Archiv der Kategorie: Erlesenes

Johanna Wurzinger: „Und das Universum schweigt“

Die Figuren im Roman „Und das Universum schweigt“ sind auf der Suche nach sich selbst und nach Zufriedenheit. Es geht um die vielen Geschichten, die jede Begegnung mit sich bringt, und die einen Menschen letztlich formen.

Das Leben ist konfus und kompliziert. Durch die Schnelllebigkeit und die Fülle an Wissen und Unwissen, die uns permanent umgibt, ist die persönliche Verwirrung ein individuelles Füllhorn an Orientierungspunkten. Dabei versucht der moderne Mensch beständig, einen Anker zu werfen, um die Welt sich langsamer um die eigene Achse drehen zu lassen, damit man den herumschwirrenden Blick endlich fixieren kann. Doch die Frage, wo sich die eigene Weltsicht festigen kann, muss jeder für sich finden. Egal wie wild wir es dabei treiben, das Universum schweigt meist beharrlich zu unseren Bemühungen.

Es sind die Figuren Viktor und Patrizia, die durch das Leben strudeln. Ungefestigt und stets auf der Suche. Patrizia ist widerspenstig und möchte aufbegehren, oft wimmert in ihr ein dagegen sein wollen. Sie hadert mit den Menschen und mit dem Establishment. Viktor will nicht angepasst sein und ist gegen Konsum, Egoismus und Selbstgerechtigkeit. Somit wandeln beide zwischen Rebellion und Resignation, bis sie sich zufällig begegnen.

Die Handlung ist ausufernd, mäandernd und strudelt über, wie unsere fiebrige Gegenwart. Genau in dieser schwirrenden Hitze treffen die beiden Protagonisten in der Hölle eines mallorcinischen Billighotels aufeinander. Patrizia und ihre Freundin machen Urlaub und wir begegnen ihnen erstmalig beim Frühstück. Selbst in dieser kleinen Szene wird die ganze Unsicherheit der Charaktere deutlich.

Viktor arbeitet in Wien als Lektor. Der Verlag ist spezialisiert auf diverse Weltsichten und mannigfaltige Theorien. Da die Themen alle kontrovers, divers und beleg- und wiederlegbar sind, strauchelt Viktor durch dieses Wissen. Er schreibt selbst und wird missverstanden. Er ist genervt und betrunken, als er beschließt abzuhauen. Er bucht einfach einen Flug und lässt sich vom Taxifahrer zu einem Hotel bringen. Erst am kommenden Morgen fragt er sich, wo er gelandet ist. Dies trifft auf das Leben beider Protagonisten zu. Wo landen wir im Leben und sind uns unsere eigenen Ziele bewusst? Viktor, der ein Welterklärer ist, der keiner sein wollte, trifft auf Patrizia und beide erahnen einen Weg.

Figuren, die mit sich und den Menschen hadern. Mutlosigkeit, Verwirrung, Frust und Aufbegehren entstehen durch die Überfülle und Schnelllebigkeit, die wir gegenwärtig erleben. Die überhitzten Gemüter wollen Sand im Getriebe der Gesellschaft sein. Sand taucht auch als Bild auf, der an der feuchten Haut klebt und am Strand doch stets einladend wirkt.

Johanna Wurzingers Debüt ist ein Füllhorn an Gegenwärtigkeit und mit viel Zynismus und Witz erzählt. Fast mühelos verwebt sie die Handlungshappen zu einen Gesamtbild und versteht dabei gut zu unterhalten. Das Buch lässt sich fließend lesen und das ganze Konstrukt fügt sich logisch zusammen.  

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Jose Dalisay: „Last call Manila”

Die Würde der Existenz steht in diesem vielfältigen Roman im Mittelpunkt. Denn was ist das menschliche Leben wert? Der respekt- und würdelose Umgang mit Menschen, die keine Lobby haben oder mittellos sind, ist ein globales Phänomen und großartig in dem vorliegenden Roman mit einem lakonischen Ton eingefangen. Das Werk liest sich wie ein Krimi und ist dabei ein Gesellschaftsroman. Der philippinische Autor Jose Dalisay erzählt vom Alltags- und Überlebenskampf. Es geht um die philippinischen Menschen, die in weit entfernten Ländern, wie Europa, Arabien, Skandinavien oder den USA, unter entwürdigenden Umständen arbeiten, um Geld für ihre Familien zu verdienen.

