Archiv der Kategorie: Erlesenes

Elena Ferrante: „Meine geniale Freundin“

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Es wird und wurde bereits sehr viel über Elena Ferrantes Roman „Meine geniale Freundin“ geschrieben und gesprochen. Die meisten Meinungen sind positiv und in Italien und Amerika ist das Buch ein großer Erfolg. Wobei es kein einzelnes Buch ist, sondern ein Romanzyklus, der aus vier Bänden bestehen wird. Nun ist mit „Meine geniale Freundin“ der erste Band den deutschen Lesern zugänglich gemacht worden. Die übrigen drei Bände „Die Geschichte eines neuen Namens“, „Die Geschichte der getrennten Wege“ und „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ werden zügig folgen. Dies als kleiner Trost, denn das Ende des ersten Bandes ist etwas abrupt und man möchte gerne weiter lesen.

Das Buch erzählt Geschichte und anhand der geschilderten Wege der Protagonisten wird diese für den Leser zugänglich und erlebbar. Auch die Geschichte um das Buch herum, die in allen Medien bereits für Furore sorgte, liest sich spannend, denn bis vor kurzen war die Autorin ein Mysterium. Elena Ferrante ist ein Pseudonym, denn sie wollte gerade nicht den Rummel um ihre Persönlichkeit, sondern stets ihre Werke im Vordergrund wissen. So gibt sie auch immer nur Auskünfte zu dem Zyklus und nicht zu ihrer Persönlichkeit.

Das Buch spaltet die Meinungen. Dies erinnert an die ständige Diskussion über ernsthafte Kunst und Unterhaltung. Der Roman „Meine geniale Freundin“ liegt dazwischen, tendiert aber zur Literatur. Durch die Leichtigkeit und chronologische Erzählstruktur ist der Roman für Vielleser sowie für Leser, die lediglich ab und zu mal zu einem Roman greifen wollen, geeignet. Dies trauen sich Rezensenten, die tief in der Literatur verwurzelt sind, nicht zuzugeben, denn wer sagt, Literatur verlange stets absoluten Tiefgang? Romane sollen emotional bewegen, den Leser mitnehmen, unterhalten und ihm neue Welten oder Menschen vorstellen. Jedes Buch, ob Unterhaltung oder Literatur, birgt in sich die Möglichkeit Anstöße zu geben, sogar zu bilden und die Welt aus anderen Perspektiven darzustellen.

Die eigentliche Handlung spielt im Neapel der fünfziger Jahre. Die Geschichte beginnt aber in der erzählerischen Gegenwart, in der die Spuren verschwinden. Der Sohn von Raffaella Cerulla, die von vielen Lina genannt wird, ruft bei Elena Greco an. Elena ist die Freundin von Raffaela und nennt diese wiederum als einzige Lila. Lila ist verschwunden und seit Jahrzehnten hatte sie ihr Verschwinden bereits angekündigt. Nur wusste Elena nicht, was Lila damit wirklich meinte. Selbstmord scheidet aus, sie wollte sich spurlos in Luft auflösen. Elena beginnt nun zu recherchieren und zu suchen. Hier beginnt der Rückblick auf ihre Kindheit. So baut sich langsam das Porträt einer Frauenfreundschaft auf, angefangen bei der Kindheit und Jugend in einem Arbeitervorort von Neapel. Die gleichaltrigen Mädchen freunden sich an. Lila ist eine Schustertochter und Elena, die Erzählerin, ist die Tochter des Pförtners. Lila erscheint als die ungezähmte Kluge, die aber gebändigt wird durch ihren zu Gewalt neigenden Vater. Lila wird in einer Szene von ihrem Vater aus dem Fenster geworfen, weil sie auf eine höhere Schule gehen möchte. Sie soll ihm im Geschäft aushelfen, nutzt aber auch die Zeit, um einen eigenen Schuh zu entwerfen. Später heiratet sie den Lebensmittelhändler. Anders verläuft Elenas Weg. Sie wird von den Eltern unterstützt und kann die weitergehenden Schulen besuchen. Beide suchen ihren Weg aus der Armut. Elena durch die Bildung und Lila durch die Zweckehe. Schon als Kinder träumten beide von der Flucht. Beide sind Freundinnen, die unterschiedliche Wege gehen, die sich nicht mehr einen lassen. Es geht um familiäre Gewalt, die Chance auf Bildung, aber auch um die von Männern geprägte Gesellschaft. Die Auflösung der Frauenrolle oder die Auflösung der eigenen Identität bis hin zur Auflösung…

Dieser Roman erzählt europäische Geschichte aus Frauensicht mit einem Reigen an vielen Charakteren und deren Schicksalen. Die damalige Welt ist noch eher geprägt von den Männern, die hier meist nur als Randfiguren auftauchen dürfen. Es geht um das Träumen und die Chance der Flucht, das Scheitern und den Einfluss der Gesellschaft sowie der Familie auf den persönlichen Lebensweg.

Die Figuren und die Geschichte bilden beim Lesen einen enormen Sog. Die vielen Charaktere, die am Anfang auf den Leser einströmen, kristallisieren sich schnell heraus und man benötigt nicht oft die beigefügte Übersicht. Der Roman ist lebendig erzählt und die neapolitanische Saga wird in den weiteren Bänden bis in die Gegenwart reichen. So umschließt dann letztendlich das ganze epische Werk die Zeit zwischen den 50er Jahren bis heute.

Das Buch hat mich in seinen Bann gezogen und Elena und Lila werden mir in guter Erinnerung bleiben.

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Arnaud Dudek: „Strand am Nordpol“

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Eine Landschaft, die nicht stimmig ist, fast schon fantastisch wirkt, aber einen Hauch von Hoffnung beinhaltet. Sollte es einen Strand am Nordpol tatsächlich geben, dann ist wohl alles möglich.

Arnaud Dudek schreibt in einem leichten, verspielten Ton und ist ein ganz genauer Beobachter. Der erfolgreiche französische Schriftsteller wurde mit diesem Roman erstmalig ins Deutsche übersetzt.

