Dinçer Güçyeter: „Unser Deutschlandmärchen“

Ein Roman mit vielen Stimmen. Ein Märchen, das die Welt bunter macht und nicht schwarzweiß malt. Es ist die Geschichte einer Familie, türkischer Griechen, die uns im Chorgesang ihre Erinnerungen vortragen. Aufgezeichnet von Dinçer Güçyeter, der den Frauen seiner Familie eine Stimme gibt und selbst auf der Suche nach Worten seine Sprache gefunden hat. Es ist ein Roman, denn wenn das Erlebte zur Poesie wird, verweben sich Erinnerung, Wahrheit mit Literatur. Der Roman ist eine lyrische Welt, die die Wahrheit in der eigenen Geschichte sucht.

Dinçer Güçyeter ist ein Sprachkünstler, dem Emotionen wichtiger sind als gekünsteltes Wissen. Wenn man ihn kennt, weiß man, in ihm schlummert Schüchternes und Extrovertiertes. Er lebt und liebt die Kunst, die Lyrik und die Kraft und die Wirkung des Wortes. Entstanden ist ein Roman in seinem ganz eigenen Klangbild, der nichts verschönt: Vergewaltigung, Missverständnisse, Armut und diverse Konflikte. Die Handlung erstreckt sich vom Anfang des letzten Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Erzählt wird in Bildern, Träumen, Gebeten und in Monologen sowie Dialogen. Die Prosa wird dabei zur Poesie.

Dinçer Güçyeter, der für seine Gedichte ausgezeichnet wurde und Verleger ist, hat nun seinen ersten Roman geschrieben. Wie seine Sprache zur Kunst wird, werden auch er und seine Familie zu Kunstfiguren, die lebendig werden und die Geschichte von Gastarbeitern erzählen. Verwurzelt ist die Geschichte in anatolischem Leben. In der Hoffnung dem kalten Boden und der Armut zu entkommen und der Familie etwas zurückgeben zu können, wird Fatma, die Tochter von Hanife, mit einem Mann verheiratet, der sein Glück in Deutschland sucht. In Deutschland, so ist noch der Glaube, könne man den Wohlstand von den Bäumen pflücken. Die Einsicht, dass alle Menschen auf derselben Welt tanzen, wird aber auch in der Ferne entromantisiert. Der Mensch wird eingeordnet und abgestempelt. Das Lied des Buches singt von der Herausforderung als Gastarbeiter und deren Nachkommen, die in Deutschland ein neues Leben beginnen wollen. Das Fremdsein bleibt ein beständiges Gefühl, in der Sprache, den Menschen und den Gewohnheiten. Der Vater hat durch dubiose Geschäfte einen enormen Schuldenberg und seine Kneipe macht nicht genug Gewinne. Fatma arbeitet viel in den Fabriken und Feldern. Auch  Dinçer, ihr Sohn, möchte bereits als Kind seinen Teil dazu beitragen und beginnt auf den Höfen mitzuarbeiten. Später macht er eine Ausbildung als Werkzeugmechaniker, doch seine Liebe gilt den Künsten.

Ein Roman, der vieles verbindet. Kulturen und Menschen. Er öffnet Welten und lädt ein, diese besser verstehen zu lernen. Er verbindet diverse Schreibstile und Stimmen und macht das Erzählte zu etwas sehr eigenem. Ein lyrischer Roman, der ein bodenständiges Märchen erzählt, das uns von Schatten, aber auch von der Buntheit zu berichten weiß.

Dinçer Güçyeter und sein Lektor Wolfgang Schiffer

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Gökhan Göksen: „Charlotte und Fatima“

Ein aufrüttelnder Roman, der seine emotionale Wirkung immer stärker aufzubauen versteht. Was passiert, wenn das alltägliche Leben, besonders das Familienleben zersprengt wird? Am Beispiel zweier Frauen, die sich nicht kennen und lediglich einmal erblicken, geht Gökhan Göksen den Fragen nach, welchen Weg man bereit ist zu gehen, wenn einem die Liebsten genommen werden.

Die Handlung spielt in unterschiedlichen Orten und Zeiten. Von der Gegenwart bis in eine sehr nahe Zukunft blicken wir auf zwei Familien. Eine lebt in London, die andere in Kairo. Dabei schauen wir durch verschiedene Perspektiven auf die Ereignisse. Die Schilderungen sind zum Beispiel Sitzungen bei einer Therapeutin oder der Blick der Frauen auf ihren Familienalltag. Charlotte ist verheiratet und hat zwei Kinder. Der Sohn befindet sich im schwierigen Alter und verbringt viel Freizeit vor dem Computer. Die jüngere Tochter liebt es, Fußball zu spielen. Sie planen endlich wieder einen Urlaub zu machen, gerne soll es nach Ägypten gehen. Die Handlung wird hierbei nicht chronologisch erzählt. Ab und zu blickt Charlotte in Gesprächen auf die damaligen Ereignisse zurück. Die Handlung kreist um zwei schreckliche Anschläge, die die Welt im Großen und Kleinen für zahlreiche Menschen verändert hat.

