Oliver Hösli: „Mit Aprikosen“

Dieser Roman kommt wie eine literarische Skizze daher. Es sind zuweilen kurze Sätze, die den Eindruck einer Notiz, eines Tagebuches erwecken. Denn auch die Kapitel geben die Tages- und Jahresangaben an. Das Buch handelt vom Finden, Suchen, Ankommen und Akzeptieren. Die Handlung spielt in Kirgistan am Hochgebirgssee Issyk-Kul. Es ist eine wunderschöne, ländliche Gegend, die von der Aprikose geprägt wird. Diese Frucht wächst hier überall und verspricht Lebensunterhalt und eine süße Nahrung. Als frisch gepflückte Frucht vom Baum, als Dörrobst, als Aufstrich oder als Tee. Diese Landschaft hat es dem Protagonisten angetan. Hier blüht er auf und verliebt sich in eine Studentin. Doch ist der Roman kein verklärter Liebesroman, sondern durch seine ungeschliffene Verknappung entfaltet sich eine größere Entwicklung, die sich mit der Natur, dem Fortschritt und der persönlichen Identität beschäftigt.

Auch die Geschichte zur Entstehung des Buches ist keine typische. Der Verleger, Stefan Monhardt, bekam das Manuskript und ein Anschreiben von Oliver Hösli. Alles war ungekünstelt, roh und erzählte schlicht vom Leben an sich. Es war, so schrieb der Verleger, nichts auf interessant gemacht und genau das war das verlockende am Werk. Das Manuskript wurde nicht totlektoriert, sondern es blieb in seiner lyrischen, rohen und verknappten Art bestehen. Der Text wirkt wie ein behauener Stein, der lediglich auf den ersten Blick nur die wichtigsten Erkennungsmerkmale des Kunstwerks an der Oberfläche offenbart. So sind es Einwortsätze, neben poetischen Formulierungen die der Handlung Struktur verleihen. Mal ganz einfach, fast naiv, dann wieder sinnlich und philosophisch.

Willi, ein Ethnologe, ist Ende zwanzig und reist nach Kirgistan. Hier begegnet er Aisuluu und beide verlieben sich und genießen das Leben. Hier, tausende Kilometer von seiner Heimat, der Schweiz, entfernt, entflammt er für diese Welt. Alles wird Metapher und er versinkt in der verlockenden Süße des Lebens mit romantischen Sonnenuntergängen am See. Er plant dort eine Zukunft und übersieht dabei den Alltag von Aisuluu, die als starke Frau weiß, was sie will. Der Versuch einer gemeinsamen Zukunft scheint an einer Entscheidung von Aisuluu zu scheitern. Ein Entschluss der Willi sehr schockiert. Er kehrt in die Schweiz zurück und erfährt dort von seiner Mutter die Geschichte seiner Herkunft und seine Sicht auf das Leben wird sich erneut verändern.

Die Welt verändert sich beständig. Der Fortschritt macht auch vorm Hochgebirge von Kirgistan nicht halt. Das Paradiesische weicht der Technologie und die Natur passt sich erneut an. Auch die Charaktere werden aus ihrem gedanklichen Paradies vertrieben. Der Roman wird aus der Perspektive von Willi erzählt. Doch kommt auch Aisuluu zu Wort, die Marginalien schreibt, d.h. Ergänzungen zur sonst einseitigen Perspektive macht. Gleich am Anfang wird angedeutet, dass Willis Geburt Fragen aufwirft, die vertraglich verschwiegen werden sollten. Dies ist einer der Spannungsbögen, die gesetzt werden.

Ein un- und außergewöhnliches Buch. Es ist eine besondere Literatur, die eine ferne Region nahbar und erlebbar macht und das Leben in den Mittelpunkt stellt. Das Einfache steht hier unverpackt neben der kunstvollen Schönheit. Ein Werk, das die persönlichen Augen etwas mehr der Welt gegenüber öffnet.

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Jérôme Leroy und Max Annas: „Terminus Leipzig“   

Ein schmaler Krimi, der es aber faustdick hinter den Zeilen hat. Das Buch ist ein kriminalistischer Schlagabtausch zweier Noir-Meister. Jérôme Leroy ist ein französischer Autor, Literaturkritiker und Herausgeber. Er hat als Französischlehrer gearbeitet, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Leroy hat zahlreiche Kriminalromane veröffentlicht. Max Annas lebt als Schriftsteller in Berlin. Er hat viele dokumentarische Bücher veröffentlicht und einige Romane. Er wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

Die Idee dieser Kooperation wurde auf dem Festival Quais du Polar geboren und somit wuchs das vierhändige Schreibprojekt. Vierhändig, weil jeder in seiner Sprache dem anderen die Bälle zuwarf und die jeweiligen Kapitel für den anderen Verlag übersetzt wurden.