Am Anfang lernen wir Pierre Lacaze, einen Autor und Zeichner von Graphic-Novels, kennen. Er erhält einen Anruf der eigentlichen Heldin des Romans: Françoise Vitelli. Sie hat eine Digitalkamera gefunden und mit familiärer Hilfe konnte Françoise die Bilder sichten. Da sie Buchhändlerin war, kann sie schnell anhand der gemachten Bilder den Bezug zu Pierre herstellen, der auf einem Foto neben seinen Werken posiert. Françoise möchte die Kamera zurückgeben, aber diese gehört nicht Pierre, sondern Jean-Claude Stillmann, einem Freund. Während einer missglückten Signierstunde in einer Buchhandlung sind die meisten Fotos entstanden, die sich Françoise angesehen hatte.

So lernen sich die einsame, ältere Françoise und der dreißig Jahre jüngere Jean-Claude durch puren Zufall kennen. Stück für Stück schmilzt das Eis zwischen dem ungleichen Paar und durch die gemeinsamen Gespräche bei einem Gläschen Port wirkt sich Françoise Lebenslust positiv auf Jean-Claude aus. Er gewinnt langsam sein Selbstbewusstsein zurück. Er ist arbeitslos und geschieden und möchte sich bei Françoise revanchieren. Er bringt ihr den Umgang mit den neuen Medien bei. Sie kaufen ihr einen Computer und erst langsam dämmert es Jean-Claude, dass die ältere Dame das Internet lediglich für den Besuch auf Flirtseiten nutzen möchte. Sie ist seit zehn Jahren Witwe und ihr verstorbener Mann, Alfonso, hätte es nicht ertragen, sie alleine zu sehen. Sie möchte nicht auf Kreuzfahrten oder geladenen Tanztees verstauben, sondern erhofft sich frischen Wind durch das Internet.

Françoise meldet sich in Foren unter dem Namen Bonnie an. Denn langsam schauen wir Leser auch in ihre Vergangenheit zurück. Alfonso, der durch sie etwas gezähmter war, hat dennoch als Gangster-Opa Geschichte gemacht. Angelehnt an Gary Cooper entpuppt er sich als Gentleman-Verbrecher. Sein Abgang war eher ein missglückter und lange hat Françoise daran zu arbeiten und benötigt ihre Zeit, um das zu verkraften.

Ferner wird der Roman belebt durch die tollen Nebenfiguren. Unter anderem Fanny, die Exfreundin von Jean-Claude, sowie Christiane und Jacques, die Freunde von Françoise.

Françoises Lebenslust überträgt sich sowohl auf den Träumer, der gerne jegliche Zeit anhalten würde, sowie auf uns, die Leser. Ein kurzweiliger, kraftvoller Roman, der aus dem Unscheinbaren glanzvolle, humorvolle und tiefgründige Momente zaubert.

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Candy Bukowski: „Wir waren keine Helden“

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In diesem Buch findet man sich wieder, staunt und wird mitgerissen. Es ist nichts Neues und dennoch anders und man wird immer mehr erinnert und stellt eigene biographische Fragen. Ein Roman als Selbstfindungstrip und die Handlung einer Heranwachsenden sind in der Fülle an Debutromanen nichts Neues. Dennoch versteht es Candy Bukowski, durch ihrer schonungslose und ehrliche  Herangehensweise den Leser an sich zu binden. Die Ehrlichkeit wird untermauert durch die Alltagssprache, die als Stilmittel eingesetzt wird und dadurch einfach formulierten Tiefgang anbietet.

Die Handlung spannt den Bogen von 1982 bis 2015. Es ist ein autobiografischer Roman und so lernen wir die Autorin als Sugar kennen, die uns durch ihr Leben schleift. Wir werden ein stiller Begleiter ihres Weges, der geprägt ist von Musik und der Welt der Bücher. Sie ist gelernte Buchhändlerin und war als Verlagsvertreterin tätig. Jedes Kapitel beginnt mit einem Songtitel. Da die Geschichte chronologisch erzählt wird, reist man durch die Musikgeschichte beginnend in den 80ern bis heute.

Candy Bukowski wurde 1967 geboren und wuchs auf dem Land auf. Sie beginnt ihre Rückschau als sie 15 Jahre alt war. Die Dorfattraktion war die „Ranch am Ende der Welt“, eine heruntergekommen Dorfkneipe, in der sich die Landjugend traf. Mit sechzehn materialisiert sich für Candy mitten im Dorf ihr erster Kontakt mit der Freiheit. Der Punker Pete erscheint ihr als Bote des Himmels mitten in der Nichtigkeit. Es entsteht eine Freundschaft, die ein ganzes Leben halten wird. Pete ist auch kein Punk, der die Attitüde lebt: „mach kaputt was dich kaputt macht“, sondern eher das Leben zelebriert und Candy anregt, sich stets des Jetzt bewusst zu sein. Er lehrt sie immer fair zu sein, sich selbst und andere zu achten. Bevor Candy aber diese Lebensweise gänzlich annehmen kann und im Hier und Jetzt ankommt, wird es für sie ein längerer Weg werden. Viele Freundschaften und Partner kreuzen ihren Weg. Sie zieht raus aus dem Dörflichen in die großen Städte, Frankfurt und Hamburg. Sie ertastet sich ihren Weg, der nicht gradlinig verläuft und scheitert öfters und muss sogar am Ende ums Überleben ringen. Jetzt blickt sie als Erwachsene zurück und lässt uns teilhaben an ihren Entscheidungen, Lebensfragen und Misserfolgen. Ihre Wegbegleiter bleiben teilweise etwas farblos, dies spiegelt aber die Verweildauer der jeweiligen Menschen in ihrem Leben. Wir begegnen klischeehaften Dorfprolls, untypischen Punks, schusseligen Buchhändlern und lebensweisen Buchhändlerinnen. Auch die Ehe wird von ihr gekostet und das Resultat ist ihre Tochter.

