Archiv der Kategorie: Erlesenes

Eleanor Catton: „Die Gestirne“

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Gleich den Goldgräbern in diesem Roman schürft man als Leser in den Geschichten, um die Wahrheit zu finden. Die Suche nach Gold, d.h. der Clou der Geschichte entwickelt sich und entfaltet eine enorme Sogkraft. Das Buch, das nun auf Deutsch vorliegt, wurde in der Presse bereits mit vielen Superlativen gefeiert. Dieser sehr umfangreiche Roman, der klug komponiert ist, wurde bereits mit dem Booker-Preis ausgezeichnet. Somit ist die 28 Jahre junge Neuseeländerin Eleanor Cotton, die jüngste Booker-Preisträgerin aller Zeiten.

Die Handlung spielt in Neuseeland in Hokitika Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist die Zeit des Goldrauschs. Die Stadt wuchs, als ein Spediteur die optimale Lage entdeckte und somit den Hafen und das Land belebte. Immer mehr Menschen suchen hier nach Gold, das es angeblich zu Hauf geben soll. Gerade die europäischen Einwanderer lockt das Edelmetall. Diese Greenhorns werden von den Einheimischen, die den Goldrausch bereits entmystifizierter betrachten, als Gäste, aber zu Teilen mit belustigtem Auge, aufgenommen. So auch der Schotte Walter Moody, der nach langer Überfahrt in Hokitika landet. Er logiert in einem Hotel und möchte nach der strapaziösen Reise endlich wieder flüssiges Gold zu sich nehmen und stößt im Raucherzimmer des Crown Hotels auf zwölf Männer, die sich fremdartig benehmen. Diese hatten eigentlich dafür gesorgt, dass ihre Versammlung ungestört bleibt, doch den Gast des Hotels haben sie übersehen und Walter Moody wird in rätselhafte Vorgänge einbezogen. Bei seinem Erscheinen benehmen sich alle im Zimmer sehr merkwürdig und er wird fast schon unhöflich ausgefragt, bis er das Vertrauen der zwölf Männer gewinnt. Alle dieser Männer sind auf die eine oder andere Weise in sonderbare Vorfälle verwickelt, die sich zugetragen haben: Ein Einsiedler wurde tot sitzend in seiner Hütte gefunden, eine opiumsüchtige Prostituierte hat versucht sich umzubringen und lag bewusstlos auf der Straße. Ein reicher Mann mit Goldgräberglück ist verschwunden und ein in der Stadt bekannter Säufer ist auf einmal zu Geld gekommen. Jeder der zwölf Männer scheint in diesem Netz von Geschichten und Verbrechen verwickelt zu sein. Über allem steht eine Liebesgeschichte zweier Menschen, die um sich kreisen, wie Trabanten und zusammentreffen.

Die Handlung überrascht durch die Zufälligkeiten und Schicksalswendungen. Lag die Geschichte in den Sternen? Denn die Handlung wird in zwölf Kapiteln aus der Sicht der einzelnen Charaktere erzählt und somit vermischen sich die Perspektiven und es ist nicht alles schwarz oder weiß. Einige Charaktere stehen am Ende anders da als anfänglich gedacht. Die Zahl Zwölf ist nicht ohne Grund gewählt, denn die Struktur des Romans folgt der Astrologie. Für die ausufernde Handlung hat Eleanor Catton sich den Himmel über Hokitika zur Zeit des Goldrauschs 1864 – 1868 angesehen und gedeutet. Ihre Figuren stehen für die Sternbilder oder die Planeten und Häuser. Man muss aber nicht die Sprache der Astrologie können, man benötigt keine Vorbildung, um sich in das verrückte Abenteuer zu stürzen. Die Hauptfiguren bewegen sich planetengleich auf vorherbestimmten Bahnen und die Kapitel werden gleich den Mondphasen immer kürzer. Die tatsächlichen Protagonisten sind zudem astrale Zwillinge. Das zentrale Thema ist die Liebe, die Gier nach Gold und Geld. Wahre Liebe ist unkäuflich und Geld ohne Gegenwert ist nichts wert und lieblos.

Ein Roman, der schön geschrieben ist. Man spürt die Lust der Autorin am Erzählen und Fabulieren. Als Leser schürft man mit nach Gold und der Wahrheit und verliert sich ganz in den Gestirnen…

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Yamen Manai: „Die Serenaden des Ibrahim Santos“

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Ein Roman über Menschlichkeit und Freiheit. Die Handlung spielt in einem kleinen Dorf in der Karibik. Die Menschen leben dort vom Zuckerrohr. Der Rum, der dort destilliert wird ist dank der Lage ein unglaublich sinnliches Getränk, das die Liebe zum Land und der Natur verkörpert. Die Landbevölkerung lebt abgeschieden und bekommt von der Politik des Landes wenig mit. So haben die Menschen dort auch die Revolution, d.h. den Putsch verschlafen. Da der Rum als einer der besten des Landes gilt, rückt das Dorf in das Zentrum der Wahrnehmung der Minister und wird zum Drehpunkt der nächsten Revolution. Ein Aufstand gegen die Machtgier des Diktators und seiner Handlanger.