Christine, eine hartgesottene und drogenabhängige Polizistin findet an einem Tatort in Lyon ein Foto. Das Foto zeigt sie selbst, ihre Mutter und einen Wolfgang, den sie bisher nie gesehen hatte. Eventuell ist es ihr Vater? Ihre Mutter wurde in Kiel geboren und floh Jahre später nach Frankreich. Mit ihrer deutschen Vergangenheit hat die Mutter gänzlich abgebrochen. Christine ist bei ihren Ermittlungen auf geplante Attentate von rechtsradikalen Kräften gegen ehemalige linke „Kämpfer“ gestoßen. Bei einem Einsatz kann einer der rechten Terroristen entkommen und verwundet Christine. In derselben Zeit stürzt sich ihre Mutter in den Freitod.

Jener Wolfgang lebt zurückgezogen in Leipzig mit seiner jetzigen Lebenspartnerin und ist ein Überlebender des bewaffneten Kampfes. Durch seine verbitterten Twitter-Nachrichten und Bücher hat er erneut Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.

Christine macht sich auf den Weg, um Wolfgang kennenzulernen, doch auch andere sind auf dem Weg und alles gerät außer Kontrolle….

Ein feiner Kurzkrimi mit viel Action und Anspielungen auf die düstere Krimi-Welt. Keine Wohlfühl-Lektüre, aber wer würde dies auch erwarten bei diesem großartigen Autoren-Gespann. Die französischen Kapitel wurden von Cornelia Wend übersetzt.

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Michael Basse: „Yank Zone“

In diesem Roman wird viel erzählt ohne auszuufern. Das, was erzählt wird, ist stets authentisch und glaubhaft. Das Werk spannt einen enormen Bogen um Zeit und die individuelle Entwicklung der agierenden Charaktere. Es geht um Dominanz, d.h. Vorherrschaft, das männliche Weltbild und das schweigende Hinnehmen und das Herumtänzeln um wirkliche Gespräche.

Yank Zone ist ein kleines amerikanisches Refugium im geruhsamen Maulbronn. Eigentlich ist es ein Gasthaus, das „hard man’s guesthouse“. Ein Ort in dem sich Jungs aufhalten können, Poker spielen, trinken oder Western schauen können.

Dieser Ort  wird von allen „hard man’s guesthouse“  genannt. Benannt nach dem Hausherrn Lt. Colonel Ross Raymond Hartman. Ein Kriegsheld, Golfer und alleinerziehender Vater. Sein sogenanntes Gasthaus steht im Banner des amerikanischen Traums und Freiheitsgedanken. Hartman will wie ein hard man erscheinen und verlangt dieses Weltbild auch von seinen Zöglingen. Der Ort, den er geschaffen hat, ist eine Männerdomäne voller Zigarettenqualm und Whisky Cola. Lt. Colonel Ross Raymond Hartman ist nicht nur für seinen Sohn ein guide to manhood. Im Schatten des Kalten Krieges, zu Zeiten der amerikanischen Besatzungszeit, wachsen Jack und Mani auf und es entsteht eine farbenfrohe Coming-of-age story. Jack ist der Sohn von Raymond Hartman und Mani besucht die Klosterschule des Ortes. Die Idee von Lt. Colonel Ross Raymond Hartman, das in jedem ein Amerikaner steckt und herausgemeißelt gehört, wird gleich am Anfang deutlich, als er Mani fragt, ob er ein Kommunist sei. Doch bietet der Roman viele Anregungen und Themen, die aus unterschiedlichen Erzählperspektiven über einen größeren Zeitbogen beleuchtet werden. 

In der Männerwelt und in hard man’s guesthouse tauchen natürlich auch Frauen auf. Als Begleitung, als raumgreifende Lebensveränderung, als Swinging-Girl oder sogar als „Amiflittchen“ tituliert. Einer harten Prüfung muß sich Lydia, die bulgarische Freundin von Jack, stellen, als sie die Welt um das guesthouse betritt.  Das Mannsbild, das Hartman verkörpert, erträgt Maggie, eine Freundin seiner verstorbenen Frau. Dieser Reigen an Figuren tänzelt umeinander und in der Mitte, wie ein Fixpunkt, das „hard man’s guesthouse“, d.h. das Klein-Amerika.

