Jürg Beeler: „Die Zartheit der Stühle“

Ein Buch über die Liebe und bereits beim Titel wird eine Verspieltheit deutlich, die dem Hauptcharakter zugeneigt ist. Ein poetischer und eher stiller Roman, der eine Flucht in den Mittelpunkt stellt und dabei ganz zart mit den Geschichten der handelnden Figuren umgeht.

In den kleinen Gassen von Süditalien und den lichtvollen Plätzen sucht Matteo seine Stille und findet dabei zu sich zurück. Er notiert seine Gedanken und Erinnerungen in seinen Heften. Dabei schreibt er meist seine große Liebe direkt an, ihr berichtet er, was ihm passiert und passiert ist. Dabei wächst sein großer Text über die Liebe.

Matteo ist ein stiller in sich gekehrter Mann. Er begann als Pantomime. Ein Darsteller der Stille, der durch Gesten und Mimik dem Publikum sein Innerstes zeigte. Er, Matteo, der Clown. Doch dann wurde er Schauspieler. Er, der stille Mensch fand seine Sprache auf der Bühne. Es wurden stets seine Worte, die er sagte, die lediglich jemand anderes vor ihm geschrieben hatte. Er wurde sehr erfolgreich. Dennoch war in ihm weiterhin eine Stille, die nur auf der Bühne verebbte. Zofia war seine Frau, mit der er die Einsamkeit in der Zweisamkeit ertrug. Er lebte mit ihr lange und viele Jahre zusammen. Doch sie starb. Ihr Tod lähmte ihn und ihre Verwandtschaft kümmerte sich um die ganze Trauerarbeit. Sie wurde in ihrer Heimat Warschau beigesetzt. Nicht wie er eigentlich gewollt hätte.

Auf der Bühne mimt er weiterhin die großen Rollen. Doch dann plötzlich versagt ihm die Sprache. Die Rolle erfüllt ihn nicht und er erinnert sich nicht mehr an die Worte. Als Shakespeares König Lear fällt er während einer Inszenierung, kurz nach dem Begräbnis seiner Frau, aus dem Text. Wortlos verlässt er die Bühne. Er sucht Schutz. Einen Ort, den er und Zofia liebten. Er flüchtet in eine süditalienische Kleinstadt. Doch kann er seiner Vergangenheit nicht entkommen.

Erneut sucht er die Stille, die Ruhe. In einem Café auf einer Piazza sitzt er, beobachtet, horcht in sich hinein und schreibt. Dann taucht plötzlich eine Frau auf. Sie sitzt ebenfalls an den Plätzen, arbeitet an Notenwerken und spricht ihn als Matteo an. Sie, Vera, kennt ihn. Mal taucht sie auf, dann ist sie länger verschwunden. Doch verbindet die beiden etwas. Er kann sich nicht erinnern und lässt aber den Raum zu. Sie raubt ihm seine Ruhe.

Ein wunderschönes, bedachtsames Werk. Im Mittelpunkt stehen die Formen der Liebe, in ihrer Verzweiflung, Flüchtigkeit und als großes, kaum in Worte zu fassendes Gefühl. Die Klangfarbe der Sprache ist dem Moment des schreibenden Matteos angepasst. Ein kurzweiliger, schön zu lesender Roman in traumhafter Kulisse.

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