Dirk Gieselmann: „Der Inselmann“  

Eine Insel als Rückzugsort. Die Insel ist nicht in den Weiten des Meeres auszumachen, sondern befindet sich in einem See. Somit ist das Bild der Abgrenzung, der Isolierung und der inneren Flucht verstärkt. Ein Kind erlebt die Flucht der Eltern und verwandelt somit das Gesehene, das Karge, die Armut in Reichtum durch Kindesblick. Es ist Hans, dessen Geschichte wir erleben, der als Inselmann ein Mythos wird. Hat er gelebt? Ist er gleich dem Schimmelreiter eine Sage, die mit der Natur und Geschichte eng verbunden ist? Dirk Gieselmann schreibt in seinem Debütroman ganz nah, sanft und empathisch jenem Hans zugewandt. Durch die Zuwendung, Charakterisierung und die Naturelemente als Metapher reiht sich der Roman ein in jene Werke von Dirk Stermann (Der Junge bekommt das Gute zuletzt), Malin C. M. Rønning (Skabelon), Robert Seethaler (Ein ganzes Leben) oder Willi Achten (Die wir liebten). Es ist die Geschichte eines Inselkönigs. Der große und später der verblassende König. Es ist eine sehr bewegende Geschichte, die ganz zart und still erzählt wird. Sie ist traurig und wunderschön zugleich.

Steine, die ins Wasser geworfen werden, bilden Ringe, die auslaufen und dann lautlos am Ufer brechen. Doch wer trauert um Wellen? Nach Beenden des Romans trauert man und freut sich, so etwas Schönes erlebt zu haben. Der Roman ist aus der Zeit gefallen. Denn die Zeit lässt sich nur erahnen. Es gibt Radios, bei denen ein Auge aufleuchtet, wenn es eingeschaltet wird. Kutschen und Autos teilen sich die Straßen. Menschen fliehen und überwinden Länder. Somit ist es eine Zeit, die eventuell Anfang der sechziger Jahre einzuordnen ist. Der Ort könnte in Ostdeutschland liegen. Die Familie von Hans lebt einfach und der Vater ist wortkarg und launisch, wenn er von der Arbeit kommt. Irgendetwas hat sich verändert, etwas ist passiert, das Hans nicht erzählt bekommt. Doch hört er seine Eltern flüstern. Sie müssen weg und die Flucht soll nicht über Grenzen, sondern auf eine Insel im See gehen, der nahe der Stadt liegt. Ein großer See, denn die Insel ist vom Festland nur zu erahnen. Am Tag der Flucht scheitert diese fast durch das verspätete Ankommen des Fährmanns, der bereit ist, die Familie überzusetzen und in Folge wenige Male im Jahr zu versorgen. Auf der Insel lebte vorher ein Schäfer mit seinem Hund und den Schafen. Der Schäfer ging ins Wasser. Was dies bedeutet kann Hans nicht begreifen und freundet sich mit dem Hund an. Die Schafe, die überlebt haben, sind eine Lebensquelle der Familie auf der Insel. Hans erlebt das neue Leben auf seinem „Amerika“ voller Abenteuer, Träume und der Suche nach Schönheit. Doch die Einsamkeit wurzelt in seinem Empfinden, denn er vermisst seine Freunde. Doch freut er sich, denn er ist weg von den unheimlichen und brutalen Nachbarn. Hier auf der Insel ist er ein König, der Zeit hat, die Natur zu studieren.

Die Traumwelt von Hans zerbricht an der Realität. Die innere Flucht wird im Außen registriert und die die Schulbehörde meldet sich. Anfänglich rudert Hans somit jeden Tag aufs Festland, um in der Stadt die Schule aufzusuchen. Doch findet er keinen Einklang mit der äußeren und der inneren Inselwelt. Und er rudert nicht mehr ans Land, sondern versteckt sich und bleibt ganz auf der Insel. Die Behörden reagieren erneut und lassen Hans abholen. Der Inselkönig verliert sein Reich und im Schatten der Welt wird das Farbenfrohe immer blasser. Jahre später will er heimkehren, doch wird er auf der Insel empfangen?

Die Einsamkeit erzeugt Traurigkeit und ist dennoch schön. Das Individuum in der Gesellschaft als Bild des Inselmannes erzeugt in diesem Roman enormen Raum für persönliches Empfinden. Ein Werk, das im Lesenden eine Insel erbaut, die sich festsetzt und nachhaltig seine Bilder an die inneren Kanten wirft. Das Werk lebt von der Zuwendung zu den Figuren und den schönen Beschreibungen und Sätzen. Ein Roman, der ein ganzes Leben in der ganzen Fülle an Melancholie und Schönheit umfängt. Der Individualismus und der Wunsch nach Abgrenzung werden hier märchenhaft beschrieben und sind letztendlich doch keine Märchen. Ein wunderbares Werk, um darin gänzlich zu versinken.