In Kairo lebt Fatima, die ebenfalls verheiratet ist und Kinder hat. Ihre Geschichte wird nicht ganz so umfangreich erzählt wie die von Charlotte, ist aber nicht minder bewegend. Charlottes Weg ist auch ausschweifender und greift auf viele äußere Entwicklungen ein. Ferner taucht eine Krankenschwester als Charakter auf, die eine Komapatientin betreut. Da die Patientin bisher von niemandem erkannt wurde, wird sie lediglich Ms. Right genannt.

Alle Schilderungen laufen auf schreckliche Handlungen in London sowie in Kairo hinaus. Was ist tatsächlich geschehen? Wie geht es Charlotte, die anscheinend ihre ganze Familie verloren hat. Was passiert in Kairo und was oder wer vernichtet Fatimas Familie? Und wer ist Ms. Right? Dies sind die Fragen, die sich kontinuierlich aufbauen und einen enormen Spannungsbogen aufbauen. Dabei geht es immer um die Frage, wie entscheidet man sich? Ist man bereit, bis zum Äußersten zu gehen? Entscheidet man sich für den Hass oder kann man lernen zu verzeihen und zu vergeben?

Der Text schwankt zwischen Leben und Tod, Körperlichkeit und Entmenschlichung. Er spielt mit der bleibenden Ohnmacht bei großen Verlusten. Die Perspektiven wechseln und bewerten nicht, dies geschieht im Kopf des Lesenden. Wenn dies überhaupt möglich ist. Dann taucht eine weitere Stimme im Kanon auf, die Einfluss nehmen möchte. Wie eine Figur aus dem Brechtschen-Theater, spricht sie uns direkt an und verkündet Diabolisches. Es wirkt als würde der Beelzebub oder der innere Teufel zu uns sprechen wollen.

Ein ergreifender Roman, der auch zulässt, dass ein Charakter im Roman neugierig auf das vorherige Werk des Autors ist und dies auch jetzt beim Leser erweckt. Ein Buch, das zu fesseln versteht und durch die Emotion und die klug aufgebaute Handlung viel zum Nachdenken und Nachwirken hinterlässt.  

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Ulrike Dotzer: „Goldener Boden“

Ein bildreicher Roman über Flucht, Vertreibung und den Versuch anzukommen. Ein Familienepos, das durch den Schilderungsreichtum zu begeistern versteht. Mit ganz genauer Beobachtungsgabe und einem Gespür für Zeiten und Figuren entwirft Ulrike Dotzer einen umfangreichen, aber niemals überfüllten Roman. Die Autorin, die als Journalistin tätig ist, hat Geschichte und Philosophie studiert und ist für das Programm von ARTE, dem europäischen Kultursender, verantwortlich. Somit versteht es die Autorin, journalistischen Spürsinn und kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen in Literatur zu verwandeln. Im Mittelpunkt stehen im Roman der Neuanfang und die dafür benötigten Kräfte.

Eine Familiengeschichte, in der die Hauptcharaktere das Schöne kreieren und für sich bewahren möchten. Drei Generationen, die von Auswanderung, Rückkehr und Neubeginn geprägt werden. Der goldene Boden, das Vermögen, das jenes Fundament für den Aufbau darstellt, ist der Fleiß und das Glück von Gustav Hirsch.

