Archiv der Kategorie: Erlesenes

Sonja Rüther: „Blinde Sekunden“

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Ein Spannungsroman, der mit wenig Blut auskommt. Trotz der Vorliebe der Autorin für gruselige Geschichten, ist ihr erster Thriller ein Krimi ohne Ekeleffekte und großen Mordszenarien. Es geht mehr um die Menschen und ihre seelischen und psychologischen Beweggründe. Wie weit mag ein Mensch für seine Ideale und Vorstellungen gehen? Wie weit geht der Mensch für die Liebe und wie weit kann er von Krankhaftem oder Hass getrieben werden?

Sonja Rüther unterhält und baut einen Spannungsbogen auf, der mich nicht wegen der Suche nach dem Täter fesselte, sondern durch den Aufbau der Geschichte und die Bewegründe der einzelnen Figuren. Ich meinte schnell den Handlungslauf, d.h. den Täter erkennen zu können, doch minimierte dies keinesfalls die Spannung, denn ich wollte wissen, wie die Charaktere agieren und warum. Der Blick in die Psyche, die Seele und die Abgründe der einzelnen Figuren machte für mich diesen Krimi glaubwürdig und hielt stets die Spannung.

Die Handlung spielt meist in Hamburg, aber auch in Göttingen und beginnt auf einer Charity-Veranstaltung. Wir lernen den Schönheitschirurgen Dr. Karl Freiberger und seine Frau Barbara kennen. Sie bewegen sich in der Welt der Schönen und Reichen, denen er oft zu ihrem Ansehen verholfen hat.  Seine Frau, die anscheinend durch seine Kunst operationssüchtig ist, leidet unter einer Depression. Doch ist sie wirklich suizidgefährdet?

In Hamburg treibt ein Serienmörder sein perfides Spiel. Er entführt seine Opfer aus teuren Hotels und tötet diese nach meist 119 Tagen. Im Hamburger Fünf-Sterne-Hotel Grand Elysée treffen wir erneut auf Dr. Karl Freiberger, der einen Mediziner-Kongress besucht. Im Foyer treffen sich Silvia und Sven zu einem heimlichen Rendezvous. Beide sind verheiratet, aber nicht miteinander. Sie leben in glücklichen Ehen. Silvias Ehemann ist auch der beste Freund von Sven. Doch bereits seit fünf Jahren fühlen sich Silvia und Sven immer mehr zueinander hingezogen und es wird Liebe, der sie aber keinen Raum geben wollen. Nur ein einziges Mal möchten sie ihrem körperlichen Verlangen nachgeben und verabreden sich heimlich im Grand Elysée. Durch die vorherige Aufregung und innere Unruhe verplappert sich Silvia fast bei ihrem Arbeitskollegen. Als endlich der Tag der gemeinsamen Nacht da ist und sie das Zimmer beziehen können, eilt Sven voraus, um das Zimmer persönlicher zu gestallten. Als Silvia dann aber nicht nach oben kommt, beginnt das Grauen…

Hat Silvias schlechtes Gewissen gesiegt? Hat sie es sich doch anders überlegt?  Ist sie ein Opfer des Fünf-Sterne-Mörders?

Eberhard Rieckers steht kurz vor der Pensionierung und beobachtet das bürokratische Ermitteln seiner Kollegen mit Skepsis. Gerade der Serienmörder, der in Hamburg sein Unwesen treibt, regt seine Neugier an. Aber als Polizist darf und kann man sich seine Fälle nicht aussuchen. Als er dann vom aufgelösten Sven aufgesucht wird, sieht Eberhard seine Chance im Fall tätig zu werden, denn der Tatort passt zum Profil des Serienkillers. Doch reichen seine langjährigen Erfahrungen, um die Wahrheit herauszufinden?

Ein unterhaltsamer Spannungsroman, der als Debut auf mehr von der Autorin hoffen lässt.

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Jeanette Winterson: „Der weite Raum der Zeit“

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Ich dachte Cover-Versionen gibt es nur in der Musikindustrie. Auch als Cineast erlebe ich Neuverfilmungen. Oft sind – gerade in der Welt der Rock- und Popmusik die Originale die besseren – meiner Meinung nach. Ob es bei großen Stoffen der Weltliteratur gelingen mag, sollte jeder für sich nachempfinden. Ich hatte mit „Der weite Raum der Zeit“ von Jeanette Winterson, der Neuerzählung von „Das Wintermärchen“ von William Shakespeare, sehr viel Spaß.

Seit Jahrhunderten wird Shakespeare aufgeführt, interpretiert, verfilmt oder umgewandelt als Vorlage für Graphic Novels oder Romane. Das Hogarth Shakespeare Projekt bietet bekannten Autoren die Möglichkeit, ihre persönliche Neuerzählung eines Werkes von Shakespeare zu schreiben. Die Romane, diese Neuerzählungen, werden dann auch in über zwanzig Ländern erscheinen. Mit dabei sind u.a. Margaret Atwood (Der Sturm), Jo Nesbø (Macbeth), Tracy Chevalier (Othello), Anne Tyler (Der Widerspenstigen Zähmung) uvm.

Jeannette Winterson hat sich mit „Das Wintermärchen“ beschäftigt. Dieser Text von Shakespeare habe in ihr schon lange als Glücksbringer rumort. Winterson, die selbst schon viele Romane, Kinder- und Sachbücher geschrieben hatte, gibt an, dass ihre Arbeit oft um dieses Stück kreiste. Schön ist aber, dass man „Der weite Raum der Zeit“ ohne Kenntnisse des Originals lesen kann.

Denn wer erinnert sich genau an „Das Wintermärchen“?

