Ulrike Schrimpf: „Lauter Ghosts“

Dieses Buch ist so furios und anders, dass man es konventionell liest, dann erkennt, daß es ein typischer Posting- und Kommentar- bzw. Chatverlauf ist und man blättert – vor und zurück –, um dann letztendlich doch alles chronologisch zu lesen. Im Höhepunkt wird der Text, wenn er die Realität streift, quer und gespalten. Erneut muss man sich in den Fluss einfinden, der dann gefunden, versucht ein Fundament zu bauen, um am Ende in den sozialen Netzen erneut zu einer Geistererscheinung zu werden. Das Buch spielt in einer Welt, die wir alle kennen und dann auch diese gänzlich verändert. Ein witziger und trauriger Kurztext, der durch seine Verspieltheit etwas ganz Neues kreiert und uns den Geist der Gegenwart erleben lässt.

Das World Wide Web und seine sozialen Netze sind ein neues Heim für uns alle geworden. Mehr oder weniger. Doch verselbständigt sich das dortige Sein und verändert uns gegenüber dem realen Leben. Zwei Menschen, die sich dort treffen und umeinander kreisen und sich dann eventuell treffen wollen. Treffen sie sich im wahren Leben? Was passiert in jener möglichen Nacht und was wird aus uns, wenn wir das Internet oder das wahre Leben verlassen. Sind wir Gespenster?

Die Kommunikationsplattformen bieten die Möglichkeit sich darzustellen, sich zu (er)finden und sich mit Gleichgesinnten zu verbinden und auch anonym zu verschwinden. Die Geister in diesem Roman nehmen immer mehr Gestalt an. Es sind Undine und Albert. Sie schreiben sich, nähern sich an. Posten, löschen und kommentieren. Andere lesen mit und interagieren. Auch wir werden Teil der Community und werden zu stillen Mitlesern. Beide tänzeln sprachlich umeinander und versprechen sich dabei. Die Postings sind Übungen für das wahre Leben. Die ersten Anrufversuche, die persönlichen Nachrichten sind Aufwärmversuche für das tatsächliche Treffen. Doch was ist das wirkliche Leben und was erlebt jeder persönlich dabei? Was, wenn das Leben doch nur eine Textdatei für den anderen ist und letztendlich doch die Einsamkeit obsiegt?

Dieser Roman ist ein Liebesroman, der sich ganz anders verhält. Er bedient sich des Leseverhaltens, das sich durch die sozialen Netze gebildet hat. Man scrollt sich hiermit durch die Geschichte und verliert sich dabei und das Gelesene verankert sich im eigenen Geist. Das Buch ist eine unerschöpfliche Quelle an etwas neuem und doch schon alltäglichem, das sich uns immer mehr selbstentfremdet oder doch vereint? Es geht um Zuneigung und die menschliche Begegnung. Eine Verbindung, die wo auch immer stattfinden mag. Zwei Liebende werden umspielt von Stimmen aus der WWW-Gemeinschaft, die wie ein griechischer Chor vom eigentlichen Drama singen. Doch ist dieser moderne Gesang auch unglaublich witzig, wenn es wiederum nicht so traurig wäre.

Beim Beenden regt sich der persönliche Geist und verklingt, um dann durch das erneute Blättern im Buch genau jenen zu beflügeln. Am Ende steht man da und ruft laut aus, was für ein Buch! Ein Printmedium, das die Metaebenen durch Inhalt und Form durcheinanderwirbelt. Am besten selbst erleben und sich dem Aufbau, dem Sprachklang und der Cleverness hingeben. Geist werden! (Zwinkerndes Emoticon)

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Jenny Hval: „Gott hassen“

Das Buch strömt eine Faszination aus, die das innere Brachiale erklingen und erzittern lässt. Es ist tief verwurzelt in der Musikgeschichte und dem feministischen Aufschrei. Geschrien wird hier laut, denn diese Musikgeschichte basiert auf den tieferen und düsteren Kunstströmungen des Heavy Metal, dem Black Metal, der sich von Norwegen aus verbreitete. Diese Musik ist das Klangbild eines Aufschreis gegen das Konservative und orientiert sich am Heidnischen, Nihilistischen oder Misanthropischen. Der Musikaufbau, der durch Gitarrenriffs dominiert ist, ist zuweilen monoton, langsam und extrem schnell. Ein Wechselspiel, das bestimmte Emotionen heraufbeschwören möchte. Der Rhythmus trommelt von langsamen Passagen zu geballerten Doublebass und Blastbeats und der Gesang lebt von Gegrowle, gutturalem Gesang und von sehr hohem Schreien. Diese Musik erschließt sich einem nicht sofort und es bedarf eines genauen Hinhörens und eines sich Einstimmens in die Gefühlswelt, die meist düster und böse ist. Oft wird diese Kunst abgestempelt als primitiv oder sogar menschenverachtend, sinnlos zerstörerisch, narzisstisch und rassistisch. Doch ist es wie in jeder Kunst ein Bild, das von vielen getragen wird und lediglich provozieren möchte und sich nicht verallgemeinern lässt. Verstörend und faszinierend ist es aber ganz gewiss. Dies lässt sich auch auf den Roman von Jenny Hval anwenden.