Es beginnt mit einem Zinksarg, der in einer Holzkiste aus Jeddah in Saudi-Arabien per Luftfracht auf dem Flughafen in Manila angeliefert wird. Die Frauenleiche wird anfänglich das Opfer von bürokratischer Missachtung. Es kommt zu einigen Verwechslungen und auch dadurch zu einem falschen Benachrichtigungsschreiben an eine Familie, die ihren ermordeten Sohn im Empfang nehmen wollten. Doch ist es eine Frauenleiche, die nun in der Airport-Halle lagert. Die Begleitscheine weisen den Überresten den Namen Aurora V. Cabahug zu. Ein Polizist namens Walter soll den Sarg nun in die Heimatstadt der Verstorbenen transportieren. Er kennt den Namen der Frau. Er hat sie gerade als Sängerin „Rory“ in einer Bar gesehen. Es kommt nun heraus, dass die Tote die Schwester der Sängerin ist und unter deren Namen als Dienstmädchen nach Saudi-Arabien vermittelt wurde und schon länger als vermisst gilt. Die Sängerin und der Polizist wollen den Sarg nachhause bringen und es kommt zu weiteren makabren Ereignissen.

Neben der Handlung und der Hauptfrage, was der Toten passiert ist, geht es um die Einblicke in die Gesellschaft, in der es fast in jeder Familie mindestens eine Frau oder einen Mann gibt, die in anderen Ländern unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Ein Roman mit dem Bild unserer heutigen Gesellschaft aus der philippinischen Sicht. Jose Dalisay zählt zu den bedeutendsten Autoren der Philippinen. Die Handlung liest sich spannend und die Frage, wie kam die Frau in Saudi-Arabien ums Leben, erzeugt einen enormen Lesesog. Die ganzen Nebenschauplätze ufern dabei nicht aus, sondern belegen ein gesellschaftliches Menschenbild. Die Handlung bleibt dabei stets voller Überraschungen. Der Klang des Textes überzeugt durch seine Distanz aus der auktorialen Perspektive. Die Sprache erklingt dabei zuweilen bitter, lakonisch und erzählt wird auch mit schwarzem Humor. Doch ist einem dabei nicht immer zum Lachen zumute.

Der Roman zeigt die Kluft zwischen Arm und Reich und den Menschen, die innerhalb der Gesellschaft einen Wert vermitteln und jenen, die ein Schattendasein ertragen müssen. Es geht ums Überleben, Gerechtigkeit, die tagtägliche Gewalt und Politik. Dabei wird die Schieflage unserer Weltstruktur auf groteske Weise deutlich und die kleinen, tragischen Geschichten werden ganz groß. Übersetzt wurde der Roman aus dem Englischen von Niko Fröba.

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Caroline Wahl: „22 Bahnen“

Ein Debütroman, der begeistert. Caroline Wahl schreibt mit ganz viel Hingabe und das Dramatische erhält durch die Sprache und den melancholischen Humor eine Tiefe und Schönheit, dass man bereit ist jede einzelne Bahn der Protagonistin in einem Rausch mitzuschwimmen.

Die Adresse der Erzählerin zeigt, es handelt sich um Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben. Die Familie wohnt im traurigsten Haus am Ende der Fröhlichstraße. Tilda ist kurz vor dem Ende ihres Mathematikstudiums und durch ihren Fleiß könnte sie bald Karriere machen. Noch lebt sie in der Kleinstadt und kann diese auch nicht verlassen, weil sie sich um ihre jüngere Schwester Ida sorgt. Die Mathematik ist neben dem Schwimmen ihr Zufluchtsort, denn die Mutter ist alkoholkrank und die Väter sind aus dem Leben verschwunden oder niemals aufgetaucht. Tilda kümmert sich somit um ihre Schwester und beobachtet ihr ganzes Umfeld und die Geschehnisse analytisch. Da sie erzählt, ist die Sprache empathisch an Tildas Welt angepasst. Kurze Sätze, die aber in der Gleichung stets aufgehen und eine enorme Reaktion erzeugen können. Dialoge sind dramatisch aufgebaut und wenn es die Sprache zulässt, werden Zahlnennungen gerne als Ziffer geschrieben. Dies verdeutlicht auf kunstvolle Weise die Sicht in Tildas Welt. Die Welt versucht sie sich durch diese Kleinigkeiten schöner und einfacher zu gestalten. Somit erzeugt sie eine analytische Kreativität, wohingegen Ida eine phantastische Kreativität benötigt, um die Realität zu begreifen und zu entkommen. Ida malt ihre Emotionen und es sind dabei viele Bilder entstanden.

Da die väterlichen Unterhaltszahlungen nicht ausreichen und die Mutter keine Hilfe ist, arbeitet Tilda als Kassenkraft im Supermarkt. Auch hierbei macht sie ihre zerlegenden Beobachtungen und Spiele. Freiheit findet Tilda beim Schwimmen, wenn sie ihre abgezählten Bahnen zieht. Hier ist sie fern ihres Alltags und kann vom sorgenfreien Leben träumen. Plötzlich taucht Viktor wieder auf. Auch er leidet, denn seiner russischstämmigen Familie ist etwas Furchtbares zugestoßen. Mit dem verstorbenen Bruder war Tilda gut befreundet. Nun ist Viktor auf einmal wieder da und wirft sie wortwörtlich aus der Bahn.

