Archiv der Kategorie: Erlesenes

Ulrich Schacht: „Notre Dame“

Ulrich Schacht Notre Dame Aufbau Velrag

„Notre Dame“ ist ein Roman, in dem es um Grenzüberschreitungen, das Überwinden von politischen, gesellschaftlichen und den inneren Mauern geht. Die Stadt Paris als Sinnbild der Liebe. Denn es ist die Stadt, von der wir die Schönheit und Vollkommenheit erwarten. In Paris treffen Kunst und Kultur auf den Genuss des Lebens und suggerieren uns den Ort überschäumender Lebensfreude. Es ist nicht der Ort, die Stadt, sondern das Bild, das wir uns von einem Ort aufgebaut haben und in uns tragen. Die Schönheit erleben wir meist im Unbewussten und die wirkliche Freiheit, die wir im Leben und in der Liebe suchen, entsteht durch die Absicht und durch den Willen.

Ulrich Schacht hat einen Roman geschrieben, der sich wie eine Kathedrale vor dem Leser aufbaut. Stück für Stück entfaltet sich das komplexe Werk. Gleich dem kirchlichen Gebäude steht man am Ende vor einem Kunstwerk, das den Grundriss und den Aufriss der persönlichen Lebenskunst und Philosophie  umspannt. Beim Betrachten entdecken wir das schnörkellose Werk, das alles Menschliche und Übermenschliche beinhaltet. Der kleine Mensch als unvollkommenes Wesen wandelt durch diese Kathedrale und wird zum Abglanz der Schönheit auf der Suche nach Freiheit und Liebe.

Der Roman ist kein typischer Wenderoman, auch wenn er viele Momente aus dem Leben des Autors verarbeitet. Ulrich Schacht wuchs in der DDR auf und wurde 1973 wegen Hetze verurteilt und 1976 in die Bundesrepublik entlassen. Er arbeitete als Feuilletonredakteur und Chefreporter, bis er als freier Autor nach Schweden zog.  Schacht erhielt bereits viele Auszeichnungen und Preise für sein Werk (u.a. „Grimsey“).

Torben Berg, der Protagonist, fliegt 1991 in die französische Hauptstadt. Lediglich seiner zwölfjährigen Tochter hat er von seinem Vorhaben erzählt. Er möchte Silvester in Paris verbringen, der Stadt, in der er anderthalb Jahre vorher großes Liebesglück erlebt hatte. Berg ist verheiratet, doch wirkt seine Ehe gescheitert. Er ist ein anerkannter Journalist und lebt in Hamburg. Er ist in der DDR aufgewachsen, wurde wegen staatsfeindlicher Hetze inhaftiert und wurde nach Jahren der Haft in die BRD entlassen. 1989 reist er im Auftrag seiner Zeitung in den bröckelnden Arbeiter- und Bauernstaat. Nach einem Konzert von Wolf Biermann will er die Stimmung einfangen. Er taucht in das Nachtleben ein und lernt Henrike Stein kennen, eine Studentin, die lediglich Rike genannt wird. Auch Rike ist eigentlich in festen Händen. Zwischen den beiden entsteht, trotz des Altersunterschieds, eine besondere Anziehung. Er sendet ihr später seinen neuen Gedichtband und bekommt auch von ihr ein Antwortschreiben, in dem sie ihm gegenüber zugibt, keine Lyrikliebhaberin zu sein, aber seine Worte sie berührt hätten, was ihn wiederum sehr bewegt. Seine Dienstreisen plant und verbindet er, um ihr oft nahe zu sein. Sie finden zueinander und gewinnen eine kurze, intensive Liebe, die ihren Höhepunkt in Paris hat.

Seine Vergangenheit ist mit der DDR verwachsen, wo das Träumen über Freiheit durch äußere und innere Mauern begrenzt war. Die Sehnsucht nach fernen Ländern spiegelt sich in Torben Bergs journalistischen Dokumentationen. Seine Aufzeichnungen und Erfahrungen nutzt er nicht nur für das öffentliche Schreiben. Doch das Verlangen und die Sehnsucht verglimmen, wenn das Bild, das man projiziert, nicht mit dem Alltäglichen übereinstimmt. Die körperliche und seelische Liebe kann verblassen. Das Liebesleid greift bis 1991 und Torben Berg muß erneut seine Grenzen überwinden.

Ulrich Schacht baut den Roman langsam auf und schafft damit ein lohnenswertes Werk, das wohl viel Biographisches beinhaltet. Ein Roman über die Wiedervereinigung zweier Staaten und das Finden der Liebe. Freiheit als Ziel in den historischen Begebenheiten, im Leben und in der Liebe. Ein Roman, der zart, poetisch und wuchtig zugleich ist, gleich dem Bild, das wir uns von einer Kathedrale machen.

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Anja Goerz: „Wenn ich dich hole“

Wenn ich Dich hole Anja Goerz dtv

Ein unblutiger Thriller, der eher durch die Stimmung, als durch die Handlung, eine Spannung aufbaut. Ein kleiner Junge ist in einem abgelegenen Haus in Nordfriesland in Gefahr. Ein Schneesturm erschwert die Rettung und die ganze Familie wird durch Geschehnisse aus der Vergangenheit bedroht.

Ein Besuch bei der Großmutter hat Lewe und seine Mutter, Insa Steensen, nach Niebüll verschlagen. Wiedermal sind Insa und Lewe vorgereist, denn Bendix, der Ehemann, d.h. Lewes Vater, befindet sich auf Geschäftsreise. Doch scheint ihm dies sehr gelegen zu kommen, denn das Verhältnis zwischen ihm und Grete wirkt angespannt. So wird es jedenfalls in der Dorfgemeinschaft wahrgenommen. Es wird viel getuschelt, da sich alle untereinander kennen und sie beobachten konnten, dass Bendix selten bei den familiären Besuchen dabei ist.

