Archiv der Kategorie: Erlesenes

Henning Schöttke: „Luxurias Glück“

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Plötzlich stand Henning Schöttke bei uns im Laden. Er wollte uns „Gula“ („Gulas Menü“ sein erster Roman) vorstellen. Seit diesem netten Besuch sind wir gut befreundet und ich habe daher auch die Ehre gehabt mir seine Arbeitsplätze und seine Struktur hinter seinen Romanen anzusehen.
Im dritten Roman, seiner Roman-Reihe begleitet Henning erneut eine Frau auf ihrem Lebensweg.
Die Romane sind innerhalb des „Todsünden-Zyklus“ eingebunden, können aber jeder für sich stehen und apart gelesen werden. Es werden insgesamt sieben Bücher, die jeweils symbolhaft für eine der Todsünden stehen, die in die heutige Zeit übertragen werden und die existentiellen Grundlagen des Lebens darstellen – Essen, Schlaf, Liebe, Feuer, Recht, Arbeit und die Kunst. Jedes Buch steht für sich baut aber Brücken zu den anderen Werken und den Protagonisten, die ab und zu wieder auftauchen. Man trifft also beim Lesen auf alte Bekannte, findet Anspielungen auf andere Kapitel, Charaktere oder Bücher.

Luxuria wächst in Hamburg auf und ist das älteste Kind einer einfachen Familie. Ihr Leben baut sich wie ein gelungenes Puzzle immer weiter vor dem Leser auf. Die Episoden aus ihrer Biographie werden nicht chronologisch erzählt, sondern vertiefen durch die Erzählstruktur aus verschiedenen Perspektiven immer mehr ihre Sehnsucht nach Liebe. Das Buch wendet sich vom Tod zur Geburt, denn im Prolog begegnen wir der glücklichen und geliebten aber vor kurzem verstorbenen Luxuria. Sie hatte ihr Glück gefunden und war in sich eins. Am Ende des Buches erleben wir die Geburt ihres Kindes – so schließt sich der literarische Kreislauf im Roman.

Luxuria wächst in den 70er Jahren in Hamburg auf und ihre Eltern streiten viel und sie muß die Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen. Geborgenheit findet Luxuria bei der Nachbarin Marion, die mit ihrem Mann eine Werkstatt betreibt. Die Lebenseinstellung von Marion widerspricht aber der einfachen Sichtweise ihrer Mutter und somit wandelt Luxuria zwischen zwei Welten.
Marion bleibt immer ihre Vertraute und übernimmt die eigentliche Mutterrolle, die sie als Schülerin auch heimlich unterstützt. Sie ist es auch, die ihr rät Hebamme zu werden.

Als junge Frau können andere ihr nicht wirklich nahe kommen und auch der Sex kann ihre Sehnsucht nach Liebe nie stillen. Dies liegt wohl an der kalten, konservativen und lieblosen Erziehung ihrer Eltern, denn wie sich später zeigt, haben auch andere Geschwister ihre Probleme mit der Liebe zu sich und anderen.
Als ein traumatisches Ereignis alles erschüttert, lernt sie endlich die Liebe anzunehmen und findet zu sich selbst.

Ich habe alle drei Romane von Henning unglaublich gerne gelesen. Immer wenn man ein Buch von ihm beendet hat, möchte man gerne erneut ein anderes lesen, um die ganzen Verbindungen der Werke zu durchleuchten. Es sind sehr gute Entwicklungsromane, die den Zeitgeist widerspiegeln. Das vorliegende Buch ist wohl Hennings literarischster Roman.

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Besonders stolz bin ich, da ich dieses Buch bereits in einer vorherigen Fassung lesen durfte und Anregungen einbringen durfte. Es ist auch der erste Roman, in dem ich unter den Danksagungen genannt werde. Dabei habe ich doch zu danken….

