Archiv der Kategorie: Erlesenes

Matthias Engels: „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“

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Ein historischer, literarischer Spaß, der sich mit zwei gegensätzlichen Autoren beschäftigt. Die Handlung beginnt kurz nach Neujahr 1882 und der junge Oscar Wilde betritt in New York Harbor eine neue Welt. Knut Hamsun schifft in Bremerhaven ein und macht sich auch auf den Weg nach Amerika. Oscar Wilde, bereits berühmt, tritt eine umfangreiche Vortragsreise an und wird in den amerikanischen Großstädten begeistert empfangen. Auf Knut Hamsun dagegen wartet niemand.

Hamsun, der damals noch Knut Pedersen hieß, träumte von einem Leben als Schriftsteller. Doch sein erhofftes Bild von den USA und seiner Karriere wird durch die Realität ernüchtert. Statt mit Literatur verdient er sich den Lebensunterhalt mühsam mit Gelegenheitsarbeiten.

Ein biographischer Roman, der mit Fakten spielt und ein lesenswertes Panorama der damaligen Zeit und Literatur beschreibt. Der Roman erzählt episodenhaft und kurzweilig aus den stets wechselnden Perspektiven der Protagonisten, die sehr gegensätzlich waren und gänzlich andere Lebensweisen hatten. Hamsun, der lange unbekannt war und hart arbeiten musste um sich die Rückfahrt nach Norwegen leisten zu können, steht dem dandyhaften Iren gegenüber, der berühmt war und sich feiern ließ. Der biographische Roman enthüllt aber auch Parallelen der Literaten. Beide eint u.a. die Liebe zur Kunst und ihr jeweiliges Werk hat im heutigen Kanon der Weltliteratur noch ihre Gültigkeit.

Für beide beginnt die große schriftstellerische Karriere erst nach der Rückkehr in ihrer jeweiligen Heimat. Bald gehört Wilde zur europäischen Avantgarde und Hamsun erhält sogar den Literaturnobelpreis. Doch Ruhm ist vergänglich und beide erleben existentielle Schattenseiten kennen. Wilds Homosexualität lässt ihn die Macht der Presse und der Gesellschaft spüren. Hamsun erlebt, trotz wachsenden Ruhms und der Verleihung des Nobelpreises 1920, zunehmende Vereinsamung und Entfremdung. Hamsun verstrickt sich ins Politische gerade durch seine Haltung zum Nationalsozialismus. Beide Schriftsteller sterben geächtet und verbittert.

Engels lädt den Leser ein, sich mehr mit den beiden Schriftstellern zu befassen. Man kennt beide Biographien, verfolgt dennoch gebannt den Verlauf dieser Geschichte, die auch ein tolles Portrait der damaligen Zeit und deren Errungenschaften ist.

Der Autor, ebenfalls Buchhändler, hat sich in anderen Werken schon mit Persönlichkeiten der Literatur beschäftigt. Er nähert sich diesen gekonnt und mit viel Feingefühl. Ein Roman, der sich durch die kurzen Passagen sehr kurzweilig und unterhaltsam liest. Als Leser kommt man diesen unterschiedlichen Menschen sehr nahe.
Die Kapitel beginnen neben den Ortsangaben mit Logbucheinträgen, ergänzt durch Datum und Wetter, die eine Stimmung passend zum folgenden Kapitel und Protagonisten aufbauen. Ebenfalls werden kurze Einblicke in das Zeitgeschehen des 19. Jahrhunderts mit deren großen Erfindern, Entdeckungen und Künstlern geboten, die niemals von der eigentlichen Geschichte ablenken, sondern diese gekonnt ergänzen.

„Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“ ist eine lohnenswerte Reise.

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Thees Uhlmann: „Sophia, der Tod und ich“

Sophia, der Tod und ich Kiepenheur

Für mich ist der Roman jetzt schon ein Kultbuch! Thees Uhlmann, der Autor, ist sonst besser bekannt als Musiker. Er ist als Solokünstler unterwegs aber auch Gründungsmitglied und Sänger der Band Tomte. Jetzt tritt er in die Fußstapfen von Sir Peter Alexander Baron von Ustinov, der Gott und den Teufel alias „Der alte Mann und Mr. Smith“ auf die Menschheit losgelassen hat.

In Uhlmanns Debutroman gibt sich der Tod die Ehre und bringt ordentlich Leben in die Bude. Was passiert, wenn eines Tages eben jener bei einem klingelt und sagt, dass man nur noch wenige Minuten zu leben hätte?