Die Verheißungen von Freiheit erliegen dann doch den menschlichen Machtspielen und es kommt zu Zerwürfnissen und das Drama nimmt seinen Lauf. Wie der Hausherr Hartman ein schweigsamer, aber immer beständiger Charakter im Text ist, schaut der Autor ohne Bewertung auf seine Handlung und die Figuren. Ein anspruchsvoller Roman über das Erwachsenwerden und welchen Einfluss die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte auf die individuelle Entwicklung hat.

„Yank Zone“ als Spielball des veralteten Bildes des Westernhelden, der in vielen männlichen Weltbildern noch durch die geistige Prärie reitet. Doch entsteht durch den Roman ein Gesellschaftsbild, das im Kopf des Lesenden Raum einnehmen wird und Fragen einpflanzt. 

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Kevin Barry: „ Nachtfähre nach Tanger“

Hier möchte man von einem virtuosen Meisterwerk sprechen. Ein atmosphärisch dichter Roman, der durch seine Sprachkunst glänzt. Ein melancholischer, düsterer Text, der von zwei irischen Gangstern im Hafen von Algeciras erzählt. Ihr Warten auf die Nachtfähre erklingt wie eine stagnierte Odyssee von Godot. Es ist die Geschichte von Charakteren aus den Randbezirken mit ihrem eigenen Lebenscharme und dem individuellen Sprachklang.

Maurice und Charlie sind es, die im Warteraum des Fährterminals in Spanien warten. Zwei alternde, lebenskluge Iren. Der eine blickt leicht irre und der andere hat selbst seit Jahren nicht mehr in den Spiegel geschaut. Beide blicken auf eine gemeinsame, kriminelle Vergangenheit zurück. Sie waren im gefährlichen Drogenschmuggel tätig. Auch der Hafen von Algeciras hat viel Schlimmes erlebt und somit wird der Handlungsort Schauplatz ihres Denkens, Handelns und ihrer Vergangenheit.

Beide sind Halunken, die mit ihrem Dialekt aus Cork in Erfahrung bringen möchten, wann die Fähre ankommt. Doch in dieser Oktobernacht ist vieles ungewiss. Die spanische Terminal-Crew ist keine große Hilfe und das Wetter ist, wie die Stimmung im Warteraum, wechselhaft. Die Schiffsverbindung geht von Spanien nach Marokko und hier soll Dilly ankommen oder abfahren. Das wurde ihnen erzählt. Dilly ist die Tochter von Maurice, der sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie ist damals abgehauen. Als Streunerin soll sie nun an diesem Tag das Terminal passieren. Wann und in welche Richtung ist noch unklar. Auftauchen soll sie, soviel steht fest. Also warten die beiden Männer, die nicht mehr ganz die jungen Wilden, aber immer noch zu allem bereit sind, auf die Nachtfähre. Zum Beispiel wird ein Passant, der zum Lebensumfeld von Dilly passt, nach ihren Methoden verhört. Somit öffnet sich in dieser Nacht ein Kosmos und in Rückblicken wird immer mehr verdeutlicht. Auch das Liebesleben und die Verbrechen der beiden Herren bekommen immer mehr Kontur. Der Abstieg ihres Lebens und der Hintergrund der ganzen Warterei werden mit dem Fortschreiten der Nacht deutlicher.

Es ist die Geschichte von Verlierern auf ihrer Nachtwache, erzählt in einem wunderbaren, ganz besonderen Rhythmus. Voller brutaler Späße und trinklaunigem Gezanke. Beide sprechen in ihrem Akzent, der auch mal lallend ist. Ein Buch mit viel Humor, menschlicher Psyche und ergreifendem Tiefgang. Ein wunderschönes, rohes und lebendiges Werk, das begeistert. Die Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Überhoff fängt den Sprachklang großartig auf, denn das Gälisch lässt sich stets erahnen.

