Archiv der Kategorie: Erlesenes

Grégoire Delacourt: „Die vier Jahreszeiten des Sommers“

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Das Buch hat mich sehr positiv überrascht. Bei den ersten Zeilen wollte ich es schon weglegen. Einige Seiten weiter war ich immer noch nicht wirklich überzeugt und weiterhin skeptisch. Aber dann wurde ich immer süchtiger nach den Geschichten und den Protagonisten. Es ist die leichte Art, wie die jeweilige Handlung erzählt wird. Die Sprache und die Geschichten wirken nicht aufgesetzt und bieten melancholischen und schönen Tiefgang. Auch wenn das Buch optisch einen leichten Sommerroman für den Strand verspricht, sollte man sich nicht täuschen lassen, das Buch ist doch weit mehr als das und ist auch kein verklärtes Gute-Laune-Werk.

Die erste Erzählung ist aus der Sicht eines jungen Menschen, der zum ersten Mal die Liebe findet und daher liest sich der Text anfänglich etwas holperig und kippt leicht ins Kitschige. Doch ist dies bewusst vom Autor eingesetzt, um die Stimmung des jungen Protagonisten einzufangen. Der Roman beinhaltet vier Kapitel, die jeweils verschiedene Lebenszeiten beleuchten. Die Zusammenhänge sind  der 14. Juli, der französische Nationalfeiertag, der Strand von Le Touquet und wie zu erwarten ist, die Liebe.

Es sind vier Jahreszeiten im menschlichen Leben die durch verschiedene Charaktere verdeutlicht werden. Es ist ein Junge, der mit 15 Jahren seine erste große Liebe erlebt und diese nicht erwidert findet und in seinem Liebeskummer ertrinkt.

Wir lernen eine 35-jährige Frau kennen, die ihre Liebe verloren meint und von einem weiteren Mann, mit dem sie einen Sohn hat, wortkarg verlassen wurde. Sie ist nun auf der Suche nach neuem Glück. Durch einen Rettungsvorgang am Strand wird sie im Krankenhaus erneut mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.

Im dritten Kapitel geht es um eine Hausfrau, die mit sich nicht im Reinen ist, ihren Körper als 55-Jährige aber nicht als alt deklariert wissen möchte und auf der Suche nach körperlicher Anerkennung ist. Sie möchte sich der Liebe bedingungslos hingeben können und stürzt sich ins Abenteuer.

Das Ende, der letzte Sommer im Leben, handelt von einem Ehepaar, um die 75, die sich noch genauso lieben wie am Anfang ihrer Beziehung. Nach einem gemeinsamen und für sie erfüllten Leben beschließen sie gemeinsam zu gehen…

Der Episodenroman ist nicht überfüllt, sondern eher leicht zu lesen und, wenn er etwas Kitsch streut, ist es passender und schöner Kitsch, der zum Erzählten passt und dadurch beim Leser eigene Regungen heraufbeschwört. Man lernt die Figuren lieben, leidet mit ihnen und hat stets die Hoffnung, dass trotz der Hindernisse und verpassten Lebens- und Liebesmomente alle mit sich ins Reine kommen mögen.

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Yoko Ogawa: „Hotel Iris“

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Yoko Ogawa ist für mich ein Phänomen, sie schreibt so einfache und dennoch ausdrucksstarke Sätze, die für mich beinahe poetisch sind. Bei ihren Werken entsteht fast schon ein magischer Sog, der durch die feine, sinnliche Sprache und Erzählstruktur fesselt.

Bekannt ist die japanische Autorin durch ihre Werke „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ und „Schwimmen mit Elefanten“. Nun ist im Taschenbuch ein älteres Werk von ihr erschienen, das ich bisher nicht kannte. Es ist eine Geschichte voller dunkler Begierde und Erniedrigungen. Das knapp, fast schon karg geschriebene Buch scheut keine Tabuthemen. Es geht um Einsamkeit, Erniedrigung, Sexualität, krankhaftes Verlangen und Sadomasochismus. Im Mittelpunkt steht die Abhängigkeit und Begierde zwischen zwei unterschiedlich alten Menschen. Ein älterer Mann, lediglich „der Übersetzer“ genannt, und die minderjährige Mari lernen sich kennen. Die Handlung erinnert leicht an den Film „Der Liebhaber“, zeigt aber im Roman von Ogawa eine dunklere Welt als das französische Filmdrama.

Das Hotel Iris ist ein leicht schäbiges Haus in einem touristischen Küstenort. Das Hotel wird meist von Japanern aufgesucht, die einen kurzen Strandurlaub planen. Es ist kein Hotel zum Verweilen, daher ist der Bezug zum personifizierten Regenbogen (Iris) wohl eher auf das Seelenleben der Protagonisten zu sehen. Denn die junge Mari muss hart im Hotel mitarbeiten und ihre strenge Mutter gibt ihr kaum Raum für sich. Selten hat das Mädchen die Möglichkeit das Etablissement zu verlassen. Sei es, um nur gleich um die Ecke ein Eis zu kaufen.