Der Roman spannt einen großen Bogen von 1896 in New York bis 1956 in Kiel. Die Abschnitte im Roman beginnen jeweils 1956 um das Osterfest. Die ganze Familie kommt in Kiel zusammen, um sich zu sehen. Dabei stehen im Mittelpunkt der alte Gustav Hirsch und Clara, Gustavs Tochter. Gustav ist damals mit neunzehn Jahren nach Amerika aufgebrochen, um den Rekrutierungsbehörden des Kaisers zu entkommen. Er ist voller Hoffnung in Amerika, besonders in New York, Arbeit zu finden. Sein Freund ergattert sich einen Tagesjob am Hafen, der sich in Folge als keine so gute Wahl herausstellt. Gustav hat nach ersten Startproblemen dann doch Glück und findet eine Anstellung bei einem Herrenausstatter. Er macht dort Botengänge und Lagerarbeiten. Bei seiner Zimmersuche wird er bei einer Familie fündig, die einen Barbier-Salon betreibt. Ab sofort hat Gustav somit zwei Arbeitsstellen und lernt fortan das Friseurhandwerk. Dies ist der Grundstein für den folgenden Handlungsverlauf. Später, als Gustav Amerika wieder verlassen muss, zieht er nach Stolp in Pommern. Ein halbes Jahrhundert später flieht von dort seine Tochter Clara mit ihren vier Kindern nach Westen. Mit harter Arbeit baut sich die Familie stets neue Existenzen auf. Zunächst in Bad Bibra, dann später in Kiel. Für sie hat das Handwerk einen goldenen Boden und ihre Einstellung, niemals aufzugeben oder sich unterkriegen zu lassen, verfestigt sich immer mehr. Doch gibt es auch einen dunklen Schatten, den ein Schweigen ummantelt. Die SS-Vergangenheit von Claras Mann. 

In diesem Roman leben drei Generationen vom Beruf des Friseurs und sie haben den Wunsch, die Menschen schöner zu machen. Dabei durchwandert die Familie Weltgeschichte. Das Historische wird durch die Schilderungen sehr lebendig. Das Kaiserreich, die Auswanderung, der Nationalsozialismus, der Krieg und die Nachkriegszeit. Dabei bleibt es immer der amerikanische Traum, der die Familie bewegt, sich immer wieder emporzuarbeiten. Mit einer Fülle an Details und Wissen wird dieser Roman zu einem Erlebnis und die Dichte der Handlungen und der Charakterisierungen lassen alles und jeden sehr plastisch erscheinen. Ein historischer Roman, der uns in die Spiegel von Friseuren blicken lässt und uns selbst erkennen lehrt.

Dieser Roman ist ein wort- und handlungsstarkes Debüt von Ulrike Dotzer.

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Gerrit Hansen: „Die kleinen unbedeutenden Fälle von Hauptkommissar Knut Hansen aus Kiel“

Es ist mir eine große Freude, denn es gibt sie, die Bücher, die durch den Leseschatz erst möglich werden. Gerrit Hansen gab mir vor langer Zeit sein Manuskript und der Hauptkommissar Knut Hansen hatte es mir sofort angetan. Durch meine Aktivitäten in der Buchwelt, konnte ich Gerrit dabei unterstützen einen Verlag zu finden. Leider blieb es längere Zeit bei einem selbstvertriebenen E-Book. Doch hatte ich das Buch stets im Hinterkopf und habe es erneut als Leseschatz den Verlagen angeboten. Nun hat es geklappt und ab sofort darf das Buch als gedrucktes Werk die lesende Welt erobern.

Hierbei handelt es sich um Kurzgeschichten, die einfach Spaß machen. Nordische Klischees treffen auf eine Art Nick Knatterton, der sich als ein sympathischer Seebär entpuppt. Die Mini-Krimis sind voller Witz und Alltagskomik.

Die Geschichten sind in einer anspruchsvollen und schönen Sprache geschrieben und geben dem Unbedeutenden und Nebensächlichen ihre Bedeutung zurück.

Die Fälle, sofern man von einem Kriminalfall überhaupt sprechen kann, handeln meist nicht von üblen Bösewichten. Es sind keine blutigen Erzählungen, sondern eher augenzwinkernde Bagaluten-Geschichten. Knut Hansen ist schon dem Namen nach ein nordisches Unikat und hat sein ehemaliges Inseldasein in die Großstadt Kiel transportiert. Die Kurzgeschichten sind bestückt mit viel Liebe zum Detail. Es gibt viel zum Lachen, aber auch zum klugen Schmunzeln. Bis zur Auflösung rät man stets gerne mit und vor dem erwarteten Lichtblick hatte man wohlige Leseminuten mit einer riesigen Portion Spaß.