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Mikita Franko: „Die Lüge“

Ein beeindruckender Familienroman und ein Blick in die Gegenwart Russlands. Die Stimme, die hier erzählt, verwischt Realität und Literatur. Denn der Protagonist heißt wie der Autor und somit erkennt man nie ganz die Grenzen zwischen biographischen oder erdachten Handlungen. Die Erzählweise ist humorvoll, einfühlsam, schnörkellos und ist wohl dem Blog des Autors entsprungen und hatte durch seine Thematik Probleme in Russland publiziert zu werden. Der Autor zeigt sein Talent durch seine ehrliche Prosa, die nachdenklich stimmt. Es ist die Geschichte eines geheimen Lebens. Queeres Leben in Russland ist durch Verleumdung, diskriminierende Gesetze und Strafverfolgung geprägt. Die Ohnmacht und Verzweiflung, die diese gesellschaftliche Prägung im Privaten verursacht, zeigt dieser Roman. Eine Familiensituation, die hier anscheinend nur zwei Möglichkeiten hat zu überdauern: auszuwandern oder im Geheimen zu leben.

Mikitas Erzeuger ist weg und die Mutter stirbt, als er noch sehr jung ist, an Krebs. Kurz hängt er in der Luft, denn vorerst ist unklar, wer Mikita aufnimmt und das Sorgerecht bekommt. Die Großmutter empfindet sich zu alt und somit nimmt Slawa, sein Onkel, ihn bei sich auf. Dieser lebt als Künstler in einer Stadtwohnung mit Lew, einen Mediziner zusammen. Die Großmutter denkt, Slawa wohne immer noch in einer Wohngemeinschaft. Doch ist Lew kein bloßer Freund, sondern der Lebensgefährte von Slawa. Mikita findet sich schnell zurecht in dieser neuen Familiensituation. Slawa war schon immer der kumpelhafte Onkel, daher ist es zuerst Lew, den Mikita Papa nennt. Er hat zwei Väter, die ihn lieben und sich um ihn kümmern und sorgen. Je mehr das soziale Umfeld Einfluss auf Mikita nimmt, desto größer werden die Bedenken. Zu einer Kindertagesstätte ist er kaum gegangen und die Einschulung rückt näher. Sollte sich das Kind gegenüber jemanden aussprechen, könnte das Sorgerecht schnell entzogen werden. Somit wird Mikita das Lügen antrainiert. Lügen, die in dem Umfeld der Familie lebensnotwendig sind.

Mikita ist voller kreativer Ideen und er liebt es, Geschichten zu erfinden. Bereits als Kind hat er viele Erzählungen aufgeschrieben. Doch warum er lügen soll, begreift er nur zögerlich. In der Schule wird er gerne gehänselt, weil er anders ist. Als er zu einem Festtag für seinen Vater, offiziell ist es stets Slawa, etwas Militärisches basteln soll, hadert er mit der Ausführung. Er wächst behütet vor dem Patriachat und der (meist männlichen) Gewaltbereitschaft auf. Doch findet er Freunde und erlebt eine in dieser Situation fast normale Kindheit. Doch mit seiner Reife wächst auch sein Gefühlsleben. Seine Liebessehnsüchte und Sexualität irritieren ihn und er möchte sich von den Klischees und Meinungen frei machen. Bis er seine Identität und somit seinen Frieden findet ist es ein schmerzvoller Weg.

Ein Roman voller heikler Themen in Russland. Ein einfacher, aber bewegender Text, der gerade dadurch viel Empathie und Glaubhaftigkeit besitzt. Aus dem Russischen wurde der Roman von Maria Rajer übersetzt.

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Irène Némirovsky: „Ida, Im Rausch des Weins“

Zwei Novellen sind hier vereint, die die Wirkung von Meinungen und Handlungen des Menschen als Masse auf das Individuum aufzeigen. Im Angesicht einer bedrohlichen Veränderung, die von Menschenmassen gefordert wird, schaut Irène Némirovsky in die Psyche ihrer Figuren. Der Blick verweilt auf der Veränderung der Agierenden aufgrund der tobenden Menschengruppen um deren Umfeld und Existenz. Diese Pein, einer verachtenden Menschengruppierung gegenüberzustehen, ist ein Bestandteil der persönlichen Biographie der Autorin.