Eines Tages, als Mari wie üblich abends an der Rezeption arbeitet, entfernt sich eine Prostituierte aus einem Zimmer und beschimpft beim Hinausgehen, den von ihr aufgesuchten Gast des Hotels. Die Stimme des Gastes, der der hinauspolternden Frau nur einen Satz hinterherruft, lässt in Mari etwas erklingen. So macht Mari Bekanntschaft mit diesem viel älteren Herren, der sie sofort begeistert und in seinen Bann zieht. Sie treffen sich heimlich und lernen sich kennen. Er lebt zurückgezogen und einsam auf einer kleinen Insel, die man nur mit einer Fähre erreicht. Er arbeitet als Übersetzer von russischen Texten ins Japanische. Meist Packungsbeilagen und Anleitungen. Nebenbei übersetzt er einen russischen Roman, dessen Heldin ebenfalls Mari heißt und die durch ihre vom Ehemann ungewollte Schwangerschaft auf übelste misshandelt wird. Der Übersetzer zeigt sich besonnen und edel, doch kann er auch sehr herrisch und bestimmend sein. Diese Seite lernt Mari immer mehr kennen, aber auch fast schon lieben. Seine Ausbrüche verwandelt er in sexuelle Phantasien und Mari wird das Opfer seiner perversen Neigungen, die sie aber nicht abschrecken, sondern auch erregen und ihr sogar gefallen. Er zweifelte durch seine bisherige Einsamkeit an seiner Existenz und seine nun ausgelebte Macht lässt ihn aufleben. Umso hässlicher Mari sich empfindet, desto mehr gestattet sie ihm sie zu erniedrigen und sie zu einem Stück Fleisch zu degradieren. Dabei empfinden beide ihre Lust. Ihre Neigungen, Unterwerfungen und Begierden drücken ihre beiden jeweils erlebten Schmerzen aus.

Gleich der Figur in dem Roman, den er für sich übersetzt, muss nun Mari viel Leid und Demütigung ertragen. Auch ist die Frau des Übersetzers durch tragische Umstände ums Leben gekommen. Hat er Schuld am Tod seiner Frau? Und was droht Mari in dieser ungleichen Beziehung? Als der stumme Neffe des Übersetzers zu Besuch kommt und er Mari ganz anders behandelt und sich zu ihr zärtlich hingezogen fühlt, kommt es zur Eskalation.

Ein Buch voller dunkler Sehnsüchte, Begierden und Machtspiele. Lust und Schmerz stehen der erhofften Liebe gegenüber. Ein eleganter, düsterer und aufwühlender Roman, voller Schattenseiten. Auch wenn einzelne Szenen und Verstrickungen abstoßend und für den Leser unverständlich sind, bleibt das Buch immer literarisch und wird nie anzüglich. Man liest gebannt den Verlauf der Handlung und die Abhängigkeiten der Protagonisten zueinander.

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Emma Cline: „The Girls“

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Ich liebe Romane und Musik, daher habe ich beim Lesen oft meinen eigenen Soundtrack im Kopf. Neulich habe ich das Buch „The Girls“ von Emma Cline gelesen. Ein düsterer, etwas verstörender aber sehr faszinierender Roman. Er spielt im Jahr 1969. Anfänglich hatte ich u.a. Led Zeppelin und die ganze Woodstock-Liga im Kopf… dann wird der Text aber immer mehr gleich einem Mahlstrom und die Musik in mir tendierte zu Nine Inch Nails: „Piggy“…

Das Buch spielt in zwei Zeitebenen, wobei die Haupthandlung in Kalifornien im Jahr 1969 spielt. Es ist die Zeit der inneren Unruhe, des musikalischen Aufbruchs in der Rockgeschichte, der von England nach Amerika schwappte. Es ist die Zeit der Kommunen und der Hippies.

Die erste winzige Szene im Buch stellt uns die vierzehnjährige Evie Boyd vor, die auf Mädchen trifft, die sich ganz frei und ungezwungen bewegen und mit langen, ungekämmten Haaren und ungewöhnlichen, fransigen Kleidern durch den Park gehen. Sie sind so ganz anders als alle anderen, die Evie bisher kannte.

Dann springt das Buch in die Zukunft und Evie Boyd wohnt in einem geliehenen Haus. Sie hat ihren Job verloren und ihr Erbe hat sie bereits vor Jahren aufgebraucht. Ein besorgter Freund hat ihr sein Ferienhaus angeboten. Nachts hört sie Geräusche und wird von vermeintlichen Einbrechern geweckt. Doch ist es der Sohn des Ferienhausbesitzers mit seiner Freundin, die von Evies Aufenthalt nichts wissen. Es dauert etwas, bis sie sich erkennen, denn Evie hat den jungen Mann vor Jahren zuletzt gesehen. Als er sich an sie erinnert, ist er erneut fasziniert, denn Evie war eine von den Frauen der „Ranch“, von der „Sekte“ und bereits als Kind hat ihn das, was dort passiert war auf krankhafte Weise begeistert. Es hatte ihn abgeschreckt, aber auch gefesselt.