„Revolution? Was denn für eine Revolution?“ fragte Alfonso Bolivar. „Davon weiß ich nichts“, sagte der alte Nelson und zog an seiner Zigarre. „Aber scheint so, als habe sie stattgefunden.“

Unter der heißen Sonne der Karibik wird das Dorf Santa Clara aus einer Partylaune heraus gegründet. Hier versiegt der Rum nie. Die Erde ist so fruchtbar und die altmodische Destillerie verzaubert das geerntete Zuckerrohr in einen Rum, der zum bekanntesten des Landes wird. Die Dorfbevölkerung hält fest an alten Mythen und Nachrichten werden eher aus dem Kaffeesatz gelesen. Das Wetter wird anhand der Serenaden des Ibrahim Santos vorherbestimmt. Ibrahim Santos hat diese märchenhafte Gabe die bereits seine Vorgänger hatten. Der Blick in die Zukunft mit Hilfe von Lyrik oder Musik.

Als die Politik des Landes auf den Rum aufmerksam wird, wollen alle aus der Rarität Profit schlagen. Als Abgesandte das Dorf erreichen, finden sie dort noch alles so vor, wie es vor der vermeintlichen Befreiung des Landes gültig war. Die alten Flaggen und Bilder zieren die Häuser, wobei schon längst eine Revolution das Land von der Diktatur befreit haben soll. Das Dorf wird gänzlich umgewandelt. Alles wird umgehängt, umbenannt und schnell die neue Hymne des Landes eingeprobt, damit das Dorf auch vorzeigbar wird. Der Einzug der Moderne wird nur von der Dorfbevölkerung akzeptiert, als der Bürgermeister jedem eines seiner Schweine überlässt. Der Agraringenieur Joaquin Calderon soll den Einzug der Modernisierung zum Erfolg führen. Doch als er Gift gegen Unkraut und Dünger anwenden möchte, wächst das Misstrauen der Bauern. Als auch noch das Wetter durch ein Barometer gemessen werden soll, wächst der Widerstand. Die Führer des Landes benennen Calderon als neuen Bürgermeister von Santa Clara. Seine ersten Gesetze beim Machtantritt treffen die Dorfbevölkerung hart. Man darf sich nicht mehr versammeln, die Destillerie wird gegen eine neue ausgetauscht und die Landwirtschaft soll sich nach den neuen Methoden richten. Auch das Musizieren wird verboten.

Durch diese Industrialisierung und Enteignungen der Ländereien spitzt sich das Drama zu und es kommt zu ersten Unruhen, die auch ihre Opfer fordern. Die Menschen besinnen sich ihres Rechts auf Freiheit und es kommt zu einer erneuten Revolution, denn die vorherige war lediglich ein Putsch, der nur die Machtverhältnisse, nicht aber die Umstände geändert hatte.

Der Roman wurde am Vorabend des arabischen Frühlings vom tunesischen Autor Yaman Manai geschrieben. Der Autor fühlte sich durch eine Reise durch Kuba zu diesem Roman inspiriert, als er durch ein Dorf kam, in dem absolut keine Propaganda (Plakate, Banner, Parolen) zu sehen oder hören war. Er verlegte deshalb seine Handlung an einen unbestimmten Ort in der Karibik, weil er die Zensur in Tunesien fürchtete. Sein Roman war fertig, als der Umbruch in Tunesien kam. Darauf bezieht sich sein Vorwort. Ein feiner Leseschatz, der von der Verlegerin, Bettina Deininger, aus dem Französischen übersetzt wurde.

Dieser Roman ist märchenhaft und eine Satire auf die Diktatur und Industrialisierung.

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Gerhard Henschel: „Künstlerroman“

Hoffmann & Campe Künstlerroman

Warum erst jetzt? Leider habe ich jetzt erst meinen ersten Roman von Gerhard Henschel gelesen. Er galt als Geheimtipp, doch nun erreicht er ein große Leserschaft und seine Leser fiebern stets seinen neuen Romanen entgegen. Jetzt weiß ich warum, denn ich habe viel nachzuholen – wohl seine ganze Jugend, denn es ist ein autobiographisches Romanprojekt. Gleich Karl Ove Knausgård – nur irgendwie näher an mir dran und viel, viel lustiger…

„Künstlerroman“ ist ein neuer Schlosser-Roman. Der Held der Chronik, die mit „Kindheitsroman“ ihren Anfang nahm, ist Martin Schlosser, wohl das zu Papier gebrachte Ego von Gerhard Henschel. Eine Romanserie, die sich jeweils mit bestimmten Entwicklungsstufen des Protagonisten beschäftigt. Der „Künstlerroman“ lässt sich aber problemlos ohne weitere Vorkenntnisse lesen. Man muß nicht die fünf vorherigen Romane (Kindheits-, Jugend-, Abenteuer-, Liebes- und Bildungsroman) kennen. Man möchte es nach beenden der Lektüre aber ganz bestimmt und wird sich auf die bereits angekündigte und wohl fertige Fortsetzung „Arbeiterroman“ freuen.

Wir lernen im „Künstlerroman“ Martin Schlosser als einen Studenten kennen, der sich eher treiben lässt, als das er selber weiß, was er möchte. Er hat noch keinen wahren Lebensplan. Doch kristallisiert sich dieser immer mehr in ihm heraus und eines Tages wird ihm auch deutlich werden, was er wirklich möchte. Die Handlung spielt in den Jahren 1985 bis 1988. Er studiert in Berlin Germanistik. Wenn er nicht gerade über Tschernobyl, den Historikerstreit oder die Barschel-Affäre nachdenkt, setzt er sich mit seiner anspruchsvollen Freundin Andrea auseinander und übt sich in der Kunst des Lebens.