Beim Ich-Erzähler, einem melancholischen – fast schon kaputten Typen, klingelt es an der Tür. Schon das Öffnen der Wohnungstür und das, was man vom bevorstehenden Treppenhaus erwarten kann, wir hier zelebriert. Einige mögliche Verläufe des Öffnens werden im Kopf des Erzählers durchgespielt. An der Schwelle steht der Tod, der ihn abholen soll. Als blöden Scherz empfunden, knallt der Erzähler dem eigentlich noch nicht erwarteten Gast die Tür vor der Nase zu. Beim Pinkeln materialisiert sich der tatsächliche Tod aber wieder und sitzt am Badewannenrand. Es verbleiben nur noch drei Minuten, dann müssen sie nun wirklich los…

Doch kann unser Held dem Tod vorerst von der Schippe springen, denn es klingelt erneut an der Tür und Sophia tritt ein. Wenn der Tod bereits bei einem klingelt liegt es nahe, daß man seine bevorstehenden Verabredungen vergessen könnte. Sophia ist seine Ex-Freundin, die er lange bekniet hatte ihn bei dem Besuch seiner Mutter zu begleiten. Da Sophia noch nicht zu den baldigen Kunden des Todes gehört, kann dieser vorerst nicht eingreifen und erlebt seinen ersten „Urlaub“. Es entsteht ein unglaublich lustiger Road-Trip über den Besuch der Mutter bis ganz in den Süden zum Sohn des Hauptprotagonisten, den dieser noch einmal sehen möchte. Er hat seinem Kind seit sieben Jahren jeden Tag Postkarten gesendet und nur sporadische Antworten zu besonderen Anlässen bekommen – diese aber lediglich von der Mutter verfasst.

Die Geschichte ist unglaublich witzig, schräg und mit tollen Dialogen gewürzt. Der Stil ist ungewöhnlich und die Dialoge als Drama geschrieben. Mir hat das Buch sehr viel Freude gemacht, denn neben den urkomischen Sätzen und der abgedrehten Geschichte verbergen sich auch leise, melancholische Töne.
Ein aberwitziges Buch und ich habe mich sehr gefreut, daß Gérard Otremba von Sound & Books ebenfalls in dem Roman ein Kultbuch erahnte.

Also: Buch kaufen, aufschlagen, lesen und einfach kluge Unterhaltung und viel Spaß haben. Froh sein, wenn es an der eigenen Tür noch nicht klingelt…

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Irmgard Kramer: „Am Ende der Welt traf ich Noah“

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Ich habe am Sonntag mal wieder ein Jugendbuch gelesen: „Am Ende der Welt traf ich Noah“. Ein Roman für junge Leser (ab 14 Jahren), die Lust haben sich auf eine kleine emotionale Reise zu begeben.

Ein Roman, den man bis zu den letzten Sätzen lesen muß, um wirklich die ganze Handlung zu verstehen, denn sehr gekonnt werden einige Anspielungen oder mögliche Verläufe angeboten. Als Leser wird man in die Handlung hineingezogen und rätselt mit, was wohl die wirkliche Geschichte in der Handlung sein mag.
Wenn man aber aufmerksam liest, erahnt man gleich zu Beginn die Hintergründe und den tatsächlichen Handlungsort…
Der Text ist durchwoben mit zahlreichen Anspielungen auf Literatur, die sich mit Grenzerfahrungen beschäftigt. Ferner tauchen stets Symbole auf, die aus Fabeln oder anderen Märchen gefallen zu sein scheinen.

Die Heldin des Buches, Marlene, sieht einen roten Koffer und wird von diesem angezogen. Ihre Eltern sind mit ihr in Italien zu medizinischen Kongressen. Als sie diesen Koffer genauer in Augenschein nimmt, stolpert sie kopfüber in ein Abenteuer. Die eigentliche Besitzerin sollte dort abgeholt werden und ist wohl nur kurz mal weg gegangen. Schon wird Marlene für diese gehalten und findet die Möglichkeit sehr verlockend, in eine fremde Rolle zu schlüpfen. Sie wird zu Irina Pawlowa und sie soll in einem sehr abgelegenen Haus einem vorerst sehr ablehnenden Jungen Schwimmunterricht geben. Das Haus, eher eine alte, marode Villa, wird von weiteren Personen belebt. Einer Nonne, einem Koch und dem Hausmeister, d.h. dem Gärtner. Alle verbringen einen Sommer fernab der Zivilisation. Es gibt kein Telefon, kein Internet und keine Verbindung nach draußen. Der junge, Noah, ist blind und scheint schwer erkrankt zu sein. Immer wenn er die magische Grenze, die um das Haus zu sein scheint, überschreitet, bricht er körperlich zusammen. Doch möchte er ebenfalls frei sein und bittet Marlene, d.h. Irina mit ihm zu fliehen.