Zurückblickend wird nun die Geschichte erzählt, wie Evie in den Bann der Mädchen und deren Anführer, der abstoßenden Guru-Figur Russell gerät. Sie ist vierzehn und ihre Eltern sind geschieden. Sie sehnt sich nach Beachtung, nach Liebe und Geborgenheit. Auch ihre Freunde nehmen sie nicht mehr wahr und sie empfindet sich als unsichtbar und möchte unbedingt gesehen werden. Zum wiederholten Male begegnet sie neuerdings im Ort den Mädchen, die so ganz anders sind. Es sind junge Frauen, die sich sehr ungezwungen verhalten. Das Erscheinungsbild ist sehr ungepflegt. Bei einem versuchten Ladendiebstahl spielt sie mit und besorgt für die Frauengruppe die fehlenden Hygieneartikel. Durch diese Tat, die sie nur im Schein als Diebstahl aussehen lässt, wird sie endlich wahrgenommen und gerät besonders in den Bann von Susanne, der älteren von ihnen. Sie steigt in deren klapprigen Bus und fährt mit zur Ranch, die tief in den umliegenden Hügeln liegt.

Evie ist nun eine von den Mädchen, aber fernab ihrer bekannten Welt. Die Ranch ist verwahrlost und überall ist es schmutzig. Bevölkert wird das Lager von Aussteigern und Ausgerissenen. Gleich bei ihrer Ankunft wird eine bizarre Party gefeiert. Zwischen Musik und Räucherwerk verlangt der Anführer von Evie Sex. Evie ist zu jung und unerfahren, um zu verstehen, was mit ihr geschieht. Sie gibt sich ihrer Illusion von freier und grenzenloser Liebe hin. Sie merkt noch nicht, wie sie immer mehr mit und durch diese Gruppe absteigt und sich selbst zu verlieren scheint. Durch ihre Einsamkeit ist sie leicht zu verführen und gerät fast an den Rand eines mörderischen Kults. Es kommt der Moment, der ihr Leben verändert und sogar gewaltvoll zerstören könnte… Ein leicht verstörender Debut-Roman, der bis zum Ende fesselt.

Siehe auch die Besprechung von Mareike: Herzpotenzial

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Dr. Klaus Witt: „Der Seelenfänger von Capri“

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Dieser Leseeindruck könnte etwas persönlicher ausfallen, denn bereits als Kind hat mich sehr die Geringschätzung der Menschen gegenüber anderen Lebensformen, besonders den Tieren, beschäftigt. Da auch im Dezember unser Kater und gestern unsere Katze, die beide an Krebs erkrankt waren,  verstorben sind, hat mich das Buch von Klaus Witt sehr angesprochen. Warum trauern wir Menschen um unsere geliebten Haustiere, die für uns wie Familienmitglieder sind und blenden aus, dass das Stück Fleisch, das auf dem Teller liegt auch von einem Tier stammt, das doch auch ein Recht hatte zu leben und geliebt zu werden? Was ist der ethische Unterschied zwischen einer Katze, Kuh oder Biene? Was soll auch der Begriff „Nutztier“ wirklich verdeutlichen und verschleiern? Haben Nutztiere weniger Rechte? Aber wovon noch weniger? Denn Tiere gelten doch meist als seelen- und rechtlos. Die Betrachtungsweise, welche Tiere appetitlich oder süß wirken, hängt vom kulturellen Umfeld ab. Stets vorrätiges und günstiges Fleisch setzt Massentierhaltung und grausame Quälereien voraus.

„Solange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben“ (Leo Tolstoi)

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Der praktizierende Tierarzt Dr. Klaus Witt hat für sich erkannt, dass er sich ausschließlich um die Heilung der Tiere kümmern möchte und nicht um die Methode, wie man Tiere möglichst rationell und gewinnbringend ausbeutet. Seine Approbation zum Tierarzt und die ärztliche Diagnose Krebs bei seiner Mutter treffen zeitgleich ein und es keimt in ihm der Wunsch, seiner Mutter seine Lieblingsinsel Capri zu zeigen. Klaus Witt hat für sich Capri liebgewonnen und in ihm ist immer diese Sehnsucht nach der Insel. Kaum kommen die beiden auf der Insel an, werden sie mit einem kranken Hund konfrontiert und lernen durch diesen liebgewonnenen Patienten den Tierarzt der Insel, den „Dottore“, den Seelenfänger, kennen. Diese Freundschaft und die mediterrane Lebensart regen die Gedanken von Klaus Witt an und  es ist ein leidenschaftlicher Appell an die Verantwortung gegenüber dem Leben und ein lebendiger Reisebericht entstanden. Das Buch macht unglaubliche Lust auf die Insel und ist für mich eine Überraschung, denn Klaus Witt ist ein belesener und fühlender Mensch, der seine Erkundungen auf Capri neben seine erlesenen philosophischen, spirituellen Ansichten mit seinen eigenen Gedankengängen kombiniert. Ein unterhaltsames Plädoyer für die Seele der Tiere und für ein Bewusstsein u.a. beim Einkauf und Konsum von Tierprodukten.

Neben den empfehlenswerten und gerade sehr aktuellen Werken von Peter Wohlleben und Clemens G. Arvay reiht sich dieses Manifest für die Tiere gelungen ein.

Jeder kann nur sich ändern und damit sein Umfeld beeinflussen. Sollten diesem Beispiel mehr Menschen folgen, könnte aus den individuellen Inseln, die wir jeder für sich sind,  ein glücklicheres und friedvolleres Miteinander keimen.

