Archiv der Kategorie: Erlesenes

Jona Oberski: „Kinderjahre“

Kinderjahre

Dies Buch erscheint wieder zu einer Zeit in der einige vergessen zu haben scheinen, was Fremdenhass für eine schreckliche Geschichte hat. Ein Text, der sich einreiht in die großen Werke über den Holocaust. Das vorliegende Buch erinnert an alle Augenzeugenberichte, Werke und Romane und doch ist es anders und schockiert durch seine Wahrhaftigkeit und Naivität. Denn gleich dem Film „Das Leben ist schön“ erinnert sich der Erwachsene Jona Oberski an seine Kindheit und versetzt sich noch einmal in sein Leben als Vierjähriger, der mit seinen Eltern von Amsterdam nach Bergen-Belsen verschleppt wurde.

Der kleine Junge versteht nicht, warum der Nachbarjunge, der Sohn des Händlers, plötzlich so gemein zu ihm ist. Warum er seine Sandtörtchen zertritt und kurz darauf der Krämer seinen Eltern sogar verbietet, bei ihm einzukaufen. Seine Eltern versuchen ihm noch alles als relativ normal hinzustellen. Das Tragen des gelben Sterns findet er nicht so schön, verbindet diesen aber mehr mit seinem Vater, dessen Arbeitsplatz er auch mal besuchen und sogar erste Übungen auf der Schreibmaschine machen darf. Als er mit seiner Familie das erste Mal abgeholt wurde, soll es noch ein Irrtum gewesen sein. Später erzählen sie, sie gehen auf Reisen.

Im Lager ist er zu klein, um alles zu verstehen. Aber alles, was er sieht und wahrnimmt, lesen wir als Geschichtswissende mit einem Gruseln. Er versteht nicht, dass er eine Chance bekommt, die großen Töpfe zu reinigen, um sich satt zu essen. Er will diese doch nur reinigen, wie angeordnet. Als er den großen Kindern imponieren möchte und den Wächtern eine lange Nase zieht, ahnt er nicht, was für Folgen daraus entstehen könnten. Als sein Vater, der von ihm und seiner Mutter getrennt untergebracht ist, durch die Lagerarbeit und Folter im Sterben liegt, vergisst Jona, es seiner Mutter zu sagen, da er sich Gedanken über seine Wege im Lager macht. Das Tropenhaus, in das er als Mutprobe von den anderen Kindern reingeschickt wird, entpuppt sich als Totenhaus, in dem wohl auch sein Vater auf den Leichenbergen liegt.

Während eines weiteren Transports wird der Zug von der roten Armee befreit und Jona kommt zurück nach Amsterdam. Aber als Waise… Als er langsam wieder versteht, bricht es aus ihm aus…

Es sind Kinderjahre im unbeschreiblichen Horror des Dritten Reichs, beschrieben aus der Sicht eines Kindes, das erzählt und uns als Leser verstehen lässt. Das Buch ergreift einen und schockiert. Ein wichtiges Buch gegen das Vergessen, das beim Lesen sprachlos macht. Ein menschliches Buch aus einer dunklen unmenschlichen Zeit.

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Sarah Kuttner: „180 Grad Meer“

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Die Innenansicht einer jungen Frau, die es liebt aufs offene Meer zu schauen. Der freie Blick muss offen sein und birgt in sich eine Sehnsucht auf klare Weite, auf Ferne und auf etwas Unerreichtes. Sie lebt in sich und ihren Problemen. Diese oft genannte Pop-Literatur ist dann doch mehr und lässt den psychologischen Tiefblick auf das Seelenleben der Protagonistin zu.

Jule ist Sängerin und versteht es, sich zumindest auf der Bühne zu verstellen. Sie gibt ihrer Songauswahl gespielte Seele, den Soul, den es benötigt, damit das Publikum ihr das vorgetragene Liedgut auch abnimmt, auch wenn es Songs sind, die sie verabscheut. Denn hassen tut Jule viel. Eigentlich die ganze Welt, aber besonders sich selbst.

Warum Jule so unglücklich und wütend ist, erfahren wir Stück für Stück. Sie kann schlecht mit Menschen umgehen und kommt mit sich selbst nicht zurecht. Eigentlich möchte sie nur behütet sein. Still in der Achselhöhle ihres Freundes liegen zum Beispiel.

Ihre Eltern sind eher verantwortungslose 68er-Eltern und ihr Vater hat sie, als Jule noch klein war, verlassen. Ihre Mutter hat sich mehr auf Jule verlassen, als diese sich auf ihre Mutter verlassen konnte. Spielerisch wollte Jule auch, dass ihr kleiner Bruder zu ihr Mutter sagt. Daher schlummert stets ein Groll in ihr und sie wird beziehungsunfähig. Sie empfindet sich selbst als hässlich und wertlos.

Sie betrügt auch ihren Freund mit dem Betreiber der Bar, in der sie mit ihren Pianisten auftreten darf. Als ihr Freund davon mitbekommt, bittet er sie zu gehen. Um etwas Klarheit und ruhigen Weitblick aufs Meer und auf ihre Innenwelt zu bekommen, reist sie zu ihrem Bruder nach London. In dieser WG trifft sie auf einen treuen Begleiter, den Hund Bruno. Die Reise führt sie aber nicht nur zu ihrer aktuellen Beziehungssituation, sondern auch in ihre Vergangenheit. Sie erfährt von ihrem Bruder, dass der Vater ganz in der Nähe ist und an irreparablem Krebs erkrankt ist.