Tildas Umfeld weiß um die Begebenheiten und somit hat sie Freunde, die sie auffangen. Doch Zeit zum wehleidig sein oder zum Trauern nimmt sie sich nicht, denn sie will für Ida stark sein. Auch hadert sie mit ihrer Zukunft, ihren Plänen und der möglichen Karriere, denn dies würde bedeuten, sie müsste Ida bei der depressiven und alkoholabhängigen Mutter alleine lassen. Die Zustände der Mutter sind ein beständiges Wechselspiel, zwischen Hinwendung, Gewalt und geistiger Abwesenheit.

Der Roman lebt von der Struktur, die die Figur Tilda ihm gibt. Es ist ihre Sprache, ihre Geschichte und ihr Blick auf die Welt. Durch den Witz, die Verletzlichkeit und die Stärke wächst die Charakterisierung von Bahn zu Bahn. Es ist ein Roman, der von verletzten, aber enorm starken Frauen erzählt. Die Verantwortung gegenüber der Familie und dem eigenen Leben stehen bei den Betrachtungen im Mittelpunkt. Sofort wachsen einem Tilda und Ida ans Herz und man wünscht beiden, dass sie ihr Glück finden. Mögen sie endlich das Meer sehen und die Liebe finden. Denn „22 Bahnen“ ist auch ein wunderschöner Liebesroman. Ein taktvoller, zarter, kraftvoller, witzig-melancholischer und wunderbarer Text.

Bilder von der Lesung am 14.06.2023 im Literaturhaus Schleswig-Holstein

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Thomas Böhm: „Die Wunderkammer des Lesens“.

Was wäre, wenn es etwas gäbe, mit dem Zeitreise möglich wäre? Was, wenn sich Länder ohne großes Reisegepäck und Aufwand bereisen lassen. Man wird einfach hingebeamt. Wie wäre es mit der Möglichkeit, andere Kulturen, Ideen, fremde Universen kennenzulernen und eine andere Gestalt anzunehmen? Das gibt es und es ist keine Science-Fiction oder ein Märchen (oder doch?). Es ist das Buch.

Der Buchmensch und Literaturvermittler Thomas Böhm hat erneut seine Liebe zum Buch zu Papier gebracht und dabei eine ganze Wunderkammer geöffnet.

Lesen ist eine Leidenschaft, eine Liebe, eine Sucht und kann uns immer wieder die Welt erklären. Die Literatur hat ferner enorme Portale, damit wir auch der Realität entkommen dürfen. Beides kann das Buch: das Umfeld verständlich machen und uns, wenn gewollt, aussteigen lassen.

Dabei ist Thomas Böhm und allen Viellesern bewusst, dass es dabei kein gutes oder schlechtes Lesen  gibt. Je nach Verfassung, Laune oder Motivation für ein Buch, kann in der Fülle jeder Wunsch erfüllt werden. Das Buch als Wunderlampe.

Das Lesen ist eine Bereicherung. In jeder Phase des Lebens wandeln sich die Herangehensweisen, die Interessen und der Zugang zu Literatur. Der Einstieg sollte einfach sein und Spaß machen. Das erklimmen schwerer Texte kann dann folgen. Vorerst sollte es Freude bereiten (wobei das Erfassen von schwierigen Texten auch Glücksgefühle verursachen kann). Thomas Böhm hat seine Wunderkammer mit der Hilfe von John Sinclair geöffnet. Dies haben wir gemeinsam, das heimliche Lesen von vermeintlich verruchten Texten. John Sinclair im Kampf gegen die Todesrocker war mein Einstieg, bei Thomas Böhm war es die Werwolfkönigin. Wenn die Leidenschaft des Lesens im Leben verankert ist, bleibt das Buch ein ewiger Begleiter und Freund. Stets ist ein Buch dabei und jede freie Minute wird mit Lesen erfüllt.

„Die Wunderkammer des Lesens“ sollte nun ein ewiger Begleiter für Buchmenschen sein. Eine Geschichte des Lesens gewürzt mit Kuriositäten, Anekdoten und Geschichtlichem. Auch wenn man überzeugt wäre, man benötige keine Anleitung zum Lesen, sollte man doch auch diese Episoden im Werk lesen, um sich zumindest bestätigt zu wissen. Dabei geht es auch um unlesbare Texte, wichtige Bücher, die Weltgeschichte geschrieben haben, der Umgang mit Lyrik und darum, den richtigen Ton gegenüber Nichtlesern zu finden. Die Belesenheit ist ein Begriff, der niemals eine Endlichkeit finden kann.

Das ganze Werk ist eine Wortschönheit. Die Gestaltung des Buches und die Grafiken und Bilder auf jeder Seite bereiten eine pure Lust beim Durchwandern. Ein Werk, das zum beständigen Neuentdecken einlädt. Eine Spurensuche innerhalb des vorliegenden Buches mit einer Fülle an Ideen für weitere Lektüre. Das Buch sollte jeder Buchmensch sein eigen nennen, um es immer wieder aufzusuchen.

