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Zoë Beck: „Die Lieferantin“

Zoe Beck Die Lieferantin Suhrkamp
Auf dem Bild ist nur Zucker!

Alles nur noch per Klick bestellen, schnell, bequem und einfach. Der Drogenverkauf wird von der Straße verdrängt und bekommt wie alle Händler starke Konkurrenz aus dem Internet. Der Roman spielt in der nahen Zukunft in London und man klebt als Leser förmlich an den Seiten. Wenn Drogen, dann bitte solche Bücher, wie dieses. Doch ist der Roman keine Flucht vor der Realität, sondern schildert eine solche mögliche, die einhergeht mit den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen Englands nach dem Brexit.

Eine Gemeinschaft von Schulfreunden aus einem Stadtteil bildet den Kern dieser spannenden Geschichte. Leigh hat den Pub von seinen Eltern übernommen und ihn der Veränderung des Umfelds angepasst. Die Bewohner des damaligen Arbeiterviertels verlangen nach besserem, gehobenen Essen, das dennoch das Bodenständige verspricht. So konnte er Stück für Stück ein gefragtes Restaurant aufbauen. Doch nagt in ihm eine Geschichte aus der Vergangenheit. Ein sehr guter Freund, der mal seine Hilfe benötigt hatte, kommt durch Drogen ums Leben. Doch hat Leigh noch Kontakt zu dessen Schwester, Elliot Johnson, die zum Glück nichts mit Drogen zu tun hat…

Eines Tages bekommt Leigh Besuch von einem Schutzgelderpresser. Längere Zeit muss er dessen Forderungen Folge leisten, doch durch die wirtschaftliche Situation gerät seine Gastronomie in Schwierigkeiten und die erpresste Summe würde das Restaurant in die Pleite treiben. Leigh wehrt sich, greift zur Waffe und lässt die Leiche des Erpressers im Umbau der Küche verschwinden. Doch das Verschwinden des Schutzgelderpressers stößt den ersten Dominostein der kommenden Verkettungen an. Der Tote, der lediglich von seinen Bossen vermisst wird, war im Auftrag einer größeren Organisation unterwegs. Diese vermuten, da sie in seiner Wohnung viel Bargeld gefunden haben, dass er zur neuen, großen Konkurrenz übergelaufen sein könnte. Die Drogenmafia ist in jeweiligen Bezirken organisiert und die Grenzen sind genau ausgehandelt. Doch neuerdings gibt es einen neuen Mitspieler. Jemand, der sehr gute Qualität in geringer Auswahl in London ausliefert. Als Kunde im Darknet kann man sich den Stoff schnell per Drohne liefern lassen. Die erste Spur, die die Unterwelt aufnimmt, um den Verbleib des Schutzgelderpressers zu ermitteln, führt zu einem Drogenhändler im Hafen, der anscheinend alle aus der Unterwelt beliefert. Auch das neue Start-up mit den Drohnen war sein Kunde. Doch der Großhändler schweigt und überlebt das Verhör nicht. Jetzt gerät die ganze Unterwelt in Aufruhr, denn ein toter Drogenhändler, der in der Themse gefunden wird, sorgt für Unruhe. Hat er eventuell auch für die Polizei gearbeitet?

Das neue Netz, das Londons Kunden aus der Luft bedient, basiert auf Menschen, die nichts voneinander wissen sondern lediglich die Drohnen bepacken und starten lassen. Die Kunden bestellen mit einer App und mit letzter Bestätigung des Standorts und der Sichtbarkeit der Drohne, wird die Drogenlieferung fallen gelassen. Doch haben Drohnen noch mehr Technologien zu bieten. Unter anderen filmen sie jede Übergabe. Hinter dem Unternehmen steht Elliot Johnson, die sich einsetzen möchte für die Legalisation der Drogen. Jeder erwachsene Mensch solle ihrer Meinung nach frei mit seinem Körper und Geist machen dürfen, was immer ihm beliebt. Unterstützt wird sie von einer Anwältin, die von dem Unternehmen „Die Lieferantin“ ebenfalls profitiert. Doch alles spitzt sich zu, denn durch das Verschwinden des Erpressers und den Mord an der Themse fühlt sich nun jeder bedroht. Auch Elliot weiß, dass sie in höchster Gefahr schwebt, denn die Unterwelt möchte sie tot sehen…

In dem Roman, der in der verlängerten Gegenwart spielt, d.h. der Brexit ist vollzogen und England befindet sich im Umbruch, breiten sich Unruhen auf den Straßen aus. Rechtsdruck und Fremdenhass nehmen zu und mittendrin entflammt ein Kampf im Drogenmilieu. Doch die Gegner sind mächtig und lauern überall…

Zoë Beck ist Autorin, Übersetzerin, Synchonregisseurin für Film und Fernsehen. Neben ihrer schreibenden Tätigkeit ist sie auch Verlegerin und zählt zu den wichtigen Krimiautorinnen Deutschlands, die bereits mit vielen Preisen geehrt wurde. Ihr Interesse gilt stets den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und sie erhebt ihre Stimme gegen Ungerechtigkeit und Gewalt. Es lohnt sich, ihrer Stimme zu lauschen und sich durch ihre Romane großartig unterhalten zu lassen. „Die Lieferantin“ ist ein fesselnder, sehr klug unterhaltender Krimi, der zeigt, mit welchem guten Handwerk Zoë Beck es versteht, uns Leser sofort abzuholen und an das Buch zu fesseln.