Das Buch liest sich flüssig, humorvoll und ist trotz der überspitzten Sicht auf die Probleme der Heldin für mich eine positive Überraschung, denn es ist mein erster Roman der bekannten Fernsehmoderatorin. Ein Roman, der sich in die Werke der jüngeren Autoren einreiht, die sich mit der überforderten Seele der Gegenwart beschäftigen. Schnelllebigkeit und stete Vernetzung steht gegenüber der geborgenen und natürlichen Familienwelt. Was verbindet uns Menschen und was lässt uns wachsen oder zusammenwachsen? Ein glaubwürdiges Buch, in dem mir wohl ab und zu Sarah Kuttner begegnet ist…

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Christoph Hein: „Glückskind mit Vater“

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Kann man der Geschichte entkommen? Kann man losgelöst von Bindungen seinen eigenen Lebensweg finden? Das sogenannte Glückskind geht durch Niederlagen, Demütigungen und versucht sich stets aus dem Schatten der Geschichte seines Vaters zu lösen. Er lebt seit seiner Geburt, in der entstehenden DDR, im Fluchtmodus vor der Vergangenheit seines toten Vaters, dem Nazi und Kriegsverbrecher.

Es ist die Geschichte von Konstantin Boggosch. Seit seine Mutter ihren Familiennamen wieder angenommen hat, hat Konstantin immer versucht, seine Herkunft zu verleugnen. Mit dieser wird er im Ruhestand konfrontiert, als eine Journalistin über das Gymnasium schreiben möchte und in der Kleinstadt leben noch drei der vorherigen und der amtierende Direktor der Schule. Boggosch war einer von ihnen. Er verweigert sich dem Interview und möchte auch auf keinem Foto mit den anderen veröffentlicht werden. Selbst jetzt im vorangeschrittenen Alter und als Pensionär möchte er sich nicht mit der Vergangenheit befassen. Auch seiner jetzigen Ehefrau hat er nichts erzählt. Diese wird skeptisch als ein Schreiben vom Finanzamt bei ihnen eintrifft. Es ist eine Kirchensteuerfahndung und gesucht wird ein Konstantin Müller mit denselben Geburtsdaten wie die von Konstantin.

Gerhard Müller, sein Vater, war ein vermögender Fabrikbesitzer. Doch seine ganzen Machenschaften verbarg er auch gegenüber seiner Familie.  Er war ein SS-Mann und baute neben seiner Fabrik ein KZ in einem gerodeten Birkenwald. Er wurde zum Kriegsende wegen seiner Gräueltaten in Polen gehängt. Lediglich sein Bruder, der auch an der Firma beteiligt war, hält weiterhin zu seinem toten Bruder.

Die Frau von Gerhard Müller lässt ihren Namen und den ihrer beiden Söhne in ihren Mädchennamen umtaufen. Sie bleiben in der DDR und es ist allen gegenwärtig, dass Konstantin ein Kriegsverbrecherkind ist. Das bleibt für seinen Lebensweg stets ein Hindernis. Da Konstantin kein Abitur machen darf, beschließt er kurzerhand abzuhauen. Er will nicht nur aus den Schatten der Vergangenheit treten, sondern träumt von einer Musketierromantik und will in Marseille zur Fremdenlegion. Seine Flucht verläuft bereits anders als geplant und als er endlich in Südfrankreich ankommt, wird er im Rekrutierungsbüro im wahrsten Sinne entblößt.

Er strandet als Jugendlicher mit seinem wenigen Ersparten im sonnigen Marseille. Hier trifft er auf Mitglieder des französischen Widerstands, die in ihm wohl eine Hoffnung sehen, dass nicht alle Deutschen schlecht sind. Da Konstantin vier Fremdsprachen spricht, wird er als Übersetzer bei einem Antiquariat eingestellt. Der Inhaber stellt Konstantin auch seinen Kameraden vor und sie umsorgen ihn großzügig. Er kann auch mit ihrer Unterstützung sein Abitur machen und hat zum ersten Mal das Gefühl des Losgelöstseins. Er entdeckt für sich die Hingabe zum Kino.

Konstatin kehrt kurz vor dem Mauerbau in die DDR zurück. Trotz seiner Kenntnisse werden ihm abermals seine Wünsche verwehrt und sein Lebensweg verläuft über Umwege zum Schulleiter.

Der Roman von Christoph Hein hat einen erzählerischen Sog und ist in einer sehr schönen Sprache geschrieben. Die Handlung bietet viel mehr als deutsche Geschichte. Es geht um Geschichte, der man nicht entkommen kann. Man kann zwar die Ortschaften verlassen und Grenzen überschreiten, aber die Vergangenheit kann den Protagonisten nicht verlassen. Ein großer Roman über deutsche Zustände – im Politischen, Gesellschaftlichen und Privaten.