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Jakob Guanzon: „Überfluss“

Zuweilen wird in der Kunst, besonders in der Literatur, Leid und Armut romantisiert. Armut hat in der Darstellung oft etwas Edles und Erhabenes. Dieses Bild zersprengt Jakob Guanzon mit seinem Roman „Überfluss“. Der studierte Soziologe lebt in New York und sein Debütroman ist nominiert für den National Book Award for Fiction und für den Aspen Words Literary Prize. Übersetzt wurde das Werk aus dem amerikanischen Englisch von Dietlind Falk. Ein schonungsloser Blick auf den Mangel, der zeigt, dass Armut nicht ein Erzeugnis von mangelnder Bildung sein muss. „Überfluss“ spielt in einem gesellschaftlichen Niemandsland oder Niemalsland, das aus Parkplätzen, Straßenrändern, Einkaufszentren und Trailer-Parks besteht.

Es ist die dramatische Geschichte von Henry, die voller Wut und Wahrhaftigkeit geprägt ist. Henrys Eltern sind Akademiker. Doch hatten sie es schwer im Leben und Henrys Vater betätigte sich stets handwerklich und übertrug sein Geschick und Können auf seinen Sohn. Die Eltern wünschten sich eine bessere Zukunft für Henry. Später, als Henry selbst Vater ist, kämpft er ebenfalls für ein besseres Leben. Sie haben ihr Zuhause verloren, wurden aus ihrem Trailer vertrieben und leben seitdem in Henrys Pick-up. Der Roman erzählt die Geschichte von Henry und seinem Sohn, wie sie den Tag und die Nacht zu überleben versuchen. In Rückblicken wird Henrys Geschichte erzählt. Von der Zwangsräumung, der Suche nach Arbeit und Liebe und dem Tod seiner Eltern. Die Geldsumme, die Henry noch verbleibt, ist namensgebend für die jeweiligen Kapitel.

Henry hat sich nie gescheut, zu arbeiten. Auch neben der Schule hat er bereits zum täglichen Bedarf der Familie beigetragen. Er hat sich viel abverlangt und wollte gegenüber seinem Vater niemals als verweichlicht dastehen. Als er seinem Vater den Hauptteil seines Lohns abgibt, wird er später mit einem eigenen Pick-up belohnt, den ihm sein Vater schenkt. Mit diesem möchte er seine große Liebe beindrucken. Im angetrunkenen Zustand erlebt Henry seine erste Liebesnacht im Autokino. Dieses Erlebnis wird ihn später zum stolzen Vater machen. Seinen Sohn nennt er stets Junior. Die Liebesgeschichte und den Weg in die Armut erleben wir in berührenden Rückblicken. Der enorme Spannungsbogen wird durch die Haupthandlung des Romans erzeugt. Junior hat Geburtstag und Henry möchte ihm etwas Besonderes zum Ehrentag bieten. Neben einer Wrestling-Action-Figur als Geschenk gehen sie bei McDonald´s essen und wollen eine Nacht in einem Motel verbringen. Nach langer Zeit mal wieder baden können und in einem richtigen Bett schlafen. Henry macht sich Hoffnungen, denn am kommenden Tag hat er ein Vorstellungsgespräch. Im Zimmer möchte er dafür üben und seinen Anzug bügeln. Hierfür borgt er sich ein Bügeleisen bei der geschäftstüchtigen Dame an der Rezeption. Leider gestalten sich der Abend und die Nacht nicht wie erhofft. Junior erkrankt sehr und bekommt hohes Fieber. Im Nebenzimmer wird es laut, denn ein zwielichtiger Hundezüchter haust dort, mit dem Henry in einen folgenschweren Streit gerät, in dem das Bügeleisen zweckentfremdet wird. Vater und Sohn werden erneut in die Nacht hinausgetrieben und kämpfen um ihre Würde und ums Überleben.

Eine große Abrechnung mit der zerstörerischen Gier, die das kapitalistische System zerfrisst und das Individuum auf den Boden der Straßen wirft, wenn der Mensch nicht in der Lage ist, auf dem Geldfluss mitzuschwimmen. Ein ergreifender und authentischer Text, der voller Hingabe zum Thema und zu seinen Figuren geschrieben ist. Ein erschütterndes Bild über Armut mit ihren Auswüchsen und Folgen in der Psyche, der Gesellschaft und im alltäglichen Leben.

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Anne von Canal

„Es ist ein zarter kleiner Vogel, aber er kann manchmal schön singen“.

Am 20. Oktober 2022 ist Anne von Canal gestorben. Die Autorin und Übersetzerin wurde nur 49 Jahre alt. Obigen Satz schrieb sie mir, als wir uns über ihren damals neuen Roman „I get a bird“, den sie mit Heikko Deutschmann verfasst hat, unterhielten.