Der Text liest sich traumwandlerisch, aber beginnt authentisch und hat zuweilen etwas Dokumentarisches. Es ist die Verwandlung einer Schülerin zu einer Frau, die auf sich schaut und auf ihren Weg. Ein Weg, der von kreativem Hass geprägt ist. In der Ortschaft, in der sie lebt und zur Schule geht, ist alles weiß. Der Schnee, die Regale und die Zäune. Auch der Glaube ist hell und bestimmend. Dies lässt sie ins Dunkle blicken. Doch aus der düsteren Betrachtung, dem egozentrischen Primitiven, wachsen eine Stärke und eine Solidarität. Die Gemeinschaft des Okkulten, des Feministischen und besonders der bleibenden Magie im Leben, die dies alles vereint. Als Schülerin verbindet sie ihren Alltagsblick mit dem Soundtrack des Black Metal und beschäftigt sich mit den Künstlern um Fenriz, Nocturno Culto und zum Beispiel Tom G. Warrior. Die meisten Musiker zieren sich mit Kunstnamen, um eine mystische, unheimliche Aura zu erzeugen. Das Bild ist hierbei oft ein Männliches. Somit webt der Roman einen Resonanzraum zwischen hell, dunkel, Frau und Mann. Der Titel ist ein Aufruf, den sie beständig wiederholt und ist dem wohl vergifteten Gottesbild unserer Gesellschaft geschuldet. Gott als strafende und richtende Macht, die oft auch dem Männlichem angepasst wird. Die spätere Frau wurde lediglich aus der Rippe des Mannes geschaffen. Somit ist dieser romanhafte Aufschrei ein fast schon logischer. Es kommt ein weiterer Aufschrei hinzu. In den Erinnerungen der Erzählerin rotiert alles: Gefühle, Gedanken und Geschichte. Sie betrachtet ihr Leben und streift dabei einen Hexenzirkel in Oslo und ein zeitreisender Edvard Munch kommt in die Stadt, um auch einer Band beizutreten. Band als Bild einer Musikgruppe oder auch als Verbindungslinie. Die Bilder beginnen fortan den Text zu dominieren. Munch wird von seiner Kunst, der „Pubertät“, verfolgt und die Naturmetaphorik des Black Metal und der wahren Umgebung verschluckt letztendlich etwas. Bei Munch denkt man oft an sein Werk „Der Schrei“. Doch auch dieses Werk spielt mit seinen Betrachtern. Denn wer oder was schreit hier wirklich? Die menschliche Figur hält sich die Ohren zu und reißt den Mund vor einem rot-gelben Himmel angstvoll auf. Somit schließt sich auch hier eines der Bilder, die dieser Roman erzeugt. Ein Spiel mit Ungewissheit und der Suche nach Menschlichkeit und Freiheit.

Ein Roman, der Körperliches neben das Geistige stellt, mit den Kontrasten spielt und die Polaritäten des Lebens erhellt. Ein Buch, das gleich der beschriebenen Musik, erschreckt, fasziniert und aus Beklemmungen befreien möchte. Kann Freiheit im Hass gefunden werden? Ein wahrlich kraftvoller Rausch, der uns in seinen Bann zu ziehen vermag. Die Vermischung ist hierbei auch in der Literatur gelungen: Autofiktionales mit bizarrer Kunst. Jenny Hval, geboren 1980 in Oslo, ist Musikerin und Autorin. Sie hat einige Platten aufgenommen, die mit Musikpreisen ausgezeichnet wurden. Auch ihre Romane werden nun gefeiert. „Gott hassen“ wurde aus dem Norwegischen von Clara Sondermann übersetzt.

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Herbert Clyde Lewis: „Gentleman über Bord“

Eine Geschichte um einen, der über Bord geht und allein im Ozean auf seine Rettung hofft. Das Bild der Schiffbrüchigen, des Ertrinkenden und der Rettung auf eine einsame Insel gab es oft. Doch die Geschichte, die hier erzählt wird, ist anders und zeigt neben der spürbaren Einsamkeit auf hoher See den turbulenten Kosmos einer ganzen Gesellschaft anhand weniger Nebenfiguren.  

Endlich gibt es diesen Meeresklassiker in der deutschen Übersetzung. Der Roman wurde aus dem Amerikanischen übersetzt von Klaus Bonn und ist mit einem lesenswerten Nachwort von Jochen Schimmang (siehe im Leseschatz: „Laborschläfer“) versehen.