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Garth Risk Hallberg: „City on Fire“

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Ein Werk mit unglaublicher Sogkraft und einer erzählerischen Dichte um New Yorks dunkelste Nacht. In Amerika wurde der Autor als eine neue Stimme der amerikanischen Gegenwartsliteratur gefeiert. Ein Werk, zu dessen Besprechungen oft Dickens als Vergleich herhalten musste. Aber auch ich habe für das Buch Feuer gefangen.

1977 legte ein Stromausfall ganz New York lahm und die Folgen waren katastrophal. Besonders in den ärmeren Vierteln und Gegenden. Es gab Horden, die unzählige Geschäfte plünderten und viele Feuer legten. Dies ist der Ausgang für das komplexe Werk, dessen Hauptprotagonist wohl die Stadt New York selbst ist.

Der Autor hat sechs Jahre an dem vorliegenden Buch gearbeitet. Es ist ein Mammutwerk geworden, das in der wechselnden Perspektive der Protagonisten das sich zuspitzende Drama erzählt und Spannung gleich einem Thriller aufbaut. Erst dachte ich, das Werk würde einen mit seinem Umfang und seiner Dichte erschlagen, doch dann wurden mir die doch eigentlich wenigen Protagonisten immer vertrauter und die unterschiedlichen Erzählstimmungen und Perspektiven haben mich für das Buch gewonnen. Auch ist das Werk unterbrochen durch handschriftliche Briefe, Notizbucheinträge und dem Punk-Fanmagazin eines der Charaktere.

Benötigt die Stadt einen nahenden Schneesturm und den Stromausfall, um in ein Chaos zu versinken? Lebt die ewige Stadt nicht gerade durch den Lärm, den Schmutz, die Graffitis und die Jugendbanden? New York durchlebte eine Finanzkrise und die Kriminalität und Armut wuchsen in den 70ern dramatisch. Es ist aber auch die Stadt der Künstler, der Träumer, der Unternehmer und stets das Sinnbild einer lebendigen Weltmetropole.

Die Handlung beginnt mit einem Weihnachtsbaum. Mercer Goodman, einziger afro-amerikanischer Lehrer an einer Mädchenschule, der heimlich an einem Roman arbeitet, hat mit seinem Lebenspartner William einen sehr großen Baum erworben, den sie nun mehr oder weniger begeistert in der gemeinsamen Wohnung aufstellen. William Hamilton-Sweeney lebt seine Punkattitüde und war auch als Billy Three-Stick der Sänger der ehemaligen Punkband „Ex Post Facto“. Was Mercer immer schon ahnte, zeigt sich durch ein zufälliges Treffen mit Regan Hamilton-Sweeney, der Schwester seines Liebhabers, nämlich dass dieser ein schwerreicher Erbe ist. Doch hat er mit dieser Welt gebrochen und weigert sich die Familienfeierlichkeiten aufzusuchen. Diese Einladung nimmt aber Mercer an, um endlich mehr über seinen Freund zu erfahren.  Mercer taucht bei der Neujahresfeier der Familie Hamilton-Sweeney auf und wird vorerst durch seine Hautfarbe als Personal angesehen. Als er mit Regan auf dem Balkon steht, sie zusammen einen Joint rauchen und auf den Central Park schauen, hören sie von dort Schüsse.

Charlie Weisberger liebt die Punkmusik, weil er in Samantha Cicciaro verliebt ist. Diese nimmt Charlie mit zu einem Konzert der neuen „ Ex Post Facto“-Band, lässt ihn dann aber wieder alleine, denn sie hat eine Beziehung zu einem älteren Mann. Dieser Mann ist Keith Lamplighter, der mit Regan Hamilton-Sweeney zwei Kinder hat. Er und Sam hatten sich verabredet und doch bleibt Sam alleine im Central Park, als die Schüsse fallen…

Die Protagonisten sind in der Stadt verstreut, während die Handlung sich zuspitzt. Der Schneesturm zieht auf, ein Feuerwerk erleuchtet den Himmel und im Central Park liegt jemand erschossen im Schnee. Nach dem Stromausfall und dem Finale im Dunkeln ist kein Leben wie zuvor…

Es werden in dem Werk viele Geschichten erzählt, die sich alle immer mehr verbinden. Es werden die Milieus anhand der Figuren liebevoll beleuchtet und lebendig. Der Vater von Sam verkörpert die Arbeiterschicht. Er ist italienischer Herkunft und ist noch einer der alten Feuerwerksbastler. Die materielle Finanzwelt wird verkörpert durch den Hamilton- Sweeney-Clan. Dieser prallt auf die Punkbewegung. Das Buch ist eine Studie, die viel will, es meiner Meinung nach auch schafft und durch die erzählte Kunst, selbst zu solcher wird.

Eigentlich kann ich mit diesem Leseeindruck nicht alles wiedergeben und erzählen. Das Werk will erobert werden und bietet viel Raum für eigene Entdeckungen. Eventuell liegt hier der große amerikanische Roman vor, von dem Mercer stets träumt?

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Nicholas Shakespeare: „Broken Hill“

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Es sind nur 125 Seiten, die uns eine Geschichte anhand einer wahren Begebenheit erzählen und uns wiedermal Geschichte aufzeigen, die vor hundert Jahren passierte, aber immer noch aktuell ist. Was heißt es, ein Fremder in einem fremden Land zu sein? In einer anderen Kultur zu leben? Wo wurzelt der Fremdenhass, das Unverständnis für den oder die Anderen? Die mangelnde Bereitschaft aufeinander zuzugehen und nicht auszugrenzen, kann wie immer fatale Folgen haben und ist, wie sich auch bereits vor hundert Jahren zeigte, unmenschlich und endet viel zu oft in schrecklicher und unnützer Gewalt.