Das Original:

„Das Wintermärchen“ ist eines der letzten Stücke von William Shakespeare. Es sind seine großen Themen: Liebe, Eifersucht, Ehre, Verblendung, Mord(gedanken). Leontes, König von Sizilien, ist von Eifersucht getrieben. Er ist sich sicher, dass seine Ehefrau Hermione, die ein Kind erwartet, ihn mit seinem Freund Polixenes betrügt. Auch die Vaterschaft stellt er in Frage. Die Ehe geht kaputt und die Freundschaft ist vorbei. Als die Tochter Perdita zur Welt kommt, wird diese von Leontes ausgesetzt und von Schäfern aufgezogen. Polixenes kann fliehen und Hermione wird für tot gehalten, lebt aber im Verborgenen. Sechzehn Jahre vergehen, in denen Leontes seine Tat bereut. Florizel, der Sohn von Polixenes, begegnet Perdita zufällig und beide verlieben sich. Das Paar flieht nach Sizilien, wo es von Leontes aufgenommen wird. Die Zeit scheint aufgehoben und die Figuren stürzen in ein neues Leben, was sie daraus machen ist dem weiten Raum der Zeit überlassen…

Man muss aber das Original nicht kennen, um Freude am Buch von Jeanette Winterson zu haben.

Das Cover:

Der Roman beginnt, denn irgendwo muss ja eine Geschichte beginnen, mit dem Barpianisten Shep (Schäfer), der mit seinem Sohn Zeuge eines herbeigeführten Unfalls mit einem tödlichen Ausgang wird. Sein Weg über das Krankenhaus lässt ihn bei der Babyklappe auf ein frisch ausgesetztes Kind stolpern.

König Leontes ist nun der Londoner Investmentbanker Leo, der mit MiMi (Hermione) verheiratet ist. Sie kennen sich aus Frankreich. MiMi ist eine schöne Sängerin aus Paris. Sie erwarten ihr zweites Kind aber Leo ist fest davon überzeugt, dass sein Jugendfreund Xenos eine Affäre mit seiner Frau hat. Er lässt diese auch in seiner krankhaften Eifersucht überwachen. Die Freundschaft zu Xenos, dem homosexuellen Spiele-Entwickler, geht kaputt. Leo ist so sehr verblendet, dass er auch alle gegenteiligen Beweise ausblendet. Er verstößt MiMi und kann seine neugeborene Tochter Perdita nicht als seine Tochter annehmen und will sie wegschaffen lassen. Durch einen glücklichen Zufall findet der Pianist Shep das Baby und nimmt es bei sich auf. Jahre später verliebt sich Perdita in Xenos einzigen Sohn. Beide machen sich auf die Reise in die Vergangenheit ihrer Herkunft. Ob der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen werden kann, ist dem weiten Raum der Zeit überlassen und der Rest ist Schweigen…

Eine eindrucksvolle Adaption, die wenig Lärm um Shakespeare macht. Die Zeit zwischen den beiden Werken ist gleich der spielerischen Zeit in den Handlungen ausgedacht und später aufgehoben und sie verwebt sich. Auch wenn wir in einer moderneren Welt als Shakespeare leben, haben sich die emotionalen Themen seither nicht verändert. Die Bühnen sind wohl lediglich andere geworden. Sie sind schnelllebiger und visueller gleich den von Xenos entwickelten Computerspielen. Die Zeit als Faden der Handlung, der mal bricht, mal Kurven nimmt, aber am Ende doch alle Wunden heilen könnte…

„Ein jeder frag‘ und höre, welche Rolle

Wir in dem weiten Raum der Zeit gespielt,

Seit wir zuerst uns trennten. Folgt mir schnell!“

William Shakespeare (Das Wintermärchen)

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Irène Némirovsky: „Pariser Symphonie“

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Irene Némirovsky kam 1903 in Kiew zur Welt. Sie floh mit ihren Eltern vor der russischen Revolution nach Paris und begann hier zu schreiben. Némirovsky wurde ein Star der französischen Literaturszene. Sie verfasste zwischen 1921 und 1942 fünfzehn Romane und mehr als fünfzig Novellen sowie Drehbücher und Skizzen für Kinofilme. In dieser Sammlung, die nach einer der elf Kurzgeschichten benannt ist, befinden sich Texte, die zeigen, wie sprachgewandt und tiefgründig die Autorin schrieb und mit Stilen und Ideen experimentierte. Némirovsky wurde 1942 in Ausschwitz ermordet und der Krieg ließ sie und ihr Werk für längere Zeit vergessen. Erst durch die Entdeckung eines unfertigen Manuskripts wurde ihre Literatur erneut zugänglich gemacht. In ihrem Nachlass befand sich der Text zu ihrem bekanntesten Werk „Suite française“.

Ich habe die Autorin durch Ihre Romane „Jesabel“ und „Suite française“ kennen und schätzen gelernt. Jesabel behandelt das Verlangen nach immerwährender Schönheit und das unfertige „Suite française“ handelt vom Untergang Frankreichs.

Das Buch „Pariser Symphonie“ lässt schon durch das Titelbild erahnen, wohin uns die Geschichten mitnehmen. Eine Frau balanciert auf dem Eifelturm. Im Hintergrund die Stadt Paris, auf dessen Wahrzeichen mit einer Unbekümmertheit jene Frau wandelt. Aber ist es Leichtigkeit oder Leichtsinn? Lebensfreude oder Lebensmüdigkeit?

