Archiv der Kategorie: Erlesenes

Odafe Atogun: „Tadunos Lied“ 

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Ein Roman, der sich fast wie ein Märchen liest. Doch ist es ein aktueller Text, der das Lied der Freiheit singt, die Macht der Musik verdeutlicht und nebenbei ein kleiner Liebesroman ist.

Ein Musiker, der gegen einen ungerechten Staat getextet und gesungen hat, musste ins Exil gehen. Bei seiner Rückkehr hat er nicht nur sein Gesicht, sondern auch seine Stimme verloren und wird aufgefordert, sich für die Liebe oder den Widerstand zu entscheiden.

Taduno ist in Nigeria ein bekannter Musiker. Er hat mit Liebesliedern angefangen, doch als das Militärregime immer korrupter wurde, begann er gegenanzusingen. Er hat seine Musik benutzt, um auf die Politik aufmerksam zu machen und der diktatorischen Regierung zu schaden. Da er sich dadurch in Gefahr gebracht hatte, ging er nach der Folter ins Exil. Seine Platten wurden in den Läden verboten und konfisziert. Alles, was mit Taduno in Verbindung zu bringen war, wurde verboten und vernichtet. Auch seine Existenz.

Hier beginnt die Handlung des Romans. Taduno ist seit drei Monaten im Exil und bekommt ein Schreiben von seiner großen Liebe Lela, die in der Heimatstadt geblieben war. Sie hofft, er möge seinen Frieden gefunden haben, warnt aber, sollte er jemals seinem Heimweh nachgeben, er sich auf unliebsame Veränderungen und Überraschungen einzustellen habe. Das Land und die Stadt haben sich auf unbeschreibliche Weise verändert. Dies beunruhigende Schreiben rumort in ihm und er fragt sich, was in seiner Heimat vorging. Sein Kopf und sein Herz sind bei Lela, ohne die er sich eigentlich keine Zukunft denken kann und mag. Trotz der drohenden Gefahr reist er zurück.

In seiner Heimatstadt muss er feststellen, dass ihn, den damaligen berühmten Sänger, keiner mehr erkennt. Seine ehemaligen Nachbarn und Freunde erinnern sich nicht an ihn. Der Name ist verflogen und er hat sein Gesicht im wahrsten Sinne verloren. Die Gemeinschaft nimmt ihn auf und lässt ihn in seinem Haus wohnen, sie sind aber vorerst ihm gegenüber sehr reserviert. Alles wirkt, als hätte er nie existiert. Der größte Schicksalsschlag trifft Taduno, als er erfährt, dass Lela vom Geheimdienst entführt worden ist. Die Regierung hat sie verschleppt, weil sie ihn, Tadeo, suchen. Doch kennt keiner mehr seinen Namen, seine Lieder oder sein Aussehen. Durch Lela wollen sie ihn finden. Wenn er ein Loblied auf die Regierung singen würde, würden sie sie freigelassen.

Doch sein Problem ist, dass er seine Stimme und seine Identität verloren hat. Wie kann er denn Lela befreien, wenn ihn keiner mehr erkennt und wie soll er ohne Stimme ein Loblied singen? Er beginnt seine Gefühle durch sein Gitarrenspiel auszudrücken. Seine Melodien erzählen mehr, als er es zurzeit mit einer Stimme könnte. Seine Suche nach sich selbst läuft über die Musik. Dabei gewinnt er alte Freunde zurück, auch den damaligen Inhaber des Tonstudios, der ebenfalls durch Tadunos Protestsongs in Gefahr geraten war und untertauchen musste.

Wird Taduno sich dem Regime beugen und ein Loblied singen können, um damit seine Liebe zu retten? Kann er gegen seine Überzeugung ansingen?

Ein schönes Buch, das zart geschrieben ist, aber umso mehr im Leser erklingt. Ein Roman über das eigene Gewissen und den Mut, zu seiner Überzeugung zu stehen. Der Text ist einfach, aber leicht poetisch zu lesen. Es ist ein politischer, anregender Liebesroman. Wir lernen einen Protagonisten kennen, der sich durch seine Musik erklärte und als man ihm diese wegnahm, aufhörte zu sein. Als ihm dann auch noch seine Liebe geraubt wird, muss er sich und seine Musik neu finden.

Ein ruhiger Roman, der gegen jede Tyrannei geschrieben wurde und uns durch den spannenden Plot zwingt, Tadunos Lied zuzuhören. Ein Roman über Unterdrückung, Terror, Freundschaft, Zivilcourage und das Einstehen für die eigene Überzeugung.

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Daniel Zahno: „Mama Mafia“

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Ein frischer Mafia-Roman, der spannend ist und an die Klassiker seines Genres erinnert. Auch der Pate steht Pate, denn es kullern u.a. in einer Szene Orangen davon. Ein Roman, der zügig zu lesen ist, klug und unterhaltsam geschrieben ist, als hätten sich beim Schreiben Dennis Lehane und die Coen-Brüder vereint.

Mama Mafia als Ziehmutter, die den unfreiwilligen Helden liebevoll aufpäppelt, füttert, saubermacht und ihn großzieht. Wie jede Mutter ist auch Mama Mafia unglaublich stolz auf ihren Zögling und hat auch einiges mit ihm vor.

Der Roman beginnt in einem Handygeschäft in New York, hat dort dann seinen Wendepunkt und der finale Treffpunkt wird ebenfalls jenes Geschäft sein. Harvy ist ein Rocksänger und jobbt nebenbei in einem Café und als Fahrradkurier. Seine Band ist bisher nicht sehr erfolgreich und daher fristet Harvy ein Leben als Überlebenskünstler. Er nimmt es mit dem Eigentum nicht ganz so genau, denn wenn er eine edle Kaffeemaschine sieht, kann er meist nicht wiederstehen, diese mitgehen zu lassen. Er ist mit einer Bekannten gerade in einem Apple-Store im Grand Central Station und schaut sich die neuesten Modelle an. Sein Handy funktioniert nicht mehr richtig und ein neues könnte er sehr gut gebrauchen. Er schafft es mit zufälliger Raffinesse das Gerät zu klauen und kann sogar dem durch den Alarm aufgeweckten Wachpersonal entkommen. Da er sich auch durch gelegentliche Diebstähle über Wasser hält, hat er Kontakte, die ihm helfen, das stibitzte Handy neu zu codieren. Dennoch bekommt er plötzlich eine Nachricht von einem Unbekannten. Er wurde beim Diebstahl gefilmt und wird nun erpresst. Schnell lokalisiert er, woher die Nachricht kam und verschafft sich mit einem fingierten Kurierauftrag Zutritt zu diesen Räumlichkeiten. Er kann den Laptop entwenden, von dem wohl die Nachricht versendet wurde. Doch der Besitzer des Rechners, Joe Garcia, ist ihm auf der Spur und macht als Überbringer eines Kurierauftrags einen Gegenbesuch bei Harvy. Es kommt zu einer Rangelei und durch ein Missgeschick hat nun Harvy auch noch eine Leiche zu entsorgen.