Die Etappen sind durch den untermalten Soundtrack stets eine kleine Reise in die eigenen Erinnerungen. Man findet sehr viel Gemeinsamkeiten und Anregungen, die mich positiv überrascht haben. Die Liebe zur Musik, zur Literatur und Reiki. Eine starke Frau, die durch dieses Buch in das Leben des Lesers knallt und dennoch erkennt, dass sie fünfundvierzig Jahre erlebt hat und viele Wegbegleiter hatte, aber sollte es schwierig im Leben werden, nur eine Minderheit daraus ihr zur Seite steht. Meistens stehen wir vor Entscheidungen und ganz selten gibt es Momente, in denen tatsächlich nur eine Richtung existiert. Doch gleich dem italienischen Hengst, rennt Candy immer wieder, zumindest im Kopf, die Treppe nach oben und streckt hüpfend die Faust in die Luft. Im Hintergrund läuft natürlich „Eye of the Tiger“…

Ein Roman, der mich überrascht und unterhalten hat. Der Name Bukowski ist hier Programm, auch wenn es ab und zu etwas süßlicher als bei ihrem Namensvetter zugeht. Der Satzblock ist nur anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig, denn die Absätze sind stets durch eine ganze Leerzeile getrennt. Dadurch wird aber der Lesefluss mit der voranschreitenden Geschichte immer zügiger. Dies ist ein grundehrlicher Debutroman, der mit grober, wilder Sprache, das innere der Autorin freilegt und uns Leser zum Grübeln und Schmunzeln anregt.

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Reinhard Kaiser-Mühlecke: „Fremde Seele, dunkler Wald“

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Ein stiller Roman, in dem das Tragische sich fast wie nebenbei einwebt. Es ist die Geschichte zweier Bauernsöhne aus Österreich, die auf den ersten Blick unterschiedlich erscheinen, aber sich doch in vielen Charaktereigenschaften und Wesenszügen ähneln.  Beide, unterschiedlich alt, sind dennoch jung und wollen sich vom Hof der Familie abnabeln. Als junger Mensch möchten sie etwas anderes machen, nur was? Sie möchten weg, nur wohin?

Es wirkt, als würden die Charaktere immer sichtbarer, und durch die kunstvolle, aber dosierte Sprache und Emotion, baut sich langsam jener dunkle Wald auf mit den fremden Seelen. Der Titel ist dem Zitat von Iwan Turgenjew entnommen: „Du weißt ja, eine fremde Seele ist wie ein dunkler Wald.“ So sind auch die Protagonisten sich gegenseitig fremd, obwohl es familiäre Bindungen gibt.

Die Geschichte springt hauptsächlich zwischen den beiden Brüdern Alexander und Jakob hin und her. Sie sind beide auf einem Bauernhof in Österreich groß geworden. Alexander, der ältere, suchte anfänglich seinen Seelenhalt in der Religion. Er ging auf eine Klosterschule, legte dann aber doch den Wunsch Priester zu werden beiseite und ging zur Armee. Er ist nun mit seiner Truppe im Auslandseinsatz im Kosovo und kehrt selten nach Hause zurück. Jakob als jüngstes Familienmitglied erledigt still die Arbeiten auf dem Hof. Er ist geschickt im Handwerk und in der Landwirtschaft. Doch erwirtschaftet der Hof schon länger viel zu wenig. Die Großeltern, die ebenfalls auf dem Hof leben, scheinen vermögend zu sein, wollen aber nicht mehr investieren. Es ist ein Mehrgenerationenhaushalt, in dem eher geschwiegen wird und alle leben zusammen aber nicht miteinander. Es ist eine notwendige Zweckgemeinschaft, in der jeder für sich wie ein einzelner, verlassener Baum in einem schattigen Wald steht. Der Vater verrennt sich in seinen dubiosen Geschäftsideen und verliert mehr Geld, als dass er einen finanziellen Beitrag für die Familie erbringt. Im Gegenteil, Stück für Stück verkauft er das Land und am Ende sogar die Tiere.

Alexander und Jakob suchen beide für sich eine Befreiung aus dieser familiären Beklemmung. Alexander fühlt sich vorerst in der Ferne als Soldat wohl. Bis er auch dies in Frage stellen muss und eine Versetzung beantragt, die wie erwartet abgelehnt wird. Alexanders erste Liebe war ein Mädchen, die nun als erwachsene Frau eine religiöse Gruppe gegründet hat, über die in der Ortschaft sehr viel geredet wird. In Alexander keimt die Sehnsucht nach Liebe und Verbundenheit. Diese findet er später, als er bereits im Ministerium in Wien tätig ist, in der Frau seines Vorgesetzten. Alexander und Jakob werden gelebt ohne selbstbestimmt zu leben. Jakob, der ein Mädchen schwängert, die er eigentlich nicht ausstehen kann, zieht mit dieser aus Pflichtgefühl zusammen. Bei den Beziehungen der Brüder schlägt erneut das Schicksal neue Möglichkeiten für die Beteiligten vor.

Die Geschichte wird nicht überladen erzählt, eher im Gegenteil schleichen sich die Handlungsfäden und Schicksalswendungen wie nebenbei in die Sätze und Handlung ein. Der Selbstmord eines Freundes von Jakob weckt in ihm tiefe Schuldgefühle. Ferner gibt es einen brutalen Mord in der Umgebung. Der Mörder ist schnell gefasst und geständig, doch hat dieser Fall anscheinend auch etwas mit der Vergangenheit der Brüder zu tun. Der Auslöser für den Mord scheint aus der religiösen Verbindung zu kommen. Als der Großvater stirbt, hoffen alle auf ihren Anteil am Erbe und die Blicke richten sich auf die Großmutter.

Es ist die Geschichte von Menschen, die lieblos erscheinen und doch Anerkennung und Liebe suchen. Die Figuren wirken kühl und vom Leben distanziert und resigniert. Doch je tiefer man in den Text eintaucht, sprudelt die Verzweiflung, die Suche nach dem Sinn des Ganzen aus den Brüdern und hinterlässt beim Leser ein Gefühl der Beklemmung und Bereicherung. Gerade am Ende des Textes schlägt man das Buch zu, reflektiert das Gelesene und verweilt ein Stück in der Hoffnung, alles richtig mitbekommen zu haben.  Das einfache Landleben wird aufgebrochen durch den Versuch zu entkommen und das gewöhnliche Miteinander und die einschleichende Gewalt bekommen durch die Sprache des Romans denselben Stellenwert. Die Charaktere sind durch das Land und Sehnsüchte verbunden und ähneln sich, wobei sie auf den ersten Blick so unterschiedlich wirken. Es sind alle getrieben von der Suche nach Heimat. Der Weg der Entfremdung zur Einigkeit in der Gemeinschaft, in der Religion und in der Liebe.

