Fuminori Nakamura: „Die Flucht“

Ein umfangreicher Roman, der neben der Spannung viel über die Geschichte Asiens erzählt und sich glänzend neben die Literatur von Yoko Ogawa, Haruki und Ryu Murakami sowie Shusaku Endo einreihen lässt. Besonders die Werke von Endo werden durch den Bogen zur Gegenwart, den Nakamura schlägt, vertieft. „Die Flucht“ greift Themen auf, die bereits Endo mit „Samurai“ und „Schweigen“ beschrieben hatte. Doch geht Nakamura weiter und zieht den Bogen von der Verfolgung der Christen in Japan über den Abwurf der Atombombe bis ganz nah an unsere Gegenwart heran. Dabei wird er, wie in der japanischen Literatur üblich, auch mystisch und nebulös. Es tauchen Charaktere auf, die auf den Anfangsbuchstaben reduziert werden und einer, lediglich „B“, agiert wie ein Beelzebub. Zumindest ist er ein Bindeglied zwischen der Realität und der Fiktion. Die Trennung zwischen den Lebenssphären erfolgt durch Gewässer und somit ist jener „B“ auch oft nass. Jene bedrohliche Figur taucht auf und möchte die sagenumwobene Trompete haben, die der Erzähler in seinem Besitz hat und dadurch um sein Leben bangen muss. Denn „B“ gibt ihm nur etwas Zeit, um zu handeln und sich zwischen drei Todesmöglichkeiten zu entscheiden. Auch wenn er eine lebende Version wählen würde, wäre sein Selbst zerstört.

Die Handlung beginnt in Köln, denn Kenji Yamamine ist auf der Flucht und ist in die Domstadt gereist. Beruflich ist er Journalist und schreibt oft gegen die politische Entwicklung Japans an. Auch hat er bereits ein Buch erfolgreich herausgebracht. Die immer weiter nach rechts rückende Politik möchte er durch seine Worte bekämpfen. Doch ahnt er, dass die menschliche Natur mit Logik allein nicht zu besiegen ist. Durch starke Emotionen hat sich in den meisten Menschen das festgefahrene Denken verhärtet. Die Menschen benötigen einen Gegenentwurf zu ihrer Weltanschauung, die sich oft durch die Beziehungen in die sozialen Medien verlagert. Durch Zufall oder durch Fügung gerät er an die Geschichte um das legendäre und teuflische Instrument. Der Komposition und der Trompete von Suzuki werden nachgesagt, sie hätten im Zweiten Weltkrieg der unterlegenen japanischen Armee zu einem Sieg verholfen. Die Trompete „Fanaticism“ ist somit ein Inbegriff der menschlichen Hörigkeit. Auf den Philippinen ist das Instrument plötzlich aufgefunden worden. Kinder haben sie in einem „Geisterhaus“ gefunden. Kenji reist dorthin und beschaut sich die Trompete und wird in den Bann gezogen. Dort trifft er auch auf Anh, die aus Vietnam kommt und ihm später, da sie sich verliebt haben, nach Tokio nachreist. Sie möchte mit ihm die Geschichten sammeln, ihre, seine, die der Länder und die der Trompete. Er wird es sein, der ihren Traum verwirklicht, denn auf einer Demonstration wird sie tödlich geschubst. Dadurch, dass er es ist, der die Geschichten fixiert, trägt das Werk später den Titel „Eine Seite der Geschichte“. Doch bevor er schreibt, ist er auf der Flucht, denn das Schicksal hat ihn in den Besitz der Trompete gebracht und das Instrument weckt Begehrlichkeiten und Kenji wird bedroht und weltweit verfolgt. Alles, was er am Ende nur noch möchte, ist den Wunsch von Anh zu erfüllen. Die „Eine Seite der Geschichte“ beginnt in der damaligen Zeit der Verfolgung der Christen und des Schreckens der Atombombe.

Der Roman „Die Flucht“ ist ein ganz besonderer. Nach „Der Revolver“, „Der Dieb“ und „Die Maske“, die alle bereits Leseschätze sind, ist der aktuelle Roman, das umfangreichste Werk des Autoren, das aus dem Japanischen von Luise Steggewentz übersetzt wurde. Fuminori Nakamura wird in Japan als junger und erfolgreicher Autor gefeiert und gilt als Meister des Düsteren. Seine Romane sind eindringlich, verstörend und sehr spannend. Sehr verstrickt, unheimlich und voller Geschichten, die besonders im zweiten Teil des Romans ins Historische wandern und somit Geschichte lebendig werden lässt. Kann es eine gerechte Welt geben oder sind wir lediglich unserem individuell geprägten „Gerechte Welt“-Wunsch hörig? Ein großer japanischer Roman, der eine Bereicherung ist.