Da seine Freundin aber in Aachen studiert und sie eher eine offene Beziehung führen, die eher sie auszunutzen versteht, möchte er ihr doch näher sein, damit er auch einen Blick auf seine Nebenbuhler hat. Also immatrikuliert er sich vorerst in Köln. Schnell findet er auch eine neue Unterkunft in einer Wohngemeinschaft mit ständig schmutziger Küche und Bad. Doch seine Herausforderung ist eher Andrea, seine Freundin. Sie überredet ihn zu Bioenergetik-Seminaren und er wandelt zwischen Bhagwan, Tantra-Kursen und spiritistischen Sitzungen, um doch zu erfahren, dass er mit ihr keine gewöhnliche Zweierbeziehung haben kann.

Gerne reist Martin meist per Anhalter durch die Republik. Mal zu seinem Freund Hermann nach Göttingen mal zu Freunden nach Oldenburg oder zurück zu seinen Eltern nach Meppen. Ferner nutzt er auch seine Freizeit, um nach Paris oder nach Madrid zu reisen. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich bei Tetra Pak, Edeka oder anderen Gelegenheitsjobs.

Man erfährt viel aus der Zeit, denn Martin liest die aktuelle Literatur und deren Kritiken in „Die Zeit“ oder dem „Spiegel“. Er hört Bob Dylan Songs und beschäftigt sich mit der Satirezeitschrift Titanic. Gleich Walter Kempowskis Tagebüchern, zu dem er Kontakt hat, baut sich aus diesen vielen netten, urkomischen, geschichtlichen und philosophischen Bausteinen seine Lebensgeschichte zusammen. Gerade der Wechsel zwischen Alltäglichem wie Bad putzen und den philosophischen Gesprächen der Protagonisten macht süchtig und unterhält auf hohem Niveau. Die sorglose Haltung Martin Schlossers auf seinem Weg zum Autor, der am Ende des Buches findet, was er möchte und seine ersten kleinen Geschichten in einem Stadtmagazin herausbringt, macht Spaß und wirkt wahrlich erlebt. Nie ist der Text überfüllt mit Erinnerungen oder Zitaten aus der Zeit, die einen ebenfalls erinnern lassen. Nie wird die Erzählung langweilig. Martin Schlosser wächst einem ans Herz und man meint ihn zu kennen, von damaligen Partys, vom Studentencafé oder man hat ihm mal als Tramper mitgenommen. Ein sympathischer Romanheld, der für mich Kult geworden ist und ich hoffe, ich finde die Zeit, um die anderen Schlosser-Romane zu verschlingen…

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Claus Probst: „Spiegelmord“

Fischer Spiegelmord

Ich hatte am Sonntag mal wieder Lust auf einen spannenden und guten Krimi. „Spiegelmord“ ist der zweite Thriller von Claus Probst. In diesem begegnen uns einige bekannte Protagonisten aus dem vorherigen Fall „Nummer Zwei“.
Es war bereits im vorherigen Roman deutlich, daß der Autor bereits mehrere Ideen für weitere Bücher Rund um die Profilerin Lena Böll in Petto hat. Diese Bücher entwickeln sich zu einer spannenden Krimi-Reihe…

Eine Spiegeltat oder ein Spiegelmord, ist eine Tat aus Rache, die einen vorherigen Täter mit seinem Tatvorgang bestrafen soll. Den Täter zum Opfer werden lässt und ihn mit seinen eigenen Taten konfrontiert und auf gleiche, d.h. gespiegelte Weise leiden lässt.

Eine junge Frau, die bereits Opfer von Vergewaltigungen war, wird erneut von ihren damaligen Peinigern auf einem Parkplatz belästigt. Unter den Tätern ist ihr Exfreund, der sie damals ausgenutzt und prostituiert hatte. Aus falscher Liebe und Scham blieb sie lange Zeit sein Opfer. Jetzt konnte sie sich befreien und geht auch regelmäßig zur Therapie. Die Belästigung wird aber von Manfred Gold beobachtet, der ebenfalls eine dunkle Vergangenheit hat, nun aber tatkräftig einschreitet und als Retter in Erscheinung tritt.

Der Fall beginnt aber mit einem brutalen Mord. Ein Mann wurde in eine Tiefkühltruhe gesperrt und, nachdem er erfroren ist, wurde ihm die rechte Hand amputiert. Bei der Vernehmung der Witwe und ihrer Tochter Karen, wird schnell deutlich, dass das Opfer eher ein Täter war. Jahrelang hat er seine Tochter Karen misshandelt. Bereits als Kind hat er sie als Bestrafung in die Kühltruhe gelegt, geschlagen und gepeinigt. Die Mutter hat stets geschwiegen und der Bruder ist im Ausland tätig. Somit fällt der Verdacht schnell auf Karen selbst. Ist Sie Opfer und Täter zugleich?

