Archiv der Kategorie: Erlesenes

Ryu Murakami: „Das Casting“

Ryu Murakami Das Casting Septime

„Das Casting“ ist von 1997 und wurde erstmals 2013 ins Deutsche übersetzt. Nun liegt das Werk auch als Taschenbuch vor und kann so die Grundlage für einen guten Einstieg in das Schaffen des japanischen Schriftstellers, Drehbuchautors und Regisseurs Ryu Murakami sein. Der Roman ist auch die Grundlage für den Film „Audition“ von 1999, der als Horrorfilm des japanischen Regisseurs Takashi Miike sogar Kultstatus erlangte. Wobei der Begriff Horror und Thriller leicht irreführend sein kann. Wenn jemand solchen erwartet, sollte ihm bewusst sein, dass er etwas anderes vorfinden wird. Wobei gerade das Ende des Buches, das fast wie ein Gesellschafts- und Liebesroman beginnt, durch seine gewaltigen Bilder, erschrecken kann. Aber es soll nicht zu viel verraten werden, denn die Spannung spitzt sich ganz langsam zu und ist anfänglich nur zwischen den Zeilen zu lesen. Murakamis Ton ist stets zurückhaltend und voller Andeutungen. In seinen Werken klingt auch stets eine dezente Gesellschaftskritik. Die Handlung und der Stil wirken für den Roman sehr einnehmend und man folgt gebannt dem immer makabrer werdenden Verlauf.

Der Dokumentarfilmer Aoyama hat vor sieben Jahren seine Frau verloren. Seitdem lebt er als alleinerziehender Vater ein einfaches Leben. Er hat bisher keine Verabredung wahrgenommen und sich auch nicht nach einer neuen Lebenspartnerin umgesehen. Lediglich die Hausangestellte steht ihm im Haushalt und bei der Erziehung des Sohnes zur Seite. Als Shigehiko, Aoyamas Sohn, fünfzehn Jahre alt ist, beginnt auch dieser, gleich dem Bekanntenkreis Aoyamas, ihn zu einer neuen Heirat zu drängen. Als Dokumentarfilmer hat er Kontakte aus der Filmszene und sein Freund, Yoshikawa, bekommt eine Idee für eine, wie sie finden, perfekte Partnerwahl. Sie planen die Produktion eines Films und laden mit Hilfe der Medien zu einem Casting ein. Für den noch unausgereiften Film suchen sie junge Schauspielerinnen und Darstellerinnen. Sollte der Film tatsächlich das Interesse von zahlungswilligen Produzenten wecken, hätte die Suche innerhalb des Castings nach einer Frau für Aoyama einen netten Nebeneffekt. Wie Yoshikawa seinem Freund prophezeit hat, treffen auch tausende Bewerbungen ein. Alle Frauen senden nebst dem Lebenslauf und Lichtbild auch ein kleines Anschreiben. Aus diesen Bewerbungen suchen sie also passende Frauen zum Vorsprechen ein, immer mit dem Hintergedanken eine Heiratskandidatin zu finden. Doch bereits bei den vorgelegten Anschreiben ist Aoyama auf die junge und hübsche Tänzerin Asami Yamasaki fixiert. Bei den ersten Casting-Runden wartet er gebannt auf ihr Erscheinen und kann sich vor- sowie hinterher nicht auf die anderen Frauen einlassen.

Aoyama schafft es, Asami außerhalb des Castings zu treffen und sie anfänglich etwas unbeholfen für sich zu gewinnen. Es beginnt wie eine zarte Liebesgeschichte. Doch irgendetwas scheint nicht zu stimmen. In einem Restaurant treffen sie auf einen weiteren Gast im Rollstuhl, der sie ganz verschreckt beobachtet. Sie beginnt auch, bereits während des Castings kleine Lügengeschichten einzustreuen. Yoshikawa hat ebenfalls ein ungutes Gefühl, doch will Aoyama nichts davon hören. Er ist gänzlich in Asami verliebt und sie beginnt auch, ihm ihre traurige Geschichte zu erzählen und die Liebesgeschichte wandelt sich wie oben angedeutet. Das Krankhafte rückt immer mehr in den Vordergrund und der Roman nimmt fast Züge eines Psychothrillers an.

Der Roman liest sich stimmungsvoll und beginnt sanft melancholisch, wird dann ein Liebesroman, der gegen Ende den Thriller offenbart. Das Literarische steht dem Brutalen, etwas Perversen gegenüber. Ein Roman, der voller Kontraste ist und doch fast klassisch und gradlinig erzählt wird. Anfänglich ist das Grauen zwischen den Zeilen versteckt und das ist es, was wohl den hauptsächlichen Reiz des Werkes ausmacht.

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Siehe auch Leseschatz-TV: Literatur aus und um Japan:

Ich bespreche:  1) Ryu Murakami: „Das Casting“, 2) Yoko Ogawa: „Hotel Iris“, 3) Ruth Ozeki: „Geschichte für einen Augenblick“, 4) Fuminori Nakamura: „Der Dieb“, 5) Shusaku Endo: „Samurai, 6) David Mitchell: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet, 7) Milena Michiko Flašar: „Herr Kato spielt Familie“, 8) Haruki Murakami: „Birthday Girl

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Deborah Levy: „Heiße Milch“

Deborah Levy Heiße Milch Kipenheuer & Witsch Kiwi

Deborah Levy taucht mit ihrem neuen Buch erneut tief ein in die Psyche ihrer Protagonisten. Es geht um eine ungesunde Mutter-Tochter-Beziehung. Die Tochter musste bereits in jungen Jahren Verantwortung für ihre Mutter übernehmen und definiert sich durch die Krankheit der Mutter. Sie hat noch keine Ahnung, wo sie selbst im Leben steht oder was sie vom Leben erwarten darf.