182Ich lebe vegan und durfte mal eine Woche in der Tierarztpraxis Kirchhofallee an der Seite von Dr. Matthias Böhm arbeiten, der mich zu diesem Praktikum eingeladen hatte. Er hätte mich gerne für eine Umschulung eingestellt, da er meinen Umgang mit Tieren mochte. Doch hat sich meine Biographie anders gestaltet, aber das Praktikum hat mich in meiner Hingabe zu den Tieren bestärkt. Warum sieht sich der Mensch immer noch gegenüber allen Lebensformen als erhaben an? Warum müssen wir alles ausbeuten und geringschätzen? Ich hoffe, dieser Reisebericht und anrührende Seelenfänger für Menschen und Tiere wird einen Beitrag dazu leisten. Zumindest regt er zum Nachdenken an und macht auch auf Capri sehr neugierig.

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János Székely: „Verlockung“

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Die Wiederentdeckung eines Leseschatzes. Székely ging bereits 1935 mit dem Roman  „Verlockung“ schwanger. Das Werk vollendete er dann gute zehn Jahre später. Es sollten weitere Romane folgen, die mit „Verlockung“ eine Trilogie bilden sollten. Leider hat Székely es nicht geschafft, diesen Romanzyklus zu verwirklichen. Aber „Verlockung“ für sich allein gelesen ist eine Bereicherung.

Die Handlung beinhaltet wohl viel Biographisches vom Autor. János Székely wurde 1901 in Budapest geboren. Als Achtzehnjähriger kam er auf der Flucht vor dem Horthy-Regime nach Berlin. Er verfasste Drehbücher für Stummfilme. 1934 erhielt er eine Einladung nach Hollywood und 1938 wanderte Székely endgültig aus. Während der McCarthy-Ära wurde er wiederum verfolgt und ging mit seiner Familie kurzzeitig nach Mexiko. Bereits schwer erkrankt kehrte er zurück nach Berlin und starb dort 1958.

„Verlockung“ spielt zwischen den beiden Weltkriegen in Ungarn und erzählt die lebendige und spannende Geschichte von Belá. Er wächst in einfachen Verhältnissen in einem trostlosen Dorf auf.  Bereits der Anfang des Buches lässt ahnen, wie humorvoll und toll die nun folgende Geschichte sein wird:

„Mein Leben beginnt wie ein Kriminalschmöker: Man wollte mich ermorden. Glücklicherweise wurde dieser Plan fünf Monate vor meiner Geburt gefasst, und so hat er mich kaum sonderlich erschüttert.“

So beginnt das komplexe Werk als Schelmen- Abenteuer- und Erziehungsroman. Der Protagonist ist Belá, Sohn einer Waschfrau, die diesen bei einer ehemaligen Prostituierten aufwachsen lässt, die wiederum ein heruntergekommenes Heim, d.h. eine Pension für uneheliche Kinder und (freizügige) Dienstmädchen, betreibt. Da er zur Schule gehen darf und sogar Schulbester wird, schafft er es Ende der zwanziger Jahre nach Budapest. Er arbeitet dort als Liftboy und Page in einem vornehmen Hotel. Seine Verlockung sind die Frauen. Besonders die elegante Dame aus Appartement 205, die den Hotelpagen gerne zu Liebesdiensten bestellt. Belá meinte es geschafft zu haben, das triste und arme Leben hinter sich lassen zu können. Er meinte kurzweilig das Glück spüren zu können. Belá sehnt sich nach Liebe und nicht nach dem großen Geld. Denn die Pagen bedienen sich nach den erzwungenen Liebesphantasien der edlen Dame in deren Geldbörse. Ein hübsches amerikanisches Mädchen zieht in das Hotel und es kommt zu zarten Annährungen zwischen ihr und Belá. Aber irgendwann ist diese auch abgereist und hinterlässt in ihm den Wunsch in die USA zu fliehen. Das Schreiben des amerikanischen Mädchens erreicht ihn mit unleserlichem Absender und somit verpasst Belá abermals sein Glück…

Ein umfangreicher Roman, der klug unterhält und einen mit dem Helden hoffen lässt. Die Sprache bleibt stets humorvoll und sehr anspruchsvoll – gleich der Handlung. Ich hoffe, viele Leser werden sich der „Verlockung“ hingeben…

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Elizabeth Graver: „Die Sommer der Porters“

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Ein stiller Familien- d.h. Generationenroman, der die Sommermonate der wohlhabenden Familie Porter beleuchtet, die ein Haus auf der Halbinsel Ashaunt in Massachusetts ihr Eigen nennen. Es sind ausgewählte Sommer, die episodenhaft die Geschichte einzelner Familienmitglieder erzählen. Der Roman spannt den Bogen von 1942 bis zur Jahrtausendwende.

Mister Porter, der im Rollstuhl sitzt, und seine Frau verbringen mit ihren drei Töchtern Helen, Dossy und Janie meist eine schöne Zeit in ihrem Sommerhaus. Doch ist nun der Krieg allgegenwärtig, auch auf der betulichen Insel und wächst zu einer nahenden Bedrohung. Charlie, der einzige Sohn der Porters, wird zum Piloten ausgebildet und wohl bereits bald nach Europa abkommandiert. Der Vater und die Mädchen sind stolz auf ihren Bruder, der stets präsent ist, haben aber natürlich auch Angst um ihn.

