Archiv der Kategorie: Erlesenes

Demian Lienhard: „Mr. Goebbels Jazz Band“

Der Roman überzeugt durch den Ton, den er nicht nur im übertragenen Sinne anschlägt. Es geht um eine Jazz Band. Jazz, der mit lockeren und mitreißenden Melodien zum mitswingen einlädt. Bläser, die Melodiebögen beginnen, oft den Letzen Ton lediglich andeuten und Schlagzeuger, die federnd das Tempo anheben. Die Geschichte der Band beginnt in der deutschen Hauptstadt. Berlin im Jahr 1940. Die ersten Klänge im Roman erschallen im Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Eine Musik, die gerade in dieser Schaltzentrale als „entartet“ tituliert wurde, wird in den innersten Räumlichkeiten erprobt. Die Nazis hassten eigentlich den Jazz und nun wollten sie den totalen Jazz!

Es wurde sich eine der bizarrsten Propaganda-Aktionen ausgedacht. Man erträumte sich eine Schattenarmee, die im Untergrund, wie im U-Bootkrieg, den Feind unerwartet treffen sollte. In England lauschten viele Haushalte den Jazz- und Swingstücken im Radio. Die Nazis kamen auf die Idee, die Moral der Alliierten zu untergraben und wollten Propaganda streuen. Da die Briten und US-Bürger mit Marschmusik wohl nicht zu begeistern gewesen wären, wurde hierfür der Jazz vom Reichspropagandaminister Joseph Goebbels abgesegnet. Die besten europäischen Musiker, darunter auch Juden und Homosexuelle, wurden gesucht. Die Musiker spielten wortwörtlich um ihr Überleben den Swing, für den andere im Vernichtungslager ermordet wurden.

Die Übertragung verlief über den deutschen Kurzwellensender ins Ausland. Musik mit englischsprachigen Meldungen über Kriegsentwicklungen, die die Übermacht der Nazis zeigen sollte. Der Starmoderator war William Joyce aka Lord Haw-Haw. Ein amerikanischer faschistischer Politiker, der aus den USA nach England auswanderte und letztendlich nach Berlin geflohen war. Aber was nutzt reine Propaganda über den Äther? Es sollte auch darüber geschrieben werden. Der Schweizer Schriftsteller Fritz Mahler wird auserkoren einen Propagandaroman zu schreiben, der den Aufstieg der Jazzband, die internationale Erfolge feiert, dokumentiert. Die gesamte Handlung steigert sich zum Crescendo und endet mit einem ausdrucksvollen Whiplash.

Dieser Roman erzählt eine fast bis ins Detail wahre Geschichte. Lediglich einige Figuren und Handlungsstränge sind erfunden. Der historische Zynismus wird hier fast in jeder Zeile literarisch spürbar. Das Bizarre überlagert das Menschenverachtende und das Absurde innerhalb der Grausamkeit wird verdeutlicht. Mit Tempo und ganz viel Fabulierlust hat Demian Lienhard einen sehr lesenswerten Roman geschrieben, der eine ungeheuerliche Geschichte erzählt. Mit viel Wortwitz und einem durchgehaltenen ironischen Ton entlarvt der Roman die perfide Propaganda der Nazis.

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Milena Michiko Flašar: „Oben Erde, unten Himmel“

Milena Michiko Flašar schreibt eigentlich ihre Geschichte, die sie uns erzählen möchte, immer weiter. In ihren Werken geht es stets um Vereinsamung. Ihr Debut „Ich nannte ihn Krawatte“  trifft ein Hikikomori auf einen Arbeitslosen. In „Herr Kato spielt Familie“ ist es ein Rentner, der diverse Familienmitglieder auf unterschiedlichen Veranstaltungen mimt. Es sind immer Charaktere, die außerhalb der Gesellschaft leben und versuchen, wieder etwas Gemeinschaftliches zu finden. Auch in ihrem dritten Roman sind es Helden, die alleine sind und durch ihre spezielle Aufgabe zum Allgemeinwohl beitragen möchten.

Die Städte werden immer größer. Die Menschen wohnen immer dichter gedrängt und doch entfremden wir uns immer mehr. Die angelegten Parks oder gemeinschaftlichen Grünflächen sind Orte der Begegnungen. Doch verkümmern diese immer mehr. Wir sind alle durch die neuen Medien und Kommunikationsmittel verbunden und doch leben wir getrennt und meist vereinsamen wir. Dies spiegelt sich auch in den gehäuften Fundleichen, die immer mehr auftreten. Verstorbene, die in ihrer Wohnung eingeschlafen sind und von keinem vermisst werden. Erst wenn zum Beispiel die Postzusteller oder spontane Besucher aufmerksam werden oder sich Gerüche bilden, werden diese verstorbenen gefunden. Dies kann Tage oder Monate dauern.

Suzu lebt mit ihrem Hamster in einer kleinen Wohnung in einer japanischen Großstadt. Sie ist alleinstehend und jobbt als Kellnerin. Sie ist introvertiert und hat Probleme, auf Menschen zuzugehen. In einem Datingportal lernt sie einen Mann kennen, der sie aber letztendlich ghostet. Nach häufigeren Treffen bricht er ohne Ankündigung jeglichen Kontakt und jede weitere Kommunikation mit ihr ab. Auch ihr Arbeitgeber findet sie als Kellnerin zu wenig liebreizend und kündigt ihr. Diese Verletzungen lassen sie immer mehr in ihrer Einsamkeit versinken. Auch ihr Hamster, der einen anderen Tagesrhythmus hat, bietet keine große emotionale Zuwendung.

