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Axel Milberg: „Düsternbrook“

Axel Milber Düsternbrook Piper

Der Schauspieler Axel Milberg hat einen Roman geschrieben, in dem er literarisch in seine Kindheit zurückreist. Auch ist das Buch eine Liebeserklärung an Kiel. Der stille, melancholische und humorvolle Schauspieler hat eine tiefe Verbindung zu Kiel, besonders zum Stadtteil Düsternbrook. Hier lebte er seit seiner Geburt im Jahr 1956 bis 1979, als er nach München zog und an der Otto Falckenberg Schule das Schauspielstudium absolvierte. Er ist bekannt durch viele Kino- und Spielfilme. Als Sprecher bei den Drei ??? und als Kieler-Tatort-Kommissar Klaus Borowski wurde er einem großen Publikum bekannt.

Der Roman „Düsternbrook“ ist autobiografisch und erzählt die Kindheit von Axel Milberg. Das Kieler Villenviertel Düsternbrook spiegelt nun seine ganze Welt. Die Erinnerungen sind in kurzen Szenen, d.h. Kapiteln leicht und chronologisch erzählt. Fast schon traumwandlerisch schreibt Axel Milberg. Die Figur des kleinen Axel wird von Seite zu Seite charmanter und zugänglicher. Auch die Landeshauptstadt Kiel, die Stadt, die als Zentrum einen Wasserkeil, die Förde, hat, bekommt eine tragende Rolle im Text. Das ganze Buch lebt durch viel Empathie und Humor.

Axel wächst mit seinem Bruder und seiner Schwester behütet auf. Sein Vater ist Jurist und macht Werbung als Scheidungsanwalt in der Kieler-Straßenbahn, die dem jungen Axel etwas peinlich ist. Er liebt es, mit seiner Mutter in die Innenstadt zu gehen. Entlang der Förde bis zu Karstadt am Alten Markt, um dort seine Wiking-Sammlung mit neuen Modell-Autos zu erweitern. Doch ist innerhalb seiner Familie und auch im Stadtteil Düsternbrook nicht alles heller Sonnenschein. Es zeigen sich auch diverse Schattenseiten. Axel geht auf die Reventlouschule und später auf die Kieler Gelehrtenschule. Sein bester Freund darf ihn irgendwann nicht mehr besuchen, da sie zu sehr mit dem Feuer gespielt hatten. Er verliebt sich beim Tennisspielen in ein Mädchen und bekommt in der Schule erste Bühnenerfahrung. Angeregt durch Karl May hat er ein kleines Theaterstück geschrieben, das auch in der Schulaula aufgeführt wird.

Ein kleiner Spannungsbogen legt sich um die Handlung. Ein merkwürdiger Mensch findet eine Box und diese regt seine krankhafte Phantasie an. Ein rätselhaftes Verschwinden von Kindern breitet sich aus. Axel vermutet, es könnte etwas mit den Außerirdischen zu tun haben, von denen er kürzlich durch einen Vortrag von Erich von Däniken in der Schule erfahren hat. Die Theorien von Dänikens beschäftigen den Jungen länger, denn auch er fremdelt mit seiner Umgebung und dies wäre doch eine passende Erklärung. Als ein Junge aus dem engeren Umfeld von Axel beim Rodeln auf der berüchtigten Todesbahn verschwindet, wird auch das Leben in Düsternbrook dadurch berührt.

Aus dem jungen Axel Milberg wird ein junger Mann, der sich in der Welt noch finden soll. Er beginnt ein Literaturstudium in Kiel, begegnet dann aber Gert Fröbe und sein ewiger Traum, Schauspieler zu werden, nimmt langsam Gestalt an. Nach einer Reise wächst die Idee, Kiel zu verlassen und er geht nach München. Der Roman endet hier, wo das öffentliche Leben von Axel Milberg seinen Anfang nimmt.

Ein schöner Kiel-Roman eines berühmten Schauspielers, der die Türen zu seiner Kindheit öffnet und uns teilhaben lässt. Ein charmanter Roman voller kindlicher Abenteuer und Erlebnisse. Das Buch wird ummantelt durch zwei Bilder, die Axel Milberg als Kind gemalt hat. Auch in den Bildern ist Kiel sehr farbenfroh zu erkennen.

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logo Siehe auch das Interview mit Axel Milberg „Die Welt in einer Nussschale“: www.kielerleben.de

 

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Mustafa Khalifa: „Das Schneckenhaus“

Mustafa Khalifa Das Schneckenhaus Weidle Culturbooks

Ein Roman, der sich tief eingräbt und nach dem Lesen Spuren hinterlässt. Ein erschütterndes Werk, eher ein Zeitdokument, das sich beim Lesen und weit darüber hinaus im Leser einnistet. Die Flut an Bildern, Geschehnissen und Charakteren geht einem sehr nah. Immer wieder wird man als Leser an die Grenzen geführt, die Grenzen, die das Menschliche und Ertragbare überschreiten. Doch gerade dies ist das – sofern man dies bei diesem Roman sagen kann – Faszinierende am Text. Aus der Distanz als Leser erahnt man die Schrecken, die der Protagonist und Autor erlebt haben und kann diese doch nur in Teilen literarisch nachempfinden. Wie ist solche Gefangenschaft in der Realität ertragbar? Der Autor und der Namenlose im Roman haben gelernt, sich zurückzuziehen, sich in einem eigenen, seelischen Schneckenhaus zu verstecken. Nur bedingt nimmt er das Umfeld wahr und verschließt sich letztendlich immer mehr, um zu überleben.