Siehe auch meine Besprechung zu “Acedias Traum”

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Aharon Appelfeld: „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“

Rowohlt Berlin Ein Mädchen nicht von dieser Welt

Der neue Roman von Aharon Appelfeld „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“ liest sich fast schon wie ein Märchen gegen dunkle Stunden.
Wiedermal sind es Menschen in seinem Roman, die sich im Wald vor den Nazis verstecken. Gleich seinem vorherigen Werk. Neben den märchenhaften Illusionen und religiösen Hoffnungen birgt das dünne Büchlein wohl viel Wahrheit und Erlebtes.
Der Autor Appelfeld wurde 1932 in Czernowitz geboren. Im Krieg überlebte er das Ghetto sowie das Lager. Er versteckte sich als Junge in den ukrainischen Wäldern, überlebte dann als Küchenjunge der Roten Armee und kam 1946 nach Palästina.

In dem Roman „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“ erzählt er von zwei jüdischen neunjährigen Jungs, die von Ihren Müttern im Wald versteckt werden, um sie vor der Verfolgung der Nazis zu schützen.
Adam, der tatkräftige und traditionell erzogene Junge, wird von seiner Mutter aus dem Ghetto in den Wald gebracht. Er kennt den Wald und alles was darin ist, seine Eltern haben ihm viel beigebracht. Die Mutter lässt ihn allein, denn sie möchte auch die Großeltern in Sicherheit bringen, bevor die Deportationszüge kommen.
Im Wald trifft er auf Thomas, einen sehr klugen und belesenen Jungen, den er auch schon von der Schule kennt. Sie waren eigentlich keine guten Freunde, doch nun müssen sie lernen, sich im Wald zurecht zu finden. Ihre Mütter wollten gegen Abend wieder kommen. Doch als es immer später wird, beschließen die Kinder sich ein Nest oben in einer Baumkrone als Schutz zu bauen.

Auch in den folgenden Tagen kommen ihre Eltern nicht, und da die mitgegebenen Brote bald aufgebraucht sind, sammeln sie wilde Früchte und Wasser.
Doch der Schrecken des Krieges ist nicht weit entfernt. Nachts flüchten Menschen durch den Wald, sie hören Schüsse und einmal begegnen sie auch einem Verwundeten, dem sie versuchen zu helfen. Sie bauen ihr Nest immer tiefer im Wald, in dem sie sich sicher fühlen. Sie müssen lernen, dass sie nur gemeinsam überleben können.
Doch bekommen sie Hilfe von einem kleinen Mädchen, Mina, das sie auch von der Schule kennen. Sie ignoriert die Jungs, aber versorgt sie heimlich. Mina scheint als Magd ausgebeutet zu werden, wenn nicht sogar misshandelt. Als die Rote Armee immer näher rückt, werden die Nächte im Wald kälter und auch Mina gerät in große Gefahr…

Ein Roman über Freundschaft und Hilfe in großer Not. Ein außergewöhnlicher Text über das Überleben in der Natur. Er zeigt uns den menschlichen Zusammenhalt und eine tiefe Freundschaft und sehr großen Mut.

Das Buch wurde aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler übersetzt. Der Roman ist in einer schönen, leicht zu lesenden Sprache geschrieben. Ein einzigartiges Büchlein.

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Leseschatz 4

Wir haben eine neue Folge „Leseschatz-TV“ gedreht…

Ich hoffe, Ihr und Sie haben viel Spaß…

Ich stelle folgende Titel vor:
1) Tremblay, Der Name meines Bruders 2) Rothmann, Im Frühling sterben 3) Saucier, Ein Leben mehr 4) Rakoff, Lieber Mr Salinger 5) Thomae, Momente der Klarheit 6) Flender, Green Wash Inc. 7) Trucillo, Geometrie der Liebe 8) Kaiser, Makarionissi 9) Francis, Die Schatten von Race Point 10) Herbst, Traumschiff 11) Mai Jia, Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong 12) Zaimoglu, Siebentürmeviertel 13) Punke, Der Totgeglaubte 14) Trojanow, Macht und Widerstand 15) Padura, Ketzer 16) Rai, Gottespartitur
KINDER- JuBu 17) Fuchs, Mädchenmeute 18) Willems, Das Buch über uns 19) Stewner, Alea Aquarius 20) Terry, MindGames 21) Rinehart, Chroniken von Toronia 22) Wilson, Ganz schön langweilig 23) Schärer, Der Tod auf dem Apfelbaum

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Ilija Trojanow: „Macht und Widerstand“