Eine ungemein süchtig machende Lektüre…

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Miguel de Unamuno: „Nebel“

Eine Wiederbelebung eines Klassikers, der großartige Lesestunden verspricht. Die Handlung spielt nebulös mit dem Urgedanken der Schöpfungskraft und erzählt nebenbei eine Liebesgeschichte. Ein unglaublich verspielter Text, der irrwitzig und philosophisch zugleich ist. Das Werk ist eine Berauschung und spielt kunstvoll mit dem bekannten Literaturverständnis. Die vorliegende Lebensgeschichte ist bravourös erzählt. Die Kunst, die Vernebelung des Lebens aufklaren zu lassen, hat diverse Mitstreiter animiert. Jonathan Carroll hat sich für „Das Land des Lachens“ wohl durch die Auflehnung der Figuren gegenüber dem Verfasser, gleich wie zum Beispiel Flann O’Brien “ In Schwimmen-zwei-Vögel“ inspirieren lassen. Der Spanier Miguel de Unamuno (1864-1936) schrieb „Niebla“ 1914 und legte 1935 eine revidierte Fassung vor. Nun erscheint „Nebel“ erneut  in der Übersetzung von Otto Buek, Roberto de Hollanda und Stefan Weidle. Zwei Vorworte, ein Nach-Vorwort und dann noch ein Nachwort von Wilhelm Muster ummanteln den Text und vertiefen die unbeschreibliche Lesefreude.

Das Figurenspiel beginnt eines Tages vor der Haustür von Augusto Pérez. Ein wohlhabender, alleinstehender Mann, der sich nun fragt, in welche Richtung er spazieren möchte. Seine vornehme Haltung verharrt mit dem Blick gen Himmel. Wenn es regnen sollte, gelten seine Gedanken dem mitgeführten Schirm. Ein Objekt, das aus seiner ungenutzten Schönheit entrollt werden müsste, ist ihm ein Graul. So hadert er im Leben beständig. Sein Weg ist nicht durchdacht, sondern den Launen entsprungen. Auch die Entscheidung, ob er sich jetzt nach links oder rechts wenden soll, wird ihm von einer anmutigen Frau, die vorbeischreitet, abgenommen. Der innere Monolog des Müßiggängers wird ganz von der weiblichen Erscheinung eingenommen. Er folgt ihr und meint, sich in Folge verliebt zu haben. Die angebetete Frau ist Eugenia, eine Klavierlehrerin, die die Musik verachtet. Sie ist ihrerseits in den arbeitsfaulen Neffen der Portiersfrau verliebt. Durch die Begegnung mit Eugenia hat Augusto Pérez einen Mephisto-Trank getrunken, er ihm nun die Schönheit der Frauen vor Augen führt und er die Liebe überall zu finden vermag. Doch gilt sein Verliebtsein besonders jener unerreichbaren Eugenia. Seine Liebes- und Lebensverwirrung bespricht er mit allen in seinem Wirkungskreis, auch mit der ihm zugewandten Wäscherin Rosario. Da seine Hochzeitspläne scheitern, wendet sich Augusto Pérez nach diversen Anläufen und Verwicklungen verzweifelt an Miguel de Unamuno, seinen Autor.

Die Selbständigkeit des Lebens scheint ein Spiel zu sein. Am Ende bleibt lediglich die einseitige Kommunikation mit Orpheus dem Hund von Augusto Pérez. Was ist Liebe? Was ist der Sinn des Lebens und woher stammt die Schöpfungskraft? In den Monologen, dem Zwiegespräch zwischen Schöpfer und Schöpfung,  geht es um fast alles. Der Nebel soll gelichtet werden.

„Das gehört alles zusammen, mein Herr, das ist alles eins: Anarchismus, Esperanto, Spiritismus, Vegetarismus, Phonetik … Das ist alles ein und dieselbe Sache. Krieg der Autorität! Krieg den vielen Sprachen! Krieg der gemeinen Materie und dem Tod! Krieg dem Fleisch! Krieg den h´s! – Und nun: Leben Sie wohl.“

Ein Weltklassiker gespickt mit wunderbaren Figuren. Müßiggänger und unter anderem mystische Anarchisten bespielen diese Lebensbühne. Eine phantastische Tragikomödie, die den melancholischen Witz perfektioniert und dabei pure Lesefreude versprüht. Das Buch, diese Wiederbelebung und Entdeckung, ist ein Ereignis.

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Frank Rudkoffsky: „Mittnachtstraße“

Ein Roman, der das Kleine ganz groß werden lässt und dabei literarisch unsere Gesellschaft seziert. Frank Rudkoffsky hat nach „Fake“ erneut einen klugen und pointierten Roman geschrieben, der unsere gegenwärtige Welt widerspiegelt. Voller zerbrechlicher Egos, die sich wegen der empfundenen Nichtigkeit größer machen wollen. Somit ist es ein Werk über Machtstrukturen, Befindlichkeiten und Konflikte. Die „Mittnachtstraße“ gibt es in Stuttgart, ist aber eine wegweisende Metapher. Die beschriebene Haltestelle und der Verweis auf die Kleingartenanlage schaffen den Raum für den sozialen Handlungsort. Sehr vielen Themen spürt Frank Rudkoffsky in seinem Roman nach. Dabei überlädt er den Inhalt niemals. Es wirkt nicht gekünstelt, weil es Themen sind, die uns tagtäglich begegnen können. Ferner sind die Charaktere authentisch entworfen und entfalten sich im Verlauf ungemein. Die Generationsfrage steht dabei im Mittelpunkt. Jede Generation deklariert für sich, es besser zu wissen und zu können als die vorherige. Wäre dem so, hätte die Menschheit wohl bereits größere Fortschritte machen können. Können wir überhaupt in der Gegenwart noch gut handeln? Malte, der Protagonist zählte sich zumindest immer zu den Guten bis ihm alles aus den Händen entgleitet und alles aus den Fugen gerät.