Der Tod von Anne von Canal berührt und trifft mich immer noch. Ich habe alle ihre Werke gelesen und wir standen ab und zu in Kontakt. Es waren stets warmherzige, kluge und sehr humorvolle Gespräche. Gleich ihren Werken, die zarte, poetische Texte sind, die viel Raum für Emotionen und eigene Gedanken zulassen. Alle stets mit der offenen und humorvollen Herzlichkeit der Autorin geschrieben. Ihr Debüt „Der Grund“ hat eine enorme Sogkraft und stellt die Frage, wie oft kann ein Mensch von vorn beginnen? Erneut lotete sie Grenzsituationen mit „Whiteout“ aus und fixierte mit Isabel Bogdan in „Irgendwo ins grüne Meer“ lesenswerte Geschichten von Inseln. Ihr letztes Werk, das jetzt als Taschenbuch erschienen ist, begeistert bereits durch die Entstehungsgeschichte. Letztendlich war es ein Münzwurf, der das Buch ins Rollen brachte. Anne von Canal und Heikko Deutschmann verabredeten sich aus einer Laune heraus zu einem Briefroman. Beide sollten in eine neue Rolle schlüpfen und der erste Brief, der durch Münzwurf dem Verfasser zugewiesen wurde, sollte den Auftakt geben. Besprochen wurde lediglich die Ausgangsituation, etwas sollte gefunden werden, das die beiden fremden Charaktere brieflich zusammenführt. Briefromane gibt es schon mehrfach, doch ist diese Idee einzigartig und öffnet einen Kosmos voller Sehnsucht, Schmerz und der Hoffnung auf Klärung. Der erfundene Briefwechsel lässt einen nicht los. Man taucht ein in den Schriftverkehr und die persönlichen Geschichten. Zuweilen laden die Schreiben zum Schmunzeln ein, haben stets etwas Warmherziges, sogar Anrührendes an sich.

Anne von Canal hat tolle Bücher hinterlassen, die sehr lesenswert sind und es sind alles Leseschätze. Alle Werke habe ich im Leseschatz besprochen.

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Ana Marwan: „Verpuppt“

Ein subtiles Vexierspiel um eine junge Hauptfigur, die mit sich und der Welt ringt. Ein literarisches Spiel um Wahrheit, Liebe und die eigene Geschichte. Eine Liebes- und Freundschaftsgeschichte zwischen der außergewöhnlichen und  jungen Rita, die eine blühende Fantasie besitzt, und dem dreißig Jahren älteren Jež. Rita kommt nicht zurecht mir ihrer Welt und schreibt und verwirrt uns durch ihre Worte und die Ungenauigkeit des Ortes, von dem aus sie berichtet.

Ana Marwan wurde 1980 in Slowenien geboren, studierte Literaturwissenschaft und Romanistik und lebt in Wien. 2022 gewann sie den Bachmann-Preis. Ihr Debütroman „Der Kreis des Weberknechts“ ist belebt von skurrilen Figuren und  ist ein schöner, kluger und ironischer Lesespaß. Mit „Verpuppt“ hat sie erneut einen Roman über die Muster des Zwischenmenschlichen geschrieben. Mit sehr viel Beobachtungsgabe, Sprachgefühl und Humor beleuchtet die Autorin das Wechselspiel innerhalb von Beziehungen. Ihre Literatur schaut genau hin, erzählt viel und ist dabei handlungsarm. Dies macht gerade den Reiz dieser Werke aus, die ein großes Lesevergnügen sind. Der Text von „Verpuppt“ lügt und erzählt dadurch die Wahrheit. Mit sehr viel Feingefühl, Sprachwitz und Situationskomik entpuppt sich das Verwirrspiel. Auch der Titel ist ein Sprachspiel aus einer Umwandlung, einem Rückzug oder einer Verniedlichung. Der Mensch als Puppe. Ana Marwan hatte ihren Debütroman auf Deutsch geschrieben. „Verpuppt“ hat sie in Slowenisch verfasst und übersetzt wurde der Roman von Klaus Detlef Olof.