Da sie einen neuen Job benötigt, bewirbt sie sich auf drei unterschiedliche Stellen und bekommt eine Einladung zu einem Gespräch. Da sie nicht nachfragen möchte, welche der Firmen sie kontaktiert hat und zum Vorstellungsgespräch gebeten hat, wird sie am Ende doppelt überrascht. Denn die eine ausgeschriebene Stelle war als Putz- und Aufräumdienst deklariert. Diese Firma ist es, die sie nun einstellt. Doch ist es kein gewöhnlicher Reinigungsdienst. Sondern die Firma ist spezialisiert auf Kodokushi-Fälle. Dies sind alleinstehende Menschen, die unbemerkt verstorben sind. Die Verstorbenen sind weg, wenn die Firma tätig wird. Sie reinigen und leeren die Wohnung. Doch ist es meist dennoch kein schöner Anblick und fordert einen robusten Magen.

Suzu nimmt die neue Aufgabe an und lernt durch die Tätigkeit und die neuen Kollegen eine neue Welt kennen. Sie benötigen viel Geduld, Hingabe und Ehrfurcht, um den Funden gewachsen zu sein. Suzu lernt schnell, wächst an ihrer Aufgabe und findet sich im Team zurecht. Auch wird sie hellhörig gegenüber ihrem persönlichen Umfeld und die Grenzen aus Desinteresse und falscher Diskretion heben sich auf. Sie lernt das Leben hinzunehmen und zu akzeptieren. Sie erlebt die Vielfältigkeit des Seins anhand der Lebenden und der Toten.

Dieser Roman ist ein typischer Flašar, der leichtfüßig große Themen anspricht. Themen, die sie immer wieder anregen, einen Roman zu schreiben. Denn es sind Werke, die uns aufhorchen lassen. Die Lebendigkeit und Liebenswürdigkeit erhalten die Romane durch die verschachtelten und nicht einfachen Charaktere. Ein Buch, das die Welt auf den Kopf stellt und diverse Grenzen porös werden lässt und die Einsamkeit in unseren Köpfen und Herzen auszuhebeln versucht.

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Satoshi Yagisawa: „Die Tage in der Buchhandlung Morisaki“

Ein schöner Roman, der uns Mut macht sich auf das Leben und die Liebe einzulassen, auch wenn es mal weh tut. Ferner geht es um die Hingabe zur Literatur und den Trost, den Bücher uns schenken können. Somit ist dieser japanische Roman ein Aufruf, sich der Welt der Bücher hinzugeben. Die Liebe zu den Büchern gilt auch nicht jedem einzelnen Werk, sondern es ist eine ewige Suche und Sucht, die sich immer wieder bestätigt und man muss ebenfalls, wie bei der Suche nach dem Lebenspartner, einen Weg beschreiten.  Bücher sind zufällige Wegbereiter, die uns Türen öffnen können, von denen man vorher nicht ahnte, dass sie existierten.

Von der heilsamen Wirkung des Lesens erzähl Satoshi Yagisawa auf sehr charmante Weise. Es ist der Debütroman des Autors und war in Japan ein großer Erfolg. Nun liegt die deutsche Übersetzung von Ute Enders vor.

Takako ist 25 Jahre jung, hat eine Wohnung und einen Job in Tokio. Bei der Arbeit hat sie ihren Freund kennengelernt, mit dem sie, so meint sie, fest zusammen ist. Bei einem gemeinsamen Essen in einem Restaurant, eröffnet er ihr freudig, dass er bald heiraten wird. Da sie nicht die zukünftige Braut ist und, wie sie nun erfährt, nur eine Affäre war, bricht für sie eine Welt zusammen. Da beide im selben Betrieb arbeiten, kündigt sie und verkriecht sich in ihre Wohnung. Eines Tags meldet sich ihr Onkel bei ihr und lädt sie ein, bei ihm in seinem Antiquariat zu wohnen. Über dem Buchladen habe er eine freie Stube, die sie nutzen könne, wenn sie ihm in den Morgenstunden im Geschäft aushelfe.

Die Buchhandlung Morisaki befindet sich im berühmten Bücherviertel Jinbocho in Tokio. In diesem Stadtteil reiht sich Buchhandlung an Buchhandlung und jede hat sich spezialisiert. Buchfreunde, Sammler und Lesebegeisterte tummeln sich in Jinbocho. Takako findet sich vorerst nicht zurecht, auch das zugewiesene Zimmer muss sie sich mit vielen Büchern teilen. Da sie bisher keine große Leserin ist, findet sie vorerst die Arbeit und das Lebensumfeld nicht ganz so reizvoll und zieht sich weiterhin zurück. Doch durch die Kunden, die neuen Freunde, die sie dort findet, und besonders durch die Zuwendung ihres Onkel taut sie immer mehr auf und greift auch dann eines Abends zu einem Buch und die Welt der Romane wird für sie zu einer Rettung. Ihre verlorene Liebe ist im Vergleich zu der traurigen Liebesgeschichte ihres Onkels lediglich ein kleiner Emotionssturm. Denn Momoko, Takakos Tante, ist eines Tages einfach weggegangen. Doch hofft der Onkel weiterhin auf die Rückkehr seiner Frau. Das Warten auf die Liebe wiederholt sich durch das zufällige Treffen mit einem jungen Mann in einem schönen Café im Bücherviertel. Doch welche Geschichte sich daraus ergibt und ob Momoko zurückkehrt und welche Geschichten sie getrieben hat, muss selbst erlesen werden.