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Leo Vardiashvili: „Vor einem großen Walde“

Dieser Roman ist der Beweis, warum Literatur uns mehr ergreift, als es jede mediale Nachricht oder ein sachlicher Bericht vermag. Ein Buch, das uns abtauchen lässt und Grenzen überschreitet. Die der Länder, der Geschichten und die der Wirklichkeiten. Trotz des dramatischen Abenteuers ist es auch ein sehr humorvoller Text und ist dadurch ein Lesevergnügen.

Am Anfang steht die Frage nach der Mutter, die Kinder vermissen diese. Diese Frage bleibt bestehen und die Vermissten mehren sich im Handlungsverlauf. In den Wirren des Bürgerkrieges fliehen sie aus Georgien, nur die Mutter bleibt zurück. Sie immigrieren nach England und später macht sich der Vater auf, als sie genug Geld haben, um seine Frau zu suchen. Doch auch der Vater verschwindet und der ältere Bruder von Saba, der dem Vater nachgereist ist, ebenfalls. Nun liegt es an Saba die Suche fortzuführen und er bricht auf in ein ihm fremdes Land. Tbilissi ist überfüllt mit Geschichten und sich anhäufenden Erinnerungen und er beginnt, allen Hinweisen zu folgen. Hinweisen seines Bruders, der ihn aber auch eine ernste Warnung gegeben hat. Die Reise wird abenteuerlich und märchenhaft und endet in einem großen Wald, der zwischen den Grenzen liegt.

Der Roman fesselt sofort und erzeugt sehr lebendige Bilder. Eine menschliche Odyssee im Gestrüpp der gegenwärtigen Zeitgeschichte. Ein Irrweg voller Ironie und Schicksale. Es ist die Menschlichkeit, die sich hier in der politischen und gesellschaftlichen Maschinerie verheddert. Dabei trifft Humor auf Drama und das anfängliche Lächeln verklingt gegenüber dem machtlos machenden Weltblick. Ein Roman, der zuweilen an die Werke von Hosseini erinnert. Gleich am Anfang, mit der Landung in Georgien, breitet sich eine Bedrohung und Beklemmung aus, die sich kontinuierlich steigert. Ein kraftvoller Text, der beim Lesen sehr viel Emotion und Empathie erweckt. Übersetz von Wibke Kuhn.

Ich durfte vor Drucklegung das Manuskript lesen und werde bereits aus obigem Text in den Verlagsvorschauen und Presseexemplaren zitiert.

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Rainer Moritz: „Vielleicht die letzte Liebe“

Dieses Buch lebt, auch wenn man es als Friedhofsroman bezeichnen könnte. Der Friedhof Père-Lachaise als letzte und kultumrankte Ruhestätte, die unzählige Geschichten in allen Facetten beherbergt. Ein Roman, aus dem das Leben sprießt und der enorm viel Liebe entfacht. Liebe zu Menschen, zu ihren Geschichten, zu den Kulturen und der französischen Leichtigkeit.

Prof. Dr. Rainer Moritz war Fußballschiedsrichter, später nach seiner Promotion arbeitete er als Cheflektor und als Programmgeschäftsführer bei unterschiedlichen Verlagen. Seit 2005 leitet er das Hamburger Literaturhaus. Er tritt als Literaturkritiker in Erscheinung, ist Übersetzer und Radiomoderator. Damit nicht genug, schreibt er auch noch Bücher. In seinen Romanen sind stets seine Leidenschaften integriert, seine Liebe zu Frankreich, die gute Küche, Literatur und das Interesse an guten Geschichten. 

Für Bernard Vautrot war die Welt früher noch überschaubarer gewesen. Auch weniger bedrohlich und er zieht sich aus dem Leben zurück. Die Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo und die folgenden Ereignisse haben seine Weltsicht verändert. Er hat ein Weingeschäft in Paris betrieben, das er nun verkauft und als Untermieter bei seiner Schwester einzieht. Die Schwester, die selten da ist, wohnt direkt am Friedhof Père-Lachaise. Dies kommt Bernard zurecht, denn nun wandert er jeden Tag durch die Parkanlage. Seine Frau ist vor kurzem verstorben und zu seinem Sohn hat er kaum Kontakt und der, wenn sie sich treffen, sehr kurz angebunden ist. Auch offenbart ihm dieser, dass er nach Kanada auswandern wird. Somit ist Bernard allein, kommt aber mit seiner Lebenssituation bestens zurecht. Er streift durch den Park und beobachtet die Trauernden, die Touristen und macht sich seine Notizen, wenn er auf Gräber von wohl bedeutenden Menschen trifft, er aber keine Kenntnisse von deren Leben oder Wirken hat. Diesen Geschichten geht er begierig nach. Ihn interessieren die berühmten Grabstätten von Jim Morrison, Oscar Wilde oder Édith Piaf weniger. Sein Müßiggang wird durch Aurélie unterbrochen. Sie fällt buchstäblich in seine Rundgänge und Leben. Sie ist eine lebensfrohe Fotografin und möchte durch ihre Fotokunst ein ungewöhnliches Porträt des Friedhofes erstellen. Für beide wird die Begegnung eine Veränderung sein. Ein Zusammentreffen an einem Ort, wo eigentlich das Leben endet, lässt neues Leben und Liebe beginnen. 