Eine wahre Wunderkammer. Die Geschichte des Lesens ist eine Geschichte des Lebens und somit ist das Buch von Thomas Böhm ein Füllhorn an Entdeckungen. Ein Leider gibt es, ein ganz kleines. Denn leider hat es der Leseschatz nicht in die Auswahl der Buchblogs geschafft, die durch den Buchblog-Award und die Originalität ihres Namens aufgefallen sind. Buchliebhaber sollten für so ein Buch dankbar sein. Ich bin es, denn es ist ein Buch, das mich erkennt. Es ist von Thomas Böhm herausgegeben worden, den wir persönlich kennenlernen durften und mit dem wir sogar zusammen vor der Kamera standen. Danke auch für die wunderbare persönliche Widmung im Buch. Das Wunderhorn des Lesens ist für länger mein Vademecum geworden.

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 J. M. Coetzee: „Der Pole“

Coetzees neues Werk spielt mit der Harmonielehre der Liebe. Im Mittelpunkt stehen zwei Menschen, denen es schwer fällt, die Gefühle zu benennen und somit, wie zwei Pole, sich anziehen und wiederum abstoßen. Der Titel deutet eine Doppeldeutigkeit an. Der Hauptcharakter ist ein gefragter Pianist aus Polen, dessen Namen für viele schwer auszusprechen ist und somit lediglich der Pole genannt wird. Pole steht aber auch für die Elektrizität und den Magnetismus. Somit spielt dieser Roman mit der Musiktheorie, der Erfassung der Akkordgestaltung und der Interpretation des Klangraumes und der menschlichen Harmonie im Verständnis der Liebe. Diese Suche nach dem Verständnis und der Sprache der Liebe wird gestützt durch Verweise auf  Chopin und Dante. Ein Roman mit großen Themen, der dennoch nicht überlagert ist und durch die Sprache und die knappen Szenen ein kurzweiliger Lesegenuß ist.

In Barcelona organisiert ein engagierter Kreis regelmäßig Konzerte. Witold, der Pole, ist ein siebzigjähriger Konzertpianist und ein bekannter Chopin-Interpret. Seine Interpretation ist umstritten. Sein Chopin ist nicht romantisch, sondern fast schon mathematisch, asketisch und trägt eher die Klangfarbe von Bach. Kurz bevor der Maestro in Barcelona eintrifft wird die Freundin von Beatriz krank. Die Freundin war es, die den Musikvirtuosen vorgeschlagen hatte und beide wollten sich um den Künstler während dessen Aufenthaltes kümmern. Beatriz ist mit einem Bankier verheiratet und beide trennen ihre Aufgabengebiete. Auch fehlt es in der Ehe an der damaligen Leidenschaft. Beatriz ist nun nach dem Konzert alleine die Gastgeberin und ist wenig von der Situation und dem Maestro begeistert. Sie mag sein musikalisches Verständnis nicht und seine Erscheinung wirkt auf sie gekünstelt und distanziert. Sie lässt die Musik dennoch auf sich wirken, denn Witold behauptet, er könne seine Leidenschaft eher durch die Musik wirken lassen als durch die Sprache. Der Abend gestaltet sich polarisierend. Denn Witold genießt die Gespräche mit Beatriz, die froh ist, die versteifte Pflichtveranstaltung hinter sich zu bringen.

Dass der Abend auf den Pianisten einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat und er weiterhin an Beatriz denken muss, zeigt eine E-Mail, die sie plötzlich erreicht. Er sei wegen ihr erneut in Spanien und möchte sie einladen. Auch würde er sich freuen, wenn sie ihn auf seiner Tournee begleiten würde. Sie lehnt ab, besucht ihn dennoch in der Musikschule, wo er kurz gastiert. Sie fühlt sich geschmeichelt und ist dennoch von seinen Avancen abgestoßen. Ein Urlaub, den sie mit ihren Mann macht, ermöglicht dann doch ein erneutes Treffen. Denn ihr Mann bleibt nur eine Woche in dem Ferienhaus und sie etwas länger. Der Maestro besucht sie dort. Seine altmodische und aus der Zeit gefallene Art ist es, die neben seinen Komplimenten die Gefühls- und Gedankenwelt von Beatriz durcheinander gebracht hat. Sie erinnere Witold an die Beatrice von Dante Alighieri und sie schenke ihm Frieden. Die Anspielung an Dante bezieht sich auf die wahre, aber auch unerreichbare Liebe. So ist es auch in der Beziehung zwischen Witold und Beatriz. Die Leidenschaft ist für beide schwer zu finden und wird die Liebe, gleich der Sprache, scheitern? Die wahre Hymne zeigt sich erst als Beatriz die Geschehnisse reflektiert und eine große Distanz entstanden ist.