Es stellt sich später heraus, dass Joe Garcia ein Mafiamitglied war, der die Polizei infiltriert hatte und dass Jennifer, die Frau, die für ihn gearbeitet hat, die Geliebte des Mafiabosses Tony Tangeroli ist. Harvy und Jennifer kommen sich näher, als es eigentlich gesund für sie wäre. Jennifer und Tonys Mutter werden Liebhaber der Musik von den Racoons, Harvys Band. So wird die Mafia aufmerksam auf die Musik und Tony organisiert für die Racoons einen Vertrag bei Sony. Ab sofort steht Harvy unter der Beobachtung der Mafia und wird auch immer mehr zum engeren Freund und Berater von Tony. Dennoch geht er eine Liebesbeziehung zu Jennifer ein. Als er Tony bei einem Anschlag durch einen verfeindeten Clan das Leben rettet, wird er immer mehr ein Mitglied der Tangeroli-Familie. Ab jetzt beginnt es, für ihn und Jennifer immer gefährlicher zu werden. Auch in der Band rumort es, denn der große Erfolg birgt auch seine Schattenseiten und der Ruhm, der auf Mafiamethoden erbaut ist, schmeckt nicht allen Musikern. Für Harvy, als Ziehsohn von Mama Mafia, beginnt ein gefährliches Spiel zwischen den Clans, seinen Freunden und der neuen Mafia-Familie.

Eine rasante, flüssige Lektüre mit diversen Anspielungen auf Mafia-Romane und Filme. Eine packende Geschichte, die wandlungsreich ist und mit einigen Überraschungen aufwartet.

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Juliana Kálnay: „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“

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Ein Debütroman einer jungen Kieler Autorin, der bunt ist und uns Leser verwirrt, begeistert und uns zu voyeuristischen Beobachtern macht. Der kurzweilige Episodenroman wirkt wie ein expressionistisches Theaterstück, in dem Szene für Szene ein Bild zusammengesetzt wird. Ein Bild eines Hauses und deren Bewohnern. Doch ist es ein Bild, das, kaum gesehen, wieder verschwindet, gleich einem in Sand gemalten, farbefrohen Mandala. Ein Haus, in dem es rumort und unentdeckte Türen und Räume auftauchen und diese mit seinen Mietern verschwinden können…

Der Roman liest sich wie ein surrealer Besuch bei „Biedermann und die Brandstifter“. Ferner werden durch diesen experimentellen Roman Erinnerungen an Michael Endes Stück „Die Spielverderber – Oder Das Erbe Der Narren: Commedia Infernale“ wach.

Es ist ein phantastisches Buch voller irrer und skurriler Figuren und Geschichten. Ein Mehrfamilienhaus mitten in der Stadt, das bewohnt wird von Menschen, die sich mehr oder weniger gut kennen. Das Buch erzählt in kurzgehaltenen Kapiteln von den jeweiligen Bewohnern des Hauses Nummer 29. Wir begegnen chronisch schlaflosen Menschen, die uns verschroben im Treppenhaus begegnen und sich gerne einladen lassen. Wir lernen Ronda kennen, die ein Aquarium mit Goldfischen hat. Doch hält die Fische nichts in ihrem lebenswichtigen Nass. Ronda wacht auf und entdeckt, dass ihre Fische nicht im Aquarium bleiben wollten. Die toten Tiere werden in Blumenerde unter Katzenminze beerdigt, was wohl auch für den komischen Geruch im Haus sorgt. Es gibt auch eine Wohnung im vierten Stock mit Katzenklappe, die lediglich zum Balkon führt. Jetzt wohnt dort ein Bewohner, der kein Haustier hält, aber dies als Minifluchtweg ansieht. Im Haus leben auch einige Kinder, die anfänglich viel mit Maia spielen. Maia spielt gerne Verstecken und buddelt Löcher, gleich einem Maulwurf, bis sie später ganz verschwindet. Die zentrale Figur im Haus scheint Rita zu sein, die schon ewig im Haus Nummer 29 wohnt. Sie kennt alle und beobachtet das Leben um sie herum.

Gleich der „Vegetarierin“ von Han Kang lernen wir ein Ehepaar kennen, dessen Liebe aus einem natürlichen Umfeld in eine unnatürliche Transformation erwacht. Don der jetzt als Baum auf Linas Balkon steht, gepflegt und geliebt wird, ist ein Magnet für Besucheranstürme und seine Früchte der Grundstoff süßer Marmeladen. Ein Mitbewohner, der sich durch die offenstehende Tür Zugang verschaffen hat, lebt fortan im Fahrstuhl und richtet seine Kochnische im vierten Stock ein. Das Haus und seine Bewohner haben alle ein Eigenleben. Die Bewohner beleben das Haus und das Haus ist der Handlungsort des allmählichen Verschwindens, denn es gibt nicht nur Kinder, die sich durch die Mauern beißen und graben, sondern auch eine Wohnung, die die Mieter verschluckt. Rita ist die Person, die wohl alles versteht und ihr Wissen gerne teilen würde.