Die Erzählungen sind meist kurz und sehr verdichtet. Es sind Ellipsen oder sogar Texte, die wie ein Drehbuch zu lesen sind. Bei einigen Texten wird man gleich einer Kamerafahrt abgeholt, die den Leser fokussiert auf den Kern der Erzählung lenkt. Es sind meist psychologische Einsichten, die in der damaligen Zeit durch die moderne Erzählstruktur verstörend waren. Gerade durch die oft neutrale Erzählerstimme.

Wir erlesen über Häusliches, Gewöhnliches, über das Eheleben und natürlich über den einkehrenden Schrecken. Es ist die Rede von der Macht der Leidenschaft und den Erfahrungen mit dem Übernatürlichen.

Es sind Erzählungen, in denen u.a. die Hauptfigur ihre Jugendliebe verloren hat und in ihrer Mutterrolle mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert wird. In einem Abstellraum sehen die Kinder diese Geister und erfahren mehr als ihnen von der Mutter bisher erzählt wurde.

In einer anderen Geschichte wird aus einem okkultistischen Spiel traurige Wahrheit. Die von der Gesellschaft vorerst belächelten Prophezeiungen bewahrheiten sich und führen, da sie nicht angenommen wurden, zu einem Drama.

Ein Diebstahl entpuppt sich als lieblose Verschwörung um unbeliebte Familienmitglieder, die erst in folgender Generation zu Tage kommt und diese mit einbezieht.

Eine Frau, die ihrer ersten Ehe nachsinniert und überzeugt ist, dass ihre Liebe trotz zweiter Ehe den Tod überdauert.

Oft ist der Schauplatz Paris, so auch die titelgebende Geschichte, die gleich einem Drehbuch die Stadt als Klang erfasst. Ist Armut und Erfolglosigkeit für große Kunst notwendig? Einige Geschichten, so auch diese, sind geschrieben wie Kameraeinstellungen. Ganz besonders in „Der Film“ wird u.a. durch Schnitte das Geschilderte in Szene gesetzt.

Es sind leichte, melancholische Erzählungen, die auch den Schrecken beinhalten. Aus Angst kann schnell ein Handeln mit fatalen Folgen und tödlichem Ausgang werden. Ein Echo der erlebten Vergangenheit kann sich im Ego manifestieren. So auch ein gefeierter und überzogener Autor, der sein Gefühlsleben als Kind unverstanden und von der Mutter missachtet wahrnahm,  meint nun als Autor dieses ausleben zu können. Er zwingt aber dadurch seiner Ehe und dem Kind ein Echo seiner eigenen Vergangenheit auf.

Eine Sammlung an Erzählungen mit großen Themen. Es sind zeitlose Geschichten über Liebe, Tragik, Tod und Freundschaft. Meist sind die Geschichten durchwoben vom Charme der 1930er Jahre. Aber die Figuren und Probleme wirken lediglich auf den ersten Blick als vergangen und uns fern.

Eine sehr lesenswerte Sammlung, die neugierig auf das Werk der Autorin macht.

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Siehe auch Maikes Besprechung in Herzpotenzial

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Kunstbücher von Vladimir Sitnikov

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Frau Dr. Klára Erdei, die mich, als Sie noch Lehrerin war, in Französisch unterrichtete, machte mich vor kurzem auf folgende Kunstbücher aufmerksam.

Der Künstler Vladimir Sitnikov hat eigene, hochwertige Buchprojekte verwirklicht, die Frau Dr. Erdei lektorierte.

In dem kleinen, grotesken Stück „Adam und Eva“ von Daniil Chạrms beschließt Anton Isaakovich, dass er nicht mehr Anton Isaakovich sein möchte sondern Adam. Natalija Borisovna soll Eva sein. Beide stehen nun auf dem Tisch im Adams- und Evakostüm und begrüßen den ersten Gast, der wie vom Donner gerührt zu Boden fällt. In drei weiteren Teilen, d.h. Aufzügen weht ein violetter Wind aus Moskau und Adam Isaakovich und Eva Borisovna fliegen über Leningrad und das Volk bittet um Gnade bis Adam und Eva auf einer Birke sitzen und singen. Die Verwandlung ins Paradies? Das Buch ist auf Deutsch und Russisch geschrieben.

Der russische Schriftsteller Daniil Chạrms gilt als Wortkünstler, der mit Lyrik experimentierte und kleine Dramen verfasste. 1931 und 1941 wurde Charms verhaftet und verhungerte dann im Gefängnis.

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Ein weiteres Kunstbuch von Vladimir Sitnikov ist die Umsetzung von Nikolai Gogol: „Das Porträt“.  In diesem Buch geht es um die Beziehung eines Bildnisses zum Betrachter. Gleich „Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde. Tschartkow,  ein armer Maler, erwirbt ein Porträt, von dem er sofort in den Bann gezogen wird. Der Mann, der porträtiert wurde, verfolgt ihn nun stets mit seinen Augen. Er beginnt zu traumwandeln und verhängt das Bild. In einem Fiebertraum erscheint ihm ein alter Mann, der Dukaten fallen lässt, die aber dann in der Realität unter den Dielen gefunden werden, als der alte Maler die Miete nicht mehr zahlen konnte. Es beginnt die dramatische Geschichte eines ehemaligen armen Malers, der durch mystische Umstände zu Ruhm und Wohlstand kommt. Aber letztendlich gelingt nur wahre Kunst aus reinem Herzen…

Diese Illustrationen von Vladimir Sitnikov sind nicht Zeichnungen, die die Handlung darstellen oder sogar kommentieren, sie begleiten den Text als Künstlermappe von Andrei Petrowitsch Tschartkow, des Künstlers bzw. Protagonisten der Novelle.