Viele der wohlhabenden Grund- und Sommerhausbesitzer meiden bereits die Insel, denn in der nahen Nachbarschaft wurde ein Militärstützpunkt errichtet. Mit der Familie reisen stets das Personal und zwei schottische Kindermädchen nach Ashaunt. Denn die Porters wirken nicht wie umsorgende Eltern und überlassen die eigentliche Erziehung den mitangereisten jungen Frauen. Bea, die sich allein um die jüngste Tochter kümmern soll, liebt diese wie eine eigene Tochter. Doch wird Bea sich bald zu entscheiden haben, ob sie weiterhin bei den Porters in Einstellung als Mutterersatz bleibt oder ihre eigene Familie gründet. Denn mit dem Aufbau des Militärstützpunkts hat sich nicht nur die Infrastruktur der Insel gewandelt, sondern es sind in der Nachbarschaft junge Soldaten, die mit den Mädchen und Frauen flirten und es werden verschiedene Bekanntschaften gemacht. So beginnen auch für die Töchter der Porters schicksalhafte Zeiten.

In weitschweifenden Kapiteln werden einzelne Charaktere und Zeiten, d.h. Sommer hervorgehoben. Helen, die vorerst aufmüpfige, dann starke Frau, die aber auch widersprüchlich wirkt, möchte das Leben kosten und alles haben. Helen war immer am engsten verbunden mit Charlie, der ebenfalls seine Probleme hatte und auch später immer gegenwärtig bleibt, auch als er bereits Soldat ist. So wandert man als Leser chronologisch durch die Sommer der Porters. Beginnend mit der Beziehung der Eltern zu ihren Kindern und deren Kindermädchen. Aber mit der Zeit kommen immer mehr Familienmitglieder hinzu, die das Sommerhaus als innere und äußere Zuflucht kennenlernen. Die einzelnen Schicksale werden aus wechselnden Perspektiven und sogar in Briefen erzählt.

Der Roman handelt von Liebe, Enttäuschungen, falschen Erwartungen und Hoffnungen. Die Geschichte erzählt viel, lässt wiederum aber auch einiges aus. So werden durch diese Auswahl und den Zeitraffer bestimmte Schwierigkeiten, Entscheidungen und Entwicklungen innerhalb der Generationen der Familie hervorgehoben. Durch die flüssige und stimmungsvolle Sprache, gelingt es Elizabeth Graver zügig die einzelnen Figuren zu charakterisieren und dem Leser vertraut werden zu lassen. Der Roman liest sich filmreif und bietet viele stille und schöne Lesemomente. Ein Roman, der in den Wirren unserer Geschichte das Alltägliche und nicht Alltägliche einer wohlhabenden Familie erzählt, die an der Küste ihren Rückzugsort findet, der aber nicht immer paradiesisch sein muss. Der Roman war in den USA für den National Book Award nominiert.

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Botho Strauß: „Herkunft“

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„Herkunft“ fällt aus dem üblichen Kanon der gesammelten Werke von Botho Strauß heraus,  denn es ist anders und doch ein zu erwartendes großes literarisches Werk vom Autor. Das Büchlein ist wohl sein persönlichster Text, denn es erzählt von der eigenen erlebten Jugend, der engen Häuslichkeit und der stets präsenten Rolle seines Vaters. Ein wichtiges und bleibendes Buch, das uns die Herkunft des Autors und seiner Werke nahebringt.

Besonders auffallend ist die schöne, knappe und präzise Sprache. Nichts wird ummantelt oder überflüssig gedehnt dargestellt. Die Sätze wirken gleich einer Statue, die aus einem groben Klotz immer mehr herausgeschliffen wurden, bis nur noch das Wahre, das Wesentliche stehenblieb.

Wir erlesen die 40er- und 50er Jahre. Es ist einer enge, bieder Welt in der Botho Strauß aufwächst. Jetzt, als älterer Mensch, blickt Botho Strauß mit diesem Text zurück und erlebt für uns Leser seine Kindheit und Jugend erneut und schildert diese durch die genaue Darstellung und Sprache sehr nachfühlbar. Sein Blick ist oft auf den prägenden Vater gerichtet, dessen Ansichten, Traditionen und Lebensphilosophie Botho Strauß meist nicht teilt und auch in Frage stellt. Nun im Rückblick erkennt er, dass man in das hineinwächst, was man damals als veraltet empfand. Sein Vater war ein Pharmazeut, der ebenfalls geschrieben hat. Er hat eine eigene Monatsschrift verfasst, die die Mutter, eine Hausfrau, einzutüten hatte. Die Meinungen über Literatur gehen bei Botho und seinem Vater aufgrund verschiedener Sichtweisen weit auseinander. Der junge Botho Strauß ist von Brecht begeistert und wünscht sich, dass sein Vater dasselbe in den Texten findet wie er. Doch der fast schon zu Misanthropie neigende Vater schwört auf Thomas Mann. Im Ersten Weltkrieg hat der Vater ein Auge verloren und sein eigenes Unternehmen wurde ihm genommen, da er in der Besatzungszone als Spion verhaftet wurde. Jetzt leben er und seine Familie in einfachen, aber gut bürgerlichen Verhältnissen.