Broken Hill ist eine Bergbausiedlung in Australien. Die Bodenschätze, die Metalle, die hier aus den Stollen gegraben werden, sind eine begehrte Handelsware. Durch den Ersten Weltkrieg versiegt aber der Handel immer mehr. Die Handlung beginnt kurz vor Zehn Uhr am Neujahrstag des Jahres 1915. Die Bewohner wollen an diesem heißen Tag ihren alljährlichen Ausflug machen. Es soll ein unbeschwertes Picknick vor den Toren der Stadt werden. Noch ahnt keiner aus dem Hinterland, dass an diesem Tag die angestaute Wut zweier Einwanderer ausbrechen wird.

Die Frage ist, ob das Drama vorauszusehen war oder sogar hätte verhindert werden können. Die Menschen, denen wir im Zug begegnen, sind meist einfache Menschen, die zu Teilen ihren Rassismus aussprechen und sogar diesen unangenehm leben und somit andere Kulturen von vornherein ausgrenzen. Aber es gibt auch Menschen, die neugierig sind und sich den Anderen nicht verschließen und auch Gefühle zulassen. Rosalind, die Hauptfigur ahnt, dass sie während des Picknicks verlobt werden soll, doch dabei regen sich in ihr auch Gefühle für den Eisverkäufer Gül Mehmet. Er ist ein friedliebender Mensch, der mit seinem Freund, Molla Abdullah, nach Broken Hills gekommen ist, um dort ein besseres Leben zu finden. Molla Abdullah ist ein ritueller Schlachter, der seinen Beruf nicht mehr ausüben darf. Durch das Unverständnis der anderen Lebensgewohnheiten und die schnell ausgesprochenen Hygienegesetze beginnt für beide ein Leben voller Diskriminierung. Auch Gül Mehmet muss die Qualität seines Eises stets beweisen. Alle Beteiligten steigern sich in ihre Ansichten hinein, ohne wirklich mit den Betroffenen zu reden. So müssen die beiden Einwanderer lange unter Anfeindungen und Ausgrenzungen leben.

Alles geschieht vor dem Hintergrund der großen Ereignisse in der Welt. Im fernen Europa tobt der Erste Weltkrieg und Australien sendet Truppen, um Großbritannien zu unterstützen. Als 1914 der türkische Sultan zum Kampf gegen England und dessen Alliierte aufruft, zögern im australischen Hinterland Molla Abdullah und sein Freund Gül Mehmet nicht, denn sie haben sich im Laufe der Zeit immer mehr radikalisiert und planen unbemerkt einen Anschlag auf die 1239 Männer, Frauen und Kinder auf ihrem Weg zum Picknick.

Es kommt zu einem unnützen Blutbad, das in die Geschichte eingeht. Warum und wodurch kommt es zu solchen Ausgrenzungen und Radikalisierungen?  Eine Geschichte, die hundert Jahre her ist und sich im fernen australischen Hinterland ereignete, ist leider immer noch aktuell…

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Friedrich Christian Delius: „Die Liebesgeschichtenerzählerin“

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Der eigentlichen Handlung wird, wie so oft, ein Gedicht vorangestellt. Diesmal ist es sehr passend und leitet das kommende ein. Denn der neue Roman von Delius ist anspruchsvoll und sehr literarisch zu lesen. Es liest sich poetisch und verlangt aufmerksames Durchhalten, damit sich das ganze Werk im Kopf des Lesers entfalten kann. Es ist die Geschichte, der Monolog einer Frau, die für ihr kommendes literarisches Werk recherchiert. Es ist ihre Reise im Jahr 1969 von Den Haag über Amsterdam nach Frankfurt. In den Archiven und in ihrer Erinnerung sucht sie nach Liebesgeschichten aus den Zeiten der Kriege. Es ist die Geschichte ihrer Vorfahren während der napoleonischen Kriege, die ihrer Eltern und ihre eigene als deutsches Mädchen, das gegen die Nazis war.

Sie möchte die Geschichte ihrer Familie literarisch festhalten, die auch die des echten Autoren F.C. Delius, ist. Sie war auf Recherchereise und ist auf ihrer Rückreise gebannt in ihren Gefühlen und Gedanken. Sie plant die Liebesgeschichten zu verwenden, um damit einen emotionalen Bezug zur gesellschaftlichen Entwicklung und den damaligen Situationen für die kommenden Leser zu transportieren.

In Den Haag schaut sie sich in einem Museum die alten Meister an. Besonders Rembrandt. Sie nimmt sich für die Gemälde Zeit, denn bisher kannte sie die Gemälde lediglich in schwarz-weißer Abbildung eines Buches. Nun erlebt sie die Kunst persönlich und in Farbe. Genau so möchte sie auch ihr Werk verstehen, ihrer Geschichte und der ihrer Vorfahren will sie Leben einhauchen und es der Nachwelt als etwas Bleibendes, als etwas zum Nachempfinden hinterlassen.