Alle eint die Verbindung und die Liebe zum Buch. Bücher, die man findet, auf die man warten muß oder die einem zufällig begegnen, haben die Chance, lebensverändernd zu sein. Wie in der Liebe und im Leben muss man auch in der Welt der Bücher den Mut haben, sich auf diese einzulassen. Auch wenn man mal enttäuscht wird. Doch je mehr gelesen wird, obsiegt die positive Überraschung. Eine solche Überraschung ist „Die Tage in der Buchhandlung Morisaki“.

Ein leicht, zugängliches Werk, das warmherzig geschrieben ist und für wunderschöne Lesestunden sorgt.

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Walter Hönigsberger: „Polly Polydeukes“

Dieser Roman sprudelt über vor Ideen und ist nicht nur durch die Raffinesse ein Lesegenuß, sondern Walter Hönigsberger spannt ein literarisches Netz aus purer Fabulierlust, die wir bereits bei „Clos Gethseman“ erleben konnten. Seine Romane sind packend und sprachlich toll erzählte Werke, die viele Bögen schlagen, aber diese niemals überspannen, sondern diese gekonnt ausgewogen verzurren.

In seinen Romanen vermischt sich stets Privates, Familiäres mit Weltgeschichte, Mythologie und Philosophie. „Polly Polydeukes“ erzählt eine Familiengeschichte, die in ihre Mitte die namensgebende Heldin setzt, die nicht nur durch den Namen eine Verbindung zu den Dioskuren zulässt. In der Mythologie handelt es sich hierbei um die Halb- und Zwillingsbrüder Kastor und Polydeukes. Polydeukes war der Sohn von Leda und Zeus, der sie in Gestalt eines Schwans verführt hatte. Bei Kastors Abstammung gibt es Ungereimtheiten. Er gilt als der Sohn von Leda und ihrem Gemahl Tyndareos. Er wurde in derselben Nacht wie Polydeukes gezeugt. Somit sind Kastor und Polydeukes, der Faustkämpfer, ungewöhnliche und gänzlich unterschiedliche Zwillingsgeschwister.

Dieser Mythos ist die die Vorlage zu dem vorliegenden Roman. Dabei spielt die Handlung in unserer Welt und spannt einen Bogen über mehrere Jahrzehnte. Sie ist gefüllt mit Wissen über Kultur und Geschichte. Immer wieder ist die Verwicklung des Zufalls bei den Biographien beteiligt und fußt in der Kolonialzeit in Südamerika und verzweigt sich in der neueren deutschen Geschichte.

Die Ereignisse drehen sich um die Familie Brandler. Der Vater, Dietrich, ist Wissenschaftler und taucht am Anfang des Romans als wissenschaftlicher Berater bei den Dreharbeiten des Films „Mission“ mit Robert de Niro auf. Die Mutter, Lena, hat ihre Goetheforschung für ihre Zwillinge aufgegeben. Dietrich und Lena wurden ein Paar und erlebten im Jahr 1967 den „summer of love“. In den Dünen der Côte d’Argent im Südwesten Frankreichs machen sie Urlaub. Unter einer sternenvollen Nacht lieben sie sich und danach geht Dietrich im Atlantik schwimmen und kämpft mit den Strömungen. Während seines Gefechts mit den Wellen ist Lena noch berauscht von Drogen und Sex und gibt sich erneut einem athletischen, schwanenartigen Mann hin. Lena und Dietrich verschweigen lange, was ihnen jeweils in der Nacht widerfuhr. Lena ist schwanger und bekommt Zwillinge. Bereits die Geburt trennt die unterschiedlichen Kinder. Eines wird kurz vor Mitternacht und das andere kurz nach Mitternacht geboren und somit haben beide einen anderen Geburtstag. In Bezug auf die Gestirne und dem berühmtesten Zwillingspaar der antiken Mythologie heißen die Zwillinge Caspar und Polly. Polly ist ein Mädchen, das bestimmend und kämpferisch ist. Sie lebt vor und ihr Bruder, Caspar, folgt. Auch in der Schule bleiben die Zwillinge untrennbar und doch gänzlich anders. Es rumort in Caspar eine Hassliebe. Polly verschwindet später für eine längere Zeit und taucht schwanger wieder bei ihrer Familie auf.

Dietrich macht bei den Dreharbeiten Bekanntschaft mit einem Stuntman und Double in Südamerika. Er ist der Sohn eines Mannes, der als Nazi dorthin geflohen war und eine enge Bindung mit der Familiengeschichte der Brandlers hat. Somit erwächst eine Geschichte um die Wirren der Nachkriegszeit und birgt bereits ihre Geheimnisse in jenen Zeiten, als der Jesuitenorden den Stamm der Guarani in Paraguay missionierte.