Insa und Grete gehen im dörflichen Lebensmittelladen einkaufen, während Lewe alleine im abgelegenen Haus der Großmutter in Nordfriesland bleibt. Es ist Winter und der Schneefall nimmt kontinuierlich zu. Der Ladeninhaber kommt mit beiden ins Gespräch und während des plattdeutschen Smalltalk lässt er beiläufig einen Satz fallen, der darauf hinweist, dass er über die familiäre Situation und Bendix Vorleben mehr zu wissen scheint, wird dann aber von Grete zügig unterbrochen. Beim Auto angekommen, meint Grete jemanden wieder zu erkennen, hadert dann aber doch und stellt das Gesehene in Frage.

Bendix selbst ist auf der Heimreise. Er will in Heathrow umsteigen und wartet auf den Flug nach Hamburg. Doch die Wetterlage verschlechtert sich, viele Flüge werden gecancelt und auch sein Flug verzögert sich. Während er am Terminal wartet, bekommt er Anrufe von Lewe, seinem neunjährigen Sohn. Lewe langweilt sich und will wissen, wann sein Vater endlich nachhause kommt. Bendix wundert sich, warum Grete und Insa nicht bei ihm sind und versucht Insa anzurufen, doch erreicht er stets nur die Mobilbox. Die Fluggesellschaft hält die Reisenden noch im Ungewissen, was mit dem Flug nach Hamburg ist und Bendix befürchtet, es an diesem Tag wohl nicht mehr nach Schleswig-Holstein zu schaffen. Die Anrufe von Lewe werden immer panischer, denn seine Oma und seine Mutter sind immer noch weg und nicht zu erreichen. Bendix nimmt Kontakt zur örtlichen Polizei auf und bittet diese, bei seinem Sohn vorbeizuschauen und Insa und Grete suchen zu lassen. Doch plagt ihn das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Durch den Schneesturm wird nicht nur Bendix Flug gestrichen, sondern auch Grete und Insa sind auf dem Weg vom Einkaufen durch einen Unfall in einen Graben gerutscht. Ein anderer Wagen war plötzlich aufgetaucht. War das ein Zufall? Als Insa langsam erwacht und sich um Grete sorgt, wird sie von hinten niedergeschlagen. Auch die Anfahrt des Polizisten, der nach Lewe sehen möchte, wird durch den starken Wintereinbruch erschwert. Bendix gerät in Panik und versucht mit der Bahn weiterzukommen. Sein Handy-Akku ist fast leer und die Anrufe seines Sohnes bereiten ihm immer mehr Angst, denn dieser meint, dass er im Haus nicht mehr alleine ist. Irgendjemand ist wohl dort.

Die Panik, die Bendix befällt, wird von Seite zu Seite erfahrbarer. Wo sind seine Frau und seine Mutter? Wie kann er seinem Sohn helfen, während er doch noch so viele Reisestunden vor sich hat? Wer ist in dem Haus und was ist tatsächlich mit Insa und Grete passiert? Eine weitere Erzählperspektive erscheint im Roman, Henrike, die die eigentliche Handlung durch eingeschobene Kapitel unterbricht. Es wird immer deutlicher, dass es um die Vergangenheit geht, die nun alle einzuholen scheint.

Ein Spannungsroman, der von der Stimmung lebt. Die Hilflosigkeit, Angst und Panik wird immer greifbarer und geht einher mit dem immer dichter werdenden Schneesturm. Die unterschiedlichen Perspektiven werden zügig aufgebaut und die kurzen Kapitel enden jeweils mit kleinen Cliffhangern. Die Sprache ist flüssig und baut gekonnt die passende Atmosphäre auf. (Fein ist auch, dass es endlich mal wieder ein Charakter mit dem Namen Hauke in die Literatur geschafft hat.)

Ein Roman einer Stimme aus Schleswig-Holstein, denn Anja Goerz ist vielen als Radiomoderatorin (u.a. R.SH, NDR,  radioeins/rbb und Nordwestradio Bremen) bekannt. Sie ist auf dem nordfriesischen Festland nahe Sylt aufgewachsen und lebt jetzt bei Berlin.

Am Donnerstag, 14.09.2017 findet bei uns in der Buchhandlung Almut Schmidt eine Lesung mit Anja Goerz statt. Siehe unsere Veranstaltungen

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Dirk Stermann: „Der Junge bekommt das Gute zuletzt“

Dirk Stermann Der Junge bekommt das Gute zuletzt

Ein so schön trauriger Roman. Stermann versteht es, die Waage zwischen Humor, Leichtigkeit, zarter Melancholie und trauriger Einsamkeit aufrechtzuerhalten.  Dirk Stermann ist ein deutsch-österreichischer Moderator (u.a. Die Fernsehsendung „Die Geschichte eines Abends“), Kabarettist und Autor. Er ist ein Autor, der das Absurde zelebriert und einen fröhlich melancholischen Roman über die Vielfältigkeit der Einsamkeit geschrieben hat. Der Verlag schreibt über das Buch: „Der traurigste Roman der Welt“. Das mag wohl stimmen, wird dem aber dennoch niemals gerecht. Denn ein feiner Humor weht beständig mit. Dennoch ist das Buch so traurig, dass man beim Lesen auf schönste Weise mitleidet. Aber es bleibt trotz des Absurden, des Surrealen niemals zu überspitzt dargestellt und es überfordert nicht mit empathischen Superlativen, wie es Hanya Yanagihara in diesem Jahr gemacht hat.