In diesem Roman kommt die Erzählerin zu der Erkenntnis, dass der Mensch sich als Nichts und gleichzeitig als Mittelpunkt der Welt empfinden kann. Die Mitte ist stets ein Punkt und das darum liegende Umfeld ist ein Gefäß, das sich durch Erlebtes und Beziehungen füllt. Dieses Füllmaterial ist aber sehr fluktuativ. Rita schreibt im Auftrag oder um der inneren Leere, der Langeweile zu entkommen. Sie hat Aufgaben, die sie schriftlich fixiert. Sind dies Beobachtungen, Träume oder gestaltete Wahrheiten? Sie verpuppt sich und ihr Umfeld in Worte. Kann man diesen Worten trauen? Spielt sie mit einer Therapeutin in einer Behandlung? Auf einem Fest lernt sie Herrn Jež kennen, der, wie sie, im Ministerium für Raumfahrt tätig ist. Seine Ehe ist kaputt. Denn urplötzlich nimmt seine Frau Präservative mit zum Yoga-Kurs. Mit einem Trenchcoat als seine neue Etikette, sucht er den Neuanfang und ist dabei sehr unselbständig und lässt sich noch bekochen. Die jüngere Rita ist ebenfalls in der Entscheidungsfindung und Selbstsuche. Durch das Kennenlernen entwickeln sich fortan beide Geschichten parallel und zusammen. Rita schreibt, fixiert das Erlebte, Erdachte und dehnt die Erzählungen aus. Sind diese überhaupt wahr und gibt es Jež überhaupt? Arbeitet sie im Ministerium oder ist sie in einer Klinik untergebracht?

Ein großes, ironisches und kluges Leseerlebnis. Die Sprache entwickelt sich gleich der Handlung und schmiegt sich um diese. Dadurch kommt es zuweilen auch zu kunstvollen Kreationen. Der Mensch verpuppt sich mehrfach im Leben, lauert und wartet. Wenn er sich entfaltet fühlt er sich neugeboren, doch ist er jemals wirklich frei?

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Ursula K. Le Guin: „Die linke Hand der Dunkelheit“

Die Bücher von Le Guin sind  visionäre Werke, die Gesellschaftliches und Politisches durch die räumliche und zeitliche Distanz betrachten. Ihre Texte sind oft eine Metapher des Gegenwärtigen in Bezug auf ein „Was wäre wenn?“. Das Geschehen des Moments während des Schreibprozesses in die Ferne katapultiert. Le Guin hat mit James Tiptree Jr. die feministische Weltsicht in der Science-Fiction fixiert. James Tiptree Jr. ist das männliche Pseudonym von Alice B. Sheldon und wird noch im Leseschatz behandelt werden. Science-Fiction ist demnach keine Flucht aus der Welt, wie die meisten Fantasy-Romane, sondern greifen Trends und Phänomene aus dem Hier und Jetzt auf. Dabei muss Science-Fiction nicht prognostisch sein, kann aber zum gegenwärtigen Verständnis hilfreich sein. 

Ursula Kroeber Le Guin wurde am 21. Oktober 1929 in Kalifornien geboren und starb 2018 in Portland, Oregon. Bekannt ist sie vor allem durch die Science-Fiction-Romane des Hainish-Zyklus. Dieser Zyklus aus Romanen und Kurzgeschichten spielt in einem alternativen Universum mit dem Zentralplaneten Hain. Die Bewohner sind mehr oder weniger verwandt. Einige weisen genetische Merkmale auf, die auf genetische Experimente hinweisen. So werden zum Beispiel, die androgynen Bewohner des Planeten Winter, d.h. Gethen, nur einmal pro Monat sexuell aktiv und bilden lediglich hierfür die Geschlechtsorgane aus.

Ursula K. Le Guin wird vielen durch den Fantasy-Zyklus „Erdsee“ bekannt sein. Doch sind ihre Science-Fiction-Romane und -Kurzgeschichten tiefgründiger und weitblickender. Dies beweist die Neuübersetzung von „Die linke Hand der Dunkelheit“. Neu übersetzt von Karen Nölle. Hier trifft ein Abgesandter auf eine androgyne Menschheit, um diese für den Beitritt in den Weltenverbund zu überzeugen. Der Planet ist Gethen, der Winterplanet, der beständig mit Eis bedeckt ist. Die politische Lage ist aufgespalten. Zwischen der Monarchie Karhide und deren Nachbarland Orgoreyn, einem Überwachungsstaat, existieren enorme Spannungen. Der terranische Abgesandte, Genly Ai, hat einen wichtigen Ansprechpartner, den Premierminister Estraven, der aber in Folge des Hochverrats beschuldigt wird. Genly verliert vorerst seinen Verbündeten und muss sich entscheiden, wo seine Prioritäten und seine Loyalität liegen.

Dieser Roman aus dem Jahr 1969 ist sehr aktuell und bietet nebenbei eine spannende, literarische Abenteuer-Geschichte. Es ist eine Freude, diese Werke neuentdecken zu dürfen.

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John Vercher: „Wintersturm“

Dieser Roman ist eine Wucht und schafft es durch die Handlung und die Sprache einen Kosmos aus Rassismus zu öffnen. Die Handlung und die Sprache spielen miteinander und passen sich jeweils authentisch der Figurenzeichnung an. Es ist der Debütroman von John Vercher, der den amerikanischen Originaltitel „Three-Fifths“ hat und von Wolfgang Franßen übersetzt wurde. Diese „Drei-Fünftel-Klausel“ war 1787 ein Kompromiss zwischen den Süd- und Nordstaaten. Dabei wurde festgelegt, dass jeweils drei von fünf Sklaven bei der Volkszählung sowohl für Steuerzwecke als auch bei der Sitzzuteilung im Repräsentantenhaus mitgezählt werden sollten. Die daraus resultierende Entwicklung, dass jedes Leben, jedes Schwarze Leben (Black Lives Matter) zählt, ist die Grundidee des Romans. Tituliert wurde das Buch als Kriminalroman ist aber ein für den Verlag typischer Text, der über einen klassischen Krimi hinausgeht.