Ein intensiver Leseschatz, der nominiert ist für den österreichischen Buchpreis und auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht.

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Alessandro Baricco: „Smith & Wesson“

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Ein kleines Buch voller Schmerz, Verzweiflung und Humor. Es ist eine Dramanovelle, die eine abenteuerliche Geschichte vor naturgewaltiger Kulisse erzählt. Die drei Menschen, die sich nicht per Zufall treffen, sind Gestrandete, Verfolgte und Habenichtse, die viele wahnwitzige Ideen haben. Man könnte meinen, diese Charaktere sind der großartigen Serie „Deadwood“ entsprungen. Die Kulisse für das kurze Theaterstück sind die Niagarafälle.

Die Handlung spielt 1902 unweit der Niagarafälle. In einer Baracke liegt Wesson und unterzieht sich gerade einer Bohnen-Diät. Es klopft an der Tür und Smith betritt die Szenerie. Beide haben mit der Waffenfabrik nur die Nachnamen gemein. Ihre Vornamen sind zukünftig nicht minder berühmt: Tom und Jerry. Beide lernen sich kennen, da Smith, der sich als Meteorologe ausgibt, auf der Suche nach Wetterbeobachtungen ist. Anhand der Erinnerung seiner Gesprächspartner erstellt er Listen über das Wetter vergangener Tage. Anhand dieser will er dann statistisch das Wetter vorhersagen. Ob er aber zu Lebzeiten jemals genügend Daten sammeln kann, ist mehr als fraglich, für ihn aber nebensächlich. Wesson ist ein Kenner des Flusses und der Niagarafälle. Keiner kennt die Strömung und den Lauf besser als er, denn er ist wie bereits sein Vater ein „Fischer“. Er fischt jene Menschen aus dem Wasser, die sich in den Tod gestürzt haben. Sein Vater hat noch die Lebenden retten können, er begnügt sich mit den Toten.

Rachel, als dritte Figur, träumt von einem Leben als Journalistin. Sie hat sogar die Chance bekommen innerhalb weniger Tage eine Story zu schreiben, die Schlagzeile machen soll und die gut genug für die erste Seite ist. Doch worüber lohnt es sich zu schreiben? Sie hat eine wahnwitzige Idee und sucht Smith und Wesson auf. In beiden sieht sie einen guten Erfinder und jemanden, der ausreichend Kenntnisse des Flusses hat und ein „Fischer“ ist. Sie will vor zahlendem Publikum in einem Fass die Niagarafälle runterschwimmen. Ob die drei aus dieser Geschichte als Helden hervorgehen, soll noch nicht verraten werden. Das Büchlein hat irgendwie seinen Charme und lebt gerade durch die burschikosen Figuren.

Ein kleiner, verrückter Text, der im wahrsten Sinne ein großes Fass aufmacht und mit Witz und Charme zu unterhalten weiß. Erschreckend ist, dass es sie wirklich gab, jene Frau, Anna Edson Taylor, die eine Befahrung der Niagarafälle in einem Fass überlebt hat, aber von einer Nachahmung dringend abgeraten hat. Auch der Plan unserer Helden geht nicht wirklich auf und die beiden Herren nähern sich in Mexiko letztendlich irgendwie doch den Waffenherstellern.

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John Williams: „Augustus“

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Auch ein Kaiser ist nur ein Mensch und muss erkennen, dass er am Ende allein sowie getrennt von allen anderen ist.

John Williams hat einen Briefroman geschrieben, der sich auf mehreren Ebenen lesen lässt. Das Werk ist ein Sammelsurium aus fast ausschließlich fiktiven Briefen, Notizen, Beschlüssen und Befehlen, die sich alle mit dem Leben des ersten römischen Kaisers Augustus beschäftigen. Das Werk ist ein historischer Roman und in Bezug auf die anderen Bücher von Williams scheint dieser, sein dritter Roman, entfernt zu sein von seinen eigentlich amerikanischen Themen. In „Stoner“ ist es das Leben eines Assistenzprofessors, der aus einfachen Verhältnissen kommt und sein Zuhause in der Universität findet. „Butcher´s Crossing“ handelt von einem gebildeten, jungen Menschen aus Boston, der seine Zuflucht in der Wildnis des amerikanischen Westen sucht. John Williams hatte nur vier Romane geschrieben und hatte zu Lebzeiten lediglich mit „Augustus“ Erfolg. „Augustus“ reiht sich sehr gut ein in das Gesamtwerk des Autors. Es ist die Karriere, der Lebensweg eines Mannes, der sich an die Spitze kämpft. Ein Mann, der die römische Welt und die Weltgeschichte geprägt hat. Aber dennoch bleibt dieser Alleinherrscher im Roman ein einfacher Mensch und am Ende schaut er selbst auf sein Leben zurück und kommt erstmalig selbst zu Wort. John Williams hat sich wohl einige Freiheiten genommen und betont auch, dass sein Buch über den Menschen, der einer ganzen Epoche seinen Namen gab, lediglich als ein literarisches Werk gesehen und gelesen werden sollte. Wir erlesen geschichtliche Dokumente, die fast alle der Phantasie des Autors entstammen. Die Verfasser dieser Schreiben sind, bis auf wenige Ausnahmen, tatsächliche historische Persönlichkeiten. Diese Schreiben setzen ein Puzzle, ein Mosaik zusammen und wir erleben in zwei angelegten Teilen im Buch den Aufstieg des Augustus und im zweiten Abschnitt die Folgen seines Erfolges. Richtet sich der Blick im ersten Teil auf die äußere Welt, so ist die Ansicht im zweiten Teil eher eine innere. Erst am Ende des Textes kommt Augustus selbst zu Wort und schildert seine Sicht und man erkennt, dass nicht alles, was man ihn ihm sah, gänzlich seine Sicht war oder wie er tatsächlich den Schmerz über den Verlust seines „Vaters“ wahrnahm.