„Vielleicht die letzte Liebe“ ist wohl der bisher beste Roman von Rainer Moritz. Er verbirgt in seiner Kurzweiligkeit eine Fülle an Geschichten, Anekdoten, Wissen und Empathie. Père-Lachaise als Ort der abgelegten Dramen, Kulte und Erlebnisse. Wir erfahren durch das literarische Wandern durch den Ort, zum Beispiel sehr viel über Senf, Kartoffelanbau, Homöopathie, Literatur, Philosophie und Geschichte. Nichts wirkt dabei gewollt oder belehrend, sondern alles webt sich in die wunderschöne Handlung ein. Rainer Moritz hat ein enormes Allgemeinwissen und versteht es, dies mit einer charmanten Weise einzupflanzen, das alles unser Interesse mitanregt.

Ein lebensfrohes Buch, das voller Leben ist und uns miteinbezieht. Alles, was Rainer Moritz ausmacht, ist hier verewigt: Humor, Wissen und gute Unterhaltung. 

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Zara Zerbe: „Phytopia Plus“

In diesem Roman verknüpft sich die moderne Technologie mit der Natur. Hier wird das Digitale mit der Pflanzenwelt kompatibel gemacht und greift somit durch das menschliche Bewusstsein in die Fauna ein. Ferner begibt sich der Roman in eine zukünftige Möglichkeit, die durch die Phantasie und den Sprachklang eine Realität erschafft, die uns gegenwärtige Fragen stellt. Sozial- und Gesellschaftskritisches durchwächst die ganze Handlung. Mit Wissen, Humor und Tiefgang reflektiert Zara Zerbe die Themen unserer Zeit und wirft sie in nicht allzu weite Ferne. In knappen Szenen und Sätzen entwirft Zerbe eine Welt, die unsere Gegenwart in eine Verlängerung stellt. Die Umwelt und das Gesellschaftliche haben sich verändert. Wenn das Leben und das Sterben zu teuer werden, wie soll das Überleben bezahlt werden? Zumindest wurde in Zerbes Vision der Fortbestand des Bewusstseins gesichert. Sofern es finanzierbar ist.  Es wird Zeit für eine persönliche Umpflanzung.

Der Kapitalismus beherrscht das Leben in den Siedlungen und das Überleben sieht in den 2040er Jahren nicht sehr positiv aus. Die Wirtschaft und die Klimakrise bestimmen die Wahrnehmung des Alltags. Aylin liebt Pflanzen und arbeitet als Aushilfsgärtnerin der Hamburger Droste AG. Doch werden in den Gewächshäusern keine gewöhnlichen Pflanzen gehegt und gepflegt. Der Biotech-Konzern hat ein Verfahren entwickelt, das das Bewusstsein digitalisiert und in Pflanzen speichert. Doch ist dieses Verfahren lediglich den Besserverdienenden vorbehalten. Das neue Pflanzenbewusstsein erklingt ebenfalls in kurzen Sequenzen und erfreut sich am Dasein, bangt vor Insekten oder ist verwundert durch Beschnitt.  Aylin lebt unter ärmeren Bedingungen und kann lediglich davon träumen das Bewusstsein ihres Großvaters in einer Pflanzen-DNA speichern zu lassen. Gerne arbeitet sie in den Gewächshäusern für sich und dabei fällt ihr ein auffälliges Wachstum eines ihrer Schützlinge auf. Eine Speicherpflanze wächst schnell und weist ungewöhnliche Muster auf. Beim angeordneten Umtopfen kann Aylin sich einen Ableger organisieren und aus dem Firmenkomplex schmuggeln. Sie betreibt einen Tauschhandel, Pflanzen gegen Lebensmittel, beziehungsweise beginnt auf dem Schwarzmarkt Profit aus ihren Setzlingen zu schlagen.