Die erinnerte Kindheit ist eine enge, biedere Welt, in der man noch höflich ist, grüßt, wenn nicht sogar den Hut voreinander zieht. Wir lernen den jungen Botho kennen, der draußen spielt und sich verliebt. Sein Elternhaus als Herkunft und mit dem Vater als Mittelpunkt der Familie.

In der Gegenwart reist Botho Strauß in seine Vergangenheit, denn die Wohnung der Eltern wird aufgelöst und somit seine Kindheit entrümpelt und sein Zuhause aufgelöst. Ein berührender und literarischer Rückblick. Ein glaubhafter und intimer Roman, der den Weg aufzeigt, den der Autor Botho Strauß genommen hat, um der zu werden, der er ist.

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Olli Jalonen: „Von Männern und Menschen“

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Ein Roman, der alte Zeiten aufleben lässt und mich dabei unglaublich süchtig gemacht hat. Beim Lesen verweilt man gerne im skandinavischen Sommer des Jahrs 1972 und vermischt mit Bildern der eigenen Kindheit wurde das Buch für mich sehr erlebbar. Der Roman wurde von Stefan Moster, der mich in diesem Jahr bereits mit seinem Roman „Neringa“ begeistern konnte, aus dem Finnischen übersetzt. Die Tonlage und der Stil des Romans erinnern an Frank Goosen, Magnus Mills oder Gerhard Henschel (siehe u.a.: „Künstlerroman„) . Der Roman ist detailverliebt, aber niemals überladen und der tolle Erzählstil trägt einen sehr schnell durch diesen kleinen Wälzer. Es lässt uns den Protagonisten als Freund empfinden, der einem sehr vertraut wird. Auch Finnland wird etwas vertrauter. Im Anhang hat der Übersetzer Stefan Moster einen kleinen Aufsatz über die Politik Finnlands im Sommer 1972 geschrieben. Dieser rundet den Text von Jalonen ab und trägt im Kleinen dazu bei, die Umstände besser zu vertiefen.

Der Held des Romans ist 17 Jahre alt und ein kluger Schüler, der sogar von seiner Lehrerin für ein Stipendium vorgeschlagen wird. Aber seine unbeschwerten Tage enden mit den Schlaganfällen seines Vaters. Bisher hat er die Sommermonate gerne mit Krebsefangen und Radiohören verbracht. Je nach Wetterlage und Tageszeit ist es eine Leidenschaft der Jungs, mit ihren Weltempfängern Sender der ganzen Welt zu suchen und somit zumindest mit dem Radio dem landschaftlichen Einerlei zu entkommen. Sein Vater erkrankt und kann nicht mehr arbeiten und somit auch die Raten für den frisch erworbenen Wagen nicht mehr bezahlen. Diesen hat die Familie vom Autohändler des Ortes, gekauft, der nun von einem Rückkauf nicht sehr begeistert ist. Zum Glück ist der Händler der Bruder eines sogenannten nahen Verwandten, „Vetter“ Lampinen, eher Freund der Familie, dem die Installationsfirma „Volles Rohr KG“ gehört. Dieser kommt zu den Nachverhandlungen bezüglich der Rückabwicklung des Autokaufs hinzu und macht einen Deal aus, dass der Ich-Erzähler die noch fehlenden Raten, trotz des zurückgegebenen Autos, auf dem Bau abarbeiten soll.

So verbringt der Erzähler seine Ferienmonate mit dem Auffegen der Werkstatt von Vetter Lampinen und dem Bau von Regenrinnen. Er findet sich wieder in einer Welt der Handwerker und erwachsenen Männer. Da er auch werktags in dem Bauwagen der Firma übernachtet, akklimatisiert er sich schnell in dieser Welt und neben der harten Arbeit lernt er viel über Freundschaft, Verantwortung, Loyalität und Zwischenmenschliches, denn auch die Mädchen werden zu Frauen und erscheinen unserem Helden bald auch in einem neuen Licht…

Ein Abenteuer voller schriller, verschrobener Charaktere in einem Sommer, in dem es um vieles und wiederrum nichts geht. Es geht um Begeisterung und Liebe, um Freundschaft und ums Erwachsenwerden. Nebenbei erlebt man das Jahr 1972 aus finnischer Perspektive. Es ist das Jahr der Olympischen Sommerspiele in München und Kiel und die Hochphase der Piratensender. Auch der Held ist beteiligt an der Entstehung von „Radio Satan“, in dem er und sein Kumpel bereits gesendete Beiträge von regulären Sendern zusammenschneiden und dadurch den Inhalt verfremden oder diesem eine neue Bedeutung geben. So beginnt auch jedes Kapitel im Buch mit einem kleinen Beitrag aus diesen fungierten Interviews.

Das Buch hat mir sehr viel Spaß gemacht und durch die Sprache, sowie den Inhalt wurde ich immer süchtiger nach den Figuren und der Handlung. Olli Jalonen gehört zu den bedeutendsten Autoren Finnlands und ich hoffe, seine Werke werden auch im deutschsprachigen Raum eine größere Leserschaft erreichen. Ein tolles, unterhaltsames, kluges und stets humorvolles Buch.