Diese Kunstbücher sind in Handarbeit von Vladimir Sitnikov in Blockheftung – japanische Bindung in kleiner Auflage erschienen. Diese bekommt man beim Künstler Vladimir Sitnikov oder bei uns.

(Danke an Dr. Klara Erdei. Sie war es auch, die uns in der Schule stets vorgelesen hatte. Sie hat mir auch damals, nach meiner Jahresarbeit (Waldorfschule) „prophezeit“, ich würde bestimmt mal etwas mit Literatur und Büchern machen… 😉 )

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Anne von Canal &  Isabel Bogdan (Hrsg.): „Irgendwo ins grüne Meer“  

Geschichten von Inseln

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Der Traum vom Inseldasein beinhaltet oft eine Sehnsucht nach etwas mehr Einfachheit, nach Abgeschiedenheit und nach natürlicher Schönheit. Vielen ist die Sehnsucht nach einer Insel vertraut. Der Wunsch nach einem Inselurlaub oder einem gänzlichen Leben auf einer Insel ist wohl weitverbreitet. Alle Wünsche sind wie ein Geschmack. Also ist es ein Hunger auf etwas, das wir bereits kennen. Unsere Wünsche sind in uns angelegte Möglichkeiten. Jeder von uns hat in sich diesen Ort, diese Insel.

Die Autoren dieser Geschichten wurden von den Herausgebern vor folgende Aufgabe gestellt. „Schreiben Sie uns bitte eine Inselgeschichte, sie kann von einer real existierenden, einer erfunden oder einer inneren Insel handeln.“

In dieser Anthologie sind 16 Geschichten, in denen die Autorinnen und Autoren ihre Vorstellung von Inseln zu Papier gebracht haben. Der Titel entstammt einem Gedicht von James Krüss:

Irgendwo ins grüne Meer

hat ein Gott mit leichtem Pinsel

lächelnd, wie von ungefähr,

einen Fleck getupft: Die Insel.

James Krüss

Das Gedicht endet mit dem Aufruf: „Liebt die Welt und liebt das Leben!“ Dies ist ebenfalls einer der roten Fäden, die sich durch diese Originalerzählungen ziehen. Ich habe alle Geschichten gerne gelesen. Einige waren humorvoll, andere nachdenklich oder skurril.

Kein Text hat mich an trübe Seeromantik erinnert oder mit kitschigen Strandmomenten verführen wollen. Die Texte laden ein, sich kurzweilig oder länger mit der jeweiligen Inselsituation auseinanderzusetzen.

Das Buch beinhaltet für mich zu Teilen nun bleibende Erinnerungen. Sei es, weil ich auch ein Küstenmensch bin, der Inseln liebt oder weil die Protagonisten oder die Handlung mich aufs Eiland verbannten. Wir begegnen unter anderem einer schwangeren Frau, die nach Sizilien reist. Als Flucht oder als Suche. In einer anderen Geschichte ist es eine Badeinsel in einem Hallenbad, die den älteren Menschen in der Erzählung einen Ruheort zum einfach Dahintreiben beschert. Eine Geschichte nimmt einen zusammen mit einem ominösen „Or“ auf eine Reise zur fünftgrößten Insel Norwegens: Kvaløya. Ferner gibt es erneut ein Treffen mit einem Pfau. (Wohl eine kleine Anspielung auf die Mitherausgeberin Isabel Bogdan, die mit ihrem Pfau gerade in der Welt herumfliegt) Doch ist der „Pfau 117“, geschrieben von Zoë Beck, hier ein Junge, der lernt, dass seine Insel nicht schwimmen kann. Er ist der Menschheit überdrüssig geworden und er versucht mit seinen gefiederten Freunden, deren Anzahl noch ungewiss ist, seine Insel zu finden. Die Insel von Isabel Bogdan ist ein Sportplatz. Läufer machen Strecke, um ihre Gedanken zu sortieren oder um Klarheit zu finden. Manche aber auch einfach, um eine Stille zu finden, die hinter den Gedanken ist.  Die Mitherausgeberin, Anne von Canal, die mich mit ihrem Debutroman „Der Grund“ sehr begeistert hat, schreibt über eine Frau, die nun alleine den Hof bewirtschaftet und gute Nachrichten per Post zugestellt bekommt. Postkarten ihrer Schwester, die diese von Inseln der ganzen Welt versendet. Aber die Protagonistin ist auf ihrem Hof gestrandet und die „guten Nachrichten“ werden dann, gleich der Machart ihres Vaters, unleserlich gemacht…

Eine Anthologie, die über den Strandkorb hinaus sehr gut funktioniert. Man gerät beim Lesen ins Grübeln und Schmunzeln. Gleich dem „Atlas der abgelegenen Inseln“ von Judith Schalansky geht es um Orte, die schwer zu erreichen sind. Dies ist heute fast nicht mehr vorstellbar. Was ist an Inseln so anziehend? Dies fragt auch Tex Rubinowitz in seinem Beitrag, der ebenfalls auf Schalanskys Atlas verweist.

Das Buch beinhaltet meine Liebe zum Meer, zu Menschen und (ihren) Inseln und sogar eine Verneigung von Harry Rowohlt an einen meiner Lieblingstexte: „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“….

Es gibt noch viel mehr Eindrücke, doch will ich nicht alles verraten und den Leser diese Inseln selbst entdecken lassen…

Die Autoren sind: Thommie Bayer, Zoe Beck, Isabel Bogdan, Maximilian Buddenbohm, Anne von Canal, Heikko Deutschmann, Verena Güntner, Uwe Kolbe, Susann Pasztor, Thomas Peltzinger, Harry Rowohlt, Tex Rubinowitz, Frank Schulz, Katrin Seddig, Clemens Setz und Pia Ziefle.