Am Anfang schreibt Julius Cäsar an Atia, die Mutter von Gaius Octavius. Julius Cäsar plant den Lebenslauf seines Adoptivsohnes und sein Schreiben lässt keine Widerrede zu. Julius Cäsar, der das römische Reich ausweitete, adoptiert seinen Großneffen Octavius und erklärt ihn zu seinem Erben. Nach der Ermordung Cäsars ist die ganze Welt in Aufruhr. Das Testament, das Octavius als Nachfolger einsetzt, wird von vielen angezweifelt. Octavius ist neunzehn, wirkt schwächlich, sensibel und möchte ein Gelehrter werden. Seine Mutter bittet ihn, das Erbe nicht anzutreten. Um Octavius, der sich fortan Gaius Octavius Cäsar nennt, entsteht ein Spiel um die Macht. Verrat, Missgunst und Intrigen stehen der Loyalität und Freundschaft gegenüber. Octavius hat getreue Weggefährten aber auch viele Neider und Gegenspieler. Besonders jene, die im Bund mit den Mördern von Julius Cäsar stehen. Er schwört Rache für den Mord an Julius Cäsar und es kommt zu einem Bürgerkrieg. Römer kämpfen gegen Römer bis die Feinde immer weniger und vernichtet werden. Brutus, der vorerst geflohen war, dann aber ein Heer aufstellte, das jedoch geschlagen wurde, stürzt sich daraufhin in sein eigenes Schwert. Auch Marcus Antonius (Marc Anton) stellt sich letztendlich gegen Octavius. Antonius war ein Verbündeter Cäsars und nach dessen Ermordung bemühte er sich um Aussöhnung mit den Mördern, schlug sich dann aber auf die Seiten von Octavius. Antonius geht ein Bündnis mit der letzten Pharaonin, Cleopatra, ein und heiratet diese auch. Als Rom Ägypten den Krieg erklärt, kommt es zu einer Schlacht vor Griechenland und die ägyptische Flotte wird besiegt. Marcus Antonius und Cleopatra nehmen sich daraufhin das Leben. Nach diesem Sieg erhält Octavius den Ehrennamen Augustus. So verfolgen wir als Leser Octavius Werdegang zu Augustus, einem klugen, kämpferischen Herrscher, der aber auch als Förderer der Kunst gilt. So kommen auch Philosophen und Dichter neben den Freunden und Staatsmännern zu Wort. Es schreiben u.a. Marc Anton, Marcus Agrippa, Horaz, Marcus Tullus Cicero und Ovid. Im zweiten Teil gesellt sich unter anderem Augustus Tochter Julia hinzu und es werden die Folgen seines Erfolges beleuchtet: Macht und Schicksal.

Durch den Stil, die Geschichte durch Dokumente zu erzählen, hat man als Leser das Gefühl, eintauchen zu können in die antike römische Welt. Man nimmt Teil am Aufbau des Imperiums um Augustus und den römischen Frieden. Die Handlung ist als Roman zu verstehen, doch hat John Williams anscheinend sehr gut recherchiert. Die Sprache ist der damaligen Zeit entsprechend und dem jeweiligen Verfasser und deren jeweiligen Dokument angepasst. Bei der Übersetzung haben sich ab und zu Wörter eingeschlichen, die nur anfänglich störend auf mich wirkten, denn es sind meist Vokabeln aus dem Französischen, also Bezüge zu Begrifflichkeiten, die nach Augustus-Zeiten entstanden sind.

Mit diesem Buch beschäftigt man sich lange und sehr gerne. Im Anhang befinden sich eine Zeittafel und ein Überblick über alle wichtigen Figuren des antiken Rom. Durch diese Übersicht kommt man sehr schnell in einen Lesefluss und liest gebannt die Berichte der jeweiligen Protagonisten. Der Roman wurde 1973 mit dem National Book Award ausgezeichnet und trotz des historischen Hintergrundes ist der Inhalt sehr aktuell und man geht aus dieser Geschichte mit vielen neuen Eindrücken und Wissen hervor.

Für mich ist das Buch ein meisterhafter Leseschatz.

Auch das Hörbuch ist lohnenswert und sehr aufwendig umgesetzt. Die Lesung ist ungekürzt und sobald man in den Inhalt reingefunden hat und den Stimmen folgen kann, lauscht man dieser inszenierten Lesung unglaublich gerne. Die CD ist für mich neben dem Buch eine Bereicherung. Zu hören sind u.a. Christian Redl, Hanns Zischler, Jens Wawrczeck, Corinna Kirchhoff, Ulrich Noethen, Felix von Manteuffel.

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blogtour-teaser_augustus_gross

Ich wurde vom DTV-Verlag zu einer Blogtour eingeladen.

Die Blogtour:

Sabine Bovenkerk-Müller: Schreiblust Leselust Vergleich von Buch und Hörbuch

Nadine Schomakers: lovelybooks Die Übersetzung und Informationen zu Übersetzer Bernhard Robben

Julia GroßZimttraeumereien Die Frauen in ›Augustus‹

Hauke Harder: Leseschatz  Leseeindruck

Arndt Stroscher: AstroLibrium Interview mit Patricia Reimann (John Williams-Entdeckerin und Cheflektorin Literatur bei dtv)

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Tor Even Svanes: „Ins Westeis“

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Dieser Leseschatz ist schrecklich gut. Ein knapper Roman über die Gewalt von uns Menschen gegenüber den Tieren und uns selbst. Die industrielle Jagd nach Tierprodukten setzt Abgestumpftheit und Arroganz gegenüber der Tierwelt voraus. Menschen, die sich, um es erneut mit Goethes Mephisto zu sagen, tierischer als jedes Tier benehmen. Die Handlung spielt auf einem Robbenfangschiff, das um Grönland auf die Jagd geht. Mit am Bord ist eine Tierärztin zur Kontrolle der Einhaltung der Fangvorschriften. Das Eis und das Schiff werden für sie ein Gefängnis aus Missgunst, Gier und Gewalt.

