Juan Gabriel Vásquez: „Die Gestalt der Ruinen“

Juan Gabriel Vásquez Die Gestalt der Ruinen Schöffling

Ein Roman, für den man Zeit benötigt, der aber vieles in sich vereint und sehr spannend und lehrreich zu lesen ist. Gleich den Romanen „Macht und Widerstand“ von Ilija Trojanow, „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin oder „Augustus“ von John Williams wurden hier Realität, Geschichte und Literatur vermischt, um daraus ein großes Werk zu erschaffen. Gleich Trojanow und Wodin bedient sich Vásquez der Wirklichkeit anhand von zum Beispiel Dokumenten und realen Episoden, die er in den Text einfließen lässt. Vásquez, der auch selbst als literarische Figur in „Die Gestalt der Ruinen“ auftaucht, überlässt es den Lesern, die Übereinstimmung mit dem Werk und dem realen Leben in eigener Verantwortung zu suchen und zu finden.

Vásquez versteht es erneut, fast schon einen Politthriller in sein komplexes Werk einzubetten. Gleich seinem Vorgänger „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ ist die Handlung tief mit der Geschichte Kolumbiens verknüpft. „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ schildert ein packendes Panorama über die schmutzige Geschichte des Landes, den berüchtigten Drogenhandel und die endlose Gewalt der 90er Jahre. Mit „Die Gestalt der Ruinen“ wird der Mord am aussichtsreichen Kandidaten für die anstehenden Präsidentschaftswahlen im Jahr 1948 zentralisiert.

Jorge Eliécer Gaitán hatte sich als Anwalt einen Namen gemacht. Viele sahen in ihm eine große Hoffnung für Kolumbien, als er für die anstehenden Präsidentschaftswahlen kandidierte. Er hatte in der Unterschicht ein großes Ansehen, da es so wirkte, als könne er die Armut erfolgreich bekämpfen. Am 9. April 1948 wurde Gaitán von einem Attentäter erschossen. Danach kam es im Land zu großen Unruhen und stürzte Kolumbien in eine bis heute anhaltende Krise.

Juan Gabriel Vásquez beschreibt in seinem Roman das 20. Jahrhundert Kolumbiens. Die Hauptfigur ist er selbst als sein literarisches Abbild. Der Roman beginnt mit dem Versuch den Anzug Gaitáns aus einem Museum zu stehlen. Es ist der Anzug, den der Politiker am Tag seiner Ermordung getragen hatte. Carlos Carballo, der den Versuch unternommen hatte, den Anzug an sich zu bringen, ist ein seltsamer Mann, der nun durch diesen merkwürdigen Museumsbeuch für Schlagzeilen sorgt. Warum hat er den Anzug entwenden wollen? Hinter seiner Tat verbirgt sich seine Überzeugung von einer Verschwörung. Er ist fast wie besessen von seiner Suche nach der Wahrheit hinter der Ermordung Gaitáns, die Parallelen zum Attentat auf John F. Kennedy aufweist. Vásquez ist mit Carballo bekannt, der den Autoren dazu bringt, sich ebenfalls den Geschehnissen zu widmen. Durch die Recherchen zu diesen und weiteren Attentaten vermischen sich Geschichte, Verschwörungstheorien und Literatur.

Ist Geschichte ein Produkt von Zufällen? Obliegt diese stets der eigenen Interpretation und Deutung von Ereignissen? Ist die politische und menschliche Entwicklung eine Kette von irrationalen Taten, zufälligen Ereignissen und unvorhersehbaren Möglichkeiten? Oder ist die Geschichte ein gesteuerter Schau- und Spielplatz voller Schatten und unsichtbarer Hände?

Der Roman ist komplex, vielschichtig und großartig geschrieben. Selten ist ein Roman, der geschichtliches Wissen vermittelt, gleichzeitig so spannend und anspruchsvoll geschrieben. Es ist wohl Vásquez bisheriges Hauptwerk, denn er hat viele Jahre an diesem Buch gearbeitet und auch viel von seinem Wissen und Leben eingearbeitet. Ferner lebt der Text von den Bezügen und Zitaten aus der Welt der Literatur. Ein zeitaufwendiges Leseerlebnis, das die Realität und Wahrheit durch die Kunst der Literatur beleuchtet.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Juan Gabriel Vásquez: „Die Gestalt der Ruinen“

  1. Nachdem ich die vorigen Romane von Vásquez bereits sehr gerne mochte, freue ich mich nach dieser Rezension umso mehr auf dieses Buch.

    Liebe Grüße
    Alex

  2. Da mir „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ so gut gefallen hat, muss ich mir das gleich mal auf die Kaufliste setzen. Für die Merkliste viel zu Schade. Danke für den Tipp!

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