Pittsburgh im Jahr 1995 und der Strafprozess gegen O. J. Simpson beherrscht die Medienlandschaft. Der zweiundzwanzigjährige Bobby Saraceno jobbt in einem Gastronomiebetrieb. Eines Abends im Winter, nach Feierabend, steht er im Hof mit einem Kollegen und sie sehen dort eine unheimliche Gestalt. Ein großer Weißer sitzt dort auf der Ladekante seines Pick-ups und beunruhigt durch seine Präsenz Bobby und den Kollegen. Doch ist es Bobbys Freund Aaron, der gerade aus der Haft entlassen wurde und sich innerhalb der drei Jahre Haft sehr verändert hat. Sie waren beste Freunde und sammelten in jüngeren Jahren Comics. Aaron war oft auf der Suche und dadurch ein sogenannter Wigger, ein Weißer, der das Verhalten, die Ausdrucksweise und den Kleidungsstil Schwarzer imitierte. Wegen Drogendelikten kam er ins Gefängnis und wurde dort misshandelt und verbat Bobby, ihn zu besuchen.

Jetzt, drei Jahre später, in der Nacht ihres Wiedersehens, zeigt sich, wie sehr Aaron sich radikalisiert hat. Seine Kleidung, die Erscheinung und seine Tätowierungen sprechen eine eindeutige Sprache. Er ist ein weißer Rassist geworden. Am Abend ihres Wiedersehens kommt es zu einer Katastrophe, die den Ausgangspunkt der ganzen Handlung darstellt. Beide organisieren sich gemeinsam zu später Stunde etwas zu essen. Dabei geraten sie an einen jungen Schwarzen, der sich durch das Gebärden von Aaron angegriffen fühlt. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, bei der Aaron mit einem Ziegelstein den jungen Schwarzen brutal auf den Kopf schlägt. Bobby und Aaron brechen, ohne sich um den Verletzten oder Toten zu kümmern, sofort auf.

Dies ist der Auftakt der eigentlichen Geschichte. Bobby muss sich seinen Dämonen stellen, denn er ist an der Tat beteiligt und hat nicht eingegriffen oder sich gestellt. Erzählt wird nun aus verschiedenen Perspektiven der ganze Kosmos um die Charaktere und der Weg zur Gewalt und zum Ungleichgewicht der Gesellschaft. Dieser Noir-Roman wirft den „Menschlichen Makel“ von Philip Roth als Krimi auf die Straße. Dieser Kriminalroman ist eine Milieustudie um den amerikanischen Rassismus. So wie Aaron anfänglich die Schwarzen imitierte, gibt sich Bobby als Weißer aus. Bobby hat seine Identität verborgen, auch vor seinem besten Freund, er ist ein gemischtrassiger Schwarzer.

Der Wintersturm verdichtet sich gleich den Geschichten um die Charaktere und es wird ein Wirbelwind um den alltäglichen Rassismus und um die Lügen des Lebens. Ein fesselndes, brutales und authentisch wirkendes Werk, das ein düsteres, erschreckendes Gesellschaftsbild zeigt. Dieses Bild wird im Roman lediglich gemalt und die Bewertung passiert im Kopf und Herzen des Menschen vor den Zeilen.

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Caroline Schmitt: „Liebewesen“

Dass es sich bei „Liebewesen“ um keinen üblichen Liebes- und Beziehungsroman handelt, macht die Umschlaggestaltung sehr deutlich. Ein Debütroman über eine schwierige Beziehung. Dabei werden Sätze in einem erfrischenden Sarkasmus formuliert und leichtgängig werden hierbei komplexe Themen ehrlich und empathisch behandelt. Das, was dem Buch Tiefe verleiht, wird oft nur kurz eingeworfen und lässt das Interesse am Handlungsverlauf explosionsartig steigen, während die Charaktere dabei implodieren und mit dem Leben, der Liebe und der Sexualität überfordert sind.

In diesem Roman haben die Hauptcharaktere Probleme, im Leben anzukommen. Sie sind alle angeschlagen. Dies ist im Roman keine Überlastung oder sehr große Überspitzung, sondern stellt ein Bild der gesellschaftlichen Gegenwart dar. Leicht, zuweilen witzig und böse verwandelt sich der Inhalt vom klischeebefreienden Liebesroman zu einem Text über innig gärende Traumata.