Die Probleme, die ihn beschäftigen sind vielfältig. Seine Tätigkeit als Journalist hat ihn ausgebrannt und die Arbeit erfüllt ihn nicht mehr. Seine Ehe kriselt und er und seine Frau reagieren oft überreizt. Seine Frau, die gerade eine eigene Apotheke gegründet hat, arbeitet mehr als vorher. Die Kinder fordern somit auf ihre Weise die Aufmerksamkeit der Eltern. Die kleine Tochter hat ihre besonderen Bedürfnisse und entwickelt die familientypischen Wutausbrüche. Der pubertierende Sohn sieht in Malte einen Heuchler und Versager. Maltes Vater, der zu cholerischen Wutausbrüchen neigt, war nie eine gute Bezugsperson und taucht nach einer langen Zeit plötzlich wieder auf. Um sich der ganzen Verantwortung und den Belastungen, besonders denen durch das Auftauchen des kranken Vaters, zu entziehen, geht Malte in ein selbstauferlegtes Exil. Gerade an den Ort, den er stark verachtet und mit negativen Erinnerungen belegt. Der jetzt verwahrloste Kleingarten seines Vaters. In dem dortigen Häuschen ist der Vater, dessen Umfeld und sein Geruch allgegenwärtig. Doch Maltes größtes Problem ist er selbst. Beständig steht er sich selbst im Weg und will sich seine Depression nicht eingestehen. Innerhalb der Familie gärt nun das Gift, das von Generation zu Generation weiterverabreicht wird. Der Kosmos einer Kleingartenanlage ist ein wuchernder Schauplatz, in dem unsere Gesellschaft verwurzelt ist.

Ein Roman der ganz genau hinsieht und das, was uns umtreibt, kunstvoll beschreibt. Sehr einfühlsam und wirklichkeitsnah erleben wir die Widersprüche, die Verzweiflungen und Krisen unserer Zeit. Generations- und geschlechtsunabhängig sind wir nah miteinander verbunden. Ein beeindruckender neuer Roman von Frank Rudkoffsky, der mehr Nähe und Emotionen zulässt als sein vorheriges Werk „Fake“.

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Melanie Raabe: „Die Kunst des Verschwindens“

Ein magischer Raabe. Melanie Raabe, die bisher durch ihre Thriller aufgefallen ist, hat nun einen Roman geschrieben, der die Magie des Moments in den Mittelpunkt stellt. Momente oder Begegnungen, die augenscheinlich zufällig sind, aber das Leben nachhaltig prägen und verändern können. Dies kann während eines Theaterstücks passieren, wenn man gebannt dem Verlauf auf der Bühne folgt und das vorgespielte Werk im Moment mehr Lebensinhalt hat als das tatsächliche und reale Umfeld. Solche Momente sind es, die uns allen Gänsehaut bereiten können und etwas im Herzen oder im Geiste in Bewegung setzen. Dies kann aber auch eine kurze Begegnung zweier Fremder sein, die plötzlich etwas im anderen zu erkennen scheinen. Auch lässt Melanie Raabe in diesem Roman Raum für viel Mystik, Magie und den alltäglichen Zauber. Tritt Magie in unser Leben oder erscheint diese lediglich, weil wir diese herbeisehnen und wir das Erlebte als ein Mysterium deuten wollen?

Silvester als zeitlicher Raum, der einen Wechsel darstellt und gleichzeitig durch den Moment des Dazwischen eine Atempause ermöglicht. Ein Augenblick außerhalb einer erdachten Zeit, die manch anderes zutage treten lassen kann. Zwei Frauen erleben an einem Silvesterabend einen kunstvollen Wechsel, der ihrer beider Leben verändern wird. Silvester als Wendepunkt.