Marlene verliebt sich in ihn und möchte alles für ihn tun. Doch hat sie Angst, ihn über die schützende Mauer zu bringen, denn was ist es, was ihn draußen so krank macht? Wird er von jemandem vergiftet?
Als sie fliehen können, wendet sich alles und die Rollen und die Bilder verwischen sich immer mehr. Sind alles nur Träume? Was passiert mit Marlene? Wer ist Noah? Können sie ihre Liebe halten und sich weiterhin mit ihrem Herzschlag beruhigen? Warum werden sie gejagt und vom wem? Ebenfalls scheint es wichtig zu sein, endlich die geheime Kammer im Koffer zu öffnen, damit Marlene endlich versteht, besonders wer Irina ist.

Das Buch liest sich spannend. Es ist ab und zu etwas mit Metaphern und Kitsch überladen. Es sind Bilder, wie zum Beispiel der Koffer mit seiner verschlossenen Kammer, Schwimmen, als Bild der Freiheit, Geburt etc. Ebenfalls treffen wir auf Seelentiere und weitere religiöse, d.h. spirituelle Anspielungen. Es ist ein Buch voller Herz im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe aber über diese Fülle hinweggesehen, denn etwas Kitsch ist doch irgendwie auch wieder schön…

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Péter Gárdos: „Fieber am Morgen“

Hoffmann und Campe Fieber am Morgen

„Es gibt keine andere – entweder sie, oder ich sterbe.“

„Fieber am Morgen“ erzählt eine Liebesgeschichte von Überlebenden, die sich lediglich durch ihre Briefe kennen lernen.
Eine wachsende Liebe im Hintergrund des Grauens, denn es sind zwei Menschen die durch den Schrecken gegangen sind und sich dennoch ihre Gefühle und ihre Naivität bewahrt haben. Beide kennen sich nur durch ihre Worte und kommen sich durch diese immer näher.

Péter Gárdos erzählt die rührende Geschichte seiner Eltern, die sich 1945 in Schweden durch ihre Briefe kennen und lieben lernen.
Der junge Ungar Miklós hat das Vernichtungslager in Bergen-Belsen überlebt. Er wird gleich vielen anderen, die überlebt haben, nach Schweden gebracht. Er ist nur noch Haut und Knochen und seine Zähne wurden ihm bereits fast alle während eines Verhörs ausgeschlagen. Jetzt kommt er in Schweden todkrank an und der behandelnde Arzt gibt ihm nur noch sechs Monate zu Leben. Miklós lebt von nun an in einem Genesungsheim, aber schmiedet seine eigenen Pläne.

Er findet heraus, dass 117 junge Frauen aus seinem Heimatort auch nach Schweden gebracht wurden. Sein Wunsch ist es zu heiraten und er schreibt an alle diese Frauen immer denselben Brief, bei dem er nur die Anrede verändert. Diese Frauen leben gleich ihm in Erholungsheimen.
Unter den eintreffenden Antworten befindet sich ein Schreiben von Lili und Miklós weiß sofort, dies ist seine Auserwählte.

„Wie viele haben geantwortet?“ „Beinah zwanzig.“ „Willst du jeder von ihnen zurückschreiben?“ „Sie ist die Richtige“, antwortete Miklós. „Und woher weißt du das?“ „Ich weiß es einfach.“

Fortan schreiben Sie sich Briefe und werden sich auch immer vertrauter. Ihre Mitbewohner unterstützen sie, aber ein erhofftes Treffen gestaltet sich schwierig. Es müssen noch einige Hindernisse überwunden werden und Miklós darf nicht sterben…

Trotz der ernsten Vorgeschichte, d.h. dem Hintergrund, kristallisiert sich eine zarte und schöne Liebesgeschichte heraus. Ein Roman, so viel sei verraten, mit Happy End, denn sonst hätte Péter Gárdos diese Geschichte, in der er als Ich-Erzähler auftritt, wohl auch so nicht aufschreiben können.