Ein Quell an Geschichten und Geschichte sprudelt somit fröhlich aus dem Text. Es geht um die Geschwisterliebe, die Suche nach dem geheimnisvollen und leiblichen Vaters und die historischen Katastrophen. Dabei spielen die Nazizeit und der 150 Jahre andauernde Jesuitenstaat eine Rolle. Alles ist in diesem Roman auf wundersame Weise verknüpft. Dabei buhlt das Drama stets mit dem Witz und birgt dabei großartige, kluge und kunstvolle Unterhaltung. Ein wundersames, wunderbares und kluges Buch. Jede kleinste Szene hat einen großen Raum an Entdeckungen zu bieten. Wahrlich ein großer Roman.

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Markus Orths: „Mary & Claire“

Ein Werk voller Hingabe zur Literatur, dem Leben und dem unbändigen Wunsch nach Freiheit. Mit „Alpha & Omega“ zeigte der Autor seinen Spaß am tiefgründigen Humor und dem Spiel mit dem Raum zwischen den Wirklichkeiten. Zwischen einer gelungenen literarischen Umsetzung des Requiems, das er mit anderen Autoren verfasste, erweckte er Max Ernst, Stan Laurel und Thomas von Aquin in seinen Werken zum Leben. Stets spielt er mit Fakten und den historischen Lücken, die diese jeweiligen Biographien haben. Auch lässt er seine Charaktere zuweilen in einer verfremdeten oder bizarren Umgebung auftauchen.

Sein neues Werk beleuchtet die Beziehung von Mary Shelley und ihrer Stiefschwester Claire Clairmont. Aber der Blick verweilt nicht nur bei diesen Frauen allein, sondern belebt das Umfeld und Wegbegleiter ihres Lebens und Schaffens. Dargestellt oft im Bild der Dreierbeziehungen. Die Halbschwester, von der jungen Mary Geist genannt, taucht auf und später natürlich Percy Shelley und Lord Byron.

Früh kommt Mary mit der Kraft und Wirkung der Literatur in Berührung. Ihr Vater ist Schriftsteller und ihre Stiefmutter betreibt eine Buchhandlung. Im Roman erfährt sie als Kind durch das Epos „The Rime of the Ancient Mariner“ von Samuel Taylor Coleridge, dass Sprache und Geschichten Menschen zum Zuhören zwingen können und sie ihrer tatsächlichen Umgebung berauben. Seitdem gibt sie sich kontinuierlich ihrer Phantasie hin und erfindet fantastische Geschichten. Ihr Weltruhm basiert auf ihrem Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“. Das unheimliche und stimmungsvolle Grauen schleicht sich auch in diesen Roman subtil ein. Die Einstiegsszene spielt zum Beispiel auf einem fröhlichen Friedhof. Immer wieder taucht das Vergängliche in Marys Leben auf. Eine Melancholie umschwebt Mary, denn der Tod ihrer Mutter im Kindsbett beschäftigt sie sehr. Aber dem Düsteren stehen stets der Lebenshunger und der Freiheitsdrang gegenüber. Besonders durch die überspannte und liebenswerte Claire, die sich ihren Namen selbst gegeben hat. Beide Schwestern sind durch den wohl berühmtesten Schreibwettbewerb bekannt. Oft schon besprochen oder sogar verfilmt wurde die Schreibgemeinschaft am Genfer See, aus der Frankenstein hervorging. Die Entstehungsgeschichte dieser Weltliteratur ist schon besonders und regt die Phantasie an. Doch geht es im Roman mehr um die Menschen, um Lebenswege, Beziehungen und um das Familiäre, das Mary durch die Stiefmutter die kalte Schulter zeigte. Später kommt die Liebe hinzu, die Leidenschaft und Liebe zu Percy. Doch auch Claire empfindet etwas für Percy und die Frauen entfliehen mit ihm dem Bürgerlichen auf der Suche nach ihrer Freiheit, Geschichte und Literatur.

Ein sprudelnder Roman voller Ideenreichtum, Tiefgang und Humor. Markus Orths schreibt über die Menschen, die wirklich gelebt haben. Dabei ist das Bekannte lediglich ein Gerüst, um das Markus Orths das Unbekannte, das Verborgene und das Phantastische aufzieht. Im Mittelpunkt stehen dabei immer die Stiefschwestern, die sich im Leben und in der Literatur befeuerten. Eine romantische, enthusiastische Geschichte, die wie eine humorvolle Vanitas aufgebaut ist und die Liebe und die Literatur um besondere Persönlichkeiten der Literaturgeschichte beleuchtet. Die Charaktere und die damalige Zeit werden im Text sehr lebendig, denn Markus Orths ist erneut ein großartiger, bildreicher Roman gelungen.

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Ulrike Schrimpf: „Lauter Ghosts“

Dieses Buch ist so furios und anders, dass man es konventionell liest, dann erkennt, daß es ein typischer Posting- und Kommentar- bzw. Chatverlauf ist und man blättert – vor und zurück –, um dann letztendlich doch alles chronologisch zu lesen. Im Höhepunkt wird der Text, wenn er die Realität streift, quer und gespalten. Erneut muss man sich in den Fluss einfinden, der dann gefunden, versucht ein Fundament zu bauen, um am Ende in den sozialen Netzen erneut zu einer Geistererscheinung zu werden. Das Buch spielt in einer Welt, die wir alle kennen und dann auch diese gänzlich verändert. Ein witziger und trauriger Kurztext, der durch seine Verspieltheit etwas ganz Neues kreiert und uns den Geist der Gegenwart erleben lässt.