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Celeste Ng: „Was ich euch nicht erzählte“

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„Die Dinge, die wir nicht sagen, nagen oft an uns. Sei es, weil wir sie nicht ausgesprochen haben, oder weil der andere uns nicht angehört hat, obwohl er es wirklich wollte“    Celeste Ng

Das Buch ist ein hochgelobter Spannungsroman und ist wirklich ein literarischer und vielschichtiger Roman, in dem es um das Verschwiegene und das Verdrängte innerhalb einer Familie geht.

Die Handlung beginnt an einem Morgen des Jahres 1977 und der erste Satz lässt keinen Zweifel zu: „Lydia ist tot.“ Die Familie Lee wundert sich, warum Lydia nicht zum Frühstück erscheint. Lydia war das Lieblingskind ihrer Eltern. Es ist eine amerikanisch-chinesische Familie, die in Ohio lebt. Der Vater, James, ist Einwanderer der zweiten Generation, Wissenschaftler und Dozent an der Universität. Die Mutter, Marilyn, Amerikanerin, die sich in der damaligen Zeit ihren Studienplatz hart erarbeitet hat und von einem Leben als Medizinerin träumte.

James wurde stets wegen seiner Herkunft gemieden und musste sich ständig behaupten. Daher versuchte er ein unauffälliges Leben zu führen. Als er Marylin als Studentin bei seiner Vorlesung an der Universität kennenlernt, zweifelt er, denn er kann es nicht glauben, dass eine kluge, selbstbewusste und hübsche amerikanische Frau sich in ihn verlieben würde. Marylin bricht ihr Studium für die Liebe ab und die beiden heiraten. Dies trotz des Hohns ihrer Umgebung und besonders von Marylins Mutter, die die Ehe nicht akzeptieren will und den Kontakt abbricht.

Sie bekommen drei Kinder Lydia, Nathan und Hannah. Lydia war eine ernsthafte, verantwortungsbewusste und stets freundliche Schülerin. Als die Polizei ihre Leiche im nahegelegenen See findet, bricht die Fassade der Familie. Die Perspektiven und die Beobachtungen wechseln mit den Protagonisten. Marylin versucht verzweifelt herauszubekommen, was passiert ist und macht sich auf die Suche nach der Wahrheit. Ferner kommt auch ihre Vergangenheit zu Tage, da sie vor der Geburt von Hannah ihre Familie kurzweilig verlassen hatte, um erneut an der eigenen Karriere zu arbeiten. Auch ohne ein Wort zu ihrer Familie. Ebenfalls flüchtet sich James in eine Beziehung und betrügt stillschweigend seine Frau.  Dann sind da die unbeschriebenen Tagebücher von Lydia, die vorerst als ein Zeichen innerer Leere wirken. Hannah, die Jüngste, die oft übergangen wird, beobachtet mehr und nimmt sehr viel wahr. Doch schweigt sie, wie der Rest der Familie. Der Junge, der wohl engen Kontakt zu Lydia hatte und sie zuletzt sah, schweigt ebenfalls…

Die Zeitung schreibt: „Lee als eine von zwei Asiaten an der Middlewood High – der andere ist ihr Bruder Nathan – fiel in der Schule auf. Allerdings scheinen sie nur wenige gut gekannt zu haben.“

Ein Selbstbild muss nichts gemein haben mit der Perspektive der anderen. Inwieweit kennt man die Menschen, die man liebt und die Personen seines Umfeldes wirklich?

Ng (sprich Ing) hat einen spannenden, feinfühligen Roman über die Stille und das Unaussprechliche innerhalb einer Familie und deren Umfeld geschrieben. Die Verletzungen liegen weit zurück und haben vor der Ehe ihren Anfang genommen. Es geht um Familie, Ausgrenzung und den Versuch der Anpassung. Ein psychologischer Spannungsroman, der jedem Protagonisten seinen Raum gibt. Jeder agiert in seinem selbst kreierten Universum. Jeder schweigt aus falscher Angst und erst dadurch wird das Drama möglich.

Ein vielschichtiger, kluger und beklemmender Roman über das Bild einer Familie, die mit sich selbst und ihrer Wahrnehmung innerhalb der Gesellschaft und deren Rollenbildern hadert. Der Rest ist Schweigen….

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Siehe auch die Besprechungen auf „Literaturen„, „Bücherwurmloch“ und „Buchlese

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Robert Scheer: „Pici“

Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück

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Es gibt viel Literatur, die sich mit dem Holocaust beschäftigt und mein Prüfungsthema zur Buchhändlerprüfung lautete „die Verarbeitung des Holocaust in der Literatur“. Daher habe ich bereits einige Romane und Erfahrungsberichte von Imre Kertész, Roman Frister, Inge Deutschkron u.v.m. gelesen. Es hat seine Zeit benötigt, damit die Betroffenen, die den Horror überlebt haben, über diesen Schrecken sprechen und schreiben konnten. So auch Pici, die sich erst ihrem Enkel, Robert Scheer, gänzlich öffnet und sich überwindet, alles erneut durch ihren Bericht zu durchleben.