Der Werbespruch eines großen Möbelunternehmens wabert beim erstaunten Lesen im Kopf herum. Denn es gibt Menschen, die Wohnen einfach und es gibt Menschen die erfüllen ganz und gar ihren Wohnbereich. Alle Nachbarn sind, zumindest durch das Haus, miteinander verbunden. Doch spiegeln sie ebenfalls den Zeitgeist der inneren Vereinsamung. Gleich Schnecken, die ihr Haus mit sich herumtragen und durch ihr Leben kriechen. Laut dem Buch gibt es auch Nacktschnecken, dessen Haus sich auflöst und gänzlich verschwindet…

Anfänglich lässt sich der Roman schwer einordnen, durch die sehr kurzen Kapitel durchwandert man aber sehr schnell das ganze Haus und liest den Text gebannt und verfolgt staunend die ganzen Geschichten.

Ein phantastischer, surrealer und kurzweiliger Roman. Die Autorin hat ein sehr außergewöhnliches, gewöhnungsbedürftiges Werk geschaffen. Sprachbegabt versteht es Juliana Kálnay uns durch das Treppenhaus ihrer großen Phantasie zu jagen. Gleich Rita im Roman lernen wir Leser, durch Wände zu sehen und werden Zeuge jener komischen, berührenden Episoden.

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Hanya Yanagihara: „Ein wenig Leben“

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Ein monströses Buch, das man, sobald man die ersten Seiten gelesen hat, verschlingt, oder besser gesagt das uns Leser verschlingt. Denn gleich einem Mahlström wird man in die Handlung hineingezogen. Ein Roman, der sprachlich und literarisch toll zu lesen ist und nicht nur durch seinen Umfang viel vom Leser abverlangt. Man wird mit den Figuren sofort vertraut und leidet im wahrsten Sinne mit ihnen. Das Buch ist monströs, weil es voll ist mit Leid und die Melodramatik gerne überreizt, was dem Lesegenuss aber keinesfalls schadet. Es ist ein Wechselspiel zwischen dem gebildeten, kunstliebhabenden und dem einfachen, ländlichen Amerika. Ein Gegenwartsroman, der durch seine Rückblicke lebt. In der erzählerischen Gegenwart, die aber keinen realen Bezug bekommt, treffen wir auf wohlwollende, großzügige und hilfsbereite Menschen. Doch flechtet sich immer mehr die Vergangenheit der Charaktere in die Handlung mit ein und öffnet jenen angedeuteten Mahlström an Leid, Gewalt und Missbrauch. Im Vordergrund steht und glänzt aber immer die Freundschaft und die Liebe.

„Mein Leben, wird er denken, mein Leben. Aber weiter wird er nicht denken können, und er wird diese Worte im Geiste wiederholen – Mantra, Fluch und Ermutigung zugleich…“ (Seite 211)

Es ist eine lebenslange Männerfreundschaft, die ihren Anfang im College in New England nahm. Nach dem Studium sind alle nach New York gezogen, um dort ihre beruflichen Ziele zu verwirklichen. Hier beginnt die Handlung gleich einem typischen Roman über das Erwachsenwerden. Die Wohnungssuche, die Partys, die Verhältnisse und die alltäglichen Identitätskrisen. Es sind die vier Freunde: Willem Ragnarsson, der auf einer Farm in Wyoming aufwuchs und aus einfachen Verhältnissen stammt. Er hat früh seinen Bruder verloren, was für die psychologische Entwicklung des Romans wichtig ist. Er ist ein gutaussehender Mann, der am Anfang des Buches von einer Karriere als Schauspieler träumt, die sich im Verlauf der Handlung auch immer mehr bewahrheitet. Jean-Baptiste Marion, der stets nur JB genannt wird, ist der Sohn von Einwanderern aus Haiti und strebt ein Künstlerleben an. Er arbeitet in einem Atelier, das er sich mit anderen jungen Künstlern teilt und jobbt nebenbei an der Rezeption einer Kunstzeitung, mit der Hoffnung dort die Redaktion auf ihn aufmerksam machen zu können. Malcom Irvine stammt aus einem wohlhabenden Elternhaus. Im Gegensatz zu JB, der in einer heruntergekommenen Wohnung lebt und Willem, der sich mit Jude eine Wohnung sucht, lebt Malcom anfänglich noch bei seinen Eltern. Aber er lebt unter dem Rad seines Vaters, einem afroamerikanischen Juristen. Malcom baut in seinem Zimmer architektonische Modelle und wird von seiner Mutter emotional getragen. Die zentrale Figur im Roman ist Jude St. Francis, um den sich auch der ganze Freundeskreis zu drehen scheint. Jude ist ein gebildeter, junger und aufopfernder Mann, der Mathematik und Jura studiert. Ihm geht es um die Philosophie und um die Klarheit der beiden Fächer, die auf den ersten Blick wenig gemein haben. Doch ist er auch der Unbekannteste aus der Clique und langsam erfahren wir Leser auch immer mehr aus der Kindheit und Jugend der Protagonisten, besonders den Leidensweg von Jude.

Durch anfänglich kleine Bemerkungen und dann immer mehr werdende Andeutungen erfahren wir von den Schmerzen und inneren Dämonen, die in Jude wohnen und ihn niederschmettern. Keiner der Freunde weiß, woher er diese Schmerzen hat. Alle meinen, es sind die Beine, doch ist es die Wirbelsäule die ihn plagt. Hinzu kommt, dass er seinen inneren Hyänen durch angelernte Selbstzüchtigungen zu bändigen versucht. Eines Abends weckt Jude Willem mit einem Handtuch um den Arm gewickelt und bittet ihn um Verzeihung und um Hilfe. Jude ritzt sich und in dieser Nacht hat ihn der Schnitt mehr verletzt als er gewollt hatte. Ein befreundeter Arzt nimmt sich stets seiner an und kann erahnen, welche Pein in Jude schlummert. Langsam baut sich das ganze Drama auf und wir Leser erfahren seinen Leidensweg. Er war ein Findelkind, das man neben einem Kloster beim Müll gefunden hatte. Im Kloster lernt er die Entbehrungen kennen, aber er sehnt sich nach Persönlichkeit und Eigentum. Von den Mönchen wird er gemaßregelt und körperlich bestraft. Doch ist dies lediglich der Anfang seiner Geschichte, die es gilt als Leser selbst zu entdecken, denn der Sog der Geschichte liegt besonders in dem Erkunden und Abtauchen in die Welt der Dunkelheit.