Ein wohlsituierter New Yorker Börsenmakler und Geschäftsmann stürzt mit seinen 35 Jahren in eine Sinnkrise. Er verlässt seine Kanzlei und seine Familie, um dem hektischen Alltag zu entkommen. Er bucht eine Schiffsreise. Nicht auf einem Luxusliner, sondern auf einem Frachter, der für wenige Passagiere Kabinen bereitstellt. Auch die Passage ist eine ungewöhnliche und geht durch wenig befahrenes und sehr ruhiges Gewässer. Er genießt die Schiffspassage und kommt zur Ruhe. Er betrachtet gerne die Sonnenunter- und Sonnenaufgänge und weiß sich gegenüber den Mitreisenden und dem Bordpersonal stets als Gentleman zu benehmen. Er ist ein Edelmann und mimt diesen in seiner fast schon biederen Art. Hier auf dem Schiff öffnet sich ihm ein neuer Horizont. Er nimmt sich Zeit, die anderen Menschen zu beobachten und mit diesen zu interagieren.

Er steht morgens zeitig auf, um seine Lieblingsplätze an Deck zu betreten und die Naturschauspiele zu beobachten. Vor dem Frühstück ist er somit schon draußen anzufinden. Am dreizehnten Tag an Bord der S.S Arabella passiert das Unglück. Er macht einen ungünstigen Schritt, rutscht auf einer Öllache aus und landet kopfüber im Ozean. Der kalte Aufprall lässt ihn vorerst den Schrecken vergessen. Dann erst setzt die Angst vor der Schiffsschraube ein und viel später die Angst vor dem einsamen Ertrinken. Erst ist ihm das Geschehene sehr peinlich. Wie konnte ihm, einem Gentleman, das passieren? Erst viel zu spät beginnt er zaghaft zu rufen, doch zu spät, das Schiff fährt weiter.

Er hofft im ruhigen Ozean, dass die Arabelle umdrehen wird, um ihn zu retten. Er geht davon aus, dass die Mitreisenden jetzt genauso an ihn denken wie er an sie. Sein Fehlen muss doch auffallen. Doch leider ist ein kleiner Streit an Bord ausgebrochen, die Mitreisenden sind gehemmt, genauer nach ihm zu fragen oder gehen von falschen Tatsachen aus. Bis er dann Stunden später doch vermisst wird.

Der Blick des auktorialen Erzählers verweilt beim Gentleman, der über Bord gegangen ist und den Menschen an Bord der Arabella. Dabei wird der Text zu einer großartigen Drama-Komödie. Denn die Menschen, die Passagiere, spiegeln die ganze amerikanische Gesellschaft. Die Welt an Bord des Schiffes reicht vom einfachen Farmer bis zu den Vertretern des moderneren Aktienhandels. Was passiert mit Menschen, die ihren sicheren Boden verlieren und kopfüber aus ihrer Scheinwelt fallen?

Eine schöne Wiederentdeckung und ein maritimer Leseschatz, der die Widersprüche der menschlichen Existenz einfängt.

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Christopher Ecker: „Die beste Hummelgeschichte der Welt und andere Geschichten“

Christopher Ecker liebt es zu fabulieren. Seine Werke sind fantastisch, klug und stets einfallsreich. Seine Texte, ob Lyrik, Romane oder Kurzgeschichten, bringen unsere Welt in Schräglage und sind herrlich seltsam. Das neue Buch offeriert sofort eine Frage, ob es sich hierbei um Kindergeschichten handelt. Erneut hat er mit dem Illustrator Jens Rassmus zusammengearbeitet. 2014 erschien bereits ihr Bilderbuch „Käpten Eichhörnchen und die Zaubertür“. Die neue Anthologie „Die beste Hummelgeschichte der Welt und andere Geschichten“ beinhaltet aber Geschichten, die wohl den Horizont eines Kinderbuches überschreiten. Kinderaugen mögen dies überlesen können und der Erwachsene versteht den Bezug der Skurrilität zur Realität. Somit könnte man sagen, dies sind Geschichten für Erwachsene, die wie Kindergeschichten erzählt werden.

