. Aus ihrer ersten Ehe hat sie ihren Sohn Severin, der mit ihr ein renovierungsbedürftiges Haus bewohnt. Sigi, ihren ersten Ehemann, lernte sie als Schützenkönig kennen. Anfänglich war es Stolz, der die Liebe mitprägte. Doch keimte in der Beziehung die Langeweile und Rosa lernte im Freibad Klaus kennen, der vermögend und als selbstständiger Drogist in der Innenstadt tätig ist. Er vermietet Liegenschaften im Zentrum und kann sich somit ein gutes Leben mit Reisen und gutem Essen leisten. Doch auch diese zweite Ehe verliert ihren Glanz. Dies mehr in der materiellen Betrachtung. Die Innenstädte sterben durch den Internethandel und die großen Shopping-Center in den Randgebieten immer mehr aus. Klaus will das langsame Sterben der Kleinstadt nicht wahrhaben, scheitert leider letztendlich doch. Wie ein gesellschaftliches Geschwür verwandelt sich das Kaufverhalten und dieser Krebs frisst Klaus auch gänzlich auf. Somit verändert sich Rosas Welt immer wieder und am Ende wohnt sie mit Severin, ihrem erwachsenen Sohn, im Haus ihrer Mutter. Severin hat Kontakt zu seinem Vater Sigi, der sich mit einer neuen Familie ganz neu erfunden hat. Sigi hat erneut einen Sohn bekommen, dem er seine Liebe und Zeit widmet. Severin möchte seinem Vater gefallen und buhlt um dessen Liebe. Er eifert Sigi als Tischler nach, bis er erkennt, sein Leben geht andere Wege und er wird Fernfahrer. Doch dann passiert etwas Unbegreifliches. Auch in Sigis neuer Familie hat sich ein Schmerz eingenistet. Dies erkennen Rosa und Severin durch den Brief vom Vater, den Severin bis zu seinem Ende bei sich trägt.

Ein Roman, der die tatsächliche Verletzung erst am Ende zeigt und trotz der Wege voller Verluste zeigt, dass stets die emotionale Bestätigung vor der materiellen Sicherheit in unserem Leben wichtig ist.

Der Roman ist packend und emotional verfasst. Der Text nimmt hier und dort eine sehr deutliche Sprache an und verwandelt zuweilen die Traurigkeit in eine dezente Ironie. Gerade die Einfachheit zeigt hierbei eine Deutlichkeit, die die Brüchigkeit unserer Leben darstellt. Der Schmerz wird textlich durch Humor aufgefangen und befreit von der eigentlichen Last.

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Florian Knöppler: „Südfall“

Der dritte Roman von Florian Knöppler hebt erneut die nordische Landschaft hervor und erzählt über einen Versuch der Heimkehr. Nach „Kronsnest“ und „Habichtland“, die beide inhaltlich zusammenhängen, ist „Südfall“ ein eigenständiger Roman. Florian Knöppler blickt durch unterschiedlichste Perspektiven auf eine dunkle Zeit, verändert die Sichtweisen durch die Begegnungen und erzeugt durch seine Bilder und Sprache eine Sehnsucht nach Harmonie. Jeder Charakter hat seine Lebensbürde zu tragen und wünscht sich Einklang mit der Umgebung. Jedes Kapitel ist aus der Sicht einer anderen Figur geschrieben und zeigt, wie wenig vonnöten ist, um verändernd in den Lebensweg einzugreifen. Wie bereits in seinen vorherigen Romanen wird die Natur einen Hauptplatz in den Beschreibungen einnehmen und erzeugt eine ergreifende Sinnlichkeit. Wie der Titel bereits verrät, ist es in diesem Roman das nordische Wattenmeer. Die Landschaft ist malerisch, aber niemals beschaulich und rahmt die Handlung stimmungsvoll ein. Südfall ist eine Hallig im Wattenmeer der Nordseeküste von Schleswig-Holstein.

Die Handlung spielt im Jahr 1944 und über der Nordsee wird ein englischer Soldat von der Air Force mit seiner Maschine abgeschossen. Sein Flugzeug stürzt ab und er überlebt im Wattenmeer. Bei Ebbe ist er im Watt und kann die Richtung nicht erkennen. Er hofft auf Hilfe, befürchtet aber auch als abgestürzter Feind auf Probleme zu stoßen. Dave ist es, der nun in Folge dem Roman den Handlungsfaden in die Hand gibt, denn sein Weg und seine Begegnungen sind es, die die erzählenden Figuren berühren und verändern. Dieser Roman lässt Wahres zu und nimmt sich auch tatsächliche Geschichten als Vorbild. Im Wattenmeer wird Dave von  der Halliggräfin von Südfall gerettet. Er ist Tierarzt und seine Kenntnis wird ihm auf seinem Weg noch öfters behilflich sein. Dave möchte heimkehren. Er wandert weiter nach Norden, immer an der Nordseeküste entlang nach Dänemark, um dann nach England zu gelangen. Es folgen Abschnitte aus der Sichtweise verschiedener Menschen, diese sind unter anderem Paul, Anna, Cecilie und Simon. Mit ganz viel Empathie erwachen die Figuren zum Leben und nehmen uns mit in ihre Welt. Da ist Paul, ein Schüler, der verliebt ist und Dave beobachtet, wie dieser ein Schaf rettet. Paul sieht die Welt als junger Verliebter, ist aber hin- und hergerissen zwischen der Romantik und dem Gehorsam. Ob er Dave verrät? Seine Tante, Anna, entschließt Dave zu helfen. Dann taucht noch der totgesagte Großbauer auf, der sich im Leben selbst wieder einfinden muss und das in sich gekehrte Mädchen Cecilie. Der Weg geht weiter in Richtung Dänemark und der Freiheit.