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Ruth Ozeki: „Geschichte für einen Augenblick“

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Die Autorin ist die Tochter eines Amerikaners und einer Japanerin und ist ferner Filmemacherin und Zen-Priesterin. Sie lebt in New York und auf einer kanadischen Insel. So ist es nicht verwunderlich, dass dies alles in ihrem Roman „Geschichten für einen Augenblick“ einfließt. Wenn nicht sogar Ruth selbst, die als Figur in diesem Roman auf einer kanadischen Insel mit ihrem Mann lebt und am Strand eine Hello-Kitty-Box findet. Durch diesen Fund beginnt die Geschichte.

Ruth bemerkt erst ein winziges Glitzern, ein Funkeln. In einem Büschel Seetang findet sie, durch das reflektierte Sonnenlicht angelockt, einen verschrammten Gefrierbeutel, der lange im Wasser gewesen sein muss. In diesem Beutel ist eine Lunchbox, die neben japanischen und französischen Briefen eine Uhr und ein Buch beinhaltet. Das Buch ist eine alte, gebundene Ausgabe von Marcel Proust „A la recherche du temps perdu“. Doch ist es nicht Proust, der über die vierte Dimension schreibt, sondern es sind die handschriftlichen Zeilen von Naoko Yasutani. Der Buchblock wurde gegen einen neuen ausgetaucht und lediglich der Einband erinnert an Proust. Wie ist das Buch nach Kanada gekommen? Ist die Verfasserin der Zeilen durch den Tsunami ums Leben gekommen? Hat sie sich, wie anfänglich angekündigt das Leben genommen? Denn das vorzeitige Beenden der Sein-Zeit scheint in der Familie bereits öfters vorgekommen, d.h. erwünscht zu sein.

Ruth beginnt erst zögerlich, dann immer gebannter die Geschichte von Naoko, die sich wie folgt vorstellt, zu lesen:

„Hallo! Ich heiße Nao, und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein, und ich bin Zeit. Weißt du, was das ist? Wenn du einen Moment hast, erzähl ich es dir.“

Sein-Zeit bezieht sich auf Dogen-Zenji. Auch das Namenskürzel Nao stellt durch die englische Aussprache die Verbindung zum Jetzt her. Denn jeder Augenblick ist ein ganz kleines Teilchen Zeit. So klein und doch sind es immer die Augenblicke, die etwas bewegen. Man kann diesen Moment kaum messen und doch bemisst er unser Leben und ist alles.

Nao sitzt, als sie an ihrem Tagebuch schreibt, in einem französischen Dienstmädchencafé in Akiba Electricity Town. Ruth, die immer mehr in den Gedankengängen und Geschichten von Nao versinkt, macht sich immer mehr Sorgen um das Leben der Verfasserin. Nao trauert ihrem Leben in Amerika nach. Als die Bitcom-Blase platzte, musste sie mit ihren Eltern zurück nach Japan. Nao muß lernen, sich neu einzuleben. Durch ihr fremdeln wird sie ein gefundenes Opfer der brutalen Schikanen ihrer Schulkameraden und Lehrer. Ihre Eltern verfallen ebenfalls in depressive Züge und verhalten sich immer verschlossener. Die Mutter schaut im Aquarium den Quallen zu und der Vater geht kaum noch aus dem Haus, bastelt Origami-Tiere und ist stark suizidgefährdet.

Halt sowie eine geistige und spirituelle Zuflucht findet Nao bei ihrer Urgroßmutter Yasutani Jiko, einer Zen-Meisterin. Diese nimmt sie einen Sommer zu sich. Auch danach bleiben sie ständig via Mail und SMS-Nachrichten in Verbindung. Die weise Yasutani Jiko schätzt sich selbst und sagt, sie sei wohl 104 Jahre alt. Ihr Sohn war ein Philosophie-Student, der dann als Kamikazekrieger ums Leben kam. Er hatte das Leben geliebt und es doch mehr oder weiniger selbstbestimmt beendet. Dieser spiegelt sich in Naos Vater, der mit seinem Leben hadert und ebenfalls den großen Denkern nacheifert und stets versucht sein Leben zu beenden.

Ruth, die als Autorin eigentlich an den Memoiren ihrer eigenen Mutter arbeiten wollte, ist nun auf der Suche nach der ganzen und wahren Geschichte von Nao. Sie liest und  kommentiert für uns Leser mit Fußnoten und Anhängen den Text von Nao. Neben der japanischen Philosophie, vordergründig dem Zen-Buddhismus, geht es um Quantenphysik, Schrödingers Katze, Umweltbewusstsein, die Sein-Zeit, Depressionen, Mobbing und Selbstmord. Auch spannt das Buch den historischen Bogen vom Zweiten Weltkrieg, dem Pazifikkrieg, den Terroranschlägen des 11. September 2001 bis zum Tsunami von 2011 mit der Katastrophe in Fukushima.