Während der Ausbildung zum Buchhändler war wohl der Anstoß zu meinem Prüfungsthema unsere Reise mit der Berufsschule nach Krakau. Wir besichtigten das Konzentrationslager Auschwitz und das Vernichtungslager Birkenau. Diese Gedenkstätte hat mich durch ihren Umfang und die unfassbare Größe erschüttert. Gepaart mit den Bildern aus den Filmen, Tagebüchern, Erfahrungsberichten und Romanen wird dies für mich stets eine Erinnerung bleiben. Ich hoffe, dass alle Menschen aus dieser Geschichte lernen. Picis Erzählung dokumentiert ihren persönlichen Schrecken und ihren Verlust. Denn ihre ganze Familie wurde ermordet und sie hat lebenslang diesen Schmerz, der sich körperlich und seelisch zeigt, mit herumgetragen. Sie als Holocaust-Überlebende, die während des Nationalsozialismus ihrer Würde und Menschlichkeit beraubt wurde, macht nun durch ihr Gespräch mit ihrem Enkel, Robert, ihre Geschichte und mit ihr einige Menschen wieder sichtbar, die bisher nur Namen auf den Deportationslisten waren.

Ich habe Robert Scheer durch seinen Roman „Der Duft des Sussita“ kennengelernt. Dadurch dass wir beide Literatur und Hardrock lieben, gingen viele Mails zwischen uns bereits hin und her und es entstand eine Freundschaft. Daher war es mir unmöglich, sein neues Buch distanziert zu lesen.

PICI & Robert

Robert Scheer und Pici

2014 reiste Robert nach Israel, um dort seine Großmutter Elisabeth Scheer, genannt Pici, über ihre Kindheit und Jugend zu befragen. Diese Gespräche sind die Grundlage des Buches. Robert als Autor und Gesprächspartner nimmt sich sehr zurück und lässt Pici erzählen. In Picis Leben gab es reichlich erschütternde Momente. Sie griff aber immer nach kleinen Strohhalmen der Hoffnung und bewahrte sich ihre Liebe zu dem Leben und den Menschen.

Picis Erzählung beginnt mit ihrem Familienleben und ihrer Schulzeit in Carei. Der Schrecken beginnt für sie 1938 – 1939 mit der eisernen Garde und dem ausufernden Antisemitismus. Pici, die bis zum 2. Mai 1944 in einer Näherei gearbeitet hat, wird am 3.Mai 1944 mit ihrer Familie ins Ghetto geschickt und verlor ihr Zuhause. Die Deutschen waren bereits im März gekommen und forderten nun sämtliche Juden auf, alles abzugeben und ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen. Die erste Station der leidvollen Monate ist das Ghetto Carei, das sie aber bereits nach zwei Wochen verlassen und in das Ghetto Satu Mare gebracht werden. Im Juni kommen sie in die unmenschlichen Züge, die nach Auschwitz fahren. Pici als junge Frau überlebt die Selektion an der Rampe. Viele, besonders alte, behinderte, schwangere Menschen wurden gleich weiter in das Todeslager Auschwitz-Birkenau geschickt. Durch die Folter, Schikanen und Demütigungen verliert Pici ihren Lebensmut. Sie wird krank; nicht nur physisch, sondern auch seelisch und geistig. Sie war kurz davor, sich selbst das Leben zu nehmen. Im Juli 1944 wird sie ebenfalls nach Birkenau gebracht. Das drückende, hoffnungslose, fast schon abgestumpfte Dasein wird in Picis Bericht immer spürbarer. Durch eine erneute Selektion im August kommt Pici mit weiteren Frauen nach Nezweil (Walldorf) und wird zur Zwangsarbeit herangezogen. Die Letzte Etappe war Ravensbrück. Jedes Lager offenbart seinen eigenen unmenschlichen Schrecken. Pici überlebt als einzige ihrer Familie. Viele Lager werden gegen Kriegsende mit den Menschen, die nicht mehr laufen konnten, gesprengt.  Auf dem letzten Marsch kann Pici entkommen und erfährt später, dass der Krieg zu Ende ist.

Pici erlebte über ein Jahr extreme Zustände: Gewalt, Angst, Mangel und Trauer.

Roberts Großvater Iszidor, Pici und mein Vater Ivan

Nach der Befreiung lernt sie Izdor Scheer kennen und bekommt 1946 ihren Sohn Iván. 2015 stirbt Pici mit 91 Jahren. Auch wenn Pici „die Kleine“ heißt, war sie eine große Frau und hat sich trotz ihrer traumatischen Erlebnisse die Menschlichkeit, den Humor und die Liebe zurückerobert. (Foto: Roberts Großvater Iszidor, Pici und sein Vater Ivan)

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Robert Scheer

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Peter Nichols: „Die Sommer mit Lulu“

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Ein tragischer Familienroman, der in malerischer Kulisse spielt. Das Buch beginnt mit dem Ende der Geschichte im Jahr 2005 auf Mallorca. Die Familiensaga wird rücklaufend durch die Zeiten erzählt und nimmt uns mit ins mediterrane Idyll, das im Rückwärtslauf wohl immer schöner und unentdeckter wird.

Der Autor ist viele Jahre zur See gefahren und hat bereits einige Werke über die Faszination des Segelns geschrieben. Daher ist es nicht verwunderlich, dass dieser Roman ebenfalls Segeln und das Leben am und auf dem Meer beinhaltet.

2005 ist die Engländerin Lulu in ihrem neunten Lebensjahrzehnt angekommen, ohne dass ihr Umfeld davon wirklich etwas mitbekommen hat. Sie wird stets von ihren Gästen als viel jünger geschätzt. Sie betreibt schon länger ein Strandhotel, das stets von vielen Stammgästen bewohnt wird. Durch einen Schlaganfall verliert sie ihre begehrenswerte Erscheinung und ihre vornehme Art. Ihr Vokabular ist vulgär und grob geworden und passt sich etwas der folgenden Sichtweise der männlichen Protagonisten an. Sie geht zu einer für sie ungewohnten Zeit einkaufen und trifft Gerald, ihren Ex-Ehemann, der auch auf der Insel lebt. Beide sind sich Jahrzehnte aus dem Weg gegangen und haben sich nicht gesehen oder gesprochen. Es scheint in beiden ein tiefer Groll zu sitzen, denn bei ihrer Begegnung geraten sie in einen heftigen Streit. Sie stehen an den Klippen und Lulu strauchelt und fällt in die Tiefe. Gerald will sie noch halten, wird dann aber auch mit in den Tod gezogen.