Die Erzählerin ist Lio. Sie wohnt mit ihrer besten Freundin in einer Wohngemeinschaft und arbeitet als Biologin. Sie forscht an der Möglichkeit des biologischen Anbaus in fremder Umgebung, zum Beispiel im All. Dies trifft auch auf ihr Leben zu, denn sie fremdelt in ihrer Umgebung und kann sich niemandem gänzlich öffnen. Sie mag sich selbst nicht und hasst sogar ihren Körper. Sex ist für sie etwas zu ertragendes und kein Beziehungshöhepunkt. Dies geht auf ihr erstes Sexerlebnis zurück, das sie bisher nicht verarbeiten konnte. Ihr Bericht springt auch zu ihrer Kindheit und das Bild ihres Elternhauses verdichtet sich, in dem sie keine mütterliche Geborgenheit erleben konnte.

Durch alberne Späße, die sie und ihre Freundin mit einer Dating-App machen, lernt Lio Max kennen. Max ist die morgendliche Stimme eines Radiosenders. Während seiner Beiträge ist er stets der gutgelaunte Morgenmensch. Nur Lio lernt auch seine dunklen, depressiven Seiten kennen, in denen er sich verkriecht. Die beiden wachsen zusammen und doch geht das Gemeinsame oft, durch Unverständnis und Kommunikationprobleme, aneinander vorbei. Beide versuchen beständig, die Beziehung, trotz unterschiedlicher Sichtweisen, aufrechtzuerhalten. Auch wenn es wehtut. Als Lio ungewollt schwanger wird, spitzt sich die Situation zu. Sie traut sich nicht mit Max über die Schwangerschaft zu reden. Dies und ihrer Erinnerungen drohen sie zu zerbrechen.

Pointiert und klug wird hier die Kompliziertheit des Lebens und der Liebe beschrieben. Das Buch behandelt eine Sprachlosigkeit, die durch diesen Text benannt wird und Gehör bekommt. Der Roman ist ein radikaler und ehrlicher Befreiungsschlag.

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Sonja Rüther: „Einraumpalast“

Sonja Rüther schreibt Unterhaltungsromane, die stets Themen behandeln, die trotz der Leichtigkeit eine Tiefe zulassen, wenn man diese möchte. Es geht im Roman um die Liebe zu Büchern, die Liebe an sich und um das Bild, das wir uns voneinander machen. Das Spiel mit Klischees, Rollenfunktion und Erwartungen wird hier gekonnt behandelt und stets verwandelt, so dass sich immer neue Fährten innerhalb der Entwicklung und des Handlungsstrangs öffnen. Die Handlung kreist um die sich verändernde Verlagslandschaft. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, der in der dortigen Poststelle anfängt und Einblicke in den herstellenden Buchhandel erhält. Dabei trifft er auf eine Frau, die ihn fasziniert, ihre Geheimnisse hat und in ihm anfänglich ein Helfersyndrom erweckt.

Die Figurenzeichnungen sind sehr authentisch und die Handlung wird gleich den Charakteren wechselhaft. Der erste Eindruck muss nicht immer der Richtige sein. Matthis ist innerlich jung geblieben und liebt es, frei zu sein. Im Liebesleben und im beruflichen Alltag. Er hangelt sich von Gelegenheitsarbeit zu diversen Jobs. Er möchte sich nicht verbiegen lassen. Denn er ist Heavy-Metal-Fan und zeigt dies auch gerne mit seinem Kleidungsstil. Solange er aber Jobs annimmt, die ihn nicht überfordern und er mit wenig Gehalt auskommt, darf auch keiner sein Aussehen kritisieren. Sein Freundeskreis ist ihm sehr wichtig und diesen stellt er über alles, was mit dem Erwachsenwerden bei einigen an die jeweiligen Grenzen stößt. Besonders, wenn die Lebenspartner nicht die Leidenschaft für die brachialen, aber noch melodiösen Metal-Konzerte teilen, die die Clique so oft wie möglich im Jahr zelebriert.