Der Text ist ein Tagebuch, das zeitlos ist. Der Protagonist hat während der Inhaftierung angefangen im Kopf zu schreiben. Erst den ersten Satz, diesen ständig wiederholt, den zweiten Satz gebildet und dann beide wiederholt und so weiter. Wie ein inneres Mantra ist somit dieses Tagebuch im Kopf gewachsen, das nun als Roman vorliegt.

Von 1982 bis 1994 war Mustafa Khalifa in Syrien inhaftiert. Sein 2007 auf Französisch und 2008 in Arabisch erschienener Roman wurde bereits in neun Sprachen übersetzt und gilt als das meistgelesene Buch in Syrien. Gefängnisliteratur ist in Syrien eine wichtige Literaturgattung und schafft somit eine Möglichkeit, sich mit der grausamen Geschichte des Landes auseinanderzusetzen. „Das Schneckenhaus“ ist ein wichtiges Zeugnis und zeigt die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse.

Der Protagonist und die Jahreszahl bleiben im Roman unerwähnt. Auch das Land und der Ort werden niemals genannt. Lediglich durch die Nennung der Gefängnisse, dem Wüstengefängnis und später dem Berggefängnis weiß man sofort, wo sich die Handlung abspielt.

Der Roman beginnt in Paris. Ein junger syrischer Absolvent der Filmhochschule verabschiedet sich von seiner Lebensgefährtin. Er vermisst seine Heimat und fliegt nach sechs Jahren in Frankreich nach Damaskus. Kaum ist er gelandet, gibt es Probleme bei der Passkontrolle. Die Beamten behalten seine Papiere und er wird vom Geheimdienst flankiert zum Verhör gebracht. Ihm wird kein Grund genannt. Später wird herauskommen, dass jemand ihn vor Jahren denunziert haben muss. Die erste Folter beginnt. Er soll einer verbotenen Muslimbrüderschaft angehören, dabei betont er immer wieder, getaufter Christ und obendrein Atheist zu sein. Es kommt zu keiner Anklage noch gerechter Verhandlung. Nach den ersten Erniedrigungen und Gruppenhaftzellen wird er in die wahre Hölle, das sogenannte Wüstengefängnis, verlegt. Mit viel Glück überlebt er die „Willkommensparty“. Aber seine Genesung dauert länger. Er bekommt anfänglich Unterstützung, doch als die Mitgefangenen erfahren, dass er ein Christ ist und sogar behauptet Atheist zu sein, bekommt er auch durch seine Zellgenossen Probleme. Die beständige Entmenschlichung, Erniedrigung und Folter kann er nur überstehen, weil er sich wie eine Schnecke in ein Schneckenhaus zurückzieht. Dabei beobachtet er, notiert im Kopf und wartet auf Erleichterung… Auf diese muss er dreizehn Jahre, drei Monate und dreizehn Tage warten… Doch auch nach seiner Entlassung dauert es lange, bis er die Freiheit erfährt…

Ein wichtiges, schwerverdauliches Werk. Das sich wie ein Faustschlag in die Magengrube der Menschlichkeit liest.

Ein Tagebuch, das während der Zeit der Gefangennahme in Gedanken geschrieben wurde und das nun, nach der Freilassung, zu Papier gebracht wurde, dokumentiert den Terror. Ein Roman als Erinnerung an die Gefangenen und Ermordeten.
Es ist ein Buch, das man nicht selten aus der Hand nimmt, um zu pausieren. Dennoch kann ich nur betonen, wie lohnenswert und wichtig diese Lektüre ist.

Der Roman wurde aus dem Arabischen von Larissa Bender übertragen und durch ein Nachwort von ihr ergänzt, dass sehr zum Verständnis des Textes beiträgt.