Über das Buch wird und wurde bereits viel geschrieben. Der Autor, der bisher nur in seiner Heimat als Filmemacher einen Bekanntheitsgrad erlangt hat, erzählt in diesem Debut die Geschichte seiner Eltern. Das Manuskript kam auf klassische Weise zu den Verlagen und erscheint nun auf Deutsch.
Der Verlag Hoffmann und Campe hat den Titel bereits uns Buchhändlern in seinen Vorschauen angekündigt, als noch nicht einmal der Umschlag fertig war. Der Verlag erhofft sich wohl zu Recht sehr viel von dieser Publikation und hat sogar den eigentlichen Erscheinungstermin etwas vorgezogen.

International ist der Roman bereits ein Erfolg und wird vom Autor bereits fürs Kino verfilmt.

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Eva Ladipo: „Wende“  

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In dem spannenden Roman geht es um die Energiewende und um deutsch-deutsche Geschichte. Beide Wenden scheinen zumindest in diesem Buch sehr eng miteinander verknüpft zu sein.

Eine nicht ganz abwegige Geschichte, die sehr realistisch Fakten und Fiktion verknüpft. Tatsächliche Ereignisse untermauern das Gedankenspiel der Autorin, die politische Wissenschaften studierte, über das russische Steuersystem promovierte und als Journalistin tätig ist. In ihrem Debut wird ein Spannungsbogen rund um die aktuellen Fragen der Energiewende aufgeworfen. Warum die Kanzlerin, die stets pro Atom war, sofort gänzlich aussteigen möchte. Warum ein Ministerpräsident, dessen Name im Roman umgewandelt wurde, die erste rot-grüne Koalition gründete, wobei er vorher lieber die Grünen mit Dachlatten verprügelt hätte.
Der Protagonist, ein junger Jurist, stößt bei seinen Recherchen auf alte Stasiagenten und weitreichende Verschwörungen, die die Politik und Wirtschaft gelenkt, beeinflusst und ausgenutzt haben. Denn wer profitiert letztendlich von der Wende?

Am Anfang des Romans lernen wir Martin Jäger kennen, der für die ReAG-Atom arbeitet und von seinem Beweis seiner Verschwörungstheorie eingeholt wird. Er wird in seinem Elternhaus überfallen und mit seinem eigenen Gürtel erhängt, damit es wie ein Selbstmord aussieht. Ihm und seinen Kollegen der ReAG wurde gekündigt und alle denken, dies sei einer der Gründe seines Freitodes.

René Hartenstein, ein junger Ostdeutscher, hat im Westen sein Glück gefunden. Nach seinem Jurastudium folgt er seiner Freundin nach Frankfurt und macht als Jurist Karriere in der Energieindustrie. Dann kommt es in Fukushima zur Kernschmelze und Deutschland steigt aus der Atomkraft aus und ihm wird ebenfalls gekündigt. Sein befreundeter Kollege Martin Jäger, der sich mit ihm am Abend seines Todes noch treffen wollte, hat sich auf seinem Dachboden erhängt. René geht Martins offene Termine durch, um diese abzusagen. Dabei stößt er auf Anna Smoktum, bei der Martin anscheinend ein Vorstellungsgespräch hatte. Sie bietet nun René diese Stelle in ihrem Investmentfond in London an. Er sagt zu, beginnt aber in ihrer Vergangenheit zu recherchieren, denn ihren Namen verbindet er mit einem Verdachtsfall aus der Wendezeit. Denn woher hatte sie das Startkapital für ihr sehr vermögendes Unternehmen?

Er sucht in den Archiven der Stasi. Doch diese beinhalten lediglich die Protokolle der Vorgänge, die bereits abgeschlossen waren. Die Unterlagen der laufenden Untersuchungen wurden in letzter Minute nach dem Mauerfall vernichtet. Doch gibt es durch die Digitalisierung die Möglichkeit, die per Hand zerrissenen Papiere wieder zu rekonstruieren.

Beruflich hat René Erfolg bei dem Investmentfond, das sich sehr gewinnbringend die Energiewende zu Nutzen macht. Nebenbei dringt er immer tiefer in die Vergangenheit seiner Gönnerin, der er trotz ihres Alters auch zu verfallen scheint. René begreift, daß Anna Smoktums Geschichte mehr ist als deutsch-deutsche Geschichte und er stößt auf Geheimnisse der Energiewirtschaft, die anscheinend nicht nur Martin Jäger das Leben gekostet haben.