Das Buch will erlebt werden und lädt den Leser zu einer emotionalen Reise ein. Der Titel verspricht, dass der Held doch noch das Gute bekommen wird. Aber ist es wirklich das Gute für den Jungen? Wieviel Schmerz ist nötig und überhaupt möglich? Gleich den schmerzvollen Stichen von exotischen Ameisen, deren Gift stundenlange Pein verursacht, bleibt am Ende der einsame Schmerz und das macht richtig traurig. Trotz der Gefühlswallungen, die auf den Leser einprasseln lohnt sich das Buch und wird im Leser einiges losbrechen und Stermann zeigt sich erneut als Meister des fröhlich Melancholischen.

„Fernweh in der Häuslichkeit“

Der Roman handelt von Claude, der mit seinen exzentrischen Eltern in Wien lebt. Er ist dreizehn Jahre alt und geht Dank eines Stipendiums auf eine Schule der High Society. Seine Mutter ist Ethnologin und interessiert sich viel mehr für andere Menschen und Kulturen als für ihre eigene Familie. Claudes Vater ist Musiker und spielt im Orchester und in einer Barockband die Posaune. Die Eltern trennen sich Stück für Stück und als die Mutter mit einem Indio zusammenlebt, ziehen sie durch die gemeinsame Wohnung eine Mauer. Nun lebt Claude mit seinem Vater auf der einen und die Mutter, der Indio und Claudes kleiner Bruder auf der anderen Seite. Die Großmutter hält ebenfalls fest an ihrer Tochter und zeigt sich kaltherzig gegenüber Claude, der die Hoffnung für seine Familie nicht aufgibt. Doch auch der Vater lernt ebenfalls eine neue Frau kennen, die sich auf einem waldorfschulgeschwängerten Selbstfindungstrip zu befinden scheint. Claude ist auf beiden Seiten, der Mütterlichen und der Väterlichen, nicht willkommen. Die Mutter zieht aus, um die Welt zu erfahren. Der Vater, ständig auf Tournee, beschließt ebenfalls einen Neuanfang ohne Claude und zieht auch aus der gemeinsamen Wohnung aus.  Da die Wohnung bezahlt ist, bleibt Claude dort wohnen. Allein.

Wäre da nicht der Nachbar, der MS-Leidende Taxifahrer Dirko, der aus Serbien geflohen ist, der sich Claudes annimmt. Von ihm lernt er die dunkle Geschichte Wiens kennen, aber auch sich zu verteidigen. Denn als armes Kind hat er es schwer auf der Schule der Reichen, die ihn beständig ärgern und sogar verprügeln. Als Claude durch eine erneute Prügelei die Schule wechseln soll, lernt er in der neuen Klasse ein gleichaltriges Mädchen kennen. Als die häusliche Situation für Claude immer unerträglicher wird, denn der Vater hat Zimmer der Wohnung untervermietet, beschließen Claude und Minako, das Mädchen, eine eigene Familie zu gründen. Beide minderjährig und naiv werden erneut mit dem Schmerz konfrontiert…

Das Buch ist tief traurig und lustig zugleich. Alle Figuren sind so gekonnt eingesetzt, dass alle sich im negativen oder positiven Sinne im Leser entfalten. Die Kapitel sind den Insektenbissen und deren Schmerzskala angepasst und diese steigert sich mit dem Leid der Hauptfigur und welcher Schmerz auf diese noch lauert, erfährt man am Ende, wo diese dann aber auch in sich ihre Freiheit findet.  Ein Roman, wie ich ihn liebe. Eine gute Geschichte, die skurril ist und mit humorvoller Melancholie erzählt wird. Es gibt im Buch einiges zu entdecken und der Roman lebt von einer ganz besonderen Magie.

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Michela Murgia: „Chirú“

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Die charmante Stimme Sardiniens führt fort, was sie mit Accabadora begann. In Accabadora beschreibt Michela Murgia das Erwachsen einer jungen Frau in einem sardischen Dorf. Das Aufwachsen und lernen bei einer Sterbefrau. Accabadora zeigt uns getriebene Menschen, voller Erinnerungen, die gleich Treibholz auf dem Meer den Gezeiten ausgeliefert sind. Michaela Murgia nimmt das Bild des Treibholzes gleich im ersten Satz ihres neuen Romans wieder auf. Chirú kam gleich einem Holzstück an den Strand. Er wurde durch die Gezeiten geformt und tritt fast schon frech in Eleonoras Leben. Sie ist Ende Dreißig und er erst achtzehn Jahre alt. Auch wenn Welten diese beiden zu trennen scheinen, entsteht eine verrückte Beziehung, die uns in die Kunstwelt führt.

Der Roman birgt gleich Accabadora gewiss viele biographische Bezüge der Autorin, die aus Sardinien stammt und zu den bedeutendsten Autorinnen Italiens zählt.

Der Roman ist aus der Perspektive Eleonoras geschrieben, einer erfolgreichen Schauspielerin, die ein selbstbestimmtes Leben führt. Ihre Blicke in die Vergangenheit vertiefen ihre sanfte Melancholie. Chirú, ein junger Musikstudent, den sie als noch im Werden ansieht, tritt forsch und selbstbewusst in ihr Leben. Er ist ein Junge in der Kleidung eines Erwachsenden, die er noch nicht zu füllen weiß. Er bittet sie um Unterricht und Eleonora nimmt sich seiner an und begleitet seine Entwicklung. Sie lebt bereits in der Künstlerwelt, in die Chirú von ihr nun eingeführt wird. Sie ist eine edle, modebewusste Italienerin, die aber auch stets etwas Trauriges umweht. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen und musste sich erst aus dem familiären Umfeld befreien. Ihr Vater, ein dominierendes Familienoberhaupt, hat ihr bis zu ihrer Befreiung das Leben schwer gemacht. Bereits in einer Szene am Anfang des Romans wird dies sehr deutlich. Bei einem Jahrmarktsbesuch wird ihr als Achtjährige ein Spielzeug verweigert, weil sie ihr Kleid beim Spielen beschmutzt hatte. Sie begreift als Kind das Spiel von Wunsch, Begehren, Strafe und Belohnung. Sie erkennt die Herrschsucht und ihr Mitgefühl für die Abgründe anderer und mit jungen Jahren wird ihre Kindheit beendet.