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Éric Vuillard: „14. Juli“

Eric Vuillard 14. Juli Matthes & Seitz

Éric Vuillard beleuchtet in seiner Literatur stets Momente der Geschichte. Mit dem Roman „14. Juli“ schildert er die Geburtsstunde der Französischen Revolution. Ein Text, der komprimiert die Revolution erlebbar macht. Man überblickt zügig das ganze Geschehen, das in Frankreich seinen Anfang nahm und die ganze Welt beeinflusste. Das beeindruckende Buch, das von Nicola Denis übersetzt wurde, gibt jenen Menschen einen Namen, ein Gesicht, die dabei waren, die für ihre Freiheit und Gleichberechtigung gekämpft haben. Aus vielen einzelnen und persönlichen Perspektiven schildert Éric Vuillard den Beginn der Unruhen, die Plünderungen und die Erstürmung der Bastille. Es sind Menschen, die hungern und aufgebracht sind. Es ist eine sommerliche Hitze, die die Gemüter immer weiter aufkochen lässt. Die Menschen kommen auf die Straßen und werden immer mehr. Es wird eine Menge, die sich mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln bewaffnet. Was ist eine Menge, was kann sie bewirken und wie wird daraus ein Volk? Mit wenigen Worten wird das Geschehen im Jahr 1789 sehr temporeich geschildert. Eine Sprache, die literarisch ist. Ein Inhalt, der geschichtsversessen ist und den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Die Legitimation des Absolutismus ist im König verkörpert. Es ist Ludwig XVI. Doch leider ist dieser König nicht der hellste Kopf. Seine Gattin, Marie-Antoinette, war bei seinen Staatsgeschäften involviert. Als Hungerrevolutionen in Paris ausbrachen, reagierten die Menschen auf die herrschende Klasse verbittert, da diese sie durch ihre Aussagen und Taten verhöhnten. Dabei war es diese Klasse und deren Lebensstil, die den König zwang, den Staatsbankrott zu verkünden. Es schossen daraufhin diverse Vereinigungen und Redner aus dem Boden, die den Weg zur Revolution ebneten. Die ersten Unruhen wurden sehr blutig und es gab überall viel Elend und Gewalt. Eines Nachts versammelten sich erste Gruppen auf den Straßen. Waffenarsenale und die Theaterrequisiten wurden geplündert. Aus falschen Speeren wurden echte Schlagstöcke. „Die Realität plündert die Fiktion. Alles wurde wirklich.“ Die Kirchenglocken in Paris schlugen Alarm, doch es war zu spät, die aufgebrachte Menge erstürmte die verhasste Festung…

Es sind die Menschen, die durch ihre Einzelschicksale diesen Moment beleben.  Ein literarisches Werk, das ein geschichtliches Ereignis erlebbar macht. Freiheit, Gleichheit und Brüderlich-, d.h. Geschwisterlichkeit wird im Panorama dieser Erzählung verdeutlicht. Freiheit bedeutet auch Gleichheit aller Menschen. Ein Buch, das begeistert, lehrreich ist und die Zeit in den Mittelpunkt stellt, die Europa für immer verändert hat.

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Tom Perrotta: „Mrs Fletcher“

Tom Perrotta Mrs Fletcher dtv

Wie schnell kann man sich eine neue Identität geben? Schnell ist eine erdacht und schnell lebt diese in der Phantasie, doch wie weit kann diese im eigenen Leben lebendig werden? Tom Perrotta hat mit Mrs Fletcher eine Figur geschaffen, die sich neu erfinden möchte und mit ihrem noch geheimen Ich ihr bisheriges Leben durcheinanderwirbelt.

Tom Perrottas Romane sind schon öfter Vorlagen für Filmadaptionen gewesen und auch „Mrs Fletcher“ läuft 2019 als HBO-Serie. Der Roman, der von Johann Christoph Maass übersetzt wurde, erzeugt eine gewisse Faszination. Die Figuren und die Handlung sind humorvoll, regen an, schaffen eine Neugier, sind aber auch teilweise vorhersehbar, d.h. schablonenhaft. Es ist ein Roman über die Möglichkeit, ein neues Leben zu führen bzw. seine Position im Leben zu finden und zu bestimmen.

Eve Fletcher lotet mit 46 Jahren ihr Leben neu aus. Auch ihr Sohn muss sich seinen Weg ins Leben bahnen, d.h. diesen finden. Dabei treffen beide auf unterschiedliche Menschen, die Ihnen dabei behilflich sein können und sind. Menschen, die aber meist auch oft in der Selbstfindungsphase sind und mit ihrem bisherigen Lebensstil hadern. Die Menschen, die in sich ruhend sind, laufen vorerst an den Protagonisten vorbei.

Der Roman beginnt mit dem Auszug von Brendan. Eve ist alleinerziehende Mutter und packt gerade den Wagen, damit sie ihren Sohn zum College fahren kann. Brendan hat sich das College aufgrund der dortigen Feiermöglichkeiten ausgesucht und ist selbst heute, am Tag der Abreise, verkatert und überlässt seiner Mutter das Packen. Als die Ex-Freundin ihres Sohnes auftaucht, muss Eve erleben, wie ihr Sohn Frauen behandelt. Doch zu einer Aussprache kommt es dann doch nicht und Eve lädt ihren Sohn später am College ab, wo er lernen muss, was es heißt erwachsen zu werden. Seine Abenteuer, die er dort im Zwischenmenschlichen erlebt, sind nicht alle sehr glorreich.

Mrs Fletcher, d.h. Eve, ist nun allein zuhause und reflektiert ihr Leben. Sie will ab sofort ihre Rolle neu definieren und möchte ihr wahres Ich finden und dieses Leben. Sie möchte mehr wagen, sie möchte sich sexuell ausleben – weiß aber noch nicht wie. Auf diesem Weg trifft sie auf neue und alte Freunde, die ihren Weg begleiten. Ihre Arbeit in führender Position in der geriatrischen Betreuung erfüllt sie anscheinend nur begrenzt. Sie verlangt vom Leben etwas mehr, sie möchte mehr erleben – nur was und wie?

