Natasha Brown: „Zusammenkunft“

Ein moderner Gesellschaftsroman, der viele große Themen der Gegenwart beinhaltet. Durch die Kunstform der Vignetten wirkt der Inhalt aber niemals überladen, sondern bietet eine Kurzform an, die zu den Charakteren auf eine beobachtende Distanz geht. Es geht um das Schwarzsein in unserer Gesellschaft, besonders in der gehobenen Gesellschaftsklasse. Im Finanzsektor muss sich die Heldin den alltäglichen sexistischen und rassistischen Anspielungen stellen. Die Handlung spielt in Großbritannien und die Erzählerin erkennt, dass sie für ein System Steuern zahlt, dass sich auch zum Beispiel durch Schadenszahlungen an ehemalige Sklavenhändler mit aufgebaut hat.

Es geht um eine Frau, die mit Ehrgeiz innerhalb einer Bank Karriere macht. Das Kollegium, in dem sie sich bewegt, wirkt zuweilen kindisch, oberflächlich und großspurig. Sie ist in England geboren, dennoch muss sie sich immer noch erklären. Der Rassismus ist wie eine Krankheit. Wie Krebs, der Metastasen streut. Davon bleibt die Protagonistin nicht nur als Bild verschont. Sie muss lernen für ihr Leben zu handeln und für sich einzustehen.

Durch ihre Beziehung zu einem Mann, der sich durch sein familiäres Erbe in der Upper Class gewohnt bewegt, wirkt es, als würde auch sie in gehobenen Kreisen mitspielen können. Sie ist eingeladen zu einer Familienfeier und fährt mit dem Zug in die Richtung der Feierlichkeiten. Somit wird auch diese Reise ein Bild, das durch die Handlungsbewegung in das Leben der Protagonistin hineinschaut und dabei durch die Gesellschaftsklassen durchzoomt. Der Blick aus dem Fenster des fahrenden Zuges zeigt eine zur Seite gescrollte Landschaft. Am verabredeten Bahnhof wird sie abgeholt und es geht weiter zum Landsitz der Familie ihres Partners. Ein Partner, der sich aber anscheinend mit ihr schmücken möchte und in ihr etwas Exotisches sieht. Durch ihrer Anwesenheit möchte er sein Ansehen erheben.

Sie, die Schülern und Studenten Vorträge über das Finanzsystem im Auftrag ihrer Bank hält, ahnt das wahre Spiel hinter jeglichen Kulissen. Sie erkennt, dass die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft festverwurzelt ist. Eine schwarze Frau, die sich in einer männerdominierten Welt fragen wird, wie sie mit dem Erbe der Gesellschaft leben kann.

Ein leicht ironischer Text über Immigration, Feminismus und den bitteren Blick hinter die Kulissen der Finanzwirtschaft. Die alltäglichen Anfeindungen, Aggressionen und Beleidigungen wirken hier nicht erdacht, sondern stets erlebt. Die Protagonistin hat mit der Autorin Natasha Brown etwas gemeinsam. Nach ihrem Mathematikstudium war sie lange im Londoner Finanzsektor tätig.

Ein Roman, der kurzweilig ist und Bilder heraufbeschwört, die leider immer noch die Wahrheit zeigen. Durch die kurzen Kapitel und Abschnitte ist es ein Gesellschaftsroman im Schnelldurchlauf mit einer komplexen Tiefe. Durch die Distanz zu den Figuren, besonders zum schnöseligen Umfeld der Heldin, bekommen die Menschen etwas Austauschbares, denn sie sind wohl immer noch unter uns. Der tägliche Kampf, nicht mehr einfach ein Objekt zu sein, steht dabei im Mittelpunkt.

Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von einer Autorin, die selbst schon Leseschätze geschrieben hat: Jackie Thomae.

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