Linda Boström Knausgård: „Oktoberkind“

Linda Boström Knausgård schreibt Gedichte, Erzählungen und Romane, ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt und sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Doch ist sie den meisten wohl eher bekannt als Figur aus dem ausufernden Zyklus ihres Ex-Mannes Karl-Ove Knausgård. Sein Blick auf sie kann nie ein ganzer sein und somit ist dieser autofiktionale Text umso spannender, denn hier ringt eine Frau um ihre Existenz und um das Bewahren der Identität, der Erinnerung und der Würde. Wer also Knausgård liest, sollte Knausgård lesen.

Der Text hat eine fast schon einfache Struktur, dennoch lassen sich die Inhalte zuweilen schwer fassen, denn die Wahrnehmung der Erzählerin ist durch das Umfeld der Psychiatrie, in der die Erinnerungen fixiert werden, geprägt. Die geschiedene Schriftstellerin leidet unter Depressionen und einer bipolaren Störung und wurde zwangseingewiesen. Aufgrund der gestellten Diagnose ordnen die Mediziner eine Elektroschocktherapie an. Diese Elektrokrampftherapie dient zuweilen immer noch der Behandlung therapieresistenter und schwerer depressiver Verläufe. Die Stromschläge wirken auf die Erzählerin, Linda, verstörend und sie kann und darf nicht über ihre Behandlung mitbestimmen. Sie lebt in der Klinik entmündigt. Die ganze Therapie ist mechanisch und wirkt wenig auf das Wohl der Patientin ausgerichtet. Sie ist kritisch dem Umfeld gegenüber und droht in einer Dunkelheit zu ertrinken. Die Klinik wird für sie zur Fabrik und die Pfleger, die sie bereits am Geräusch des Türöffnens einschätzen kann, gehen mal behutsam mit ihr um oder versuchen schnell und dadurch schmerzhaft, die entsprechenden Zugänge zu legen.

Der Aufenthalt und die Elektroschocktherapie drohen ihre Erinnerungen zu löschen. Die Mediziner vergleichen dies sogar mit dem Neustart eines Computers. Der Mensch wird dabei gänzlich minimiert, reduziert und fast schon entmenschlicht. Die Wahrnehmungen von Raum und Zeit verwischen während der Therapie. Was macht Linda noch aus? Was wird von ihr bleiben? Dies treibt sie um. Die Sorge um ihre vier Kinder veranlasst sie, an ihren Gedanken und Erinnerungen festzuhalten. Angeregt durch eine Pflegerin vergegenwärtigt sie ihren bisherigen Weg und fixiert ihre Erinnerungen. Ihre Kindheit, ihre Rolle als Mutter und ihr persönliches Leben beschreibt sie intim, schnörkellos und intensiv. Das Einfache wird anfänglich lediglich suggeriert und steigert sich in eine bild- und sprachgewaltige Dichte.

Ein autobiografischer Roman, der poetische Stromschläge erzeugt. Erinnerungen an „Einer flog über das Kuckucksnest“ oder „Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“ werden beim Lesen wach. Der Versuch der inneren Befreiung, der Weg zur eigenen Stärke und die Suche nach Glück gehen hier einen schmerzerfüllten Weg. Ein lesenswertes und bewegendes Werk, das aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein übersetzt wurde.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Eine Antwort zu “Linda Boström Knausgård: „Oktoberkind“

  1. Lea Müller

    Oh wie toll, ich lese es gerade und habe zuvor „Gesichter“ von Tove Ditlevsen zu Ende gelesen und die Ähnlichkeit ist doch verblüffend aber eben auch dennoch ein ganz anderes Leseerlebnis. Ich muss da fürchte ich jetzt wieder reinkommen, hatte es einige Tage zur Seite gelegt.

    LG
    Lea

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