Die Protagonistin, Mari, schreibt einen Bericht über ihre Fahrt mit dem Robbenfangschiff. Denn sie hat Klage eingereicht und soll und möchte nun alles dokumentieren. Doch hat sie Probleme mit der Chronologie des Geschehenen und springt etwas in ihren Gedanken. Sie steht unter Schock und leidet unter einem traumatischen Stresssymptom.

In Tromsø, ganz im Norden von Norwegen, besteigt Mari das Schiff. Sie ist von der Fischereiaufsicht als Kontrolleurin auf dem Robbenfangschiff eingesetzt worden. Die kleine Mannschaft zeigt sich von ihrer Anwesenheit wenig begeistert. Der Kapitän ist vorerst wortkarg und empfängt sie distanziert. Ihre Koje ist klein und das Leben auf dem Schiff scheint nur mit dem Nötigsten ausgestattet zu sein. Es sind zwei Dinge, die der Mannschaft nicht zu gefallen scheinen: die Kontrolle sowie die Anwesenheit einer jungen Frau, die die Männer zu beobachten hat. Die Beklemmung wächst und beginnt beim Duschen. Ihre Kleidung, die sie sich hingelegt hatte, wurde weggeräumt. So hat sie oft das Gefühl, jemanden oder allen auf dem Schiff ausgeliefert zu sein. Ab und zu sind es Stimmen vor ihrer Tür oder Zigarettenrauch, der direkt in ihrer Koje zu sein scheint. Hat sich jemand nachts Zugang verschaffen können?

Die Enge und die Beklemmung werden immer schlimmer. Als sie die Eiswüste von Grönland erreichen beginnt die Jagd und die Männer, besonders die Schützen leben ihre niederen Instinkte und Blutgier aus. Mari wird Zeuge von brutalen und herzlosen Morden an Jung- und Alttieren. Sie meldet dies dem Kapitän, der aber hinter seinen Männern steht und auch der Reederei Erfolg zu melden hat. Er duldet die skrupellosen Tötungsmethoden und sagt auch seinen Männern Bescheid, dass Mari diese Missstände melden will. Die Ablehnung der Mannschaft schlägt um in Psychoterror. Auch auf der Jagd werden die Methoden der Männer immer brutaler, um Mari oder sich selbst etwas zu beweisen. Durch einen unerklärlichen Unfall ist der Sendemast defekt und es besteht keine Telefon- oder Internetverbindung. Als die dänische Schiffskontrolle an Bord kommt, kann Mari die Brücke alleine aufsuchen und funkt auf öffentlichen Kanälen und meint, durch die Anwesenheit der Dänen in Sicherheit zu sein. Doch ihre Hoffnung stirbt sehr schnell und sie sieht nur noch einen Ausweg…

Der Roman ist in kurze Abschnitte gefasst, die aus Maris Perspektive geschrieben sind. Langsam breiten sich die Enge und das Grauen aus und man wird als Leser mitgenommen in diesen Psychoterror an Bord und auf dem Eis. Einzelne Elemente der Jagdbeschreibungen stammen aus existierenden Berichten von Inspektoren. Dennoch bleibt der Roman und die Menschen und was sie sich gegenseitig antun ein Konstrukt der Phantasie des Autors. Ein grausames, aber gutes und sehr spannendes Buch. Es sollte übertragen werden auf alle Massentötungen der Fleischindustrie und somit Pflichtlektüre aller Karnivoren werden.

Das Buch hat mich erschüttert und auch in meiner Ansicht bestärken können. Es regt an, sich über unser Verhalten gegenüber anderen Lebewesen und Menschen Gedanken zu machen. Eine alptraumhafte Reise zu den Machtspielen der Menschen und über die Verletzbarkeit des Lebens und der Natur.

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Siehe auch die Besprechungen auf: Zeichen & Zeiten und Bücherwurmloch

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Jack London: „Mord auf Bestellung“

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Dieser Leseschatz ist eine Neuübersetzung und somit ist einer der ersten Agententhriller in der Literatur uns Lesern wieder zugänglich gemacht worden.

Man kann sich fragen, ob man diesen Thriller so sehr mochte, weil er von Jack London geschrieben wurde oder würde diese verrückte Geschichte auch losgelöst von ihm funktionieren? Hat der Roman mich begeistern können, weil er vom Verfasser der unvergessenen Werke: „Goldrausch in Alaska, „Der Seewolf“, „Ruf der Wildnis“ oder „Wolfsblut“ geschrieben wurde? Zuletzt ist „Die Reise mit der Snark“ in der Buchreihe „Klassische Schönheiten“ (mare) erschienen. Es ist also Zeit sich erneut mit Jack London zu beschäftigen. Die jetzige Ausgabe (Manesse) des Agententhrillers „Mord auf Bestellung“ ist lohnenswert und kann gänzlich durch die Neuübersetzung überzeugen.

Die Geschichte zum Buch ist ebenfalls spannend und wird in den Anhängen lesenswert porträtiert. Neben Joseph Conrads „Der Geheimagent“ ist dies einer der ersten Agententhriller der Weltliteratur. Doch hat sich London verrannt und er wusste nicht weiter. Er gab nach zwei Anläufen das Manuskript auf und erst Jahre später, nach seinem Tod, vollendete Robert L. Fish den Roman. London hatte die weitere Handlung skizziert, die ebenfalls im Anhang des Buches zu finden ist. Fish, der den Thriller beendet, hält sich aber nicht an diese Notizen. Der Übergang ist durch die Anhänge gut nachvollziehbar und der Stil verändert sich leicht.

Auch wenn man dies alles außen vor lässt, ist es ein literarischer und unterhaltsamer Thriller. Die ganze Handlung ist voller Witz, Moral und Wertevorstellungen. Der Irrsinn der Geschichte ist die Moral, d.h. die Philosophie des Handelnden, der durch seine Wertvorstellung selbst zum Opfer wird.

Ivan Dragomiloff leitet eine Attentatsagentur und seine Preise richten sich nach der gesellschaftlichen Stellung des Opfers. Er sieht sich als Ehrenmann und daher lautet seine Devise: Sie zahlen, wir morden und Diskretion ist garantiert. Doch prüft Ivan Dragomiloff vorher die Liquidation, denn die Tat muss sozial nützlich und in seinen Augen legitim, d.h. aus ethischer Sicht gerecht sein. Seine Agentur ist sehr gefragt und Ivan Dragomiloff organisiert ein Netzwerk qualifizierter Attentäter. Es sind in Kampfsport ausgebildete Männer, die gebildet sind und sich in der Freizeit mit Forschungen, Metaphysik und der Moral der Gesellschaft beschäftigen.