Siehe auch:

Zoë Beck spricht über ihren Krimi »Die Lieferantin«

Der Drogendeal: »Anonym, sicher, perfekt organisiert.« Zoë Beck: »Die Lieferantin« (Buchtrailer)

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Simon Strauß: „Sieben Nächte“

Simon Strauss Sieben Nächte Blumenbar Aufbau

Ein Roman, der von einem jungen Mann handelt, der Angst hat. Angst plötzlich erwachsen zu werden, ohne etwas gemerkt zu haben. Der Erzähler, oder der Autor selbst, lebt in einer wohligen Gesellschaft und geht auf die 30 zu. Diese Zahl empfindet er als Schwelle, als Übergang zu wesentlichen Entschlüssen zur Berufswahl, Hochzeit, Urlaubsort und den üblichen Entscheidungen, die mit dem Reifeprozess einhergehen. Er empfindet sich als lustlos geworden und das macht ihm am meisten Angst. Nicht mehr zu wollen als das, was man hat. In der Schulzeit noch sympathiesüchtiger Streber, der sagt, was Lehrer und Professoren hören möchten. Doch mit jeder weiteren Prüfung, mit jeder bestätigten Meinung schleicht sich die Lustlosigkeit und Angst in sein Gemüt. Der Protagonist hat den Wunsch nach Wirklichkeit. Nicht nur nach Verwirklichung, sondern er möchte weg vom jugendlichen Zynismus, der meist aus Unsicherheit geboren wird.

Ihm fehlt es an Feuer, an Leidenschaft für etwas. Bücher sind Platzhalter in der leeren, modernen Architektur geworden. Das Gelesene und das Gedachte wurden ja bereits erdacht und zu Papier gebracht. Ein Gefühl der stagnierten Routine wird durch ein nachgekautes Wissen oder eine übliche Gleichgültigkeit bestärkt. Er stammt aus einer Generation, die heimlich ihre Namen in die Bücher ihrer Väter schreiben. Ein dezenter Hinweis auf die Familie des Autors, denn sein Vater ist Botho Strauß.

So lesen wir ein Büchlein über die Sehnsüchte eines Mannes, der durch eine Reifeprüfung geschickt wird. Denn er hat ein Angebot von einem Bekannten bekommen. Einer, der nur am Ende des Buches zu Wort kommt und Simon Strauss persönlich anschreibt. Sie schließen einen Pakt. Der Andere kennt das Gefühl des Ungenügens, das dem Helden innewohnt und jagt ihn durch sieben Nächte. Jener Bekannte wird sich einfach bei ihm melden. An sieben Abenden, immer um sieben Uhr würde sich der Freund melden und ihn auf Streifzüge durch die Stadt schicken. Er soll Sünde begehen. Jeweils einer der sieben Todsünden soll er sich stellen und bis zum Morgengrauen, spätestens sieben Uhr, das erlebte auf sieben Seiten festgehalten haben.

Die Reise beginnt mit einem Bungeesprung von einem Hochhaus, denn der Hochmut kommt vor dem Fall, oder danach? Seine Hochmütigkeit wird ihm bewusst, als er das Ende vor Augen hat. Dann kommt die Fleischeslust, die Gula, und er gibt sich ganz der Völlerei hin und später der Trägheit und der Faulheit. Auf der Pferderennbahn erlebt er die Habgier. Er empfindet nicht das Verlieren als Schlimmstes, sondern den Gewinn der anderen. So erlebt der Protagonist Nacht für Nacht eine andere Regung, die als Todsünde gilt. Er empfindet den Neid in der Bibliothek und die Wollust auf einem dekadenten Maskenball. Erst nach dem Jähzorn meldet sich der Bekannte zurück und die Streifzüge durch die Emotionen werden für den Helden eine Reifeprüfung, die ihn vor der belanglosen Reife schützt. Ein letztes Aufbäumen der jugendlichen Regungen bevor der erwachsene Alltag kommt?

Was wir hier lesen ist ein Text, der sich gegen das Mitlaufen, das emotionslose Leben aufbäumt. Er soll uns anregen und unsere Herzen öffnen, damit wir Mut gegen die Angst finden. Es ist ein Buch voller Leidenschaft, das sich nicht so einfach weglesen lässt, sondern den Leser erreichen will und wird.

Siehe auch Leseschatz-TV: Simon Strauss & Henning Schöttke

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Ralf Günther: „Die Badende von Moritzburg“

Durch die Industrialisierung und die Bildung der Metropolen des neunzehnten Jahrhunderts entstand eine Sehnsucht zur Natürlichkeit. Vorweg gab es eine Entwöhnung, eine Entfremdung von der Natur. Die beengten Lebensbedingungen weckten das Verlangen nach natürlichen Erfahrungen in der unberührten Natur und nach Natürlichkeit. Besonders die Zeiten des Biedermeiers waren geprägt von engen Konventionen. Das allgemeine Zusammenleben war streng reglementiert, besonders was Kleidung, Sitten und Moral betraf. So kristallisierte sich langsam ein Gespür heraus für die Natürlichkeit. Viele Philosophen und Künstler wurden sich des Unnatürlichen im Lebensumfeld bewusst. Hiermit spielt die Novelle von Ralf Günther, mit dem Wechsel zwischen engem, stickigem Stadttreiben und der offenen Natürlichkeit. Wir werden in der sogenannten Sommernovelle Zeuge vom Ablegen des gesellschaftlichen Korsetts.