Deborah Levy schreibt erneut über Bindungen und Brüche im Leben ihrer Helden. Dass sie psychologisch faszinierende Geschichten erzählen kann, hat sie bereits in ihren Werken „Black Vodka“ und „Heim schwimmen“ bewiesen. Für „Heiße Milch“ wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Nun liegt die deutsche Übersetzung vor und lädt uns Leser ein, sich mit der Enge der Mutter-Tochter Beziehung und der Sehnsucht nach Freiheit und Weite auseinanderzusetzen. Heiße Milch als Bild der Geborgenheit, der mütterlichen Wärme und dem alten Hausmittel bei zum Beispiel Schlafstörungen. Doch die Befreiung der Tochter, das Freischwimmen birgt in sich seine eigenen Gefahren. Lauern in jedem Leben Seeungeheuer, wenn man sich zu weit raus wagt? Auch im flachen Gewässer kann ein Medusenbiß schmerzhaft sein. So ist auch die Handlung des Romans gleich einer Berührung mit einer Feuerqualle und heftet sich mit fast unsichtbaren Fängen am Leser fest und brennt sich regelrecht ein.

Sofia begleitet ihre Mutter Rose nach Andalusien in Spanien. Rose leidet unter einer unbekannten Krankheit, die sie meist an den Rollstuhl fesselt. Mutter und Tochter möchten endlich Klarheit über jene Krankheit erfahren. Sofia, die sich bereits als Kind immer um die Mutter kümmern musste, da ihr griechischer Vater die Familie schon vor Jahren verlassen hatte, möchte ergründen, warum die Mutter mal nicht gehen kann, ihre Beine anscheinend nicht spürt und doch ab und zu laufen kann und sogar eine Fliege auf ihren Beinen zu spüren scheint. Will Rose lediglich Aufmerksamkeit bzw. Sofia durch ihre hypochondrische Erkrankung egoistisch an sich binden? Oder leidet Rose tatsächlich an einer bisher nicht diagnostizierten Erkrankung?

Sie besuchen die teure Klinik von Dr. Gomez, bei dem sich Rose in Behandlung begibt. Dieser wirkt mehr interessiert an den Menschen hinter der Krankheit und die Therapie wirkt bereits auf den ersten Blick fragwürdig. Auch die Tochter des Arztes, die als „Sonnenschein“ in der Praxis mitwirkt, verbirgt ihre eigenen Probleme. Sofia, die immer größere Schritte zur Abnabelung macht, nutzt die Zeit, die ihre Mutter in der Klinik verbringt, am Strand und lernt durch einen schmerzhaften Kontakt mit Quallen den Strandwächter kennen. Als sie dann auch noch die deutsche Ingrid trifft und sich eine neue Abhängigkeit in ihrer Seele bildet, muß Sofia sich selbst erkennen und ihrer eigene Identität erkunden. Endlich lernt sie, eigene Entscheidungen zu treffen und es kommt zu überfälligen Lösungen, Abnabelung – wenn nicht sogar zur Amputation…

Ein Roman über die Strategie, um Liebe und Aufmerksamkeit zu erlangen. Was passiert, wenn der Trost der Eltern in jungen Jahren ausbleibt und man sich als Kind in der kümmernden Rolle wiederfindet? Schillernde Ärzte, leidenschaftliche Freunde und falsche Familien treffen sich vor mediterraner Kulisse. Sie müssen sich selbst finden und lernen, einander zu vertrauen und sich doch auch von einander lösen zu können.

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Nickolas Butler: „Die Herzen der Männer“

Nickolas Butler Die Herzen der Männer Klett-Cotta

Anhand einer langen Männerfreundschaft wird ein zeitlicher Bogen von 1962 bis 2019 gespannt. Eine Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher Männer, die doch einiges verbindet. Die Handlung ist in vier Abschnitte geteilt und gradlinig, fast schon konservativ erzählt. Wodurch werden Jungs, die ihren Weg in der Jugend noch vor sich haben, zu Opfern oder zu Tätern? Es treffen gute, schlichte und schlechte Menschen aufeinander. Anfänglich ist es eine fast reine Männerwelt. Männer und Jungs, die im Pfadfinderlager gemeinsame Zeit verbringen. Die Männer, die als Betreuer ihre Söhne begleiten, nutzen die Zeit, um dem Alltag, meist sogar mit Alkohol, zu entkommen. Die Jungs, die ihren Weg noch zu finden haben, sammeln Baseballkarten, machen Geländespiele und lernen in der Natur zu überleben. Doch folgen sie ein Stück weit auch dem Ideal der Väter. Als am Ende des Romans eine starke, aber verletzte Frau, ihren Weg in diese patriarchische Welt findet, stellen sich ihr hohle, rechtspopulistische Machos in den Weg.

Es beginnt 1962. Nelson ist ein stiller, sensibler Junge, der dadurch für seinen Vater eine Enttäuschung ist. Sein Vater sieht in ihm ein Muttersöhnchen, das zu nah am Wasser gebaut ist. Beide sind im Pfadfinderlager, denn der Vater hat die Hoffnung, dass dort aus dem verunsicherten Kind ein Mann gemacht wird. Nelson hat kein Selbstbewusstsein, da er keine Freunde hat. Doch entsteht eine Kinderfreundschaft im Lager. Jonathan, den Nelson auf seinem Kindergeburtstag kennengelernt hat, hält immer mehr zu ihm. Damals an seinem Geburtstag, hatte er viele Kinder eingeladen und doch war nur Jonathan als Gast gekommen. Da dieser auch bei den Pfadfindern ist, werden er und der Lagerleiter die Bezugspersonen für Nelson während der Tage in der Natur und in seinem kommenden Leben. Nelson hat den Spitznamen „Trompeter“, da er von seinem Großvater eine Trompete hat, die er über alles schätzt und somit zum morgendlichen Weckruf abgestellt wurde. Das strukturierte Pfadfinderleben und die moralischen Werte geben Nelson einen Rahmen, dessen strenge Einhaltung ihn im Lager aber nicht sehr beliebt macht. Auch sein Vater geht beständig auf Abstand. Nach einer verlorenen Wette bei einem Mannschaftsspiel, muss er den verlorenen Wetteinsatz einlösen und wird dabei sehr erniedrigt. Jonathan erweist sich hierbei erneut als sein Retter. Doch ist er es wirklich? War er nicht auch im Wald dabei, als er gejagt und geärgert wurde? Ist Jonathan, der treue und ehrliche Freund, der immer zu Nelson steht? Sein Vater sondert sich immer mehr ab und verschwindet dann auch gänzlich aus Nelsons Leben. Da seine Mutter, die von den Plänen ihres Mannes bereits wusste, sich nun aber nach der abrupten Trennung, kurzfristig keinen Rat weiß, kontaktiert Nelson den alten Kriegsveteran, der das Pfadfinderlager leitet und beginnt so langsam in dessen Fußstapfen zu treten.