Ihre Ururgroßmutter war eine uneheliche Tochter des niederländischen Königs und wuchs bei einer mecklenburgischen Adelsfamilie auf und deren Urenkel, der kaiserliche U-Boot Kapitän, überlistet 1918 die roten Matrosen von Kiel. Dieser U-Boot Kapitän, der seiner düsteren Seele als Volksprediger entflieht, ist Maries Vater.

Marie will diese Geschichten mit ihrer eigenen verbinden. Deutlich werden ihre Mühen, die Gedanken und die Daten für ein Kunstwerk zu bündeln. Ihr Vorspiel für ihr eigentliches Schreiben lässt uns die Liebe in Zeiten der schrecklichen Ereignisse erleben.

Durch ihren Hang zur Genauigkeit in ihrer Erzählung werden die Nazizeit, die Kriege, die Gefangenschaft und die Flucht durch die menschlichen Liebesgeschichten erlebbar. Wie gehen wir Menschen mit dem vor uns Erlebten und Gelebten um? Was nehmen wir mit und was lernen wir daraus? Die Antwort ist meist individuell und im Fluss der großen Ereignisse wird stets das eigene Schicksal beleuchtet. So auch die Geschichte von Marie, die sich während ihrer Reise als Liebesgeschichtenerzählerin fragen muss, was eigentlich aus ihrer eigenen Ehe und ihrem Mann wird?

Ein literarisch und poetisch durchdrungener Text, der uns Geschichte erlebbar und zu etwas Persönlichem macht. Ein sehr liebevoll konstruiertes Werk, das in eine schöne, feine Sprache gekleidet ist. Kein leicht zu lesendes Buch, aber durch die Aufmachung und den Satzbau kann man schnell im Werk versinken.

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David Mitchell: „Die Knochenuhren“

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„Der Wolkenatlas“ und „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ haben mich jeweils auf ihre Art sehr begeistert. „[…] Jacob de Zoet“ ist ein historisches Epos, das im fernen Japan spielt. „Der Wolkenatlas“ ist poetisches, kluges Kopfkino und beinhaltet ebenfalls den Bezug des Autors zu Japan und der fantastischen Literatur. Gleich seinem neuen Werk, das wiedermal ein umfangreicher, genreübergreifender Lesestoff ist.

Es ist eine durchgedrehte, skurrile Handlung, die den Leser fordert, aber auch mit viel Humor unterhält und zu fesseln versteht. Der Roman spannt den Bogen von 1984 bis 2043. Allein der Bezug zum Jahr 1984 lässt an den Klassiker der fantastischen Literatur erinnern. Aber es ist es diesmal keine Turmuhr, die die Zukunft einläutet, sondern die Vergangenheit im Titel des ersten Kapitels. Spaß macht auch, dass der britische Autor, die Musik nicht vernachlässigt. Die musikalische Entwicklung und die der Helden des Romans gehen Hand in Hand.

Die Handlung beginnt wie ein Coming-of-Age-Roman. Die Heldin, Holly Sykes, ist am Vorabend sehr spät nachhause gekommen und der familiäre Streit eskaliert und Holly bekommt eine Ohrfeige. Der Schul- und Elternfrust treibt die Fünfzehnjährige aus dem Elternhaus. Sie geht zu ihrem Freund, den sie aber mit ihrer besten Freundin im Bett erwischt. Sie haut ab und irrt vorerst ziellos durch die Gegend. Wir erfahren, dass Holly Stimmen hört, sie nennt diese „Radiomenschen“, die auf sie als Kind beständig einredeten. Aus diesen Stimmen kristallisierte sich eine Frauenstimme, die sich in ihrem Kinderzimmer materialisierte. Diese Frau, Miss Constantin, scheint auch Einfluss auf Holly und ihr Umfeld nehmen zu können. Die Stimmen verschwinden vorerst, als Dr. Marinus eine simple Technik aus der „Alten Heimat“ anwendet.

Das wahre Abenteuer beginnt für die junge Holly, als sie auf ihrer ziellosen Flucht der alten, sonderbaren Frau Esther Little begegnet. Als sie gemeinsam grünen Tee trinken und ohne sich vorzustellen die Namen des anderen kennen, bittet Esther Little Holly um Asyl. Holly versteht nichts und ist verwirrt, gibt der Bitte aber nach. Später auf der Flucht trifft sie weitere Menschen, die ihr helfen, aber sie auch anscheinend verfolgen. Es gibt auch mystische Szenen, die wie Tore in andere Dimensionen wirken…

Sie arbeitet als Erdbeerenpflückerin, um die Zeit, die sie von Zuhause wegbleiben will, zu finanzieren und, um einen Schlafplatz zu haben. Vorher begegnet ihr Ed Brubeck, mit dem sie Jahre später zusammenleben wird. Auch wird es Jahrzehnte dauern bis Holly versteht, was die alte Frau, Esther Little, wirklich für ihre Existenz bedeutet.

Die Handlung macht ihren ersten Schnitt, als Ed Brubeck Holly erzählt, dass nun auch ihr Bruder, der ihr noch das Versprechen abgenommen hatte, das von ihm gezeichnete Labyrinth auswendig zu lernen, auch verschwunden ist. Der Sprung geht ins Jahr 1991 und ein neuer Ich-Erzähler tritt auf. Im folgenden Kapitel begegnen wir dem Cambridge Studenten Hugo Lamb, der sich leicht psychotisch entwickelt.