Der neue Auftrag sollte gut überdacht werden. Ein vermögender Philanthrop beauftragt die Agentur, ihren eigenen Chef zu eliminieren. Der Auftraggeber ist ein noch größerer Moralist als Ivan Dragomiloff und beide haben den Verdacht, dass die Attentatsagentur der sozialen Gesellschaft Schaden zufügt. Ivan Dragomiloff ist ein Ehrenmann und seiner eigenen Philosophie treu und nimmt daher den Auftrag an. Jetzt ist er der Gejagte seiner Attentäter.

Ein temporeicher Lesespaß mit charmantem Irrsinn und moralphilosophischen Anspielungen. Das Buch ist eine Entdeckung wert und besonders durch die eigene Entstehungsgeschichte ein Teil der Weltliteratur.

Siehe auch die Besprechung auf  AstroLibrium

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Ingvar Ambjørnsen: „Aus dem Feuer“

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Die erste Beschreibung, die nach Beenden des neuen Romans von Ingvar Ambjørnsen „Aus dem Feuer“ einfällt, ist üppig. Die Handlung ist zugespitzt auf den Literaturbetrieb und liest sich gleich dem inhaltlichen Bezug zum wohl nicht nur in Norwegen sehr gefragten Kriminalroman. Es ist ein Antiheld, der uns sarkastisch und unterhaltsam die Kriminalliteraturindustrie vorführt. Es geht nebenbei natürlich auch um Liebe, Schuld und Scham. Diese spannende Persiflage ist daher üppig, weil die Handlung etwas ausufert, ohne aber unglaubwürdig zu werden. Der Roman lebt von der Sprache und den Naturmetaphern. Ingvar Ambjørnsen beschreibt die Landschaft und die Naturszenen auf wunderbare Weise. Die Bilder manifestieren sich im Leser und können durch die Sprache fast sinnlich erfasst werden.

Der Titel „Aus dem Feuer“ ist wörtlich zu verstehen, denn der unsympathische Held verstrickt sich immer mehr und schafft es dennoch, immer wieder aus dem Feuer geholt zu werden. Wobei der Titel auf eine norwegische Redewendung zurückfällt: „Aus dem Feuer in die Bratpfanne“. Auf Deutsch würde man „Vom Regen in die Traufe“ sagen und dieses Sprichwort lässt sich auch gut auf den Protagonisten, den Autor Alexander Irgens, anwenden.

Wir lernen Alexander Irgens kennen, den sogenannten Krimikönig Norwegens. Er ist erfolgreich und lässt sich gerne feiern. Eigentlich träumt er davon, auch mal Belletristik zu schreiben und seine ersten Schreibübungen waren auch Novellen. Durch den Wegfall der Preisbindung und dem Kaufverhalten in Norwegen hat sich die Bücherwelt zum Negativen gewandelt. Die kleinen inhabergeführten Buchhandlungen gibt es so gut wie nicht mehr. Rezensionen und die Kulturseiten verschwinden in den Zeitungen und es findet eine Ballung an Buchhandelsketten und Verlagen statt, die sich hauptsächlich auf die Bestseller konzentrieren. Dies sind meist Kriminalromane von wohl nicht nur in Norwegen bekannten Autoren, die auch in dem vorliegenden Roman erwähnt werden. Da es nur noch wenige unabhängige Buchhandlungen gibt, führen die großen Verlage jeweils eigene Buchhandelsketten, um ihre eigenen Bestseller zu kredenzen. Diese werden von Alexander Irgens als „Kartelle“ bezeichnet. Für eine solche Kette und deren Buchhändlerinnen wurde Alexander für einen geselligen Krimiabend eingeladen. Vorher vergnügt er sich in der Natur, zum Leidwesen einer Ente, mit Vilde, seiner Geliebten. Ehebruch und Untreue sind Vokabeln unter seiner Würde. Er nimmt sich einfach dieses Recht, wie auch viele andere, ohne dabei an seine Ehefrau Ada zu denken, deren Mutter im Sterben liegt. In der egozentrischen Welt von Alexander ist für beide eigentlich nicht viel Platz, denn seine Bedürfnisse stehen für ihn stets an erster Stelle.

Nach dem ausführlichen Dinner, nebst kriminalistischem Rollenspiel mit den Buchhändlerinnen, treffen Alexander und Vilde in einer Bar auf einen MAT, den sogenannten Mann am Tisch. So nennt Alexander jene Menschen, die ihn in Bars oder Restaurants erkennen und um seine Aufmerksamkeit buhlen, egal ob er mit Begleitung oder ohne angetroffen wird. Dieser Mann, ein begeisterter Krimileser und Fan von Alexander, wird etwas zudringlicher. Daraufhin schlägt Vilde mit Alexanders Unterstützung diesen Mann krankenhausreif. Diese Tat überschattet nun das Kommende, denn die Medien und besonders die Klatschpresse interessieren sich ab sofort mehr für diesen Vorfall als für das kommende Werk des Autors. Es ist ein neuer Fall seines Protagonisten Stig Hammer, der erfolgreichste Krimiheld Norwegens. Der Erfolg seiner Krimireihe hat Alexander verändert. Er ist von sich sehr überzeugt und sein Ruhm und der Erfolg sind ihm zu Kopf gestiegen. Der Erfolg seines neuen Krimis scheint auch trotz der negativen Presse vorprogrammiert zu sein, oder gerade wegen der Schlagzeilen. Dennoch zieht sich Alexander zurück. Er flieht vor dem Rummel und folgt der Einladung zu einem Literaturfest in Island. Er geht weiter nach Deutschland, um der Presse zu entkommen und verschwindet vorerst auch einfach aus dem Leben von Vilde und Ada. Aber erst in Norwegen kann er wirklich bei sich ankommen und es kommt zu einem überraschenden Ende, in dem Alexander vorerst aus dem Feuer gerettet wird und auch sein Ego endlich etwas büßen darf…

Ein Hauptprotagonist, der nicht sehr sympathisch ist, der aber dennoch zu fesseln versteht. Eine unterhaltsame Satire auf die Literatur, d.h. Krimiwelt. Am beeindruckendsten sind die Naturschilderungen von Ingvar Ambjørnsen. Ein humorvoller Roman, der geschaffen ist für Lesebegeisterte und Buchliebhaber. Ein ernster Roman, der anregen kann und durch seine gekonnte Sprache und spannende Geschichte für kluge und gute Unterhaltung sorgt.

