Linda Vilhjálmsdóttir: „Freiheit“

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Diese Lyrik ist unglaublich politisch und großartig. Ein Band, der in seiner Knappheit, Emotion und seinen Wiederholungen eine kunstvolle Wucht darstellt. Es ist Literatur, die allgemeine Gültigkeit besitzt und durch die verspielte, leicht wirkende Sprache im Leser viele Gefühle und Gedanken weckt.

Linda Vilhjálmsdóttir ist eine bedeutende und zeitgenössische Lyrikerin Islands. „Freiheit“, d.h. „Frelsi“  erschien bereits 2015 in Island und wurde als eine der wichtigsten Neuerscheinungen gefeiert. Es sind kluge, sehr emotionale und kraftvolle Texte.

Freiheit ist ein Thema, das uns alle betrifft. Freiheit ist ein Gut, das mal mehr und mal weniger in unserer modernen Welt geschätzt wird. Eine poetische Betrachtung von Freiheit in Bezug auf Macht, Glauben und sogar Wirtschaft. Das Buch ist eine zweisprachige Ausgabe (isländisch / deutsch) und am Beispiel Islands wird analytisch, poetisch und mit sehr viel Feingefühl unsere Gesellschaft durchleuchtet. Es sind Anklagen sowie Appelle zur Bewusstwerdung und Veränderung. Betrachtungen von der Menschheit im Weltlichen, vom Verschwinden der Natur und der Natürlichkeit. Auch das Religiöse erklingt neben dem Hauptaugenmerk, der Freiheit an sich.

Der freie Wille und die daraus resultierende Macht sowie Verantwortung wird hier sprachgewaltig, anklagend und sogar zynisch beleuchtet. Ein Gedichtband, der unbedingt chronologisch, als ein Ganzes zu verstehen ist und jeder seiner Teile, d.h. Kapitel, in sich für eine andere Energie steht, d.h. einen anderen Geist der Freiheit belebt. Lyrik, die wohl aus der Wut der Finanz- und Staatskrisen Islands heraus entstanden ist, aber uns alle ansprechen und zum Umdenken anregen sollte. Das Buch spricht die ganze erbebte Welt an.

Zu loben ist auch die Aufmachung des Buches mit der einfachen, aber sehr ansprechenden Gestaltung und Prägung. Durch die Bindung mit der offenen Fadenheftung ist das Buch sehr handlich und insgesamt handwerklich ein haptisches Erlebnis. Besonders muß man auch den Übersetzern Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer danken, die es uns durch ihre gelungene Übertragung möglich machen, die Gedichte auf Deutsch zu genießen.

Lesenswert der Beitrag von Wolfgang Schiffer: Europäischer Dichter der Freiheit 

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Michel Houellebecq: „Serotonin“

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Houllebecqs Roman ist ein Aufschrei und ein Aufschwingen in Sorgen, Angst und Trauer. Der Schmerz entlädt sich auf eine fast schon pervertierte Weise. Es beginnt mit dem Blick ins Private, um dann den Bogen zum Öffentlichen zu schlagen. Das Buch hat einen seiner Höhe- und Wendepunkte als der größte Song der Rockgeschichte erwähnt wird. Der Aufbau, der Titel und die transportierte Emotion des Liedes sind gekonnt eingesetzte Parallelen zum Roman.

Der wohl schönste Moment im Leben des Protagonisten ist als er die Platte des Konzerts von Deep Purple, das in Duisburg aufgezeichnet wurde, abspielt. Es ist ein Bootleg aus dem Jahr 1970. Immer wieder hört er einen bestimmten Song. Anfänglich sind es die leisen Töne, die die Meisterschaft von John Lord bereits erklingen lassen. Dann kommt der der Einsatz von Ian Gillan, der vom zarten leisen, fast einem Sprechen, zum Singen übergeht, um dann der Musik und Emotion folgend sich immer mehr hineinsteigert und vom Singen ins Schreien übergeht. Der erhabene Break, der von Ian Paice eingeleitet, aber von der ganzen Band unterstützt wird, ist eine Mischung aus Herrlichkeit, Effizienz und Größe. Dann wird der zweite Teil des Übersongs vollzogen und die Band sowie Ian Gillan schwingen sich erneut empor und der Gesang endet in einem blanken Schrei, der das Ende des Stücks „Child in Time“ einläutet. Es ist ein Song, der berührt, verstört und immer wieder durch Größe glänzt. Ist Houllebecq jenes Kind der Zeit, dass die Linie zwischen Gut und Böse erblickt hat? Das Buch ist ein Werk unserer Zeit. Es ist großartig, abstoßend und umwerfend. Es ist ein literarischer Blick in die moderne Gesellschaft mit ihren Beziehungen, Politik und Wirtschaft.