1996 reisen erneut ein Vater und sein Sohn in das selbige Pfadfinderlager. Es sind Jonathan und sein Sohn Trevor. Sie reisen rechtzeitig zuhause ab, um sich bereits vorher mit einer Freundin und mit Nelson, der jetzt das Lager leitet, zu treffen. Trevor freut sich auf Nelson, den er sehr mag und bewundert. Er hofft, endlich mehr über dessen Zeit in Vietnam zu erfahren. Trevor ist ganz anders als sein Vater. Er ist einfühlsam und glaubt an die große Liebe, die er auch in seiner Freundin Rachel gefunden hat. Jonathan möchte ihm die Augen für seine Sicht auf die Welt öffnen und drangsaliert seinen Sohn mit väterlichen Ratschlägen. Trevor, der belesen ist, u.a. die „Prophezeiungen von Celestine“ gelesen hat, lässt den Rat weitestgehend an sich abperlen. Doch als er mitbekommt, dass die Freundin, mit der sie sich zum Abendessen treffen, die neue Frau an der Seite seines Vaters ist, eskaliert der Abend.

Im letzten Abschnitt des Romans wird nun Rachel in den Vordergrund gestellt. Es ist das Jahr 2019 und sie reist als Frau mit ihrem Sohn in das Pfadfinderlager, das immer noch von Nelson geleitet wird. Warum reist sie als Frau in das Lager? Was ist mit ihrem Exmann Trevor geschehen? Was muss sie dort erleben? Was ist in ihrem Eheleben vorgefallen? Wie ist es bisher Nelson und Jonathan ergangen?

Ein Roman über die wahre Männlichkeit? Mitnichten. Es geht um die Verletzlichkeit des Herzens. Ein Roman, der moralisches aufzeigt und mit vielen Bildern spielt. Auch die Pfadfinder dienen hier stets als Schaubild. Freundschaft, Loyalität und Wertevorstellungen gehen einher mit Gemeinheiten und Verletzungen, die man sich gegenseitig antut. Stärke wird oft mit Muskelkraft, Autorität und Macht verwechselt.

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Christopher Ecker: „Andere Häfen“

Christopher Ecker Andere Häfen mitteldeutscher verlag

Christopher Ecker ist für seine fantastische, kluge und stets einfallsreiche Literatur bekannt. Die bekanntesten Werke des in Kiel lebenden Autors sind die Romane: „Fahlmann“ und „Der Bahnhof von Plön“. Ende des letzten Jahres hat er ein neues, schmales Buch herausgebracht. Es trägt einen Namen mit nordischen Bezug: „Andere Häfen“. Ich betone, dass es ein schmales Buch ist, weil es sind 87 Texte auf 240 Seiten. Das bedeutet es sind ganz kurze Geschichten und nicht alle reichen sogar zu einer Kurzgeschichte. Es sind Textfragmente von geringem Umfang. Die meisten weisen das Merkmal der Kurzgeschichte auf. Die Kurzgeschichte ist vor allem als ein literarischer Kahlschlag zu deuten. Alles hat eine Tiefe und Metaphorik. Doch neben all der klugen Symbolik sind einige Texte auch mit Humor durchwoben. Eins eint die Texte: es sind Situationen, die hoffnungslos und beängstigend sind. Der Keim eines leichtfüßigen Lebens geht vielen Charakteren im Buch verloren. Die Welt kann durch solche Literatur auf den Kopf gestellt werden. Der Hafen als Ort der Sehnsucht, des Ankommens aus der Fremde oder der Abreise in das Unbekannte. Die anderen Häfen als Fundus des menschlichen Unbewussten. Auch sieht man am Ende des Textes in der Ferne das im Sonnenlicht bedeutungsvoll dräuende Wasser der Kieler Förde.

Die Sammlung beginnt „Zum Geleit“ begrüßend und zeigt sich gleich zwangsneurotisch. Bevor die Reise beginnt, soll alles aus sein, der Herd, das Licht, der Wasserhahn. Kaum aus der Tür, lohnt sich der Weg zurück, um erneut zu prüfen. Am Ende wird der Leser letztendlich gegrüßt und ein Lebewohl erklingt. Das letzte resignierte Hinabbeugen, des kraftlosen Charakters am Fließband der einerlei Tätigkeit. Dazwischen wird dem Leser schwindelig vor lauter kurzen Bildern, die sich in das Gedächtnis des Lesers einbrennen. Es reichen wenige Sätze, um ganze Räume, wenn nicht sogar  Kosmen sich entfalten zu lassen. Christopher Ecker legt seine Charaktere und dessen Umfelder mit großartigen Szenen bloß. Er kann unglaublich gut schreiben und die Sprache wird sehr lebendig. Nicht alles ist schön, es hat auch Groteskes, Horrorartiges und Fantastisches, das sich in die bekannte Welt einschleicht.

Es ist unmöglich eine Zusammenfassung des Inhalts zu schreiben. Das Buch ist Lesespaß pur, großartige Lektüre und kluge Kunst. Wir begegnen unter anderem einem Mann, der bei der Abnahme seiner gemieteten Wohnung von einer Horde von Vermietern, die alles bemängeln, niedergewalzt wird. Katzen kommen leider um, haben sich aber zum Glück am Ende doch gewehrt. Es tauchen Gegenstände auf, die es nicht gibt, Räume öffnen sich oder der Eingang wird plötzlich verwehrt und Menschen verschwinden einfach.