Passend zur japanischen Literatur bietet der Text auch mystische Elemente. Parallel- und ätherische Welten verweben sich in die Ebenen der eigentlichen Geschichte. So trifft Nao im Zen-Kloster auf ihren verstorbenen Großonkel und Ruth und ihr Mann bekommen Besuch von einer japanischen Krähenart. Die Krähe als Symbol des Boten, des Übermittlers zwischen den Welten.

Ein Leseschatz, der mich voll und ganz begeisterte. Ich habe vieles aus den Lehren des Zen verinnerlicht und habe eine Ausbildung in Reiki, daher sind mir die japanische Philosophie und Spiritualität sehr nah und ich konnte viele Bilder und Andeutungen in diesem Buch finden, die man, sollte man keine Vorkenntnisse haben, beim Lesen unbewusst aufnehmen wird. Sollte man mehr wissen und erfahren wollen, sind die Kommentare und Anhänge eine gelungene Anregung.

001Ein außergewöhnliches und seltenes Buch. Es ist phantastisch und realistisch zugleich – unsere wahrgenommenen und selbstbestimmten Welten.

Ein Buch, das auf mehreren Ebenen funktioniert und nebenbei große Lesefreude bietet.

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 Weitere Leseeindrücke auf: Masuko13, Buzzaldrins und Bücherwurmloch

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Arnd Rüskamp & Hendrik Neubauer: „Strand ohne Wiederkehr“

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Ein Krimi, der im Radius unserer Buchhandlung spielt…

Eckernförde Hauptstrand

Eckernförde Hauptstrand (Foto: Hendrik Neubauer)

Das Geheimnis des Bermuda-Dreiecks liegt in der Eckernförder Bucht.

Jedenfalls liegt die im Buch genannte Bermuda-Bucht im Süden von Eckernförde, am Südstrand. Hier verschwinden seit Monaten immer wieder Männer –  spurlos.

Die Handlung beginnt mit einem sommerlichen Bad am Südstrand von Eckernförde. Dem Schwimmer wird plötzlich von hinten etwas blitzschnell und mit enormer Kraft übergestülpt. Etwas drückt ihn dann rasend schnell unter Wasser…

Es geht um fünf Vermisste und eine zerlegte Leiche, die vakuumiert wurde. Der Hauptkommissar Rasmussen arbeitet schon lange an der Lösung, kann aber bisher keine Erklärung finden.

Es ist bereits der dritte Fall des Ermittlerduos Rasmussen und Brix, einer pensionierten Richterin. Ferner stehen ihr die „Knilche“ zur Seite. Freunde, die bei der Ermittlung mit Rat und Tat den beiden und der Polizei zur Seite stehen.

Die Brix war ein Jahr auf Weltreise und trifft bei ihrer Heimkehr auf einen leicht niedergeschlagenen Kommissar, der an dem Fall rund um die Bermuda-Bucht zu verzweifeln droht. Sie hat ihn nach ihrem letzten Fall, so fühlte es sich für Rasmussen an, allein gelassen.

Es sind fünf Männer, die bereits spurlos vom Südstrand verschwunden sind. Das endlich wieder vereinte und charmante Ermittlerteam versucht Klarheit in diesen mysteriösen Fall zu bringen. Ein Fall, der ganz Norddeutschland in seinen Bann zieht.

Als dann von gesellschaftskritischen Wegwerf-Gegnern im Müll eines Lebensmittelgeschäfts in Gettorf Leichenteile gefunden werden, kommt es zu ersten Verdachtsmomenten. Die Spur führt zu der nicht sehr trauernden Witwe, der exzentrischen Schönen mit einem Hang zum Kostümfetisch. Ihr Mann, Knut Berger, war Kampfschwimmer und hatte eine Bude am Strand betrieben, die auch von Pelle Erben und Sandro Hagemeister gerne aufgesucht wurde, die die zerlegte Leiche gefunden haben.

Was hat der ehemalige Kampfschwimmer mit den vermissten Männern zu tun? Was verschweigt seine Frau, die Witwe, die zwei Gesichter zu haben scheint? Ein Wirbel um Selbstsucht, Gewalt und Erniedrigung offenbart sich im beschaulichen Ostseebad. Beruhen denn nicht die meisten Tatmotive auf Beziehungsfällen?

Das maritime Flair wird gehörig durcheinander gewirbelt und es kommt zu einem zügigen Finale. Ein Gesellschaftskrimi, wohl nicht nur für Schleswig-Holsteiner ein Leseerlebnis. Wenn man aber die Lokalitäten: Eckernförde, Gettorf, Dänischer Wohld, Kiel kennt, läuft das unterhaltsame Kopfkino beim Lesen auf Höchsttouren. Apropos Kopf. Zitate aus der Popkultur von Katerina Valente über Judas Priest bis hin zu Rage Against the Machine befeuern immer wieder das Radio im Kopf…  Genießen Sie beim nächsten Bad die Angst…

Handlungsorte: u.a. Eckernförde, Kiel, Förde zwischen Bülk und Strande, Holtenau…

Fotos: Hendrik Neubauer

Passend zum Buch gibt es das in den Krimis beschriebene „Gumm Prix“ bald wieder live zu erleben. Ebenfalls lesen die beiden Autoren am 14.07.2016 in unserer Buchhandlung.

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