Das World Wide Web und seine sozialen Netze sind ein neues Heim für uns alle geworden. Mehr oder weniger. Doch verselbständigt sich das dortige Sein und verändert uns gegenüber dem realen Leben. Zwei Menschen, die sich dort treffen und umeinander kreisen und sich dann eventuell treffen wollen. Treffen sie sich im wahren Leben? Was passiert in jener möglichen Nacht und was wird aus uns, wenn wir das Internet oder das wahre Leben verlassen. Sind wir Gespenster?

Die Kommunikationsplattformen bieten die Möglichkeit sich darzustellen, sich zu (er)finden und sich mit Gleichgesinnten zu verbinden und auch anonym zu verschwinden. Die Geister in diesem Roman nehmen immer mehr Gestalt an. Es sind Undine und Albert. Sie schreiben sich, nähern sich an. Posten, löschen und kommentieren. Andere lesen mit und interagieren. Auch wir werden Teil der Community und werden zu stillen Mitlesern. Beide tänzeln sprachlich umeinander und versprechen sich dabei. Die Postings sind Übungen für das wahre Leben. Die ersten Anrufversuche, die persönlichen Nachrichten sind Aufwärmversuche für das tatsächliche Treffen. Doch was ist das wirkliche Leben und was erlebt jeder persönlich dabei? Was, wenn das Leben doch nur eine Textdatei für den anderen ist und letztendlich doch die Einsamkeit obsiegt?

Dieser Roman ist ein Liebesroman, der sich ganz anders verhält. Er bedient sich des Leseverhaltens, das sich durch die sozialen Netze gebildet hat. Man scrollt sich hiermit durch die Geschichte und verliert sich dabei und das Gelesene verankert sich im eigenen Geist. Das Buch ist eine unerschöpfliche Quelle an etwas neuem und doch schon alltäglichem, das sich uns immer mehr selbstentfremdet oder doch vereint? Es geht um Zuneigung und die menschliche Begegnung. Eine Verbindung, die wo auch immer stattfinden mag. Zwei Liebende werden umspielt von Stimmen aus der WWW-Gemeinschaft, die wie ein griechischer Chor vom eigentlichen Drama singen. Doch ist dieser moderne Gesang auch unglaublich witzig, wenn es wiederum nicht so traurig wäre.

Beim Beenden regt sich der persönliche Geist und verklingt, um dann durch das erneute Blättern im Buch genau jenen zu beflügeln. Am Ende steht man da und ruft laut aus, was für ein Buch! Ein Printmedium, das die Metaebenen durch Inhalt und Form durcheinanderwirbelt. Am besten selbst erleben und sich dem Aufbau, dem Sprachklang und der Cleverness hingeben. Geist werden! (Zwinkerndes Emoticon)

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Jenny Hval: „Gott hassen“

Das Buch strömt eine Faszination aus, die das innere Brachiale erklingen und erzittern lässt. Es ist tief verwurzelt in der Musikgeschichte und dem feministischen Aufschrei. Geschrien wird hier laut, denn diese Musikgeschichte basiert auf den tieferen und düsteren Kunstströmungen des Heavy Metal, dem Black Metal, der sich von Norwegen aus verbreitete. Diese Musik ist das Klangbild eines Aufschreis gegen das Konservative und orientiert sich am Heidnischen, Nihilistischen oder Misanthropischen. Der Musikaufbau, der durch Gitarrenriffs dominiert ist, ist zuweilen monoton, langsam und extrem schnell. Ein Wechselspiel, das bestimmte Emotionen heraufbeschwören möchte. Der Rhythmus trommelt von langsamen Passagen zu geballerten Doublebass und Blastbeats und der Gesang lebt von Gegrowle, gutturalem Gesang und von sehr hohem Schreien. Diese Musik erschließt sich einem nicht sofort und es bedarf eines genauen Hinhörens und eines sich Einstimmens in die Gefühlswelt, die meist düster und böse ist. Oft wird diese Kunst abgestempelt als primitiv oder sogar menschenverachtend, sinnlos zerstörerisch, narzisstisch und rassistisch. Doch ist es wie in jeder Kunst ein Bild, das von vielen getragen wird und lediglich provozieren möchte und sich nicht verallgemeinern lässt. Verstörend und faszinierend ist es aber ganz gewiss. Dies lässt sich auch auf den Roman von Jenny Hval anwenden.