Ein Roman voller Sex, Begehren, Elternschaft und sich in der Welt finden und definieren. Das Leben, die Liebe und irgendwie alles Drumherum werden für die Protagonisten ein Abenteuer, das sie nicht immer wie Helden erscheinen lässt. Eine Lektüre über Identität und sexuelle sowie kulturelle Unsicherheiten.  Die selbst auferlegten Grenzen können überschritten werden, besonders in der Phantasie. Aber diese Übertritte können auch Gefahren beinhalten. Tom Perrotta eröffnen diese Grenzüberschreitungen Möglichkeiten, die er seine Figuren in dem vorliegenden Buch durchspielen lässt.

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Lesley Nneka Arimah: „Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt“

Lesley Nneka Arimah Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt Culturbooks

Eine Sammlung an Geschichten, die begeistern. Mit wenigen Sätzen und auf wenigen Seiten baut Lesley Nneka Arimah ganze emotionale Welten auf und bevölkert diese mit erinnerungswürdigen Figuren. Erschütternder Realismus trifft auf das  Irreale,  Unwirkliche und Phantastische. Mit viel Empathie und psychologischem Gespür hat die Autorin originelle, beklemmende und nachklingende Erzählungen erschaffen. Die literarischen Genre-Grenzen sind in diesem Buch aufgehoben. Die anspruchsvollen Texte bewegen sich zwischen aktueller Prosa, magischem Realismus, Grusel und Science-Fiction.

Lesley Nneka Arimah wurde in England geboren, wuchs in Nigeria auf und lebt in den USA. Ihre Werke und besonders dieses Debüt „What It Means, When a Man Falls from the Sky”, das jetzt in der Übersetzung von Zoë Beck vorliegt, wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die beeindruckende Sprache und die Originalität der einzelnen Erzählungen und Figuren begeistern und treffen den Leser ins Herz und in den Geist.

Es sind meist Geschichten über Verlust, Familie, Liebe und Fürsorge. Da gibt es die Geschichte einer in Amerika lebenden Jugendlichen, die zu ihrer Tante nach Nigeria geschickt wird. In der Familie ihrer Tante erlebt sie eine distanzierte Kühle. Auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung und sie sieht ihre Gemeinsamkeiten mit ihrer nigerianischen Cousine. Eine weitere Geschichte erzählt von Enzima, die mit einem Schlüssel am Schloss herumfummelt und nicht sieht, was hinter ihr Bedrohliches durch eine Verwechslung geschieht. Auch die verschiedenen Sichtweisen elterlicher Fürsorge werden beleuchtet. Das Surreale trifft in einigen Erzählungen auf die Realität. Der Geist einer vor Jahren verstorbenen Mutter taucht wieder aus einem Foto lebendig geworden auf. Der Gott der Ameisen und die Göttin des Flusses stürzen sich in eine ewige Fehde und lassen somit geschichtliche Lava auf das Leben der Erde ergießen. Ein Mann fällt vom Himmel, da die Menschheit in der Zukunft die Formel des Lebens gefunden hat. Mit dieser Formel können die Naturgesetze sowie die menschlichen Emotionen bestimmt und manipuliert werden. Besonders auf das Mitgefühl haben es Frauen abgesehen, die sich wie Fallobst fallen lassen, damit sie jemanden für ihren Fall verklagen können und somit über die Runden kommen. Das Grauen wird oft selbst durch Menschenhand erschaffen. Gleich einem Golem werden in einer Geschichte Lebenskraft raubende Babys erzeugt. Glory, die anhand ihres Namens gut ist, kann ihre Liebe nicht zulassen und muss sich immer wieder für die Wahrheit entscheiden, auch wenn es für Sie dadurch nicht immer gut endet. Am Ende finden wenige Charaktere, meist Frauen, ihr Glück. Oft sind es die äußeren Bedingungen, die sie hadern und scheitern lassen. Freundschaften werden auf diverse Proben gestellt und wandeln sich. Das Heimatliche innerhalb der Familie und der globalisierten Welt wird beleuchtet. Immer wieder geraten die Figuren in Extremsituationen und in komprimierten Erzählungen rühren diese Schicksale zu Herzen.

Eine Sammlung an Geschichten die unter die Haut gehen. Ein Buch, das einen Reigen an Gefühlen und Gedanken entfacht und trotz der Trostlosigkeit und Verluste den Leser glücklich macht.

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Mathijs Deen: „Unter den Menschen“

Mathijs Deen Unter den Menschen mare„Bauernsohn sucht Frau. Wohnt allein. 80 ha.“ So lautet die Anzeige, die der wortkarge Protagonist aufgibt und somit in einen schleichenden Neuanfang gerissen wird.

Der Roman spielt an der niederländischen Nordsee auf einem Hof am Deich. Das Meer ist lediglich einen Steinwurf entfernt, aber um einen nächsten Menschen anzutreffen, muss man schon einige Kilometer fahren. Jan lebt hier auf dem Hof seiner Eltern. Er ist hier groß geworden und kennt nichts anderes. Als er den Hof übernimmt, wollen seine Eltern die Welt sehen. Bevor diese aber ihre Reise antreten, kocht die Mutter mehrere Tage lang und friert alles ein, damit ihr Sohn auch in ihrer Abwesenheit lange versorgt ist. Somit hat er für viele Monate – wenn nicht sogar für Jahre, Muttis Essen und genießt auch schon mal eine deftige Erbsensuppe zum Frühstück. Die Eltern, die gerade die Reise angetreten haben, verunglücken bei einem Verkehrsunfall tödlich und somit ist Jan allein.