Als erwachsene Frau lebt sie ein einfaches, fast schon einsames Leben und genießt ihre Auftritte im Theater. Chirú erwählt sie als Musiklehrerin, die das Leben durchschaut. Im Vordergrund des Romans steht die Beziehung der beiden zueinander. Ihre Liebe oder eher ihr Begehren ist ungleich und zwischen der Lehrerin und ihrem Schüler stets fragwürdig und heikel. Sie kommen sich näher, wobei er als ein Kind im Manne erscheint, das die Beziehung ausnutzt und manipuliert. Eleonora kann seiner Jugend und seinem unverschämten Selbstbewusstsein nicht wiederstehen. Doch während einer späteren Tournee kommt es zum Bruch und es liegt an den Figuren, ihre jeweils neuen Rollen zu finden.

Die Beschreibungen der Kunstwelt, in die sie eintauchen, sind humorvoll. Der Roman ist gleich einem Lehrstück geschrieben, denn die Kapitel heißen Lektionen und bieten viel Raum für exakte Beobachtungen. Lektionen über die Frage wer oder was uns prägt oder beeinflusst. Es ist eine Geschichte, die witzig und tiefgründig ist und ab und zu mit charmantem mediterranem Kitsch den Leser einnimmt. Der Wechsel zwischen klugen Dialogen, humorvollen Beobachtungen und melancholischen Rückblicken ist gekonnt ausgewogen. Das Tiefgründige ist in kleinsten Anhaltspunkten eingesetzt oder in die kunstvollen Beobachtungen eingestreut. Michela Murgia ist eine einfühlsame Erzählerin, die erneut die Untiefen der menschlichen Beziehungen beleuchtet.

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Toni Morrison: „Gott, hilf dem Kind“

Toni Morrison Gott hilf dem Kind Rowohlt

Langsam entfaltet sich die Handlung und somit bekommen die Figuren in dem neuen Roman der Literaturnobelpreisträgerin eine im Leser bleibende Tiefe. Die Charaktere, meist sind es Frauen, nehmen viel Raum in Anspruch und Toni Morrison versteht es, diesen bildreich und psychologisch zu füllen. Das Hauptthema ist die Würde, die menschliche Stärke und der Mut, für sich einzustehen und seinen eigenen Weg zu finden. Der Ursprung des Schmerzes lässt uns kindlich werden und erst durch das Bewusstmachen und die Aussprache kann man daraus erwachsen.

Toni Morrison lässt abwechselnd jede Figur zu Wort kommen und dadurch bekommen die Geschichte und ihre Figuren eine immer tiefer werdende Dichte. Die Inhalte entfalten sich  peu à peu und der Text entwickelt eine enorme Kraft. Demütigungen, Missbrauch und Rassenkonflikte ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Charakterisierungen. Amerikas schwarze Bevölkerung wird durch dieses schleichende Gift verletzt und lebt mit der Angst vor Diskriminierung. Die Heldin des Romans, Lula Ann, wird als tiefschwarzes Baby geboren. Die Mutter, Sweetness genannt, ist ebenfalls nicht vorurteilsfrei und erschrickt beim Anblick ihres Kindes. Sweetness ist eine sehr helle Farbige, die oft als Weiße angesehen wurde und kann den Anblick oder die Berührung mit ihrem Kind nicht ertragen. Fast erstickt sie das Neugeborene aus einer kurzweiligen Laune heraus. Der Vater stellt durch die Hautfarbe seine Vaterschaft in Frage und verlässt die Familie. Die Mutter zieht Lula Ann alleine groß und lehrt sie den Gehorsam. Sie möchte, dass ihre Tochter niemals auffällig ist. Diese Unterwürfigkeit macht es möglich, dass sich langsam schreckliche Geschehnisse in die Welt der kleinen Lula Ann einschleichen.

Mit dem Erwachsenwerden sträubt sich Lula Ann immer mehr gegen das angepasst sein und betont ihre Körperlichkeit. Sie ändert ihren Namen in Bride, kleidet sich nur noch in edlem, strahlendem Weiß und ist in der Kosmetikbranche tätig und sehr erfolgreich. Sie hat eine Beziehung zu einem eigenwilligen, belesenen Mann, der über seine Vergangenheit gar nichts erzählt. Später kommt heraus, dass er anscheinend zwei Leben geführt hat. Bride wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, als eine Frau aus dem Gefängnis entlassen wird, gegen die sie damals als Kind ausgesagt hatte. Die Gründe erschließen sich dem Leser viel später, aber Bride möchte der Frau unbedingt helfen. Doch diese schlägt Bride brutal zusammen und die körperlichen und seelischen Verletzungen zwingen Bride zu einer Auszeit. Ihre Freundin hält noch zu ihr, aber ihr Freund wendet sich von ihr ab, weil er sie nicht versteht und auch meint, sie sei nicht die Frau seines Lebens. Sie reist ihm hinterher und durch einen Unfall wird sie zu einer längeren Heilungsphase gezwungen, die sie ganz in ihre Kindheit eintauchen lässt. In dieser fast schon mystischen Verwandlung und dem Heilungsprozess bei den umsorgten Aussteigern im Wald trifft sie jenseits ihrer kosmetisch aufgeplusterten Scheinwelt auf eine einfache Lebensweise. Sie wird die Bezugsperson eines jungen Mädchens, die auch eine dunkle Vergangenheit in sich verbirgt. Als Bride körperlich genesen ist, sucht sie weiterhin ihren Exfreund. Seine Geschichte ist mit ihrer durch Kindesmissbrauch verbunden. Sie selbst wurde nicht missbraucht, war aber damals eine wichtige Zeugin, die durch ihre Aussage zum ersten Mal den Stolz der Mutter geweckt hatte und endlich von dieser an die Hand genommen wurde.