Die Protagonistin, Clara Schimmelpfenninck, leidet seit dem Tod ihrer Mutter an Atemnot. Sie hat regelmäßig Anfälle und Schübe von beklemmenden Leiden. 1910 befindet sie sich in einem Sanatorium und nach wenigen Wochen Aufenthalt ist ihre hysterische Atemnot gemindert. Die Pflege mit viel Luft und veganer Ernährung lässt sie symptomfrei werden. Ihr behandelnder Arzt benötigt selbst eine Kur und ein junger Vertretungsarzt, Dr. Brandstetter, nimmt sich der Patienten an. Da Claras Hauptproblem die Langeweile ist, lässt sie sich auf eine ungewöhnliche, anscheinend moderne Therapie, die auf einen Mann namens Freud zurückgreift, ein. Nach kurzer Auffassung scheint der Mediziner eine Diagnose parat zu haben, die dem Verlust der Mutter, dem frühen Erwachsenwerden und den gesellschaftlichen Regeln geschuldet ist. So ist besonders die Kleidung, das Korsett, zwangsläufig mit Schuld am körperlichen Leid. Ohne die Schicklichkeit und den Anstand zu verletzen, möchte er die Therapie für Clara räumlich verlagern. Das Städtchen Moritzburg ist zwei Stunden entfernt und würde der Heilung durch die Lage förderlicher sein. Sie willigt ein, da es um ihre Gesundheit geht, aber auch, weil sie weiterhin unter Langeweile leidet und sie lediglich als Patient und Arzt zusammen reisen.

Nach der qualmenden Zugfahrt kommen sie an und während Dr. Brandstetter bereits die Pension „Sorgenlos“ bezieht, macht Clara bei einem Spaziergang in der Natur Bekanntschaft mit nackten Mitgliedern der Künstlergruppe „Die Brücke“. Ohne Korsett und in der Natur kann Clara gänzlich durchatmen und verbringt Zeit mit Kirchner, Pechstein und Heckel.

Eine leichte, wirklich sommerliche Lektüre, die nicht nur Clara befreien kann. Kunst als Bild der Befreiung, als Ablegen der einengenden Kleidung, die der Mode der Zeit entspringt. Die Metapher des Buches spannt den Bogen vom atemraubenden Korsett zur befreiten Nacktheit – sei es körperlich oder seelisch betrachtet. Die Novelle ist sehr unterhaltsam und dicht erzählt. Man liest sich sehr schnell ein und befindet sich zügig in der Vergangenheit und somit in der Handlung, d.h. dem gesellschaftlichen Gemälde, das Ralf Günther sprachlich gemalt hat.

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Bernhard Kegel: „Abgrund“

Bernhard Kegel Abgrund Mare

Bernhard Kegel ist promovierter Biologe und schreibt neben seinen Sachbüchern Romane, die uns die Biologie spannend näherbringen. Mit „Abgrund“ hat Kegel nun den dritten Roman über den Kieler Zoologen Hermann Pauli geschrieben.

Erstmalig trat Hermann Pauli in dem Roman „Der Rote“ auf. In diesem verarbeitet Pauli den Verlust seiner verstorbenen Frau und befindet sich in Neuseeland. Durch ein Seebeben hat sich dort der Küstenstreifen verändert und die Wale bleiben aus. Doch das Beben hat auch etwas anderes aus den Tiefen hervorgebracht. Dort, wo die Romane von Frank Schätzing die Science-Fiction streifen, bleibt Kegel stets realistisch. Auch beim Folgeroman „Ein tiefer Fall“ ist die Biologie der wesentliche Kern des Kiel, – bzw. Wissenschaftskrimis. In diesem hat ein Kollege von Pauli eine Urzelle aus den Tiefen des Meeres mitgebracht. Durch die Morde an mehreren Kollegen des gefeierten Evolutionswissenschaftlers gerät Pauli in den Kreis der Verdächtigen und trifft auf Anne Detlefsen, die Leiterin der Kieler Mordkommission. Beide verlieben sich und verbringen in „Abgrund“ ihren ersten gemeinsamen Urlaub auf den Galápagosinseln.

Anne Detlefsen hat sich eigentlich einen Strandurlaub in der urbanen Natur vorgestellt. Doch Pauli taucht auf den „verzauberten Inseln“, die durch Charles Darwin, der auch einen Auftritt im Prolog des Buches hat, weltberühmt wurden, gänzlich in sein Element ein. Bei einem Tauchausflug machen Anne und Hermann eine Entdeckung und halten diese zum Glück mit ihrer Kamera fest. Ein zutraulicher Hai schwimmt an ihnen vorbei. Dieser Hai erscheint sonderbar, seltsam und fast schon mysteriös. Auch die Kollegen und Experten stehen vor einem Rätsel. Keiner kann anhand des Bildmaterials diesen Hai zuordnen. Sollte eine neue oder bisher unentdeckte Hai-Art aufgetaucht sein? Bereits zu Urzeiten galten die Inseln als Wunder, da sie durch die Gezeiten und den Vulkanismus in ständiger Veränderung und Bewegung sind. Auch sind sie durch die Lage und Begebenheiten wahre Schatzinseln für jeden Biologen und Zoologen. Hermann Pauli bekommt das Angebot, mit seinen Kollegen auf dem Forschungsboot hinauszufahren, um jenen Hai zu suchen.

Anne, die nicht unbedingt erneut auf das Schiff möchte, bleibt auf der Insel und bekommt es auch mit Ungereimtheiten zu tun. Sie und das Team der Forschungsstation werden Zeugen weiterer Schiffsbrände. Nacht für Nacht gehen Schiffe in Flammen auf und Anne kann ihrer Berufung als Polizistin nicht widerstehen. Die Begebenheiten führen sie in das komplexe Gefüge der Inselwelt. Es treffen die Interessen der Fischer und der strenge Naturschutz aufeinander. Ebenso lebt die Inselwelt vom boomenden Tourismus.