Kommissarin Lena Böll, die zu diesem Fall hinzugezogen wird, ermittelt erneut im bekannten Team und kommt ziemlich schnell zu der Schlussfolgerung, dass Karen nicht die Mörderin zu sein scheint. Unter Verdacht stehen nun alle Frauen, die in Karens Therapiegruppe sind. Alles Frauen, die misshandelt wurden und nun Patienten der Psychotherapeutin Carmen Mingus sind. Hat eine dieser Frauen Selbstjustiz geübt? Hat Carmen Mingus, die wir auch schon aus dem „Nummer Zwei“-Fall kennen, eine dazu motiviert? Wurde sensibles Wissen von einer der Frauen oder Angestellten der Praxis nach außen getragen und hat somit einen Rächer geweckt? Manfred Gold, ein ehemaliger Ganove, der nun gerne Täter einschüchtert und ebenfalls in Therapie bei Carmen Mingus war, gerät ebenfalls unter Verdacht.

Lena Böll, die Verständnis für die Taten empfindet, muss nun aber die Peiniger der Frauen schützen, denn sie vermutet weitere Morde. Aus den Monstern werden zu beschützende Opfer, denn der Mörder wird wohl weiter Rache nehmen an den Tätern, die die Polizei bisher nicht bestrafen konnte.
Lena Bölls Vermutung bewahrheitet sich. Der Ehemann einer weiteren Frau aus der Therapiegruppe wurde gefoltert und zu einem blutigen Selbstmord gezwungen.

Ein gelungener zweiter Fall nach „Nummer Zwei“. Ein spannendes Psychogramm von Opfern und Tätern. Der Autor, Claus Probst, studierte Medizin in Italien und Heidelberg und durchlief Ausbildungen in tiefenpsychologischer Psychotherapie sowie in Trauma- und Verhaltenstherapie. Er arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut und versteht es daher seinen Charakteren ein deutliches Profil zu erstellen.

Einen Abzug bekommt von mir aber die Marketingabteilung für den Umschlagstext: „Psychospannung, der Sie nicht entkommen: aktuell, bewegend, der Wahrheit verpflichtet.“ Soso, aktuell und der Wahrheit verpflichtet 😉

Das Buch ist ein gut gemachter, spannender Thriller.

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Siehe auch „Nummer Zwei

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Astrid Dehe und Achim Engstler: „Unter Schwalbenzinnen. Florenz, Frühling 1442“

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Die Autoren Astrid Dehe und Achim Engstler nehmen uns mit auf eine Reise nach Florenz in das Frühjahr 1442. Die Autoren haben wiedermal Dokumente der Vergangenheit zum Kern ihres Romans gemacht. Dies ist der erste Roman eines kommenden Romanzyklus, der aus vier Büchern bestehen wird. Alle Titel werden immer andere Protagonisten, Orte und Zeiten beinhalten. Doch der Ausgangspunkt, d.h. der rote Pfaden der Tetralogie wird das Voyniche Manuskript sein. Es ist in einer bislang nicht identifizierten Schrift und Sprache geschrieben. Sein Inhalt konnte bis heute nicht entschlüsselt werden.

Die Handlung spielt im reichen Florenz im Jahre 1442. Die Stadt hat sich durch ihr Finanzwesen und den Handel mit Wolle und Tuch zu einem der wichtigsten wirtschaftlichen und kulturellen Zentren Europas entwickelt. Die Medici beherrschen die Stadt und ihr Wort ist Gesetz. Menschen, die in ihrer Gunst stehen, können gefördert werden, Widersacher werden verfolgt oder gleich aus dem Weg geräumt.

Wir lernen Matteo kennen, einen jungen Kopisten, der für seinen Meister diverse Schriftstücke kopieren soll. Er fühlt sich durch die Vorlage in den Verfasser der zu vervielfältigenden Texte ein und schafft exakte Duplikate. Bevor sein Vater starb, hat dieser ihn auf seine Familienpflicht vorbereitet. Von Generation zu Generation wurde in der Familie ein altes Buch vom Vater an den Sohn weitergereicht. Die Sprache dieses „Libro dei C“ versteht niemand. Doch hat er von seinem Vater gelernt die fremde Sprache zu rezitieren. Es heißt, wenn der Satan kommt und die Menschheit und die Welt an sich reißen wird, offenbart sich der Text und man wird verstehen. Doch kann es Jahrtausende dauern. Bis dahin bleibt das Buch ein zu behütendes Geheimnis.

Matteo bekommt einen zusätzlichen Auftrag. Sein Meister schickt ihn zu der reichen Familie Adimaria. Jeden Tag soll er in deren Palazzo die Traumbilder der Patriziertochter Evelina aufzeichnen. Sie hat Visionen von Wurzelwesen. Pflanzen und Tieren unbekannter Herkunft. Ihre Visionen entstammen einer femininen Welt, die durch Matteos Aufzeichnungen lebendig werden. Es entstehen Wortbilder u.a. aus den Begriffen: Wurzel, Blüte, Stern und Eins, die in sich einen Kern der Einheit und Liebe verbergen. Diese Visionen sind gefährlich und stehen im Widerspruch zur Kirche und der Macht der Medici.