Der Roman spielt mit Welten, die uns fern und doch sehr nah sind. Hier trifft Botanik auf Informatik und Bewusstseinserhalt auf den alltäglichen Lebenskampf. Mit Leichtigkeit und dem dazugehörigen Fachwissen spielt der Roman mit der Vielschichtigkeit der Realität und der phantastischen Science-Fiction. Das Werk erinnert an „Koryphäen“ von Gudrun Büchler. In dem Roman von Büchler endet der Mensch nicht bei seinen Konturen und verbindet sich digital sowie psychisch stets mit seinem Umfeld. Dabei entsteht ein Netzwerk aus grenzenlosem Bewusstsein und eines der Zentren ist ein Gummibaum. In Büchlers Werk verlieren sich die Bewusstseinskonturen, die Zerbe mit ihrem Werk geerdeter einpflanzt.

Dies ist ein Debütroman einer Autorin, die in der literarischen Welt keine Unbekannte ist. Zara Zerbe lebt als Schriftstellerin und Netzkünstlerin in Kiel. Sie ist Mitherausgeberin des Magazins für Literatur „Der Schnipsel“ und veranstaltet die Lesebühne FederKiel. Ihre Erzählung „Limbus“ wurde mit dem Preis „Neue Prosa Schleswig-Holstein“ 2018 / 2019 ausgezeichnet. „Phytopia Plus“ ist ein herrlicher Aufruf, der durch die literarische Dichte, die Kreativität und die Stilvermischung zu begeistern versteht.

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Percival Everett: „James“

Mit „James“ von Percival Everett erhält die amerikanische Literaturgeschichte und Geschichte eine großartige Perspektive hinzu. Die Abenteuer des Huckleberry Finn von Mark Twain sind seit 1884 aus der Weltliteratur nicht wegzudenken und Wegbereiter der kulturellen und individuellen Entwicklung. Huck Finn und Tom Sawyer prägen unser Bild der damaligen Zeit und waren die Schlüsselfiguren der moderneren amerikanischen Literatur. Twain erschuf durch ihre Perspektive eine detailreiche Beschreibung des Lebens am Ufer des Mississippi und verwebte neben den Lausbubengeschichten bissige Beobachtungen und Einblicke in die damaligen Verhältnisse und Ungerechtigkeiten. Es waren Abenteuer voller Leben und Freiheitsdrang. Das Abenteuer von Huckleberry Finn ging sogar noch weiter, als es die vorangestellten mit Tom Sawyer beschrieben. Denn durch den Charakter von Jim wurden der Rassismus und die Sklaverei miteinbezogen.

Percival Everett adaptiert nun diese Abenteuer und erzählt aus der Perspektive vom Jim. Dabei wird durch den Namen, der nicht in der verkürzten Form auftaucht, sondern als Ganzes mit James ausgesprochen wird, die Gewichtung des Werkes verdeutlicht. Denn hier sind die Hauptfiguren der Twain-Welt Kinder. Weiße Kinder, die in einer Umwelt aufwachsen, die herablassend, brutal und besitzergreifend gegenüber den Schwarzen ist. Für Tom und Huck ist James ein typischer Sklave, der ihnen unterlegen ist. Dies ist aus ihrer Sicht nicht böswillig, aber für ihre anfängliche Weltsicht prägend. Doch ist James gebildet und belesen. Er unterrichtet seine Kinder die richtigen Verhaltensweise und in einer besonderen Sprache, die sie alle anwenden, wenn die weißen Herrschaften anwesend sind. Sie gaukeln durch vereinfachtes Vokabular und imitierten Slang eine nicht provozierende Unwissenheit vor. Denn die vermeintlich gebildeten Weißen sind handzahmer, wenn sie sich überlegen fühlen können. Mit diesem Kunstgriff wird das ganze Herrschaftssystem lächerlich gemacht und die Sklaven haben durch ihre Sprache ein Freiheitsgefühl und entziehen sich in kleinen Schritten der Opferhaltung. Das Abenteuer folgt den Twain-Geschichten, doch vieles ist ganz anders. James soll nach New Orleans verkauft werden und er verlässt seine Familie und begibt sich auf die Flucht. Dabei trifft er auf Huck, der seinen Tod vorgetäuscht hat, um seinem prügelnden Vater zu entkommen und somit auch James in weitere Gefahr bringt. Beide fliehen zusammen auf dem Floß über den Mississippi. Zwischendurch trennen sich auch mal ihre Wege und James scheint vorerst darüber nicht ganz böse zu sein. Doch wachsen beide immer mehr zusammen und müssen diverse Abenteuer bestehen. Ein Roman voller spannender Wendungen, der stets kritisch, humorvoll und aus der damaligen Zeit unsere Gegenwart einholt.