Daher ist es sinnvoll, diese kurz zu betrachten. Irène Némirovsky war eine bedeutende französische Schriftstellerin. Sie wurde 1903 in Kiew geboren. Durch ihrer Erziehung lernte sie bereits Französisch und während der Russischen Revolution floh die jüdische Familie nach Paris. Mit 18 Jahren beginnt Irène Némirovsky zu schreiben und schließt ihr Studium über Literaturwissenschaften in der Sorbonne ab. Ihre Werke erlangen durch die späteren Wiederentdeckungen großes Ansehen. Viele ihrer Werke sind bewegende Meisterwerke innerhalb der Literaturgeschichte. „Jesabel“, „Pariser Symphonie“ und  besonders „Suite Francaise“ gehören in den Kanon des Leseschatzes. „Suite Francaise“ ist auch unvollendet, die zwei erschienen Buchabschnitte sind lediglich Teile eines geplanten fünfbändigen Gesellschaftsromans. Durch die Besetzung der Deutschen wurde ihr das Schreiben verboten und sie wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Ihre Werke werden zuweilen kontrovers betrachtet wegen ihrer Haltung gegenüber dem Judentum.

Nun sind zwei Novellen von ihr veröffentlicht und übersetzt worden, die zu den sogenannten gesprochenen Filmen gehören. Texte, die cineastisch wirken und zuweilen auch Regieandeutungen beinhalten. „Ida“ erzählt von einer Revuetänzerin im Paris der zwanziger Jahre. Sie ist der allabendliche Star. Doch ihre Erfolgsmomente liegen in der Vergangenheit und sie lebt von der Erinnerung des Publikums an ihre glanzvollen Auftritte. Ihrer Karriere hat sie alles geopfert. Sie war mit einem Uhrmacher verheiratet und hat ein Kind verloren. Liebende nahmen sich aus nichterwiderter Liebe das Leben. Ihr Leben besteht für sie aus den Brettern, die die Welt bedeuten. Ihr Rausch ist der Applaus, die Jubelrufe, wenn sie glamourös die Showbühne herabsteigt. Doch aus dem Jubel wird Verachtung. Junge Frauen treten als Konkurrenz auf und wollen sie, den veralteten  Star, vertreiben. Der Abstieg von der Showtreppe weckt Erinnerungen an damalige Schmährufe der Menge, als sie noch ein Kind war. Rufe, die ein Trauma ausgelöst hatten und nun erneut in ihr erklingen. 

„Im Rausch des Weines“ spielt zur Zeit der Plünderungen und des Aufruhrs. Die Handlung spielt in Finnland. Offiziere, die für Russland eingetreten waren und nun in die Fronten der Russischen Revolution und des Bürgerkriegs in Finnland geraten, ignorieren bisweilen Erschießungsbefehle. Durch Plakatierungen wird zur Plünderung aufgerufen. Überall ist es am Brodeln und die Menschen sind aufgebracht und das Ziel der Menschenmenge sind die Paläste und Bürgerhäuser. Besonders die Weinkeller, denn seit Jahren gilt die Prohibition. Dem äußeren Aufruhr setzt auch diese Novelle ein inneres Zerwürfnis gegenüber. Das Schicksal eines bäuerlichen Milizsoldaten und einer Bürgerfrau. Behutsam, schüchtern beginnt eine Liebesnacht im Hintergrund des äußeren Aufruhrs.

Übersetzt wurden die Texte von Cordula Scheel, die auch ein lesenswertes Vorwort verfasst hat. Irène Némirovsky versteht es, politisches Umfeld lebendig werden zu lassen und dann den Blick in das Private, die Individualität zu lenken. Was bewirken die äußeren Umstände auf den persönlichen Werdegang? Irène Némirovsky schreibt lesenswerte Weltliteratur.

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„Wer hier nicht war, ist nur ein halber Mensch“

Jeder kommt wohl bei dem Namen der französischen Hauptstadt ins Schwärmen. Paris, die Stadt, das Leben, die Menschen und das Licht verwandeln einen, meist lohnt bereits der Gedanke daran. Das vorliegende Werk versteht es, diese Sehnsucht einzufangen, zu vertiefen oder zu entfachen. Ein Buch zum Entdecken und Erinnern. Die Bilder und die stimmigen Texte wecken pure Reiselust. 

Im Vordergrund stehen die Aquarelle und Urban Sketchings von Anita Ulrich. Die Bilder fangen Lebensmomente in der ganzen Stadt ein. Dabei liegt das Augenmerk nicht auf den touristischen Sehenswürdigkeiten. Diese werden gezeigt, aber bleiben, wie bereits das Titelbild belegt, im Hintergrund. Es sind Augenblicke im Alltag, voller Ruhe und Lebendigkeit. Paris lebt vom Licht und das Spiel des Lichtwechsels wird zart durch die Farben und Pinselführung eingefangen. Das Buch ist kein gewöhnlicher Bildband. Die visuelle Liebeserklärung an die Stadt wird verstärkt durch die Zitate. Eine gelungene Auswahl an Texten über die Eindrücke der Stadt. Somit ist das Buch eine kulturelle Reise mit Schriftstellern durch Paris mit Textfragmenten und Zitaten von Heine bis Houellebecq, wie es bereits im Untertitel heißt.