In folgenden Kapiteln durchlaufen wir das Künstlerleben und das Eheleben der Protagonisten. Die Handlung wird immer bizarrer und wird neben der Entwicklung der Charaktere immer fantastischer. Holly, die harmlose junge Frau, wird zum Spielball dunkler Mächte um das ewige Leben. Denn was wäre, wenn man das Sterben hinauszögern könnte…? Die Handlung geht mit Horologen, Seelenwanderungen und Oberpriestern hin zur Apokalypse, der Holly auch in der Zukunft in Irland nicht entkommen kann…

Ein Bildungs-, Gesellschafts-,  Entwicklungs- und Abenteuerroman, der zwischen Realität und Phantasie wankt. „Die Knochenuhren“ erinnern leicht an die Werke der japanischen Literatur u.a. Murakami, aber auch an die Phantasie eines Stephen Kings. Schön ist auch der Bezug zum Wolkenatlas und anderen seiner Werke. Es gibt ein Wiedersehen mit einigen alten Bekannten…

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Peter Coon: „Märzchen im November“

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Peter Coon veröffentlichte seine Kurzgeschichten in diversen Anthologien und Literaturzeitschriften. In dem Buch „Märzchen im November“ ist erstmals ein Sammelband mit vierzehn seiner Erzählungen erschienen. Einige von diesen Kurzgeschichten haben sogar bereits Preise gewonnen. Da der Autor das Buch selbst verlegt und ein Pseudonym verwendet, war ich skeptisch.

Ich habe die vierzehn Erzählungen wie in einem Rausch gelesen. Es sind teilweise sehr ernste Geschichten, die beim Lesen und stets am Ende den Leser verdattert und ratlos zurücklassen können. Aber so verstehe ich auch eine gute Erzählung. Man taucht sofort in eine neue Welt ein und lernt Menschen kennen, die einen als Leser berühren und etwas mitgeben wollen. Das Ende bleibt immer etwas offen. Es bleibt etwas Ungeklärtes oder ein verstörendes Bild im Leser zurück, das zum Nachdenken anregt. So sind die Menschen, die wir hier erlesen auch zu Teilen sehr unverständlich, wenn nicht sogar uns sehr fremd. Es sind Menschen in brisanten Situationen. Das Glück und die Katastrophen liegen stets nah beieinander.

Nicht alle Geschichten gefallen, aber sie hinterlassen alle etwas Bleibendes. Sei es u.a. die gescheiterte Ehe nach stolzen zehn Jahren, die Frau, die ein wahres blindes Date erlebt oder der Patient, der durch Musik wieder „reisen“ lernt. Alle Menschen in diesen Mini-Romanen werden kurz beleuchtet und sie nehmen uns mit in ein altes Museum oder zur Ramstein Air Base, um mit uns ihr Schicksal zu teilen.

Gleich Mira aus der Erzählung „Redegewalt“ macht der Autor nie viele Worte. Worte sind ein Mysterium, ein Werkzeug. Mit echten Werkzeugen kann man sich sehr verletzen, aber auch die Sprache und die Wörter können wehtun.

Diese Kurzgeschichten hinterlassen einen nachdenklich, desillusioniert und doch geht man auch heil und bewegt aus dem Buch hervor. Man schlägt sich die letzten schmutzigen Spinnweben aus der Titelgeschichte ab und ist froh, wieder in der eigenen Welt herausgekommen zu sein.

Für mich ist diese kleine Sammlung eine positive Überraschung.

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„Mein Lieblingsbuch aus der Kindheit“

Wir haben uns mal umgehört und wollten wissen, was ist Ihr oder Dein Lieblingsbuch aus der Kindheit?

Neu_Profilbild  Mareike und Maike, zwei Büchernärrinnen und Bloggerinen von „Herzpotenzial“ waren sofort Feuer und Flamme:

Mareike über: „Der geheime Garten“ von Francis Hodgson Burnett:

„Für mich ist dieses Buch Kindheitserinnerung pur. Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich es zum ersten Mal im Schaufenster meiner Buchhandlung sah und mich ärgerte, dass ich kein Taschengeld mehr für den Monat hatte – ein Buch selber kaufen wollte ich bis dahin noch nie. Als ich es dann hatte, war ich ziemlich überrascht, dass ich ein Buch von 1911 in den Händen halten sollte. Das verstärkte nur noch den Zauber der etwas ungewohnten Sprache und fremden Lebenswelt eines kleinen Mädchens im englischen Hochmoor, das einen geheimen Garten entdeckt.
Wie sehr ich ihn liebe, diesen hinter Hecken und Mauern versteckte, verwunschene, verzauberte Garten! Er ist mein Traum vom perfekten Moment, von Ruhe, Zuflucht. Von dem Moment an, als ich diese Passage las, war der geheime Garten ein Teil von mir und jedes gute Buch ist für mich als würde ich den rostigen Schlüssel zur Gartentür finden. Einen Weg in eine kleine geschützte Welt, voller Natur und Sonne, eine Schaukel, Ruhe und stilles Glück.
Kein Wunder, dass dieser Zauberort die Kinder verwandelt. Mary und ihr Cousin Colin müssen hier einfach aufblühen und gesunde, fröhliche Kinder werden. Das war mir schon damals mit 10 Jahren klar. Denn an so einem Ort ist alles möglich.
Keine Botschaft würde ich lieber jeder 10 Jährigen der Welt mitgeben wollen und ich bin froh, dass Frau Hodgson Burnett bereits vor über 100 Jahren mit ihren magischen Büchern kleine Gärten erschaffen hat.“