Anne muß sich sputen, denn hinter den Bränden scheint eine Mission zu stehen… Hermann kommt währenddessen mit seinen Kollegen der Spur des mysteriösen Hais wirklich immer näher. Ist es möglich, dass sich die Lebensbedingungen im Meer so sehr verändert haben? Welchen Anteil hat wieder mal der Mensch an der Verursachung? Denn durch die Klimaveränderungen zerbröselt das traumhafte Gefüge der Natur. Die Korallen und alle weitere Lebensformen im Meer sind einer katastrophalen Veränderung ausgesetzt.

Wieder mal hat Bernhard Kegel einen spannenden Wissenschaftsroman geschrieben, der uns unterhält und besten Falls aufrüttelt.

Kegel Romane an der Kieler Förde

Zu den Büchern / Shop: „Der Rote„, „Ein tiefer Fall„, „Abgrund“ und alles von Bernhard Kegel

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Ketil Bjørnstad: „Emma oder Das Ende der Welt“

Ketil Bjornstad Emma oder das Ende der Welt Osburg Verlag

Das freie, ungezwungene Kinderlachen verstummt und den Eltern passiert wohl das schrecklichste, was man sich vorstellen kann. Ihr Umgang mit der Trauer und der Wut liest sich spannend und berührt sehr. Ein wunderschön trauriges Buch um die Frage, wie lebt man mit einem großen Verlust und wird nicht von Trauer, Wut und Schuldzuweisungen aufgezehrt.

„Es passiert, aber es passiert nicht uns, denke ich.“

Aslak und Hanne Timbereit sind beide im Literaturbetrieb tätig. Sie ist eine Schriftstellerin und er Verlagslektor. Sie haben sich, wie für Autoren und Verlagsleute üblich, auf einem Literaturseminar kennengelernt. Hanne war noch recht jung und fiel durch ihre ungezwungene, temperamentvolle Art auf. Sie hatte gerade ihren ersten Roman veröffentlicht und die Kritiker sahen in ihr eine neue, große Stimme Norwegens. Die beiden heirateten und bekamen ein Kind, Emma, das nun, fünfzehn Jahre später, neun Jahre alt ist. Doch die Ehe war bereits kurz nach der Geburt von Emma gescheitert. Sie leben getrennt, er weiterhin als Verlagsangestellter in der Stadt und sie als Autorin mehr der Natur zugewandt. Es sind Ferien und Emma, die bei Aslak ist, freut sich, nicht in die Schule zu müssen. Denn dort wird sie regelrecht gemobbt. Sie soll die Ferien bei der Mutter verbringen und da Hanne schwer beschäftigt scheint und Emma nicht abholen kann, soll Aslak sie bringen und nach dem Besuch auch wieder abholen. Es ist geplant, dass er mit ihr von Oslo in den Norden fliegt und dann gleich wieder zurück, sie also lediglich abliefert. Am Flughafen werden bereits einige Flüge gecancelt, da ein starker Sturm aufkommt. Doch ihr Flug, der mit Zwischenstopps verläuft, startet wie geplant. Der Flug verläuft unruhig und die Nervosität breitet sich nicht nur bei den Passagieren aus. Auch der Pilot und die fliegende Copilotin haben mit dem Unwetter zu kämpfen. Durch die sehr harte Landung, die eher einer Bruchlandung gleicht, stirbt Emma. Die Crew hatte den Gurt bei ihr vor dem Start geprüft, doch wird sie durch den Aufprall nach vorne geschleudert. Alle anderen überleben das Flugzeugunglück. Auch Aslak, der neben seiner Tochter sitzt.

Aslak und Hanne drohen an dieser Tragödie zu zerbrechen. Aus der erstmaligen Starre und Hilflosigkeit wird spätere Verzweiflung und Wut. Erstmals versucht das gescheiterte Paar wieder näher aneinander zu rücken und Hanne kommt nach Oslo. Doch wie leben sie nun weiter? Sie erkennen, dass die Existenz an einem dünnen Faden hängt und das Schicksal gnadenlos und unberechenbar ist. In ihrer Trauer suchen sie Schuldige. Schuldige, die ihnen und ihrer Familie das Schlimmste angetan haben. Sie wollen jemanden zur Rechenschaft ziehen und verlieren gänzlich den Halt. Hanne verrennt sich in den Schuldzuweisungen gegen das Flugpersonal. Hätte der Flug nicht aufgrund der Wetterbedingungen abgesagt werden müssen? Wurde der Kontrollgang durch die Kabine mit dem Überprüfen der Sicherheitsgurte korrekt durchgeführt? Hanne beginnt, die Pilotin auszuspionieren und schreckt auch nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden. Aslak hadert mit den Seelenqualen seiner Tochter. Er weiß, wie sehr sie in der Schule gelitten hatte und er versucht, dort die Schuldigen zu finden. Emma war dennoch immer sehr tapfer gewesen. Neben dem grauen Schulalltag musste  Emma auch lernen, sich mit der Trennung der Eltern zu arrangieren. Die jetzige Suche von Aslak und Hanne nach Schuld sowie Vergeltung wird immer chaotischer, bis Aslak begreift, dass er einen Schlussstrich ziehen muss.

Ein einfühlsamer, dramatischer Roman um die Trauer, die erst durch das Zulassen können erfahrbar wird, und der zeigt, dass durch das innere Verbittern nur eine verzögerte Trauerbewältigung machbar ist. Ein Roman über ein bedrückendes, trauriges Thema. Doch versteht es Ketil Bjørnstad in seinem ihm eigenen Ton und Leichtigkeit, die Schwere etwas zu mindern. Ein schönes, trauriges Buch, das neben der Trauer leise Hoffnung und etwas Humor erklingen lässt.