Der Roman ist aus der Perspektive eines Bukowski-ähnlichen Charakters geschrieben. Der 46-jährige Protagonist zieht Bilanz und rechnet mit sich, den Frauen in seinem Leben und mit der Gesellschaft ab. Er zieht sich aus dem Leben zurück. Er möchte sich ausklinken, verschwinden – einfach weg sein. Diese Entscheidung ist in ihm gewachsen, als er von den Eskapaden seiner japanischen Lebensgefährtin erfährt. Die Entscheidung, alles zu lösen, seine Beziehung, sein Arbeitsverhältnis und die luxuriöse Wohnung in Paris, ist wohl auch dem neuen Antidepressivum zuzuschreiben, das er neuerdings einnimmt. Der Wirkstoff soll die Aufnahme und Produktion von Serotonin verbessern. Die Wirkung von Serotonin auf das Herz-Kreislauf-System ist sehr komplex und vielschichtig. Dies entspricht auch dem weiteren Verlauf der Handlung und den Aussagen.

Der Protagonist beginnt, mit allem zu hadern, alles in Frage zu stellen. Seinen Namen, seine Beziehungen und seine Lähmung, selbst zu handeln. Seine Gedanken sind anfänglich triebhaft. Der Trieb, die Begierde und das Sexuelle werden dann immer stiller. Dies liegt wohl auch am Medikament, das ihm seine Libido raubt. Er wohnt in Hotels und blickt auf sein Leben zurück. Er schaut in die Vergangenheit und bangt um die Zukunft. Doch wird es die Gegenwart sein, die sich tödlich entwickelt. Seine Beziehungen sind es, die ihn sehr beeinflusst haben und immer noch prägen und handeln lassen. Auch seine berufliche Aufgabe, die französischen Erzeugnisse aus der Landwirtschaft und Molkerei global zu vermarkten, regt ihn an, sich über die Gesellschaft und ihr Konsumverhalten seine Gedanken zu machen. Diese Grübeleien werden immer lauter und enden in jenem Aufschrei, der an „Child in Time“ erinnert. Er trifft einen alten Studienfreund und zieht in einen von dessen zu mietenden Bungalows. Sein Freund ist Landwirt und vermietet Zimmer und Bungalows, um wirtschaftlich am Leben bleiben zu können. Er ist Milchbauer und versucht, biologisch und human alles richtig zu machen und betreibt keine industrielle Aufzucht. Aber je mehr er und seine Kollegen in der Landwirtschaft alles korrekt zu machen versuchen, desto schwerer kommen sie über die Runden. Hierbei wird der Protagonist ein stiller apathischer Zeuge, der auch bei einer pädophilen Beobachtung nicht tatsächlich zu handeln vermag und somit erkennen muss, wann und wo er sich selbst und seine Freunde und Lebensgefährtinnen verraten oder verlassen hat.

Ein Roman, der weniger Glückshormone ausschüttet, aber dennoch durch seinen liebes- und lebensmüden Antihelden das Leben des Lesers bereichert. Ein Roman unserer Zeit.

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Richard Russo: „Immergleiche Wege“

Richard Russo Immergleiche Wege Dumont

Richard Russo versteht es, stets gekonnt auf großartige Weise zu unterhalten. Seine Romane und Erzählungen sind geprägt durch Melancholie, Witz, Tiefgang und Empathie. Mal wieder versteht es Russo, in kleinen Begebenheiten, Episoden oder Bildern ganze lebensumspannende Fragen zu analysieren und zu verdeutlichen. Mit viel Hingabe zu seinen Figuren schaut er immer ganz genau hin und öffnet jene kleinen Wunden, die zu Teilen in seiner literarischen Betrachtung sehr humorvoll sind.

Russos Werke, für die er vielfach ausgezeichnet wurde, sind in der Regel umfangreiche und sehr lesenswerte Romane. „Immergleiche Wege“ beinhaltet vier Erzählungen: „Reitersmann“, „Stimme“, „Eingriffe“ und „Milton und Marcus“. Allen Geschichten eint die Frage nach Authentizität. Leben wir das Leben, das wir uns selbst gewünscht haben? Die Protagonisten sind alle bereits etwas älter und aus den besten Lebensjahren heraus. Alle sind sozial und gesellschaftlich gut verbunden und gehen anständigen Berufen nach. Doch hadern sie alle an einem gewissen Punkt im Leben. Mit viel Humor, Mitgefühl und Hingabe führt uns Russo genau zu diesen Punkten, diesen Schmerzpunkten der existentiellen Fragen, die sich seine Charaktere stellen.

Janet ist eine erfolgreiche Dozentin, die durch ihre Arbeit und einen Plagiatsfall ins Grübeln über sich selbst und ihre bisherige Karriere gerät. Janet stellt sich auch die Frage, wie weit ein Text auch den Autor sichtbar macht. Sollte ein guter Aufsatz, gute Literatur nicht auch stets etwas vom Verfasser offenbaren?