Später ist es die Freundschaft zu Malcom, JB und besonders zu Willem, die ihm Halt gibt. Neben der dunklen Vergangenheit steht die Hoffnung auf eine Zukunft ohne die Ungeheuer der Vergangenheit. Hinzu kommen Harold und Julia, die Jude finanziell und emotional unterstützen und ihn auch als jungen Mann adoptieren.

Das Buch ist teilweise schwer zu ertragen und in Teilen überspitzt geschrieben. Aber es ist ein Roman, in den man versinkt und der große Empathie im Leser weckt. Es sind Männer, die den Roman beherrschen, Frauen sind meist Nebenfiguren. Die überfüllte Melodramatik mit ihren Cliffhangern ist ein gut eingesetztes Handwerksmittel, um den Leser an den Text zu fesseln. Der ganze Roman entwickelt eine enorme Anziehungskraft und das Zentrum des Traumas aus Missbrauch und Gewalt lässt einen erstaunen und erschauern.  Ich meine es nicht negativ, aber das ganze Buch ist gleich einer großartigen Fernseh- (Spielfilm-) Serie, von deren Charakteren man beim Schauen so gebannt ist, dass man nicht aufhören kann hinzusehen.

Ein in Amerika viel diskutiertes Buch, das nun auf Deutsch erschienen ist und ebenfalls viele Leser berühren wird. Ein Buch, das mit viel Sprachgefühl und einer gut erzählten Geschichte geschrieben wurde. Ein Roman, der ein Gefühlschaos heraufbeschwört und trotz der im negativen und im positiven überspitzten Darstellungen sehr überzeugen kann. Ein Roman, der einen nicht mehr loslässt, über unaussprechlichen Schmerz, Grausamkeit und ernste, tiefe Freundschaft. Er baut durch die Erzählstruktur Empathie zu den Charakteren auf. Dies ist der Reiz des Werkes, denn man liest mit einem Grausen den Text über die schrecklichen und schönen Möglichkeiten des Lebens. Auch der Umschlag des Buches spiegelt dies wider: Ein Mann in einem intimem Moment. Ein Blick, der uns eigentlich wegschauen ließe, denn es könnte ein Orgasmus oder ein tief empfundener Schmerz sein, den der Mensch gerade durchleidet. Das Buch wird wohl eines der viel diskutiertesten Werke des Jahres werden…

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Siehe auch die Besprechung der Klappentexterin , auf: letteratura , Letusreadsomebooks (zur engl. Ausgabe) und masuko13

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David Garnett: „Mann im Zoo“

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Ist eine Artgerechte Tierhaltung im Zoo möglich und sind wir Menschen nicht auch Tiere?

Der Roman „Mann im Zoo“ wirft Fragen auf und ist nebenbei eine sehr gute, literarische Unterhaltung, die bereits 1924 in England erschienen ist. Die Geschichte von Diogenes im Londoner Zoo ist auch gespickt mit viel britischem Humor.

Wir lernen John Cromartie bei einem Besuch mit Josephine Lackett im Londoner Zoo kennen. Auf den ersten Blick wirken sie wie ein Liebespaar, doch sie streiten sich beim Flanieren vor den Tieren. Sie hat seinen Antrag abgelehnt und verweigert sich der Verlobung. Der Streit wird immer beleidigender und sie nennt ihn ein Überbleibsel, einen Tarzan, der zu seinen Freunden ausgestellt gehört. Da sie ihn, den Tarzan in ihren Augen, nicht heiraten möchte, verabschiedet er sich und sie gehen getrennte Wege.

Die Vorwürfe haben ihn getroffen und er überlegt, ihren Ratschlag anzunehmen. Nicht, um es ihr zu beweisen oder sie zu verletzten, er findet, der Homo Sapiens gehört ebenfalls in dem Zoo ausgestellt, da sonst auch alle anderen Tiere im Tierpark zu sehen sind. John schreibt tatsächlich einen Brief an die Verwaltung des Zoos und bietet sich dem Park als Ausstellungsstück an. Sein Brief wäre wohl nicht so angenommen worden, wenn sich nicht ein unbeliebtes Mitglied des Vorstandes so sehr in Empörung über jenes Anliegen hineingesteigert hätte. Der unliebsame Vorstandsmensch droht mit seinem Rücktritt, würde man in Erwähnung ziehen, John Cromarties Bitte nachzukommen. Also ist die Einstellung als Mensch im Zoo zügig ausgesprochen. John bekommt einen Käfig mit eigenem Bad und Schlafraum. Er möge sich aber sonst stets vorne aufhalten und sich gerne wie jedes andere Tier benehmen. Fortan lebt John im Zoo zwischen seinen neuen Nachbarn, einem Schimpansen und einem Orang-Utan. Er wird die Zooattraktion, die bestaunt, belacht und gerne aufgesucht wird. Abends nutzt er seine Freigänge im Park und lernt, sich den tierischen Instinkten und Verhalten anzupassen. Der Pfleger des Affenhauses ist auch für seine Belange zuständig und so lebt er sich schnell ein und lebt Diogenes gleich in seinem Gehege. Da er aber mehr Besucher an seine Gitterstäbe lockt als seine Nachbarn, macht er sich auch nicht gerade unter den Tieren beliebt, da diese nun weniger Zuwendung und Aufmerksamkeit bekommen. Seine Ignoranz gegenüber seinen Zellengenossen verstärkt deren Haltung, die für ihn gefährlich werden könnte. Lediglich mit einem Karakal, einer afroasiatischen mittelgroßen Katze, die auch als Wüstenluchs bezeichnet wird, freundet er sich an.

Da er seinen Einzug in den Zoo nicht als Belehrung, Rache oder dergleichen angetreten ist, wächst nun in ihm eine Unruhe und Befürchtung darüber, was er tun soll, wenn Josephine ihn im Zoo aufsucht. Noch schafft er es, die Besucherströme auszublenden und nicht wahrzunehmen, aber was passiert, würde sie ihn so sehen? Denn natürlich hat sie auch der Presse entnehmen können, dass John tatsächlich im Zoo ausgestellt wird. Ist er verrückt geworden? Was ist mit seinem Leben? Was mit seiner Liebe?

Als sie dann doch vor ihm steht, verbietet er ihr sogar den Besuch. Doch da er nun ein Tier unter Tieren ist, kann ihn jeder, ob er möchte oder nicht, aufsuchen und ansehen.