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Maike über : „Drachenreiter“ von Cornelia Funke:

„Drachenreiter“ hat mich als Kind nachhaltig beeindruckt und fasziniert mich bis heute. Es steht immer noch Bücherregal mit Kinderbüchern bei meinen Eltern und hat diverse Aussortier-Aktionen überstanden (ich habe es eisern verteidigt). Die Idee, dass es irgendwo auf der Welt ein Tal gibt, in dem sich Drachen verstecken, fand ich mit 11 Jahren absolut wundervoll. Und Kobolde! Und Zwerge!
Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wo der Himalaya und musste erst mal den Atlas zu Rate ziehen. Erst dann wusste ich ungefähr, wo die Reise hingeht. Vor allen Dingen hat es bei mir eine Faszination für den asiatischen Kontinent ausgelöst, die mich bis heute begleitet. Aber nicht nur Länder musste ich nachschlagen, auch vieles anderes. Seitdem weiß ich aber unter anderem, was Buttertee ist.
Funke bringt in diesem Buch vollkommen unterschiedlich Figuren zusammen, nicht nur, weil viele von ihnen fantastischer Natur sind. Trotz der unterschiedlichen Charaktere raufen sie sich zusammen und stehen gemeinsam schwierigste Zeiten durch. Während ihre Freundschaft zueinander wächst, wachsen auch die Figuren an sich und werden stärker. Und auch die Wegbegleiter, die immer mal wieder auftauchen, sind hervorragende Unterstützer und helfen den Hauptfiguren aus brenzligen Situationen. Die Entschlossenheit, mit der alle für ein Ziel arbeiten und ihre Kräfte und Fähigkeiten vereinigen ist wirklich bemerkenswert und zählt für mich zu den Schlüsselbotschaften des Buches: Wenn du gute Freunde an diese Seite hast, kannst du Unglaubliches erreichen.“

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Logo-300x98     Die bekannte Autorin Sabine Kornbichler griff für uns auch zur Feder:

Sabine Kornbichler über „Mein Freund Flicka“ von Mary O´Hara:

„Eines der Bücher, die ich nie vergessen habe, ist „Mein Freund Flicka“ von Mary O’Hara. Für mich ist es ein Buch, das von der tiefen Freundschaft zwischen Mensch und Tier erzählt, von Sensibilität, von Freiheit und davon, was Verantwortung bedeutet. Es ist die Geschichte des zehnjährigen verträumten Ken und seiner Stute Flicka. Mary O‘ Hara erzählt von den gemeinsam erlebten Abenteuern der beiden und einer gemeinsam durchlebten Nacht, in der Ken um das Leben seiner Stute kämpft. Eine Geschichte, die ganz sicher nicht nur Pferdeliebhaber berührt.“

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image    Unsere Lieblingsbücher aus der Kindheit:

Sonja über „Mein allerschönstes Buch vom Backen, Bauen und Flugzeugfliegen“:

Sonja Harder, 44 Jahre, Buchhändlerin.

„Mein absolutes Lieblingsbuch aus der frühen Kindheit ist „Mein allerschönstes Buch vom Backen, Bauen und Flugzeugfliegen“ von Richard Scarry.

Es beschreibt in kleinen Episoden lustig, anschaulich und klug das Alltags- und Berufsleben in einer Stadt. Toll sind vor allem die vielen detailreichen Illustrationen von sehr menschlich dargestellten Tieren, auf denen man wimmelbuchartig viele Figuren mehrfach in verschiedenen Situationen wiederfindet.

Ein Buch, das bei mir bis heute einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat.

Leider gibt es dieses Buch zurzeit nicht mehr in der deutschen Übersetzung, sondern nur noch im englischen Original, das aber, wenn man die englische Sprache beherrscht, noch besser ist: „Richard Scarry’s What do People do all Day?“, 978-0-553-52059-0

Hauke über „Momo“ von Michael Ende:

Hauke Harder, 41 Jahre, bloggender Buchhändler (Der Mann hinter dem Leseschatz 😉 )

„Momo erschrak. «Was meinst du denn damit, Kassiopeia? Willst du mich denn wieder verlassen? Was hast du denn vor?» «ICH GEH DICH SUCHEN!“

„Diese Szene hat mich als Kind gefesselt und nicht mehr losgelassen. Es war das erste Mal, an das ich mich nun erinnere, dass sich mir die Welt der Literatur öffnete. Oft geht es mir auch so im Theater, wenn eine Rolle mich ergreift, dass ich sogar bei bestimmten Sätzen Gänsehaut bekomme. Dann ist dieser Satz in mir und bleibt in meiner Erinnerung fast für immer erhalten. So erging es mir damals erstmalig mit „Momo“ von Michael Ende. Auch die „Unendliche Geschichte“, „Der Spiegel im Spiegel“ und das Theaterstück „Commedia Infernale“ sind für mich unvergessen, aber „Momo“ hat mich eher in mein Phantásien eingeladen. Die Bilder der grauen Herren und die Stundenblumen haben mich erstmalig zu meinem „Bewusstsein“ geführt. Das Bewusstsein des „Hier und Jetzt“ – Zeit als persönliches Gut, als Geschenk, d.h. als Blume, die nur in meinem Herzen wächst und erlebt werden kann.