Er kann sich manchmal gar nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal mit jemandem gesprochen hat. Auch die Arbeit ist gerade für Wochen erledigt. Es gibt auf dem Hof nichts zu tun. Die Einsamkeit macht ihm zu schaffen und ihm fehlt eine Frau. Er setzt eine Anzeige auf. Da er ein stiller Geist ist, der weniger Worte für seine regen Gedanken verwendet, fällt die Kontaktanzeige sehr kurz aus. Er bekommt vier Antwortschreiben von der Redaktion zugestellt. Drei davon entsorgt er sofort und die von Wil spricht ihn an.

Als es zu der ersten Begegnung kommt, zeigt sich Wil als nicht so liebreizend oder gefühlsecht wie erhofft. Sie scheint mehr Interesse am Haus, d.h. dem Hof zu haben und möchte wissen, ob man das Meer sehen kann. Wil scheint einen eigenen Plan zu haben. Wil ist auch nicht ganz zufällig hier. Sie hat die Anzeige entgegengenommen und sich über die Lage des Hofes informiert. Alle Antworten hat sie in der Redaktion beseitigt und vier Schreiben aufgesetzt, die alle unterschiedlich sind. Vier Namen und vier Telefonnummern, die aber alle zu ihr weitergeleitet werden. Als Jan sich meldet, muss sie nur schnell reagieren, denn sie weiß ja anfänglich nicht, welche der vier Frauen, d.h. Schreiben Jan angesprochen haben. Es ist Wil. Wil steht auch für den Willen. Sie, eigentlich Irene, sucht einen Neuanfang. Jan ist und bleibt aber ein Mensch, der auf Traditionen besteht und dem es schwerfällt, sich zu öffnen. Auch Wil, die ihre wahren Gefühle nur lebt, wenn sie alleine ist, trifft ab und zu Entscheidungen, die ihn vor den Kopf stoßen. Sie vernichtet zum Beispiel das von seiner Mutter vorgekochte Essen. Sie will vieles reglementieren und planen, aber auch, dass man selber für sich sorgt. Sie soll auch, laut ihrer Therapeutin, ihren Willen finden und durchsetzen. Aber was ist ihr wahrer Wille, ihr Wunsch? Wer ist diese Wil, die nur eine Rolle von Irene ist? Wie können diese beiden Menschen, die sich kaum kennen und sehr unterschiedlich sind, überhaupt glücklich zusammenkommen? Gerade weil sie sich besser verstehen, wenn sie schweigen. Finden Jan und Wil, d.h. Irene, ihren Frieden miteinander?

Ein Küstenroman, der mittels der Landschaft die Weite und die Stürme dieser ungewöhnlichen Beziehung auslotet. Das Kammerspiel auf dem Hof steht, im Gegenspiel zum weiten Horizont hinter dem Deich, für die Enge und Einsamkeit.

Mathijs Deen ist ein Stilist, der mit wenigen Worten eine Stimmung aufbaut und seinen schrillen Figuren Raum gibt. Eine Geschichte voller Sehnsucht, Missverständnis, Einsamkeit und Träume. „Unter den Menschen“ erschien erstmals 1997 und wurde 2016 in einer überarbeiteten Fassung, die hier in der deutschen Übersetzung von Andreas Ecke vorliegt, wiederentdeckt. Zeitgleich wurden bereits die Filmrechte verkauft.

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Dag Solstad: „T. Singer“

Dag Solstad T. SInger Dörlemann

Das Leben findet gegenwärtig stets öffentlich statt. Gehend essen, telefonieren, Internet-Recherche, lachen, weinen und streiten sind auf den Gehwegen Alltag geworden. Die Figur T. Singer dagegen vergeht immer wieder vor Scham und seine adoptierte Tochter wird später, gleich ihrem Erzieher, nicht auffallen wollen und beide scheinen sich jeweils zu verlieren.

Am Anfang steht die Scham. Das Schamgefühl, das den Protagonisten Singer überfallartig überkommen kann. Er erstarrt regelrecht, wenn er sich an Vergangenes erinnert und versteckt sich fast schon kindlich hinter seinen Händen und will das Geschehene rückgängig machen. Da dies niemals gelingt, bleibt es bei einem inneren, verzweifelten  Monolog: „Nein, nein“. Dabei ist es meist nicht die Handlung an sich, sondern das dabei beobachtet geworden zu sein, das ihn peinigt. Singer, dessen Vorname stets nur abgekürzt wird, zieht sich immer mehr zurück. Bleibt auch im Freundeskreis fast unerkannt. Das Anonyme bleibt sein Lebensmotto. Er ist ein Grübler, der bereits in frühen Jahren den Schriftsteller in sich erkennt. Doch kommt er über seinen ersten Satz niemals hinaus. Seine Sprache ergreift nicht seine Gedanken und somit gibt er auf, wird aber immer ein Buchmensch bleiben. Mit Mitte dreißig beschließt der vorher ewige Student, ein neues Leben anzufangen. Er hat eine Anstellung als Bibliothekar in der Stadt Notodden bekommen und macht sich auf die Reise dorthin. Auf der Zugfahrt durch die Provinz Telemark trifft er auf den Direktor Norsk Hydro, der ebenfalls nach Notodden reist, um den dortigen Firmensitz abzuwickeln. Diese Bekanntschaft wird nur von kurzer Dauer sein und sie werden sich nur noch zufällig begegnen, doch ist der Anreisetag und Abend sehr sonderbar und bleibt in Singers Erinnerung ein lebendiges Erlebnis.