Egal ob nun kleine oder große Menschen diese Erzählungen lesen, finden wird jeder sein Leseabenteuer voller Humor, Tiefgang, Schräglage und Unheimlichem. Man kann auch, wenn es mal unheimlich wird, durch diese Geschichten zuweilen seinen Mut finden, wenn er uns denn durch die Zeilen anschimmert. Tiere kommen vor, zum Beispiel Katzen, die sich als Hunde verkleiden oder andersherum. Oder war es ein Dachs, der uns dies weismachen möchte? Die Hummeln, die sich in der titelgebenden Geschichte treffen, wollen die Hummelliteratur retten. Wie dies gelingt, liegt im selbigen Abenteuer. Eine Hand, die sich verselbständigt und dem Träger somit befremdlich behilflich sein kann. Ein kleiner Mensch, der Mathelösungen ins Ohr zu flüstern weiß und letztendlich ist es immer Christopher Ecker, der uns durch seinen Blick teilhaben lässt an der umgekippten Welt, in der wir leben. Denn es gab einst einen Zauberer, der sich stets verzauberte und sein letzter Trick ließ ihn als Ecker, den Autor dastehen, der nun durch Worte zaubert und verzaubert oder entzaubert. Denn das Fabelhafte in diesen Fabeln ist das Kindliche, das Komische, das uns das Gruseln vor der Realität lehrt. Die Umkehr eines Pickels zum Beispiel. Ein Schulmädchen, das eines Tages einen Pickel bekommt, der so sehr wächst, dass am Ende der Pickel das Mädchen trägt. Ein Pickel, der in Menschengestalt in der dortigen Regierung Karriere macht und sich meist doch nicht gut auszudrücken versteht. Durch diese Geschichte schaut man umher und fragt sich, wie viele Pickel uns im Leben begegnen und hofft auf die Hummeln, die uns dann retten. Denn was am Ende steht, ist die Gewissheit, es gibt immer noch Hoffnung, auch wenn irgendetwas ganz schief läuft, der Zauber versagt hat oder die Handwerker, die etwas richten sollten, einfach bei uns einziehen.

Ecker ist der Zauberer, der die Literatur rettet und egal ob jung oder alt, gelesen gehört. Damit meine ich alle seine Werke, denn Christopher Ecker unterhält nicht nur gut, sondern schreibt wunderbar und verinnerlicht den klugen Witz, der in Bezug auf unsere erlebte Wahrheit Bizarres und Unheimliches aufzeigt. Philosophisches tanzt in seinen Texten immer mit der guten Unterhaltung.

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Rónán Hession: „Leonard und Paul“

„Leonard und Paul“ ist ein warmherziger, kluger und unaufgeregter Roman voller Hingabe zum Leben. Es geht um die Reduktion im turbulenten und immer schneller gewordenen Alltag. Mit ganz viel Sanftmut werden hier Charaktere beschrieben, denen wir an wenigen Tagen folgen dürfen und die mit jeder Zeile eine Nähe zulassen, dass es schwer fällt, sich nicht von diesem wunderbaren Text berauschen zu lassen und in das Buch und seine Figuren zu verlieben.

Das Leben ist eine Fülle an Nichtigkeiten, die uns jeden Tag widerfahren. Aber gerade diese Dinge des Lebens machen das Alltägliche zu etwas Liebenswertem. Auch das Printmedium, das es ausschließlich im Buchhandel gibt, verdeutlicht die zwei Seelen des Inhalts. Es ist sehr aufwendig und schön gefertigt und doch ist die Gestaltung minimalistisch. Das Schöne im Detail. Ein Mondfisch, der im Text auch eine kleine Betrachtung einnimmt, ziert das Covermotiv. Dies ist ein skurriler Fisch, der gerade durch seine Besonderheit geliebt wird. Auch die Tätigkeiten von Paul und Leonard verdeutlichen den Bezug zu Althergebrachtem und dies auch jeweils in der Nebenrolle. Paul ist Aushilfspostbote und sein bester Freund, Leonard, arbeitet als ungenannter Autor, der für Hauptautoren, Texte für Nachschlagewerke verfasst. Leonard schreibt während der Arbeitszeit an einem eigenen Projekt, er möchte ein Buch über die Römerzeit für Kinder schreiben, in dem nicht die üblichen Klischees erzählt werden, sondern er möchte den kindlichen Alltag betrachten. Wie wurde die Cäsarenzeit aus Kindesaugen gesehen? Dieses Buchprojekt spiegelt den Inhalt von „Leonard und Paul“ in unserer Gegenwart.