Der Roman lebt von der Perspektive und den Sprachklängen. Eine begeisternde Rückkehr in die Welten von Twain in einem ganz anderen Gewand. Es ist ein Ruf nach Freiheit durch die damalige Geschichte und der klassischen amerikanischen Literatur, die hierbei eine neue und bleibende Facette erhält. Übersetzt wurde der Roman aus dem Englischen von Nikolaus Stingl.

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Lize Spit: „Der ehrliche Finder“

Ein berührender Roman über eine tiefe Freundschaft, die das Wesen unserer aktuellen Geschichte erfasst. Die Handlung spielt in den Neunzigerjahren und der ehrliche Finder ist Jimmy, ein Junge und ein kluger Außenseiter, der gerne sammelt. Er lebt in Bovenmeer in Flandern und fährt oft allein mit dem Fahrrad durch die Straßen auf der Suche nach Münzen. Sein Zuhause ist gerade sehr zerrüttet, denn sein Vater hat sie verlassen. Jimmy lebt und erlebt viel in seiner Fantasie. Er sammelt die Münzen nicht aus finanzieller Not, sondern er ist ein leidenschaftlicher Flippo-Sammler. Das sind Sammelbilder, vergleichbar mit den Knibbelbildern aus den Achtzigerjahren, die aus unterschiedlichen Bildreihen bestehen. Die Flipposammelbilder befinden sich in Chipstüten. Fast sein ganzes Geld gibt Jimmy für seine Sammelleidenschaft aus und führt darüber genauestens Buch. Im Lebensmittelgeschäft gibt es ein kleines Behältnis an der Kasse mit doppelten Motiven für sehr frustrierte Sammler, wenn sie ein Bild in der Tüte haben, das sie bereits besitzen und es somit tauschen dürften. Dies empfindet Jimmy als unehrenhaft und er sammelt ganz gewissenhaft. Als er eines Tages an einem Geldautomaten nicht entnommene Scheine findet, ist in seiner Vorstellungkraft für einen Moment alles perfekt. Er kann Unmengen von Chipstüten erwerben und seine Sammlung komplettieren. Doch dieser Traum zerplatzt sehr schnell, als die Bankkundin ihren Fehler bemerkt.

Jimmys Einsamkeit endet auf einen Schlag, denn Tristan kommt in seine Schule und wird neben ihn gesetzt. Tristan ist mit seinen Eltern aus dem Kosovo vor dem Krieg geflohen. Jimmy soll sich um Tristan kümmern und ihm bei den Sprachbarrieren behilflich sein. Klug und voller Hingabe unterstützen sich die beiden Jungs und werden unzertrennlich. Tristan erzählt wenig, doch lässt sich vieles erahnen. Jimmy erspürt die Gefahren, die die Familie auf der Flucht durch Europa erlebt haben muss, denn Tristans Gehör wurde einseitig stark beschädigt. Wenn Jimmy zu der Familie eingeladen wird, findet er das vor, was er daheim vermisst, eine große intakte Familie. Jimmy sammelt fortan auch für Tristan und erstellt ihm ein eigenes Sammelalbum. Für beide ist es eine Freundschaft, die durch die Sprache entstanden ist, aber dann keine Worte mehr benötigt, denn beide leben in einer Jungswelt, voller Geheimnisse und Gemeinsamkeiten. Doch wird ihre Welt bedroht, denn Tristans Familie soll abgeschoben werden. Die Bedrohung schwebt nun über allen Ereignissen. Schnell ist ein Plan entstanden, erdacht von Tristan und seiner Schwester. Jimmy muss helfen.

Dieser Roman erzählt ganz leicht und ohne zu moralisieren. Er erzeugt eine Nähe zu den Figuren, die man sofort mag. Mit wenig Handlung und Worten erschafft Lize Spit ein Bild von unserer  Mitmenschlichkeit und Freundschaft. Ein kleines Buch über die großen Themen der Zeit voller Empathie und Hingabe. Der Roman wurde inspiriert von der wahren Geschichte einer Familie, die 1998 aus dem Kosovo floh und in einer Dorfgemeinschaft herzlich aufgenommen wurde. Die Familie sollte ausgewiesen werden, doch wehrte sich die ganze Gemeinschaft gegen diesen Beschluss. Übersetzt wurde der Roman aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Der Roman könnte auch gut als Jugend-, und Schullektüre gelesen werden.