Florian Knöppler hat ein großes Feingefühl für Menschen und charakterisiert diese in seinen Werken stets sehr glaubhaft und liebenswürdig. Der Roman benötigt keine großen Handlungsstränge, um dabei viel zu erzählen. Der Text lebt von der Stimmung, die er erzeugt. Dabei ist die Natur ein großartig eingesetztes Hilfsmittel. Florian Knöppler möchte mit seinen Werken die Hoffnung aufzeigen, die es auch in jeder dunklen Stunde gibt. Dies mag naiv wirken, ist es aber niemals. Mit seinen bisher drei Romanen beweist der Autor, dass er nun mit zu den bedeutenden Schriftstellern der Gegenwartsliteratur gehört. 

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Haruki Murakami: „Honigkuchen“

Eine Erzählung und ein Kunstwerk, denn die Illustrationen stammen von Kat Menschik. Die Kurzgeschichte gab es bereits in der Sammlung „Nach dem Beben“. Übersetzt von Ursula Gräfe.

Junpei schreibt Kurzgeschichten über die nicht erwiderte Liebe. Er hat damals Literatur studiert und nicht, wie seine Eltern wollten, Wirtschaftswissenschaften. Während des Studiums lernt er seine Freunde kennen. Ein eingeschworenes Kleeblatt. Er ist in Sayoko verliebt, die seinen besten Freund geheiratet hat. Trotzdem hält die Freundschaft weiterhin. Nicht aber die Liebe von Sayoko und Junpeis bestem Freund. Somit wird Junpei eine Bezugsperson für Sara, der Tochter von Sayoko. Nach einem Erdbeben kann Sara nicht mehr richtig einschlafen und Junpei eröffnet ihr durch Phantasie andere Welten. Er erzählt Geschichten über einen Bären.

Ein wunderbares Werk. Zwei Buchmenschen, die sich hier gefunden haben. Murakami und Menschik erschaffen Buchwunder.

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Theres Essmann: „Dünnes Eis“

Der neue Roman von Theres Essmann beginnt erneut in der Stille, um daraus einen großen Raum zu erzeugen, der große Themen erklingen lässt. Zu dem Debütroman „Federico Temperini“ schrieb ich hier im Leseschatz: „Der Text ist eine kleine Bühne für einen Moment des Stillhaltens und der Betrachtung des Gegenwärtigen“. Dies gilt auch für „Dünnes Eis“, in dem es um eine Rückschau geht, die das Persönliche der Erzählerin, aber auch die Weltgeschichte aus dem vereisten Schweigen auftauen lässt.

Marietta ist gerade 99 geworden und geht nun in ihr hundertstes Lebensjahr. Diese Festtage bedeuten ihr nichts, doch überkommt sie eine Unruhe. Viele sind vor ihr gestorben und sie lebt allein in einer Altenresidenz. Sie lebt mit ihren Büchern, die sie im Leben begleitet haben. Die Erinnerungen erwachen in Momenten, zum Beispiel durch das Anlegen eines Schals, den ihr einst ihre Freundin gestrickt hatte. Bilder hängen nicht in ihrem Zimmer. Die Fotos verwahrt sie in einer Schublade. Dies ist ihr emotionales Memory-Spiel, denn die Bilder sind wahllos hineingeworfen und sie zieht sich nach Bedarf eine zufällige Erinnerung heraus. Ein langes Leben mit vielen Geschichten über Flucht, Krieg und Verluste. Besonders schmerzvoll ist die Erinnerung an ihren Sohn Johann.

Marietta nimmt Anteil an ihrer Umgebung und beobachtet das Leben um sie herum. Zum Anlass ihres Geburtstages erscheint die Presse im Heim, um über sie zu schreiben. Die Volontärin, die für das Gespräch kommt, liebt es, Menschenschicksale fotografisch einzufangen. Langsam tauen die Erinnerungen durch die Begegnung auf.

