Graham Swift: „Ein Festtag“

Graham Swift Ein Festtag dtv

Die Novelle von Graham Swift ist ein Aufruf für die Kunst, die Literatur und die Sinnlichkeit. Der Text spielt am Mothering Sunday, heute zum Muttertag verkommen, am 30. März 1924. Es ist ein Tag, der für Jane Fairschild eine Tragödie beinhaltet, aber auch eine Freiheit und Liebe offenbart, die sich entfalten wird, so dass ihr als alte Frau, am Lebensende, immer noch jener Tag zu denken geben wird.

Sie wurde 1901 geboren und arbeitet als junge Frau als Dienstmädchen in Südengland. Es ist die Zeit, als noch mehr Pferde als Autos die Menschen bewegten. Aber der Umbruch steht bevor. Die männlichen Bediensteten verschwinden und der Krieg raubt den Familien die jungen Männer.  Als Hausangestellte ist man dem Haus und dem Dienstherrn verpflichtet und geniesst wenig Freizeit. Auch die eigenen Geburtstage sind mit schwerer Arbeit erfüllt. Lediglich am Mothering Sunday bekommt man frei, um den Tag mit der Familie, besonders der Mutter verbringen zu können. Dieser Tag soll Jane als ein Geschenk erscheinen. Ihr Dienstherr ist gut und bemerkt in ihr die Freude am Lesen und unterstützt sie darin. In ihrer freien Zeit durchstreift sie mit ihrem Fahrrad die Natur und liest sehr viel. Doch kennt ihr Herr nicht die ganze Wahrheit. Oft ist sie nicht draußen, um zu lesen, sondern die zweiundzwanzigjährige Jane hat eine heimliche Liebschaft mit dem Erben der Nachbarsfamilie. Anfänglich treffen sie sich in den Büschen und er, Paul Sheringham, steckt ihr einige Münzen zu. Diese Prostitution wandelt sich aber zu Liebe und sie empfindet sich als frei, wenn sie bei ihm ist. An diesem Muttertag sind alle ausgeflogen und die Bediensteten sind zu ihren Familien gereist. Paul ruft bei ihrem Dienstherrn an und, da sie es ist, die die Gespräche entgegenzunehmen hat, kann er sie persönlich und heimlich einladen. Der Anruf ist knapp und deutlich, heute solle sie durch den Haupteingang zu ihm kommen. Sie beendet das Gespräch, als sei falsch verbunden worden und radelt kurz darauf ihrer Liebe entgegen. Das erotische Abenteuer befreit sie und gänzlich nackt beobachtet sie, wie er sich erneut einkleidet, denn er hat eine weitere Verabredung mit seiner Verlobten in der Stadt. Jane weiß, dies ist wohl ihr letztes Treffen, denn in zwei Wochen wird er heiraten. Doch hat er sie erwählt und zeigt sich ihr gänzlich entblößt. Sie geben sich zum Letzen Mal dem anderen hin, ohne Scheu oder Scham. Seine Verlobung wirkt inszeniert und scheint ihn ebenfalls zu verstimmen. Als er losgefahren ist, bleibt sie noch eine Weile allein im fremden Herrenhaus und wandelt gänzlich nackt durch die Räume, nichts ahnend, dass gerade währenddessen das Schicksal ihr Leben verändern wird.

Jahre später blickt sie als Autorin auf diesen Moment zurück. Sie versteht die Tiefe des erlebten Augenblicks, des geschenkten Moments, der in sich die Tragödie verbarg. Doch gerade solche Erlebnisse schaffen Stoff, der die Kunst und die Literatur belebt. Dieser eine Tag war es, der Jane zur Schriftstellerin werden ließ.

Ein kleines, tiefgängiges Buch, das voller Atmosphäre ist. Wir tauchen ein in die Welt, die an „Downton Abbey“ und an  Mercè Rodoredas: „Der Garten über dem Meer“ erinnert. Es ist ein Aufruf zum Leben mit all seiner Intimität und Leidenschaft. Aber auch ein kleiner Klagetext über den Verlust. Verlust  der Zeit und der Liebe. Ein bewegendes kleines Stück Literatur.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Graham Swift: „Ein Festtag“

  1. Anne-Marit

    Danke für diesen schönen Tipp. Ein Buch, das ich gerne lesen möchte.

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