Dirk Knipphals: „Der Wellenreiter“

WELLENREITER

Ein Roman über das Erwachen aus dem Jugendlichen, das Aufbegehren und die Fluchtgedanken aus dem heimeligen Idyll. Es geht um einen Außenseiter, der Schriftsteller werden möchte und seinen Trost und Orientierung in der Literatur sucht. Im Roman steht die innere, die zerrissene Gefühlswelt im Vordergrund und es ist ein wunderbar zu lesendes Buch entstanden, das ohne den für diese Art von Literatur typischen zynischen Sound auskommt.

Dirk Knipphals ist Literaturjournalist und –Kritiker. Er hat nach „Die Kunst der Bruchlandung“ nun seinen ersten Roman geschrieben. Er sagt selbst, er hatte keinen großen Plan, er hätte einfach angefangen und dabei sind Szenen entstanden und das Buch ist somit gewachsen. Es ist kein rein autobiografischer Roman, dennoch ist der Held dem Autor aber wohl nicht gänzlich unähnlich.

Albert wächst in einem Vorort von Kiel auf. Es scheint Molfsee, d.h. Rammsee zu sein. In dieser Ortschaft herrscht eigentlich Idylle. Doch hat Albert das Gefühl, diese Menschen und besonders der Ort engen ihn ein. Der Gedanke keimt ihn ihm, dass hier irgendetwas für ihn falsch ist. Eine gutbürgerliche Vorstadt, in der der Schrecken, der auf der Welt passiert, gerne ausgeklammert wird.

Albert ist fast schon ein Stubenhocker, der für sich die Welt der Literatur entdeckt. Das Lesen und Schreiben sind für ihn seine erste Flucht. Mit Worten lässt sich die Welt umbauen. Doch befindet Albert sich in der jugendlichen Zwickmühle. Als Heranwachsender meint man alles besser zu wissen und später auch zu machen als die Anderen und besonders als die Elterngeneration. Doch wird man gerade als Jugendlicher von Selbstzweifeln getrieben und hadert ständig mit sich. Albert such den Sinn des Lebens in der Literatur. Seinen ersten Erfolg erlangt er mit einem phantasievollen Aufsatz mit einem Blutkörperchen als Helden. Da die Aufgabe im Biologie-Unterricht aber lediglich den Blutkreislauf behandeln sollte, bekommt er eine schlechte Note, aber die Anerkennung seiner Freunde. Auch beim Vorlesen seines Textes verschwindet sein leichtes Stottern. Oft verbringt er seine Freizeit im Papier- und Zeitschriftenhandel vor Ort. Die Tochter der Inhaber, Katrin, ist eine rebellische Klassenkameradin von Albert, in die sich dieser verliebt. Doch dann ist da auch noch Martin, der Wellenreiter und aus sehr vermögendem Elternhaus. Kann Albert als Buchliebhaber Katrin für sich gewinnen?

In der Ortschaft macht Albert durch das Rasenmähen bei den Nachbarn die Entdeckung, dass nicht alles so scheint, wie es nach außen hin wirkt. In der biederen Heimeligkeit spielen sich auch Tragödien ab. So bildet diese Vorstadt-Idylle für Albert eine Lähmung und er hat wie viele andere den Traum von der großen Stadt, bevorzugt Berlin. Eine weitere Figur taucht im Roman auf, die aus Berlin in die Vorstadt kommt und meint, wie gut es den Menschen doch dort ginge.

Der Roman beschreibt weiter die Entwicklung von Albert. Es geht über Hausbesetzung bis letztendlich zu einem Treffen in Lübeck mit den großen Autoren, die ihm als Vorbild dienen: Max Frisch, Günther Grass und Uwe Johnson. Die zentrale Szene ist jener Moment, den wir alle im Leben kennen. Ein Augenblick, in dem die Zeit kurz stehen zu bleiben scheint. Man weiß, gleich läuft sie weiter, aber man wird sich verändert haben, d.h. man nimmt plötzlich sich und sein Umfeld neu wahr.

Im Roman verleiht Albert an Martin „Tonio Kröger“ von Thomas Mann. In dieser Novelle geht es auch um intellektuelle Jugendliche. Jugendliche, die sich zwischen den eigenen kulturellen und zukünftigen Wünschen und gesellschaftlichen Ansprüchen gefangen fühlen. Die Suche nach der Selbstverwirklichung durch Fluchtversuch. Albert empfindet sich als ein Außenseiter und merkt in Folge der Handlung, dass auch die Anderen doch wie er sind und auch ihre Probleme haben. Der Wellenreiter als Bild des sich lösen können. Die Leichtigkeit, die durch Wind und Wasser getragen wird.

Ein Buch, dass mich sehr begeistert hat, denn mit den Protagonisten kann man sich sofort identifizieren. Das tatsächliche Setting ist für die Handlung nebensächlich, könnte es doch jede beliebige Vorstadt sein. Doch für mich hat das Buch einen ganz persönlichen Zugang geschaffen, denn der Handlungsort spielt genau dort, wo auch ich meine Kindheit verbracht hatte.

Durch den Blick des Autors, Dirk Knipphals, zurück auf die eigene Entwicklung mit jetziger großer Distanz ist ein sehr persönlicher und literarischer Roman entstanden.

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