Fischer Trojanow Macht und Widerstand

Ilija Trojanow hat mit „Macht und Widerstand“ laut eigenen Aussagen, sein Opus magnum veröffentlicht. Er wurde 1965 in Sofia geboren und flüchtete mit seinen Eltern 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland. Er lebte unter anderem in Nairobi, Kenia, Indien und studierte in München. Ein Weltbürger – ein Weltensammler, gleich seinem sehr lesenswerten Roman.
Er schreibt neben seinen Reiseberichten Romane, zuletzt den tollen Roman „EisTau“. Jedenfalls steht auf dem neuen Buch auf dem Umschlag erneut Roman. Es ist ein Roman, aber auch ein Zeitzeugnis, ein politisches Erinnerungswerk. Denn der vorliegende Text wird mit tatsächlichen Dokumenten belegt, d.h. vertieft.
Trojanow recherchierte und erkundete 15 Jahre lang die Geschichte seiner Herkunft und die von Bulgarien. Sein Dokumentarfilm: „Vorwärts und nie vergessen! Ballade über bulgarische Helden“ (Quelle: ZDF und YouTube) ist eine Auseinandersetzung mit 45 Jahren kommunistischer Diktatur. Seine Helden sind ehemalige Häftlinge. Er begleitet diese zu ihren ehemaligen Kerkern und lässt sie von ihren Leiden und Folterungen erzählen.
Dieser Film ist das Fundament des Romans „Macht und Widerstand“, denn wenn man die Gespräche im Film sieht, findet man vieles im Roman wieder.

Der Roman erzählt die erschütternde Geschichte von Konstantin, der sein Leben lang Widerstand leistet und von dem zynischen und korrupten Metodi, der es als Karrierist bis in die obersten Ränge der Macht schafft.
Trojanow lässt beide abwechselnd ihren Weg ab den 50er-Jahren erzählen. Konstantin wurde als Jugendlicher als Anarchist und Antikommunist verurteilt. Er verbringt viele Jahre in Haft. Metodi, ein Kommunist der ersten Stunde, und Konstantin sind zwei Kontrahenten, die sich seit ihrer Kindheit immer wieder über den Weg laufen.
Bei der Suche nach demjenigen, der ihn verraten haben könnte, stößt Konstantin auf Metodi. Seine akribische und hartnäckige Recherche ruft Erinnerungen an seine Verhöre und Folterungen wach – auch an jene aus seinem engen Umkreis. In ihm ist eine Wut auf die alten Politiker und Machthaber, die auch nach 1989 einfach weiter machen konnten.
Metodi verkörpert diese Laufbahn und erzählt rückblickend seine Geschichte, die durch Brutalität, Arglosigkeit und Verachtung gefärbt ist. Seine persönliche Situation gerät durch das Auftreten von Nezabrawka ins Wanken. Sie behauptet seine Tochter zu sein. Metodi habe ihre Mutter im Arbeitslager vergewaltigt…

Der Roman liest sich spannend und schließt viele Bildungslücken. Einige Figuren bleiben etwas blaß, aber gerade dadurch bekommen die wichtigen Charaktere eine Tiefe, um das ganze Ausmaß ihrer Geschichte zu verdeutlichen.

Ein sprachlich gewaltiger Roman, der zwischen wörtlich wiedergegebenen Stasi-Akten und erfundenen Passagen wechselt. Teilweise klingt satirischer Humor durch und beizeiten wird Trojanow sogar sarkastisch. Er zitiert Dokumente und entwirft in kurzen Kapiteln ein ganzes Panorama zwischen den Jahren 1950 und 2000. Die Jahreszeiten sind es selber, die er anhand der Kapitelüberschriften erzählen lässt („1999 erzählt“ etc.). Die untergegliederten Kapitel sind jeweils nach den Ich-Erzähler-Stimmen von Konstantin oder Metodi benannt.

Ein wichtiger Roman, der es bereits auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hat.