Es ist die Geschichte zweier Freunde, die introvertiert sind und doch zuweilen für sich die kleinen Abenteuer des Lebens suchen. Sie sind unbewusst auf der Such nach dem Verständnis für das, was im Leben wahrhaftig von Bedeutung ist. Sie spielen lieber Brettspiele, als sich dem Lärm der äußeren Welt zu stellen. Nicht die Mutter, die zwar auch am Anfang des Romans stirbt, sondern der Vater ist auf tragische Weise schon bei der Geburt von Leonard gestorben. Paul lebt bei seinen Eltern, die ihren Kindern stets zur Seite stehen. Paul hat eine Schwester, Grace, die gänzlich in ihren Hochzeitsvorbereitungen steckt. Leonard arbeitet in einem Großraumbüro und isoliert sich während seiner Arbeit. Paul, der lediglich zwei bis drei Mal im Monat tatsächlich Post austragen soll, versucht, seinen Alltag mit Kampfsport und mit Besuchen von Patienten im Krankenhaus aufzufrischen. Die Gespräche mit den meist älteren Kranken sind aber niemals so erfüllt wie der sinnvolle Austausch mit seinem besten Freund. Leonard lernt bei einer Feuerübung im Büro Shelley kennen und diese Begegnung setzt Veränderungen in Gang. Das Leben der Freunde, das bisher in ruhigen und geordneten Bahnen verlief, bekommt neue Anreize. Denn auch Paul widerfährt etwas, das durch seinen Beitrag für eine Ausschreibung der Industrie und Handelskammer seinen Anfang nimmt.

Die Charaktere sind herrlich normal und doch skurril, nerdig und in sich gekehrt und verdeutlichen die Menschen, die im Alltag oft oder meist übersehen werden. Die Begeisterung in dem Buch liegt in den beschriebenen Eigenschaften: der Freundlichkeit, der Sanftmut und der Bescheidenheit.

Diesen Roman muss man einfach liebhaben und er war der Buchhändlerliebling in England und Irland. Rónán Hession ist ein irischer Schriftsteller und Musiker. Unter dem Namen Mublin´Deaf Ro hat er bereits Musikalben produziert. Auch die Geschichte zu der deutschen Veröffentlichung ist eine besondere. Frauke Meurer und Torsten Woywod, beide in der Buchwelt nicht unbekannt, haben sich in den Roman verguckt und wollten das Buch veröffentlichen. Sie gründeten ihren eigenen Verlag „Woywod & Meurer“. Für die Übersetzung konnten sie Andrea O´Brien gewinnen. In Irland und England war das Buch sehr erfolgreich und wurde mit diversen Preisen versehen. Somit ist nun zu hoffen, dass sich dieser Roman auch in der deutschen Übersetzung aus dem Indieverlag gut behaupten wird. Zu wünschen ist es dem Werk, denn selten macht ein Roman so viel Freude und lädt von vornerein ein, sich in den Zeilen sofort wohl zu fühlen. Ein herzlicher und sehr humorvoller Roman über Freundschaft und Liebe. Im Mittelpunkt stehen das, was im Alltag übersehen wird, und die Erkenntnis, dass es gut ist, anders sein zu dürfen. Wir (d.h. die Meisten) sind Nebenfiguren, die die Welt verändern können.

Vielen Dank an den Verlag für meine Nennung in den Danksagungen.

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H. Dieter Neumann: „Auf Tiefe“

Die Leidenschaft von H. Dieter Neumann ist das Meer. Somit versammeln sich in dieser kleinen Anthologie Seestücke aus dem Norden. Es sind von ihm ausgewählte und sogar preisgekrönte Kurzgeschichten.

Eigentlich ist der Autor vorrangig durch seine Kriminal- und Spannungsliteratur bekannt. Nun hat er den Horizont auf sein Schaffen erweitert. Es gibt mystische, anspruchsvolle und unterhaltsame Erzählungen zu entdecken. Zuweilen düster, humorvoll aber meist sehr fesselnd.

Eingeleitet werden die Geschichten durch stimmungsvolle Schwarz-Weiß-Fotos.

„Auf Tiefe“ kann mit diesen Erzählungen nautisch aber auch literarisch erfasst werden. Es sind von Salzwasser getränkte Geschichten, die das Meer als Metapher in seiner ganzen Facette einfangen. Die ruhige und glatte See kann innerhalb eines Augenblicks aufbrausen und bedrohlich sein. So wandelbar sind die Charaktere und ihre Erzählungen in dieser Anthologie. Alle eint die Liebe oder die Abhängigkeit zum und vom Meer. Ein historischer und moderner Blick auf Küstenmenschen, die Trauriges, Wahres und auch sehr Unheimliches zu erzählen haben. Die Küste wird zum Beispiel Zeuge von Mord, von unheimlichen Erscheinungen, von einer wahren Flucht aus der DDR, vom Bootsbau und dem kapitalistischen Wandel und von einem, der seinen Glauben verlor. Es sind Geschichten, die eine verfremdete Art der Geborgenheit hervorrufen und uns zuweilen doch dabei erschauern und erstaunen lassen. Morbides sowie Gruseliges und Mythenumranktes treffen auf Schönes und offenbaren die Schattierungen des menschlichen Lebens am und auf dem Meer.

Dies ist erneut ein Leseschatz, den ich vorab lesen durfte und auf dem ich auf der Rückseite aus obigem Text zitiert werde.