So lebt Matteo in einer Atmosphäre von Misstrauen und Verrat. Sein Abenteuer steht in einem unguten Zeichen und er muß auch für kurze Zeit sogar in den Kerker. Es liegt an ihm und seinem Handwerk die Visionen, die Träume der Evelina und das „Libro dei C“ zu retten…

Die Autoren haben bereits in ihrem erfolgreichen Roman „Auflaufend Wasser“ ein altes Schriftstück zum Ausgangspunkt ihrer Geschichte gemacht. Der Roman lässt uns eintauchen in die schmalen und dunklen Gassen von Florenz. Ein literarisches Buch im historischen Gewand um die Visionen und die Entstehung eines bis heute mystischen Textes…

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Zum Buch

Siehe auch „Auflaufend Wasser

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Paolo Giordano: „Schwarz und Silber“

Rowohlt Schwarz und Silber

Ein kleiner Text, der uns eine Familie vorstellt, die ihren ruhenden Pol verliert. Ein Familienleben, das sich nach dem Verlust eines geliebten Menschen neu erfinden muss.

Die Familie des Erzählers wird getragen von Signora A. Ihr richtiger Name taucht erst gegen Ende des Buches auf. Vorerst bleibt sie die Signora A. Ihren Spitznamen Babette hat sie erhalten, als sie zum ersten Mal gemeinsam an einen Tisch essen. Babette ist die literarische Anspielung auf die gleichnamige Magd von Tania Blixen. Signora A. ist Witwe, Haushälterin und Kindermädchen der Familie des Erzählers. Sie ist für alle immer da und für die werdende Familie der zentrale Kern.

Der Roman ist ein Rückblick, denn Signora A. ist tot. Sie hatte ein Krebsleiden und ist kurz vor Beginn der Handlung verstorben. In Rückschauen berichtet der Vater, wie er seine Frau Nora kennengelernt hat, wie ihr gemeinsamer Sohn Emanuele geboren wurde und über die Signora, die mit ihrer Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit und warmen Verstand das Rückgrat, der Halt der ganzen Familie wurde. Dieser Halt fehlt nun. Das Familienleben und das Paar werden auf eine harte Probe gestellt. Was hält Menschen zusammen, was trennt sie?

Das Buch spielt mit den Gedanken, was innerhalb einer kleinen Gemeinschaft passiert, wenn ein geliebter Mensch auf den sich alle immer verlassen konnten, plötzlich fehlt. Eingespielte Verhaltensweisen und Rollenmuster werden analysiert. Einfühlsam und rührselig erleben wir die Gefühle und das komplexe System innerhalb einer Familie, die sich neu ordnen muss. Der Titel spielt auf die Gefühle, der verschiedenen Temperamente des Paares an. Es geht um das Zwischenmenschliche im Alltag. Jeder hat seine eigene Ordnung und Vorstellung des Zusammenlebens. Fällt jemand heraus, kann alles aus den Fugen geraten…

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Christian Hanewinkel: „Sie suchen die Sonne“

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„Wer mehr vom Leben erwartet als die kleine Welt, kommt in der großen nie an“

039Tiere sind einfach. Sie denken nicht über das Kommende oder das Vergangene nach. Sie passen sich ihrem Umfeld an und genießen das pure Sein. Gleich einer Katze, die sich anschmiegt und schnurrt, oder einer Perleidechse, die sich auf den heißen Steinen der mediterranen Sonne räkelt.

Das Hauptthema in dem Roman „Sie suchen die Sonne“ von Christian Hanewinkel ist die Suche nach Glück. Wahres Glück und echte Liebe sind nichts Flüchtiges. Sie sind nicht oberflächlich. Das kurzweilige Empfinden dieser Gefühle können nur Momente sein, d.h. Glücksmomente, die aber gebunden sind an Umstände, Ereignisse oder Personen. Das wahre Glück liegt im Kleinen und ist frei von Bindungen und Zwängen. Echte Liebe ist eine besitzlose Liebe, die den anderen versteht und nichts verlangt.

Der Roman handelt von Benjamin Stegner, einem arbeitslosen Journalisten, der sich neu finden muss. Seine kinderlose Ehe ist zerbrochen. Seine Frau hat ihn mit seinem damaligen Vorgesetzten betrogen und hat auch ein Kind mit diesem. Stegner verliert seine Arbeit, da die Schnelllebigkeit und die Oberflächlichkeit der Medien seinen Beruf immer mehr in Frage stellen. Schlagzeilen sind keine Minute mehr wert, weil die nächste Nachricht bald schon kommt. Magazine, die sich immer mehr online ausrichten, tragen damit den guten Journalismus zu Grabe. Nachrichten sind zu einer Ummantelung der Werbeanzeigen geworden.

Benjamin steigt kurzentschlossen aus. Er flüchtet an die portugiesische Algarve und von seinem Ersparten mietet er in Tavira eine kleine Wohnung. In einer Kneipe trifft er sich regelmäßig mit Einheimischen und weiteren Aussteigern. Alle suchen das Glück, ihre Freiheit und die Liebe.

Benjamin ist zynisch und nicht bereit sich tiefgründig auf Menschen einzulassen. Für eine neue Liebe fühlt er sich nicht bereit. Dabei trifft er sich fast täglich mit der schönen Französin Cora in einem Café. Sie ist geschieden und hat einen Sohn. Für ihn ist es Freundschaft, doch möchte sie mehr von ihm. Als sie ihm eines Tages berichtet, dass sie zurück nach Frankreich gehen möchte, verstört ihn dies doch allerdings sehr. Er nimmt sein Mountainbike und fährt ziel- und planlos durch die Gegend. Er ist der Natur und Sonne gänzlich ausgeliefert und landet erschöpft und völlig dehydriert im Straßengraben, wo er sein Bewusstsein verliert.