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Feridun Zaimoglu: „Siebentürmeviertel“   

Kiwi Siebentürmeviertel

Ein sprachgewaltiges Epos von unserem Nachbarn. Feridun Zaimoglu und wir leben im gleichen Stadtteil in Kiel. Ab und zu laufen wir uns über den Weg. Er grüßt auch stets herzlich zurück, wobei er uns wohl gar nicht kennt…

Er hat seine Lieblingsstadt Kiel literarisch verlassen und ist in die Vergangenheit nach Istanbul gereist. Sein Roman spielt im Siebentürmeviertel, wo laut den Kieler Nachrichten sein Vater groß geworden ist. Dieses Viertel mit den byzantinischen Mauern ist Unesco-Weltkulturerbe. Ein Roman über die Familie, Zugehörigkeit und Fremdsein.

Während des zweiten Weltkrieges haben Exilanten aus Deutschland in der Türkei eine Wahlheimat gefunden. Wolf, der Ich-Erzähler, flieht mit seinem Vater aus Deutschland nach Istanbul. Von seinen türkischen Freunden wird er auch Hitler-Sohn oder Arier genannt. Er taucht ein in eine archaische Welt, die im Wandel ist und wächst in einem Ort auf, in dem sich Ethnien und Religionen begegnen. Sie finden sich im Siebentürmeviertel wieder, in der Familie von Abdullah Bey, einem ehemaligen Arbeitskollegen seines Vaters.

Sein Vater, der vor der Gestapo fliehen musste, lässt später auch Wolf zurück in der Familie von Abdulllah, dem türkischen Patriarchen, der durch den Verlust eines eigenen Kindes Wolf als Ziehsohn aufzieht. Die vorübergehende Maßnahme wird zu einer Dauerlösung und Wolf muß sich zurechtfinden und behaupten. Er wächst in dieser fremden Welt auf, besucht die Schule und erobert sich die Stellung unter den Jugendlichen des Viertels.
Wir begegnen Heimatlosen und heimisch gewordenen: Armeniern, Tschetschenen, Griechen und Kurden, die das Viertel beleben.

Mit großer Fabulierkunst und großen Bildern entwirft Zaimoglu einen tiefgründigen, aber kurzweiligen 800-Seiten starken Roman, der seine Spannung erhält, als Wolf begreift, welches Spiel wirklich um ihn gespielt wird und sich die wahre Rolle seines Ziehvaters offenbart.

Beim Lesen taucht man ein in diese fremde Welt, die Zaimoglu anhand der Erzählungen seines Vaters so farbenfroh beschreiben konnte. Mal eine ganz andere Sichtweise: Ein Junge, dessen Vater sich bei den Nazis unbeliebt gemacht hat, strandet mit diesem in Istanbul.

Ein wunderbar geschriebener, umfangreicher Roman, der klug unterhält. Ein leidenschaftlicher historischer Roman.

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Alban Nikolai Herbst: „Traumschiff“

mare Traumschiff

Eine Reise mit dem Traumschiff zum Zauberberg?

Ist die letzte Reise lediglich ein Traum? Das „Traumschiff“ ist ein Bild eines Schiffes, das von Charon gesteuert wird und den Übergang vom Leben in den Tod bedeutet.

Ein Kreuzfahrschiff als Symbol der letzten Reise. Dies ist das zentrale Bild des tiefgründigen Romans von Alban Nikolai Herbst. Vieles offenbart sich dem Leser erst viel später im Text, manches nur anhand vorbeischwimmender Bilder.

Wir lesen aus der Perspektive von Gregor Lanmeister, der seinen Monolog auf Kladden festhält, die er als eine Art Abschiedsbrief an Kateryna verfasst. Er wankt über Deck als ein stiller Gast, der gerne barfuß und lediglich im Bademantel bekleidet die Flure und die Decks aufsucht. Die Handlung beginnt als Monsieur Bayoun verstirbt und das Schiff verlässt. Dieser war sein Freund und Lehrmeister. Von ihm hat er auch das Mahjong, ein altes chinesisches Spiel, das übersetzt so viel wie „Sperlingspiel“ heißt. Das Spiel besteht aus 144 Spielsteinen. Dies steht auch in Bezug zu den Gästen des „Traumschiffs“, denn trotz der meist 400 Fahrgäste, sind es 144 Auserwählte, die das „Bewusstsein“ erlangt haben. Gregor ist einer dieser „erleuchteten“. Er weiß, wie alle diese 144, dass sie das Schiff nicht mehr lebend verlassen werden. Sie bleiben, um zu gehen…