Die Bilder fixieren das leichte Leben, das uns auch die Metropole selbst gekonnt vorgaukelt. Die Stadt lebt von der Sinnlichkeit, die sie uns vermittelt. Die Bilder zeigen Besucher eines Flohmarktes, die sich Bücher ansehen, Fahrräder, belebte Stadtparks, flanierende und genießende Menschen und die Besonderheiten der jeweiligen Arrondissements. Immer wieder ist es das Licht, das auch bei Regen, die Schönheit reflektiert. Auch die Texte beleben das Lebensgefühl und sind wie ihre Autoren bunt gemischt. Bild und Wort sind abgestimmt auf die Kapitel und Überschriften. Dennoch ist es kein Werk zum chronologischen Lesen. Das Buch funktioniert am besten wie die das Erkunden der Stadt. Zum Durchstöbern, Verweilen und zum Bestaunen. Auch der Schatten bleibt nicht unerwähnt, die Texte durchstreifen Geschichte und sind dadurch nicht immer frohen Gemütes. Somit erklingt neben der Leichtigkeit auch das Nachdenkliche. Wie in einem schönen Chanson, der meist von einer melancholischen Fröhlichkeit getragen wird.

Abgerundet wird das Buch, das ein Lesebändchen in den französischen Nationalfarben hat, durch ein lesenswertes Nachwort von Rainer Moritz.

Die 180 Texte wurden von Claus Lorenzen ausgewählt. Das Titelbild steht hier Pate für die Leichtigkeit der eingefangenen Alltagsmomente durch Anita Ulrich. Für jeden frankophilen Buchmenschen ist der Bildband eine Bereicherung. Für nicht frankophile Leser eine Aufforderung. Ein wunderschönes Werk.

Foto: Officina Ludi / Bild: Anita Ulrich

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Malin C. M. Rønning: „Skabelon“

Der Titel ist ein Begriff, der für Schablone, Gestalt oder Form steht. Eine Fasson, in die ein Lebewesen hineinwächst. Skabelon kann aber auch im Negativen für Missgestalt oder Missgeburt benutzt werden.

Im Buch geht es um Zugehörigkeit, um die Flucht aus der Realität in die Phantasie und das Bild der Vertreibung aus dem Paradies. In diesem Buch lebt in der gesamten Schönheit ein märchenhafter Schrecken. Etwas Böses lauert beständig in den Zeilen. Dieses Böse ist es, das die junge Heldin spürt, unterbewusst wahrnimmt, aber nicht sieht oder einer Klassenkameradin später gegenüber wirklich benennen kann. Das kleine Mädchen begreift schnell, dass alles im Leben verschwinden wird. Früher oder später. Selten ist man ein bewusster Zeuge dessen, was tatsächlich geschieht.

Eine Familie lebt im Wald, abgeschieden vom Rest der menschlichen Welt. Die Erzählerin ist am Anfang der Geschichte gerade erst fünf Jahre jung und wächst in das Umfeld hinein und passt sich an. Sie lebt mit ihren vielen Geschwistern und der Mutter in einer schäbigen Behausung. Der Vater, ein Holzarbeiter, lebt, wenn er mal da ist, meist in einem alten Bus vor dem Haus. Liebe ist, wie auch die Nahrung, eine Mangelware. Die Mutter kann keine Zärtlichkeit oder Geborgenheit geben und verbringt ihren Alltag oft in der Badewanne.

Die Ich-Erzählerin lernt das Leben aus Sicht der Natur kennen. Tiere und Pflanzen versteht sie. Als eines Tages ein Holzfäller von einem Baum erschlagen wird, sind ihre Gedanken vorrangig bei der alten, gefällten Linde. Ihre Empathie gilt an erster Stelle dem Tierreich und sie versucht den Menschen in ihrem Umfeld, durch einen Tierbezug besser zu verstehen. Am Ende lernt sie, dass es für manche Menschen keine natürliche Entsprechung gibt und der Mensch, das gröbste Raubtier, einfach nur ein Mensch ist. Die Mutter wird wieder schwanger und hofft, dies möge das letzte Kind sein. Der Vater gibt zu verstehen, dass es an ihr liege. Die älteren Geschwister, die immer mehr die Familiensituation begreifen, wollen dort fort. Nach der Schule ziehen die meisten peu à peu in die Stadt oder ganz weg. Alleine bleiben die Jüngsten, die in der Einsamkeit vergehen. Auch in der Schule finden sie keinen Anklang und werden ausgelacht. Sie sind unter Menschen allein.