Schnell arbeitet und lebt sich Singer in der Stadt ein. Auch hier lebt er ein zurückgezogenes Leben. Nach der Arbeit geht er oft ins Kino und bleibt eher für sich und unerkannt. Kann sich so en Mensch überhaupt verlieben? Ja, er kann und ehelicht die alleinerziehende Mutter Merete. Merete ist Töpferin und hat eine kleine Tochter. Doch bringt auch die Liebe keine tatsächliche Erfüllung, denn Singer wird immer er selbst bleiben und das Zusammenleben wird durch seine Grübeleien erschwert. Kurz bevor die Ehe zerbricht, passiert ein tragisches Unglück. Singers weiteres Leben gestaltet sich weiterhin sorgenvoll, gerade weil er sich um das kleine Kind kümmert, das sich seine Wesenszüge aneignet.

T. Singer bleibt rätselhaft und stets schamerfüllt. Mit ihm hat Dag Solstad einen Helden ins Leben gerufen, der uns einen Blick in unser öffentliches Leben werfen lässt. Wie weit versteht man sich selbst und wird durch andere Augen wahrgenommen? Wir, die Leser, nehmen T. Singer mit unseren eigenen Augen auf und werden zwischen ernsten existentiellen Fragen und ironischen Analysen hin- und hergeworfen. Die Balance zwischen Witz, Ernsthaftigkeit und literarischem Können ist in diesem Werk aufs Feinste ausgewogen.

Dag Solstad, der erneut von Ina Kronenberger übersetzt wurde, gehört zur ersten Garde der norwegischen Autoren. Haruki Murakami gehört zu seinen begeisterten Lesern und Peter Handke hat einem seiner Werke sogar ein Essay gewidmet. In Norwegen haben seine Romane Kultstatus.

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Katrine Engberg: „Blutmond“

Katrine Engberg Blutmond Diogenes

„Blutmond“ ist nach „Krokodilwächter“ der zweite Fall der Kopenhagener-Thriller-Serie. Katrine Engberg hat eine der für mich besten dänischen Krimi-Serien geschrieben. Weitere Fälle gibt es bereits und werden hoffentlich zügig auch auf Deutsch erscheinen. Blutmond ist ein Vollmond während einer totalen Kernschattenfinsternis und deutet laut den Legenden auf eine Wandelung hin und gilt als ein Omen. Der Blutmond erscheint gerade in der Woche, in der Kopenhagen eine Fashion Week feiert.

Die Handlung beginnt in einer kalten Januarnacht. Im Geologischen Museum findet ein rauschendes Fest statt, wo viele Stars und Berühmtheiten aus der Modewelt aufeinandertreffen. Der schillernde Modedesigner Alpha Bartholdy taumelt leicht verwahrlost zu einer Prostituierten und ihrer Kundschaft. Er bricht unter Qualen im Schnee zusammen und stirbt. Die spätere Obduktion ergibt, dass er mit gewöhnlichen Haushaltsmitteln, d.h. mit Rohrreiniger, ermordet wurde. Diese stark basische Flüssigkeit mit passenden Getränken gemixt ergibt einen tödlichen Cocktail.

Jeppe Kørner und Anette Werner sollen mit ihrem Team ermitteln. Sie gehen die Gästeliste durch und stoßen auf eitle, schräge und schillernde Charaktere. Aber auch sehr einsame, verletzte Seelen wandeln durch die turbulente Szene. Jeppes guter Freud, der Schauspieler Johannes, ist auch ein beständiger Gast der rauschenden Partys dieses Kopenhagener Großereignisses. Johannes verstrickt sich immer mehr und gerät unter die Verdächtigen. Als es zu einem weiteren Opfer kommt, wird deutlich, dass es sich wohl um eine Mordserie innerhalb der Sternchen und Stars der prominenten Gäste handelt. Jeppe und Anette geraten unter Druck und Anette hat nebenbei zunehmend körperliche Beeinträchtigungen. Jeppe hadert mit seinem bisherigen Liebesleben und kommt Sara, einer Team-Kollegin, während der Ermittlungen immer näher. Auch steht seine Freundschaft zu Johannes unter keinem guten Stern und droht, ihn aus der Bahn zu werfen. Jeppe ist dadurch bei den weiteren Ermittlungen leicht voreingenommen.

Alte Bekannte aus „Krokodilwächter“ tauchen auf, die auf weitere mögliche Täterkreise aufmerksam machen. Im Radio gibt es eine Unterhaltungssendung, die Menschen, die vor Problemen stehen, bei der Entscheidungsfindung behilflich sein möchte. Im Gremium der Moderatoren sitzen neben der üblichen Redaktion wechselnde Gäste. Auch die jetzigen Opfer während der Fashion Week waren einst beratende Gäste in einigen Folgen dieser Sendung. Handelt es sich um einen Racheakt oder treibt ein Psychopath sein Unwesen in der Glamourwelt? Ist der Täter einer der Geschädigten des Arzneimittelbetrugs, in den auch unter anderem Alpha Bartholdy verwickelt war?