Nate, ein etwas wuschiger Literaturprofessor, verliert sich auf den labyrinthischen Wegen von Venedig in seinem eigenen Gedankenirrgarten. Er und sein Bruder sind mit einer kleinen Gruppe auf Europareise. In Venedig verliert er sich immer mehr in seinen eigenen Zweifeln und die Anreise in der Lagunenstadt wird geprägt durch einen unausgesprochenen Zwist zwischen den Brüdern. Während Nate Anschluss an die Gruppe sucht, geraten seine Gedanken in seine Vergangenheit. Seine Karriere hat einen Tiefpunkt erlitten als eine hochbegabte aber kränkliche Studentin seinen Jane Austen-Kurs aufsuchte.

Ray ist ein krebskranker Makler, der nicht nur durch den Einbruch im Immobilienmarkt und die Wirtschaftskrise ins Straucheln gerät. Als Texaner sich für seine betreuten Objekte interessieren, hilft er einer Freundin deren angesammelte Lebensinhalte zu sortieren und deren Haus zu verkaufen. Dabei wird er sich immer mehr seiner eigenen Lebenssituation bewusst.

In der letzten Geschichte lernen wir Ryan kennen, einen gealterten Drehbuchautor, der in der Vergangenheit lediglich für einige Verfilmungen die Vorlagen bearbeitet hatte, ohne große Erwähnung im Abspann zu erhalten. Während er sich durch das Schreiben von regulären Büchern über Wasser halten kann, bekommt er einen Auftrag aus alten Zeiten. Ein altes Drehbuch, von dem er bisher nur den Anfang geschrieben und einem Freund zugespielt hatte, ist wieder aufgetaucht und man möchte ihn erneut engagieren.

Dieses Quartett an Figuren und Erzählungen lassen den Leser aufhorchen, schmunzeln und grübeln. Einige Erzählstränge sind sehr anrührend und doch durch melancholischen Witz geprägt. Alle Charaktere lehren uns, weniger mit dem Leben zu hadern. In den Momenten, wo man durch den Text emotional und herzlich berührt wird, taucht stets die Liebe zum Leben auf.

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Mathias Menegoz: „Karpathia“

Mathias Menegoz Karpathia Frankfurter Verlagsanstallt (1)

Ein Roman, der durch den Titel und die Gestaltung an einen Schauerroman erinnert. So liegt der Handlungsort in jenen nebligen Wäldern, dunklen Seen- und rauen Felsenlandschaften, die bereits die Phantasie von Bram Stoker beeinflusst hatten. Der Debütroman von Mathias Menegoz ist ein fesselnder, begeisternder Roman, der sich an dem Walachenaufstand orientiert und mit dem Blick in das Vergangene, wie jeder gute historische Roman, das Gegenwärtige beleuchtet.

Die Revolutionen breiteten sich 1830 und 1831 in ganz Europa aus und zum Novemberanfang des Jahres 1833 beginnt diese Geschichte. Der Graf Alexander Korvanyi hat vor kurzem die junge Charlotte-Amélie von Amprecht, kurz Cara genannt, kennengelernt. Die beiden verbindet eine sich zart anbahnende Liebe. in dem Wiener Kaffeehaus Steidl wird er, der als Oberleutnant sein Regiment in der Nähe befehligt, Zeuge von beleidigenden Worten gegenüber seiner Geliebten. Alexander, der durch sein Weltbild und seine Ausbildung sehr ehrenhaft und militärtreu geprägt ist, fordert zum Duell. Bevor es zu jenem Schusswechsel kommt, verlobt er sich mit Cara, die er nach dem gewonnenen Zweikampf auch ehelicht. Alexanders Familie hat vor vielen Jahren ihren Stammsitz in Siebenbürgen verlassen. Da Cara seinen Beruf nicht dulden mag, verlässt Alexander die Armee und plant mit seiner jungen Frau einen Neuanfang auf jenem Anwesen seiner Familie in den Karpaten, mitten in Transsilvanien. Der Sitz der Familie ist eine Burg mit großen Ländereien, die lange keiner mehr gesehen, d.h. besichtigt hatte. Doch verspricht sich das Paar ein wohlhabendes Leben und reist kurz nach der Hochzeit aus Wien ab. Die beschwerliche Reise verläuft per Schiff und Kutsche und bietet wenig Komfort. Je näher sie dem Ziel kommen, desto veränderter finden sie das Leben vor im Vergleich zu dem Leben, das sie bisher gekannt haben. Arme Dörfer und schwerlich zu bewirtschaftende Felder bilden die Kulisse ihrer Anreise. Als sie und ihre Dienerschaft die Burg erreichen, wird hier bereits der ganze kommende Konflikt deutlich. Die Burg hat einen dunklen und einen hellen, bewohnbaren Teil. Vieles hat der Verwalter zum Ärger von Alexander verkommen lassen.