Es wirkt, als würde sich der Schrecken immer auf gleiche Weise wiederholen und eine Beklemmung wächst, nichts dagegen tun zu können. Doch die Figuren lernen sich zu beschützen und auf verschiedene Art zu behaupten. In jedem Neuanfang und in jeder Geburt keimt immer sehr viel Hoffnung.

Ein großer Roman, der durch ganz genaue und tiefgründige Bilder, die sich Stück für Stück im Leser entfalten, besticht. Der Stil ist eindringlich, subtil, ergreifend und leidenschaftlich für jeden einzelnen Charakter.

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Husch Josten: „Hier sind Drachen“

Husch Josten Hier sind Drachen Berlin Verlag

hic sunt dracones

Gibt es Regionen, die noch nicht erforscht sind? Ist alles schon erfasst und wurde bereits alles schon einmal gesagt, d.h. wurde es bereits erzählt?

Die Gebiete und Länder, die noch unentdeckt waren, schufen die Grundlage diverser Spekulationen und hatten die Phantasie der Menschen angeregt. Auf den Karten waren es weiße Flecken und man bildete sich ein, dort lauerten die Dämonen, Wesen aus anderen Dimensionen. So entstand in der Kartographie die lateinische Textphrase „Hier sind Drachen“. Diese Drachen sind heute wohl nicht mehr kontinental auszumachen. Die Fabelwesen, die Ängste schürten und uns bedrohten, wurden durch uns selbst abgelöst. Der Roman, der Tendenzen einer Kurzgeschichte hat, spielt mit der Logik, der Sprache und dem Bewusstsein. Im Kern steht die Grundsatzfrage, ob es den Zufall gibt. Gibt es ein Schicksal, das uns herausfordert? Wie ist eine Art der Vorherbestimmung mit dem Terrorismus vereinbar? Wird unser Leben durch das Schicksal, Bestimmung oder durch das Chaos regiert? Es wirkt oft wie ein Zufall, dass man gerade dann auf bestimmte Menschen trifft, wenn man sie benötigt. Kennen wir die Menschen, die wir lieben, wirklich?

Wir lernen die Journalistin Caren kennen, die für ihre Arbeit lebt. In der Vergangenheit ist sie den Anschlägen in Boston und New York durch glückliche Fügungen entkommen. Am Morgen nach den Pariser Anschlägen will sie von Heathrow nach Paris fliegen. Sie soll über den Terror schreiben und über die Stimmung vor Ort. Sie ist immer auf der Suche nach der perfekten, noch nie erzählten Geschichte.

Der Flugplatz bildet die metaphorische Kulisse der Handlung, die sich wie ein dramatisches Kammerspiel entwickelt. Der Flug verzögert sich und Caren sitzt mit den anderen Wartenden am Terminal. So lernen wir Caren an einem Ort kennen, der ein Hafen zur ganzen Welt sein kann, aber durch die Verzögerung hier zwischenhängt. Sie ist nie wirklich am rechten Ort, auch ihre Beziehung ist zweckgebunden. Sie lebt in einer Dreierbeziehung. Der Mann, mit dem sie lebt, liebt noch eine andere Frau, kann es aber nicht ertragen, wenn sie fremdgeht. Die beiden Frauen wissen voneinander und kennen sich. Caren lebt immer dazwischen und liebt einen weiteren Mann, den Fotografen, den sie auf ihren Reportagen trifft. Es breitet sich eine Unruhe aus, da das Bodenpersonal die Fluggäste besänftigt, aber im Ungewissen lässt. Dann wird auch noch das Terminal abgesperrt. Es gab eine Terrorwarnung und der Flugplatz versinkt im Chaos. Lediglich Caren, die als Journalistin ihre Kontakte hat, bekommt nähere Informationen von einem Einsatzleiter. Caren sitzt ein Mann gegenüber, den die Unruhe um ihn herum nichts anzuhaben scheint. Er ist ein Erkenntnistheoretiker und liest Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“. Caren nennt ihn deshalb Wittgenstein. Sie gibt den Menschen aus ihrem Umfeld gerne eigene Namen, die sie diesen gegenüber aber nicht ausspricht. Beide kommen ins Gespräch und geraten immer mehr ins Philosophieren. Die Grenze des Denkens geht einher mit dem seelischen Empfinden von Caren, deren räumliche Wahrnehmung sich kurzweilig begrenzt. Ab und zu überkommt sie ein Gefühl der Beengung, als würde ihr die Decke entgegenstürzen. Das Gespräch mit Wittgenstein dreht sich um das Erinnern, die Frage nach dem Lebenssinn und über die Welt und die Wirklichkeit. Hat man Einfluss auf das Leben? Warum konnte Caren zum Beispiel mehrfach dem Schicksal entkommen und ist erneut durch eine Terrorwarnung bedroht? Ist alles eine Fügung? Hinzu gesellt sich eine Handleserin, die Caren die Lebens-und Herzlinie liest. Auch wenn Ihr Leben erneut durch einen Terroranschlag bedroht ist, ist ihre Lebenslinie lang, aber zeigt kommende Veränderungen an. Welche Rolle spielen ihre Beziehungen und was haben die Männer für einen Einfluss auf das Kommende und ihr Leben?