Die Portugiesin Joana rettet ihn und pflegt ihn gesund. Sie freunden sich an und er hilft ihr den Gemüsegarten wieder aufzubauen und ihren verschwundenen Bruder zu suchen. Als er auch noch mitbekommt, dass ihr Grundstück wegen des nahegelegenen Steinbruchs abgerissen werden soll, beginnt er wieder zu schreiben. Vorerst einen naiven, sarkastischen Leserbrief. Doch erzählt Joana ihm die ganze Wahrheit?

Er findet in seinen alten Beruf zurück. Aber er findet dadurch keine Erfüllung. Er glaubt an die Macht des Wortes, das Realitäten spiegelt aber auch schaffen kann. Er möchte nicht nur Schlagzeilen liefern. Denn er ahnt, dass Leser Fließbandnachrichten satt sein werden. Er bricht abermals ab und verlässt erneut Deutschland, um letztendlich in Portugal bei sich anzukommen.

Seine Suche nach Glück ist im Titel enthalten, sie suchen die Sonne im übertragenen Sinne. Denn das Glück liegt im Vorhandenen, im Natürlichen. Er erkennt, dass Menschen ständig nach Anerkennung und Glück suchen, aber nicht merken, dass beides im ständigen Vorbeilaufen nicht zu haben ist. …

Dies ist der dritte Roman von Christian Hanewinkel. Er hat in diesen kurzweiligen Roman viel einfließen lassen, so dass man nach Beendigung der Geschichte einiges für sich mitnehmen kann. Ein Unterhaltungsroman, der zum Nachdenken anregt. Da ich mit dem Autor via Facebook befreundet bin, weiß ich, dass einiges von ihm in die Personen eingeflossen ist. Der Protagonist ist wie der Autor vernarrt in gute Musik. Musik, die er mag, improvisiert und hat echte Kunst hervorgebracht. Heute ist der Boden der Kunst geleckt. Vieles wird in der Kunst gleich den Medien für schnelle Kicks und Klicks produziert. Menschen, die sich mit etwas beschäftigen wollen, suchen die Tiefe und die echten Emotionen und nehmen sich Zeit für etwas. … Dafür gibt es Literatur und Bücher wie dieses….

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Siehe auch: Hanewinkel, Christian: „Lonesome zweisam

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Mercè Rodoredas: „Der Garten über dem Meer“

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Das vorliegende Buch ist in der Reihe „Klassische Schönheiten“ erschienen. Dies sind Neuentdeckungen, d.h. Neuauflagen schöner Klassiker, die einfach nur schön und edel sind. Diese Bücher sind bereits ein haptisches Erlebnis: Gebundene Bücher in einem Schuber, in feinem Leinen mit Fadenheftung und Lesebändchen. Das Papier ist ein weiches, dickliches und dadurch sehr schmeichelndes Papier.

Aus dieser Reihe habe ich mir Mercè Rodoredas Roman „Der Garten über dem Meer“ als erstes ausgesucht und gelesen. Das Werk entstand 1959 bis 1966 und beschreibt aus der Sicht eines Gärtners seine Hausherren und ihre Clique an Wohlgestellten, die in dem Sommerhaus am Meer sechs Sommer verbringen. Das Buch der 1983 verstorbenen Katalanin schildert den Monolog aus Klatsch und Gerüchten eines Bediensteten, der selbst in Wehmut verfällt. Er beobachtet die Annährungsversuche und Liebesbekundungen der Bourgeoisie, deren feudale und ausschweifenden Feste und deren Fall. Durch ausgelebte Aufstiegsträume und sozialen Ehrgeiz wurden Entscheidungen zu Gunsten des Wohlstands gemacht, gegen die Liebe.
Der Garten als Bild eines vermeintlichen Paradieses und das Meer, das als Kunstobjekt in der Handlung oder als Ort des Verweilens die jeweiligen Stimmungen der Protagonisten spiegelt.

„Ich habe schon immer gern erfahren, was den Leuten so alles passiert, und das nicht etwa, weil ich neugierig wäre… Eher, weil ich Menschen mag und die Besitzer dieses Hauses mochte ich sehr.“