Ein lesenswerter Roman, der einen tollen Spannungsbogen und glaubhafte Charaktere beinhaltet. Das Buch lässt sich sehr zügig lesen und bietet spannende, kluge und kurzweilige Unterhaltung. Die Geschichte hinterlässt durch ihre realen Bezüge einen bitteren Beigeschmack…

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Fuminori Nakamura: „Der Dieb“

Diogenes Nakamura Der DiebEin intensiver Roman, der uns packt, nach Tokio schleift und durch die Straßen der Metropole jagt. Es ist ein literarisches Werk, wird als Thriller gefeiert und ist doch wohl etwas mehr als ein herkömmlicher Kriminalroman. Es ist die verstrickte Welt der Klein- und Großkriminellen mit ihren noch zahmen Anfängen einer Robin-Hood-Ansicht bis hin zur brutalsten Kaltblütigkeit der Mafia. Ebenso erleben wir eine Welt, in der für japanische Literatur typische Traumbilder, Katzen und dunkle Türme, die Szenerien ergänzen.

Der Ich-Erzähler lebt von geschicktem Taschendiebstahl. Sein Revier sind die belebten Straßen Tokios und die überfüllten U-Bahnzüge. Er hat sein Handwerk perfektioniert. Ein kleiner Schubs im Gedränge und mit gezieltem Griff stiehlt er fast schon kunstvoll das Portemonnaie eines ausgesuchten Opfers. Doch sind es stets reiche Menschen, die er sich aussucht. Anhand der Kleidung und Marken erkennt er den Mann oder die Frau von Welt, die er bestiehlt. Gerne auch Männer, die in den Wagen der U-Bahn Frauen belästigen. Die Portemonnaies wirft er nach deren Entleerung in Briefkästen, damit diese von der Post an die Besitzer zurückgeführt werden.

Wir erfahren, dass er wieder in Tokio ist, die Stadt also für eine gewisse Zeit gemieden hatte. Jetzt ist er ein Einzelkämpfer. Früher hat er mit Ishikawa zusammengearbeitet. Sie waren ein perfekt eingespieltes Team und Ishikawa war wie ein Vorbild, ein Idol, dem er nacheiferte. Ihre gemeinsamen Streifzüge machten sie meistens am Wochenende, denn an Werktagen musste Ishikawa das Telefon und eine Art Rezeption einer Briefkastenfirma besetzt halten.
Das letzte Mal, als er Ishikawa gesehen hatte, wurden sie genötigt einen vermeintlich einfachen Überfall für Kizaki, einem Mafiamitglied, durchzuführen. Seit diesem Einbruch, der in der Politik und Wirtschaft für Unruhe sorgte, ist Ishikawa verschwunden.

Als der Ich-Erzähler beim Einkaufen eine Mutter mit ihrem Sohn beim Stehlen beobachtet und diese warnt, als sie von den Kaufhausdetektiven beobachtet werden, wird er für das Kind eine Bezugsperson und später auch eine Art Lehrmeister. Doch will er die Frau und das Kind auch schützen und aus der kriminellen Welt fernhalten, was ihm zum Verhängnis wird, denn seine dunkle Vergangenheit holt ihn ein.

Die Beziehung zu dem kleinen Jungen, der in ihm eine Vaterfigur sieht, macht ihn erpressbar und abermals wird er von dem Großkriminellen genötigt, seine Künste als Taschendieb für diesen einzusetzen.

Ein Roman mit einer dunklen, einsamen Geschichte eines kleinen Diebes, der in die Fänge der Mafia gerät und durch seine Sehnsucht nach Menschlichkeit verletzlich wird.

Ich mag Romane aus Japan. „Der Dieb“ ist unglaublich fesselnd und das Schicksal der Protagonisten hat mich sehr in seinen Bann gezogen. Sehr spannend sind die Verstrickungen und Beweggründe, die von langer Hand gelenkt und inszeniert wurden, und die die Frage nach Schicksal, Zufall und Macht sowie Machtlosigkeit und Einsamkeit aufkommen lassen. Das Buch verklingt nicht einfach so und das Gefühl dieser gelenkten Willkür bleibt bis zum verstörenden Ende…
Ein Roman, als hätten sich Lehane und Murakami zum Schreiben verabredet und uns zusammen in ihre jeweiligen Welten eingeladen…

Ein beeindruckender Roman. Ich hoffe, es werden noch mehr Werke von Nakamura ins Deutsche übersetzt.