Es ist eine Ankunft in einer fast noch mittelalterlichen Welt. Die Felder, Wälder und Dörfer werden bestellt, genutzt und belebt von Menschen, die als Leibeigene den Feudalherren unterstellt sind. Es sind drei Gesellschaftsgruppen, die dort leben: die Magyaren, sächsische Siedler und die Walachen. Zwischen diesen Menschen brodelt stets Misstrauen, wenn nicht sogar Hass. Alle führen innere und äußere Konflikte auf einer blutgetränkten Erde.

Alexander und Cara beziehen ihre Burg und handeln oft fast schon naiv und blind den umliegenden Menschen und Bedürfnissen gegenüber. Alexander als Herr der Menschen und Ländereien besteht auch stets auf seinen Titel und seinen Machtanspruch. Cara, die eine junge Emanzipation in sich spürt, steht ihrem Mann anfänglich zur Seite. Das ganze Land und besonders das Anwesen sollen wieder im alten Glanz erstrahlen. Alexanders Machtanspruch macht ihn immer unnahbarer, verschlossener und herrischer. Als zur Feldarbeit noch Zigeuner die Ländereien als Lohndiener aufsuchen, spitzt sich die Situation immer mehr zu. Als Kinder verschwinden oder sogar zu Schaden kommen und Wölfe innerhalb der verwaltenden Ländereien gesichtet werden und sogar Schafe gerissen haben, verbreiten sich die Angst und das Misstrauen immer mehr. Cara, die das Jagen liebt, regt zu einem Jagdfest an, um den einfallenden Wölfen Herr zu werden und somit auch sich als Feudalherren der ganzen Bevölkerung vorzustellen. Doch das fragile Gleichgewicht zwischen den Bevölkerungsgruppen gerät immer mehr ins Wanken. Besonders Alexanders Entscheidung, einen jungen Hirten zu verbannen, stachelt den Unmut immer mehr an. Alexander wird das Symbol für die Unterdrückung und die Beziehung zu seinem Verwalter, dem walachischen Popen  und der Bevölkerung wird immer angespannter und der Konflikt verschärft sich immer mehr. So beginnt der blutige und weitere Verlauf der Handlung. Hass und Ausgrenzung waren schon immer der Nährboden von Gewalt. So ist bereits am Anfang des umfassenden Romans stets ein Hauch von Niedergang spürbar, der sich zu einer drohenden Katastrophe zuspitzt. Das Neblige, Unheimliche breitet sich kontinuierlich aus. Das Historische wirkt weit fort, ist aber leider immer noch ein Bestandteil unseres menschlichen Miteinanders.

Der Roman begeistert durch seine Genauigkeit, seinen Blick in die Protagonisten und in die ganze Geschichte. Sprachlich wird hier eine sehr passende Stimmung aufgebaut. Das Werk erinnert an klassische Werke von Leo Tolstoi, Alexandre Dumas oder Thomas Mann. Ein außergewöhnlicher Roman, der leider bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt bekommen hat.

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Hakan Tezkan: „Den Kern schluckt man nicht“

Hakan Tezkan Den Kern schluckt man nicht Elif Verlag

Ein knapper Text, der einen mikroskopischen Blick in das Gefüge einer Familie gewährt. Das Nebensächliche rückt ins Wesentliche und beleuchtet dadurch unsere feinen zwischenmenschlichen Risse.  Alles wirkt verkürzt, aufs Wesentliche reduziert und doch wird alles ausgiebig gesagt. Alles verdeutlicht sich innerhalb von Bildern und Handlungen. Das Ausgesprochene wird belanglos, gemein oder unerhört. Das nicht Gesagte verhallt gewichtig, bodenlos oder ebenfalls unbeachtet. Doch der Leser ist es, der alles aufnehmen muss – fast schon jenen Kern schlucken möchte.

Der Protagonist lediglich M genannt ist ein Jugendlicher, der kindlich, aber alterslos zwischen seinen Eltern agiert. Aufbegehren, Trotz und Phlegma breiten sich aus. Die Frühstücksszene bietet Alltägliches, fast schon ein familiäres Klischee. Die Mutter wuselt, der Vater liest Zeitung und der Sohn verlangt Aufmerksamkeit und Handreichungen der Mutter, die der Vater passiv tadelt. Weitere zahlreiche Episoden spiegeln das Miteinander, das Familiäre und somit die kleinste Gruppe der Gesellschaft, die somit für diese Pate steht. Das Mobiliar, das Setting als Metapher des Ausgrenzenden, des Verbindenden und des Verfremdenden. Der Roman, der schon etwas Lyrisches verbirgt, macht trunken beim Lesen. Das Familiengefüge als Keim der faulen Frucht. Vieles brodelt im Stillen und verschafft sich hier und dort Gehör. Es entstehen im Leser Bilder, Fragen und Projektionen, die diese Lektüre besonders lesenswert machen.