Die Traumwelt öffnet sich dem Leser langsam. Man beginnt zu stutzen, als Gregor sich aufregt, dass das Bordpersonal stets Zimmer anstelle von Kabine sagt. Tatjana, die Kellnerin ist stets besorgt um ihn und gibt den anderen kleine Winks, damit er immer genügend zu trinken hat. Ebenfalls unterstützt sie ihn auch beim Essen und schaut, dass er genügend zu sich nimmt. Das Traumschiff verwandelt sich immer mehr in seine letzte Fluchtphantasie, die von erträumten Wolken, Delphinen und Mantas, die auch gerne in den Lüften schwimmen, umspielt werden.

Gregor ist ein humorvoller, stiller und sehr genauer Beobachter. Sein körperlicher Abbau schreitet dennoch voran. Er ist aber stets wachsam und versucht geistig klar zu bleiben. Es ist seine Phantasie, die ihn erleuchtet. Er lebt in seiner Welt, dem Traumschiff. Hier ist vieles möglich und anders. Er schwimmt durch ein Meer der Illusionen und wird von weiteren ausgewählten der 144 Menschen begleitet, die wir als Leser somit auch besser kennenlernen dürfen. Seine Phantasie lässt ihn auch auf den Wellen tanzende Feen erscheinen, die ihn Sirenen gleich heranwinken.

Gregors Bewusstsein ist ganz auf den Augenblick fixiert. Ein Hier und Jetzt erlebt er aber als Traum, denn das Schiffsleben ist seine Sehnsucht nach bewusstem Leben. Er reist anhand der Koordinaten aus der Realität.

Ein Roman, der einige Längen hat, aber die hatte jener „Zauberberg“ wohl auch und ist durch diesen Vergleich auch schon wieder gerettet. Ein Buch voller Wunder und Schönheit über die Kraft der Phantasie und den Wunsch nach einem würdevollen Ende.

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Jocelyne Saucier: „Ein Leben mehr“

Insel Verlag Leben mehr

Ein Buch über die Menschlichkeit, Natur und Freiheit. Ein beseelter Roman über den Wunsch eines natürlichen und selbstbestimmten Lebens.

„Man ist frei, wenn man sich aussuchen kann, wie man lebt“
„Und wie man stirbt.“

Es sind drei alte Männer, Tom, Charlie und Theodore, die sich in die nordkanadischen Wälder zurückgezogen haben. Drei Männer, die die Freiheit lieben und ihren Lebensabend selbstbestimmt verbringen wollen. Alle haben eine kleine Dose mit Gift für den Moment, wenn ein eigenständiges Überleben in der Wildnis nicht mehr möglich sein sollte.
Ihre Hütten stehen für sich, jeweils in einer Lichtung, aber nur wenige Gehminuten voneinander entfernt, damit sie sich stets schnell aufsuchen können. Die Dinge, die sie nicht in der Natur finden, werden ihnen von Bruno, einem jungen Mann aus dem Dorf gebracht. Ihren Lebensunterhalt finanzieren sie sich durch ihre Hanfplantage, von deren Ernte sie sich ab und zu auch selbst gerne etwas gönnen.

Die gemächliche Einsiedelei, die die Männer mit jagen, angeln und Whiskey-geschwängerten Gesprächen füllen, wird eines Tages unterbrochen und viel komplizierter als erahnt.
Aber wiedermal ist es die Liebe, die das Leben sucht und bereichert.
Als eines Tages eine namenlose Fotografin Charlies Lichtung betritt wird das Männerdasein durcheinandergewürfelt. Sie sucht nach den letzten Überlebenden der großen Brände und möchte einen gewissen Boychuck ausfindig machen. Tad, Ed oder Theodore Boychuck geistert durch alle Geschichten, die sich die Überlebenden erzählen. Er ist eine Legende, denn er hat die Brände als Kind überlebt und pilgerte damals alleine und verstört durch die betroffenen Länder. Dabei ist ihm seine große Liebe begegnet. Gleich doppelt, denn es sind Zwillinge, die sich damals mit einem Floß zu retten versuchten.