Luc und Aegina, Lulus Sohn und Geralds Tochter aus jeweils zweiter Ehe treffen nun aufeinander, um die Toten zu identifizieren und beginnen sich zu fragen, was seit der sehr kurzen Ehe von Gerald und Lulu im Jahr 1948 passiert ist. Nun reisen wir als Leser Kapitel für Kapitel zurück in die Vergangenheit. Beginnend 2005 dann 1995, 1983, 1970, 1966, 1956, 1951 bis zum erklärenden Jahr 1948. Es ist eine doppelte Geschichte, einmal die in der Gegenwart von Luc und Aegina und dann die tragische Liebesgeschichte von Gerald und Lulu, die eigentlich nur einen gemeinsamen Sommer hatten. Der Spannungsbogen wird getragen von der Frage, was damals passiert sein muss, dass die Liebe zu Hass wurde. Die Geschichte ist durchwebt von Intrigen und Affären. Begehren, Sex und sogar Missbrauch macht eigentlich keinen der Protagonisten zu wahren Helden.

Der Roman ist eine kleine moderne überspitzte Odyssee. Gerald selbst ist mit seinem Segelboot die Irrfahrten des Odysseus nachgefahren und hat die möglichen Schauplätze gesucht und besucht. Seine Reise wird die im Roman wiederentdeckte literarische Sensation. Aber so finden wir auch im eigentlichen Text einäugige Riesen, bezirzende Sirenen und rachsüchtige Circen bis eine im übertragenen Sinne Heimkehr nach Ithaka, d.h. den Balearen, den Klippen von Cala Marsopa möglich ist.

Das Buch hat einige kleine Längen, die ich aber nicht störend fand. Der Roman sollte in einem Guss gelesen werden und kann ein unterhaltsamer Lesespaß für einen Sommerurlaub sein. Es ist ein Schmöker, der durch seinen klugen Erzählstil und die rückwärtige Chronik zu fesseln versteht. Ein unterhaltsamer, tragischer Familienroman mit Insel-Flair. Ich war noch nie auf Mallorca, hatte nun aber mal die Möglichkeit, etwas vom Charme dieser Insel einzuatmen. (Die Fotos zeigen die Küste um Taormina / Sizilien – ich bitte um Verzeihung 😉 )

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Patti Smith: „M Train“

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Patti Smith ist Poetin. Sie ist Musikerin und ihre Liebe zur Macht des Wortes hat sie bereits in ihren Songs bewiesen. Als Schriftstellerin zeigt sie eine persönlichere Seite und kann mich somit noch mehr erreichen. „M Train“ ist bereits ihre drittes Buch und sie taucht ein in ihre Erinnerungen. Sie erzählt über vieles und über gar nichts. Sie nimmt sich Raum für die Dinge, die ihr wichtig sind. „Es ist nicht so leicht, über nichts zu schreiben“. So beginnt sie in „M Train“ ihre Gedankenströme zu formulieren. Es sind poetische Erinnerungsfragmente über ihren Ehemann, die Kinder und ihre Reisen.

Patti Smith lädt uns ein, ihr zu folgen. In ihr Lieblings-Café, auf ihren Reisen und besonders in ihre literarische Welt. Sie liebt die Bücher von Murakami, Bulgakow, Burroughs und ist begeistert von den Werken der Beat Generation. Sie nimmt uns mit auf ihre Reisen nach Berlin, wo sie am Grab von Brecht aus „Mutter Courage und ihre Kinder“ singt, nach Japan, Mexiko und London. Sie reist u.a. auf den Spuren von Frida Kahlo und man spürt Smiths Verbundenheit zur Kunst und zum Leben. In allen ihren Betrachtungen ist ihre Menschenliebe zu spüren. Eine grenzenlose Liebe zu ihrem verstorbenen Mann, der sie zumindest gedanklich stets begleitet. Denn auch das sich lösen können ist ein langer Lernprozess.

Der Text wird aufgelockert und bekommt dadurch eine visuelle Vertiefung durch die selbstgeknipsten Polaroids. Diese Bilder runden das Buch als ein unterhaltsames, stimmungsvolles Kunstwerk ab.

Auch beschäftigt sich Smith mit Träumen. So erscheint ihr im Traum immer wieder ein rätselhafter Cowboy. Dieser ist in ihren Träumen gegenwärtig oder ist es Smith, die in seinen Träumen auftaucht…? Der kleine Cowboy als das Pendant zu den Schamanen in James Douglas „Jim“ Morrison? (siehe u.a. „Uns verbrennt die Nacht“ von Craig Kee Strete)

Patti Smiths Leben in New York ist erfüllt von ihrer Existenz als Schriftstellerin, als Schreiberin und Texterin. Wir folgen ihr in ihr Café und bekommen, während wir ihr über die Schulter schauen, permanenten Kaffeedurst. Denn sie liebt Kaffee und verbringt Stunden in ihrer Lieblingsecke und grübelt. Über alles und nichts… Und genau um das geht das Buch.

Ein schöner, poetischer Fundus an Erinnerungen, die mich jetzt beim Lesen mehr angesprochen haben als ihre Musik. Wobei ich diese niemals missen oder mindern möchte. Das Buch regt an, sich  noch mehr mit dieser Heldin auseinanderzusetzen. Die Gedankengänge von Patti Smith sind verkopft, spirituell und stets kunstvoll.