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Ece Temelkuran: „Stumme Schwäne“

Ece Temelkuran Stumme Schwäne Hoffmann und Campe

Der Schwan ist ein Sinnbild des Lichts, der Reinheit und der Poesie. Doch sind es stumme Schwäne und dann sollen ihnen noch die Flügel gebrochen werden. Dies ist das zentrale Bild des Romans von Ece Temelkuran und verbirgt einen Bezug auf die historischen Ereignisse. Das traurige Bild der gebrochenen, edlen und stummen Vögel, die nicht mehr wegfliegen können ist ein Symbol der Freiheitsberaubung. Der Roman spielt 1980 und die Türkei steht kurz vor einem Militärputsch. Die Geschehnisse werden aus wechselnden Perspektiven, meist aus den Augen der beiden Kinder Ayses und Ali erzählt. Es ist ein Roman, der Historisches aufzeigt, aber stets den Bezug zur aktuellen Situation im Leser heraufbeschwört. Die komplizierte und polarisierende Gesellschaft, voller Feindseligkeiten wird durch die Kinderperspektive sehr lebendig. Es geht um diese beiden Kinder, die versuchen die Schwäne vor einer autoritären Regierung zu schützen und nebenbei die ganze politische Situation des Bürgerkriegs der Türkei erleben.

Auf den Spuren zweier Familien in Ankara erfahren wir viel über die Geschichte der Türkei. Doch ist es kein historischer Roman, sondern ein Einblick in die Gesellschaft und die Zeit durch die Augen der Kinder. Dieser Kunstgriff erlaubt es uns, in eine noch nicht voreingenommene oder von Erwachsenen geprägte Weltsicht einzutauchen. 1980 war die Republik der Türkei geprägt durch fehlende politische Stabilität. Daraus resultierten wirtschaftliche und soziale Probleme, die Streiks und Gewalt provozierten. Es wurden Menschen gefangen genommen, gefoltert und auf den Straßen kam es zu brutalen Kämpfen zwischen den Nationalisten und den Linken. Die Autorin war damals selbst ein Kind und hat diese Zeit erlebt, die heute wieder oder noch sehr aktuell ist. Ece Temelkuran verlor durch ihre politische Haltung eine Stelle als Redakteurin und zählt heute zu den bedeutendsten türkischen Autorinnen.

Wir lernen die Familien Bakar und Akgün und besonders deren Kinder kennen. Ali Akgün lebt mit seiner Familie in Armut. Durch einen Brandanschlag gelangen sie immer mehr in das Elend. Als seine Mutter aber anfängt putzen zu gehen, lernt er Ayse kennen. Seine Mutter reinigt das wohlhabende Haus der Familie Bakar und er selbst verbringt seine Zeit mit Ayse und freundet sich mit dieser an. Seit er mal in einen Brunnen gestürzt war, ist er ein schweigsamer, introvertierter Junge geworden. Er ist sehr sensibel und sehr intelligent. Ayse ist dagegen noch sehr kindlich und naiv. Sie sieht vieles als eine Art Spiel an und versteht von den mitgehörten Gesprächen ihrer linksorientierten Eltern sehr wenig. Denn die Eltern verheimlichen den Kindern nichts, gehen diese doch davon aus, dass die Kinder es wohl nicht ganz verstehen. So bekommen die Beiden die Unterhaltungen und Treffen der Erwachsenen, die auch mal als Verlobungsfeier getarnt werden, mit. Diese Gespräche und die wachsende Gewalt prägen immer mehr die Welt und das Umfeld der Kinder. Trotz der unterschiedlichen Lebensweise fühlen sich Ayse und Ali sehr vereint. Ihre weltoffene Sicht ist belebt durch Kinderspiel und -wunsch. Sie wirft Kichererbsen in die Fenster des Gefängnisses, weil sie es als ein Spiel ansieht und er hat immer Bänder bei sich, die ihn beruhigen oder als Handwerkszeug oder Geschenk dienen. Ihre Verwandlung, d.h. ihr Verstehen, wächst mit dem Wunsch, ihre Schmetterlinge in das Parlament zu schmuggeln. Als dann der Befehlshaber der Armee die Schwäne aus dem Schwanenpark in seinen privaten Garten bringen lassen möchte, wollen die Kinder eingreifen und handeln, weil den Tieren auch, damit sie nicht entkommen können, die Flügel gebrochen werden sollen.

Der Roman ist voller Bilder und Erzählerstimmen, die uns die Geschichte der Türkei näher bringen und verstehen lassen. Der Schrecken des Sommers von 1980 und der Bürgerkrieg sowie der Militärputsch werden erlebbar. Der Bezug zum Putsch von 2016 ist ersichtlich und die Abläufe scheinen ähnlich. Die Angst der Menschen vor der Gewalt, vor dem falschen Wort ist weiterhin von aktuellem Belang. Man kann nur wünschen, dass es immer kindliche Seelen geben wird, die sich für gebrochene Schwäne einsetzen werden.