Die Geschichten sind vielschichtig und die ganze Sammlung ist ein großer Fundus an Realität, Träumen und Alpträumen. Die kurzen Texthappen stehen für sich, sind aber durch einige Bilder verbunden. Es sind herrlich schöne und skurrile Momente, in die uns Christopher Ecker wirft. Langeweile kommt beim Lesen niemals auf. Das, was man nach dieser Lektüre mitnimmt, ist, dass man sich der Umgebung und der Identifikation nie ganz sicher sein kann. Auch die abgestellten Götter tauchen auf und sind dem irdischen Dienst verfallen. Die Sprache ist stets treffend und ganz genau. Es ist eine Kunst, in so kurzen Minigeschichten so viel Tiefe, Emotion und Verstand einfließen zu lassen. Nach jeder Ecke, d.h. nach jedem Umblättern, befindet man sich auf neuem unerwartetem Terrain. Ein großes Leseabenteuer.

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Siehe auch die Besprechung auf schiefgelesen

 

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Gert Loschütz: „Ein schönes Paar“

Gert Losschütz Ein schönes Paar Schöffling & Co

Eine literarische und schön-traurige Liebesgeschichte, die mit der Vereinigung des vorher geteilten Deutschlands in die Brüche geht. Die Teilung Deutschlands dient als geschichtlicher Rahmen, aber auch als Bild der getrennten Familien. Die Mauer als trennendes Bauwerk in der Gesellschaft, in der Politik und in der Liebe. Doch wäre dies als Metapher zu einfach, denn die große Liebe der Hauptfiguren entzweit sich, als die Übersiedlung in den Westen gelingt. Aus Liebe wird die Liebe zerstört, aber letztendlich, und das ist der Clou, sind sich die Protagonisten näher, als alle es sich denken konnten.

Der Erzähler ist der Fotograf Philipp. Für ihn ist der Rückblick auf seine Jugend und auf seine Eltern gleich einem Blick durch ein Stereoskop. Durch das Betrachten von Stereobildpaaren, die mit einer Stereokamera aufgenommen wurde, erlangen die Bilder durch die Abweichung eine räumliche Tiefe. Innerhalb von wenigen Wochen bekommt Philipp die Nachricht, dass seine Eltern jeweils innerhalb kurzer Zeit verstorben sind. Die Haushälterin des Vaters ruft als erstes an. Als Philipp seiner im Heim lebenden Mutter, Herta, mitteilt, dass Georg verstorben ist, wirkt diese uninteressiert am Tod ihres Mannes. Sie leben seit vielen Jahren getrennt, haben sich aber nicht scheiden lassen. Nach wenigen Tagen bekommt Philipp von einem jungen Pfleger die Nachricht, dass auch Herta verstorben ist.

Philipp durchsucht die Wohnung des Vaters nach persönlichen Erinnerungen und räumt auf, da die Räumlichkeiten verkauft werden sollen. Hierbei findet er eine Kamera, die für die Eltern von besonderer Bedeutung war. Mit diesem Fund beginnt der Fotograf, seinen Fokus auf die Vergangenheit zu werfen. Er beginnt, das Leben der Eltern zu reflektieren. Wie kam es zum Bruch in der Ehe? Was ist damals tatsächlich vorgefallen? Langsam erschließt sich Philipp das ganze Paradox der elterlichen Beziehung.

Georg Karst ist Berufssoldat und lernt in Plothow Herta kennen. Sie arbeitet als Schneiderin und als er sie eines Tages sieht, ist es bei ihm wie Liebe auf den ersten Blick. Seine Kaserne ist einige Kilometer entfernt, dennoch versteht er es, Herta regelmäßig zu treffen und dennoch pünktlich als Soldat zurückzukehren. Ihre Liebe ist wahrhaftig und glücklich. Als Stahlarbeiter beginnt Georg seine Karriere nach dem Krieg. Ein Freund vermittelt ihm ein Vorstellungsgespräch im Westen im Bundesverteidigungsministerium. Als diese Interesse zeigen und ihn anschreiben, wird dieser Brief von der Staatssicherheit der DDR geöffnet und gelesen. Georg fühlt sich verfolgt und um dem Gefängnis zu entgehen, scheint eine Flucht unumgänglich zu sein. Sein überstürzter Ausbruch in den Westen gelingt, er lässt aber vorerst Herta und Philipp zurück. Als diese wenige Tage später nachreisen, könnte dies der Anfang eines erträumten und erfüllten Lebens sein.

In Tautenburg beginnt der Keim des Unglücks zu wachsen. Georg macht in der Tuchfabrik, in der er arbeitet, einen Fehlgriff und wird angezeigt. Er soll eine große Geldsumme aus dem Tresor entwendet haben. Herta, die hinter ihren Mann steht, kauft Georg auf unmenschliche Weise frei und die Konsequenzen sind für beide unerträglich und reiner Schmerz.

Philipp hat durch seinen Beruf gelernt, ganz genau hinzusehen und macht sich Stück für Stück auf, die ganzen Bilder der zerrütteten Ehe zusammenzusetzen. War doch die Ehe gescheitert, aber was ist aus der Liebe geworden? Die ganze Geschichte offenbart sich langsam in jedem Detail. Die Fragen werden fast zwischen den Zeilen beantwortet. Ein Buch, in das sich der genaue Blick lohnt.

Ein sprachlich großartig und toll in Szene gesetzter Roman. Die Stille, die nach dem Ungeheuerlichen bleibt, schwingt beständig mit. Die Hilflosigkeit und Einsamkeit am Beispiel des Vaters wird für den Leser sehr spürbar erzählt. Das Verschwinden von Herta aus dem Leben von Georg und Philipp, bleibt der Spannungsbogen, der immer wieder die Frage aufwirft, was hätte die Ehe retten können? Was ist das für eine Liebe, die sich aus Liebe selbst zerstört? Als Herta später wieder auftaucht, sind die anderen Beziehungen in Philipps Leben und Umgebung auch erkrankt. Die Perspektiven streuen sich und als Leser bekommen wir Bilder, die sich erst in Folge erklären lassen und man sollte genau hinhören und aufmerksam lesen, damit sich alle Handlungsbögen und alle Fragen erklären lassen.

Ein kraftvoller und ergreifender Roman über die Liebe. Ein sprachlich und inhaltlich intensiver Roman vor dem Hintergrund deutscher Geschichte. Besonders das Ende rührt Herz und Geist und lässt das Buch im Kopf verweilen.