Ellen Kirsch ist eine erfolgreiche Schauspielerin und ein Hollywoodstar. Eine Serie wird gerade groß beworben, in der sie die Hauptrolle spielt. So mimt sie zum letzten Mal in New York den Puck im Sommernachtstraum, um dann nach Berlin zu reisen. Die Bühnenkunst prägt ihr Leben und sie geht gänzlich in der Verwandlung auf der Bühne auf. In Berlin soll die Serie beworben werden und eine Premierenfeier ist geplant. Doch wird ihre Ankunft durch einen Schatten verfärbt, denn ein väterlicher Freund ist verstorben und weil sie sich gegen übergriffige Männer gewehrt hatte, verfolgt sie eine Internethetze. Eine angemietete Penthouse-Wohnung steht ihr während des Berlinaufenthaltes zur Verfügung. Das Gebäude steht genau gegenüber der Wohnung von der Fotografin Nico. Nico, die auch in jungen Jahren vom Schauspielerleben träumte, ist nun eine Fotokünstlerin. Nico schwebt gerade selbst etwas im Leben, im Beruflichen sowie im Privaten. Beide begegnen sich zufällig auf der Straße im winterlichen Berlin und empfinden eine unheimliche Nähe. Diese bestätigt sich bei weiteren ungeplanten Begegnungen. Zu Silvester hat Ellen Gäste eingeladen und lädt spontan Nico dazu ein. Diese, fast schon magische Nacht, die auch eine Reise in die Kunst der Museumsinsel und ihren Geistern bedeutet, offenbart die Seelenverwandtschaft. Was sieht Ellen in Nico?

Ellen hat ein Gespür für Veränderungen und bei der Anreise nach Berlin hatte sie bereits ein ungutes Gefühl. Dies bestätigt sich bei einem Besuch eines „Lost Place“ und seitdem ist Ellen verschwunden. So schnell sie in Nicos Leben gesprungen ist, ist sie auch wieder weg. Auch zur Premierenfeier taucht sie nicht auf. Nico macht sich ihre Gedanken und sorgt sich. Nicos Vater hat eine neue Beziehung und plant einen Umzug nach München. Daher möchte Nico unbedingt erneut in die Kisten ihrer Mutter schauen, bevor diese verschwinden. Sie begreift,warum sie sich nicht lösen kann. Sie macht sich auf die Suche nach Ellen, nach ihrer eigenen und der Geschichte ihrer Mutter.

Ein Roman, der eine sofortige Bindung an die Figuren ermöglicht. Mit wenigen Kunstgriffen gelingt es Melanie Raabe, Bilder und Figuren aufzubauen und wachsen zu lassen. Sie schafft magische Momente, die auch mal durch tierische Begegnungen angedeutet werden oder durch das jeweilige Setting. Dies sind inwendige Szenen in städtischen Kulissen oder in der freien Natur. Ein Buch, das uns wieder an den Zauber des Lebens glauben lässt. Mit Spannung, Charme und mit viel Liebe zu den agierenden Frauenfiguren ist der Roman geschrieben, der zwischen beiden Perspektiven wechselt und am Ende nur eine weitere zulässt. Der Wechsel von der Thriller-Literatur ist Melanie Raabe gekonnt gelungen und es scheint, „Die Kunst des Verschwindens“ ist ihr bisher größtes Herzensprojekt.

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Friða Ísberg: „Die Markierung“

Bücher zu lesen bedeutet man flieht oder erdichtet sich eine Welt. Literatur bildet, schafft somit Wissen und schult Empathie. Einfühlungsvermögen als Grundsatz der Ethik-Debatte ist zumindest in diesem Roman ein wichtiger Baustein. Denn „Die Markierung“ ist ein spannender Roman, der in einem dystopischen Szenarium viele Empathie- und Ethik-Thesen behandelt. Dies aus der Sicht unterschiedlichster Charaktere, deren Lebensverläufe nah aneinander verlaufen.

Friða Ísberg ist eine isländische Lyrikerin und Autorin, die mit einigen Preisen ausgezeichnet wurde und in viele Sprachen übersetzt wird. In der Deutschen Übersetzung gibt es neben dem vorliegenden Roman ihren Gedichtband „Lederjackenwetter“. Voller bildhafter Kreativität sprudelt die Lyrik von Friða Ísberg auf den Lesenden ein. Eine poetische Sicht auf den Lebensweg. Die Verschmelzung des Individuums mit der Gesellschaft, dem Wir, ist eines ihrer Themen. Der Egoismus als Schutzraum oder als falscher Antrieb für einen ausufernden oder krankhaften Narzissmus. Die philosophischen Gedankenspiele webt Friða Ísberg spielerisch in ihre Texte ein. Somit sind diese niemals überfordernd oder überlasten den Lesefluss. Die Forderung nach Empathie beinhaltet im Guten mehr Mitgefühl für das lebende Umfeld. Wenn dies ausgenutzt oder überdehnt wird, kann die These für ein individuelles Leben begrenzend sein. Besonders wenn lediglich das Gesetz über das deklarierte Gute oder Böse Klarheit schaffen will.