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Mala Laaser: „Karl und Manci“

Karl und Manci Mala Laaser FünfZweiVierNeun

Die Novelle „Karl und Manci“ von Mala Laaser ist der Auftakt einer kleinen Buchreihe, die in Vergessen geratene Autoren und ihre Werke wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte. Mala Laaser ist sehr unbekannt, gehört aber zu den jungen Talenten aus der Zeit der Weimarer Republik. Ihr Werk ist wie bei vielen ihrer Generation vergessen, verschollen und durch den Nationalsozialismus unterbrochen und für immer beendet worden. Die Novelle „Karl und Manci“ beinhaltet die wichtigsten Merkmale der Literatur dieser Zeit, der Neuen Sachlichkeit. Diese Literatur ist schlicht, fast schon nüchtern und spiegelt die Gesellschaft. Die Figuren und ihr Handeln wirken auf den ersten Blick distanziert und doch ist alles, trotz der Kürze des Textes, fein detailliert und realistisch beobachtend. Es ist eine Gesellschaft, die den Ersten Weltkrieg verarbeitet und um ihre Existenz ringt. Das Leben in den Städten birgt die Quelle vieler sozialer Probleme und spätestens durch den Aufstieg des Nationalsozialismus wird auch die Kunst hoch politisch.

Bislang wurde die vorliegende Novelle ausschließlich in vier Teilen in einer Publikation der CV-Zeitung des Central Verbands deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veröffentlicht. Der Text hat etwas kurzweiliges, wenn nicht sogar etwas sehr schlichtes, doch entfaltet sich beim Lesen und bei der Reflektion des Erzählten eine Tiefe. Es beginnt mit einer Aussage und endet mit einer Frage. Die Aussage stellt fest, dass wir es alle wissen, dass die Zeit gleich einem Spaten gewaltig den Boden umgegraben hat. Aus der Fülle an Geschicken und Geschichten soll uns das Schicksal zweier Liebender dargelegt werden. Doch die schlichte Romanze im Ton der damaligen Zeit zerfällt durch das Wechselspiel von Scham und Eitelkeit, um dann doch die Protagonisten in Vertrautheit zueinander finden zu lassen. Die letzte Frage des Textes verklingt süß und doch regelrecht bitter.

Die Liebe von Karl und Manci hatte es anfänglich schwer. Professor Brinkmann, Karls Vater, hat verbindliche Pläne für seinen Sohn und da ist die Liebe zu Manci nicht eingeplant. Seine Überzeugungsrede verschifft Manci nach Ägypten, wo sie durch den Professor als Laborantin eine Einstellung erhält. Als Karls Vater stirbt, nimmt dieser auch seine Pläne mit in sein Grab. Mit dem Einverständnis der Mutter löst Karl alle seine Versprechen und Gelöbnisse auf und bittet Manci heimzukommen. Als diese eintrifft, weicht die Wiedersehensfreude ein Stück weit der Erkenntnis, dass die unbekümmerten Zeiten von damals vorüber sind. Noch plagen Karl auch keine Zukunftsängste, er schmiedet Hochzeitspläne und es keimt neben der Liebe in ihm der Besitzerstolz ihr gegenüber. Er will sie in der Heimatstadt ankommen und sich in Ruhe nach einer Einstellung umsehen lassen. Bald soll sie aber, nach seinem Plan, mit ihm in einer eigenen Praxis tätig sein. Doch die Nöte werden immer größer. Er ist zu eitel, um nach einer aus seiner Sicht niederen Tätigkeit Ausschau zu halten. Manci ist es, die nun als selbstbewusste Frau auftritt. Durch einen Schwächeanfall gewinnt sie Freunde und eine Anstellung. Auch Karl bekommt immer mehr die Massenarbeitslosigkeit zu spüren. Die wirtschaftliche Lage der Zeit lässt ihn auf einen Mann treffen, der Kurse anbietet und seinen jüdischen Schülern, sofern er sie auserwählt hat, Arbeit vermittelt. Karl lernt, dass Geld nicht stinkt und es ihm egal zu sein hat, womit er sein Lebensunterhalt verdient. So finden beide in ihren neuen Funktionen ihr kleines Glück. Doch das private Glück muss noch gefunden werden, denn trotz des Vertrauens zueinander verschweigen sie sich gegenseitig ihre Entscheidungen aus Angst vor Missverständnissen.

Dieser Text, der seicht und kühl wirkt, birgt in sich eine kleine Fülle, der man durch erneutes Lesen oder dem Nachsinnen immer mehr Raum gibt. Die Novelle hat eine Leichtigkeit, in der aber ständig ein feiner, melancholischer Unterton zu hören ist, der uns immer genauer hinhören lässt. So entfaltet sich in der Darstellung der Liebesgeschichte und des ganz persönlichen Schicksals von Karl und Manci ein politisches und sozialkritisches Panorama der damaligen Zeit.

Die Ausgabe hat ein Nachwort von Birgit Böllinger (Sätze & Schätze)

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Zia Haider Rahman: „Soweit wir wissen“

Zia Haider Rahman Soweit wir wissen Berlin Verlag

Ein Koloss von einem Buch, in dem es um das große Ganze geht. Doch was ist das große Ganze überhaupt? Was treibt uns Menschen an und was macht uns aus? Ist unsere Biographie mehr durch die persönliche Herkunft oder das kulturelle Umfeld geprägt? Was passiert, wenn die uns bekannte Welt auseinanderbricht? Sei es durch naturwissenschaftliche Errungenschaften, durch religiösen Fanatismus oder durch Kriege. Der Roman spannt den Bogen über diese großen Themen. Eine Welt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Es geht um Geopolitik, Philosophie, Migration und die Finanzkrisen. Das Buch will viel und spannt eine Brücke, durch die alle Themen irgendwie miteinander verbunden werden. Denn in der Mathematik, der Geschichte, der Wissenschaft und in der Religion gibt es Behauptungen, die wir lediglich glauben können. Jedes System birgt Lücken und wir können diese nur mit unseren Erfahrungen füllen. Es bleibt aber immer noch eine klaffende Lücke, soweit wir wissen…

Diese Lücken tauchen auch in dem vorliegenden Werk auf. Doch sind es Kunstgriffe, die uns zusammen mit den Protagonisten abschweifen und stets viel erfahren lassen. Die Sprünge im Handlungsverlauf wirken chaotisch und schaffen dann doch wieder den Bezug zum Inhalt des Werks, gleich Fraktalen. So sind es gerade die Brüche, die einzelnen Episoden aus dem Leben der Figuren, die diesen großen Bildungsroman zusammenhalten.