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Angelika Klüssendorf: „Jahre später“

Angeika Klüssendorf Jahre später Kiepenheuer Witsch

Mit dem Roman „Jahre später“ schließt sich nun ein Kreis, der mit „Das Mädchen“ seinen Anfang nahm. Ein Roman über das Aufwachsen in der DDR. Die Mutter ist eine prügelnde und stets betrunkene Frau, daher wächst das noch namenlose Mädchen in dieser tristen Familienwelt und dem Kinderheim auf. Dann bekam das Mädchen in dem Roman „April“ ihren Namen und versucht sich als junge Frau in den 70er Jahren in Leipzig zurechtzufinden. Den Namen April hat sie sich selbst gegeben. Es ist ein alter Deep Purple-Song, der musikalisch einen Aufbruch zu einem neuen Stil bedeutete. Auch ist es die Jahreszeit des unbeständigen Wandels. Es ist Aprils Bemühung, mit der Vergangenheit abzuschließen, sich den alten Geschichten zu entsagen. Die Wandlung vom Mädchen zu einer jungen Frau, die lernt für sich zu empfinden und sich endlich anzunehmen. Jetzt, Jahre später wird das Mädchen, die durch das Konsumieren von Literatur eine Ahnung von sich erhielt, Schriftstellerin und erzählt erneut ihre Geschichte. Es ist die Geschichte einer von vornherein kaputten Beziehung und Ehe. „Jahre später“ knüpft nach „April“ an und endet mit dem ersten Satz von „Das Mädchen“: „Scheiße fliegt durch die Luft“.

April hat ein Schreibstipendium und ist nun Autorin geworden. Auf einer Lesung trifft sie auf den Chirurgen Ludwig. Sein Kindergesicht fällt ihr auf und es kommt zu einem Rendezvous. Er prahlt mit seinem literarischen Interesse und buhlt um sie mit der Nennung großer Autoren. Beide nähern sich einander an und sind dennoch verschieden und stoßen sich wie Magnete ab, die versuchen zusammenzugehören. Als Leser fühlt man geradezu die sich stets erweiternde Disharmonie. Sie ziehen in eine gemeinsame Wohnung, die April gar nicht mag. Irgendetwas scheint April an Ludwig zu finden, sogar zu lieben. Seine Geschichten sind übertrieben, während sie mit einer Schreibblockade zu kämpfen hat. Beide, besonders Ludwig, machen ihre Witze auf Kosten anderer. Besonders die Nachbarin bekommt dies schriftlich zu spüren. Ludwig stammt aus vermögenden und seinen Worten nach anständigen Verhältnissen und möchte dem Spießertum entkommen. April nimmt dieses Leben an und lässt sich von Ludwig umgarnen. Doch regt sich in ihr stets eine Art Widerstand. Sie nennt es „aberden“, wenn sie Versprechen macht und dabei ihre Finger uneinsichtig für den Anderen kreuzt. April erlangt durch Ludwig, ihre Ehe und das gemeinsame Kind Abstand zu ihrer vorherigen Welt. Doch sind sie zwei Unvertraute, die versuchen miteinander eine Vertrautheit zu finden. Ludwig erscheint wie einer, der nie ankommt, immer weiter will. In beiden ist eine stete Untiefe, die sie unausweichlich an den Abgrund führt. Die Ehe wirkt auf den Leser gleich zu Anfang zerstörerisch und April und Ludwig leben sich immer mehr auseinander. Aprils innere Geister reden auf sie ein und das Grausige und Manipulierende von Ludwig offenbart sich immer mehr. Die letztendliche Trennung lässt April Ludwig erkennen, oder zumindest anders und für uns Leser wie befürchtet sehen. April ist eine Figur, die bereits als Mädchen viel durchlebt hat und schlimmeres erfahren musste und wird auch dies überstehen…   Sind es alles nur Figuren und Geschichten? Ist es doch in großen Teilen die Geschichte von Angelika Klüssendorf selbst, die sie uns hier erzählt?

Erneut ein Roman, der ganz präzise erzählt und mit wenig auskommt. In knapper Sprache ist ein großes Buch entstanden, das nun nach „Das Mädchen“ und „April“ die Geschichte des vorerst namenlosen Mädchens, das in der DDR aufwuchs und sich als April auf den beschwerlichen Weg der Identifikation machte, erzählt. Jetzt, Jahre später, ist es der ehrliche und meisterhaft erzählte Blick einer Schriftstellerin auf eine unheimliche Ehe.

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Milena Michiko Flašar: „Herr Kato spielt Familie“

Flasar Herr Kato spielt Familie Wagenbach

Das lange Warten hat sich gelohnt. Milena Michiko Flašar bedankt sich ebenfalls am Ende des Buches bei allen, die geduldig auf einen neuen Roman von ihr gewartet haben. Sie hat die Zeit gut genutzt. Ihr vorheriges Werk „Ich nannte ihn Krawatte“ gehört zu einem meiner beständigen Lieblingsbücher. Nun hat sie ein weiteres geschrieben. Ein Buch, das erneut ein sehr nachdenklicher und emotionaler Text ist. Es geht um die Lebensträume, die Glücksmomente im Leben und innerhalb der Familie. Wir buhlen ständig um Anerkennung, Geborgenheit und um ein Gefühl von Zugehörigkeit. Diese Selbstbestätigung suchen wir in unseren Hobbys, im Freundeskreis, im Kollegium und besonders in der Familie. Doch wenn das Bild, das wir von uns projizieren nicht mit dem tatsächlichen übereinstimmt, keimen unerwartete Missverständnisse. Die unausgesprochenen Erwartungen an den anderen Menschen bleiben daher oft unerhört und verklingen. Wäre es eine Bereicherung, wenn es eine Agentur gäbe, die uns Menschen bzw. Schauspieler vermittelt, die uns kurzweilig eine passendere Familie oder Freunde vorspielt? Der Protagonist, Herr Katō, nimmt, als er im Ruhestand mit seiner Zeit nichts anzufangen weiß, das Angebot an, für die Agentur „Happy family“ als ein „Stand in“ tätig zu werden.