Ein Roman, eine Lektüre, die in unsere Welt stets das Schräge, das Unheilvolle hereinbittet. Das Unheimliche ist beständig anwesend, aber niemals gänzlich zu greifen. Das Oberflächliche vertieft und schafft Raum für das Kriechende, das Getriebene und Unaussprechliche. Durch eine eigentliche Handlung reduziert und mit knappen, fast schon messerscharfen Worten entsteht ein faszinierendes Leseerlebnis

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…es weihnachtet…

Liebe Leserinnen und Leser,

jetzt beginnt die Adventszeit und Weihnachten steht vor der Tür. Daher wird es hier von mir nun etwas weniger zu lesen geben, denn meine Frau und ich werden hoffentlich in den kommenden Tagen in unserer Buchhandlung ins Wirbeln kommen.

Aber mich gibt es weiterhin auf YouTube zu erleben. Ich werde weiterhin meine Filmchen machen, da diese, trotz Weihnachtgeschäft, schnell und einfach gemacht sind.

Siehe Leseschatz-TV  – Ich hoffe, Sie finden den einen oder anderen Schatz bei uns!

Ich wünsche eine schöne Vor- und Weihnachstzeit!

Mit herzlichen Grüßen,

Hauke Harder

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Delphine de Vigan: „Loyalitäten“

Delphine de vigan Loyalitäten DuMont

Ein Roman der sich intensiv mit der Grundlage der zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigt. Inspiriert durch die Fragen, wann man loyal oder illoyal handelt. Alles dreht sich um Bindungen, die auch Schuld auslösen können. Das Verhalten gegenüber demjenigen, dem man loyal verbunden ist basiert meist auf Anständigkeit, Liebe oder Verpflichtung. Doch die Kehrseite kann dann eventuell einer anderen Person Schaden zufügen, da die persönliche Bindung an jemand anderen gerichtet ist. Besonders gravierend kann es werden, wenn sich innerhalb einer Familie etwas ändert und die Kinder z.B. zu Scheidungskindern werden. Diese kleinen Risse, die auch Gewalt verursachen können,  beleuchtet dieses großartige Buch.

Hélène ist die Erste und lange auch die Einzige, die die Veränderungen ihres Schülers Théo wahrnimmt. Théo ist gerade zwölf Jahre alt und war schon immer ein stiller, aber guter Schüler. Das Lehrerkollegium nimmt die dezente Verhaltensauffälligkeit ohne weitere Intervention so hin, auch wenn Théo immer müder, kraftloser und zurückgezogener wird. Anfänglich meint Hélène, Théo sei das Opfer von häuslicher Gewalt. Sie spricht es gegenüber der Schulleitung und den Kollegen an, doch keiner will auf sie hören oder schenkt ihr Glauben. Hélène hat eine brutale Kindheit erlebt und möchte nun unbedingt helfen. Da sie studieren wollte, löste dies in ihrem ungebildeten Vater Komplexe aus, die ihn zu einem Schläger werden ließen. Seitdem Hélène die Veränderungen an Théo wahrnimmt, will Sie für ihn da sein.

Die Eltern von Théo haben sich getrennt und das Sorgerecht geteilt. In wöchentlichem Wechsel lebt Théo bei der Mutter oder dem Vater. Alle sind mit der Situation überfordert und unglücklich. Doch jeder für sich allein. Théo funktioniert lediglich und kümmert sich um seine Eltern mehr als diese sich um ihn. Wenn er vom Vater zurück zu der Mutter zieht, soll Théo alle Kleidung, die er mit hatte, in die Wäsche geben und sich duschen, damit er der den Geruch des Feindes ablegt. Die Mutter und der Vater haben keinen Kontakt und reden nicht miteinander, auch nicht wenn es um Théo oder um die Schule geht. Der Vater hat seine Arbeit verloren, ist depressiv und verwahrlost immer mehr. Théo verschweigt dies alles und frisst es in sich hinein. Er hat für sich einen Ausweg gefunden, eine Möglichkeit den Schmerz zu betäuben. Er trinkt heimlich. Nur sein Klassenkamerad und Freund Mathis weiß davon und trinkt ab und zu mit. Der Alkohol wärmt und schützt Théo vor seiner Welt. Er will die Dosis stets erhöhen, damit er sich selbst irgendwie auflöst. Mathis beobachtet dies mit Sorge, aber den besten Freund darf und kann man doch auch nicht verraten. Mathis Mutter, deren Vater Alkoholiker war, riecht eines Tages den Alkohol und vermutet, dass Théo schlechten Einfluss auf ihren Sohn hat. Doch plagen sie noch weitere Probleme, denn ihr Mann, der gutsituiert ist, scheint ein verborgenes, virtuelles und hasserfülltes Leben zu führen.

Théo hat eine Quelle, die ihn mit Alkohol versorgt und würde Mathis diese verraten, d.h. der Lehrerin nennen, würde er damit nicht nur seinem besten Freund in den Rücken fallen. Die stillen kleinen Bindungen, Abmachungen und Versprechen sind es, die Théo in große Gefahr bringen.