Ein großes Werk voller Hingabe zur Sprache, die sich erfüllt, verstummt oder missverstanden wird. Die jeweilige Interpretation und die Betonung der Wortklänge sind wie Musik, die einen individuellen Raum erschafft. Ein eleganter Liebesroman, der die Disharmonien und die Harmonien des Zwischenmenschlichen erklingen lässt. Der Roman wurde aus dem Englischen von Reinhild Böhnke übersetzt.

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Marlen Schachinger: „Erkenntnis kommt in blauer Stunde“

Das Werk ist eine märchenhafte Parabel über Verlust und die Bedeutung von Kunst und der Interaktion. Diese Erzählung knüpft fort, was Michael Ende bereits geschrieben hatte. Phántasien ist in Gefahr und wir verwandeln uns in die grauen Herren aus dem Ende-Kosmos.

Lore ist ein Fabelwesen. Sie ist erst 393 Jahre jung und ist, was sie ist, Lore Güldenstern. Sie lebt im Stamm einer alten Korkenzieherhasel und die ganze Welt ist für sie ein Abenteuer. Sie empfindet die Welt durch die Hände und deren 770 Fühlknospen und sie genießt die Töne und Farben der Umwelt. Sie sammelt Klanglaute und Wörter. Begriffe, die erst das Gesehene und Erlebte kunstvoll erfassen und wiedergeben. Jeden Tag huscht Lore mit dem Wind durch die Welt, um nach Worten zu suchen. Doch in letzter Zeit werden es immer weniger Töne, die sie erhaschen kann. Die Menschen sprechen weniger, kommunizieren und interagieren kaum. Sie leben reduziert und zurückgezogen und erleben die Welt durch ihre Glasgaukler. So nennt Lore die Geräte, die den Menschen eine Verbindung mit der ganzen Welt versprechen, aber sie vereinsamen lassen. Auch haben die Menschen neuerdings Angst vor Kontakt und gesellige Treffen sind rar geworden. Dadurch verschwinden Buchstaben, Wörter und auch die Farben der Welt. Ein aschgrauer Staub liegt auf den Böden. Die Menschen schlafen mit offenen Augen. Waldohr, Lores Freundin, lebt in der Nacht und da Lore die Helligkeit und den Tag liebt, sehen die beiden sich in den Zwischenzeiten und in jener blauen Stunde kommt ihnen die Erkenntnis. Die Welt muss poetisiert werden und braucht Kunst. Die Kraft zum Leben wird gestärkt durch Musik, Literatur und das gemeinsame Erleben.

Ein kleines Werk zum Innehalten. Ein Aufruf für die Kunst und die Kraft des Miteinanders. Was bedeutet uns Kunst und welche Momente sind es, die uns Glück schenken?

Marlen Schachinger schreibt phantasievoll und mit einer märchenhaften Stimmung. Das Märchenhafte wird durch die Handlung real und verliert sich wieder im Raum der Fabeln durch die Wortkreationen und Klangspielereien. Wir lauschen Lore, werden, wie sie, zum Geschichtensammler. Diese Parabel berührt uns still und erinnert an die Warnungen, die bereits von Michael Ende ausgesprochen wurden. Ein kleiner Ritt auf einem neuen Glücksdrachen auf der Suche nach den Farbklängen der Welt. Der Text wird durch Illustrationen ergänzt, die ebenfalls mit Farben und Wortbildern spielen. 

Es geht darum, sich wieder berühren zu lassen durch Worte, Klänge, Bilder oder durch Menschlichkeit. Wahrhaftiges und Tiefgründiges zu finden und sich die Zeit zu nehmen, sich ganz darauf einzulassen.

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Anna Sanner: „Wie man in Japan Ninja wird“

Ein Erfahrungsbericht eines ungewöhnlichen Weges. Da dies kein Roman ist, sondern eine wahre Geschichte, die die Autorin erlebt hat, erfährt man auf kluge und unterhaltsame Weise ganz viel über Japan. Der Titel verrät, welchen Weg Anna Sanner zufällig eingeschlagen hatte und nun, Jahre später, davon in ihrem Buch erzählt. Die Autorin liebt Japan und war als Englischlehrerin in einer Sprachschule in Osaka tätig. Die dortige Arbeit erfüllte sie nicht und in Iga las sie eine Anzeige, die ihr Leben verändern würde. Die Stadt Iga in der Präfektur Mie gilt als Heimatstadt der sagenumwobenen Schattenkrieger Japans.