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Zeruya Shalev: „Schmerz“

Berlin Verlag Shalev Schmerz

Wiedermal hat Zeruya Shalev einen Roman geschrieben, der gänzlich in die Tiefe geht, der sich sprachlich abhebt und beim Lesen eine bannende Stimmung aufkommen lässt. Es ist die Sprache, die fesselt und einen in der Handlung vorantreibt. Eine kluge, tiefgründige Studie menschlicher Empfindungen, Wünsche und Schicksale. Ein Roman über Liebe und Wunden. Beide können Schmerz verursachen. Schmerz, der seelisch ist, kann körperlich werden und körperlicher Schmerz kann seelischen Schaden hinterlassen.

Es ist wieder ein sehr persönliches Buch, denn Iris, die Protagonistin überlebt einen Terroranschlag. Sie hatte gerade ihre Kinder zur Schule gebracht. Eigentlich sollte ihr Mann die Kinder bringen, doch er musste in seine Firma, ausnahmsweise so früh am Morgen. Als sie wieder auf dem Heimweg ist und einen Bus überholen möchte, wird dieser durch einen Attentäter gesprengt und reißt viele in den Tod.
Zehn Jahre später lebt sie in ihrer Karriere auf und leitet eine Schule. Ihre Kinder sind erwachsen und die Tochter verlässt bereits das Elternhaus. Iris ist zwar in ihr altes Leben zurückgekehrt, doch leidet sie unter unerträglichen Schmerzen. Ihr Mann steht ihr immer zur Seite, doch ist es ein unterkühltes Miteinander. Sie leben zusammen, aber bleiben auch jeder für sich. Gerade als die Tochter auszieht, übernachtet Iris immer häufiger in dem Kinderzimmer.

„Die Privatsphäre für jeden Einzelnen haben sie gewonnen, doch sie haben es nicht geschafft, die Gemeinschaftsbereiche mit Leben zu füllen…“

Ihr Leben gerät immer mehr ins Straucheln, als sie in der Klinik von einem Schmerztherapeuten untersucht wird. In ihm erkennt sie ihre damalige große Liebe, Eitan. Er war die Liebe ihrer Jugend. Sie stand ihm damals rührend zur Seite, als er sich um seine sterbende Mutter kümmerte. Als diese verstarb, wollte er einen Neubeginn machen, in der für Iris kein Platz war.
Diese Wunde, die Eitan ihr damit zugefügt hat, schmerzt sie gleich der körperlichen, die ihr der Selbstmordattentäter zugefügt hat. Doch fühlt sie sich erneut von ihm angezogen. Sie versucht für sich auszuloten, was und wo ihre Liebe ist. Sie entflieht der Ehe. In ihr nagt auch das Ungewisse: warum hat sie damals die Kinder zur Schule gebracht und nicht, wie sonst ihr Mann? Warum musste er genau an jenem Tag früh aus dem Haus?

Ein tiefgreifendes Psychogramm. Shalev ist eine genaue Beobachterin und unglaublich tolle Autorin. Viele Sätze möchte man unterstreichen und bewahren. Ein Buch über Emotionen, Schmerz, Liebe und deren Wunden.

Wiedermal ist es Shalev gelungen, die verwundete Seelenwelt einer Frau zu schildern, die wohl vieles ihrer eigenen Biographie in sich birgt. Das Attentat, das sie selbst überlebte und ihre Mutter, die immer von ihrer großen Liebe, die nicht ihr Vater war, schwärmte. Was passiert, fragt sich Shalev, wenn man dieser erneut begegnet und verfällt?

Ein sehr lesenswerter Roman, der sprachlich sowie inhaltlich sehr zu fesseln weiß. Erneut aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler (Hila Blum, Ahorn Appelfeld und Amos Oz)

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Farina de Waard: „Zähmung – Das Vermächtnis der Wölfe“

Zähmung

Ab und zu, wenn der Herbst naht, verspüre ich Lust auf fantastische Welten. Welten und Geschichten, in die man eintaucht und gänzlich in ein naturverbundenes, magisches Umfeld versinkt.

Wir hatten neulich das Glück und durften Farina de Waard kennenlernen. Sie ist fasziniert von der Natur und deshalb spielt auch die Verbundenheit zur Umwelt eine tragende Rolle in ihren Büchern.
In ihrem Debutroman „Zähmung – Das Vermächtnis der Wölfe“ erleben wir eine Welt, die mit unserer Welt verbunden ist. Diese Welt nennt sich Tyarul und sie ist ganz nah bei uns, doch können wir diese nicht sehen oder betreten. Nur wer eines der wenigen Portale zwischen den Welten betritt, kann zwischen den Welten wandeln.
Tyarul ist ein wildes, grausames Land, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint oder anders verläuft. Es ist eine Welt voll von schöner Natur, magischen Steinen, Zauberern, Menschen und fremdartigen Wesen, die in mittelalterlichen Siedlungen und Städten hausen.