Jahre später lebt er nun mit Tom und Charlie im Wald. Doch als die Fotografin eintrifft, schweigt er für immer, denn er ist vor wenigen Tagen an Altersschwäche verstorben. Er, der Schweigsame, hatte immer gemalt und in seinen Bildern seine Geschichte erzählt. Doch erkennt dies erst eine weitere Frau, die in diese Einsamkeit eintritt. Marie-Desneige, eine zierliche, eigensinnige Dame, die im hohen Alter einem psychiatrischen Heim mit Hilfe ihres Verwandten, Bruno, entkommen konnte. Die Fotografin und die mystische alte Dame bleiben und alle Beteiligten finden neben ihren bisherigen Leben, ein Leben mehr…

Ein wundervoller Roman über Liebe, Getriebenheit, Schmerz, Wildnis und Erlösung durch die Kunst. Eine Geschichte voller Leben, die lange im Leser nachklingt. Dies ist der vierte Roman von Jocelyne Saucier, aber der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde. Ein internationaler Erfolg, der bereits verfilmt wird. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

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Luigi Trucillo: „Die Geometrie der Liebe“

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Ein Buch, das wie ein Liebesroman beginnt, dann aber eher die Abgründe zwischen den Liebenden aufzeigt. Es sind selbstgemachte Probleme, die meist in der Kommunikation liegen.
Ein kunstvoller, tiefgründiger Roman, der durch die fragile Geschichte stets einen melancholischen Klang einnimmt.
Die Handlung wird von einem Ich-Erzähler als eine Art Gespräch erzählt, das sich im angesprochenen „Du“ an die Hauptfigur in diesem Roman wendet oder direkt an den Leser.

Während einer Schiffspassage von Italien nach Griechenland lernen sich ein Mann und eine Frau kennen. Sie verlieben sich und erleben eine leidenschaftliche Zeit auf den griechischen Inseln.
Doch endet mit dem gemeinsamen Urlaub auch diese Harmonie. Es beginnt ein Wechselspiel zwischen lieben, verlassen werden, empfundenem Wehleid, Versöhnung und erneuter Trennung.
Sie arbeitet als Sinologin und er ist Archivar für einen Zeitungsverlag. Dies ist auch als Bild zu verstehen, denn ihre Beziehungsprobleme ergeben sich aus mangelnder und falsch verstandener Kommunikation. Diese Probleme erweitern beide durch ihre gespielten Tests, die die Verbindlichkeit und die Ernsthaftigkeit der Liebe beweisen sollen.

Da er Vater aus einer vorherigen Ehe ist, möchte er noch nicht ein gemeinsames Wohnen planen. Er möchte seine Tochter ungern zu früh mit einer neuen Frau konfrontieren. Sie sehnt sich aber nach seiner täglichen Nähe. Beide haben andere Erwartungen und es wächst eine Disharmonie in ihrer Liebe, die immer stärker wird und in beständigem Misstrauen endet. Durch einen Kollegen findet er ein Bild von einem Raubüberfall und bei den Umstehenden meint er sie auszumachen. Als auch noch ihre Mutter sich telefonisch bei ihm meldet und ihre Geschichte sich immer mehr in Widersprüche verstrickt, will er wie besessen die Wahrheit herausfinden. Er hat Angst sie zu verlieren, befürchtet aber, daß sie ihn betrügt und es beginnt ein psychologisches Spiel.

Da er sich verletzt fühlt und ihr nicht mehr traut, beginnt er eine Affäre, wiedermal auf den griechischen Inseln mit einer Krankenschwester, die als einzige in diesem Roman namentlich auftaucht. Sie hat einen Namen, da sie sich als einzige gänzlich zeigt, ohne sich in Geschichten zu verstecken. Sie ist authentisch und steht zu sich und ihrem Umfeld. Doch geht er diese kurze Beziehung nur aus verletztem Stolz ein und da er dies zum Glück erkennt, kehrt er zurück nach Italien und das Spiel beginnt von vorn… und die Welt gerät immer mehr aus den Fugen und die Disharmonie erklingt immer lauter…

Ein sprachlich sehr schön geschriebener Roman, der sehr dicht über eine Liebe erzählt, die nicht funktionieren kann, da die Basis fehlt, das Vertrauen und die bedingungslose Liebe. Eine sehr fein ausgearbeitete Beobachtung zweier moderner Menschen, die sich ihre eigenen Probleme bauen und durch Misstrauen in diesen selbst verfangen.