Anna Sanner ist sprachbegeistert und neugierig auf die Welt und die verschiedenen Kulturen. Sie wuchs in Hannover auf und entdeckte das Zen und später die Kampfkunst. Sie besitzt den schwarzen Gürtel in Karate und seit ihrer Kindheit fühlt sie sich zu Japan hingezogen. In Iga verbinden sich zwei Wege, die ihren Weg beschreiben. Neben den Ninjas war die Stadt der Geburtsort von Matsuo Basho, dem Poeten, der durch die japanische Haiku-Dichtung weltweit bekannt geworden ist. Somit betritt Anna Sanner in Iga einen Doppelweg der Schreib- und Kampfkunst, dem sie bis heute folgt.

Mit Freunden besucht sie an einem freien Tag die Ninja-Stadt und im Museum über die Schattenkrieger schaut sie sich eine Show an. Ninjas sind besonders ausgebildete Kämpfer, die eine andere Ausbildung als die Samurais erfahren. In dem Ninja-Dorf leben ausgebildete Ninjas, die aber lediglich als Show-Kämpfer tätig sind und für Filmproduktionen (z.B. „Der letzte Samurai“) angefragt werden. Das heutige Bild der Ninjas ist diesem Showgeschäft entsprungen. Früher waren sie nicht als solche zu erkennen. Sie agierten unerkannt und meist als einfache Bauern getarnt. Bei dem Museumsbesuch sieht Anna einen Aushang: „Ninja gesucht“. Für sie ein Wink des Schicksals und sie bewirbt sich für die Ausbildung. Da sie viele Sprachen spricht und in Karate ausgebildet ist, nimmt sie der Meister an. Als Frau und dann auch noch als Gaijin (nicht Japaner) betritt sie eine Welt voller Verhaltenskodexe, Regeln und erkennt, dass, je tiefer sie eintaucht, das Ziel immer nebeliger wird und der Weg dorthin sehr verschlungen verläuft. Anna Sanner geht den Weg einer Kunoichi, so heißen weibliche Ninjas. Begleitet wird sie von ihrem Meister, seinen Söhnen und den anderen Bewohnern des Ninja-Dorfes. Sie beginnt die Ausbildung mit Putzen, besonders Fegen, dem Kartenverkauf und Publikumsbegrüßung. Nebenbei beobachtet sie die Schattenkämpfer und übt deren Abläufe, Bewegungen und zweifelt an ihren Fähigkeiten. Mal wird sie vom Meister gelobt, oft aber auch getadelt. Sie muss lernen, für sich einzustehen, die Lehreinheiten einzufordern und nicht zu sehr an sich zu zweifeln. Doch ist es ihr Weg? Kann Sie eine Kunoichi werden? Erreicht sie das Ziel ihrer Träume?

Mit ihr tauchen wir ein in das Herz des Landes, der Menschen und den althergebrachten Traditionen. Ein spannender und lehrreicher Bericht einer ungewöhnlichen Reise. Die verschlungenen Pfade der kulturellen Ausbildung und die Herzenssehnsucht können durch den ehrlichen und humorvollen Text gut nachempfunden werden. Als Leser taucht man durch das gut zu lesende Buch ein in die althergebrachte und die moderne Seele Japans. Das Abenteuer wird ergänzt durch genaue Beobachtungen und einer Fülle an Wissen über Kultur, Philosophie und durch ganz viel Menschlichkeit. Eine lohnenswerte Lesereise.

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Danilo Pockrandt: „Daliegen wie eine Falltür“

Der Moment des Aufwachens. Alles ist noch im Zwischenraum, das Kommende und das Verlassene. Das Land der Träume und die sich androhende Realität begrenzen sich freundschaftlich. Es ist der Dämmerzustand, der dem Raum immer mehr Tiefe verleiht und mit dem Sonnenlicht das Dunkel und das Grau den Farben immer mehr Platz einräumen muss. Das Liegenbleiben und das ungläubige Blinzeln lassen spaltbreit die Umgebung, das Wahre und das Reale mit Stakkato-Blicken zu. Dennoch ist im Liegenden eine Falltür, durch die wir zurückfallen in die Phantasie oder in den noch nicht gefestigten Raum der Welt.

Danilo Pockrandt hat eine Kurzprosa im WhatsApp-Stil gewählt. Tatsächlich hat es auch mit solchen Nachrichten an eine Freundin angefangen und sich durch Screenshots in den sozialen Netzwerken verselbständigt. Dieses Archiv an Fundstücken bildet die Vorlage für das Buch. Die Mini-Texte gehen auf Sätze, auf gerade Erlebtes oder auf allgemeine Beobachtungen ein.

Im Zwielicht des morgendlichen Aufwachens beginnen die Betrachtungen und spannen einen Bogen zu einer Detailaufnahme der Welt. Mit ganz viel Witz und anekdotenhaftem Schalk werden dabei Filmsequenzen, das eigene Sprechen, Fragmente aus Geträumtem, Tiere oder das eigene Knie betrachtet. Die Literatur braucht, ahnt zumindest Danilo Pockrandt, der Wirklichkeit nichts hinzufügen. Es ist die menschliche Wahrnehmung, die im persönlichen Mittelpunkt steht. Auch die Gestaltung des Buches wirkt bereits Falltürengleich. Was sieht man? Was fängt den Blick ein?