Als der Zoo noch weitere Menschen aus allen Regionen ausstellen möchte, eskaliert es und Tier und Mensch kommen sich unliebsam näher. Ob John und Josephine sich doch erneut als Menschen begegnen und was aus der Idee wachsen kann, Menschen und Tiere auf eine Ebene als Ausstellungsstücke zu stellen, sei nun dem Leser überlassen, der sich auf sehr vergnügliche Lesestunden freuen kann. Ein Roman voller tierischer Menschen und menschlicher Tiere. Die meisten sind dickköpfig und verrennen sich. Fast alle Beweggründe geschehen aus Eifersucht, Liebe und Neid. Ein feiner, unterhaltsamer und gut geschriebener britischer Roman, der nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

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Siehe auch renies-lesetagebuch

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Jochen Rausch: „Im Taxi“

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Ein Buch über Taxifahrer und ihre Geschichten. Sie fahren Tag und Nacht – sie erzählen und hören zu. Meist sind es ganz kurze, oberflächliche Gespräche, die aber in der Summe ein Panorama aus Ansichten, Meinungen und Erfahrungen mit uns teilen. Die Fahrgäste und die Taxifahrer haben eins gemeinsam, sie müssen irgendwohin fahren. Nur ist es der Fahrgast, der das Ziel angibt. Es gibt wohl 250.000 Taxifahrer in Deutschland und jeder mit einer eigenen Geschichte.

Jochen Rausch ist viel mit dem Taxi gefahren und hat den Fahrern zugehört. Er machte sich seine Notizen und versuchte auch den Stil des Gesagten beizubehalten. Aus diesem Potpourri sind 120 Miniaturen aus unterschiedlichen Städten entstanden, die nie länger als eine Seite sind. Jede Geschichte öffnet eine Welt, die man kurzweilig besucht. Jochen Rausch als Schriftsteller versteht es, nicht zu werten, sondern einfach den Wortlaut und das Erzählte unkommentiert auf den Leser wirken zu lassen. Es sind oft Menschen, die diesen Beruf als Übergangsjob ausüben oder, weil zurzeit keine Alternative für den Fahrer ersichtlich ist.

Jochen Rausch, bekannt durch den Roman „Krieg“ (wird gerade verfilmt), fährt ungern selber Auto und nimmt bevorzugt die öffentlichen Verkehrsmittel. Im Taxi sitzt er meist vorne neben dem Fahrer und fördert das Gespräch. Nicht immer erwünscht oder positiv, wie auch gleich der Einstieg im Buch zeigt. Hierbei ist ihm wohl die Idee gekommen, diese festzuhalten und zu notieren. So sind diese Geschichten „Im Taxi“ entstanden, die im Radio bei NDR Kultur und WDR 5 liefen und jetzt als Buch vorliegen.

Man fühlt sich erinnert an den Episodenfilm „Night on Earth“ von Jim Jarmusch und bummelt mit Jochen Rausch durch die Städte und taucht ein in kurzweilige Miniaturwelten, die anregen und nachklingen können. Mal sind die Menschen, die uns fahren, sympathisch, mal staunt man einfach und auch unsympathische Taxifahrer lassen uns in ihr Fahrzeug einstiegen. Es sind u.a. Filmemacher, die auf ihre Chance warten, Flüchtlinge, die in Deutschland lieber Taxifahren, als in ihrer Heimat Menschen verarzten. Fahrer, die sich als Könige empfinden oder als Verlierer. Aber auch sie müssen viel aushalten: die Fahrgäste bringen ebenfalls ihre Geschichten mit in den Fahrgastraum und benehmen sich dort oft nicht wie Gäste. Die meiste Zeit verbringen die Taxifahrer mit warten und wenn endlich ein Gast in den Wagen steigt, ist man froh, wieder einen Gesprächspartner zu haben. Der ehemalige Studentenjob wird nun oft von Menschen ausgeübt, die gerade mal so mit ihrem Gehalt leben können. Es sind u.a. ehemalige Ärzte mit Migrationshintergrund oder Kunst- und Literaturliebhaber. Rausch gibt allen, den gebildeten und den einfachen Leuten eine Stimme und wir erlesen deren Geschichten in kurzen Sätzen, aber stets im engen Raum eines Taxis aufgefangen.

So ist das Buch ein Reigen an Eindrücken, die man zügig erliest, aber länger im Kopf behalten wird. Jochen Rausch lädt uns ein zu einer besonderen Reise durch Deutschland. Auf kleinstem Raum öffnet das Buch ganze Geschichten, die authentisch sind und uns im wahrsten Sinne des Wortes etwas erfahren lassen.

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Martin Suter: „Elefant“

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Der neue Martin Suter lehrt die Ehrfurcht vor dem Leben, wie auch immer es entstanden sein mag und wo auch immer es lebt und liebt. Suter schreibt über große Themen und spielt mit dem Gedankenkonstrukt der Evolution versus Schöpfung. Das eine als der natürliche Lauf der Dinge und das andere als das bewusste Eingreifen, um Leben zu manipulieren mit dem Ziel, daraus Gewinne zu erwirtschaften. Es wäre wohl kein Suter, wenn er nicht mehr aus seinen Texten und Ideen herausholt. Es geht auch um die Menschlichkeit, die in verschiedenen Facetten im Roman beschrieben ist. Die Charaktere sind Obdachlose, ein Elefantenflüsterer, ein Zirkusdirektor, Veterinäre, Wissenschaftler und ein kleiner, rosa Elefant, der im Dunkeln leuchtet.

Schoch lebt in seiner versteckten Höhle am Fluss. Seine Behausung hat er geerbt von einem Mitobdachlosen, der, als dieser mit dem trinken aufhörte, kurz darauf verstorben war. Aus Angst, selbiges Schicksal zu erleiden, hält Schoch seinen Pegel. Aber vor zehn Uhr rührt er keinen Alkohol an, lediglich seine zwei Morgenkaffee, die er sich in der Stadt günstig zu besorgen weiß. Eines Nachts nimmt er im Rausch einen Besucher in seiner Höhle wahr. Erst denkt er, es sei ein leuchtendes Spielzeug, ein rosa Minielefant. Doch es ist ein lebendiges Tier, das ihn, nachdem er realisierte, dass es keine Alkohol geschwängerte Traumwahrnehmung ist, als neue Ziehmutter annimmt.