Als Herr Katō in Rente geht, hadert er mit seiner Zeit. Seine Tage dehnen sich und er weiß mit sich nichts anzufangen. Er überlegt, ob ein kleiner, weißer Spitz ihm ein guter Weggefährte sein könnte. Aber ein Weggefährte wohin? Seine Ehe hat an tiefer und wahrer Zuneigung verloren. Dies liegt wohl auch besonders an Herrn Katō selbst. Seine Ehefrau muss den Haushalt machen und sucht ebenfalls ihr Glücksgefühl außerhalb der eigenen vier Wände. Sie belegt einen Tanzkurs, der sie erneut zu beleben scheint. Als er sich altersbedingt vom Arzt untersuchen lässt, hat er die Hoffnung krank zu sein, damit er durch die Krankheit eine Beschäftigung, einen geregelten Alltag und Fürsorge seiner Frau erlebt. Er geht gerne spazieren und als er auf dem Friedhof ein Tänzchen wagt, beobachtet ihn eine Frau, die von seiner Darbietung begeistert ist und ihn für ihre Agentur gewinnen möchte. Die Agentur möchte Menschen dabei helfen, sich zugehörig zu fühlen. Er nimmt nach einigem Hin und Her letztendlich an und mimt nun für drei folgende Aufträge den Großvater, den Ehemann und den Vorgesetzten. Er taucht immer in eine sehr gefühlvolle Lebensphase der Auftraggeber ein und gibt emotional viel von sich in der jeweiligen Rolle preis. Er trifft auf fremde Menschen und Schicksale und mimt seine Rollen ausgezeichnet. Jeder Auftrag hat auch letztendlich immer etwas mit ihm, Herrn Katō, selbst zu tun. Spielt er die Charaktere letztendlich doch für sich selbst, um in seiner eigenen Familie seine tatsächliche Rolle wiederzufinden?

Das Buch ist gleich „Ich nannte ihn Krawatte“ ein kurzweiliges Buch. Ein Text, der sich zügig lesen lässt, aber sich im Kopf und Herz gewaltig entfaltet. Schnell fühlt man sich in der Geschichte wohl und folgt gern und aufgeregt den Abenteuern des Herrn Katō. Im Gegensatz zu Flašars vorherigem Werk sind es keine kurzen und knappen Kapitel, sondern lediglich drei längere Abschnitte und der Abschluss: „Nachher“. Wiedermals tauchen Sätze auf, die ins Leere gehen, gleich den Gedankengängen der Protagonisten, die wohl erst noch ihr Ziel definieren und finden müssen.

Ein großartiges, wunderbares Buch, das einen zum Nachdenken und Nachfühlen einlädt. Es schafft Raum für eigene Erinnerungen, Hoffnungen und Glücksmomente

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Dana Grigorcea: „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“

Dana Grigorcea Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen Dörlemann

Diese Novelle ist ein kleiner Tanz um die Sehnsucht nach Zuneigung, Liebe und Kunst. Eine Geschichte von Menschen, die ein gutes Leben führen und eigentlich glücklich sein könnten. Sie leben in Zürich und haben keine tatsächlichen Sorgen. Es sind Menschen, die das Leben anderer bereichern, verschönern oder sogar verbessern. Doch das Leben und die Liebe sind ihnen entglitten. Sie sind verheiratet, aber vermissen anscheinend die Leidenschaft in der Beziehung.

Die Protagonistin, Anna, ist Angestellte der Bühnen Zürichs. Sie ist Balletttänzerin sowie bei einigen Produktionen mitverantwortlich. Sie hat ein gewisses Alter und eine bestimmte Bühnenpräsenz erreicht, dass sie jetzt sogar in den Nebenrollen mehr Ausstrahlung hat als bei ihren damaligen Solodarbietungen. Sie ist eine gefragte Künstlerin und tanzt diverse große und kleine Rollen. Jedoch ist sie innerlich leicht unzufrieden. Mit ihren Kollegen, vor und hinter der Bühne, mit ihrer Ehe und mit sich. Sie will mehr Leidenschaft für das Stück, die Rolle, für die Kunst und im Leben. Ihr Mann ist Arzt und hat immer die Bilder seiner Frau um sich. Es sind Bilder der Proben, Plakate oder der gelungenen Aufführungen, die seine Praxis zieren. Es sind aber lediglich nur Abbilder seiner Frau. Seine Ehe mit ihr erfüllt ihn mit Stolz und er schmückt sich gerne mit ihr und genießt es in der Künstlerszene dabei zu sein.

Eines Tages im Frühling an der Seepromenade trifft Anna auf Gürkan. Das anfängliche Gespräch dreht sich um ihren Hund. Gürkan ist ein verheirateter Kurde, der als Gärtner die Grünflächen der Städte verschönert. Sie treffen sich fortan nun öfters, während er noch in Zürich tätig ist. Aus dem Flirten, dem leichten Verliebtsein wird mehr. Sie fühlen sich sehr verbunden und es keimt eine ungewöhnliche Liebe. Als er seine Arbeit in Zürich beendet, werden die heimlichen Treffen seltener. Sie führt weiterhin ihr gutes Leben im Herzen der Gesellschaft. Sie taucht ganz ein in die Kunst und Kultur und reist sogar nach Venedig. Doch wandern ihre Gedanken stets zurück zu jenem anderen, neuen Mann in ihrem Leben. Nichts ist mehr wie zuvor. Sie möchte ihn erneut sehen.  Sie möchte ihn auch nicht mehr nur heimlich treffen. Aber beide sind verheiratet und werden geliebt und sind Teil ihres Freundes-, Familien- und Kulturkreises.