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Mirja Lanz: „Sie flogen nachts“

Dieses Buch ist lyrische Prosa und spielt mit Klang und Wortbildern. Das stimmungsvolle Erleben des Textes wächst mit den Wörtern zu den jeweiligen Abschnitten und Tageskapiteln. Zuweilen werden auch Bilder mit den Buchstaben erzeugt. Bilder wie tropfender Regen oder schmelzender Schnee. Somit ist dieses Werk ein Gesamtkunstwerk, das nicht wegen eines reinen Handlungsverlaufs gelesen werden sollte. Denn den Inhalt zu erfassen, ist in einer leidlichen Inhaltsangabe fast unmöglich, denn dieser Debütroman ist handlungsarm und doch erzählt er viel. Die Emotionen, die der Roman entfaltet, erzeugen durch das Klangbild, die Metaphorik und das Spiel mit den Begriffen und den Neuprägungen des Wortklangs einen Lesegenuß. Oft tauchen zuweilen auch finnische Vokabeln auf, die im Kontext zu verstehen sind oder erklärt werden. Die Liste der finnischen Wörter wird aber im hinteren Teil des Buches erklärt.

Wie ein sanfter Regenschauer tröpfelt die Erzählung und verbreitet eine zarte Melancholie, die in eine Schönheit fließt. Tropfen, die auf eine Wasserfläche fallen und somit immer größer Kreise auf der Oberfläche erzeugen. Doch der Blick verweilt nicht auf der Oberfläche, sondern geht durch die erzeugten Bilder immer tiefer.

Aava ist nach Finnland, woher ihre Vorfahren stammen, gekommen. Sie sucht ihre dortige Verbindung, Wurzeln und Familie. Alles ist durch den Winter gefärbt und zugedeckt. Auch sie befindet sich in einer Art des Winterschlafes. Sie zieht sich in die Hütte ihrer Tante zurück und genießt die Natur und erlebt diese in ihrer ganzen Vielfalt. Sie badet in der finnischen Sprache und erkundet die Umgebung durch Langlauf. Der Schnee, der die Klänge schluckt taut irgendwann aber auf und das Eis beginnt zu schmelzen. Etwas hat lange geschlummert und bahnt sich seinen Weg aus dem Unterbewussten. Das Unterbewusstsein und das Zugedeckte erhalten durch das Tauwetter ein Eigenleben und sprießen langsam empor, um zu wachsen. Es ist die Geschichte ihrer Familie, der sie nachgehen und nachspüren möchte. Voller Poesie und Fantasie tastet sie sich in die inneren und äußeren Räumlichkeiten. Das vorerst Unklare wird immer deutlicher und die Handlung beschreibt eine Rückkehr. Zu den Wurzeln, der Familie und der natürlichen Umgebung.

Das Buch ist ein Klangwunder und lebt von der Entschleunigung, die uns selbst beim Lesen erfasst. Ein Text, der zuweilen ungewöhnlich zu lesen ist (zum Beispiel Wortbilder, die von oben nach unten ihren Inhalt preisgeben), aber gerade dadurch eine große Faszination ausübt.

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Rainer Wittkamp: „Mit aller Macht“

Dieser Roman ist ein Vermächtnis in Hinsicht auf den verstorbenen Autor und auf die erzählte Geschichte. Im Mittelpunkt steht eine Familiengeschichte über zwei Generationen im zwanzigsten Jahrhundert, die in der Scharfrichter-Tradition mündet. Die agierenden Figuren sind zuweilen historischen Persönlichkeiten nachempfunden. Dennoch ist es ein Roman. Ein Werk, das durch seine Ehrlichkeit und die geschilderten Schrecken, einen Spannungsbogen aufbaut und die Charaktere fein herausplastiziert. Hier stehen das Private, das Idyllische dem Kalkül eines Staatsapparates gegenüber. Die Hingabe zum Erfolg und der Wille zur Macht sind dabei die Motivatoren. Zwei politische Strömungen geben den Hintergrund für die Henkers-Geschichte. Die des Nationalsozialismus und später die Entwicklung im geteilten Deutschland, besonders in der DDR, in der die Todesstrafe noch vollzogen wurde. Im Roman wird die individuelle Schuldfrage in einem totalitären Staat beleuchtet und übt dadurch eine makabre Faszination aus.

Peter Körber wird am Anfang von einem Genossen gebeten, noch einmal für den Staat seiner Aufgabe als Scharfrichter nachzukommen. Eigentlich hat er aufgehört, ist gebrochen und will nicht mehr, doch das perfide Machtspiel geht weiter, denn der Staatsapparat hat Informationen für ihn, die sein Leben verändern könnten. Um die richtige Antwort geben zu können, blickt er zurück auf sein Leben und liest die Tagebücher seines Vaters, den er nie kennengelernt hatte.