Es ist ein kurzweiliger Text, der chronologisch gelesen einen ganzen Prozess umspannt und dann einlädt zu einem erneuten Blättern. Dabei kann gelacht, geschmunzelt oder einfach empfunden werden. Für Menschen, die Bücher mögen, aber meinen, keine Zeit zum Lesen zu finden. Dieses Buch ist dann ein wahrer Begleiter. Es ist kein Roman, es ist keine Lyrik, es ist etwas dazwischen und dämmert im Zwielicht und wartet, dass noch mehr Leser durch die gestellte Falltür stürzen und ganz viel Spaß und Freude am Lesen finden werden.

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Aya Cissoko: „Kein Kind von Nichts und Niemand“

Ein Schreibprozess wie ein Apnoe-Training. Beim Schreiben hat Aya Cissoko geübt so wenig an Luft zu verbrauchen wie möglich, ohne dass ihr Körper leidet. Dadurch wollte sie sich ins Bewusstsein führen, warum wir zuweilen schweigen, plötzlich wütend werden und wie wir unser Leiden zu oft in Einsamkeit ertragen. Denn wenn uns die Worte fehlen, wir um diese ringen und letztendlich doch das Risiko eingehen, etwas zu sagen, zu etwas Gesagtem gegenhalten, kann dies zu neuer Wut, zu neuem Leid oder zu neuer beherrschter oder unbeherrschter Stille führen. Aya Cissoko nimmt sich die Kraft und schreibt. Zusammen mit ihren früheren Büchern „Danbé“ und „Ma“ ergibt das neue Werk ein Triptychon. Sie schreibt ihre Familiengeschichte weiter und aus einem Brief an die Tochter wurde dieses Buch. Erneut verneigt sie sich, da sie selbst Mutter geworden ist, vor ihrer Mutter, die für sie eine Heldin ist. Der Titel ist ein Satz ihrer Mutter. Kein Kind von Nichts und Niemand. Man ist jemand und ist stets Teil einer ganzen Geschichte. Diese Geschichte erzählt Aya Cissoko in ihren drei Büchern, die jedes für sich gelesen werden können.  

Aya Cissoko versucht, die Wurzeln ihrer eigenen Geschichte und den in der Gesellschaft verwurzelten Rassismus zu fassen. Ein Text, der sich an die Tochter wendet, aber durch die Intensität uns alle angeht. Wieweit trägt jede Generation die Geschichte weiter und kann sich von der vorherigen Generation abgrenzen? Haben wir den Kolonialismus und den Holocaust überwunden? Aya Cissoko wurde 1978 als Kind malischer Eltern in Paris geboren. Sie schreibt über die Vorurteile und Urteile, denen schwarze Menschen täglich ausgesetzt sind. Die Hautfarbe, der Körper und die Existenz als schwarze Frau sind politisch. Somit wird das Leben ein beständiger Überlebenskampf. Gleich einem Boxkampf, in dem man angreift, sich schützt und den Gegner tänzelnd aus der Reserve lockt. Sie will lernen, den Hass zu kanalisieren. Dies gelingt Aya Cissoko durch das Boxen. Diese Art, den Schmerz auszudrücken, macht sie erfolgreich und zwei Mal holt sie sich den Weltmeistertitel im Kickboxen. Durch einen Halswirbelbruch gezwungen, sucht sie neue Kanäle und findet zur Literatur. Ihre Geschichte ist es, die fesselt. Ihr erstes Buch „Danbé“ wurde auch bereits mit dem Titel „Wohin ich gehe“ verfilmt.

Mit acht Jahren wird ihre Familie Opfer eines Brandanschlages, in dem ihr Vater und die Schwester verbrennen. Schlagartig verändert sich alles. Der Rassismus prägt die Welt und Aya rebelliert gegen alles. Gegen Traditionen, Ungerechtigkeit und die Politik. Sie wird als schwarze Frau als solche angesprochen und schreibt über diese tief empfundene Schande, die diskriminierte Menschen empfinden. Sie analysiert dabei die Gesellschaft, die Assimilationspolitik und die Hierarchien in der sozialen Umgebung und in den Gedanken der Menschen. Ein Buch über Analysen, Empfindungen und die familiäre Spurensuche. Beginnend bei ihren Vorfahren, dem Stamm der Bambara in Mali, die gegen die Kolonialisierung gekämpft haben und der aktuellen französischen Gesellschaft. Der Vater ihres Kindes stammt aus einer Familie aschkenasischer Juden und somit berührt auch der Holocaust diese Geschichte. 

Ein bewegendes Buch, das einen aufwühlt und von einer wichtigen Stimme der Gegenwartsliteratur verfasst wurde. Ein Werk über Ausgrenzung und Diskriminierung. Ein Aufruf, den persönlichen Mut zu finden, nicht mehr zu schweigen. Aus dem Französischen übersetzt wurde das Buch von Beate Thill.