Ein kleines Büchlein voller Sehnsucht nach Sinn und Sinnlichkeit. Eine Liebeserklärung an die Kunst, besonders an die darstellende Bühnenkunst. Doch tauchen im Test auch andere Themen auf. Die Frage der Integration, der Gesellschaft und ihrem Umgang mit Fremden. Anna ärgert sich innerlich, dass man gleich bei der Nennung des Namens oft nach der Herkunft fragen würde. Wie man sich eigentlich sonst nur nach der Rasse eines Hundes erkundigen würde. Es ist die Schlichtheit, die diesen Text besonders macht. Gleich den Gesprächen zwischen Anna und Gürkan, deren Schlichtheit etwas Wahrhaftiges hat. Alle Dinge im Leben haben ihren angedachten Platz. Wie bei einem Tanz, der gänzlich choreografiert und eingeübt wurde. Der fragile Tanz, der ganz leicht, fast schwerelos erscheint, ist doch erst durch enorme Kraftaufwendung und Körperspannung durchführbar. Das wahre Kunstverständnis ist reine Leidenschaft und Mitgefühl. Jede Bewegung, die wir machen, setzt eine Bewegungsfolge in Gang und beinhaltet immer eine neue Möglichkeit, die wir für uns, für die Kunst und im Leben nutzen können.

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Adam Haslett: „Stellt euch vor, ich bin fort“

Adam Haslett Stellt Euch Vor, Ich Bin Fort Rowohlt

Der Roman handelt von einer Familie, die auf der Suche nach innerem Frieden ist und letztendlich doch am fehlenden Lebenssinn eines Manisch-Depressiven zerbricht. Es ist eine englisch-amerikanische Familie, die sich alle sehr lieben und doch unterschiedliche Wege gehen. Ihre Hilfe, die sie sich gegenseitig anbieten, kann nur bedingt die Person retten und zu dem Menschen werden lassen, den er selbst in sich sieht. Ist unsere Psyche, unsere Seele, d.h. unser Innenleben, von vornherein vorbestimmt? Kann eine Flucht aus dem eigenen Kerker des gegebenen Charakters gelingen? Adam Haslett schreibt sehr sensibel und tiefgängig über das Innenleben und das Erleben einer Depression. Der Roman erzählt die Geschichte einer Familie aus unterschiedlichen Perspektiven. Jedes Kapitel ist aus der Ich-Ansicht eines der Familienmitglieder geschrieben und so baut sich sehr kunstvoll das ganze Panorama des Versuchs des Zusammenhalts, der Mutter- und Geschwisterliebe sowie der wachsenden seelischen Krankheit auf. Sehr feinfühlig und präzise geht der Autor zu Werk und erzählt damit eine sehr emotionale Geschichte und erschafft handfeste sowie stets glaubhafte Charaktere.

Die Handlung beginnt in den sechziger Jahren. John und Margaret lernen sich kennen und lieben. Er ist Engländer und seine ganze Art ist fast schon klischeehaft Britisch. Margaret, die junge Amerikanerin, wollte einen Neuanfang in London, fern ihrer Familie. Sie lieben sich, stellen sich eine gemeinsame Zukunft vor und verloben sich. Aber sie kennen sich noch nicht gut genug, denn als Margaret von einem Familienbesuch nach London zurückkehrt ist John in einer psychiatrischen Klinik. Er ist Manisch-Depressiv und seine inneren Dämonen sind wie Ungeheuer, die sich bei ihm eingenistet haben und sich nach eigenem Ermessen zeigen und ihm den alltäglichen Sinn rauben. Doch ist dies nicht das Ende der Beziehung. Margaret entscheidet sich für ein gemeinsames Leben, verlangt aber von ihm die beständige Arbeit am Selbst. Sie heiraten und bekommen drei Kinder: Michael, Celia und Alec. Doch bleibt es stets ein Leben mit der Krankheit. Dies zeigt sich besonders in einer Szene: bei einem Ausflug im Urlaub. Sie nutzen die freien Tage in der Natur auf einer menschenleeren Insel. John ist mit zweien seiner Kinder mit einem Boot hinausgefahren und legt sich einfach auf den Boden des Bootes. Er verlangt von den Kindern, sich vorzustellen, er sei fort und sie müssten nun alleine zurechtkommen. Bei all der einsetzenden Panik der jungen Kinder, bleibt er still und spielt den Toten.

Was folgt, ist die Geschichte der Kinder. Wie weit lässt sich das Erlebte mit dem Vater verarbeiten und besteht die Gefahr der genetischen Vorherbestimmung? Eines der Kinder, Michael, leidet ebenfalls an der Labilität des Vaters. Er ist ein kluger Junge, dessen Phantasie oft mit ihm durchgeht. Dies zeigt sich erneut auf dem Wasser. Seine Briefe an seine Tante, während einer Schiffspassage, sind eher der kindlichen Phantasie entwachsen als das tatsächlich Erlebte an Bord. Bereits als Kind liebt er die Pop- und die Discomusik. Er interpretiert in die Leichtigkeit jener Tanzmusik stets seine empfundene Schwere der dahinstampfenden Textpassagen hinein. Auch ihn holen jene Ungeheuer des Vaters ein. Die Schatten seiner eigenen Krankheit versucht er mit dem ständigen Einnehmen von Pharmaka zu bekämpfen. Doch ein Manisch-Depressiver durchlebt Kurven und ist nicht immer depressiv, sondern kann zuweilen auch sehr witzig sein. Celia und Alec sind immer greifbar für Michael und die Geschwisterbande wird getragen durch die Sorge um ihn. Celia sucht ihr Heil in ihrer eigenen Ehe und der Tätigkeit im Sozialen. Alec lebt seine Homosexualität aus und beginnt, journalistisch tätig zu werden. Dann bleibt da noch ihre Mutter, die in der Welt der Bücher ihren Seelenfrieden sucht.

Ein facettenreicher, feinsinniger Familien- und Liebesroman, der vom Schatten eines Krankheitsbildes erzählt. Ob es den ersehnten Seelenfrieden für die Protagonisten gibt? Ein fesselnder und tiefgründiger Roman, der die großen Themen leichtfüßig umspielt. Der Wunsch oder die Illusion der Selbstbefreiung innerhalb einer Familie und der Gesellschaft sind die Verbindungen dieser vielen Perspektiven, die von den Figuren und, wohl besonders persönlich, vom Autor selbst erzählen.