Wir alle möchten den Menschen gegenüber loyal sein, die wir lieben oder mit denen wir uns verbunden fühlen. Unsere loyalen Bindungen sind meist still und dennoch sehr komplex. Ein wunderbarer, tiefgründiger und ergreifender Roman. Durch die verschiedenen Perspektiven werden die Missstände und Dramen innerhalb des zwischenmenschlichen Miteinanders sehr deutlich ausgearbeitet. Ein Roman, der kompromisslos und erschütternd ist und dennoch am Ende Möglichkeiten und Hoffnung aufzeigt.

Das Lesen weckt viel Empathie, Grauen, Schmerz und Mitleid. Das Sentimentale und Melancholische erinnert an  Dirk Stermanns „Der Junge bekommt das Gute zuletzt“. Delphine de Vigan zeigt ein trauriges Bild unserer Gesellschaft und versteht es, letztendlich Ausgänge, Möglichkeiten und Chancen aufzuzeigen. Ein großartiger Roman.

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Joaquim Maria Machado de Assis: „Das babylonische Wörterbuch“

Joaquim Mari Machado de Assis Das Babylonische Wörterbuch Manesse

Ein Autor, der Werke geschaffen hat, die in den Kanon der Weltliteratur gehören. Joaquim Maria Machado de Assis wurde 1839 in Rio de Janeiro geboren. Er war ein Enkel von freigelassenen Sklaven und seine Familie stammt aus einfachsten Verhältnissen. Er arbeitete als Journalist und im Staatsdienst. Sein vielseitiges literarisches Werk umfasst Lyrik, Theaterstücke, über zweihundert Erzählungen und neun Romane. Er verstarb 1908. Er gilt als einer der originellsten Schriftsteller Brasiliens und wird als literarisches Fundament für Garcia Márquez und Borges bezeichnet.

„Das Babylonische Wörterbuch“ versammelt dreizehn Erzählungen, die sehr neugierig auf sein Werk machen. Die Geschichten sind voller Tiefgang und Fantasie und wissen nicht selten zu überraschen. Der Stil der Texte ist von zwei Polen bestimmt: Das Ernste trifft auf das Lustige. Sehr pointiert und mit knappen, aber wortgewaltigen Bildern gerät man ins Straucheln und beginnt das Gelesene zu reflektieren. Die Erzählungen sind märchenhaft, mystisch, politisch und blicken in unsere menschliche Seele. Viele Themen haben heute noch ihre Gültigkeit und lassen den Leser somit niemals ungerührt.

Die Himmelfahrt der Gedanken beginnt wortwörtlich als solche. Denn die Gedanken werden zu Sternen, die den Weltraum als Milchstraße in den Besitz genommen haben. Auslöser dieser erleuchtenden Himmelfahrt war die Frage: warum gibt es Männer, die weiblich, und Frauen, die männlich sind? Zwei Seelen, die sich jeweils als im falschen Körper empfinden, machen dann auch einen erfahrungsreichen Tausch. Aber die Gelehrtesten der Gelehrtesten können die anfängliche Frage nicht sinnvoll behandeln. „Der wahre Grund“ als weiteres Beispiel, warum ein zweifelhafter Arzt seinen Beruf ausübt, ist ein sehr sadistischer. Er schneidet an lebenden Mäusen und quält damit nicht nur die armen Tiere. In „Evolution“ geht es um die gesellschaftliche und industrielle Entwicklung. Die Hoffnung eines armen Landes, aus den Kinderschuhen zu entwachsen und durch die neuen Errungenschaften erfahrbar zu werden. Das Moderne als Grundlage menschlicher Errungenschaften aber auch Konflikte. In einer anderen Erzählung wird die Welt mit einem Fass Marmelade verglichen und so vermischen sich Fabeln und Mythen mit brisanten Wahrheiten und Andeutungen. Denn alle Geschichten eint die Tiefe und das Anliegen, Wissen zu vermitteln und von Bedeutung zu sein. Politik und Religion werden ernst und teilweise unglaublich schelmisch und mit viel Witz beleuchtet. Der Teufel, der Adam und Eva im Paradies zur Frucht vom Baum der Erkenntnis verhelfen möchte und in einer weiteren Erzählung anstelle von Jesus die Bergpredigt hält. Hierbei werden die christlichen Werte mit den korrupten Eigenschaften der Ellenbogengesellschaft vertauscht. Die titelgebende Geschichte basiert auf der babylonischen Sprachverwirrung und liest sich anfänglich märchengleich, um dann aber auch nicht nur den Leser ins politische Bockshorn zu jagen.

Diese feine, kleine Ausgabe ist ein Leseerlebnis. Das Buch besticht durch die typische Handlichkeit dieser Klassiker-Reihe und die aufwendige und edle Gestaltung. Inhaltlich sind die Erzählungen jeweils kleine Herausforderungen, die aber lohnenswert und erkenntnisreich sind.

