Maike Wetzel: „Elly“

Elly Maike Wetzel Schöffling

Ein atemraubender Roman, der einem fiebrigen Rausch gleicht, denn die Handlung mit den verschiedenen Sichtweisen flimmert beständig und vibriert förmlich. Das verschwundene Mädchen im Text ähnelt fast schon einer Luftspiegelung und ist dann doch viel mehr als eine Fata Morgana. Die Realität, die eine Familie durch den Verlust, durch das Verschwinden eines Kindes empfindet, kann nur durch die Hoffnung auf Minderung des Schmerzes oder durch das Füllen dieser großen Lücke ertragen werden. In diesem Roman vermischt sich die Realität mit der Kraft der kindlichen Phantasie, dem elterlichen Wunschdenken und den befreienden Träumen. Am Ende ist es dann noch ein Trauma, das stumm geschaltet wurde, und mindestens ein Charakter, der sich stets neu erfindet. Das verschwundene Kind, Elly, nistet sich in alle ein, auch in den Leser.

Elly, das elfjährige Mädchen verschwindet einfach. Die Polizei sagt später, es gibt nur zwei Gründe, warum sie bisher nicht gefunden wurde. Eine abscheuliche Tat, deren Täter nicht will, dass sie gefunden wird, oder das Kind ist es, die nicht gefunden werden möchte. Dieses spurlose Verschwinden macht das Familienleben der übrigen Mitglieder fast unerträglich. Die Eltern versuchen, der älteren Schwester von Elly wieder ein alltägliches Leben zu gestalten. Alle versuchen, trotz des Verlustes irgendwie weiterzumachen. Doch Elly ist in ihren Gedanken, Träumen und Handlungen allgegenwärtig. Die Eltern plagen Schuldgefühle und der Schmerz, den alle Beteiligten fühlen, vergeht einfach nicht. Auch nach vier Jahren bleibt diese Lücke in der Familie. Alles erscheint wie in Auflösung zu sein. Drogen oder Medikamente berauschen nur kurzweilig, können aber keine dauerhafte Linderung versprechen. Elly ist besonders in der Phantasie der älteren Tochter, die auch während eines Klinikaufenthaltes ihre Schwester wieder aufleben lässt, gegenwärtig. Doch auch sie lernt, dass sie nicht alles regeln, bestimmen und sich zurechtbiegen kann. Elly, die mit ihrem Verschwinden alles beherrscht und sich in die Gedanken aller Protagonisten einnistet, wird zu einer großen Lektion für die Beteiligten.

War ihr Verschwinden ein Unfall? Wurde sie missbraucht? Ist sie abgehauen? Die Wunde, die dieser Verlust gerissen hat, kann beim Wunsch, diese Kluft zu füllen, zu überbrücken, fast blind machen. Denn dann kommt ein Anruf, der Seelenheil versprechen könnte, und man hofft mit der Familie, dass es keine schlafwandlerische Luftspiegelung ist.

Ein Roman voller dunkler Trauer, Sehnsucht und einer fiebrigen Atmosphäre. Spannende und tiefgründige Literatur, die durch sprachliche und inhaltliche Virtuosität glänzt. Das Buch ist ein purer Rausch.

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Eine Antwort zu “Maike Wetzel: „Elly“

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