Im Trubel der ganzen Festlichkeiten blickt das ermittelnde Team hinter die Kulissen der Haute Couture und gerät immer mehr in eine Verstrickung aus Betrug und Eifersucht. Immer wieder tauchen neue Verdächtige auf und der Fall scheint immer wieder ganz andere Wendungen zu nehmen.

Ein packender Krimi, der neben den Figuren auch Kopenhagen literarisch lebendig werden lässt. Ein Roman, der toll konstruiert und geschrieben ist. Die Vorfreude auf die folgenden Bücher mit Jeppe und Anette ist nach „Blutmond“ sehr hoch…

KATRINE, Sonja und ichWir hatten das Glück und haben Katrine Engberg 2018 in Kopenhagen getroffen. Danke an den Diogenes Verlag für die Vermittlung!

Siehe auch Leseschatz-TV: Katrine Engberg: „Krokodilwächter“ (YouTube)

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Jakuta Alikavazovic: „Das Fortschreiten der Nacht“

Jakuta Alikavazovic Das Fortschreiten der Nacht Nautilus

Was bedeuten Liebe, Zuflucht und Schutz? Was macht die zunehmende Angst mit dem Miteinander und der Gesellschaft? Wie wirkt sich Krieg auf Kunst aus und kann Kunst Kriege verhindern? Wie entwickeln sich unsere Städte, die Wohnstätten und Heimatorte durch die aufkommenden Ängste? „Das Fortschreiten der Nacht“ beginnt mit Nächten in Paris. Diese Nächte erzählen neben der anfänglichen Leidenschaft auch die Geschichte der versehrten Städte und Menschen. Der Wunsch nach Schutz und die Sehnsucht nach Frieden und Freiheit keimen in jeder Dunkelheit.

Gleich den Nächten, d.h. den wechselnden Tageszeiten, wiederholt sich anscheinend auch immer wieder die Geschichte. Im Zentrum steht eine ungleiche Liebe, die ihren Anfang in Paris nimmt. Der Kern des Romans ist dann der Jugoslawienkrieg, der seine Wirkungswellen für die Protagonisten bis in die Gegenwart schlägt.

Paul ist der Sohn eines Maurers aus einem Pariser Vorort. Er studiert Architektur und verdient sich seinen Unterhalt als Rezeptionist in den Nachschichten eines Hotels. Dort lernt er Amélia kennen, die ebenfalls Architektur studiert und in dem Hotel wohnt. Denn das Hotel, das zu einer Kette gehört, ist im Besitz ihrer Familie. Beide versuchen, ihrer Vergangenheit zu entkommen. Paul versucht, seiner Herkunft zu entfliehen. Amélia ist die Tochter eines reichen Vaters, der sich aber nie um sie kümmerte. Ihre Mutter, Nadja, ist irgendwie verschwunden. Nadja wollte dem Krieg mit Kunst und Poesie entgegentreten, diesen sogar aufhalten und zog mitten hinein in den Jugoslawienkonflikt.

Paul und Amélia treten vorerst als kleine Konkurrenten auf. Beide buhlen um die Gunst ihrer Professorin Albers, die an der Uni Kultstatus zu haben scheint. Ihre Vorlesungen sind anfänglich gut besucht. Doch durch Albers Themen und philosophische Fragestellungen, die sich auf die Entwicklung des Städtebaus in Bezug auf Krieg und gesellschaftliche Ängste beziehen, bleiben immer mehr Studenten aus. Paul und Amélia sind gefesselt und saugen die Betrachtungen auf. Da Paul die Nächte in Amélias Hotel verbringt, kommen sich die beiden immer näher. Aus dem ersten gemeinsamen Essen an der Rezeption wird mehr. Aber vieles von Amélia bleibt für Paul ein Geheimnis. Ihn verstört ihr Kommen und Gehen, aber dann reizen ihn sehr ihr scharfer Verstand und ihre sinnliche Körpernähe. Die Nächte gehören Ihnen. Doch auch die Geschichte ihrer Eltern wiederholt sich in ihrer Beziehung. Die Liebe scheint Amélia nicht zu reichen und plötzlich ist sie, wie ihre Mutter, verschwunden. Allein hadert Paul und ist unglücklich. Paul hat seine Angst umgeformt und Kapital daraus gemacht. Er wird reich durch Schutz- und Überwachungstechnologien. Jahre später, als sie sich wiedersehen, ist alles verändert. Paul erfährt, dass Amélia auf den Spuren ihrer Mutter war. Ist eine glückliche Beziehung überhaupt noch denkbar? Sie haben eine gemeinsame Tochter, für die Paul der Vater sein möchte, den er sich immer gewünscht hatte. Hat Amélia das Trauma des verlassenen Kindes überwunden und kann selbst eine gute Mutter sein? Was bedeutet Schutz? Wie kann man in der Welt Schutz versprechen und geben?