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Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore 01 – Eine Idee erscheint“

Haruki Murakmai #MurakamiLesen Dumont

Haruki Murakami vereint mal wieder alles, was man an seinen Büchern so sehr liebt. Durch eine Trennung gelangt ein namenloser Held in eine fast magische Berglandschaft und die Welt wirkt um ihn immer mehr wie verzaubert. Dies ist der erste Band des zweibändigen Künstlerromans, in dem es um Kunst, Wahrnehmung und Dualität geht.  Murakami mischt erneut all sein Können in einen Reigen bunter Bilder, die mit wenig Strichen den ganzen Geist erfassen, der uns in seinen Bann zieht. Erneut treten Tiere als Boten auf, die Farben und die Kunst als Mischpalette der Wahrnehmung der Emotionen. Die Grenzen der Welten verwischen sich, denn das Traumhafte verwebt sich mit der Realität.

Der namenlose Erzähler wird von seiner Frau verlassen. Er ist ein erfolgreicher Maler, der seinen Lebensunterhalt durch das Porträtzeichnen bestreitet. Mit der Trennung beschließt er, von seinem bisherigen Leben Abstand zu bekommen. Er möchte keine Porträts mehr malen. Er verlässt seine Heimat und reist längere Zeit durch Japan. Nach seiner Irrfahrt zieht er in das abgelegene Haus, das einem berühmten Künstler gehört. Dieser hat in Europa gelebt und auch die europäische Kunst geliebt und selbst produziert. Doch ist etwas in seinem Leben vorgefallen, so dass er nach Japan zurückgekehrt ist und in der Einsamkeit nach japanischem Stil gemalt hat. Jetzt demenzerkrankt lebt er in einem Heim und somit steht sein Haus in den Bergen leer. Das Haus steht genau auf einer Wettergrenze und der namenlose Erzähler sucht nun ebenfalls in der Einsamkeit der Berglandschaft eine neue Idee für sich, seine Kunst und sein Leben. Doch gelingt ihm das Malen nicht. Ihm fehlt die Inspiration. Das Haus ist vom vorherigen Künstler möbliert und mit einer umfangreichen Plattensammlung ausgestattet. So bekommt er erstmalig Zugang zur klassischen Musik, die in Folge noch weitere Bezüge zu seinem Leben erhalten wird. Eines Nachts hört er ein Geräusch und findet eine Eule, die sich in dem Dachboden eingenistet hat. Dieser Weckruf lässt ihn ein Gemälde finden. Es ist ein meisterhaftes Werk, das ihn wie magisch in seinen Bann zieht. Das Bild trägt den Namen „Die Ermordung des Commendatore“ und zeigt einen jüngeren Mann, der mit wenig Gefühlswallung einen älteren Herrn ersticht. Die weiteren Menschen sind mit einem Gesichtsausdruck des Entsetzens gemalt. Das sonderbare am Bild ist eine Bodenluke, aus der ein Gesicht in die Szenerie schaut. Erst später erkennt der Erzähler den Bezug des Bildes zu Mozarts „Don Giovanni“.

Der Erzähler lebt von seinem Ersparten und gibt für Jung und Alt Malunterricht. Doch eines Tages bekommt er ein sehr lukratives Angebot. Er soll das Porträt eines Mannes anfertigen. Dieser Mann wirkt sehr vermögend und lebt im Tal, fast genau gegenüber dem einsamen Künstlerhaus in den Bergen. Nach kurzem Zögern nimmt er an und der zu Porträtierende fällt durch sein Erscheinen und seinen Namen auf. Sein Name beinhaltet im Japanischen das Weglassen der Farben und trägt selbst gerne Weiß und hat auch gänzlich weißes Haar. Dieser Mann verfügt über sehr viel Zeit und möchte Modell sitzen. Der Ich-Erzähler war es gewohnt, sich lediglich mit den Menschen zu unterhalten und dann anhand von Fotos den Kunden zu malen. Durch die Gespräche erfasste er stets den Geist seines Gegenübers. Jetzt soll er anders arbeiten und er willigt letztendlich ein, um dabei für sich auch neue Wege in der Malerei zu entdecken. Doch er findet keinen Zugang zu dem Mann. Es fällt ihm schwer, diesen zu erfassen und zu porträtieren. Immer wieder treffen sie sich, doch bleibt der Kunde für den Porträtisten ein Mann ohne Gesicht.

Das Unbekannte wächst immer mehr in der abgelegenen Bergwelt und nachts, immer zur selben Zeit, nimmt der Erzähler aus einer absoluten Stille in der Natur ein feines Klingeln wahr. Dem will und muss er nachgehen. Doch der einzige, dem er sich anvertrauen kann, ist sein Kunde, der vermögende, für ihn noch gesichtslose Mann. Kann er sich diesem anvertrauen? Was sind überhaupt dessen Beweggründe für das Porträt und für die Besuche? Warum hat er ihn auserwählt? Als er sich doch an diesen wendet, öffnen sich immer mehr neue Welten. Welchen Einfluss haben der gesichtslose Mann und das Bild „Die Ermordung des Commendatore“ auf den Erzähler?

Ein Murakami voller bunter Fantastik. Ein Roman, der auf einer Mischpalette alles vermengt: Hochs, Tiefs, Farbloses, Buntes sowie Kunst und Banales. Viel Kunst, Sex und Magie füllen die Handlung mit Leben. Murakami versteht es immer, Parallelwelten zu erschaffen, die uns unbekannte Grenzen aufzeigen und das Phantastische verwischt sich mit unserer üblichen Wahrnehmung. Die Auflösung der Realität geht einher mit dem Schweigen des Autors, der uns alleine lässt in seiner phantastischen Welt. Lediglich bis wir weiterlesen dürfen in „Die Ermordung des Commendatore 02 – Eine Metapher wandelt sich“ (Erscheint: April 2018)

Zu den Büchern / Shop:

„Die Ermordung des Commendatore 01 – Eine Idee erscheint“

Die Ermordung des Commendatore 02 – Eine Metapher wandelt sich“

Ab 28. Januar 2018 auf Twitter: Folgt @dumontverlag und dem Hashtag #MurakamiLesen, um sich mit anderen Lesern auszutauschen und noch mehr zu erfahren.

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