Der Text liest sich traumwandlerisch, aber beginnt authentisch und hat zuweilen etwas Dokumentarisches. Es ist die Verwandlung einer Schülerin zu einer Frau, die auf sich schaut und auf ihren Weg. Ein Weg, der von kreativem Hass geprägt ist. In der Ortschaft, in der sie lebt und zur Schule geht, ist alles weiß. Der Schnee, die Regale und die Zäune. Auch der Glaube ist hell und bestimmend. Dies lässt sie ins Dunkle blicken. Doch aus der düsteren Betrachtung, dem egozentrischen Primitiven, wachsen eine Stärke und eine Solidarität. Die Gemeinschaft des Okkulten, des Feministischen und besonders der bleibenden Magie im Leben, die dies alles vereint. Als Schülerin verbindet sie ihren Alltagsblick mit dem Soundtrack des Black Metal und beschäftigt sich mit den Künstlern um Fenriz, Nocturno Culto und zum Beispiel Tom G. Warrior. Die meisten Musiker zieren sich mit Kunstnamen, um eine mystische, unheimliche Aura zu erzeugen. Das Bild ist hierbei oft ein Männliches. Somit webt der Roman einen Resonanzraum zwischen hell, dunkel, Frau und Mann. Der Titel ist ein Aufruf, den sie beständig wiederholt und ist dem wohl vergifteten Gottesbild unserer Gesellschaft geschuldet. Gott als strafende und richtende Macht, die oft auch dem Männlichem angepasst wird. Die spätere Frau wurde lediglich aus der Rippe des Mannes geschaffen. Somit ist dieser romanhafte Aufschrei ein fast schon logischer. Es kommt ein weiterer Aufschrei hinzu. In den Erinnerungen der Erzählerin rotiert alles: Gefühle, Gedanken und Geschichte. Sie betrachtet ihr Leben und streift dabei einen Hexenzirkel in Oslo und ein zeitreisender Edvard Munch kommt in die Stadt, um auch einer Band beizutreten. Band als Bild einer Musikgruppe oder auch als Verbindungslinie. Die Bilder beginnen fortan den Text zu dominieren. Munch wird von seiner Kunst, der „Pubertät“, verfolgt und die Naturmetaphorik des Black Metal und der wahren Umgebung verschluckt letztendlich etwas. Bei Munch denkt man oft an sein Werk „Der Schrei“. Doch auch dieses Werk spielt mit seinen Betrachtern. Denn wer oder was schreit hier wirklich? Die menschliche Figur hält sich die Ohren zu und reißt den Mund vor einem rot-gelben Himmel angstvoll auf. Somit schließt sich auch hier eines der Bilder, die dieser Roman erzeugt. Ein Spiel mit Ungewissheit und der Suche nach Menschlichkeit und Freiheit.

Ein Roman, der Körperliches neben das Geistige stellt, mit den Kontrasten spielt und die Polaritäten des Lebens erhellt. Ein Buch, das gleich der beschriebenen Musik, erschreckt, fasziniert und aus Beklemmungen befreien möchte. Kann Freiheit im Hass gefunden werden? Ein wahrlich kraftvoller Rausch, der uns in seinen Bann zu ziehen vermag. Die Vermischung ist hierbei auch in der Literatur gelungen: Autofiktionales mit bizarrer Kunst. Jenny Hval, geboren 1980 in Oslo, ist Musikerin und Autorin. Sie hat einige Platten aufgenommen, die mit Musikpreisen ausgezeichnet wurden. Auch ihre Romane werden nun gefeiert. „Gott hassen“ wurde aus dem Norwegischen von Clara Sondermann übersetzt.

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Herbert Clyde Lewis: „Gentleman über Bord“

Eine Geschichte um einen, der über Bord geht und allein im Ozean auf seine Rettung hofft. Das Bild der Schiffbrüchigen, des Ertrinkenden und der Rettung auf eine einsame Insel gab es oft. Doch die Geschichte, die hier erzählt wird, ist anders und zeigt neben der spürbaren Einsamkeit auf hoher See den turbulenten Kosmos einer ganzen Gesellschaft anhand weniger Nebenfiguren.  

Endlich gibt es diesen Meeresklassiker in der deutschen Übersetzung. Der Roman wurde aus dem Amerikanischen übersetzt von Klaus Bonn und ist mit einem lesenswerten Nachwort von Jochen Schimmang (siehe im Leseschatz: „Laborschläfer“) versehen.

Ein wohlsituierter New Yorker Börsenmakler und Geschäftsmann stürzt mit seinen 35 Jahren in eine Sinnkrise. Er verlässt seine Kanzlei und seine Familie, um dem hektischen Alltag zu entkommen. Er bucht eine Schiffsreise. Nicht auf einem Luxusliner, sondern auf einem Frachter, der für wenige Passagiere Kabinen bereitstellt. Auch die Passage ist eine ungewöhnliche und geht durch wenig befahrenes und sehr ruhiges Gewässer. Er genießt die Schiffspassage und kommt zur Ruhe. Er betrachtet gerne die Sonnenunter- und Sonnenaufgänge und weiß sich gegenüber den Mitreisenden und dem Bordpersonal stets als Gentleman zu benehmen. Er ist ein Edelmann und mimt diesen in seiner fast schon biederen Art. Hier auf dem Schiff öffnet sich ihm ein neuer Horizont. Er nimmt sich Zeit, die anderen Menschen zu beobachten und mit diesen zu interagieren.

Er steht morgens zeitig auf, um seine Lieblingsplätze an Deck zu betreten und die Naturschauspiele zu beobachten. Vor dem Frühstück ist er somit schon draußen anzufinden. Am dreizehnten Tag an Bord der S.S Arabella passiert das Unglück. Er macht einen ungünstigen Schritt, rutscht auf einer Öllache aus und landet kopfüber im Ozean. Der kalte Aufprall lässt ihn vorerst den Schrecken vergessen. Dann erst setzt die Angst vor der Schiffsschraube ein und viel später die Angst vor dem einsamen Ertrinken. Erst ist ihm das Geschehene sehr peinlich. Wie konnte ihm, einem Gentleman, das passieren? Erst viel zu spät beginnt er zaghaft zu rufen, doch zu spät, das Schiff fährt weiter.