Es ist ein Experiment, das in Sri Lanka seinen Anfang nahm. Der Genforscher Roux ist karriereversessen und möchte seinen ehemaligen Arbeitgeber, der ihm seine Patente geklaut hat, nun mit einer eigenen Firma übertrumpfen. Er hat sich befruchtungsfähige Eizellen eines Elefanten aus Sri Lanka organisiert und hat diese genetisch modifiziert. Ein Zirkusdirektor, der mit seinen Elefanten Nebeneinkünfte durch Leihmutterschaft erzielt, stellt Roux eine Elefantenkuh zur Verfügung. Roux ist es gelungen eine Kombination aus Luziferin und dem Pigment vom Mandrill in das Erbgut zu integrieren. Der neugeborene Elefant würde dann nicht nur im Dunkeln leuchten, sondern er wäre auch komplett rosa. Dies würde eine neue Welt öffnen: Tiere als perfektes Maskottchen oder ähnliches. Der chinesische Markt hat sich in seine Firma eingekauft und hegt ebenfalls reges Interesse an diesen neuen Möglichkeiten. Doch entwickelt sich der Embryo ganz anders. Er leidet unter mikrozephalem osteodysplastischen primordialen Zwergwuchs Typ II. Der Fötus wächst kaum im Mutterleib, entwickelt sich aber sonst ganz normal.

Der Elefantenpfleger, Kaung, liebt seine heiligen Tiere und plant mit dem Tierarzt Dr. Reber eine nicht für alle lebensrettende Verschwörung. Sie verheimlichen die Geburt und verstecken den kleinen Elefanten, den sie Brisha, nach dem Hindi-Wort für Regen, nennen. Doch die Gegenspieler ahnen den Komplott und bekommen Hilfe von einem chinesischen Unternehmen, das in dem rosa Minielefanten, der nachts leuchtet, ein gelungenes Spielzeug wittern. So kommt es zu einer Flucht, die nicht für alle glimpflich ausgeht und Brisha landet in der Welt von Schoch, der den Elefanten fortan Sabu nennt. Jetzt werden Schoch und Valerie, die Schoch mit Sabu unterstützt, die Gejagten.

Ein kleiner Minielefant als Held klingt süß. Man möchte doch auch so einen Freund als Haustier haben. Aber genau hier setzt Suter ein. Was bilden wir Menschen uns ein, dass wir alles was niedlich ist, haben und manipulieren möchten? Auch der Elefant im Roman verlangt Respekt. Er will als echtes, ehrfurchtvolles Lebewesen gesehen werden. Wir Menschen forschen und werden durch das zu genaue Hinsehen oft auf vielen Augen blind. Der Vorteil, Erbgut zu entschlüsseln, kann bedeuten, dass man Genfunktionen ausschalten und u.a. Krebs sowie Alzheimer besiegen könnte, aber es weckt auch kriminelle Energie. Wir bauen uns eine Welt, in der wir das Wachstum selbstbestimmt kreieren wollen. Aber wo sind die Grenzen und wo bleibt die Menschlichkeit?

Suter spielt mit kleinen sowie konstruierten Wundern, umspannt den ganzen Bogen der Gesellschaft und stellt nebenbei sozialkritische und ethische Fragen. Der Roman entwickelt einen spannenden Plot, der sofort Bilder im Leser hervorzaubert und man taucht gerne erneut ein in die Romanwelt von Martin Suter, die bildet, unterhält und feinen Lesespaß verspricht und  auch hält.

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Siehe auch die Besprechungen auf: brasch & buch und Pinkfisch

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Fabian Hischmann: „Das Umgehen der Orte“

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Fabian Hischmann zitiert am Anfang in seinem neuen Roman ein Kinderlied aus dem Film „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“. In dem Film geht es um eine Gruppe von Kindern, die im Verlauf der Handlung den Schritt ins Erwachsenenleben machen müssen. Aber was passiert danach? Dieser Frage geht Hischmann nun nach. Seine Bande von Charakteren wird uns Lesern in einem Episodenroman vorgestellt. Figuren, die Tiefe bekommen, die man dann wieder aus den Augen verliert, um später woanders wieder aufzutauchen oder lediglich erwähnt zu werden. Das ganze Personal ist, so stellt es sich am Ender heraus, miteinander verwoben und erst dann steht man vor einem Mosaik aus vielen kleinen Steinchen. Eins haben die meisten Charaktere aber gemein, sie sind getrieben durch das Findenwollen. Es sind meist junge Menschen, die durch ihre Sehnsüchte, Verzweiflung und Hoffnungen sich umkreisen, Orte suchen und finden. Meist sind es Umwege und die Berührungspunkte untereinander können ganz klein und nur für den Leser ersichtlich bleiben.

Man sollte dieses Buch aufmerksam lesen, denn einige Episoden sind kurz und der Reigen an Personal nimmt zu und man blättert öfters zurück, um die Person, die man eventuell verloren meint, wieder zu finden. Fabian Hischmann war 2014 mit seinem Debütroman „Am Ende schmeissen wir mit Gold“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Zu diesem Buch hatte ich hier folgendes geschrieben: „Ein tragisch-komischer Text, der handwerklich sehr routiniert geschrieben ist und sich wohl schnell in den Reigen der neueren deutschen Autoren einfinden wird.“ Ich denke, dass Fabian Hischmann dies nun erneut beweisen konnte. Ein Buch, das mich hadern ließ, ob ich es wirklich beim Lesen mochte. Die Sprache ist mal kunstvoll, dann wieder alltäglich und ein wirklicher Handlungsbogen erschließt sich erst beim Beenden der Lektüre. Aber gerade beim Zuklappen des Buches wandern die Gedanken zurück und man verweilt in diversen Szenen.