Eine weitere Begegnung ist Enis aus der syrischen Flüchtlingsunterkunft neben. Der kleine Junge teilt mit Marietta ein ähnliches Schicksal. Er sah wie seine Eltern ermordet wurden und sie musste mitansehen wie ihr Sohn erschossen wurde. In das Zimmer ihrer befreundeten und nun verstorbenen Heimnachbarin ist ein übellauniger Herr eingezogen. Diese Begegnung beschwört ebenfalls die Geister der Geschichte herauf. Herr Tacke, der neue Nachbar im Heim, hat eine SS-Vergangenheit.

Ein Roman, der berührt und schön geschrieben ist. Poesie trifft auf nicht verklärte Realität. Kriegsschuld, Sühne und Vergebung werden eindringlich durch den Lebensweg einer fast Hundertjährigen eingefangen. Das dünne Eis ist in der Fluchtgeschichte und in den menschlichen Schicksalen zu finden. Die Kriegswunden, egal welcher Krieg, tragen zu dem kollektiven Trauma unserer Gesellschaft bei. Das einzelne Schicksal wird somit nachvollziehbar, exemplarisch und übertragbar.

Das Buch ist vielfältig und themenreich und trotz der Dramen ganz still und schön. Alles ist ausgewogen und mit großer Empathie erzählt. Die Gefühlswelt ist sehr nachvollziehbar in Sprachkunst verwandelt worden. Ein Text mit Nachklang, wie bereits das vorherige Werk der Autorin („Federico Temperini“).

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Dennis Lehane: „Sekunden der Gnade“

Dennis Lehane schreibt großartige Spannungsliteratur. Sein neuestes Werk „Sekunde der Gnade“ ist ein Sozialdrama um Rassismus. Dennis Lehane ist als Kind mit seinem Vater aus Versehen in eine Protestaktion hineingeraten und die Gewalt, die sie dort erlebten, ist der Anlass für den aktuellen Roman.

Es passiert 1974 in Boston. In der Stadt brodelt es und es kommt zu hitzigen Auseinandersetzungen. Der Bezirksrichter hatte 1971 entschieden, dass schwarze Kinder mit Bussen in weiße Schulen gebracht werden sollen und umgekehrt. Dies sollte als Integrationsmaßnahme dienen. Doch führte es zur geballten Wut in den Arbeitervierteln. Diese aufgeladene Stimmung ist das Fundament des Romans.

Mary Pat Fennessy lebt im Southie, dem irischen Arbeiter-Stadtteil. Sie arbeitet als Krankenschwester und trauert um ihren Sohn. Er ist aus Vietnam zurückkehrt, wurde dann aber drogenabhängig und ging in den Freitod. Ihr Lebensmittelpunkt ist ihre Tochter, Jules. Jules Vater hat sie bereits vor Jahren verlassen. Im Stadtteil wird gerade eine Demonstration geplant, denn die meisten in der Bevölkerung möchten den geforderten Bustransfair nicht mitmachen. Jeder kennt jeden in diesem Bezirk und die Kriminalität ist allgegenwärtig, besonders das organisierte Verbrechen. Wie ein Schutzschirm behütet dieses die Menschen, verlangt dafür aber auch Gehorsam und bestraft oder tötet, wenn erforderlich. Jules ist gerade 17-Jahre alt und hängt mit ihren Freunden gerne im Park oder am Strand ab. Eines Tages kommt sie aber nicht nach Hause und die Welt von Mary Pat zerbricht. Sie beginnt im Freundeskreis und in der Nachbarschaft Fragen zu stellen. Doch erhält sie widersprüchliche Antworten. Dann steht plötzlich auch die Polizei vor ihrer Tür und will mit Jules sprechen. 

Ein junger Schwarzer ist ums Leben gekommen. Er ist in einem für ihn gefährlichen Viertel mit seinem Wagen liegengeblieben. Zeugen sagten aus, der junge Mann wurde von anderen, weißen Jugendlichen, verfolgt. Mit dabei anscheinend Jules, die seitdem verschwunden ist. Mary Pat hat alles verloren und nichts mehr zu verlieren. Sie macht sich auf die Suche nach Wahrheit. Ein Nebencharakter ist der Polizist Bobby, der mit seiner Großfamilie zusammenlebt und durch eine damals gute Tat auch wieder an Liebe und Hoffnung glauben darf. Mary Pat geht weiter als die Polizei dürfte und somit werden die agierenden Figuren Teil eines spannenden, hitzigen und sozialkritischen Dramas.

Erneut schreibt Lehane unglaublich spannend und versteht es, wie in allen seinen Werken, sofort Bilder zu erzeugen. Die Charakterisierungen sind authentisch und von Anfang an plastisch herausgearbeitet. Ein mitreißendes und nachdenklich stimmendes Werk vom Meister der amerikanischen Spannungsliteratur. Übersetzt wurde der Roman aus dem amerikanischen Englisch von Malte Krutzsch.

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