Er hofft im ruhigen Ozean, dass die Arabelle umdrehen wird, um ihn zu retten. Er geht davon aus, dass die Mitreisenden jetzt genauso an ihn denken wie er an sie. Sein Fehlen muss doch auffallen. Doch leider ist ein kleiner Streit an Bord ausgebrochen, die Mitreisenden sind gehemmt, genauer nach ihm zu fragen oder gehen von falschen Tatsachen aus. Bis er dann Stunden später doch vermisst wird.

Der Blick des auktorialen Erzählers verweilt beim Gentleman, der über Bord gegangen ist und den Menschen an Bord der Arabella. Dabei wird der Text zu einer großartigen Drama-Komödie. Denn die Menschen, die Passagiere, spiegeln die ganze amerikanische Gesellschaft. Die Welt an Bord des Schiffes reicht vom einfachen Farmer bis zu den Vertretern des moderneren Aktienhandels. Was passiert mit Menschen, die ihren sicheren Boden verlieren und kopfüber aus ihrer Scheinwelt fallen?

Eine schöne Wiederentdeckung und ein maritimer Leseschatz, der die Widersprüche der menschlichen Existenz einfängt.

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Christopher Ecker: „Die beste Hummelgeschichte der Welt und andere Geschichten“

Christopher Ecker liebt es zu fabulieren. Seine Werke sind fantastisch, klug und stets einfallsreich. Seine Texte, ob Lyrik, Romane oder Kurzgeschichten, bringen unsere Welt in Schräglage und sind herrlich seltsam. Das neue Buch offeriert sofort eine Frage, ob es sich hierbei um Kindergeschichten handelt. Erneut hat er mit dem Illustrator Jens Rassmus zusammengearbeitet. 2014 erschien bereits ihr Bilderbuch „Käpten Eichhörnchen und die Zaubertür“. Die neue Anthologie „Die beste Hummelgeschichte der Welt und andere Geschichten“ beinhaltet aber Geschichten, die wohl den Horizont eines Kinderbuches überschreiten. Kinderaugen mögen dies überlesen können und der Erwachsene versteht den Bezug der Skurrilität zur Realität. Somit könnte man sagen, dies sind Geschichten für Erwachsene, die wie Kindergeschichten erzählt werden.

Egal ob nun kleine oder große Menschen diese Erzählungen lesen, finden wird jeder sein Leseabenteuer voller Humor, Tiefgang, Schräglage und Unheimlichem. Man kann auch, wenn es mal unheimlich wird, durch diese Geschichten zuweilen seinen Mut finden, wenn er uns denn durch die Zeilen anschimmert. Tiere kommen vor, zum Beispiel Katzen, die sich als Hunde verkleiden oder andersherum. Oder war es ein Dachs, der uns dies weismachen möchte? Die Hummeln, die sich in der titelgebenden Geschichte treffen, wollen die Hummelliteratur retten. Wie dies gelingt, liegt im selbigen Abenteuer. Eine Hand, die sich verselbständigt und dem Träger somit befremdlich behilflich sein kann. Ein kleiner Mensch, der Mathelösungen ins Ohr zu flüstern weiß und letztendlich ist es immer Christopher Ecker, der uns durch seinen Blick teilhaben lässt an der umgekippten Welt, in der wir leben. Denn es gab einst einen Zauberer, der sich stets verzauberte und sein letzter Trick ließ ihn als Ecker, den Autor dastehen, der nun durch Worte zaubert und verzaubert oder entzaubert. Denn das Fabelhafte in diesen Fabeln ist das Kindliche, das Komische, das uns das Gruseln vor der Realität lehrt. Die Umkehr eines Pickels zum Beispiel. Ein Schulmädchen, das eines Tages einen Pickel bekommt, der so sehr wächst, dass am Ende der Pickel das Mädchen trägt. Ein Pickel, der in Menschengestalt in der dortigen Regierung Karriere macht und sich meist doch nicht gut auszudrücken versteht. Durch diese Geschichte schaut man umher und fragt sich, wie viele Pickel uns im Leben begegnen und hofft auf die Hummeln, die uns dann retten. Denn was am Ende steht, ist die Gewissheit, es gibt immer noch Hoffnung, auch wenn irgendetwas ganz schief läuft, der Zauber versagt hat oder die Handwerker, die etwas richten sollten, einfach bei uns einziehen.

Ecker ist der Zauberer, der die Literatur rettet und egal ob jung oder alt, gelesen gehört. Damit meine ich alle seine Werke, denn Christopher Ecker unterhält nicht nur gut, sondern schreibt wunderbar und verinnerlicht den klugen Witz, der in Bezug auf unsere erlebte Wahrheit Bizarres und Unheimliches aufzeigt. Philosophisches tanzt in seinen Texten immer mit der guten Unterhaltung.