Peters Geschichte beginnt in Leipzig  Ende 1943 nach einem Bombenangriff. Er wird als Dreijähriger von seinem Vater bei seiner Tante abgegeben, bei der er fortan aufwächst. Als die DDR gegründet wird, kann er sich mit den Ideologien des Staatsbildes gut identifizieren, denn der Mann seiner Tante ist sehr prinzipientreu und hat Peter ebenfalls so geprägt und erzogen. Er ist ein guter Schüler und fällt bereits im Studium höheren Instanzen positiv auf. Er studiert an der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft und erhält später auch im Ministerium für Staatssicherheit eine Einstellung. In seiner Freizeit liebt er es, mit seinem besten Freund Jazz zu hören und im Ministerium kann er seine Liebe zur Kunst sogar gut einbringen und macht dadurch Karriere. Peter ist parteihörig und bleibt seinen Ideologien stets treu. Seine Macht wächst und er wird wohl auch dadurch im Privatleben kein guter Ehemann. Er hat seine Frau durch die Liebe zur Kunst kennengelernt. In seiner Ehefrau erwacht ein stiller, rumorender Freiheitsdrang, dem sie nachgibt, als Peter ihr etwas Schlimmes antut. Ihre Flucht in den Westen wirkt sich auch auf Peter aus, denn er wird vor die Wahl gestellt, Jahre im Gefängnis zu verbringen oder sich als Scharfrichter zu rehabilitieren. Hierbei wird ihm angedeutet, dass ihm der Henkersberuf im Blute liegen würde. Jetzt stößt er zum ersten Mal auf die Geschichte seines leiblichen Vaters.

Fritz Wernicke, geboren 1910, will mit aller Macht in der Hotel- und Gastronomiebranche Erfolg haben und träumt von einem eigenen Hotel. Er ist auch sehr erfolgreich und will in der Schweiz seine Kenntnisse erweitern. Doch hier wird er Opfer von Betrügern und geläutert beginnt Fritz als Oberkellner erneut in einem Hotel in Leipzig. Durch die gefühlte familiäre Zuwendung zum Besitzer und der Liebe zu dessen Tochter wird Fritz in den Betrieb gänzlich integriert. Doch geht der Hotelbesitzer einer Nebentätigkeit als Henker nach, die seit vielen Jahren in seiner Familie weitervererbt wird. Da Fritz auf die weitere Gunst des Mannes hofft, bewirbt er sich als dessen Scharfrichterhelfer. Der Beruf, der eigentlich ein gesellschaftlich verpönter ist, bekommt durch den beginnenden Nationalsozialismus einen ganz anderen Stellenwert.

Der Roman erzählt von Freiheit und Selbstbestimmung innerhalb zweier totalitärer Staatsbilder. Staatsapparate, die die Agierenden für sich beeinflussen und manipulieren konnten. Die persönliche Verstrickung und die Bereitschaft, für die eigene Macht oder den Machterhalt in der Vernichtungsmaschinerie fast alles zu tun, zeigt das wahre Gesicht dieser Dunkelheit.  

Rainer Wittkamp konnte die Veröffentlichung dieses Romans leider nicht erleben. Er starb Ende 2020 überraschend und sein Verleger, Günther Butkus, hat mit Alexander Häusser sehr sensibel diese endgültige Fassung erarbeitet. Ich bin dankbar, dass ich bei der Entstehung des Textes von vornerein involviert war und mit einwirken durfte. Daher durfte ich auch erneut einen Text für die Rückseite des Buches beisteuern. Ein spannender und beeindruckender Roman.

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Jorge Zepeda Patterson: „Das Schwarze Trikot“

Vive le Tour! Das Rundrennen ist für mich eines der Höhepunkte der alljährlichen sportlichen Ereignisse. Kein geringerer als Jorge Zepeda Patterson setzt nun der Tour de France ein spannendes und denkwürdiges Denkmal. Spätestens wenn der Arc de Triomphe nach den schmerzhaften drei Wochen in das Sichtfeld der Fahrer rückt, werden zumindest im Roman aus Kollegen blutige Konkurrenten.

Jorge Zepeda Patterson schafft es, einen sofort in den Rausch der Handlung zu ziehen und man muss sich anstrengen, nicht selbst außer Atem zu gelangen. Mit wenigen Skizzen ist der Leser sofort Bestandteil des „Tête de la course“. Patterson versteht es, die Strapazen, die Entbehrungen und den Schmerz der Sportler einfühlsam in Worte zu kleiden und setzt dem Ganzen eine gehörige Kröne auf. Denn es geht nicht nur um das Erreichen der Siegertreppe, sondern es geht in dem Rennen des Jahres 2015 um Leben und Tod. 

Der Adrenalinrausch des Wettkampfs bekommt eine ganz neue Quelle und man sitzt mit im Sattel der Charaktere und erklimmt jede Bergwertung mit, um sich dann in einem halsbrecherischen Tempo in die Tiefe zu stürzen.