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Jürgen Bauer: „Styx“

Styx als mystisches Gewässer, das eine Trennung zwischen Aufbau und Zerstörung sowie Leben und Tod darstellt. Der Roman spielt mit der Neugründung und Neufindung nach einem Lebensdrama. Dabei spielen ein Garten und die Oper eine enorme Rolle. Beides sind Inszenierungen, die geplant, aufgebaut werden müssen und intensive Zuwendung benötigen. Es ist wohl das subtilste Werk von Jürgen Bauer. Der Inhalt ergießt sich ganz langsam in einen hinein. Am Anfang erahnt man nicht, was der Roman will und dann öffnen sich viele Fenster zum Garten. Ein Gartenbild voller Musik, Leidenschaft, Schönheit und Verderbnis. Wir betreten alle das Lebensspiel und benötigen Mitspieler und Halt durch Zuwendung, Gesten und Worte. Was, wenn diese ausbleiben? Wenn der eigene Text vergessen und keine Souffleuse behilflich ist? Gärten können ebenfalls wie Bühnen Geschichten erzählen.

Es ist die Geschichte einer Souffleuse. Ihre Mutter war eine Opernsängerin, die bekannt dafür war, dass sie besonders die großen Rollen meisterte. Doch gerade dies ist einer der Wendepunkte, denn als die Mutter in ihrer Rolle auf der Bühne stirbt und gleich darauf ganz lebendig umjubelt wird, verändert sich die Sicht der Erzählerin. Später ist es der Verlust ihres Mannes, einem gefragten Opernregisseur, der sie straucheln lässt. Es ist die Zeit der Pandemie und nicht nur die Kultur leidet. Die derzeitige Intendantin lässt die Werke vor leeren Sälen für ein Internet-Publikum spielen. Bei einer solchen Aufführung kommt es zum Bruch. Die Sängerin vergisst ihren Text und die Souffleuse will ihr diesen nicht sagen. Danach macht die Erzählerin, die Souffleuse, eine Pause und begibt sich zur Hütte im Garten, den ihr Mann damals geplant und angelegt hatte. Doch ist dieser gänzlich verwildert und der Teich droht umzukippen. Das Leben um die Erzählerin bahnt sich seinen Weg, doch ist sie selbst damit überfordert. Bis ein Hund, den sie Hans Styx nennt, in ihr Leben tritt. Der Hund und ein plötzlich auftauchender Gärtner, der seine Hilfe anbietet, bringen den verlorenen Halt zurück. Auch die Intendantin interagiert und versucht, sie für die Oper erneut zu begeistern. Das Neue kann in ihr aber nur beginnen zu wachsen, wenn sie die schmerzhaften Wurzeln in sich erkennt. Ein Schmerz aus verdrängten Schuldgefühlen.

Dieser Roman beginnt leise und steigert sich zum Crescendo, der die Wahrnehmungen und die Welt der Erzählerin mit den Zeiten, den Emotionen und Erlebnissen überlagert. Die individuelle Geschichte eint sich hier mit der Angst vor dem Aus der Kultur durch die Auswirkungen der Pandemie. Das Leben wird in der Naturmetapher als unabhängig vom Menschen erlebbar. Es sind unsere Interpretationen, unsere Umsetzungen und Bilder, die wir zu unserem Lebenswerk kreieren.

Jürgen Bauer erzeugt eine Lebendigkeit, die der Trauer, dem schmerzhaften Verlust und der übersprudelnden Freude eine Bühne gibt. Ein Roman, der durch die Jahreszeiten wandelt und dabei wie eine Oper aufgebaut ist und dabei genau auf jene neugierig macht. Das Buch spielt mit der Trennung, der Abgeschiedenheit und der Distanz, um dann letztendlich die Nähe zu zelebrieren.

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Alain Damasio: „Die Horde im Gegenwind“

Ein Sturm bricht an, denn endlich weht auch bei uns dieser Wind. Alain Damasio ist ein fantastischer Visionist und Weltenerzeuger. Welten, die unserer fern wirken, um dann durch die beschriebene Weltengeschichte letztendlich auf uns und unsere Gegenwart zu schauen. In Frankreich haben seine Werke Kultstatus und werden gefeiert. Endlich ist der Sensationserfolg auf Deutsch erhältlich: „Die Horde im Gegenwind“. Erneut übersetzt von Milena Adam. Bisher gab es von dieser windigen Komplexität nur die Comicadaption von Éric Henninot (ebenfalls lesenswerte Leseschätze). „Die Horde im Gegenwind“ und das vorher erschienene Werk „Die Flüchtigen“ sind Leseschätze, die uns im positiven Sinne herausfordern. Beide Romane beschreiben komplett andere Welten und gehören unabhängig gelesen. Doch eint sie das fantastisch Visionäre. Der Umfang der Werke minimiert sich in der Wahrnehmung zügig, denn die Visionen und Handlungen fesseln. Ein kritischer und märchenhafter Blick auf unsere Gesellschaft. Die Texte verzaubern die Realität und man gerät in einen Leserausch, der jeweils bis zum Ende anhält. Handlung und Sprache hinterlassen übersprudelnde Gedankenbilder.