Die Handlung nimmt seinen Anfang mit Lisa. Sie futtert ihren Kummer in sich hinein und befreundet sich mit Anne, dem rebellischen Nachbarsmädchen. Lisa wird wegen ihres Körperbaus gerne gehänselt. Nur Anne sieht in ihr etwas mehr. Es gesellt sich Magnus hinzu, der mit Anne die erste Liebe erlebt und gemeinsam zementieren sie die Löcher im nahe gelegenen Golfclub zu. Da Lisa nie friert, entschließt sie sich nach Island zu gehen. Ab jetzt gesellen sich immer weitere Charaktere hinzu. Die Perspektiven verändern sich und die Handlung verheddert sich immer mehr, um letztendlich auf der kalten Insel zu enden. Es sind Menschen, die man schnell verstehen lernt. Junge Leute, die u.a. in der Seehundstation arbeiten, im Kino Popcorn verkaufen oder die ganze Welt bereisen. Die Themen sind unspektakulär und dennoch lebenswichtig: Unser Miteinander, unsere Liebe, Sexualität und unsere Krisen. Ein junger Autor, der nach seinem Erfolg verstirbt. Eine Party, die Erinnerungen wachrüttelt und Menschen zusammenbringt. Doch sind die Berührungspunkte meist klein und jeder verbleibt in seinem Kosmos. Ein Lebenskonzept als Roman, in dem man auch schon mal einen Sommer verpasst. Ein Roman, der die Zeit von 2004 bis 2020 umspannt. So kommen auch bekannte Persönlichkeiten vor. Matt Damon verstirbt in naher Zukunft und Nick Cave geht mit seinem Boot, der „Henry Lee“, auf hoher See verloren. „Henry Lee“ ist eine weitere Anspielung auf einen Song. Er wurde auf dem Album „Murder Ballads“ von Nick Cave veröffentlicht. Diese Balladen sind gleich diesem Roman ein Reigen an tragischen, schönen und bizarren Geschichten.

Ein Roman, der voller Leben steckt. Teilweise geht es aber am Leben vorbei und die Charaktere umwandern ihre eigentlichen Orte. Ein Buch, das reduziert in der Sprache und Handlung einen weiten Bogen spannt, der aus vielen kleinen einzelnen Steinchen erbaut wurde. Ein realistischer Gesellschaftsroman der in die verlängerte Gegenwart schaut. Die Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit und nicht bloß schnöde Vernetzung.

Fabian Hischmann wird eventuell eher junge Menschen, die die Literatur für sich entdecken, ansprechen. Er ist ein junger Autor, der es kunstvoll versteht, seinen Gedanken Ausdruck und Leben zu geben. Durch die etwas einfache Sprache und vulgären Ausdrücke, die als Kunstmittel eingesetzt sind, wirkt es ab und zu gekünstelt übertrieben und zielgruppengerecht eingesetzt. Aber wenn man als Leser, im Gegensatz zu den Figuren, die Übersicht behält und am Ende das Buch zuklappt, seht man erstaunt vor dem ganzen Mosaik und fühlt sich erneut in den einen oder anderen Charakter oder Handlungsstrang hinein. Dann blickt man gerne zurück und man erwischt sich beim erneuten Hin-und-Her-Blättern im Buch.

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Helge Keipert: „Der Werwolf“(CD)

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Dieser Leseschatz ist mehr ein Hörschatz, der aber besonders durch die Sprache und die Texte lebt.

Helge Keipert ist ein Songwriter und, wie er sich gerne selbst betitelt, eine One Man Band. Sein Mutterschiff ist aber die Band „Merlot“, die auch zur Eröffnung unserer Buchhandlung gespielt hatte.

Der Werwolf – Ein Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen! So ist es auf Helges Homepage zu lesen. Lange ging er mit der Idee schwanger, eine CD mit deutschen Balladen einzuspielen. Früh hatte Helge seine Liebe zu Balladen und Gedichten, die Geschichten erzählen, entdeckt. Es sind Texte, die zwischen 1640 und 2016 entstanden sind. Es sind Gedichte von H. Heine, C.F. Meyer, C. Morgenstern, E. Kästner, F. Wedekind, E. Jandl und einige mehr. Die Texte zu den meisten Balladen sind hier.

Helge ist der Schöpfer des Musikalischen und versteht es, sich zurückzunehmen und den Text in den Vordergrund zu stellen. Er singt oder spricht alle Texte selbst und hat die CD mit guten Gastmusikern eingespielt. Lediglich bei zwei Liedern bekommt er Unterstützung durch seine Tochter, die eine sehr angenehme Stimmabwechslung einbringt. Die einzelnen Songs zu besprechen erübrigt sich, denn es ist eine CD, die Spaß machen soll und entdeckt werden möchte. Die Musik ist passend zu den einzelnen Balladen komponiert. Mal erklingt der klassische Minnesänger, mal der Storyteller, der es gern auch etwas rauer mag. Man hört aber mehr auf die Texte und die besonderen Betonungen der Worte. Stets ist es die Liebe zum kleinsten Detail und der Sprachwitz, die begeistern.

Wir kennen es wohl alle aus der Schule, als man einzeln oder im Klassenchor die Gedichte oder Balladen zitiert hat. Oft sehr dramatisch, aber stets voller Kraft und bestimmt auch mit viel Gefühl. Als Schüler war es wohl eine Pflicht, die dann aber durch die Tiefe der Sprache und der transportierten Emotion etwas in einem jeden angesprochen hat und zurückblickend wohl vieles anregen konnte. Besonders die Vielfältigkeit und die Wortkunst sowie der Wortwitz haben es mir und wohl auch Helge angetan.

Die Erde ist ein gebildeter Stern oder ein eingebildeter Stern? Diese Frage trällert in mir und hinzu gesellen sich viele Ohrwürmer und Zitate aus diversen Balladen. Die CD ist eine nette und neue Begegnung mit der deutschen Lyrik und macht Lust, sich erneut mit Balladen und Gedichten zu beschäftigen.

Die CD gibt es bei und in der Buchhandlung Almut Schmidt oder auf der Homepage von Helge Keipert – hier kann man auch Songs probehören. (Es ist auch für 2017 ein Konzert bei uns geplant. Den genauen Termin geben wir noch bekannt. )

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T. C. Boyle: „Die Terranauten“

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Das Leben unter einer Glaskuppel. Was passiert wenn vier Männer und vier Frauen in einem Terrarium eingesperrt werden und zwei Jahre darin überleben sollen? Es gibt nur eine Regel: Nichts darf rein und nichts darf rauskommen. Der Vergleich zu diversen Fernsehprofilen der Gegenwart drängt sich beim Lesen auf, denn besonders die Auswahl der Probanden erinnert an bekannte Castingshows. Das Dschungelcamp oder Big-Brother unter dem Deckmantel der Wissenschaft. So liest sich auch der Roman sehr zügig und man mutiert selbst zu einem kleinen Voyeuristen.