Ein lesenswerter Roman über die Bedeutung der Geschichte, die Philosophie und die Suche nach dem Sinn. Die kurze Erzählung hat eine sprachliche und philosophische Dichte, die den Leser niemals überfordert, aber unterhaltsam herausfordert.

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Harry Martinson: „Reisen ohne Ziel“

Reisen ohne Ziel Guggolz

„Kieler Matrosenzwinkern“

Harry Martinson wurde 1904 in Schweden geboren. Er wuchs in Jämshög in Bleckinge auf. Sein Vater, ein ehemaliger Kapitän und mittelloser Händler, verstarb als Harry sechs Jahre alt war und seine Mutter wanderte ohne die Kinder nach Kalifornien aus. Er und seine Geschwister wurden „Gemeindekinder“ und reihum in Bauernhöfen einquartiert. Mit 16 Jahren heuerte Harry Martinson als Matrose an. 1927 kehrte er lungenkrank heim und veröffentlichte seine Gedichte und Texte. Er hatte mit seiner Lyrik und besonders mit seinen Reiseeindrücken große Erfolge. Er heiratete und wurde in Stockholm sesshaft, doch blieb in ihm eine beständige Unruhe und Neugier auf die Welt. Er war eine „Nomadenseele“ und begab sich immer wieder auf Erkundungen. 1974 erhielt er mit Eyvind Johnson den Nobelpreis für Literatur. Während eines Krankenaufenthaltes beging Harry Martinson Selbstmord.

Das vorliegende Buch ist eine Neuausgabe und beinhaltet wie im Original die beiden Werke „Reisen ohne Ziel“ und „Cape Farewell!“. Der Text wurde neuübersetzt und durchgesehen. Somit liegt erstmalig eine komplette Ausgabe vor, denn die damalige deutsche Ausgabe war gekürzt. Diese beiden Reisebücher sind ein literarisches Zeitdokument und nehmen uns mit zu fernen Ländern, durch diverse Seestraßen, Ozeane und Meere. Die Sprache wurde nicht den heutigen Gewohnheiten und Ansprüchen angepasst, sondern so belassen. Auch hat sich der Verlag, das Lektorat dafür entschieden Wörter zuzulassen, die uns heute eher abschrecken lassen. So kommt u.a. häufiger das N-Wort vor. Auch wenn Harry Martinson in bestimmten Aussagen einige Menschen in schubladenartigen Beschreibungen charakterisiert, ist seine allgemeine Menschenliebe immer in den Zeilen durchzuhören.

Durch das Buch bekommen wir einen Eindruck, was es heißt, auf See zu sein. Die romantische Vorstellung der Seefahrt, die vorrangig in der Literatur bedient wird, wird in „Reisen ohne Ziel“ durch den Realitätsbezug entkräftet. Die globale Welt war auch schon zu Zeiten der Dampfschiffe zusammengeschrumpft und die exotischen, fernen Länder kamen immer näher. Die Schiffe, auf denen Martinson anheuert, laufen die unterschiedlichsten Ziele an: u.a. Reykjavik, New York, Buenos Aires, Rio de Janeiro. Seine Reisen gehen über ruhige See, stürmische Ozeane oder durch diverse Flüsse und Kanäle. Am beeindrucktesten und am eindringlichsten wird der Text bei den Beschreibungen des Lebens auf den Dampfern, Schiffen und zum Teil überladenen Pötten. Die monotone, aber kräfteraubende Tätigkeit des Kohleschaufelns und das Befeuern der Kessel bei unmenschlicher Hitze. Das Entschlacken der Kessel und die Säuberung der Öltanks. Die harte Arbeit belohnt mit den Zielen auf unterschiedlichen Kontinenten. Martinson beobachtet und notiert sich vieles. Auf einem griechischen Schiff gerät er in seine größte Katastrophe. Das Schiff ist mit Holz beladen und gänzlich überladen. In einem aufkommenden Orkan kentert es fast und einige aus der Mannschaft bleiben auf See. Seine Reisen führen ihn auch durch den Nord-Ostsee-Kanal, doch die Route von Holtenau durch die Holsteinische Landschaft ödet ihn eher an und die Elbmündung erscheint ihm als Rettung vor dem Einerlei.

Das Buch hat seinen ganz besonderen Charme und man wundert sich, wie gerne man diesen Reisebeschreibungen, die stets literarisch sind, folgt. Man bekommt etwas Appetit auf die Welt und atmet den Duft unter Deck, bekommt ebenfalls schwielige Hände und die Lunge voller Kohle. Immer wieder richtet sich der Blick auf die Häfen und die Bewohner, die Städte und fremden Länder und ihre Kulturen. Die Prosa und Lyrik ist bodenständig, menschen- und naturverbunden.

„Uns selbst und die Welt müssen wir kennenlernen. Der Weg dahin führt durch guten Willen, guten Willen und nochmals guten Willen“.

Der Verlag Guggolz ist ein kleiner Schatzgräber und fördert viele Werke zutage, die es zu entdecken lohnt. Ich habe mir zur Angewohnheit gemacht, die jeweiligen Nachwörter stets als Vorwort zu lesen, denn diese sind lesenswert und schaffen einen guten Einblick in die Werke und ihre jeweiligen Autoren.