Der Roman beginnt in unserer Welt. Eine Frau, die ein Bündel an sich gepresst hält rennt durch einen U-Bahn Tunnel und wird von altertümlich bewaffneten großen Menschen verfolgt, die sie letztendlich auch stellen und töten. Im Bündel befindet sich aber nicht das gesuchte Mädchen, die Mutter konnte es wohl noch in Sicherheit bringen…

Das Mädchen Sina scheint jemand besonderes zu sein, denn die Tyrannin Zayda und Herrscherin von Tyarul setzt alles daran, sie zu finden. Mazuk, ihr Häscher, jagt seit Jahrzehnten die zerstreuten Rebellen – seit er vor vielen Jahren das gesuchte Kind der Magierin Ithilia verlor. Seine Spur führt ihn über Paris nach Hamburg. Er tötet ihre Zieheltern und entführt sie nach Tyarul.
Sina landet nach ihrer Entführung in einer ihr fremden Welt und wird in ein unmenschliches Verlies gesperrt. Mit Hilfe weiterer Rebellen kann sie entkommen und nachdem sie sich mühsam in die mittelalterliche Welt einleben und von ihren Verletzungen erholen konnte, eröffnet sich ihr langsam ihr wahres Schicksal: Sie soll die auserwählte Magierin „Zenay“ sein, die Retterin der Welten…

Dieser Auftakt hat mich gefesselt. Gerade durch die liebevollen Beschreibungen und trotz der gängigen Fantasybilder war vieles anders und neu. Die Heldin, die anfänglich stets zweifelt und gegen ihre Ängste zu kämpfen hat, erinnerte mich an die großen Werke von Stephen R. Donaldson. Die Naturverbundenheit der Autorin glänzt immer wieder durch in dieser Welt voller Magie und Wunder.

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Celil Oker: „Lass mich leben, Istanbul“

Unionsverlag Lass mich leben, Istanbul

Wieder ist es einem Kriminalroman gelungen, in mir Fernweh zu erwecken, denn was ich besonders an Krimis mag, sind meistens die Schauplätze. Im Buch „Lass mich leben, Istanbul“ wird man als Leser förmlich durch die Viertel, Gassen und Straßen von Istanbul getrieben. So ist auch eine der wichtigsten Rollen im Buch die Stadt selbst.

Als Ermittler taucht erneut Remzi Ünal auf („Schnee am Bosporus“ u.a.). Der jetzige Privatdetektiv war vor längerer Zeit Pilot bei der Luftwaffe und dann bis zu seiner Kündigung bei Turkish Airlines beschäftigt. Der ehemalige Kapitän und angehender Schwiegersohn – sofern er seine Angebetete anruft – schlägt sich jetzt mehr oder weniger erfolgreich als Privatdetektiv durch. Wir lernen ihn als einen einsamen, nikotinsüchtigen Kaffeeliebhaber kennen. Er lebt in einem schäbigen Hotel, dessen Namen er sich nicht traut zu sagen, weil es ihm sehr peinlich ist, dort zu wohnen. Dabei würde wohl ein einziger Anruf bei seiner Freundin reichen, damit er wieder zurück könnte…

Morgens wird Remzi Ünal erst richtig zu einem Menschen, wenn er guten Kaffee oder türkischen Mokka getrunken hat. Im Café, in dem er sein Morgenritual durchführt taucht ein junger Internist auf, der seine Freundin vermisst. Sie ist Krankenschwester und seit Tagen verschwunden. Er hat seine Beziehung mit ihr vor dem Kollegium des Klinikums geheim gehalten, daher bittet er Remzi um Hilfe.
Als Remzi den Fall übernimmt und in der Klinik nachfragt, wird er bereits von einem Irren mit einem Skalpell bedroht. Als er eine Freundin der Vermissten aufsucht, findet er nicht nur die Freundin sondern eventuell auch die Gesuchte, die aber im Trubel verschwinden kann, denn in der Wohnung liegt im Schlafzimmer ein toter junger Arzt.
Alles beginnt aus dem Ruder zu laufen, als auch noch drei Schlägertypen auftauchen, dessen Anführer sich, wie sich etwas später herausstellt, als ein Bandenchef ausgibt, für den er selbst eigentlich ab und zu arbeitet.
Als der Fall sich etwas zu entwirren scheint, wird erst deutlich, in was für ein Wespennest gestochen wurde, denn eine ominöse Klinik behandelt mit zweifelhaften Methoden Patienten gern auch aus dem kriminellen Umfeld.