Der Großvater kommt oft die Mutter besuchen. Er und seine Frau sind auch nicht die liebenden Großeltern, sondern ihr wahres Gesicht erkennt die Erzählerin bei einem dortigen Besuch. Später auf einer Hochzeit werden ihr die ganzen Verbindungen bewusst und sie versteht. Das Paradies im Wald verwandelt sich. Die äußere Helligkeit, die der kindlichen Wahrnehmung entsprach, zeigt eine innere, erwachsene Dunkelheit.

Das Kind flüchtet sich stets in die eigene Phantasie, die belebt ist von der Natur, der Magie und dem Märchenhaften. Unterbewusst erkennt sie viel, kann es aber nicht bewusst sehen. Sie lernt in Kindertagen die Natur als Fluchtraum zu nutzen. Erst sind es die Schlangen, die etwas Kriechendes, Unheimliches in ihr Blickfeld wandern lassen. Mit dem Erwachsenwerden und dem Bezug zur Menschenwelt erwacht ihre Unsicherheit und ihr Leben gerät in eine Schieflage.

Ein wunderschöner, trauriger Roman. Die Natur ist sprachlich so eingefangen, das diese beständig im Leser wächst. Die seelische Armut, die der Fülle des Waldes gegenübersteht, nimmt einen gefangen und die Erzählerin wächst in ihre raumgreifende Gestalt hinein. Mit viel Empathie wird der Lebensumstand im Wald beschrieben. Die Geschwister verblassen immer mehr, wenn sie erwachsen werden. Die Erzählerin bleibt zurück, in der Handlung, im Text, im Kopf und im Herzen des Lesers. Eine aufwühlende Lektüre, die durch eine tiefgründige und melancholische Schönheit getragen wird.

Der preisgekrönte Roman aus Norwegen wurde von Andreas Donat übersetzt.

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Bernd Marcel Gonner: „Oderberger“

Dieses Versepos kloppt sich ins Gemüt und entfaltet sich dabei langsam und gärt innwendig. Es lebt von der Sprache, der Rhythmik und den Polen, die sich verbinden, abstoßen und mit der Handlung und Entwicklung einen ganzen Roman in Lyrik erfassen. Doch benötigt das Werk Zeit. Zeit der Verdauung. Das Buch gibt es bereits seit 2020 und ist der Auftakt, der mit „Volk der Freien“ fortgeführt wird. Nun liegt „Oderberger“ als großartiges Hörbuch vor. Somit kann man das Werk wie folgt am besten inhalieren: lesen, hören und dann beim erneuten Hören mitlesen.

Die Pole sind dem Umfeld entsprungen. Die Handlung beginnt 1989 in Ost-Berlin. Die heraufbeschworene Kulisse ist geprägt durch Häuserschluchten, Rauch, Mief und Scherben. Schnee wird gegen Ende blutgetränkt sein. Hier tauchen sie auf, die vier Helden. Vier blutjunge Punks und Ausreißer. Ihr Leben ist in dieser erfassten Lebensphase voller Banalität, Gewalt und Liebe. Die Sprache ist eine Lyrik, die vorerst nicht an Punks denken lässt. Somit ist ein Kunstwerk entstanden, das vermeintlich Primitives in raffinierte Schönheit verwandelt. Die Alchemie des Textes kann mit einem Kieler Graffiti beschrieben werden: „Beim Pissen begriff ich den Kosmos“.

Das Plumpe, das auffällige nicht auffallen wollen und das Groteske werden allein durch die Sprachkunst des Epos zu etwas Enthobenem. Dabei wirkt es lediglich nur beim ersten Betrachten als gekünstelt, als überbordend und die Szenerie entstellend. In „Oderberger“ ist das Leben stets an der Kante. Mit dem Verlauf des Gesanges fräsen sich die Zeilen in den Geist ein und das Gesagte erklingt bisweilen verzögert. Der Mensch als Individuum benötigt helfende Hände, auch in der Anarchie. Punks als Paradiesvögel, als anrührende Helden, die sich erfinden oder verlieren und neuerfinden. Es sind: Rue, der mit den kurzen Beinen, ein Oderberger Heiland, Toxo, der Schöne mit seinen Seelenkrawallen, Wolle, der unreine Tor und der Knaller Flocke.