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Matthias Brandt: „Raumpatrouille“

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Diese autobiographischen Geschichten von Matthias Brandt stehen alle für sich, aber ergeben, wenn man das Buch chronologisch und im Ganzen gelesen hat, die Fülle eines ganzen Romans.  Es sind literarische Reisen in die eigene Kindheit, die jeweils dazu einladen in den Kosmos des jetzigen Schauspielers Matthias Brandt einzutauchen. Der rote Faden ist das Aufwachsen in den siebziger Jahren in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Seine Kindheit ist geprägt durch die Arbeit seines Vaters, der gerade Bundeskanzler ist.

Die erste Geschichte beginnt mit dem Satz: „Keiner da.“ In dieser Erzählung lernen wir Matthias Brandt kennen, der als Siebenjähriger seine kleine Freiheit sucht. Er streunert gerne mit seinem Hund durch das großzügige Grundstück und versucht ab und zu den Blicken der Wachhabenden, die das Anwesen und deren Bewohner schützen, zu entkommen. Er versteht sich eigentlich sehr gut mit dem Personal des Sicherheitsschutzes. Gerne sucht er diese auch auf und lauscht mit diesen Radiokonzertmitschnitte von James Last. Aufgenommen auf den gerade erfundenen Kassetten. Durch den Beruf des Vaters und das Leben mit Personal, empfindet er sich selbst wie ein Astronaut. Er fremdelt und fühlt sich isoliert. Die letzte Geschichte schließt den Bogen mit dem Vater, der sich Zeit für Matthias nimmt und vorliest.

Die reduzierte Sprache und die bescheidene Sicht auf das junge Ego des Autors macht dieses Buch und seinen Verfasser unglaublich sympathisch und man folgt ihm gern auf seinen kleinen Reisen in seine Vergangenheit. Das Bild des Astronauten wird auch in einer Geschichte real, in der er die von seiner Mutter mitgegebenen 20 Mark, eigentlich gedacht für Schulbücher, in dem Spielzeugladen für einen Astronautenanzug ausgibt. Die erste Mondlandung und die Serie „Bezaubernde Jeannie“ haben in ihm den Wunsch geweckt, einer dieser Helden zu sein. Seine Kindheit ist, trotz der Bekanntheit seiner Familie, eine bescheidene und stille. Er macht sich Gedanken über die Realität. Er hadert mit sich, weil er traurig und wütend ist als sein Hund verstirbt, aber er nicht wirklich um diesen trauert. Auch ist seine Reise in die Kindheit mit einer echten Reise nach Oslo verbunden. Durch diese Schiffsreise wird auch noch eine kleine Stippvisite in Kiel erwähnt.

Matthias Brandt möchte durch seine Berühmtheit keine Sonderbehandlungen und steht ungern im Mittelpunkt. Er trinkt Kakao mit dem ehemaligen Bundespräsidenten und Fußball wird seine große unerwartete Liebe, denn sein Spiel schadet eher seiner Mannschaft. Viele Ausflüge mit der Familie werden inszeniert wie zum Beispiel der Ausflug zum Jahrmarkt, auf den er sich freute, der dann aber doch mehr zu einer Medienshow verkommt. Ihm fehlt der unbeschwerte Spaß. Er wird mitgenommen zu einer Radtour mit einem ungeliebten Kollegen seines Vaters. Damit die Herren sich beim Radeln näher kommen können. Doch wird auch dieser Ausflug eher zu einem Fahrrad-Zirkus.

Der junge Matthias Brandt sucht eine Gemeinschaft durch ein Hobby. Durch den Postboten angeregt, interessiert er sich kurzzeitig fürs Briefmarkensammeln. In der Schule findet er Anerkennung in einem Außenseiter, den er anfänglich zum Selbstschutz mit gequält hatte. Er lernt den Unterschied zwischen erwachsenen und kindlichen Gedanken. Sein Traum, Zauberer zu werden, verdampft im wahrsten Sinne des Wortes. Sein Misslingen war im Nachhinein wichtiger als die eigentliche Absicht. Er sehnt sich nach einer normalen Familie und findet diese bei seinem Freund. Das erste Übernachten bei diesem zeigt eine vom Vater belächelte andere Welt, in der das Abendprogramm von Wim Thoelke gefüllt wird. Nachts hat er Heimweh und dadurch wird ihm bewusst, wo er wirklich sein möchte und sein Alleinsein ist keine Einsamkeit.

Das Buch ist für mich ein Highlight. Es ist das Debut eines Schauspielers, der es versteht mit Sprache umzugehen und mit dieser zu spielen. Seine Geschichten voller Erinnerungen werden zu eigenen und man reist mit dem Autor gerne zurück in eine Fürst-Pückler-Eis-Welt, die mit dem Song „Popcorn“ beschallt wird.

Dieser Leseschatz ist besonders, denn die enthaltenen Geschichten sind auch Teil eines Projektes des Musikers Jens Thomas, dem Bühnenpartner von Matthias Brand. Viele der Erzählungen sind auf der CD „Memory Boy“ vertont. Das Buch und die CD entstanden parallel und in Zusammenarbeit, d.h. im Austausch. Buch und CD sind für mich eine Bereicherung. Durch viele Songs reist man in den Text zurück und durch den gelesenen Text bekommen die Songs eine Tiefe, die man immer wieder gerne hört.

Ein Leseschatz mit eigenem Soundtrack. Ein Buch voller literarischer Erinnerungen. Mit Herzblut, Humor und Ehrlichkeit geschrieben. Danke Major Tom!

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