Im Zentrum steht die Geschichte der Migration, die vom Erzähler, dem Freund des eigentlichen Helden, aufgezeichnet, zusammengetragen und mit Marginalien ergänzt wird. Im Jahr 2008 steht Zafar abgerissen und erschöpft vor der Tür des Freundes in London. Der aus Pakistan stammende Erzähler hat gerade seine Arbeit als Banker verloren. Seine Frau hat ihn verlassen und er hat somit genügend Zeit für Zafar, den er anfänglich gar nicht wiedererkannt hatte, als dieser nach einigen Jahren unerwartet vor seiner Tür steht. Durch die Finanz- und Ehekrise hat der Erzähler, der lange gut gelebt hatte, alles verloren und widmet sich nun der Biographie seines Freundes und reflektiert sein eigenes Leben.  Zafar stammt im Gegensatz zum Erzähler aus armen Verhältnissen aus Bangladesch. Durch lange, sprunghafte Gespräche und Notizen baut sich langsam das große Ganze auf. Die Kindheit Zafars in einfachen Verhältnissen, dann die Liebe zur Mathematik, die keine Grenzen kennt, lediglich eine Sprache ist, die nur benennt, sofern es sich mit Fakten belegen lässt. Doch die Naturwissenschaft hat auch ihre Grenzen und Zafars Leben ist geprägt von Entfremdung, der Suche nach Stabilität und dem ewigen Scheitern. Das Scheitern der Migration sowie im Beruf und der Liebe. Zafars Liebesgeschichte mit Emily wird ein ohnmächtiges Spiel, in das sie ihn verwickelt und das ihn krank werden lässt. Der psychische Verfall eines Mannes geht einher mit den Geschehnissen des 21. Jahrhunderts. Die Entfremdung und die Einsamkeit als große Gleichung in diesem Roman voller Erkenntnis und Täuschung. Beide Helden sind intelligent und scheitern doch.

Es ist ein Roman über viele Ereignisse am Beispiel einzelner. Ein Debütroman, der viel zu sagen hat und von detaillierten Charakteren belebt wird. Ein Buch, das mit Wissen spielt und ganz nebenbei die großen Fragen zur Weltpolitik, Kultur und  den wichtigen Schlüsselthemen der Gegenwart aufwirft.

Zia Haider Rahman hat ein sehr umfangreiches Werk geschaffen, das uns gleich den Protagonisten hinhören lässt und viel zum Nachdenken, Nachforschen und Nachfühlen bietet. Der Text hat etwas Verkopftes und ist dennoch ein kunstvoll gewebter Stoff aus vielen bunten Flicken, die aus allen menschlichen Errungenschaften der Wissenschaft, Kunst, Religion und Philosophie bestehen.

Der Roman, der sich zwischen Bangladesch, London und New York bewegt, gewinnt an Glaubwürdigkeit und Tiefe durch die Biografie Zia Haider Rahmans. Der Autor wurde gleich seinem Helden im ländlichen Bangladesch geboren. Nach dem Befreiungskrieg 1971 kam er noch als Baby nach London. Rahman konnte seine einfache schulische Ausbildung dank eines Begabtenstipendiums in Oxford fortsetzen und komplettierte sie in München, in Cambridge und in Yale. Er hat als Investment Banker, später als Anwalt gearbeitet. Seit ein paar Jahren arbeitet Rahman als Anwalt für Menschenrechte und kämpft vor allem gegen Korruption. So birgt das vorliegende Buch wohl viele autobiografische Züge.

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Leseschatz-TV

Es gibt wieder neue Leseschatz-TV Beiträge:

Unbenannt

Zu Haukes Filmchen: Peter Berthold „Unsere Vögel“ – Haukes kleiner Aufruf, Leseschatz des Frühjahrs 2017: Iris Wolff: „So tun, als ob es regnet“, Leseschatz-TV: Spannungsliteratur, Leseschatz-TV: Patry Francis: „Die Schatten von Race Point“, Leseschatz-TV: Juliana Kálnay: „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“, Leseschatz-TV: Marie Lu: Young Elites – Die Gemeinschaft der Dolche

Siehe: Leseschatz-TV, auf unserer Homepage oder auf YouTube

 

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Richard Russo: „Ein Mann der Tat“

Richard Russo Ein Mann der Tat Dumont

Ein großer Roman über das amerikanische Idyll, in das langsam das Chaos einsickert. Die Handlung spielt in einer Kleinstadt, die im Bundesstaat New York liegt, und hält die Ereignisse des Feiertagswochenendes um den Memorial-Day fest. Innerhalb dieser überschaubaren Zeitspanne versteht es der Pulitzer-Preis-Träger Russo einen ganzen Kosmos an besonderen Geschehnissen entstehen zu lassen und wendet sich voller Zuneigung allen seinen Figuren zu. Der Genuss des Buches liegt gerade in der Fülle der Charakterisierungen und der Liebe zum Detail, die trotz der Dicke des Werkes niemals ausufert oder seicht mäandert. Als Leser ist man schnell dieser Kleinstadt und ihren Bewohnern verfallen und man verbringt gerne seine Zeit mit den bodenständigen, skurrilen, zweifelnden und allen weiteren handelnden Protagonisten.