Die Visionen beider Werke spielen am Ende unserer jetzigen kapitalistischen Gesellschaft. Die Überwachung bei „Die Flüchtigen“ ist nicht zum Schutz, sondern gilt der Gedanken- und Kaufkraftsteuerung. Allein jene Flüchtigen sind entkommen. Wir Menschen machen stets gehörig Wind. Ein Wind der sich unserer Schnelllebigkeit anpasst. Zuweilen ist es ein Lüftchen, aber meist bläst er uns so kräftig an, dass wir den Halt verlieren. Wir werden alle zu Hordlern, die nur noch die Chance haben, zu akzeptieren, zu flüchten oder sich dagegenzustemmen. Um dem beständigen Wind zu trotzen, kann man nur noch Ritzen, Rillen, Klang- bzw. Gedankenräume oder andere kleine Schutzwälle aufsuchen.

Hordler sind hier eine Gemeinschaft, sie sie sind mehr als eine Familie. Es ist die Geschichte der vierunddreißigsten Horde. Ihr Ziel ist es, die mystische Quelle des Windes zu finden. Ein Wind, der ohne Unterbrechung über die Welt hinwegfegt. Ein Sturm, der beständig aus einer Richtung bläst. Mal weniger stark, mal tödlich, aber immer gegenwärtig. Es ist eine leere Welt und vor 27 Jahren, als sie noch Kinder waren, sind sie aufgebrochen. Die vorherigen dreiunddreißig Horden sind auch der Frage nachgegangen, woher weht dieser Wind? Alle Horden sind bisher verschollen, umgekommen oder haben am Weg aufgegeben und sind irgendwo sesshaft geworden. Die jetzige Horde ist entschlossen, das Ziel zu kentern. Golgoth marschiert vorneweg, hinter ihm Sov, der Schreiber, dann der Rest. Dieser Marsch, der nur ergangen zum Erfolg führen kann, wird ein Leben lang dauern. Der Schreiber hält alles im Konterbuch fest. Nach vielen Abenteuern und mystischen Begegnungen wartet am Ende die härteste Prüfung. Gibt es überhaupt ein erlösendes Ziel? Kann die Horde den Wind kontern und dem in der Horde wachsenden Irrsinn trotzen?

Ein Abenteuer, das einzigartig ist. Der ganze Roman entfaltet sich im Verstand und die Besonderheit der Sprache wird erneut deutlich. Die Sprachbilder werden beim Lesen Realität und wir werden mit diesem Werk zum Hordler! Wie bei den Roman „Die Flüchtigen“ werden viele Fragen in der Metaphorik gestellt. Am jeweiligen Ende wird es Antworten geben, doch passen diese zu den Fragestellungen? Werke, die lange an uns zerren werden, wenn wir sie gebändigt haben. Das Bändigen dieser Kolosse ist aber eine enorme Freude.

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Jochen Schimmang: „Abschied von den Diskursteilnehmern“

Erneut wirft uns Jochen Schimmang in seine Betrachtungen. Er folgt seinen Geländegängen im Sinne des Auslotens von Grenzen und Rändern. Dies als gedankliches Konstrukt und als literarisches Forschungsfeld in der Verwendung der Methode des Strukturalismus. Dies klingt anstrengender und verkopfter als es beim Inhalieren der textlichen Mosaiksteine tatsächlich ist. Die Texte sind spielerisch und ständig assoziativ aufgebaut. Es macht Spaß, den räumlichen und gedanklichen Reisen zu folgen. Es sind kluge und humorvolle Anspielungen, die Autobiografisches und Gesellschaftliches in den Diskurs legen. Es sind Lebens-Marginalien, die das Besondere der kürzlichen Vergangenheit fokussieren. Verfasst vom Juli 2022 bis August 2023. Wie in seinen Werken üblich, zuletzt im großartigen Roman „Laborschläfer“, sind seine Texte der „Neuen Innerlichkeit“ zuzuschreiben. Er studierte Politische Wissenschaften und Philosophie. Er ist als Übersetzer und Autor tätig und sein angehäuftes Wissen reflektieren die vorliegenden kleinen Textsteine, die einladen zum Nachsinnen, zum Schmunzeln und zum Verweilen.