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Claus Probst: „Die Jagd – Am falschen Ort“

Claus Probst Die Jagd Fischer

Ein Thriller in dem man sich beständig fragt, ob der Protagonist Opfer oder Täter, Gejagter oder Jagender ist.  Ein temporeicher Spannungsroman, der ohne Polizei, Detektiv oder sonstige Ermittler auskommt. Um sein eigenes Leben zu retten, muss der Held seines paradoxerweise aufgeben. Doch sein Selbsterhaltungstrieb wirft sehr moralische Fragen auf. Das innere Tier, das in uns Menschen schlummert, kann, wenn es gejagt wird, seine Schutzinstinkte aktivieren. Doch reagiert dieses Tier ab und zu sehr schnell und hat es schwer, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Der Autor, der mit „Die Jagd“ seinen dritten Psychothriller geschrieben hat, arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis und bringt für seine schriftstellerische Tätigkeit viele Erfahrungen aus seinem Beruf mit. Doch hat er ebenfalls einen kleinen Schutzmechanismus angewendet, denn er behauptet, dieses Manuskript sei ihm vom eigentlichen Ich-Erzähler zugespielt worden. Dieser wendet sich an wenigen Stellen direkt an uns, die Leser, um auch uns zu beeinflussen. Er möchte von uns verstanden werden und hofft, jeder von uns würde wie er handeln. Denn am Anfang macht der Held, auch wenn er sich dadurch in Gefahr begibt, das eigentlich Richtige.

Keller, der Erzähler, ist ein sympathisch wirkender Mann, der als Säugling im Jahr 1983 einen schrecklichen Unfall überlebt hat, bei dem er seine Eltern verloren hatte. Sein Leben verläuft gradlinig und fast schon harmlos. Seine Arbeitskollegen haben ihm ein Mountainbike geschenkt und an dem Tag, als er es im Waldgebiet testet, verändert sich sein Leben. Er wird Zeuge, wie ein Mann mit italienischen Akzent einen Mann und eine Frau brutal erschießt. Der Mörder versucht auch Keller zu töten, doch kann dieser im Dickicht entkommen und meldet es der Polizei. Keller ist ein sehr guter Zeichner und das Bild, das er vom Täter für die Polizei machen konnte, zeigt einen mächtigen, der Polizei bekannten Mafia-Boss. Dieser hatte noch in den Wald gerufen, sollte er zur Polizei gehen, würde er ihn finden und töten.

Die Aussage gegen das organisierte Verbrechen zwingt Keller nun in das Zeugenschutzprogramm. Seine Lebensgefährtin und Freunde haben Angst, ihn zu unterstützen und in die Geschehnisse mit hereingezogen zu werden. Er steht plötzlich ganz alleine da. Lediglich einer vom LKA wirkt zuverlässig und freundlich. Doch nimmt Keller das Programm anfänglich nicht ganz ernst. Durch das Gefühl des Alleingelassen sein und der Trennung von allem bisher bekannten, ist er innerlich stark getroffen und verletzt. Er entzieht sich der polizeilichen Beobachtung und dadurch kann ihn die Mafia finden. Er wird angeschossen, aber überlebt und nimmt jetzt die Hilfe der Polizei an. Er lässt sich in Kampftechniken und an der Waffe ausbilden. Er, der Gute, wird zum Gejagten und lebt vorerst in Spanien, bis ihm erneut zwielichtig wirkende Personen über den Weg laufen. Ist das LKA infiltriert? Hat die Mafia ihn so schnell ausfindig machen können?

Der Roman ist ein temporeicher und actiongeladener Thriller. Bis zum Ende bleibt es zweifelhaft, wer auf wen die Jagd eröffnet hat. Der Protagonist ist am Anfang ein Held, den man mag und mit dem man leidet, doch auch wir Leser verändern mit den Reisen durch Europa unsere Sicht.

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Radek Knapp: „Der Mann, der Luft zum Frühstück aß“

Radek Knapp Der Mann der Luft zum Frühstück aß Deuticke Hanser Verlage

Radek Knapp erzählt von einem Menschen, der als Kind alles zurücklassen muss und sich im Laufe der Geschichte immer wieder neu definiert, um letztendlich in der Fremde doch sein Zuhause zu finden.

Radek Knapp schreibt in seinem unverwechselbaren Stil mit viel Humor und mit einem gesunden naiven Blick auf die Welt. Die Buchliebhaber, die sich, wie ich, auf Knapps Lesefutter freuen, kann man wohl getrost eher Fans als Leser nennen. Seine Wendungen, Ideen und Formulierungen verblüffen stets aufs Neue und bringen einen nicht selten zum Lachen, wobei es immer einen ernsten Unterton gibt, der nach der kurzen Verweilzeit im Buch den Leser noch zum Grübeln animiert. Der Stil von Radek Knapp lässt sich ziemlich bündig festhalten: schwungvoll kreativ.

Der Titel des Romans erklärt sich aus einer Geschichte, die den Protagonisten des Romans, Walerian, lange begleiten und sogar ein Vorbild sein wird. Ein Mann, der von zwei Gangstern gefangen gehalten wurde und trotz Nahrungsentzug nicht klein beigab. Er ernährte sich einfach von Luft, die ihn sogar so stark machte, dass er die Gefängnistür auftreten konnte und seinen Peinigern lachend entkommen konnte.

Walerian, der Held des Romans, ist der Sohn einer unzurechnungsfähigen Mutter, die ihm eigentlich den Namen Jan geben wollte, ihn dann aber nach ihrem Beruhigungsmittel nannte. Als Walerian noch Kleinkind ist, taucht sie mit ihm im Arm bei den Großeltern auf, mit der Bitte, über das Wochenende auf Walerian aufzupassen. Das Wochenende hat eine Dauer von elf Jahren. Als Walerian zwölf ist, zieht die Mutter mit ihm von Warschau nach Wien. Die Suche nach einer passenden Schule wird zur Qual der Wahl und die schulische Laufbahn ist von kurzer Dauer. Er beschließt, dass er lieber arbeiten möchte und seine Mutter setzt ihn dann auch einfach vor die Tür.