Mode oder Schick ist ihnen fremd. Sie leben oft in fremden Hosen in Abrisshäusern und ihre Revolte wendet sich von innen nach außen. Ihre Worte sind Hülsen, die wie buntes Graffiti die Wände zieren. Ihrer Geschichte lauschen wir, werden Zeugen und ein „O – der – ber- ger“ verklingt. Hier weiß man nicht immer, ob Herz oder Hirn angesprochen wird. Beben tut nach der Lektüre beides. Als hätten sich zum Beispiel Goethe und Bukowski betrunken und hier den letzten Schliff vorgenommen.

Ein Punkermärchen, das sich entfalten muss. Das Hörbuch ist tolles Kopfkino von Matthias Ransberger, der den Versen und den jeweiligen Figuren viel Leben einhaucht.

Eine Sehnsucht nach Liebe, die durch Nietenarmbänder kaschiert wird. Also Augen und Ohren auf! Die Revolte dauert an!

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Ré Soupault: „Überall Verwüstung. Abends Kino“

Ein Reisebericht der ganz anderen Art. Ein Tagebuch einer fragilen und zerstörten Schau. Die zerrissene Landschaft ist das Beispiel einer Fehde zwischen Deutschland und Frankreich. Der Blick der Künstlerin fällt auf das zerstörte Süddeutschland und sie schreibt eines Tages: „Überall Verwüstung. Abends Kino“ Diese Aussage schmückt nun das Tagebuch ihrer außergewöhnlichen Reise.

Ré Soupault wurde 1901 als Erna Niemeyer in Pommern geboren. Sie war Bauhaus-Schülerin in Weimar und gehörte zur europäischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Über ihren ersten Mann, dem Dadaisten Hans Richter, lernte sie u.a. Man Ray und Sergeij Eisenstein kennen. 1931 gründete sie in Paris ihr erstes eigenes Modestudio „Ré Sport“. In der Pariser Künstlerszene traf sie ihren späteren Ehemann Phillipe Soupault, mit dem sie viele Reise machte. Mittellos kehrte sie nach Ende des 2. Weltkrieges aus dem Exil in den USA nach Europa zurück. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt, mit dem sie aber Jahre später wieder zusammenziehen wird. Sie arbeitete als Übersetzerin und Rundfunkautorin. Sie starb 1996 in Paris.

Im Jahr 1951, als sie in Basel lebte und langsam wieder gesellschaftlich und künstlerisch Boden unter die Füße bekam, erwarb sie das erste Modell eines Vélosolex, ein Fahrrad mit Hilfsmotor, das 0,4 PS leistete und ca. 1,2 Liter einer Zweitaktmischung auf 100 Kilometer verbrauchte. Sie machte eine Reise und ihr wichtigstes Gepäckstück war ihre Olivetti-Reise-Schreibmaschine. Am Samstag, den 8.9.1951 bricht sie in Basel auf und am 15.10.1951 kehrt sie nach 1500 Kilometern Reiseweg zurück. Mitgebracht hat sie seitenweise Berichte, Notizen und Texte über ihre Eindrücke, die nun ihr Nachlassverwalter, Manfred Metzner, in seinem Verlag „Das Wunderhorn“ herausgebracht hat. Der Text des Reisetagebuches wird originalgetreu wiedergegeben. Lediglich Schreibfehler wurden korrigiert. Somit ist dies ein historisches und authentisches Dokument.

Die Reise geht unter anderen nach Trier, Colmar, Stuttgart, München und Oberstdorf. Sie beobachtet die Menschen, die Gegebenheiten und hält alles fest. Die Melancholie des Wiederaufbaus und die Sehnsucht nach Normalität. In ihrer Wahrnehmung fehlt den Menschen und der Kultur oft die Kontur. Das Vélosolex ist ein treues Gefährt, das nur ab und zu einen Werkstattbesuch benötigt. Die ganze Reise ist eine Übergangsphase der bereisten Landschaft und von Ré Soupaults Leben. Die Betrachtungen sind voller Hoffnung und es gelingt, wie die Biographie es beweist, der Neuanfang.

Ein lesenswertes Zeitdokument, das mit viel Feingefühl und einer enormen Aufmerksamkeit geschrieben wurde.

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