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Rónán Hession: „Leonard und Paul“

„Leonard und Paul“ ist ein warmherziger, kluger und unaufgeregter Roman voller Hingabe zum Leben. Es geht um die Reduktion im turbulenten und immer schneller gewordenen Alltag. Mit ganz viel Sanftmut werden hier Charaktere beschrieben, denen wir an wenigen Tagen folgen dürfen und die mit jeder Zeile eine Nähe zulassen, dass es schwer fällt, sich nicht von diesem wunderbaren Text berauschen zu lassen und in das Buch und seine Figuren zu verlieben.

Das Leben ist eine Fülle an Nichtigkeiten, die uns jeden Tag widerfahren. Aber gerade diese Dinge des Lebens machen das Alltägliche zu etwas Liebenswertem. Auch das Printmedium, das es ausschließlich im Buchhandel gibt, verdeutlicht die zwei Seelen des Inhalts. Es ist sehr aufwendig und schön gefertigt und doch ist die Gestaltung minimalistisch. Das Schöne im Detail. Ein Mondfisch, der im Text auch eine kleine Betrachtung einnimmt, ziert das Covermotiv. Dies ist ein skurriler Fisch, der gerade durch seine Besonderheit geliebt wird. Auch die Tätigkeiten von Paul und Leonard verdeutlichen den Bezug zu Althergebrachtem und dies auch jeweils in der Nebenrolle. Paul ist Aushilfspostbote und sein bester Freund, Leonard, arbeitet als ungenannter Autor, der für Hauptautoren, Texte für Nachschlagewerke verfasst. Leonard schreibt während der Arbeitszeit an einem eigenen Projekt, er möchte ein Buch über die Römerzeit für Kinder schreiben, in dem nicht die üblichen Klischees erzählt werden, sondern er möchte den kindlichen Alltag betrachten. Wie wurde die Cäsarenzeit aus Kindesaugen gesehen? Dieses Buchprojekt spiegelt den Inhalt von „Leonard und Paul“ in unserer Gegenwart.

Es ist die Geschichte zweier Freunde, die introvertiert sind und doch zuweilen für sich die kleinen Abenteuer des Lebens suchen. Sie sind unbewusst auf der Such nach dem Verständnis für das, was im Leben wahrhaftig von Bedeutung ist. Sie spielen lieber Brettspiele, als sich dem Lärm der äußeren Welt zu stellen. Nicht die Mutter, die zwar auch am Anfang des Romans stirbt, sondern der Vater ist auf tragische Weise schon bei der Geburt von Leonard gestorben. Paul lebt bei seinen Eltern, die ihren Kindern stets zur Seite stehen. Paul hat eine Schwester, Grace, die gänzlich in ihren Hochzeitsvorbereitungen steckt. Leonard arbeitet in einem Großraumbüro und isoliert sich während seiner Arbeit. Paul, der lediglich zwei bis drei Mal im Monat tatsächlich Post austragen soll, versucht, seinen Alltag mit Kampfsport und mit Besuchen von Patienten im Krankenhaus aufzufrischen. Die Gespräche mit den meist älteren Kranken sind aber niemals so erfüllt wie der sinnvolle Austausch mit seinem besten Freund. Leonard lernt bei einer Feuerübung im Büro Shelley kennen und diese Begegnung setzt Veränderungen in Gang. Das Leben der Freunde, das bisher in ruhigen und geordneten Bahnen verlief, bekommt neue Anreize. Denn auch Paul widerfährt etwas, das durch seinen Beitrag für eine Ausschreibung der Industrie und Handelskammer seinen Anfang nimmt.

Die Charaktere sind herrlich normal und doch skurril, nerdig und in sich gekehrt und verdeutlichen die Menschen, die im Alltag oft oder meist übersehen werden. Die Begeisterung in dem Buch liegt in den beschriebenen Eigenschaften: der Freundlichkeit, der Sanftmut und der Bescheidenheit.

Diesen Roman muss man einfach liebhaben und er war der Buchhändlerliebling in England und Irland. Rónán Hession ist ein irischer Schriftsteller und Musiker. Unter dem Namen Mublin´Deaf Ro hat er bereits Musikalben produziert. Auch die Geschichte zu der deutschen Veröffentlichung ist eine besondere. Frauke Meurer und Torsten Woywod, beide in der Buchwelt nicht unbekannt, haben sich in den Roman verguckt und wollten das Buch veröffentlichen. Sie gründeten ihren eigenen Verlag „Woywod & Meurer“. Für die Übersetzung konnten sie Andrea O´Brien gewinnen. In Irland und England war das Buch sehr erfolgreich und wurde mit diversen Preisen versehen. Somit ist nun zu hoffen, dass sich dieser Roman auch in der deutschen Übersetzung aus dem Indieverlag gut behaupten wird. Zu wünschen ist es dem Werk, denn selten macht ein Roman so viel Freude und lädt von vornerein ein, sich in den Zeilen sofort wohl zu fühlen. Ein herzlicher und sehr humorvoller Roman über Freundschaft und Liebe. Im Mittelpunkt stehen das, was im Alltag übersehen wird, und die Erkenntnis, dass es gut ist, anders sein zu dürfen. Wir (d.h. die Meisten) sind Nebenfiguren, die die Welt verändern können.

Vielen Dank an den Verlag für meine Nennung in den Danksagungen.

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