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Karl Wolfgang Flender: „Greenwash Inc.“

Dumont Green Wash Inc.

Sie haben ein Unternehmen, das nicht ökologisch oder sozial korrekt agiert und möchten dennoch einen gewissenhaften Werbeauftritt, ein Zertifikat oder ein Gütesiegel?
Alles kein Problem, die PR-Agentur Mars & Jung verkauft die passenden Geschichten und Lügen.

Wir alle möchten doch ein gutes Gewissen haben und die Freude am Konsum soll trotzdem erhalten bleiben.
Alles ist Inszenierung, selbst der Protagonist, der sich stets gerne mit Markenbrille in Pose setzt und Selfies von sich an seine Kontakte oder Freundin sendet.

Der Roman handelt von Thomas Hessel, der Karriere in der Marketing-Branche macht. Er ist ein Zyniker, der eine Scheinwelt aufrecht hält, an die wir wohl alle glauben möchten.
Er denkt sich für seine Auftraggeber passende Geschichten aus und inszeniert diese „Hope Stories“ und lässt damit die Abgründe der tatsächlichen Produktionen verschwinden.

Die Handlung beginnt mit einer Reise nach Brasilien, denn dort soll ein Pressetreffen mit der Landbevölkerung stattfinden. Thomas Hessel, der dieses Treffen arrangiert und geplant hat, ist auf dem Weg in den Urwald. Der Weg geht durch abgezäunte Krombacher-Schutzgebiete in ein Dorf, in dem eine Schauspielerin die Rolle der geförderten Bäuerin übernehmen soll. In dieser Anfangsszene zeigen sich bereits die Eigenschaften von Thomas Hessel, der selbst vor einem Waldbrand nicht zurückschreckt, damit die Medien passende Filme und Bilder bekommen, die sich schnell via Internet verbreiten. Denn selbstgedrehte, wackelige Handyfilme sind werbewirksamer als jeder hochglanzpolierte Werbefilm.

Thomas Hessel macht Karriere, denn sein Film, der die Frau zeigt, die in die einfache Behausung stürmt, weil sie dort ihr Baby vor den Flammenmeer retten will, hat unglaublich viele Klicks und die Auftraggeber sind begeistert, denn die Medien stürzen sich auf diese Berichtserstattung, die ihr Unternehmen glaubwürdig erscheinen lässt.

Thomas Hessel bekommt eine mediale Macht und diese lässt ihn immer zynischer werden. Er setzt unter anderem Zeitungen unter Druck, weil er seinen Kunden sonst rät, die Anzeige dort nicht mehr zu schalten. Er will um jeden Preis dazugehören.
Er betreut nun Firmen mit problematischem Portfolio und sein Job besteht darin, diese Firmen „Grün zu waschen“.
Er ist ein Anti-Held, der Rennrad fährt, weil es schick ist, Maßhemden trägt und seine Umwelt arrogant beobachtet und belächelt. Doch beginnt er auch langsam an dem System zu kränkeln, denn er muß Tabletten einnehmen und spürt, dass ihn doch einiges überfordert. Er wird im Laufe der Geschichte geläutert und auf dem Boden der Realität aufschlagen. Aber am Ende wird er wieder das machen, was er am besten kann…

Der Roman zeigt uns die hoffentlich überspitzten Machenschaften und fragwürdigen Methoden der PR-Branche, die ihr Geld mit Lügen verdient, die wir wohl alle glauben wollen. Denn wir alle möchten uns besser fühlen – gesünder und moralisch möchten wir auf der richtigen Seite stehen.
Der Roman zeigt kompromisslos die Schattenseiten und erzählt relativ temporeich eine spannende Geschichte über einen Protagonisten, den man nicht als Freund haben möchte.
Ein zynisches Buch, das mir beim Lesen Spaß gemacht hat. Ein wohl treffender, schwarzer Bericht aus der Medien- und Marketingwelt.