T.C. Boyle, wohl der Rockstar der amerikanischen Literatur, versteht es erneut uns Leser zu fesseln. Er ist ein sarkastischer, kluger Autor, der gerne Fakten als Grundlage seiner Romane nimmt, die dann literarisch, gesellschaftskritisch und voller wundersamer Geschichten sind.

„Die Terranauten“ beginnt im Jahr 1994, als eine Gruppe von begeisterten Wissenschaftlern der Frage nachgeht, ob Leben in einem eigenständigen, geschlossenen ökologischen System langfristig möglich ist.  Dieses Experiment hat man in Arizona tatsächlich durchgeführt. Die sogenannte „Biosphäre 2“ ist ein Gebäudekomplex mit dem Ziel, ein von der Außenwelt unabhängiges, in der ursprünglichen Planung sich selbst erhaltendes Ökosystem zu schaffen. „Biosphäre 2“, da es als zweite „Erde“ gesehen wird. Im Roman ist es eine riesige Glaskuppel, die „Ecosphere 2“ genannt wird. Die Leiter und die sehr vermögenden Sponsoren planen eine zehnjährige Laufzeit mit je zweijährigem Teamwechsel. Das Team muss sich in diversen Eignungstests behaupten. Sie werden zu Meer und zu Land in diversen Landschaftsformen getestet. Der Roman beginnt, als die letzten sechszehn Teilnehmer zum Gespräch gebeten werden. Es sollen die Namen, der Personen genannt werden, die es in die Kuppel geschafft haben. Aus drei verschiedenen Perspektiven, die stets in gleicher Reihenfolge aufeinanderfolgen, erschließt sich die Handlung. Die Helden des Romans sind Dawn Chapman, gefolgt von Ramsay Roothoorp und Linda Ryu. Dawn und Linda haben sich in der Bewährungsphase angefreundet und beide warten auf ihr Ergebnis. Da von den sechzehn nur acht weiterkommen, ist die Aufregung sehr groß. Dawn und Ramsay werden genommen und Linda muss draußen bleiben. So wird das Leben in der Kuppel aus zwei Perspektiven erzählt, während Linda alles mit Missgunst und Neid von draußen als Angestellte des Mission Control beobachtet und infiltriert.

Der Einzug soll ein großes Medienspektakel werden. Doch ist es bereits der zweite Einzug, das vorangestellte Team hatte die Luftschleuse geöffnet, weil eine Teilnehmerin durch einen Unfall einen Finger verloren hatte. Nach der Operation ist diese Teilnehmerin mit Einkaufstüten erneut in die Ecosphere eingezogen. Dadurch verlor das Experiment an Glaubwürdigkeit und das mediale Interesse verebbte.

Doch einige Schaulustige und Journalisten sind beim Einzug der acht neuen Bewohner anwesend. Mit freudigen Primatenrufen ziehen diese in ihre neue Heimat für die kommenden zwei Jahre ein. Sie nehmen sich fest vor, egal was passiert, dass die Schleuse geschlossen bleibt. Jeder hat nun seine Aufgabe zu erfüllen. Dawn ist für die Pflege der Tiere zuständig und Ramsay ist u.a. das Sprachrohr zu den Medien. Sie müssen von dem leben, was sie im Terrarium anbauen und ernten können. Sie haben verschieden Landschaftsformen und somit wächst auch unterschiedliche Fauna und Flora in dem großen Gewächshaus. Sie müssen sich u.a. mit Ameisen, Kakerlaken und Galagos zurechtfinden und deren wichtigen Beitrag in der Ecosphere berücksichtigen. Man kann alle möglichen Welten erschaffen und wenn diese belebt werden, kann wohl alles passieren und es kann für alle zu ungeplanten Überraschungen kommen. Die Natur verläuft gerne entgegen den Erwartungen der Wissenschaft. So werden die Nahrung und zuletzt sogar der Sauerstoff immer knapper.

Im ersten Jahr leben sich die Probanden ein und bekommen andere Gesichter nur durch eine gefängnisartige Besucherzone zu sehen. Dadurch kommt es auch zu ersten zwischenmenschlichen Problemen und Phantasien. Ramsay, der leicht sexsüchtig ist, nähert sich Dawn immer mehr. Diese unwissenschaftlichen Züge sind es, die das allgemeine Interesse am Projekt beleben werden. Denn die unwiderstehlichen Phantasien von Entblößungen, Entgleisungen und der Sex treffen stets den Nerv von Zuschauern, die zu der großen Kuppel reisen, um die Insassen zu beobachten und zu fotografieren. Das Leben hinter Glas bietet kaum Privatsphäre.

Zum Wechsel in das zweite Jahr wird Dawn schwanger. Das spaltet das Team und es kommt zu Turbulenzen. Doch es bleibt bei dem Leitspruch, dass nichts die Kuppel verlässt und nichts und niemand herein darf. Somit könnte es das erste Kind werden, das innerhalb einer künstlichen Atmosphäre zur Welt kommt. Aber genau das war ja eigentlich auch der Plan des Experiments, der Versuch des menschlichen Überlebens innerhalb eines kreierten unabhängigen Ökosystems. Die Medien fokussieren die Eltern des Kindes und diese werden berühmt. Dies zieht aber noch mehr Neider mit sich und Linda plant außerhalb der Kuppel an ihrer Karriere und ihrer Rache…

Der Roman ist ein typischer Boyle, der anhand dieses aberwitzigen Projekts unsere menschlichen Schwächen aufzeigt. Trotz des zynischen Tons fehlt mir zu Teilen etwas der typische Humor von T.C. Boyle und die Handlung hat ab und zu einige Längen. Dies ist aber jammern auf hohem Niveau, denn der Roman ist spannend und unterhält ungemein und ich habe ihn verschlungen.

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