Das Buch ist anspruchsvoll und mit sehr viel Feingefühl geschrieben. Ein Werk, das sich dem Leser erst etwas später gänzlich erschließt, aber schon gleich zu Beginn durch die Sprache und die Fragestellungen begeistert. Eine Liebesgeschichte in einer Zeit, in der Terror, Angst und der Wunsch nach Geborgenheit die Kunst und das Miteinander bewusst sowie unbewusst mitgestalten. Der Roman beginnt in den Nächten eines Hotels in Paris, spannt dann den Bogen und versucht, die Welt literarisch begreiflicher zu machen.

Jakuta Alikavazovic wurde in Paris geboren, ihre Eltern kamen in 1970er Jahren aus Bosnien und Montenegro nach Frankreich. Übersetzt wurde der Roman aus dem Französischen von Sabine Mehnert.

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Jocelyne Saucier: „Niemals ohne sie“

Jocelyne Saucier Niemals ohne Sie Insel

Jocelyne Saucier ist durch ihren Roman „Ein Leben mehr“, der auch bereits verfilmt wird, bekannt geworden. Jetzt wurde erstmalig ein weiteres Werk, ein älteres von ihr, ins Deutsche übersetzt. Ein Roman, der um die Situation kreist, was passieren kann, wenn die Stützen unter Tage, d.h. im Bergbau, und innerhalb einer Familie wegbrechen. Beide Romane, die es bisher in der Übersetzung zu lesen gibt, eint die  Menschlichkeit, die Metaphern der unbändigen Natur und der Drang der Protagonisten nach Freiheit. Es sind beseelte Romane über den Wunsch eines natürlichen und selbstbestimmten Lebens.

Erzählt wird die Geschichte einer großen Familie, der Cardinals, in einem kleinen, abgelegenen kanadischen Dorf. Es ist eine wilde und ungewöhnliche Großfamilie mit einundzwanzig Kindern. Es sind die Kinder, die uns ihre Geschichte erzählen. In wechselnden Perspektiven wird die Geschichte dieser Bergbau-Familie erzählt, die anfänglich nahe einer Mine lebt. Der Vater hat Zink entdeckt. Doch ereignete sich damals eine Katastrophe, die nun aus verschiedenen Blickwinkeln Stück für Stück Gestalt annimmt. Jeder Erzählstrang mündet in der Gegenwart der Erzählung auf einem Erzsucherkongress, auf dem die ganze Familie erstmalig wieder zusammenkommt. Aber sind es alle, die dort eintreffen?

Die Kinder erleben eine Jugend, die eng mit dem Alltag des Vaters in Verbindung steht. Die Geburtstage werden in einer Kiesgrube gefeiert und das Geburtstagskind darf eine Stange Dynamit anzünden. So ist es nicht verwunderlich, wenn einer der Jungen auch mal Dynamit mit zur Schule nimmt, um bei Liebeskummer eine Reaktion bei einer Schulkameradin herauszufordern. Die Mutter, die am Tage überfordert ist und nur am Abend ihr kurzweiliges Refugium findet, bekommt viel mehr von den Machenschaften der Kinder mit, als diese wahrhaben wollen. Der Vater ist ganz auf seine Suche nach Erz fixiert und als er Zink findet, wittert der ganze Familienclan Gewinne. Doch lässt der Vater sich mit Anteilen an einer Firma bezahlen und als der Zinkpreis immer weiter sinkt, wird die Miene stillgelegt und die Firmenanteile sind nichts mehr wert. Doch geben sich die Cardinals niemals geschlagen. Auch wenn das Dorf immer mehr zu einer Geisterstadt verkommt, sucht der Vater weiter sein Glück im Gestein und wird auch fündig. Im Stollen spürt er einen Goldquarzgang auf. Doch droht ihm abermals, das Glück aus den Händen zu zerrinnen. Es sind die Kinder, die einen Plan haben und es kommt zu jener Katastrophe.

Die Kinder sind das Herzstück dieses berührenden Romans. Kinder, die dem ärmlichen Alltag u.a. mit ihren phantastischen Namen zu entkommen versuchen. Die älteren Kinder übernehmen die Elternrollen und die Knirpse wachsen antiautoritär, wild und ohne Angst vor nichts und niemandem auf. Durch die damalige Katastrophe wird die Familie auf eine harte Probe gestellt und droht zu zerreißen. Die kleinsten Kinder haben damals, als das Schicksal zugeschlagen hatte, noch nicht gelebt und sind nun voller Wissbegier auf die damalige Zeit. Auf einem Kongress für Erzsucher kommt es zu einem überfälligen Familientreffen. Die meisten Kinder sind in der Welt zerstreut. Sie wollten den damaligen Schatten entkommen und eine Tochter lebt jetzt als Inuit. Nun sind sie alle angereist, um bei dem Kongress dabei zu sein. Dies ist das Ende des Schweigens und erstmalig werden die Erben der Mine wieder durchgezählt…

Ein Roman, der das Innerste der Erde und den Kern einer außergewöhnlichen Familie ausgräbt. Das Tiefe, Schwere liegt ganz nah bei der schlichten Schönheit und Leichtigkeit. Sobald man mit den Figuren in die Tiefe hinabgestiegen ist, betrachtet man staunend die immer deutlicher werdenden Umrisse der Umgebung und Handlung. Saucier hat einen bewegenden und tragisch-schönen Roman geschrieben, der besonders durch die witzigen, kraftvollen und erlebbaren Figuren glänzt.

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