In Sechs Kapiteln werden sechs aufeinander folgende Sommer beschrieben. Der Erzähler ist ein älterer Herr, der als Gärtner eingestellt ist und auf dem Anwesen in seinem eigenen kleinen Gartenhaus wohnt. Er ist der Liegenschaft sehr verbunden, denn er lebt jetzt dort als Witwer und hat viele Erinnerungen an dieses Grundstück, denn er hat bereits einigen vorherigen Besitzern dort gedient. Die Handlung spielt in den späten Zwanzigern in Spanien. Er schildert was er beobachtet und durch Gespräche in Erfahrung bringen konnte. In den Sommermonaten bewohnen die jungen und reichen Besitzer Francesc und Rosamaria das Herrenhaus am Meer. Sie empfangen jedes Jahr eine Clique aus Barcelona. Die Bediensteten und die Herren neiden oder leben diesen Sommertraum. Es werden ausgelassene Partys gefeiert, ein Wasserskilehrer wird eingestellt und ein Löwe sowie ein Affe beleben ebenfalls die Szenerien. Die dekadente Lebensweise lässt auch oft die Natur, seinen sorgsam und liebevoll angelegten Garten leiden. Aber nicht nur die Pflanzen bedürfen seine Aufmerksamkeit, denn der Gärtner beobachtet langsam auch feine Risse, Unstimmigkeiten und Disharmonien, die sich in der Gesellschaft zeigen.
Ein rauschendes Fest wurde wegen der Schwangerschaft Rosamarias gefeiert und doch kommt im kommenden Jahr lediglich Francesc in ehrlicher Trauer zurück, da sie das Kind verloren haben. Francesc stürzt sich in eine Affäre und seine Frau lebt in einer Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Als auf dem Nachbargrundstück auch noch eine große Villa errichtet wird und der Bauherr mit seinem Reichtum protzt, ist Missgunst und Neid bei den gehobenen Herrschaften zu beobachten.
Der Gärtner wird von einem alten Ehepaar aufgesucht, da diese in der Gegend ihren Sohn Eugeni vermuten, der damals schwor nach fünf Jahren zurück zu kommen, um bei seiner großen Liebe zu leben. Durch dieses Auftreten der Eltern von Eugeni, offenbart sich dem Gärtner die Vergangenheit von Rosamaria, die sich damals gegen die Liebe zu Eugeni und für Francesc, d.h. den Wohlstand entschieden hatte.
Ein Schatten erreicht endgültig die vermeintlich harmonische Welt am Meer als die Tochter des Nachbarn mit ihrem Verlobten auf das Anwesen zieht. Der Verlobte ist niemand anderes als Rosamarias Jugendliebe Eugeni…

Ein stimmungsvoller Roman, der eine Gesellschaft vor dem spanischen Bürgerkrieg darstellt, die sich in ihrem Kosmos verheddert. Es sind alles einsame Gespenster, die durch die verlorene oder entsagte Liebe in Wehmut verfallen und straucheln. Ein atmosphärischer, schöner fast sinnlicher Klassiker der von Roger Willemsen hoch gelobt und von ihm mit einen ausführlichen Nachwort ergänzt wird.

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Juan S. Guse: „Lärm und Wälder“

Lärm und Wälder

Ein Buch, das seinen Inhalt bereits beim Öffnen offenbart. Eine schlichte Zeichnung eines wohlhabenden Hauses als architektonischen Aufriss. Der Schutzumschlag des Buches ummantelt lediglich den unteren Teil und zeigt den Vorplatz des Hauses mit sattem, grünem Rasen. Entfernt man diesen sieht man die Bewohner, die sich in einem Schutzbunker unterhalb des Hauses aufhalten.

Ein Roman, der mit der verlängerten Gegenwart und den projizierten Ängsten spielt. Eine Flucht aus den Städten in ländliche Idylle und zurück in „Gated Communities“, also geschützte Gemeinschaften, die gut gestellten Bewohnern eine Sicherheit vor den vermeintlichen Feinden in der äußeren Welt verspricht. Lauert das Feindbild draußen? Woher stammt diese Angst vor dem Fremden? Wenn die Menschheit sich in Schutzzonen verbarrikadiert, nimmt sie ihren größten Feind, sich selbst, stets mit…

Die Handlung wird zeitlich nicht benannt, doch spielt sie in einer erdachten sehr nahen Zukunft und spiegelt die Jetztzeit mit ihrer ganzen Paranoia, Ängsten, Missgünsten, Neid und Brutalitäten. Der Handlungsort ist ein umzäuntes und streng bewachtes Wohnviertel, Nordelta, am Rande von Buenos Aires. Diese Gated Community ist keine Zukunftsvision, sondern sie existiert tatsächlich. Hier leben Pelusa und Hector bereits seit mehreren Jahren mit den Söhnen Ignacio und Henny. Alle leben in einer ständigen Anspannung und Paranoia eines nahen Ausbruchs an Gewalt aus den Randbezirken. Eine Art Vorahnung eines Weltuntergangs manifestiert sich in den Menschen, die Zuflucht in diesem Bezirk suchen, dass durch Reiterstaffeln patrouilliert wird. Pelusa selbst unterstützt ihre Schwester beim Aufbau einer freichristlichen Gemeinde, die regen Zuspruch erhält. Sie hat anfänglich dieser spirituellen, esoterischen Schönrednereien der Schwester und der Gemeindeleitung nicht viel Vertrauen geschenkt. Aber durch beständiges Berieseln durch zugestellte VHS-Kassetten in ihrem Leben bevor sie nach Nordelta zog, hat sie hellhörig und gläubig werden lassen. Hector steigert sich in seinen Wahn und sieht überall eine Bedrohung und Gefahr. Er plant den Bau eines Bunkers unterhalb des Hauses. In seiner Freizeit hilft er Alvaro, einem Freund, einen „Bug-Out-Ort“ zu schaffen. Ein altes Landhaus, das sie umrüsten und mit Nahrungsmitteln für den Notfall aufrüsten.

Auch Henny, der durch einen Unfall entstellt ist und in seinem Umfeld ein Außenseiter ist, träumt ebenfalls von einem externen Zufluchtsort. Er plant eine extremere Flucht und möchte gleich den Planeten verlassen. Für seine Mondbasis trainiert er und experimentiert an sich und seinem Umfeld mit brutaler Arglosigkeit. Er neigt zu sadistischen Quälereien an Tieren und streift nachts mit seinem Luftgewehr durch Nordelta, in dem Waffen eigentlich verboten sind.