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Anne (Tina) Wolf: „Ein ganz normaler Mörder“

Anne Wolf Ein ganz normaler Mörder Heyne

Mal wieder ein Krimi, der mit wenig Blutvergießen auskommt. Ein feiner, spannender und toller Roman.

Im Prolog wird eine Frau, Katinka, entführt. Sie geht fast jeden Tag joggen. Immer wie es die Zeit zulässt, sechs, acht oder über zehn Kilometer. Nach drei Kilometern hat sie ihre Lufttemperatur und ihr Tempo gefunden, so dass das Laufen wie von selbst geht. Sie spürt genau diesen Moment und schaut auf ihr Handy um die gelaufene Strecke mit ihrem Gefühl zu überprüfen. Als sie im Wald steht, hört sie Babygeräusche und findet einen Kinderwagen, in dem aber die Säuglingsrufe von einem im Wagen liegenden Smartphone kommen. Dann wird sie von hinten überwältigt und verliert das Bewusstsein.

Tammo Berg arbeitet bereits seit einem Jahr nicht mehr für die Kriminalpolizei Hamburg. Durch einen tragischen Unfall hat er sein Kind verloren und durch seine nicht behandelte Depression hat ihn auch seine Frau verlassen. Jetzt steht Jens, sein Vorgesetzter, vor seiner Tür. Jens will ihn als Freund besuchen und mit der Polizeiarbeit wieder ins Leben locken. Jens benötigt aber auch Tammos gute Fähigkeiten, die Mimik von Menschen zu lesen. Denn durch eine Krankheit in Kindertagen hat Tammo einen Großteil seines Gehörs verloren und benötigt Hörhilfen. Er hat dadurch aber gelernt sich auf seine anderen Sinne und besonders auf seinen Blick zu verlassen und kann daher gut in Menschen und deren Gesten lesen. Die Kriminalpolizei in Hamburg hat ein Problem und kommt nicht weiter. Der Fall hat auch eine Verbindung zu einem älteren, ungeklärten Fall und Jens möchte Tammo für diesen Fall zurückgewinnen. In einem Waldstück am Stadtrand wurde eine Frauenleiche in einem altmodischen Brautkleid gefunden und eine weitere Frau aus der Umgebung wird vermisst. Die Vermisste ist vom Joggen nicht wiedergekommen. Ihr Mann ist allerdings erst später zur Polizei gegangen, da er sich zu dem Zeitpunkt als Lehrer auf Klassenfahrt befand.

Tammos Interesse ist geweckt und er fährt in das Waldgebiet am Stadtrand von Hamburg. Doch fällt ihm auf, dass die verschwundene Frau wohl eine andere Route gelaufen war als angenommen, denn an dem Tag waren dort Holzfällerarbeiten. Ihr Mann zeigt auch wenig Reaktion und bleibt stets sachlich, fast schon gefühlskalt. Tammo vermutet, die Vermisste eventuell durch die gefundene Frauenleiche zu finden. Er geht davon aus, dass die beiden Fälle zusammenhängen und sie es hier mit demselben Täter zu tun haben. Er fährt nach Kiel, wo die Tote ursprünglich herkam und besucht deren Eltern.

Zwischenzeitlich ist Katinka ihrem Entführer ausgesetzt. Sie ist eingesperrt, bekommt Nahrung und Kleidung gestellt. Doch riecht die Kammer, in der sie eingeschlossen ist, nach Apfel. Sie traut sich nicht, ihren Entführer anzusehen, der sie regelmäßig aufsucht. Als sie fragt, was er will, antwortet er nur, sie soll bleiben, dann würde ihr nichts passieren. Auch weiß der Mann viel von ihr.  Er kennt ihren Namen, weiß von ihrem Kinderwunsch und hat Kontakt mit der im Heim lebenden Mutter. Dadurch hat er nicht nur Katinkas Leben in seiner Gewalt, sondern droht auch ihrer Mutter etwas anzutun.

Die Ermittlungen haben ergeben, dass die Tote zuckerkrank war und ihr Insulin nicht genommen oder es nicht bekommen hatte. Da Tammo nicht mit seinem Freund und Vorgesetzten Jens über seine weitere Recherche gesprochen hat, wird dieser etwas in die Bredouille gebracht. Jens und das alte Team tragen Tammo dies aber nicht nach und hoffen, dass er bald wieder ganz dabei ist. Auch privat nimmt Tammo immer mehr Teil am Leben und fasst langsam den Mut, sich zu verändern. Nach und nach kann er seinen Schmerz loslassen.

Ein Krimi mit viel Gespür für seine Figuren. Der Fall ist abwechslungsreich und schneidet viele Themen an: unerfüllten Kinderwunsch, nicht gelebte Homosexualität und Trauerbewältigung. Die Handlung spielt in Hamburg, Schleswig-Holstein und sogar in Kiel, ist aber weit davon entfernt einer jener typischen regionalen Krimis zu sein, denn sprachlich und inhaltlich wird hier mehr geboten.