Matthis hat einen neuen Job. Er liebt Bücher und hat nun eigentlich eine traumhafte Einstellung gefunden, die ihn auch nicht sehr überfordert. Er arbeitet in der Poststelle eines Verlages, der als Familienunternehmen auf alte Traditionen baut. Das Verlagsprofil besteht aus guter Unterhaltung mit Anspruch und qualitativ hochwertigen Druckerzeugnissen. Doch schwindet in der Gesellschaft immer mehr die Wertschätzung für solche Werke und der Verlag hadert mit seinem Profil. Matthis verbringt ungern Zeit mit den Kollegen, nicht weil er die Menschen scheut, er aber lieber für sich ist und in der unteren Teeküche liest. Doch nutzt diese Teeküche auch Lovis. Lovis Antworten und Erscheinung sind zuweilen für Matthis nebulös, aber gerade dies fasziniert ihn. In Folge erfährt er, dass sie die Tochter des Verlegers ist und mit dem zukünftigen Verlagsleiter verlobt ist. Der kommende Verlagsleiter hat eher das Wirtschaftliche des Verlages im Blick. Dabei ist der Buchhandel stets ein Vermittler zwischen Kultur und Wirtschaft. Matthis, der Bücher liebt, kann durch Lovis auf die Programmgestaltung Einfluss nehmen. Denn ein eigentlich abgelegtes Manuskript, das er zufällig gefunden hat, begeistert ihn.  Auch kommen sich Matthis und Lovis näher. Sie, die auch musikalisch begabt ist, lernt durch ihn die Freude der lauten Musik kennen. Doch hat sie ihr Geheimnis und eine tragische Vergangenheit, die sie gekonnt verbirgt. Matthis Freunde raten ihm, sich nicht zu verlieben, doch könnte es hierfür bereits zu spät sein.

Ein Roman, in dem es um vieles auf sehr unterhaltsame Weise geht. Die Klischees eines Traditions-Verlages treffen auf einen Metalhead. Verlage in ihrer herkömmlichen Weise werden oft als antiquiert hingestellt und Metalheads als dümmlich. Nicht bei Sonja Rüther. Hier hat alles seinen realen Bezug und seine authentische Wahrnehmung.

Somit ist dieser Roman eine Liebeserklärung an die Kunst, die Bücher und die Musik. Der Freiheitswunsch und die Vielfältigkeit sind der Antrieb dieses Buches. Vielfalt in der Gesellschaft aber auch in der Welt der Literatur. Erneut schafft es die Autorin, mit wenig skizzierten Sätzen eine Nähe zu den Figuren und deren Handlungsfeld aufzubauen. Die Liebe zum Geschichtenerzählen und zum Lesen wird auch durch die Bezüge und Anspielungen verdeutlicht. Zum Beispiel die Namen Matthis und Lovis erinnern an jene Räuberburg von Lindgren, in der Ronja ihren Freiheitsdrang in den Donnerdrummel rief. Hier erschallt nun die moderne und unterhaltsame Antwort in einem Einraumpalast.

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Yeoh Jo-Ann: „Zweckfreie Kuchenanwendungen“

Ein wunderbarer Roman, der Herz und Kopf berührt. Ein außergewöhnlicher Text, der uns nach Singapur mit seinen gesellschaftlichen und kulturellen Errungenschaften sowie kulinarischen Raffinessen entführt. Das Werk spielt mit großen Bildern und richtet sich gegen die Leistungsgesellschaft. Besonders Singapur ist geprägt durch ein strenges, High-Tech-orientiertes Staatsbild. Diesem Bild setzt die Autorin, Yeoh Jo-Ann, die Resignation, die Armut und die Obdachlosigkeit gegenüber und wurde mit dem Epigram Books Fiction Prize ausgezeichnet. Auch die deutsche Übersetzung besticht durch den übertragenen und lebendigen Sprachklang. Übersetzt von Gabriele Haefs.

Das Buch lebt von den sympathischen Charakteren, die sich nicht dem Leistungsdruck hingeben. Sukhin Dhillon ist Lehrer für englische Literatur und mag die gesellschaftlichen Zusammenkünfte und Verpflichtungen nicht. Innerlich rebelliert er gegen alles, was zur Pflichterfüllung gehört. Er lebt in seiner Sprachkunstwelt und liest in den Pausen lieber Stephen King oder den Wüstenplaneten-Zyklus, bevor er sich auf oberflächliche Kollegiums-Gespräche einlässt. Er hat einen Freund, der versucht, ihn ins gesellschaftliche Leben zu integrieren. Auch seine Eltern versuchten, ihn zu verkuppeln. Doch diese Versuche scheitern kontinuierlich. Besonders die Frauen, die sich nicht für seine Leidenschaften begeistern können, haben bei ihm wenige Chancen. Seine Liebe gilt dem Lesen und Kuchenessen. Dabei hatte er eine große Liebe, die ihn aber damals wegen zu hoher Erwartungen an die Zweisamkeit verlassen hat.

Der traditionelle chinesische Feiertag, das „Chinese New Year“ soll in der Schule gefeiert werden und Sukhin soll Dekomaterial besorgen. Als er in Chinatown die Besorgungen macht, stolpert er über eine Kartonbehausung. Kartonage hat in seinem Leben einen besonderen Stellenwert. Seine Eltern sammeln Kartons, die sie eventuell benutzen wollen, aber auch aus nostalgischen oder weniger nützlichen Gründen. Der innere Kartonberg in den Räumlichkeiten seiner Eltern steht der Kartonbehausung auf der Straße gegenüber, über die er nun fällt. In dieser kargen Wohnstätte lebt eine Obdachlose, die ihn erkennt und anspricht. Es ist seine alte Liebe Jinn.