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Jackie Thomae: „Momente der Klarheit“  

Hanser Berlun Momente der Klarheit Thomae

„Du gehörst zu den wenigen Menschen, die wirklich für die große Liebe sterben würden. Pass auf dich auf.“

Das Buch handelt von Menschen denen die Liebe abhandenkommt, dem bewussten Empfinden, in dem die Liebe beginnt… oder endet.

Der Umschlag des Buches zeigt skizzenhafte Menschen, die alleine oder als Paar in verschiedene Richtungen gehen. Einige sind lediglich Umrisse, die farblos und leer sind, während andere dem Bild etwas Farbe schenken.
Eins haben die Menschen aber gemeinsam, sie werfen oder haben einen Schatten. Doch scheint jeder eine andere Lichtquelle zu haben. Die Schatten zeigen selten in eine Richtung und haben nie die gleiche Länge, Stärke oder sogar Farbe. Jeder Mensch oder jedes Paar geht in seinem eigenen Universum.

Der Umschlag spiegelt also bereits den Inhalt.
In einer klaren, ungeschönten, aber literarischen Sprache wird über Menschen erzählt, die das Glück verlässt aber dennoch – und das ist wohl sehr menschlich – weiter an das Glück glauben.
Die Handlung ist eine unromantische Komödie, bei der man sich ab und zu erwischt, daß man einige Zeilen wiederholt liest, um in der Tragik den versteckten Witz, der sich unbewusst beim ersten Lesen nicht ganz gezeigt hatte, zu vertiefen.

Der Roman beginnt in der Du-Form. Man wird als Leser am Anfang direkt angesprochen und in die Handlung integriert. Der Erzähler zeigt mit einem moralischen Zeigefinger auf uns und konfrontiert uns.
Es beginnt auf einem Flughafen und der gemeinsame Urlaub, der Klärung versprach, war wohl doch nicht die erhoffte Erholung. Die erste Szene liest sich befremdlich, ist aber süchtig machend. Denn es ist der Humor der Autorin, die tolle Beobachtungsgabe und die Darstellung der grotesken Gefühlswahrnehmungen, die einen als Leser fesseln.

Nach dieser Flughafenszene lernen wir die Personen immer besser kennen, die die Autorin in ihrem Debüt ziemlich genau und sehr liebevoll mit Worten zeichnet. Alle sind in festen oder lockeren Bekanntschaften miteinander verbunden.
Im ersten Kapitel zeigt sich bereits die Verletzlichkeit, denn zumindest seelisch verletzt sind sie alle. Auf einer Party, die wohl jeder kennt, in der man gleich einem Discobesuch selber mit einem Bier in der Hand die anderen Gäste oder Tanzenden beobachtet und sich im Stillen fragt, warum man eigentlich dort ist. Jedenfalls verlässt Engelhardt diese Party nicht ganz gewöhnlich, denn er springt einfach vom Balkon und landet im Krankenhaus.
Im zweiten Kapitel befinden wir uns dann auch in so einer Disco, in der Bender versucht die Tanzfläche zu überqueren und sich seines Alters bewusst wird. Der Blick auf die Tanzfläche wird zum unromantischen Schauen, wie ein doch eher romantischer Blick über das Meer.

So lernen wir immer mehr diese Großstadtmenschen kennen, die rastlos sind, obwohl sie es gut haben könnten.
Denn es geht ihnen eigentlich auch sehr gut, würde nicht etwas fehlen oder verloren gegangen sein.
Menschen, die getrieben sind, verletzt oder verletzend sind. Männer, die einfach verschwinden, wahrscheinlich sogar für immer. Frauen, die durch den Anwalt mitgeteilt bekommen, daß sie nun wieder Single sind. Menschen, die sich mittelmäßig finden, aber originellen Sex haben oder per Alkoholentzug ihr wahres, wenn nicht sogar höheres Ich finden.

Das Schöne an diesem Debütroman sind die klugen, unglaublich schönen und witzigen Sätze.
In der Trauer liegt etwas Tröstliches und die Figuren denken positiv an die Zukunft und an das Glück und lassen sich davon nicht abbringen…

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