Für mich als Fan der Tour ein purer Lesespaß. Jedes Jahr machen wir in der Buchhandlung im Kopf Urlaub, wenn wir auf den Monitoren den Sportlern folgen. Die Leistung, das Rennen und die Regionen sind für uns schöne visuelle Anregung. Nun hat unser Kopfurlaub eine literarische Dimension erlangt und verbindet meine großen Leidenschaften: Radsport und Lesen. Also rauf auf den Sattel und los – Vive le Tour! Die Übersetzung stammt von Carsten Regling.

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Franziska Gerstenberg: „Obwohl alles vorbei ist“

Der Roman ist ein exzellentes Spiel aus psychologischem Familienroman und Weltgeschichte. In der Handlung schleicht sich in der geschilderten Beziehung eine Trennung hinein. Diese innere und im wahrsten Sinne gezogene Mauer ist auch der politische und geschichtliche Blick der Trennung von Ost und West und der langsamen Aufarbeitung. Etwas, das familiär zusammenlebt und sich gefunden hat, verliert sich und eine radikale Aufteilung führt in die Katastrophe. Obwohl dann alles vorbei ist, machen wir Menschen weiter und die ungewollte Aufarbeitung hindert uns am gemeinsamen Leben.

Der Roman erzählt fast immer chronologisch und aus wechselnden Perspektiven der Familienmitglieder. Die Handlung spielt in den Jahren 2000 bis 2020, in denen sich das Finden, Trennen und das katastrophale Experiment dieser Familie ereigneten. Jede Perspektive hat ihren eigenen Klang und Verständnis der Geschehnisse und weckt beim Lesen jeweils eine enorme Empathie für die agierenden Charaktere. Der Roman ist wunderbar geschrieben und baut langsam das Zerwürfnis auf, das in der Spaltung und Tragödie mündet. Bereits als sich das junge Paar findet, ist eine Diskrepanz zu spüren. Das Faszinierende und der Wunsch nach Liebe liegen neben dem Übersehen der Unstimmigkeiten. Ganz feinsinnig tastet sich die Autorin an ihre Figuren und deren ungewöhnliche Geschichte heran und steigert sich in der Spannung und der psychologischen Analyse, in der beständig unsere Zeitgeschichte reflektiert wird.

Charlotte lernt Simon auf eine holprige Weise in Berlin kennen. Durch das Spiel mit einer Wasserflasche und einem kleinen Sturz begegnen sich die beiden, aus denen später ein Paar wird. Charlotte arbeitet in einer Agentur, die sich um Werbetexte und um unternehmerische Internetauftritte kümmert. Simon ist Schauspieler und hofft auf eine Karriere beim Film, die er durch ein Casting für eine Krimiserie starten möchte. Die beiden suchen den Weg zueinander und die gemeinsame Liebe. Ihr Weg ist kein geradliniger und als ihre Eltern, die in Dresden wohnen, sie besuchen möchten, um Simon kennenzulernen, sterben diese bei einem Unfall. Genau am Tag als sich auch das Weltbild wandelt durch die Anschläge in New York. Da das Paar stets nach einer geeigneten gemeinsamen Wohnung gesucht hat, sieht Charlotte eine Gelegenheit als sie das Elternhaus in Dresden erbt. Doch Simon hadert und freut sich nicht, willigt dann aber doch, kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes, ein.

Für den Traum des gemeinsamen Lebens machen beide Kompromisse. Beide verzichten auf ihre beruflichen Karrieren und der Traum wandelt sich kontinuierlich in einen Alptraum. Dies erleben besonders ihre Kinder, Greta und Karl. Greta, die ältere Tochter, hat eine engere Bindung zu Simon und Charlotte vergöttert Karl. Die Eltern streiten sich oft und als es immer unerträglicher wird, ziehen sie eine Reißleine. Eine Linie, die sich als Trennungsstrich durch das ganze Haus zieht. Haus und Familie werden aufgeteilt und das Leben in der Disharmonie erschüttert das Zusammenleben.

Sofort ist man verbunden mit den Charakteren und der Mahlström der Handlung reißt einen gänzlich mit. Das ungewöhnliche Familienbild wird dabei niemals überstrapaziert, sondern ist trotz des psychologischen Kampflatzes ein Ort, in dem man literarisch gesehen gerne Platz nimmt. Ein unerbittlicher Bericht über zwei Jahrzehnte, der jeden, der das Buch liest, berühren wird.

Franziska Gerstenberg hat mit viel Hingabe und mit schöner Sprache einen Familien- und Gesellschaftsroman geschrieben, der den Weg in eine Katastrophe aufzeigt und nach dem Kern des Zusammenlebens und der Liebe sucht.

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