Jinn hatte für eine Event-Agentur gearbeitet, die verschwenderische Veranstaltungen für reiche Menschen organisiert. Doch wie sich nun herausstellt, lebt Jinn seit sechs Jahren auf der Straße und scheint ihr Leben so zu mögen. Sie und Sukhin treffen sich regelmäßig und sie weiß den mitgebrachten Kuchen sehr  zu schätzen. Lebensmittel stellen für sie einen besonderen Mittelpunkt dar. Sie weiß die Genüsse, die Vielfalt der Gemüse- und Obstsorten zu würdigen. Sie organisiert mit weiteren Hilfsbedürftigen Lebensmittel aus Abfallcontainern und kocht Essen für Arme und Obdachlose. Auch Sukhin macht nun mit und lernt eine neue Sichtweise kennen. Warum Jinn aus der Leistungsgesellschaft ausgestiegen ist, erfährt Sukhin bei seinen Besuchen peu à peu.

Ein lebenskluger, bildreicher und wunderschöner Roman voller Herzlichkeit. Märchenhaftes wird angedeutet und große Literatur zitiert, somit spielt der Roman stets mit Gegensätzlichkeit, mit Parallelen und taucht dabei ein in unsere Gesellschaft und zeigt dabei ein von den meisten  übersehenes Leben. Dabei verklärt der Text niemals und ist gänzlich durch den Sprachklang und die Sinnlichkeit gut zu erfassen. 

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Annie Ernaux: „Der junge Mann“

Die Grande Dame der literarischen Miniaturen gewährt uns erneut einen privaten Blick in ihr Leben, das durch die Bezüge, wie alle ihre Werke, ein Sinnbild der Gesellschaft ist. Sie erhielt 2022 den Literaturnobelpreis, denn ihre Werke schaffen viel Raum für Gesellschaftliches, Politisches und für Emanzipation. In Ihren Büchern erzählt sie von ihrer Kindheit in einer Unterschichtenfamilie, wie sie sich durch Bildung und Studium hocharbeitete und von dem Leben ihrer Familie. Alle Werke sind prägend für die französische Gegenwartsliteratur. Das aktuelle Buch benötigt erneut wenige Worte, um einen großen Raum zu öffnen. Diesmal ist es die Umkehr der Muse. „Der junge Mann“ erzählt von ihrem Tabubruch aus damaliger Sicht. Ernaux ist Mitte fünfzig und beginnt ein Verhältnis mit einem dreißig Jahre jüngeren Studenten. Er bleibt im Roman farb- und namenlos. Lediglich auf ein „A“ wird er reduziert. Durch seine Jugend wird sie ihrer Generation entzogen, gehört aber nicht mehr zu seiner. Er lebt spartanisch und unbequem. Das Provisorische zieht sie dennoch an und dadurch durchlebt sie ihre eigene Vergangenheit erneut. Es sind nicht nur die Leidenschaft und der Sex, sondern die Auseinandersetzung mit dem Umfeld und dem Erlebten, das sie reizt. Ein Tabu in der Gesellschaft, dass sie als alternde Frau einen jungen Mann ausführt. Andersherum wäre es oft ein Heldenstück. Es schmeichelt ihr, dass er seine gleichaltrige Freundin für sie verlassen hat. Er verkörpert etwas, das sie verlassen und hinter sich gelassen meinte. Er, der Mann der mehr will, aber es nicht bekommt, schafft es, Brücken zu schlagen. Verbindungen zu ihren ganzen literarischen Werken. Die Distanzierung passiert mit dem Verfassen ihres Werkes über ihre damalige und heimliche Abtreibung („Das Ereignis“).

Annie Ernaux, die anhand ihrer Fotografien, Erinnerungen und dem Schreiben an ihre Schwester immer sehr ehrlich in ihr Leben schaut, schafft es erneut, durch die sprachliche Reduktion Großes zu erzeugen. Sie schaut in ihren bisherigen Werken auch auf ihren Vater oder ihre Mutter und erzeugt durch ihre minimalistischen Texte stets eine enorme und emotionale Wirkung. „Der junge Mann“ verbindet nun ihre vorherigen Werke auf kurzweilige Weise. Kunstvoll und sehr pointiert ist dieses Büchlein geschrieben. Ein Werk wie eine Befreiung. Denn auch der junge Mann will Kinder, möchte besitzen, erträgt aber ihre Schönheit nicht und es kommt zum Bruch. Der Blick auf den Bildungsweg als Befreiung ist keine bloße Wiederholung ihrer Aussagen und Berichte. Die intime Sicht ist stets politisch und bricht mit gesellschaftliche Tabus. Ein kleines und doch erneut ein großes Werk von Annie Ernaux. Aus dem Französischen von Sonja Finck übersetzt.

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