Zum Buch

Siehe auch Maras Besprechung auf Buzzaldrins Bücher

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Michael Chabon: „Telegraph Avenue“

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Es geht im Buch viel um Musik. Um die Leidenschaft, Musik zu hören, zu machen und besonders, Musik zu sammeln. Die Handlung spielt 2004 also zum Zeitpunkt der beginnenden und überhandnehmenden Digitalisierung. Doch wahre Liebhaber, die sich tiefgründig und umfassend mit Musikern und deren Musik beschäftigen sammeln ganze Alben. In der Telegraph Avenue hat Michael Chabon die Kirche des Vinyls für uns geöffnet. In dieser „Kirche“ treffen sich Menschen, die diese Leidenschaft eint. Es sind Jazz- Funk- und Bluesliebhaber die über diverse Pressungen und Konzerte sprechen. Der Laden lebt vom Verkauf diverser rarer LPs von teilweise vergessenen Genies, die durch Nachlässe oder andere Quellen ihren Weg in das Plattengeschäft „Brokeland Records“ geschafft haben.

Die Handlung ist geprägt von Gegensätzen und spielt in Oakland, einer schwarz geprägten Stadt der Bay Area. Der meist weiße Reichtum der Nachbarstadt ist noch nicht wirklich eingetroffen. Doch bahnt sich eine neue Lebensweise auch in der Telegraph Avenue ihren Weg zum Erfolg.

Der Plattenladen „Brokeland Records“ wird geführt von Nat Jaffe und Archy Stallings. Wir lernen beide in ihrem Geschäft kennen, als Archy einen Säugling im Arm hält, den er zum Üben ausgeliehen hat und nebenbei einhändig in dem neu eingegangenen Fundus einer Plattenkiste stöbert. Als Nat den Laden mit einer Hiobsbotschaft betritt ist in dieser Anfangsszene vieles vom Kommenden angedeutet. Das ganze Buch ist auch voller Anspielungen auf Literatur, Musik und Geschichte, so dass man als Konsument dieses Buches wohl viele überliest ohne diese zu verstehen oder sogar zu missen. Das Buch entpuppt sich als Reigen großartig gezeichneter Menschen und toller Geschichten.

Die Hiobsbotschaft ist der angekündigte Bau einer Mall nur wenige Straßenecken weiter. Dieser Konsumtempel soll Kinos, Gastronomie und viele Geschäfte beinhalten. Ebenfalls ist ein mehrstöckiges Musikgeschäft geplant, dass neben den herkömmlichen CD-Angeboten auch Vinyl-Raritäten im Sortiment führen soll. Der Stadtrat hatte bisher für die kleinen inhabergeführten Geschäfte gesorgt und diese unterstützt. Doch wurde er anscheinend bestochen, denn er macht es möglich, dass der reichste Afro-Amerikaner Gibson Goode in der Nachbarschaft diese Einkaufsmall errichten kann. Goode, einst Baseball-Legende und nun erfolgreicher Unternehmer, würde den kleinen Geschäften und somit auch dem Plattenladen von Nat und Archy die Existenzgrundlage nehmen. Auch bietet Goode Archy später sogar an, in der Vinyl-Abteilung zu arbeiten.

Doch ist dies nur einer der Handlungsstränge. Auch die Frauen von Nat und Archy haben berufliche Probleme. Archys Frau Gwen ist schwanger und arbeitet zusammen mit Nats Frau Aviva als Hebamme. Wegen der Schwangerschaft ist ein regelmäßiges Einkommen wichtig. Allerdings stellt sie auch jetzt gerade ihren Beruf in Frage und durch eine tragische Verkettung einer Hausgeburt, die in der Klinik endet, drohen den beiden Frauen auch noch der Lizenzentzug und eine Klage. Ferner hat Gwen ihren Mann Archy auch bei einem Seitensprung ertappt. Die ungewisse berufliche Zukunft und die privaten Probleme werden noch durch das Auftreten von dem Jungen Titus vermehrt. Titus ist der Sohn einer ehemaligen Geliebten von Archy. Diese Beziehung war vor der Ehe mit Gwen, hat aber Titus als Resultat und erst jetzt wird Archy mit dieser Tatsache konfrontiert. Titus befreundet sich mit Nats Sohn Julie, der sich Hals über Kopf in diesen verliebt.

Eine tolle, literarische Milieustudie, die viel zu entdecken bietet. Das Buch lebt von den Charakteren, den vielen Anspielungen, Verweisen und natürlich von der Leidenschaft zur Musik. Aber es geht auch um die Arbeit, die einem liegt und um die Leidenschaft, mit der man diese, seine Tätigkeit, füllen sollte. Das Buch ist gespickt mit Szenen, die voller Liebe zu deren Inszenierung sind, voller Humor und Genauigkeit. Auch hat Barack Obama eine kleine Nebenrolle als Konzertbesucher bekommen. Der Roman reflektiert die Jazz-Szene, das Milieu der Schwarzen und Weißen und deren Verhältnisse zueinander. Nat als weißer Jude, der in Richmond aufwuchs und nun aus Liebe zum Vinyl sich mit Archy zusammentut für eine, wie sie empfinden, höhere Sache.

Es gibt in diesem komplexen amerikanischen Roman sehr viel zu entdecken. Besonders die toll charakterisierten Menschen in diesem Werk gewinnt man sehr schnell lieb und wird sie so schnell nicht wieder vergessen. Wer den Roman noch nicht gelesen hat, darf sich auf einen tollen Lesespaß freuen!

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