Er fragt und beobachtet in der dritten Person und erschafft damit ein Wimmelbild, in dem wir vieles sehen können, wenn wir es wollen. Auch uns erkennen wir zuweilen selbst. Er sinniert über das gegenwärtige Phänomen, das wir alle eine Meinung zu alles haben sollten, wenn nicht sogar haben müssten. Wir sollen stets eine Position einnehmen, auch wenn das Wissen darüber eventuell noch nicht vorliegt. Er wird zuweilen lyrisch und schaut auf Ähnlichkeiten und Unterschiede. Er zählt auf, wer die Intellektuellen hasst und kommt zu dem Schluss, dass diese sich auch selbst hassen und kann dies, wie bei den anderen, nicht nachvollziehen. Es sammelt Gedachtes, Geträumtes und Gelesenes. Er vermischt Tagespolitik mit aktuellen Fernsehangeboten und philosophiert über Verlesenes und Verhörtes.

Jochen Schimmangs Bücher sind Reisen zu realen und imaginären Orten. Seine Betrachtungen und Formulierungen können Falltüren sein, die unsere Bewusstseinsebene zu verändern vermögen.  Der  Anfangsfinder endet im Niemandsland und zieht uns dabei mit, mit seinen gesponnenen und verwobenen Gedankenfäden. Hat das Ganze ein Ziel? Wenn ja, liegt es ganz bei der individuellen Betrachtung. Es sind zumindest launische Suchbilder der gegenwärtigen Diskurse.

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Marie Darrieussecq: „Das Meer von unten“

Marie Darrieussecq schaut in ihren Werken stets ganz genau hin beziehungsweise hinein. Ihre Romane sind verknappte Großwerke. Zuletzt ließ sie uns durch „Hiersein ist herrlich“ in das Leben von Paula Modersohn-Becker schauen. „Das Meer von unten“ ist ein kluger und zeitloser Text mit aktuellen Themen. Es geht um die Frage des Rechtes nach Wohnort und Gastfreundschaft. Marie Darrieussecq hat Jahre für diesen Roman benötigt, denn es fiel ihr schwer, sich mit ihren Erfahrungen zu beschäftigen. Sie hat über einen langen Zeitraum mit vielen Migranten gesprochen und diese Geschichten, Erlebnisse und Traumata verinnerlicht. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die nichts Heldenhaftes hat, aber sich dann doch, gleich dem Bowie-Motto „We can be Heroes. Just for one day“, auf das kommende Drama einlässt.

Ihre Mutter hat sie zu dieser Kreuzfahrt überredet. Es soll eine Auszeit zu Weihnachten sein, denn Rose ist Psychologin und es kostet sie viel Kraft, in der Familie zu agieren. Ihre halbwüchsigen Kinder leiden entweder unter mannigfaltigen Allergien oder sind typische Teenager. Ihr Mann ist Immobilienmakler, der aufgerieben wird und seinen Frust im Weinglas ertränkt. Hierbei wird bereits das Thema des Romans verdeutlicht. Der Lebensraum zeigt sich vielfältig im Pariser Schick, in der Stadtplanung, der Länderflucht aus Armut, Verfolgung, Misshandlung oder aus politischen Gründen und in jenem schwimmenden Hotelkomplex im Mittelmeer, auf dem die Handlung beginnt.   

Rose macht über Weihnachten mit ihren beiden Kindern jene Mittelmeerkreuzfahrt. Die Erholung wird unterbrochen durch das Kentern eines Flüchtlingsbootes und Rose wird Zeugin, wie die Mannschaft ihres luxuriösen Passagierschiffes die Überlebenden rettet und aufnimmt. Auch ein Toter ist dabei und das Gesehene erweckt in Rose Hilfsbereitschaft. Sie ist Psychologin und möchte nicht, wie die meisten, Beobachterin sein. Der Kontakt zu einem jüngeren Flüchtling namens Younès, der sie an ihren Sohn erinnert, beflügelt ihren Tatendrang. Es beginnt mit einem Handy, das sie ihm überlässt. Das Handy ist für den einen eine Kommunikationshilfe, für andere Spielzeug oder Statussymbol. Die Überlebenden bleiben kurz an Bord, bis die italienische Küstenwache eintrifft. Die Gedanken von Rose kreisen seitdem beständig um das Erlebte und ihre spontane und andauernde Hilfsbereitschaft verändert ihr Leben und das ihrer Familie. Die Blickwinkel ändern sich im Hinblick auf das Weltgeschehen und auf das Leben und die Reaktionen der Mitmenschen.

Dieser Roman ist voller Empathie geschrieben und mit einer literarischen Ausstrahlung, wie sie nur  Marie Darrieussecq zu erzeugen vermag. Ein Roman, der fragt, wer das Recht hat, wo zu leben. Aus dem Französischen wurde der Roman von Patricia Klobusiczky übersetzt.

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