Wenn ich heute noch vor unserer Ladentür das Laub, den Schnee oder Schmutz wegfege, regt sich sofort der alte Straßenkehrer Beppo in mir und als Buchhändler ist man doch auch irgendwie ein Geschichtenerzähler, und somit wohl auch ein kleiner Gigi – Girolamo…“

Momo“ ist für mich mein Lieblingsbuch aus der Kindheit!

Mehr Kinderbuchempfehlungen von uns.

Dies sind die ersten Eingänge zu unserem Aufruf „Mein Lieblingsbuch aus der Kindheit!“

Wir werden demnächst auch ein Fenster mit diesen Büchern und den zugestellten Texten machen. Was ist denn Ihr oder Dein Lieblingsbuch aus der Kindheit?

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Roland Schimmelpfennig: „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“

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Roland Schimmelpfennig hat als Dramatiker mit dem vorliegenden Buch seinen ersten Roman geschrieben, der für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Es ist ein Werk, das sich aus vielen kleinen Einzelszenen zusammensetzt. Man spürt beim Lesen stets den Theaterautoren, der hiermit ein Buch geschrieben hat, dass wie ein Bühnenstück wirkt, das aber nicht für die Theaterbühnen umzusetzen ist.

Der Titel ist auch gleich der erste Satz des Romans, der in sich bereits die Stimmungen und Fragen des Buches beinhaltet. Es ist Januar, also der Anfang eines neuen Jahres im neuen Jahrhundert. Die Menscheit hat es weit gebracht, aber hat sie sich wirklich weiterentwickelt? Die Kälte des Winters ist hier symbolisch in den Protagonisten zu finden, die jeweils in ihrem eigenen Kosmos in Berlin leben. Durch das Auftreten eines Wolfes erhaschen wir kurze Einblicke in die Menschen, die seinen Weg durch die Metropole kreuzen. Es ist ein einsamer Wolf, ein Rudeltier, das ausgehungert durch das Revier der Menschen streunert.  Der Wolf als Bild des Wilden, Natürlichen, das die Menschheit verdrängt hat. Aber auch als Wesen, das fasziniert und märchenhaft uns an etwas in uns selbst erinnern lässt…

Die Menschen, die wir kennenlernen, leben alle nahe oder in der Hauptstadt. Die ganze Stadt wird in Aufregung versetzt, denn es wurde ein herannahender Wolf gesichtet. Ein polnischer Arbeiter erblickt den Wolf als erstes und macht auch mit seinem Handy ein Foto, das schon bald in allen Medien gezeigt wird. Da seine Freundin ihn betrügt, wird er alleine dadurch noch mehr isoliert und trübselig. Der Kioskbesitzer Charly und seine Frau Jackie leben einfach und sind dem Wahn verfallen, der Wolf stelle eine Demütigung dar und schrecken auch nicht davor ab, sollte das Tier erneut ihren Weg kreuzen, das Tier zu erlegen. Die Menschen empfinden sich als modern und als Zentrum ihrer Welt, doch wird durch einen kleinen Anstoß von außen das Urbane, das Tierische in ihnen erweckt. Gleich der Jugendlichen, die von ihrer Mutter geschlagen wurde, dann abhaut und mit ihrem Freund durch Berlin irrt. Die jeweiligen Eltern suchen sie, sofern sie dazu in der Lage sind. Einer muss dafür die Psychiatrie verlassen und manch andere trinken oft und einfach zuviel. Auffallend ist, dass diese Eltern keine Namen bekommen, sondern lediglich in ihrer Rolle auftreten. Menschen als Spiegel und als Übertreibung der sozialen Vereinsamung und der dadurch drohenden Erkrankung.

Der Wolf bleibt der einsame Wolf, der sich nicht verstellt und auf dem Weg nach Nahrung die Stadt aufsucht. Die Menschen, denen er begegnet sind eher die Wilden, die verstellten und erkalteten Wesen. Es ist überall dunkel und winterlich kalt. Die Menschen sind alle irgendwie verbunden, gleich den ständig genannten Bahnstrecken und Schienennetzten. So ist auch der letzte Aufzug, die letzte Szene an solchen Schienen, wo ein gesuchter Mensch zum ersten Mal in Erscheinung tritt, als der Wolf das literarische Bühnenbild verlässt…

Eine sehr gelungene Montage diverser Charaktere und ihrer Geschichten, die sich gleich kleiner Kurzgeschichten lesen. Langsam erliest sich ein großes Bild, das wir nur in kurzen Stücken beleuchtet sehen. Der einsame Wolf steht dem vereinsamten Rudeltier Mensch gegenüber. Ein Buch, das mit Banalitäten bewusst spielt und doch sehr literarisch ist und dadurch kluge Emotionen im Leser erwecken kann.

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