Danke an Anne, eigentlich Tina Wolf für die liebe Danksagung. Ich durfte beim Schreibprozess das Manuskript einsehen und etwas am Buch mitwirken.

Anne Wolf Danksagung Hauke Harder

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Anne Tyler: „Launen der Zeit“

Anne Tyler Launen der Zeit Kein & Aber

Ein Roman über eine Frau, die im Laufe ihres Lebens viel zu oft durch andere Menschen bestimmt und gelenkt wurde und erst als sie erneut verheiratet ist und ihre Söhne erwachsen sind, kommt sie sich selbst Stück für Stück immer näher und erkennt, was sie möchte. „Launen der Zeit“ passt dahingehend, weil es die Passivität ausdrückt. Passiv den äußeren Umständen und Gegebenheiten gegenüber. Der originale Titel „Clock Dance“ ist dann aber doch etwas verspielter und aussagekräftiger.

Es ist die Geschichte einer Frau, die durch die Jahrzehnte ihre Passivität ablegt und ihr eigenes Leben findet. So beginnt der Roman 1967 als Willa Drake noch ein Mädchen ist, springt dann ins Jahr 1977 in ihre College-Zeit, erzählt danach von ihrer ersten Ehe im Jahr 1997 und der Hauptabschnitt spielt 2017, wo Willa sich frei und unabhängig macht.

Willa wächst in einer Familie auf, die nach außen hin wie eine amerikanische Durchschnittsfamilie wirkt. Doch ist ihre Kindheit durch die Aussetzer der Mutter geprägt, unter denen ihre jüngere Schwester noch viel mehr zu leiden hat. Ihr sorgender Vater ist es, der der ruhende Pol, der Anker innerhalb der Familie ist. Die Mutter wirkt überfordert und empfindet sich ihrem Mann gegenüber als moralisch unterworfen. Daher bricht die Mutter aus dem Familienidyll aus, weil sie das „Gandhi-Dasein“ ihres Mannes nicht aushält. Die Mutter verschwindet dann, manchmal nur wenige Stunden, oft aber für viele Tage. Dadurch wachsen die Mädchen in einem leicht verstörenden Umfeld auf. Als Willa das Elternhaus verlassen hat, um zu studieren, lernt sie Derek kennen. Als Derek ihre Eltern kennenlernen und ihnen unbedingt ihre Verlobung mitteilen möchte, kommt es bereits während des Fluges zu einer kleinen Katastrophe. Willa wird von ihrem Sitznachbarn bedroht und kann nicht handeln. Als sie aus dieser Situation doch ohne weiteren Schaden herauskommt, glaubt ihr keiner und alle spielen das Erlebte herunter. Nur ihre Mutter ist es, die ihr Glauben schenkt und sich aufregt, dass keiner handelt oder gehandelt hat. Auch die Verlobung löst bei der Mutter keine große Freude aus, da Derek Pläne für die Zukunft hat, die Willas eigene Karriere nicht berücksichtigen.

Willa und Derek heiraten und bekommen zwei Söhne. Derek ist ein aufbrausender Mann, der sich auch im Straßenverkehr nicht wirklich einzuordnen weiß und es kommt zu einem tragischen Unfall. Vorausgegangen war ein Streitgespräch, weil einer ihrer Söhne zumindest zeitweise nicht mehr zur Schule gehen möchte. Willa ist nun Witwe und wird von Schuldgefühlen geplagt. Ihre beiden Söhne werden erwachsen und sind recht unterschiedlich. Sie distanzieren sich immer mehr von ihrer Mutter. Willa lernt einen wohlhabenden aber auch sehr pragmatischen Mann kennen und heiratet erneut. Der Weckruf in ihrem Leben kommt durch eine Nachbarin von Denise, einer ehemaligen Freundin ihres Sohnes. Denise liegt mit einer Schussverletzung im Krankenhaus und es muss sich jemand um ihre Tochter kümmern. Die Nachbarin dachte, Willas Sohn sei der Vater. Auch wenn Willa keine wirkliche familiäre Bindung hat, reist sie dorthin um zu helfen. In dieser neuen Umgebung beginnt sie sich selbst wahrzunehmen. Sie genießt es, gebraucht zu werden. Das neue Umfeld, die Nachbarn, der Hund Airplane und das Kind von Denise beginnen Willas Leben durcheinanderzuwirbeln.

Ein feiner amerikanischer Roman über Passivität, Selbstverwirklichung und familiäre Bindungen und ein Buch, in dem man sich zügig wohl fühlt. Der letzte Abschnitt ist etwas gebremster, wird aber durch die spleenige Dorfgemeinschaft dennoch sehr lebendig erzählt. Ein Text über eine zweifelnde Frau, die sich selbst kennenlernen muss, um ihr eigenes Leben in die Hand nehmen zu können und sich dabei endlich als nützlich zu empfinden.

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