North Bath hat den Aufschwung verpasst und vieles versiegt in der gebeutelten Landschaft: die Quellen, die Investoren und die Steuereinnahmen. Lediglich der Bürgermeister hält tapfer fest an seinem Glauben an seine Stadt. Doch die Einwohner werden Zeuge, wie die Nachbargemeinde ihren Aufschwung erlebt, während North Bath immer mehr kränkelt. Die Industrie und mit ihr auch der Immobiliensektor brechen im wahrsten Sinne des Wortes zusammen. Ferner breitet sich ein übler Gestank aus, der den Menschen zu schaffen macht und an die Erblast vorangegangener Planungen und Kommerzialisierungen erinnert.  Der letzte Zufluchtsort ist allabendlich, sofern man erwerbstätig ist, sonst wohl schon eher, die Gastronomie, sprich der Imbiss und die Bar, in der es schales und billiges Bier zu trinken gibt.

Die Handlung beginnt mit einer Beerdigung. Ein angesehener Richter ist verstorben und wird beigesetzt. Es treten die Menschen an sein Grab, die ihm, gewollt oder gefühlt erzwungen, die letzte Ehre erweisen möchten. Unter ihnen der Polizeichef Douglas Raymer. Seine Selbstzweifel lassen ihn am Grabe nicht nur metaphorisch schwanken. Seit der Schule hadert er mit sich und durch seine Lehrerin angetrieben ist er schriftlich sowie gedanklich immer auf der Suche nach seinem wahren Ich. Seine polizeiliche Laufbahn stellt er ebenfalls in Frage und wurde darin auch durch einige Missgeschicke seinerseits bestärkt. Auch der Verstorbene hat in Raymer nicht die vorbildliche Führungsfigur gesehen, die man üblicherweise von einem Polizeichef erwartet hätte. Daher ist Raymers Anwesenheit während der Beerdigung eher ein pflichtvolles Erscheinen. Gedanklich ist er ganz woanders. Er fühlt sich zu seiner farbigen Kollegin hingezogen, hat aber den Verlust seiner Ehefrau, Becka, noch nicht ganz verarbeiten können. Becka war dabei, ihn zu verlassen. Er hatte schon immer geahnt, dass seine Frau etwas Besseres verdient hatte und alle in seinem Umfeld gaben ihm das Gefühl, dass es ein Wunder war, dass Becka überhaupt ihn geheiratet hatte. Becka verliebte sich in einen anderen Mann und an dem Tag, als sie Raymer verlassen wollte, machte sie einen ungeschickten Hüpfer von der Treppe und verstarb. Im Fahrzeug fand der Polizist die erste Spur zu dem Mann, der ihm seine Frau genommen hatte. Unter dem Sitz verkeilt lag eine Fernbedienung für ein Garagentor. Sein Plan war es nun, alle Tore in der Ortschaft auszutesten, doch durch einen Schwächeanfall fällt Raymer in das offene Grab des Richters und verliert nicht nur erneut das Ansehen, sondern auch das einzige Beweisstück.

So breitet sich langsam, während der Feierlichkeiten zum Memorial-Day, das Chaos in der Ortschaft aus. Die Besitzerin des Lokals führt privat einen kleinen Krieg mit ihrem Mann um den verbleibenden Wohnraum. Er organisiert Garagenverkäufe, d.h. private Flohmärkte und sammelt alles, was er noch meint reparieren und in Geld umwandeln zu können. Dies ist eher sein Hobby, das allerdings so weit geht, dass bald schon das Gartengewächs einem riesigen Schuppen weichen muss. Dann ist da noch ein ehemaliger Sträfling, der seine Liste abarbeitet. Seine handschriftliche Liste umfasst fünf Namen, an denen er sich rächen möchte. Als weitere Figur taucht ein alternder und kränklicher Bauunternehmer auf, dessen Gebäude eines Tages einfach eine Wand nicht mehr halten kann. Es sind Gelegenheitsarbeiter, einfache Handwerker, Handlanger oder Staatsdiener, die durch ihre ausgewählte Sprache dem Proletariat entkommen möchten. Es sind Wendungen und Ereignisse, die von den Protagonisten herbeigeführt werden oder in deren Leben treten, die an diesem Wochenende aller Leben beeinflussen. Besonders steht im Vordergrund die Suche nach der Fernbedienung und dem eigentlichen Besitzer, die den Suchenden auch vor einer Grabschändung nicht zurückschrecken lässt. Das ausufernde Alltagsdrama innerhalb dieser Kleinstadtidylle wird noch durch eine entlaufene Kobra verstärkt.

Das Buch nimmt den Leser in seinen Bann und durch die Liebe zum kleinsten Detail, das stets zwischen Drama und Komik schwankt, wird die Lektüre, gerade durch das großartige Personal, zu einem großen amerikanischen Roman. Der Roman beinhaltet die persönlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen im Mikrokosmos des Bürgerlichen in der Randregion des Staates New York. Richard Russo erzählt tiefgründig, unterhaltsam und in einem klugen Ton über das menschliche Miteinander, das durch die Revierkämpfe der Egos, die Einflüsse aus dem Umfeld und die hineingesteigerten Nichtigkeiten scheitern kann. Die Handlungsstränge verdichten sich gleich den Gerüchen nach schalem Bier, Klosteinen und dem industriellen Erbe, das nicht nur die Landschaft verpestet.

Ein Buch, in dem man sich zügig zuhause fühlt und sich mit den Bewohnern der Stadt, d.h. den Figuren des Romans, anfreundet und das man ungern wieder verlässt.

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Siehe auch die Besprechung auf: AstroLibrium

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