In dieser Siedlung bleibt der Feind, die äußerliche Bedrohung, gesichtslos und wird immer nur durch Berichte und Nachrichten benannt. Die Paranoia und die Gewaltbereitschaft brodeln innerhalb der Siedlung. Die Menschen vereinsamen und steigern sich in ihre eigenen Wahnbilder hinein, was sich auch durch die eingehenden Telefonate beim Pförtner zeigt. Die Menschen außerhalb wollen anscheinend rein und sie kommen näher und klopfen ab und zu an die Fenster und Mauern. Zumindest in der Vorstellung.

In einem anderen Erzählstrang wird Pelusas vorheriges Leben in den Wäldern erzählt. Wir erfahren von ihrem Versuch eines abgeschiedenen Lebens in den Anden. Hier taucht auch zum ersten Mal der Ich-Erzähler auf, der Mann an der Seite von Pelusa. In der Abgeschiedenheit taucht ein Fremder auf, dem sie Zuflucht gewähren. Doch wächst immer mehr ein Misstrauen und der Fremde scheint tatsächlich eine dunkle Vergangenheit zu haben. Das alternative Leben entpuppt sich für die Beteiligten als keine gute Lebensweise und endet mit dem Verschwinden der schwangeren Pelusa. Sie trägt in sich, wie sich vermuten lässt, Henny, der später in Nordelta zur Welt kommen wird.

Ein Roman, der einen mit seinen realistischen und krankhaften Daseinsängsten bannt. Die überspitzten Zukunftsandeutungen sind Visionen, die aber viele gegenwartsbezogene Wahrheiten beinhalten. Ein bedrückendes Szenario voller Paranoia aber auch mit Witz und Tempo geschrieben. Man liest fiebernd bis zum Ende und möchte es nicht aus der Hand legen. Eine packende Gesellschaftsanalyse.

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Katerina Poladjan: „Vielleicht Marseille“

978-3-87134-810-5

Ein feinfühliger Roman, der von schicksalhaften Begegnungen handelt. Von der Flucht vor Erinnerungen und dem inneren, eigenen Feind. Wo ist man Zuhause, wofür lebt und kämpft man tagtäglich?

Acht Monate nach dem Tod ihres Mannes, begibt sich die Hauptprotagonistin, Ann, auf eine ziellose Flucht vor der Erinnerung. Ihr verstorbener Mann ist stets in ihr lebendig. Sie hinterlässt keine Nachricht, nicht einmal ihrem Sohn, mit dem sie zum Essen verabredet war, verrät sie ihr Vorhaben. Salzburg ist die erste Etappe ihrer spontanen Flucht. Hier trifft sie auf Luc Gaspard, einen Kommissar aus Marseille. Luc soll in Salzburg seine Antrittsrede halte. Er macht Karriere und bekommt mehr Verantwortung und wechselt demnächst zu Europol, um auf internationaler Ebene zu arbeiten. Er ist also auf Dienstreise, während seine Frau mit den beiden gemeinsamen Kindern in Marseille auf ihn wartet. Seiner Ehe fehlen die Flucht aus dem Alltäglichen und die Innigkeit. Seine Frau Miyu erhofft sich viel von dem baldigen Umzug für sich und ihre Ehe.

Luc hält seine Rede nicht und hadert mit dem Kommenden. Er reist wieder ab und mit ihm fährt Ann, eigentliche Annerose. Beide begeben sich auf eine Reise, die sie von dem wegbringt, was eigentlich ihr Leben war und vielleicht nach Marseille führt.

Es ist ein stiller, melancholischer Ausbruch, der seine Kreise zieht, denn betroffen sind die Menschen, die den beiden nahe stehen und sich um diese sorgen. Theo, der Sohn von Ann, wartete im Restaurant auf diese und konnte gerade noch sein Wasser zahlen, denn eigentlich hätte sie eingeladen. Er kann sie nicht erreichen und macht sich um ihren Verbleib Sorgen, da ebenfalls auch ein Makler zu ihm Kontakt herstellt, der das Elternhaus verkaufen soll. Er versucht es immer und immer wieder und als eines Tages Luc unbedacht an Anns Handy geht, macht auch Theo sich auf den Weg nach Marseille und wartet mit Miyu auf die Verschwundenen.

Ein Roman, erzählt von sechs Tagen im Leben dieser vier Menschen. Von ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten. Wie einfach es ist, das Gefüge zu durchbrechen und große und kleine Erschütterungen zu verursachen. Es sind schicksalhafte, tragische und komische Begegnungen der Protagonisten, die ihren gewohnten Verlauf dadurch verlassen und zu Teilen sich selbst mit ihren Ausbrüchen überraschen. Zwei sind es, die bleiben und warten, zwei sind es, die verschwinden…

Der letzte Tag, Sonntag, der Tag, an dem alles zur Ruhe kommen soll, bleibt unbeschrieben und hinterlässt ein offenes, aber auch ein umspannendes Ende.

Katerina Poladjan, 1971 in Moskau geboren, kam als Kind nach Deutschland. Sie arbeitet als Schauspielerin und Autorin. 2011 erschien ihr vielgelobter Debütroman „In einer Nacht, woanders“, den ich auch schon sehr gerne gelesen hatte. Mit „Vielleicht Marseille“ war sie für den Alfred-Döblin-Preis nominiert, ebenfalls wurde sie zum Ingeborg-Bachmann-Preis nach Klagenfurt eingeladen.

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