Die Handlung des Romans spielt in einer nahen Zukunft. Um die Sicherheit zu gewährleisten, wird ein Empathietest eingeführt. Dies vorerst freiwillig, aber für bestimmte Berufsgruppen erforderlich. Auch, wenn man bestimmte Wohngebiete betreten möchte. Mit anstehenden Wahlen soll dieser Test gesetzlich verankert und für die Gesellschaft verpflichtend werden. Die daraus entstehende Markierung bedeutet, dass das Testergebnis des getesteten Probanden öffentlich geführt wird. Dies geschieht, damit der Zugang zu gewissen Lebensräumen für Menschen, die den Test bestanden haben, möglich wird. Somit besteht die allgemeine Gefahr in ein gesellschaftliches Abseits zu geraten. Auch in den Schulen wird bereits der Test vorbereitet. Die junge Lehrerin Vetur beobachtet diese Entwicklung sorgenvoll. Der Schulabbrecher Tristan versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen und gerät immer mehr unter starken Druck. Für die Geschäftsfrau Eyja wird der Test zu einer beruflichen und privaten Belastungsprobe. Lediglich für den Psychologen Ólafur ist der Test ein guter Weg zu einer besseren und gewaltfreien Gesellschaft. Anhand dieser Figuren wird die Gefahr solcher Markierungen verdeutlicht und ein friedvolles Miteinander ist ein Traum, war einer und wird wohl einer bleiben.

Ein irrer Ritt zwischen Empathie und vorgetäuschtem Mitgefühl. Ein Roman, der überzeugt und nachdenklich stimmt. Durch den Wechsel der Sichtweisen, der mit jedem Kapitel vollzogen wird, verdeutlicht sich ein Gesamtbild und die Handlung wird ungemein spannend. Lässt sich so etwas wie ein moralisch Gutes in einem Gesetz verorten? Wieviel verordnete Korrektheit verträgt ein Miteinander? Ein kluger und toll erzählter Roman von einer Autorin, die versteht Gedanken in Poesie zu verwandeln und dadurch Empathie entfacht.  Aus dem Isländischen wurde der Roman von Tina Flecken übersetzt.

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Nina Bouraoui: „Erfüllung“

Erneut verführt Nina Bouraoui durch ihre Sprache, die Emotionen und den tiefgründigen Blick in die Psyche. Nach „Geiseln“ ist „Erfüllung“ auch ein großartiges und beunruhigendes Portrait einer Frau, die eine feministische Unruhe verkörpert. Erfüllung folgt dem Verlangen und der Sehnsucht. Dabei spielt die Liebe eine entscheidende Rolle. Doch was passiert, wenn die liebevolle Bindung toxisch, besessen und von einer enormen Melancholie verwandelt wird? Die Liebe taucht oft als eine Leere im Roman auf. Doch bleibt sie der Fixpunkt der Agierenden. Liebe, die in einem Joan Baez Song im Text Erwähnung findet, ist immer politisch. So auch dieser Roman, der durch das persönlich Erlebte die Unruhen der Welt einfängt.

Wir lesen die sieben Hefte der Michèle Akli, die diese in den Jahren 1977 bis 1978 geschrieben hat. Michèle ist Französin, die ihrem Mann Brahim 1962 nach der Unabhängigkeit nach Algier folgte. 1977 beginnen ihre Notizen und Tagebucheinträge. Sie leben in einem kleinen Haus über der Stadt und haben einen zehnjährigen Sohn, Erwan. Die Natur ist ein Rückzugsort für Michèle, denn in ihr kämpfen unterschiedliche Sehnsüchte. Das Schreiben wird für sie ein wichtiger Halt. Ihre Kommunikation mit dem Papier ist ihre Möglichkeit, sich zu sammeln und eine innere selbstauferlegte Beichte abzulegen. Denn ihre Liebe ist verblasst. Die Liebe zu dem Land und besonders zu ihrem Ehemann. Der großzügige Garten wird ihr Refugium, wenn Erwan in der Schule ist. Brahim, der in einer Papierfabrik arbeitet, ist oft unterwegs. Die erloschene Leidenschaft entfacht eine brodelnde Melancholie, die Michèle oft mit Alkohol befeuert. Ihre ganze Liebe gilt lediglich ihrem Sohn. Es ist eine nahezu egoistische Mutterliebe. Sie wird eifersüchtig auf alles, was Erwan liebgewinnen könnte. Als Erwan in der Schule Freundschaft mit Bruce schließt, gerät Michèle in ein Gefühlschaos. Bruce ist ein Mädchen, das zwischen den Geschlechtern lebt, ein Mädchen-Junge, die sich nach ihrem Idol Bruce Lee benennt. Das kämpferische Kinderspiel und das Auftauchen von Catherine, der Mutter von Bruce, bringt das Leben von Michèle in Aufruhr.