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Richard Russo: „Mohawk“

Dieser Roman ist ein großer Wegbereiter für das Gesamtwerk von Richard Russo. Es ist der Debütroman, der jetzt zum ersten Mal in der deutschen Übersetzung erscheint. Übersetzt von Monika Köpfer. Der erste Roman zeigt bereits den literarischen und tiefgründigen Blick des Pulitzer-Preisträgers. Richard Russo blickt stets auf das kleine Leben, um ein großes Gesamtbild zu entwerfen. Seine Betrachtungen verweilen oft in amerikanischen Kleinstädten, um daraus eine Gesellschaftsanalyse zu kreieren. Dabei schwanken die Betrachtungen, Charakterisierungen und Dialoge zwischen Drama und Komik. Russos Romane und Erzählungen sind geprägt durch Melancholie, Witz, Tiefgang und Empathie. Auch sein Erstlingswerk „Mohawk“ ist bereits durch das großartig gezeichnete Personal ein bedeutender amerikanischer Roman und, wie John Irving sagt, „zu gut für einen ersten Roman“.

Die Handlung spielt in Mohawk, Upstate New York, Ende der Sechzigerjahre. Die Stadt liegt im Hinterland und alles, was diese Ortschaft einst lebens- und liebenswert machte, verfällt. Die Menschen, die hier noch verweilen, haben sich arrangiert mit den gegenwärtigen einfachen Lebensbedingungen. Mohawk verdankte seinen damaligen Aufstieg der Lederindustrie. Doch die Landschaft und die Bewohner zahlen ihren Preis für den damaligen Aufschwung. Das Wasser scheint toxisch zu sein und auch in den Gemütern keimt stets etwas Misstrauisches. Die Lederproduktion hat sich immer weiter reduziert und nun herrscht mehr Armut als erhoffter Wohlstand. Auch ist hier die Krebsrate um einiges höher als im Rest von Amerika. Wer hier lebt, hat gelernt, dass man sich große Zukunftsträume nicht leisten kann.  

Anne Grouse ist mit ihrem Sohn zurückgekehrt. Sie hatte Pläne, doch ist sie nun wieder ein Teil der Gemeinde Mohawk. Ihre Eltern leben dort und mit ihrer Mutter hat sie stets andere Meinungen über die Pflege ihres kranken Vaters. Ihre Ehe mit Dallas Younger liegt in Scherben und sie muß sich um ihren Sohn, Randall, kümmern. Randall ist eigentlich ein guter Schüler, doch will er nicht in der Kleinstadtschule auffallen und schreibt bewusst Fehler in seine Tests, damit er nicht zu strebsam wirkt. Doch fällt er dennoch auf und bekommt in der Schule Probleme. Bereits als junge Frau hatte Anne Dallas nicht so sehr geliebt wie Dan Wood, den späteren Ehemann ihrer Cousine. Dallas spürt die fehlende Liebe und verliert sich in der technischen Zuneigung zu seinem Auto und dem Glücksspiel. In Dans Leben gab es einen großen Schicksalsschlag, der ihm gesundheitlich weiterhin zu schaffen macht. Auch die Krankheit von Mather Grouse, Annes Vater, hat ihren Ursprung und zeigt sich stets atemlos, wenn Rory Gaffney, ebenso ein damaliger Lederarbeiter, die Szenerie betritt. Eine unterschwellige Fehde zwischen den Familien Grouse und den Gaffneys scheint sich erneut zuzuspitzen. Doch Randall befreundet sich mit dem geistig zurückgebliebenen Jungen von Rory, den alle nur Wild Bill nennen. Alle leben nicht das Leben, das sie sich erträumten. Dallas sorgt sich nach dem Tod seines Bruders um dessen Frau und fühlt sich bei ihr mehr als heimisch. Anne hat ihre große Liebe bisher nicht aufgeben können und auch Wild Bill ist heimlich verliebt.

Eine Kleinstadt, in der sich wahrlich alle um sich selbst drehen, um einigermaßen im Leben Fuß fassen zu können. Im Mittelpunkt ist der Mohawk Grill, in dem sich alle zum Trinken oder Glücksspiel treffen. Der Glaube an ein besseres Leben webt durch die Gemüter und gibt doch nur Nahrung für Zweifel und Niedergeschlagenheit in der verfallenden Kulisse der Kleinstadt. Doch gibt es auch stets lebensspendende Hoffnung und ganz viel Humor. Ab der ersten Szene ist man mit den Charakteren an Mohawk gefesselt. Man horcht genau hin und beginnt stets zu schmunzeln und zu grübeln. Was Russo perfektioniert hat, und dies bereits im Debütroman, ist der melancholische Witz – hier schließt sich erneut der Kreis zu John Irving.

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