Er ist nun auf sich allein gestellt und genießt seine anfängliche Freiheit, die er in einer schimmeligen Wohnung in einem eher vermögenden Viertel der Stadt bezieht. Da er doch nicht nur Luft essen kann, schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Seinen durch Indiana Jones geweckten Berufswunsch muss er nur unter bestimmten Gesichtspunkten aufgeben. Denn als er als Heizungsableser tätig ist, hat er das Gefühl gleich einem Archäologen in den Schichten des Wiener Lebens zu graben. Er lernt viel über Grenzen, Geschmack und Gewohnheiten der Menschen. Teresa, seine Romanze aus der Handelsakademie, tritt erneut in sein Leben und bringt mit sich den Einstieg in das eigentliche Zuhause. Sie ist es auch, die ihm durch einen Kontakt zu weiteren damaligen Schulkameraden, die mit klugen Handys den Markt erobern wollen, die Augen für seinen tatsächlichen Lebensweg öffnet. Wenn es ihm gelingt, seinen eigenen Weg zu finden, kann seine Heimat überall sein. Er kann sich von der Vergangenheit lösen und sich von seiner zeitraubenden Starrkrankheit befreien. Doch wird jede Heilung von der Wirklichkeit geprüft und der Mensch wird wieder vom Schicksal auf die Probe gestellt. Walerian stiftet erneut, diesmal bewusst, Verwirrung bei einem Selbstmörder und immer wieder ist es die Luft, die allen zu schaffen macht…

„Schnelligkeit ist gut für Atome, aber nicht für die Wesen, die aus ihnen bestehen.“

Radek Knapps Humor und Ideenreichtum sprudeln aus dem feinen kleinen Text, der es dennoch versteht, einen nachdenklich zu stimmen. Knapp erzählt mit einer Leichtigkeit und Hingabe zu seinen Figuren, die er immer wieder an Grenzen bringt und aus der Sicht eines staunenden Menschen beobachtet, der die Naivität als einen Anker in die Wirklichkeit auswirft.

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Vicente Alfonso: „Die Tränen von San Lorenzo“

Die Tränen von San Lorenzo Vincente Alfonso Unionsverlag

Das Buch beinhaltet das Spiel mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit und der kunstvollen Illusion. Ein Roman mit einem kriminalistischen Handlungsstrang, an dem Sigmund Freud wohl seine wahre Freude gehabt hätte. Die mythischen Wolfszwillinge, die Rom gegründet haben sollen und Freud mehrfach beschäftigten, sind die Namenspaten der Protagonisten des neuen Romans des hochgelobten mexikanischen Schriftstellers. Ein fast perfekter Mord kann wohl nur von Zwillingen durchgeführt werden…

Die Handlung spielt in Torréon, einer Großstadt in Mexiko. Während eines entscheidenden Fußballspiels wird in einer Bar ein Mord begangen. Alle sind durch die Übertragung des Spiels abgelenkt und können sich im Nachhinein nicht wirklich an die weiteren Gäste und an die Geschehnisse erinnern. Auch die Polizei hat durch ihre Präsenz beim Stadion viel zu tun und vernachlässigt dadurch die anfänglichen Ermittlungen. Dennoch ist die Mordermittlung schnell beendet. Die Identität des Mörders steht fest – oder doch nicht? Denn es ist einer der Ayala-Zwillinge. Aber welcher? War es Remo oder Rómulo? Es sind eineiige Zwillinge, die sich äußerlich sehr ähnlich sind.

Der Erzähler des Romans ist ein Psychiater, bei dem Remo Ayala in Therapie ist, d.h. war. Doch entwickelten sich die Sitzungen nicht wie erhofft und der Psychiater stellt seine Tätigkeit in Frage und sieht in seinem Nichteingreifen sein eigentliches Versagen. Hätte er viele Leben retten können? Stück für Stück setzt er nun jedes noch so kleine Puzzleteil zusammen und baut aus seinen Notizen, weiteren Berichten und Aussagen sowie Schriftstücken das ganze Bild zusammen.

Ferner macht sich ein Reporter auf die Suche nach dem Verbleib einer Wunderheilerin. Über diese heilige Niña wird viel erzählt und es ranken sich um diese Frau viele Geschichten und Geheimnisse. Ihr eigentlicher Name ist Magda und sie war früher die Assistentin des großen Padilla, einem Zauberer. Auf dessen Tour waren auch die Ayala-Zwillinge dabei. Beide machen mit Magda ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Ist sie die Leidtragende ihrer Begierde oder sind es die Zwillinge? Ist sie das erste Opfer eines oder beider Zwillinge?

Ein Zwilling zu sein bedeutet auch innere Zerrissenheit und fragliche Verbundenheit. Gleich siamesischen Zwillingen empfinden sich die Ayala-Brüder verwachsen. Als Rómulo verschwindet, begibt sich Remo in Behandlung und sein Therapeut will aus Schuldgefühlen den tatsächlichen Geschehnissen auf die Spur kommen. Warum ist Rómulo verschwunden? Erzählt Remo die Wahrheit? Ist den ganzen Erinnerungen noch zu trauen? Spielt das Gedächtnis den Protagonisten einen Streich oder plant jemand eine perfekte Illusion? War es tatsächlich Rómulo, der den Psychiater aufsuchte und vor den Lügen seines Bruders warnte?

„Die Wirklichkeit ist einzigartig, ihre Lesarten sind unbegrenzt.“

Der Roman liest sich wie ein Krimi und ist dennoch Gegenwartsliteratur, die uns ins heiße Mexiko führt. Der Kern der Handlung spielt mit Wahrheiten, Illusionen, Identitätsproblemen und der Geschichte und Politik des Landes. Auch die Aufmachung und Haptik des Buches überzeugt. Diese erinnert, passend zum Inhalt, an einen Todeskult. Ein Roman, der ein rasantes Puzzlespiel ist und sich aus der Psychoanalyse, der Mystik und der Geschichte bedient und gut und vielschichtig unterhält.

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