Still und gänzlich zurückgezogen schreibt Michèle über ihre Sehnsucht nach Erfüllung. Im Schreiben ist sie ehrlich und frei. Im Gegensatz zu der äußeren Welt, die sie immer mehr einengt und sogar bedrohlich ist. Kann sie in einem neuen Arbeitsumfeld berufliche und gesellschaftliche Erfüllung finden? Kann sie ihren Sohn loslassen? Die Grenzen sind nicht nur die politischen, sondern auch die selbstgesetzen, zum Beispiel das Mann- oder das Frausein.

Im Roman nimmt die Gedankenwelt von Michèle enorm viel Raum ein. Wir tauchen ein in eine weibliche Sicht auf die damalige Entwicklung, die bis heute wirkt. Neben der inneren Sicht gibt es die Beschreibungen der äußeren Erlebnisse, die inhaltlich und sprachlich eine stets wabernde und bedrohliche Gewalt mitschwingen lassen. Der Roman beinhaltet viel Emotion, die erst gezügelt, dann wie bei „Geiseln“ explosionsartig den Text vervollständigt. Aus dem Französischen wurde das Werk von Nathalie Rouanet übersetzt.

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Kristin Valla: „Das Haus über dem Fjord“

Ein Roman mit einer wunderbaren Atmosphäre, die sich im Verlauf der Handlung immer mehr aufbaut, und einer Geschichte, die durch einen gesetzten Spannungsbogen an Tempo zunimmt. Am Anfang ist es eine Familiengeschichte, in der etwas Dramatisches in der Kindheit der Erzählerin passiert. Als sie als erwachsene Frau zurückkehrt, wird fast kriminalistisch ein Geheimnis aufgedeckt. Ein Roman über Trauer, Trauerbewältigung und die wahre Liebe.

Der Zusammenhalt ist ein Leitmotiv der Handlung. Etwas, das uns verbindet, anzieht und zusammenwachsen lässt. Wenn diese Verbindung brüchig wird oder sich durch äußere Umstände löst, verlieren wir den gemeinsamen Halt. Dies ist auch in der Natur zu erleben. Salz, das in der Erde, besonders in der Tonerde lagert und die Partikel verbindet, löst sich mit der Zeit durch Eruption und Niederschlag auf und es kommt zu Rissen oder Erdrutschen. Dies passiert auch am Anfang dieser Geschichte.

Elin ist zehn Jahre jung. Es ist das Jahr 1985 und die Familie ist zu einem Fest eingeladen. Elin möchte das Kleid, das ihre Mutter ihr gekauft hatte, nicht anziehen und es kommt zum Streit. Somit fährt der Vater mit den beiden Söhnen zum Fest und die Mutter bleibt bei Elin. Auf dem Weg an der Küste kommen die älteren Brüder und der Vater ums Leben. Ein Erdrutsch hat sie in den Tod gerissen.

Anfang dreißig lebt Elin in Oslo und ist für ein Modemagazin tätig. Als ihre Mutter stirbt, reist sie in ihr nordnorwegisches Heimatdorf, um das Elternhaus aufzulösen. Während ihres Aufenthalts trifft sie auf Ola, den besten Freund ihres verstorbenen Bruders und ihre damalige Jugendliebe. Die Annäherung ist distanziert, da die beiden auch damals nicht wirklich zueinander fanden. Beim Aufräumen und Sichten der Unterlagen der Eltern findet sie Ungereimtheiten. Notizen ihres Vaters, der stets viele Termine notierte, weisen Lücken auf. In der Vergangenheit und der Geschichte ihrer Eltern scheinen Geheimnisse verborgen zu sein. Die Spurensuche führt weg vom Haus über den Fjord bis nach Südfrankreich. Eine dunkle Geschichte wird langsam freigelegt und alles gerät erneut ins Rutschen.

Ein schön geschriebenes Werk mit authentischen Charakteren. Eine anrührende Schicksalsgeschichte die von der sprachlichen Atmosphäre lebt.  Aus dem Norwegischen wurde das Buch von Gabriele Haefs übersetzt (Ut av det blå).

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