Die Verwicklungen steigern sich laufend und der Krimi liest sich zügig und macht Spaß. Mit leichtem Witz, Sarkasmus und einem bösen Blick auf die Korruption der Gesellschaft. Ab und zu etwas übertrieben, besonders dann wenn Remzi Ünal sich körperlich zur Wehr setzen muss und auch bei überzähligen Angreifern als Held hervorgeht. Das Ende erinnert etwas an Agatha Christie, denn alle Beteiligten treffen sich und der Fall wird in dieser Runde letztendlich gelöst.

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Henning Schöttke: „Luxurias Glück“

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Plötzlich stand Henning Schöttke bei uns im Laden. Er wollte uns „Gula“ („Gulas Menü“ sein erster Roman) vorstellen. Seit diesem netten Besuch sind wir gut befreundet und ich habe daher auch die Ehre gehabt mir seine Arbeitsplätze und seine Struktur hinter seinen Romanen anzusehen.
Im dritten Roman, seiner Roman-Reihe begleitet Henning erneut eine Frau auf ihrem Lebensweg.
Die Romane sind innerhalb des „Todsünden-Zyklus“ eingebunden, können aber jeder für sich stehen und apart gelesen werden. Es werden insgesamt sieben Bücher, die jeweils symbolhaft für eine der Todsünden stehen, die in die heutige Zeit übertragen werden und die existentiellen Grundlagen des Lebens darstellen – Essen, Schlaf, Liebe, Feuer, Recht, Arbeit und die Kunst. Jedes Buch steht für sich baut aber Brücken zu den anderen Werken und den Protagonisten, die ab und zu wieder auftauchen. Man trifft also beim Lesen auf alte Bekannte, findet Anspielungen auf andere Kapitel, Charaktere oder Bücher.

Luxuria wächst in Hamburg auf und ist das älteste Kind einer einfachen Familie. Ihr Leben baut sich wie ein gelungenes Puzzle immer weiter vor dem Leser auf. Die Episoden aus ihrer Biographie werden nicht chronologisch erzählt, sondern vertiefen durch die Erzählstruktur aus verschiedenen Perspektiven immer mehr ihre Sehnsucht nach Liebe. Das Buch wendet sich vom Tod zur Geburt, denn im Prolog begegnen wir der glücklichen und geliebten aber vor kurzem verstorbenen Luxuria. Sie hatte ihr Glück gefunden und war in sich eins. Am Ende des Buches erleben wir die Geburt ihres Kindes – so schließt sich der literarische Kreislauf im Roman.

Luxuria wächst in den 70er Jahren in Hamburg auf und ihre Eltern streiten viel und sie muß die Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen. Geborgenheit findet Luxuria bei der Nachbarin Marion, die mit ihrem Mann eine Werkstatt betreibt. Die Lebenseinstellung von Marion widerspricht aber der einfachen Sichtweise ihrer Mutter und somit wandelt Luxuria zwischen zwei Welten.
Marion bleibt immer ihre Vertraute und übernimmt die eigentliche Mutterrolle, die sie als Schülerin auch heimlich unterstützt. Sie ist es auch, die ihr rät Hebamme zu werden.

Als junge Frau können andere ihr nicht wirklich nahe kommen und auch der Sex kann ihre Sehnsucht nach Liebe nie stillen. Dies liegt wohl an der kalten, konservativen und lieblosen Erziehung ihrer Eltern, denn wie sich später zeigt, haben auch andere Geschwister ihre Probleme mit der Liebe zu sich und anderen.
Als ein traumatisches Ereignis alles erschüttert, lernt sie endlich die Liebe anzunehmen und findet zu sich selbst.

Ich habe alle drei Romane von Henning unglaublich gerne gelesen. Immer wenn man ein Buch von ihm beendet hat, möchte man gerne erneut ein anderes lesen, um die ganzen Verbindungen der Werke zu durchleuchten. Es sind sehr gute Entwicklungsromane, die den Zeitgeist widerspiegeln. Das vorliegende Buch ist wohl Hennings literarischster Roman.

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Besonders stolz bin ich, da ich dieses Buch bereits in einer vorherigen Fassung lesen durfte und Anregungen einbringen durfte. Es ist auch der erste Roman, in dem ich unter den Danksagungen genannt werde. Dabei habe ich doch zu danken….

Siehe auch meine Besprechung zu “Acedias Traum”

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